Lieber Crauss, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
es gibt zwei unterschiedliche rhythmen. wenn ich keine anderen termine habe, frühstücke ich um neun bei kaffee, social media und evtl. einer kurzen lektüre. danach beantworte ich mails, räume meinen schreibtisch auf und plane projekte wie lesungen und schreibworkshops. ein- oder zweimal die woche kommt ein praktikant, der mir beim sortieren meiner bibliothek hilft, programme für vorträge zusammenstellt oder lesungsmitschnitte zurechtschneidet.
am frühen nachmittag gibt’s eine kurze schlafpause, danach beginnt die dichterische arbeit. im augenblick schreibe ich einen text zu einem gemeinschaftsprojekt mit einer siegener bildkünstlerin und einem amerikanischen filmausstatter; es geht um die art und weise, wie wir mit unseren körpern geschichten erzählen.
bis zum nachmittag habe ich meist nur eine schnitte brot und einen apfel gegessen und mich ansonsten von ganz unterschiedlicher musik ernährt.
wenn ich unterricht habe – ich mache kreative schuljahresworkshops in verschiedenen lernanstalten und gebe orientierungsunterricht in der sozialen wiedereingliederung – bin ich früher auf den beinen, radle im zwei- oder dreistunden-rhythmus zwischen den verschiedenen brotjobs hin und her und brauche danach umso eher einen kleinen mittagsschlaf zum rebooten.
abends geht die kreative arbeit weiter, geht über in unterrichtsvorbereitung für den nächsten tag oder ins serie schauen, freunde treffen und liebe machen …
Crauss_Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
wir müssen froh sein, dass es trotz vieler einschränkungen noch und wieder möglich ist, fremde, freunde und kollegen von angesicht zu angesicht zu treffen. die direkte menschliche begegnung treibt uns an, ein kurzes, ehrliches lächeln kann einen ganzen tag retten.
wir dürfen nicht verlernen, wie man sich in den arm nimmt.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur, der Kunst an sich zu?
nach der krise ist vor der krise. wir brauchen mut! mut, dinge auszuprobieren, um die zukunft lebenswert zu gestalten. wenn ich es schaffe, vom auto aufs lastenrad umzusteigen, schafft es mein nachbar vielleicht auch. wenn luxemburg es schafft, den öpnv für die einwohner kostenlos zu halten, schafft es hamburg vielleicht erst recht.
kleine schritte, die man aber gehen muss. die literatur kann kein gesetz verabschieden, aber impulse geben, kann phantasieren und durch übertreibung möglichkeiten aufscheinen lassen, die wir sonst vielleicht übersehen hätten. kunst ist immer eine lupe.
Was liest Du derzeit?
mit grosser bewunderung lese ich Mario Osterlands final image (parasitenpresse), kurze poetische einlassungen zu den letzten photographien berühmter menschen. daneben gedichtbände von Karl Krolow (Unsichtbare Hände, Suhrkamp) und Guy Helminger (Die Tagebücher der Tannen, Edition Rugerup) sowie Glitter, die „Gala der Literaturzeitschriften“
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„die farbe, die die alten griechen dem meer gaben, war GRÜN. blau in das meer zu mischen, ist eine neue erfindung.“ (Abdelkader Benali)
Vielen Dank für das Interview lieber Crauss, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Crauss, Schriftsteller
Foto_(c)-marvellous
26.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Carsten, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich wache meist sehr früh auf und setze mich dann spätestens um 4.30 Uhr morgens an den Schreitisch. Das b esse ich zum Frühstück, trinke Kaffee und bleibe bis zum Mittag dort sitzen, um mein Interesse zwischen -net, Büchern und Manuskripten wandern zu lassen. Das geht dann bis circa 18.00 so weiter bis ich von Grunz auf beleidigt (Grundsicherung), den Fluchtweg vom Briefkasten zum TV antrete. Meist ist nix drin. Da mache ich lieber zwei Zeichnungen und prüfe mit einem Handgriff den strammen Sitz der sechs Saiten auf der Telecaster. Zwischendurch Telefonate, Supermärkte, Straßen, Schulterblatt, PflegerInnen, Tabletten, Fitnesscenter, Maskenwechsel, Schanze, Taxifahrten, Arztbesuche, Online-Einkäufe. Später gemütliches Absacken zwischen Abs-inth-ackern und *Innen. Nach außen hin nimmt’s eher ab. Jedenfalls gerade in der an- und abschwellenden Pandemie. Hin und wieder gibt’s auch Mal eine Lesung für zwei bis drei Personen.
Carsten Klook, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Einzusehen, dass wir alle sehr verletzbar sind und wie schnell wir am seidenen Faden hängen können. Und trotzdem dabei stark zu bleiben und zu tun, was noch möglich ist.
