„Ingeborg Bachmann ist ihren Weg in Schwerelosigkeit und Intuition gegangen“ Ulrike Schrimpf, Schriftstellerin _ Station bei Malina _ Wien 13.7.2022

Ulrike Schrimpf, Schriftstellerin _
reenacting Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann

Liebe Ulrike, wie siehst, erlebst Du unser so dramatisches Zeitgeschehen derzeit?

Das tägliche Leben: ein Balance-Akt zwischen dem Anspruch und der Notwendigkeit, die Sinne und das Gehirn offen und empfänglich zu halten und dem Bedürfnis, der Notwendigkeit, auch zu filtern und zu verdrängen, mit einem Ziel: nicht am Weltgeschehen zu ersticken, sondern so hilfreich und sinnvoll wie möglich zu handeln, auch im Kleinen, in der Familie, in freundschaftlichen, kollegialen und professionellen Kontexten.

Was bedeutet diese Situation im Moment für Dich als Schriftstellerin? Gibt es unmittelbare Auswirkungen? Gibt es Projekte der literarischen Bearbeitung des zeitgeschichtlichen Stoffes?

Ich komme ursprünglich aus einer politischen Familie, bin aber selbst leider kein besonders politischer Mensch. Politik ist für mich – wenn sie mit dem redlichen und ehrlichen Anspruch reflektiert und praktiziert wird, mittels ihrer allen Menschen und ihrer Umwelt ein gutes Leben zu ermöglichen – eine ungeheuer wichtige, aber komplizierte Angelegenheit, und ich ziehe meinen Hut vor allen Menschen, die sich ihr wahrhaftig widmen. Ich verwende für mein Gefühl zu wenig Zeit auf politische und wirtschaftliche Themen, lese zu wenig Zeitung, sehe zu wenige Diskussionsrunden etc., um mich fundiert äußern zu können. Wenn ich einmal freie Zeit habe, lese ich lieber Literatur als die Tagespresse. Ich habe und hatte auch noch nie das Bedürfnis, bewusst bzw. betont politische Kunst zu machen. Kunst ist aus meiner Sicht vor allem frei und unabhängig und soll und muss es auch bleiben: losgelöst von moralischen Ansprüchen und politischen Einflüssen.

Wir sind hier an einem literarischen Bezugspunkt der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*1926 Klagenfurt *1973 Rom) in Wien. Welche Bezüge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann?

Mannigfaltige. Das ist eine schlichte Tatsache. Ich lese und liebe Ingeborg Bachmanns Texte, seitdem ich eine junge Frau war. Ich habe so ungefähr alles gelesen – nicht immer zu Ende, aber zumindest hineingelesen –, was es von ihr gibt, Gedichte, Erzählungen, Essays, Hörspiele, Libretti, Briefwechsel, „Malina“…, natürlich auch Bücher über sie und ihre Literatur. Ich bewundere Ingeborg Bachmanns Umgang mit Sprache, ihre Klarsicht, ihre Kompromisslosigkeit, ihre Kühnheit, ihre Radikalität. Sie ist ihr Leben lang eigenständig und unabhängig ihren Weg als Künstlerin gegangen, mit einer, so scheint es mir, Schwerelosigkeit und Intuition, die ihresgleichen suchen.

Liegt derzeit ein Buch Ingeborg Bachmann bei Dir am Schreibtisch oder Nachtkästchen?

Ich habe das Projekt mit dir, Walter, zum Anlass genommen, um endlich „Ein Ort für Zufälle“, Ingeborg Bachmanns Dankrede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises, zu lesen. Das ist ein starker expressionistischer Text, in dem viel gebündelte Energie steckt, Wut, Gefühl überhaupt, Mut, Grenzüberschreitung, das mag ich. Außerdem spielt der Text in Berlin und erzählt von meiner Heimatstadt, die ich, obwohl ich mittlerweile gut in Wien angekommen bin, immer noch vermisse. Auch das setzt mich nahe an ihn heran.

Außerdem lese ich im Moment zum ersten Mal seit ungefähr 20 Jahren „Malina“ wieder. Nicht selten geht es mir mit Büchern, die ich als junge Frau fantastisch fand, so, dass ich sie heute nicht mehr ganz so großartig finde, was immer auch eine leichte Enttäuschung ist, eine kleine Wunde. Mit „Malina“ ist es aber überraschenderweise andersherum: Als junge Frau konnte ich so gut wie nichts mit dem Roman anfangen, und heute sagt er mir einiges, auch wenn ich immer noch nicht weiß, ob ich ihn wirklich „gut“ im Sinne von gelungen finde. Aber darum geht es auch gar nicht.

Welche Texte von Ingeborg Bachmann möchtest Du hervorheben und warum?

Ich habe eine Vorliebe für ihre Gedichte und Erzählungen, die mich an zahlreichen Stellen besonders berühren, vor allem aufgrund ihrer oft außergewöhnlichen, ausdrucksstarken, Sprachbilder. Die Begabung Ingeborg Bachmanns war in diesem Bereich gewaltig und gleichzeitig ganz natürlich, so sehe ich das. Und da trifft sie mich im Innersten.

Ingeborg Bachmann nimmt in ihrem umfassenden Werk viele unmittelbare biographische, topographische wie gesellschaftliche Bezugspunkte in Auseinandersetzung wie kritischer Emanzipation auf. Welche Schwerpunkte möchtest Du hervorheben?

Ich gehe beim Lesen und beim Schreiben primär intuitiv vor, nach meinem Gefühl. Mich interessieren nicht vor allem die – intellektuellen – Intentionen von Künstler*innen und ihren Werken, ihre Botschaften, Hintergründe, Anliegen, Vorhaben, sondern ich will von einem Text, einem Kunstwerk, berührt und bewegt werden, auf eine Weise, die ich nicht erklären können muss, die aber dazu führt, dass ich mir Wörter, Sätze, Bilder, Textstellen, Eindrücke merken, sie abschreiben, in mir behalten und bewegen möchte. Ingeborg Bachmanns Literatur ist aus vielerlei Hinsicht bemerkenswert, visionär, kraftvoll. Das haben viele gut und klug beschrieben, dem muss ich nichts hinzufügen. Dennoch ist es für mich zuallererst ihr Umgang mit Sprache, der mich an die Texte fesselt, die sprachlichen Bilder, die Ingeborg Bachmann findet, kreiert und lebendig werden lässt.

Wie wesentlich ist das Benennen und „Zumuten von Wahrheit“ in Leben und Gesellschaft, Geschichte und Gegenwart, in der Literatur für Dich? Welche literarischen Wege gehst Du da?

Ich glaube, Kunst ist immer nur dann wesentlich und bemerkenswert, wenn sie den Betrachter*innen und Rezipierenden Wahrheit zumutet: die Wahrheit ihrer Schöpfer*innen, die Wahrheit eines authentischen Gestusʼ, die Wahrheit einer ehrlichen, offenen Haltung. Dabei bedeutet „Wahrheit“ natürlich nicht „Realität“. Die – künstlerische – Wahrheit, die ich meine, kann auch aus sogenannten Lügen bestehen, aus wahren Lügen: Jede Inszenierung birgt auch Wahrheit in sich, wenn sie nicht primär gemacht, sondern entstanden ist. Diesem Grundsatz versuche ich in meinem Schreiben zu folgen. Manchmal scheitere ich, manchmal gelingt es mir, glaube ich. Es ist nicht leicht, es ist jeden Tag eine neue Herausforderung, aber es ist essenziell, für die Kunst und das Leben. Aus meiner Sicht.

