„literatur kann impulse geben“ Crauss, Schriftsteller_Siegen/D 28.4.2022

Lieber Crauss, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

es gibt zwei unterschiedliche rhythmen. wenn ich keine anderen termine habe, frühstücke ich um neun bei kaffee, social media und evtl. einer kurzen lektüre. danach beantworte ich mails, räume meinen schreibtisch auf und plane projekte wie lesungen und schreibworkshops. ein- oder zweimal die woche kommt ein praktikant, der mir beim sortieren meiner bibliothek hilft, programme für vorträge zusammenstellt oder lesungsmitschnitte zurechtschneidet.

am frühen nachmittag gibt’s eine kurze schlafpause, danach beginnt die dichterische arbeit. im augenblick schreibe ich einen text zu einem gemeinschaftsprojekt mit einer siegener bildkünstlerin und einem amerikanischen filmausstatter; es geht um die art und weise, wie wir mit unseren körpern geschichten erzählen.

bis zum nachmittag habe ich meist nur eine schnitte brot und einen apfel gegessen und mich ansonsten von ganz unterschiedlicher musik ernährt.

wenn ich unterricht habe – ich mache kreative schuljahresworkshops in verschiedenen lernanstalten und gebe orientierungsunterricht in der sozialen wiedereingliederung – bin ich früher auf den beinen, radle im zwei- oder dreistunden-rhythmus zwischen den verschiedenen brotjobs hin und her und brauche danach umso eher einen kleinen mittagsschlaf zum rebooten.

abends geht die kreative arbeit weiter, geht über in unterrichtsvorbereitung für den nächsten tag oder ins serie schauen, freunde treffen und liebe machen …

Crauss_Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

wir müssen froh sein, dass es trotz vieler einschränkungen noch und wieder möglich ist, fremde, freunde und kollegen von angesicht zu angesicht zu treffen. die direkte menschliche begegnung treibt uns an, ein kurzes, ehrliches lächeln kann einen ganzen tag retten.

wir dürfen nicht verlernen, wie man sich in den arm nimmt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur, der Kunst an sich zu?

nach der krise ist vor der krise. wir brauchen mut! mut, dinge auszuprobieren, um die zukunft lebenswert zu gestalten. wenn ich es schaffe, vom auto aufs lastenrad umzusteigen, schafft es mein nachbar vielleicht auch. wenn luxemburg es schafft, den öpnv für die einwohner kostenlos zu halten, schafft es hamburg vielleicht erst recht.

kleine schritte, die man aber gehen muss. die literatur kann kein gesetz verabschieden, aber impulse geben, kann phantasieren und durch übertreibung möglichkeiten aufscheinen lassen, die wir sonst vielleicht übersehen hätten. kunst ist immer eine lupe.

Was liest Du derzeit?

mit grosser bewunderung lese ich Mario Osterlands final image (parasitenpresse), kurze poetische einlassungen zu den letzten photographien berühmter menschen. daneben gedichtbände von Karl Krolow (Unsichtbare Hände, Suhrkamp) und Guy Helminger (Die Tagebücher der Tannen, Edition Rugerup) sowie Glitter, die „Gala der Literaturzeitschriften“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„die farbe, die die alten griechen dem meer gaben, war GRÜN. blau in das meer zu mischen, ist eine neue erfindung.“ (Abdelkader Benali)

Vielen Dank für das Interview lieber Crauss, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Crauss, Schriftsteller

Foto_(c)-marvellous

26.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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