Und zwar nicht wegen verhängter Corona-Maßnahmen, sondern aus Trotz und Gegenwehr zu den Versprechen, die nach einer Wahl von den Parteien schnell vergessen sind. Es geht eben in erster Linie doch immer nur ums Geld, dass das Motiv für Handlungen abgibt. Wichtig ist, an diesem Trauerspiel nicht zu verzweifeln und die Lust am Leben nicht zu verlieren. Denn Lust ist wunderbar. Schöner als Geld und dessen Mangel.
Und also: Freedom of speech! Der Kampf um Meinungsfreiheit beginnt aber nicht erst dort, wo sie eindeutig verboten ist. Sondern bereits hier direkt bei uns in den Medien und Verlagen, in die man nicht wirklich ganz hineinkommt, weil diese mit der funktionalisierten Meinung und der Form, in die diese gegossen ist und geäußert wird, auch wieder in erster Linie Geld verdienen wollen. Selbst das Setting, das in einem Text aufgeschlagen wird, kann insofern verboten werden, weil es bei Nichtverlegen zum Ausschluss an der Teilnahme vom Markt führt. Nicht nur jede Themenwahl, jedes (Satz-)Zeichen ist politisch und kann als zu prekär oder zu intellektuell und somit für den Konsum als unbrauchbar deklariert werden – von denen, die die Produktionsmittel besitzen oder im Namen derer glauben, handeln zu müssen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Kunst kann die Sensitivität des Menschen fördern und ihn sich seiner selbst gewahr werden lassen. Und das sein, wonach wir uns die ganze Zeit gesehnt haben: ein Bart in der Menge. Nur nicht der des Profit-Propheten.
Kunst kann aber auch der Schmelz sein, der unseren inneren Seehund ins Eis zieht und ihn dort fast zum Ertrinken bringt. Kunst kann alles. Daher darf man ihr nicht den Spaß verderben.
Was liest Du derzeit?
Die Stäbchen zwischen den Fragen. Kurz zuvor: die Codenummer auf dem 2 Euro-Verbilligungs-Bon für den erneuten Burgerkauf vom Burgergeld. Wenn ich nicht an meiner AUTOBIOGORAPHOBIE und meinem entstehenden Poesie-Band REGELWIDRIGIDE TAGESSÄTZE arbeite, lese ich „Blank Generation“, die stellenweise erstaunlich literartistische Autobio von Richard Hell, dem miesen Bassisten und energischen Sänger aus der Frühphase der CBGB-Punkszene Mitte der Siebziger in New York. Zudem stöbere ich im neuen Roman „Null“ von Gine Cornelia Pedersen und schlage, was auf den Tisch kommt und dann unter den Nägeln unweit der Lebenslinie im Handteller brennt: Francis Ponge – „Der Tisch“. Mein Spielfeld eben. Dazu höre ich immer wieder rein in „Finn’s Hotel“ von James Joyce auf CD und taste mich langsam durch die artifiziell geschachtelten, recht vertrackten Geschichten mit extremer Wortspiel-Dichte.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
a) „Sein Binsenweisheitszahn lockerte sich proportional zu seinen fester werdenden Überzeugungen.“ b) „Wie sag‘ ich’s meinem Unterbewusstsein?“ c) „As the veneer of democrazy starts to fade“ (Mark Stewart & The Maffia) d) Genugtuung durch Wahrheit!
Carsten Klook bis auf c)
Vielen Dank für das Interview lieber Carsten, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Yongbo, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
06.00 Uhr Aufstehen
09.00 Uhr Fahrt zum Atelier. Im abklingenden Berufsverkehr sind die Schnellbahnen des ÖPNV der Ort eines kontemplativen Kreativitätsangebotes. Zwischen den Stationen warten all die Ideen, die sich ganz wunderbar auf einem Blatt skizzieren lassen.
10.00 Uhr Ankunft im städtischen Atelierhaus in der Domagkstrasse 10.00 Uhr bis 12.00 Uhr Warmmalen mit Übungen zur Verbesserung der Pinselhaltung
12.00 Uhr bis 14.00 Uhr Erholungsschlaf im Atelier
14.00 Uhr bis 18.00 Uhr Arbeit an Bildern
18.00 Uhr bis 19.00 Uhr Sport, Tischtennis
Ab 19.00 Uhr je nach Auftragslage fortführen der Arbeit an Projekten
Yongbo Zhao, Künstler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Besonders wichtig, und ich glaube, das gilt wirklich für jeden, ist das Nachdenken über Globalisierung.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Kunst ist ein Forschen und Nachdenken über Gesellschaft, Systeme, Religion und Globalisierung, ohne sich eingrenzen zu lassen.
Was liest Du derzeit?
Keine Bücher oder Zeitungen. Denn die Augen sind bei den Bildern und arbeiten, während die Ohren die Nachrichten, Radiofeatures oder Podcasts hören.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Lebe dein Leben nie ohne ein Lachen, denn es gibt Menschen, die von deinem Lachen leben.
Vielen Dank für das Interview lieber Yongbo, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!