Wie war Dein Weg zum Schreiben?

Ich bin erstmal die Hälfte meines Lebens vor dem Schreiben weggelaufen, weil ich, auch durch das Aufwachsen in einer Akademikerfamilie, viel zu hohe Ansprüche daran hatte, was (m)ein mögliches Schreiben betraf: Wenn ich als Schriftstellerin nicht mindestens so gut, originell, schöpferisch, weltbewegend wäre wie Virginia Woolf, und das natürlich unmittelbar, müsste ich gar nicht erst damit anfangen – jahrzehntelang habe ich das gedacht. Aus heutiger Sicht erscheint mir das idiotisch, zumal ich, immer dann, wenn ich schreiben musste, in der Schule, in Kreativ-Workshops etc. eine Wahnsinnsfreude daran hatte und völlig versunken bin in meinen Texten – ein Geschenk, das mir sonst nur die Schauspielerei, das Theater in meinem Leben gemacht hat. Das allein hätte zählen müssen! Aber so war es leider nicht.

Der Weg über die Kinderliteratur, die ich mit Mitte 30 out of the blue zu schreiben begann – im Grunde, weil mein ältester Sohn mich darum bat – und mit der ich zum Glück sofort eine gewisse Art von Erfolg hatte, war für mich wie eine Art Schleichweg, ein Schlupfwinkel. Ich fühlte mich in dem Bereich freier als in der Erwachsenenliteratur, vermutlich auch, weil ich zu dem Zeitpunkt weniger Bücher für Kinder als für Erwachsene kannte und mich nicht so stark unter Druck gesetzt habe, mit irgendwelchen Erfolgsautor*innen mithalten zu müssen. Ich habe einfach losgeschrieben und dann innerhalb von wenigen Jahren fünf Romane für Kinder bei Aladin veröffentlicht, einem Label des Carlsen-Verlags, bis ich wieder an einem Punkt in meinem Leben angelangt war, an dem ich etwas Neues ausprobieren wollte. Also habe ich mich an das Schreiben meines ersten Romans für Erwachsene gemacht. Der war nicht gut genug und schlummert seitdem als Halbleiche auf der Festplatte meines Computers, aber ich hoffe, dass ich ihn eines Tages wiederbeleben und in verbesserter Form auferstehen lassen kann.

Durch Corona musste ich dann so viel in meinem Brotjob arbeiten – und ich hab ja auch noch drei Söhne, zu meinem großen Glück, mit denen ich mein Leben verbringe –, so dass ich nur noch bruchstückhaft Zeit für das Schreiben fand. Also habe ich vor eineinhalb Jahren mit dem Schreiben von Lyrik begonnen; das kann ich besser zwischendurch in den vollgestapelten Tag schieben, in den frühen Morgen, die späte Nacht oder eine kurze, unverhoffte Mittagspause. Innerhalb kürzester Zeit entstand so mein erster Lyrikband, den ich zusammen mit der deutschen Künstlerin und Schriftstellerin Johanna Hansen 2021 in der Wiener edition melos publiziert habe. Alles ging schnell und intuitiv, war kein Kraftakt, sondern eine helle Freude für mich.

Welche Rolle kam Deiner Familie in Deinem Weg des Interesses am Schreiben zu?

Ich komme aus einer Familie, in der die Sprache und Mehrsprachigkeit, Literatur und der Umgang mit Büchern, Lesen, Vorlesen und auch Schreiben eine zentrale Rolle gespielt haben. Das war einerseits inspirierend, ein Geschenk, das mich natürlich geprägt und beeinflusst hat, andererseits aber auch hemmend, weil die daraus resultierenden Vorbilder für mich wie Riesen waren, die meinen eigenen künstlerischen Weg beschattet und lange sogar verstellt haben.

Bei Ingeborg Bachmann ist das Vaterbild ein sehr kritisch bewertetes, weil von Krieg und Faschismus beeinflusstes, geprägtes und weitergebendes. Was unterscheidet Dein Vaterbild da?

Oh, ich hatte zum Glück einen im wahrsten Sinn des Wortes wundervollen Vater: Er war liebevoll, aufmerksam, lustig, einfallsreich, fördernd und fordernd, präsent, unterstützend, hingebungsvoll. Sein größtes Geschenk an uns, seine drei Töchter, war aus meiner Sicht, dass er uns immer für voll genommen hat, uns immer auf Augenhöhe begegnet ist: Wir waren von Anfang an gleichberechtigte und gleichwertige Diskussionspartnerinnen für ihn. Ich habe meinen Vater über alles geliebt. Leider ist er schon 2014 gestorben und war davor jahrelang schwerkrank.

Mein Vater hat sein Leben lang geschrieben und davon geträumt, als Künstler erfolgreich zu sein, als Schriftsteller oder Regisseur. Er musste aber auch Geld verdienen, war ein sehr guter, strenger und engagierter Gymnasiallehrer, und er hat sich während seines Lebens in einigem verlaufen und verheddert, hat Energie, die er aus meiner Sicht in sein Schreiben und vor allem in den Versuch, publiziert zu werden, hätte stecken können und sollen, in anderen ,Projekten‘ verschwendet, wenn man das so sagen kann. Schon als junge Frau habe ich mir deswegen geschworen, dass mir das nicht passieren würde.

Ist Dein Vaterbild auch literarisches Thema?

Das weiß ich nicht genau. Unbewusst bestimmt. In meiner Kinderbuchreihe „Zara“ hat die Protagonistin eine besonders innige Beziehung zu ihrem Vater. Da haben meine Erfahrungen mit meinem eigenen Vater mich sicher beim Schreiben beeinflusst. Ansonsten schreibe und lebe ich zeit meines Lebens, das kann ich wohl so sagen, mit und gegen „den großen Mann“ an. Wer das genau ist, was er für mein Leben und mich bedeutet und inwiefern er Einfluss auf mein Schreiben hat – ich weiß es nur ansatzweise. Als Mädchen und junge Frau hatte ich die Angewohnheit, mit meinen Fingern auf alle möglichen Flächen, Bettlaken, Notizblöcke, Schulhefte, Tischplatten, die Worte „der große Mann“ zu schreiben, ohne zu wissen, was das bedeutete. Ich weiß das bis heute nicht, aber was ich weiß, ist, dass ich schon in der Schule immer wieder auf teilweise vehementen Widerstand gegen mich gestoßen bin und auch Attacken von „großen Männern“ erlebt habe, mit ihnen konfrontiert war – als ein Mädchen, das aus verschiedenen Gründen aus dem Rahmen fiel. Damals habe ich mir nichts mehr gewünscht, als nicht aus dem Rahmen zu fallen, einfach ,ganz normal‘ zu sein, was auch immer man darunter zu verstehen hat. Diese Auseinandersetzung hat mein Leben geprägt und so auch mein Schreiben, natürlich. Als deutlichste Spur findet man sie bislang vor allem in einigen meiner Gedichte wieder, denke ich.

Du bist eine sehr vielseitige Schriftstellerin, Künstlerin. Welche Schwerpunkte gibt es da in Literatur und Kunst?

Ich will in meinem Leben, nicht nur im Schreiben, immer alles ausprobieren, worauf ich Lust habe, und was mich herausfordert. Ich kann und will nicht stillstehen, mich nicht ausruhen auf, bei und mit dem, was ich schon ,kann‘, sondern ich will immer weitergehen, mich neuen Herausforderungen stellen, Neues lernen. Diese Einstellung war und ist mein Leben lang essenziell für mich, und aus ihr – und aus der Notwendigkeit, Geld zu verdienen – erklärt sich auch, warum ich in so vielen unterschiedlichen literarischen Gattungen unterwegs bin. Im Moment habe ich die meiste Freude beim Schreiben von Lyrik und dialogischen, theatralen Texten. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wohin es mich schreibend weiter verschlägt. Das lasse ich auf mich zukommen.

Du lebst in Wien. Bist Du auch in Wien aufgewachsen?  Welche Bedeutung hat Wien für Deine literarischen Projekte?

Ich bin eine waschechte Berlinerin, und damit meine ich, dass ich dort nicht nur 35 Jahre meines Lebens gelebt habe, sondern dass ich dort auch geboren bin. Berlin ist und bleibt mein Sehnsuchtsort, meine Heimatstadt. Dennoch ist auch Wien, wo zwei meiner drei Söhne geboren sind, mittlerweile ein Zuhause für mich und das vor allem wegen der Menschen, die mir hier begegnet sind, und die geliebte, treue Freund*innen geworden sind.

Wie bei Ingeborg Bachmann gibt es auch in Deinen Projekten künstlerische Kooperationen. In Deinem aktuellen Buch – PARISER SKIZZEN /JE TE FLINGUE, Ulrike Schrimpf/ Johanna Hansen, Edition Melos 2021 – gibt es einen Dialog in Wort und Bild zwischen Dir und Deiner Schriftstellerkollegin und Künstlerin Johanna Hansen.

Wie kam es zu diesem Projekt und welche Schwerpunkte setzt Ihr darin gemeinsam? Sind weitere gemeinsame Projekte geplant?

Ich war auf der Suche nach einer Künstlerin, zu deren Bildern, Skizzen, Fotos etc. ich schreiben könnte. Auch hier habe ich wieder eine Art Schleichweg genommen, einen Schlupfwinkel gesucht. Ich hätte es niemals gewagt, ,einfach so‘ Lyrik zu schreiben. Das wäre mir tollkühn erschienen, verstiegen, als Hybris. Mein Vater – vielleicht in diesem Punkt doch auch ein bisschen „ein großer Mann“ für mich – hatte mir immer erklärt, Lyrik sei die anspruchsvollste literarische Gattung schlechthin, außerdem gebe es schon unglaublich viele schlechte Gedichte, da müsse man nicht noch seinen eigenen Mist hinzufügen. Kristian Kühn von „Signaturen“, der mir von Beginn an total unvoreingenommen begegnet ist  – schließlich kam ich ursprünglich ,nur‘ aus dem Bereich der Kinderliteratur (das werde ich ihm nie vergessen; eine solche Unvoreingenommenheit ist eine Besonderheit im Literaturbetrieb!) – schlug mir vor, ich solle den Kontakt zu Johanna Hansen suchen, wir könnten möglicherweise etwas miteinander anfangen, hätten uns etwas zu sagen. Er hatte recht! Ich glaube, ich nahm im März 2021 Kontakt zu Johanna auf, und innerhalb der nächsten drei Monate entstanden, ohne dass wir uns jemals persönlich begegnet wären, die „pariser skizzen“, die dann wiederum ein paar Monate später in der edition melos in Wien erschienen sind, mittlerweile in der vierten Auflage. Das war und ist ein riesiges, künstlerisches und auch menschliches Glück für mich! Johanna und ich verstehen uns intuitiv, wir mussten nie über irgendetwas erhitzt diskutieren oder gar streiten. Mittlerweile haben wir uns natürlich auch persönlich kennengelernt. Und ja, wir werden weitere Kunstprojekte miteinander verwirklichen. Im Moment denken wir über ein Unterfangen nach, bei dem wir beide schreiben werden, nicht nur ich allein, und auch Johannas Bilder werden wieder eine gewisse Rolle spielen.

Was sind Deine derzeitigen Projektpläne?

Im Moment arbeite ich an zwei Fachbüchern, einem neuen Roman für Erwachsene, einem weiteren Lyrikband und einem erzählenden Sachbuch, natürlich nur teilweise parallel, vor allem nacheinander. Mir ist schon vorgehalten worden, ich sei in zu vielen literarischen Gattungen gleichzeitig unterwegs, das könne man nicht ernstnehmen, ich müsse mich mehr fokussieren. Ich sehe das aber anders! Man kann diese Vielfalt durchaus als Stärke erleben und wahrnehmen. Ich mache, was mir Spaß macht und worauf ich Lust habe, Schreiben ist für mich vor allem etwas Lustvolles und Sinnliches, und letzten Endes ist alles Schreiben, egal, in welcher Gattung und in welchem Genre. Das ist es, was ich bin: eine Schreiberin, a writer. Ich mag den englischen Begriff, mehr als die deutschen Begriffe „Autorin“ und „Schriftstellerin“, die mir im Vergleich dazu sperrig und prätentiös vorkommen.

Im Juni findet der 46.Bachmannpreis in Klagenfurt statt. Hast Du Dich für eine Teilnahme beworben? Welche Bezüge gibt es von Dir zu diesem renommiertesten deutschsprachigen Literaturwettbewerb?

Soweit ich weiß, kann man sich dort nicht initiativ bewerben, aber ehrlich gesagt habe ich das für mich bisher nicht in Betracht gezogen. Wie gesagt, ich arbeite an verschiedenen Texten, warten wir es also ab.

Dafür habe ich lustige und auch bemerkenswerte Erinnerungen an den Bachmannpreis vor vielen Jahren, an dem Uwe Tellkamp teilnahm und gewann. Ich war damals eine junge Frau und arbeitete als Literaturagentin in einer Berliner Literaturagentur. In dieser Funktion durfte ich nach Klagenfurt reisen. Ich erinnere mich noch daran, wie schwer es mir fiel, den endlosen Lesungen und anschließenden Diskussionen zu folgen, wie ich mich mit heißen Händen an den Textblättern festhielt, die zum Glück zusätzlich zum Mitlesen ausgeteilt wurden, an die gleißende Hitze und an das Schwimmen im Wörthersee, herrlich, so erfrischend, so frei, endlich fort von allem erforderlichen Netzwerken, Verbindungen-Knüpfen, höflichem Lächeln. Das hat mir nie gelegen, und ich mag es immer noch nicht besonders.

Darf ich Dich abschließend um ein Ingeborg-Akrostichon bitten?

in meinen aufgespreizten schoß leg ich

nur alternde hände und solche knappen

gedichte die wahrhaft zwingend für

eine kriegerin in der totalen sind

blau gestoßenes lässt sie in nächten

ohne fürchten ziehen papierflieger 

richtet sie that is a mild way to put it

genau: zwei seltsame mechanismen

Ulrike Schrimpf, Schriftstellerin _
reenacting Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann

Herzlichen Dank, liebe Ulrike, für Deine Zeit in Wort und szenischer Darstellung hier am Romanschauplatz „Malina“ in Wien! Viel Freude und Erfolg für alle Literatur-, Kunstprojekte!

Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Ulrike Schrimpf, Schriftstellerin

https://www.ulrike-schrimpf.de/

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien

Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 5_22

„Gaspreise“ Anselm Neft, Schriftsteller _ Give Peace A Chance _ Hamburg 12.7.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Gaspreise lassen uns womöglich erkennen, dass wir abhängig sind.

Individualismus machte uns glauben, dass wir unabhängig sind und andere nicht unbedingt brauchen.

Vielleicht bedeutet das Eingeständnis der Abhängigkeit – von Ressourcen, von anderen Menschen, vom Gemeinwesen, von Arbeit, die wir selbst nicht leisten, auch von Tieren und Pflanzen und dem Klima – eine Chance friedlicher zu werden.

Eine Chance, liebgewonnene Mythen zu hinterfragen.

Personen wie Musk, Putin, Trump oder Bezos oder sind nicht reich und mächtig aus eigener Kraft.

Es ist eine übersehene Wahrheit, dass gerade die Mächtigsten am meisten abhängen von all denen, die ihnen den roten Teppich ausrollen, anstatt ihnen ins Gesicht zu lachen, und die für sie arbeiten und arbeiten und arbeiten.

Autorität zu hinterfragen, ohne selbst autoritär zu werden, ist ein Weg zu mehr Frieden.

C – du kommst mir als Buchstabe hier in die Quere, aber ich verdamme dich nicht, sondern lasse dir den Raum, den du in diesem Akrostichon brauchst.

Es macht einsam und wirr, wenn jede, jeder und jedes für sich allein Autoritäten hinterfragt, ohne die Idee eines Gemeinwesens, in dem jede, jeder und jedes als Autorität gilt und zugleich als fehlbar. 


Abhängigkeit als Beziehungsgeflecht aller Geschöpfe zu akzeptieren, anstatt sie zu leugnen, bis aus lebendiger Abhängigkeit sterile Sucht und Größenwahn wird, ist ein Weg zum Frieden. 


C – da bist du wieder, ich gewinne dich lieb.

Hass ist nicht produktive Wut, sondern nach außen gewendeter Hass auf sich selbst, als abhängiges Geschöpf, das andere braucht, von anderen gebraucht und manchmal auch missbraucht wird.

Aber auch aus dem Wirken der Hasserfüllten und sogar aus Kriegen kann Gutes erwachsen.    

Nämlich ein Bewusstsein für das, was wichtig ist und eine große, starke Gemeinschaft der Unterschiedlichen, die sich die Politik zurückholt.

Clowns sind wir, wenn wir das Tragische des Menschseins leugnen: Wir alle müssen sterben und wir können unseren Planeten für immer zerstören.

Es gibt keinen Weg zum Frieden, Frieden ist der Weg.


Anselm Neft, 10.7.2022

Anselm Neft, Schriftsteller _
Lesung Bachmannpreis 2018, ORF Klagenfurt

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Anselm Neft, Schriftsteller

https://www.anselmneft.de/

Foto_Walter Pobaschnig _ Bachmannpreis 2018 _ ORF Klagenfurt.

Walter Pobaschnig _ 10.7.2022.

https://literaturoutdoors.com

„einander aufmerksam zuhören“ Gerda Prantl, Künstlerin _ Wien 12.7.2022

Liebe Gerda, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment genieße ich es sehr, wieder an Ausstellungsformaten teilzunehmen, in denen „in situ“ ein unmittelbarer und weitgehendst uneingeschränkter Dialog mit den Ausstellungsbesucher:innen stattfinden kann. Wie sehr diese offenen Formen des künstlerischen Austausches in sämtlichen Kunst- und Kulturräumen zuletzt vermisst wurden, konnte ich auch bei meiner Schau „Les deux animaux ont la langue bleue“ (07.05. – 29.05.2022) im Kabinett des Barockschlössls Mistelbach, an den zahlreichen Besucher:innen während des Eröffnungsabends mit einem Live-Konzert des Jazzduos „Related Two“, spüren.

Gerda Prantl _ Künstlerin 

Aktuell arbeite ich intensiv an einer Reihe von „in den Raum tastenden Zeichnungen“, die sich als Kartographien fragmentierter, re-kombinierter, teils anamorphotischer Körper lesen lassen und gewissermaßen zwischen Schrift und Körperlichkeit oszillieren. Zunächst ornamental anmutende, dekorhafte Muster und Formationen entwickeln als Fingermorphs und -kreaturen auf makroskopischer Bildebene ihr Eigenleben. Körpernahe traumhaft anmutende Textfragmente, in die sich körperhafte Elemente eingeschrieben haben, formen bzw. formulieren wiederum diese Körper erst, indem sie sich mit zeichnerischen Elementen verbinden und als repetitive Gesten ein Begehren des Anderen (A, a) markieren.

Wenn ich nicht gerade am Zeichenbrett bzw. Zeichentisch anzutreffen bin, sitze ich an meiner Nähmaschine, um für installative Arbeiten dreidimensionale Körperhüllen zu schaffen, befinde mich auf einem Spaziergang in der Prater Hauptallee, auf der Suche nach passenden Verstecken für meine „pushmi-pullyus“ – schlangenartige Textilobjekte mit zusammenfügbaren Modulverbindungen – oder besuche selbst gerade Ausstellungen von Künstler:innen und Künstlerfreund:innen, aber auch Museumsausstellungen, wie zuletzt: „In search of humanity“ (Ai Wei Wei). In den verbleibenden Zwischenräumen und Zeitfenstern beschäftige ich mich mit der „grammaire abrégée“ der „langue bleue“ oder „blauen Sprache“.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich habe in meiner Auffassung von Kunst und Welt immer vermeintliche Endpunkte und Grenzlinien als Portale wahrgenommen, die sobald man deren Schwelle überschritten hat, den Blick auf intertextuelle Zusammenhänge und verbindende Achsensysteme freigeben. Momentan erfahren „wir“ als Europäer diese Interdependenzen nicht mehr aus einiger bequemer Entfernung, sondern sind unmittelbar bis in die Spitzen der Politik in unterschiedlicher Intensität betroffen und gefordert. Ich denke, auch wenn es noch so einfach klingen mag, dass es derzeit zu den wichtigsten Dingen zählt, einander aufmerksam zuzuhören, neben der eigenen, möglichst vielen Stimmen dazu zu verhelfen, zu Sprecher:innen zu werden.

Die blaue Sprache, die ich zuvor schon erwähnt hatte, zählt zu den konstruierten Sprachen und wird nach ihrem Erfinder Léon Bollack auch „Bolak“ genannt. Die utopische Idee einer (Welt)sprachgemeinschaft geht mit dem Bedürfnis nach Verständigung über Grenzen hinweg einher. Ich lasse die blaue Sprache in meinen Zeichnungen in einer Vielheit zu Wort kommen, sie in (blauen) Zungen sprechen. Eine Zwischenwelt aus Schriftkörpern, Textfragmenten in unterschiedlichen Sprachcodes, verortet und verzeichnet (Um)wege des Denkens, schlingt Text- und Bildwelten ineinander, eröffnet Fenster zwischen Wachen und Träumen, sucht erfundene, vergangene und zukünftige Orte auf. Aus blau flammendem Flackerlicht wuchert Fingerbrut aus Granatäpfeln und fragt nach „our own modern utopia?“

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Auf die Frage nach einem Neubeginn hin, muss ich an die Geschichte „The Egg and the Chicken“ denken. Zu Beginn dreht sich alles um Betrachtungen über ein Ei und später dessen Verhältnis zur Henne. „Seeing an egg is always in the present: No sooner do I see the egg than I have seen an egg, the same egg which has existed for three thousand years. The very instant an egg is seen, it becomes the memory of an egg. The only person to see an egg is someone who has seen it before. Like a man who, in order to understand the present, must have had a past.“ Dinge die im Heute geschehen, können zum Teil über Erinnerungen an ein Gestern in neuem Licht erscheinen und weisen unter Umständen zunächst im Verborgenen gebliebene vordergründige Parallelen auf. Gleichzeitig kursieren und ranken sich je nach Betrachtungsperspektive oft plurale Geschichten um ein und dasselbe dreitausend Jahre alte Ei.

Wenn man nun von „der Kunst“ an sich sprechen will, so glaube ich, dass Künstler:innen als ihre Urheber:innen immer wieder gezeigt haben, dass sie nicht nur über sich selbst reflektiert, sondern auch Stimmen und Geschichten in einer Gleichzeitigkeit auftreten lassen kann, ohne sie dabei eben bloß zu nivellieren, illustrieren oder deren Bedeutung einzuebnen, wenn man Geschichten als Vehikel für eine Aktivierung der Zukunft aufschlagen will. Auch ein subjektives Erinnern scheint mir genau dann wichtig, wenn es darum geht, Neues zu schaffen. Um die Souveränität jedes:r Einzelnen innerhalb einer Gesellschaft/Gemeinschaft zu wahren und gewisse „parallel chapters“ der Vergangenheit nicht zu wiederholen, braucht es auch die Solidarität jedes:r Einzelnen, den:die Sprecher:in eingeschlossen. Es braucht auch Politiker:innen, die diese Solidarität im Sinn einer Willkommenskultur vertreten und entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen dafür schaffen.

Was liest Du derzeit?

Während meiner letzten Reise, die mich nach Kopenhagen führte, bin ich neben Künstler:innen wie Anne Haaning oder Åke Hodell auch auf die dänische Autorin Tove Ditlevsen und ihre Kopenhagen-Trilogie gestoßen. In Zusammenhang mit meiner aktuellen Werkserie, lese ich immer wieder in Büchern nach, die ich als „körpernahe Traumtexte“ auffasse, darunter „Hypertraum“, Hélène Cixous, Clarice Lispector, „Agua Viva“, „Brenntage“, Michael Stavarič, „The Illustrated Man“, Ray Bradbury, aber auch „Zeichen auf der Haut“, Stephan Oettermann und „Was sie schon immer über Lacan wissen wollten und Hitchcock nie zu fragen wagten“, Slavoj Žižek oder Texte von Jorge Luis Borges. Abgesehen von dieser Auswahl, lese ich im Moment „Afropäisch“ von Johny Pitts, der dieses Buch zwischen Reportage und literarischem Essay angesiedelt hat.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe mich kürzlich wieder an diese Textpassage aus Clarice Lispectors „Agua Viva“ erinnert. Die Autorin wurde in der Ukraine geboren und ist aufgrund wieder aufflammender Pogrome während des Russischen Bürgerkrieges 1920 mit ihrer Familie über Rumänien nach Brasilien ausgewandert.

„You will no doubt ask me why I look after the world. It´s because I was born charged with the task.

As a child I looked after a line of ants: they walk single file carrying a tiny piece of leaf. That doesn´t keep each one from communicating something to the ones coming the other way. Ant and bee ar not it. They are they.

[…]

Inside each little ant fits a whole world that will escape me if I´m not careful. For example: an instinctive sense of organization, language beyond the supersonic, and feelings of sex fit in the ant. Now I can´t find a single ant to look at. I know there wasn´t a massacre because otherwise I´d have already heard.

Looking after the world also demands a lot of patience: I have to wait for the day when an ant turns up.

I just haven´t found anyone to report back to. Or have I? Since I´m reporting back to you right here.“

Vielen Dank für das Interview liebe Gerda, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Gerda Prantl, Künstlerin 

https://gerdaprantl.tumblr.com/

Fotos_Gerda Prantl

7.6.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Gedanken“ Severin Krön, Bildender Künstler, Kurator_ Give Peace A Chance _ Paternion/Ktn 11.7.2022

GIVE PEACE A CHANCE

Gedanken

Im

Vogelflug:

Energie



Präzise

Entfaltet,

Anmutig,

Charismatisch,

Elegant.



Auf



Chaos

Heute

Antwortet ein

Neuer

Charakter mit

Einssein.



Severin Krön, 7.6.2022

Severin Krön, Bildender Künstler, Kurator

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Severin Krön, Bildender Künstler, Kurator

Foto_privat.

Walter Pobaschnig _ 7.6.2022.

https://literaturoutdoors.com

„Unendlichkeit“ Dakini Böhmer/Marco Kerler. Gedichte. Rodneys Underground Press 2022

Ein Lyrikband, der beeindruckend den Möglichkeiten der Sprache wie dem poetischen Ich im umfassenden Dialog alles abzuverlangen weiß.

Die große Erzählung des Lebens und der Liebe in Jubel, Schmerz und Abschied wird in Kraft, Präzession und Stille eines selbstbewussten lyrischen Doppel-Ich gesetzt, das in Rhythmik und Ansprache begeistert.

Mensch und Wort begegnen sich in jedem Gedicht so nah, dass die brennende Seele zu spüren ist, die jetzt in der Sprache ihre Form findet und finden muss, um zu erzählen aber nicht preiszugeben, sondern offenzulegen als Brücke eines lyrischen ich, von Mensch zu Mensch.

Was lyrisches Sprechen, Erzählen vermag, wird hier eindrucksvoll gezeigt.

„Ein Lyrikband, der eindrucksvoll zeigt, welch hohe Kunst und große Kraft die Poesie ist!“

Walter Pobaschnig 6_22

https://literaturoutdoors.com

„Im Theater Visionen – auch phantastische und verrückte Ideen – aufzugreifen und darzustellen“ Sebastian Thiers_Schauspieler _ Wien 11.7.2022

Lieber Sebastian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Puh, das ist momentan sehr schwer zu sagen. Ich bin vor 14 Tagen zum zweiten Mal Vater geworden, das wirbelt natürlich alles ordentlich durcheinander. Hinzu kommt, es sind Ferien, Sommer, große Hitze. Wir versuchen regelmäßig aufs Land zu flüchten, um der großen Hitze in der Stadt zu entgehen, gleichzeitig habe ich ein paar Drehprojekte für die man zu Kostümproben und Probeaufnahmen hin- und herfahren muss. Also jeder Tag sieht anders aus und birgt spannende, zumeist schöne Herausforderungen.

Sebastian Thiers, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nun ja, wer ist alle? Die gesamte Menschheit? Dann würde ich sagen, vor allem an die Adresse der reichen Industrieländer gerichtet: Das Wichtigste ist JETZT den „Gürtel“ enger zu schnallen und in den sauren Apfel der Reduzierung zu beißen und Emissionen radikal einzusparen wo wir nicht auf erneuerbare CO2-freie Energieträger umstellen können. Für jeden einzelnen Bürger bedeutet das natürlich Verzicht. Also wäre das Wichtigste zu hinterfragen, wo kann ich helfen CO2 einzusparen, aber auch Energie im Allgemeinen. Ich glaube es reicht nicht, beispielsweise, zu denken: „Ich kaufe mir ein e-Auto und dann bin ich umweltfreundlich.“ Sondern wo kann ich ganz auf das Auto verzichten und zu Fuß gehen, den Zug oder das Fahrrad nutzen. Nur wenn wir es schaffen, umzudenken und Gewohnheiten loszulassen werden wir die Klimakrise meistern können. Die Politik muss viel strengere Maßnahmen setzen und jeder Einzelne muss mitziehen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Das Theater ist quasi das Labor der Gesellschaft, hier können wir in die Zukunft schauen und Visionen des Zusammenlebens entwickeln. Fragen aufwerfen und diskutieren wie ein „Neubeginn“ aussehen könnte. Wobei ich gar nicht von einem Neubeginn sprechen würde, sondern eher von einem Transformationsprozess. Wir müssen schließlich mit unseren Altlasten umgehen und schauen was wir daraus machen können. Donna Haraway beschreibt das z. Bsp. in ihrem Buch „Unruhig bleiben“, wo in Kanada Indianerreservate erst von Bergbauunternehmen untergraben und ausgebeutet wurden und jetzt zurückgegeben werden. Die Landschaft ist zerstört bzw. verändert worden und jetzt muß man schauen was man daraus machen kann. So wie in der Gegend um Leipzig, wo ich herkomme, dort wurden Braunkohle-Tagebaue stillgelegt und dann geflutet. Jetzt sind Naherholungsgebiete und Wohngebiete am See entstanden. Man muss es nehmen wie es ist und ändern. Das Theater und die Kunst können Anstöße liefern und den Augenmerk auf Sachen richten, die uns helfen umzudenken. Ich finde auch, daß das der gesellschaftliche Auftrag ist, einerseits Missstände aufzudecken und zu kritisieren und anderseits Visionen – auch phantastische und verrückte Ideen – aufzugreifen und darzustellen. Wenn es gelingt das in gute, spannende Geschichten zu verpacken und auf unterhaltsame, humorvolle Weise vorzutragen, dann hat Theater seinen Beitrag geleistet.

Was liest Du derzeit?

Beruflich habe ich gerade gelesen: „Martin Bormann – Hitlers Vollstrecker“.

Privat lese ich derzeit, wenn ich dafür Zeit finde, die Biographie von Ai Wei Wei: „1000 Jahre Freud und Leid“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich mag den Spruch, der dem Film „A serious man“, von den Cohen-Brothers, vorangestellt ist:

„Nimm in Einfachheit alles hin, was dir widerfährt.“ (Raschi)

Dabei denke ich daran, daß wir in den letzten Jahren so eine Aufregung und Empörung entwickelt haben, wenn jemand anderer Meinung ist als wir. Wir müssen wieder dazu kommen uns gegenseitig zuzuhören und verschiedene Meinungen stehen zu lassen, nicht auszuschließen. Wie Marx sagte:

These + Antithese=Synthese

Vielen Dank für das Interview lieber Sebastian, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Sebastian Thiers, Schauspieler

http://www.sebastian-thiers.de/

Foto_Marcus_Staab_Photographie

5.7.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Endlich noch nicht angekommen“, Désirée Nosbusch. Autobiographie. Ullstein Verlag.

Die 1970/80er. Es ist die Zeit eines Aufbruchs. In Gesellschaft und Kultur. Ein neues Radio-, Fernseh- und Musikzeitalter bricht an. Das Angebot erweitert sich gleichsam täglich und es sind viele neue Formate und Persönlichkeiten, die eine Zeit und Generation prägen werden.

Die Popularität kommt dabei gleichsam für viele über Nacht. Und eine dieser mutigen, talentierten Persönlichkeiten mit großer Strahlkraft in Fernsehen, Musik und Film ist Désirée Nosbusch. Sie begeistert in jungen Jahren in der Moderation verschiedener Fernsehformate und in vielen Projekten, etwa mit dem Superstar Falco in einem Duett „Kann es Liebe sein?“ (1984).

Der Erfolg ist auf Ihrer Seite und eine Hochschaubahn des Lebens beginnt, die so vieles beruflich ermöglicht wie persönlich herausfordert. Immer auf der Suche nach dem Ankommen, dem Weg zu sich selbst in einer Welt von Glanz, Glamour und Schatten…

In Ihrer vorliegenden Autobiographie erzählt und schildert Désirée Nosbusch verschiedenste Stationen ihres künstlerischen wie privaten Lebens und lässt so Leserin und Leser an einer beeindruckenden persönlichen wie kulturellen Zeitreise in Faszination wie Ambivalenz teilhaben.

„Offen, kritisch, beeindruckend – eine Autobiographie, die über Lebensstationen wie eine Kulturepoche mitreißend zu erzählen weiß“

Walter Pobaschnig 7_22

https://literaturoutdoors.com

„Gerade das nächste Wort hier nicht zu schreiben“ Matthias Engels, Schriftsteller _ Give Peace A Chance _ Steinfurt/D 10.7.2022

GIVE PEACE A CHANCE


G erade das nächste Wort hier nicht zu schreiben

I st ein Akt von Schlüssigkeit und Schönheit

V erse über den Krieg überhaupt zu versuchen

E rübrigt sich, verbietet sich, denn mit Verlaub:




P oesie ist im Krieg nicht mal in Spuren enthalten

E rbärmlich alle Epen von Rasse, Recht und Raum

A ll die blutgeschwängerten Hymnen, die

C höre, einen heldenhaften Tod beschwörend –

E indimensional und jeder Metaphorik bar




A m Ende bleibt jedes Sterben nur… Sterben




C lausewitz und Jünger irrten, auch

H eraktlit lag falsch: Krieg gebiert nichts

A uch setzt er nichts fort- er beendet nur und

N ichts kann herrlich sein, das Verherrlichung bedarf!

C onclusio: Krieg ist sprachlos und nährt sich von Worten

E s bleiben uns zu besingen ganz andere Dinge 

Matthias Engels, 22.6.2022

Matthias Engels, Schriftsteller

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Matthias Engels, Schriftsteller

https://matthiasengels.jimdofree.com/

Foto_privat

Walter Pobaschnig _ 22.6.2022.

https://literaturoutdoors.com

„In der Musikbranche stimmt vorne und hinten so viel nicht!“ Antonia Dering_Musikerin _ Wien 10.7.2022

Liebe Antonia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

So etwas wie einen regelmäßigen Tagesablauf kann man glaub ich als freiberufliche Musikerin gar nicht haben. Heute ist es gemütlich mit Kaffee, Video schneiden, Büro-Arbeit, Yoga mit einer Freundin, abends etwas trinken und tanzen gehen. Übermorgen ist es um 5 aufstehen, zum Zug, Probe, Soundcheck und Konzert in München.

Antonia Dering_Musikerin, Komponistin, Performerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zuhören, besonders den Menschen, die wirklich eine Ahnung und eine Zukunftsvision haben. Wie gut, dass es sie gibt! Und dann handeln; nicht labern!

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Es ist Zeit, dass alle aufhören zu denken, ihnen stehe zu so zu leben wie bisher. Nur weil wir am Wochenende öfter mal nach Rom geflogen sind und unser liebstes Kindheitsgericht ein knuspriges Hendl ist, haben wir kein Recht darauf.

Die MusikerInnen können natürlich nicht nur durch sozialkritische Texte und politische Stellungnamen ihren Beitrag leisten, die Musikbranche an sich muss umdenken: keinen billigen, nicht-fair produzierten Merch, keine Touren mit dem Flugzeug, keine Musikreleases, die wie Massenware produziert werden, um irgendwelche Algorithmen zu befriedigen. Da stimmt vorne und hinten so viel nicht!

Was liest Du derzeit?

„Der Professor“ von Amélie Nothomb, irgendeinen Brunetti, „Leben im Jetzt“ von Eckhart Tolle. Alles irgendwie bis zu Hälfte, nichts davon haut mich gerade um.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

It’s hard to be just fine with what you’ve got, and not to long for all the
things you could have had, but you have not.

Antonia Dering_Musikerin, Komponistin, Performerin

Vielen Dank für das Interview liebe Antonia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musik-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Antonia Dering_Musikerin, Komponistin, Performerin _ Wien/München

www.SiEA-music.com

www.jazzduoladybird.de

www.antonia-dering.com

Fotos_privat.

7.6.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Die kämpfende und wandelbare „Romy“ ist ein Vorbild“ Mara Christine Koppitsch, Schauspielerin _ 40.Todesjahr Romy Schneider _ Wien 10.7.2022

Mara Christine Koppitsch, Schauspielerin _ Wien
_ reenacting Romy Schneider

Liebe Mara, welche Bezüge, Zugänge gibt es von Dir zu Romy Schneider?

Eine große Gemeinsamkeit von Romy und mir ist wohl die Liebe zu Frankreich und der französischen Sprache. Paris ist, durch meinen längeren Aufenthalt dort, ein wenig Heimat für mich geworden… Zumindest das Gefühl, welches mich durchzieht, wenn ich wieder dort hinkomme ist sehr „heimelig“. Wenn ich nur daran denke, kribbelt es in meinem Bauch. Vielleicht werde ich es noch einmal schaffen länger dort zu leben.

Durch die Sissi-Trilogie bin ich (wie so viele Leute in Österreich) schon im Kindesalter Romy „begegnet“ und sie hatte damals bereits eine Faszination auf mich ausgeübt. Die Lockerheit und Authentizität mit der sie bereits diese Rolle verkörperte ist mitreißend – ihrer Schönheit nichts hinzuzufügen.

Die kämpfende und wandelbare „Romy“ die sich trotz widriger äußerer Umstände und seelischer Tiefen nicht geschlagen gibt, ist ein Vorbild. Es ermutigt mich vor allem im Bereich Schauspiel weiterzukämpfen bzw. auszuharren.

Gibt es einen Film von Romy Schneider, den Du hervorheben möchtest und warum?

Den Film „Christine“, Regie: Pierre Gaspard-Huit, Hauptrollen: Romy Schneider und Alain Delon

Abgesehen davon, dass mein Zweitname auch Christine ist und der Film in Wien spielt, schätze ich die Werke Arthur Schnitzlers sehr. Dieser Film basiert ja auf Schnitzlers Theaterstück „Liebelei“.

Wobei ich ehrlich sagen muss… Künstlerisch finde ich den Film nicht gelungen… Von Schnitzlers Dialogen ist wenig übriggeblieben und die Charaktere der Figuren sind ziemlich hohl. Aber auch (oder gerade) deshalb konnte ich noch besser nachvollziehen warum Romy genug hatte immer das süße Mädel zu spielen. Sie wollte zeigen, dass sie viel mehr kann. Welcher ambitionierte Mensch möchte sich schon auf ein Püppchen reduzieren lassen?

Spannend finde ich, dass dieser Film eine Art Wendepunkt darstellt. Romy lernt Alain Delon durch die Dreharbeiten kennen. Alain war Beispiel für einen ganz anderen Lebensstil – eine Art wild-boy – das hat sie bestimmt fasziniert.

Romy kommt in Kontakt mit der französischen Sprache und vor allem auch mit der französischen Filmwelt. Das Abenteuer Frankreich konnte beginnen.

-Ein Gedicht von Kurt Tucholksy, welches mir gekommen ist. Natürlich hat es einen anderen (geschichtlichen) Hintergrund aber irgendwie passt es für mich zum Thema Romys Geschichte und die Stadt Paris.

Park Monceau

Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch– und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.

Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen.
Ein Vogel zupft an einem hellen Blatt.
Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen
und freut sich, wenn er was gefunden hat.

Es prüfen vier Amerikanerinnen,
ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn.
Paris von außen und Paris von innen:
sie sehen nichts und müssen alles sehn.

Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen.
Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus.
Ich sitze still und lasse mich bescheinen
und ruh von meinem Vaterlande aus.

Gab es Berührungspunkte zu Werk und Leben Romy Schneiders in Deinen bisherigen Schauspielprojekten?

Nein leider keine wirklich erwähnenswerten Punkte. Ich hoffe sehr, dass sich das noch ändern wird. Das einzige vielleicht… Bei einer meiner ersten Lesungen habe ich ein Gedicht von Kaiserin Elisabeth vorgetragen 😉

Wie siehst Du das Spannungsverhältnis von Leben und Schauspielberuf bei Romy Schneider wie an sich?

Ihre anfänglich möglicherweise naive Freude am Schauspielen hatte sich im Laufe der Jahre wohl verändert. Das Schauspielen wurde für Romy Schneider vermutlich zunehmend ein Kanal um ihr Privatleben bewältigen zu können. Sie konnte ihre riesige Bandbreite an Emotionen dort einsetzen, hinauslassen, benützen. Es ist faszinierend, wie sehr Romy sich im Film und somit für ihr Publikum öffnen konnte. Sie hatte sich damit schließlich verletzlich und angreifbar gemacht. Der Mut sich alldem auszusetzen – Respekt.

Ich verstehe absolut, dass sie in Interviews nicht über ihr Privatleben sprechen wollte. Man braucht als Mensch sein „Eigenes“. Warum sollte man sein ganzes Leben mit der Öffentlichkeit teilen?

Ich frage mich, wie es Romy in Zeiten von Social Media ergangen wäre…

Romy Schneider wechselte nach großen Schauspielerfolgen in den 1950er das Filmgenre wie das Land. Wie siehst Du die Möglichkeiten deines persönlichen Entwicklungsweges im Schauspielberuf?

Romy hatte wirklich Mut. Sie ist in ein fremdes Land gegangen um dort neu Fuß zu fassen. Eine innere Dringlichkeit, die durch diverse Umstände ausgelöst wurde (ihre Mutter, Deutsche Filmindustrie, Fans, Alain…), hatte ihr wahrscheinlich noch zusätzlichen Antrieb gegeben.

Dieser innere Motor, die Dringlichkeit, der Kampf mit dem Kopf über Wasser zu bleiben, kann in den besten Fällen Möglichkeiten eröffnen. Jedoch finde ich es auch wichtig zu lernen, sich an dem zu freuen was man schon erreicht hat. Das kann helfen. Habe zumindest die Hoffnung.

Und, ich habe nichts dagegen für meinen Beruf in ein anderes Land zu gehen. Ich will offenbleiben und mich nicht auf Etwas versteifen.

Was kann eine Schauspielerin von Romy Schneiders Werk und Leben mitnehmen?

Viel! Die natürliche, unaufgeregte, verspielte Spielweise. Locker und authentisch – auch in ihren Interviews wirkt sie nicht aufgesetzt. Ich denke, sie hat sich selbst nie zu ernst genommen. Sie war eine Zweiflerin und genau das macht sie in ihren Rollen so spannend. Der Mut zu Neuem, zu Herausforderungen – sie stellte sich ihren Ängsten. Ihre Neugier. Die Freude sich weiterzuentwickeln.

Ihre Art sich nicht ständig selbst inszenieren zu müssen sagt mir sehr zu.

Gibt es etwas typisch Wienerisches bei Romy Schneider?

Spontan fällt mir nichts Prägnantes ein. Ernst Marischka, der österreichische Regisseur war ein Wiener und hatte Romy soweit ich weiß unter seine Fittiche genommen. Die Filme wie Sissi, Christine etc. spielten vor allem in Wien und sie nannte sich angeblich gerne eine „Österreicherin“…

Was bedeutet Dir Wien/Österreich und welche Erfahrungen hast Du hier im Schauspielberuf gemacht?

Dafür, dass ich mir früher nie gedacht hätte so lange in Wien zu bleiben, bin ich schon recht lange hier und fühle mich wohl. Wien hat als Stadt viel zu bieten und ist trotzdem überschaubar, keine Mega-City.

Weitere gute Erfahrungen habe ich in der Steiermark und in Niederösterreich gemacht. Oftmals findet man am Land, in kleineren Städten noch sehr theaterhungrige Leute, scheint mir zumindest so.

Durch die vielen lieben und super KollegInnen die ich während meiner Ausbildung und bis jetzt kennenlernen durfte hatte ich (finalement – trotz Pandemie!) einen schönen und durchaus spaßigen Einstieg in den Schauspielberuf! Ob es immer Wien bzw. Österreich sein wird…? Vermutlich wäre ein Ortswechsel eines Tages spannend!

Wie siehst Du die Möglichkeiten als Schauspielerin in Wien/Österreich?

Eine gute Frage… Ich denke es ist wichtig zu wissen, wo man sich als Schauspielerin sieht… Theater, Film, Sprechen, Moderation,… Oder alles. Vielleicht gibt es auch eine Nische bzw. einen Bereich der einem besonders zusagt und wo es Nachfrage gibt. Ich merke, dass z.B. im Bereich Wissensvermittlung (Museen etc.) immer mehr Bedarf besteht – Wissen auf eine anregende, spielerische Art weiterzugeben. Es ist die Frage welchen Fokus man sich setzen möchte. Ich bin oftmals auf der Suche – vielleicht ist das etwas was mich mit Romy verbindet?

Zum Thema „klassisches Schauspiel“ – wenn ich aus einer der berühmten, österreichischen Schauspieldynastien stammen würde, oder gute Verbindungen dorthin hätte, wäre es wohl erheblich einfacher an Schauspieljobs zu gelangen. In unserem „Land der Berge“ ist es außerdem als einfache Österreicherin mit den Jobchancen meist noch mal schwieriger wegen der Aussprache… Manchmal wünsche ich mir, ich hätte bereits als Kind einen richtigen deutsch-deutschen Akzent zu sprechen gelernt (oder auch „Deutschisch“ wie wir es in der Familie nennen). Gerade für die Bühne ist das hierzulande von großem Vorteil. Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden… Und: Dafüa konn i holt a no steirisch!

Oui. C’est la vie!

Was wünscht Du Dir für den Schauspielberuf?

Für den Schauspielberuf allgemein?
Dass man auch von außen die Arbeit, die man als Schauspieler hat, anerkennt und den Beruf nicht nur als „Tralala“ ansieht.

Für meinen Beruf persönlich, sozusagen, hätte ich bitte gern ein Stück vom Glück.

Was sind Deine kommenden Projekte?

Nachdem ich im Sommer für ein paar Wochen dem Schauspiel (nach außen hin) den Rücken gekehrt haben werde…

Die Wiederaufnahme „Reigen“ von Arthur Schnitzler mit dem wunderbaren Verein ergoarte unter der wunderbaren Regie von Peter Pausz auf Schloss Artstetten.

Ein eigenes Herzens-Projekt mit zwei Schauspielkolleginnen. „Der Verstorbene“ von René de Obaldia und zwei weitere Einakter, in Wien und der Steiermark.

Was möchtest Du Schauspielstudenten*innen mitgeben?

Ich habe gerade noch ein kurzes Gedicht von Christian Morgenstern gelesen:

„Lass dich nicht nach Menschenweise an den Tanz der Dinge binden.
Sprich: Verwirrt mir nicht die Kreise!
Alles andre wird sich finden.“

Was würdest Du Romy Schneider sagen, fragen wollen?

Was ihre zweite Berufswahl gewesen wäre… Bzw. eine etwas unsinnige Frage (ich nehme an, dass ich Romy mit DU anreden dürfte 😉): Wenn deine Eltern keine Schauspieler gewesen wären, hättest du dich trotzdem so stark für diesen Beruf interessiert?

Wie siehst Du die Umstände des Todes von Romy Schneider?

Da ich nicht „dabei“ war und auch zu Romys Lebzeiten noch nicht auf der Welt, fällt es mir schwer einen Kommentar abzugeben. Aber ich vermute, dass ihr früher Tod bestimmt den „Mythos Romy“ noch verstärkt hat. Wenn man daran denkt, dass Marlene Dietrich sich die letzten Jahre ihres Lebens der Außenwelt komplett entzogen hatte um als DER Star in Erinnerung der Menschen zu bleiben…In dem Punkt hatte Romy ihr wohl etwas „voraus“. Wenn der Ex-Mann Selbstmord begeht und der eigene Sohn vom Gartenzaun aufgespießt wird, sind die Nachwehen bei einem selbst bestimmt unfassbar schmerzvoll. Ob es Suchtmittelabhängigkeiten gab oder nicht etc. ist nicht wichtig.

Darf ich Dich abschließend zu einem Romy Schneider Achrostikon bitten?

R- avis

O- ffenherzig

M-utig

Y- eux brillants

Mara Christine Koppitsch, Schauspielerin _ Wien
_ reenacting Romy Schneider
Fin

Vielen Dank, liebe Mara, viel Freude und Erfolg für alle Projekte!

40.Todesjahr _ Romy Schneider, Schauspielerin (*1938 Wien +1982 Paris) _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Mara Christine Koppitsch, Schauspielerin _ Wien

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_5.2022

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 6_22