Liebe Elisabeth, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf ist relativ flexibel. Fixpunkt sind die drei Spaziergänge mit meiner Hündin Silja. Prinzipiell verbringe ich den Vormittag und den späteren Nachmittag im Atelier. Meine Produktivität kommt jedoch in Wellen und es gibt Phasen in denen ich den ganzen Tag im Atelier verbringe und dann wieder welche in denen ich kaum direkt an einem Werk arbeite, die jedoch genauso wesentlich für die künstlerische Produktion sind.
Elisabeth Wedenig _ Bildende Künstlerin, Malerin _ im Atelier/Kärnten
– und das Begreifen der unumgänglichen Verbundenheit allen Lebens.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Kunst ist ein Ort der Selbstreflexion. Betrachtung oder Erleben von Kunst hat immer etwas mit uns selbst zu tun. Sie ist nicht nur ein Spiegel der Zeit sondern auch ein Spiegel des Betrachters. Wir können ein Bild, ein Theaterstück, ein Roman, ein Lied zu jeder Zeit unseres Lebens anders lesen und jeder von uns liest auf die eigene Art und Weise, die mit persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen zusammenhängt. Zugleich wirkt Kunst erweiternd, macht neue Betrachtungswinkel auf und stellt Fragen.
„Wir warten nicht aufs Paradies“ Elisabeth Wedenig _ derzeit zu sehen in der Ausstellung „sinNe _Wahrnehmung und Ausnahme“ im Stift Millstatt
Was liest Du derzeit?
Ich habe meist einige Bücher, die ich parallel lese. Gerade eben hab ich von Lilian Faschinger „Wiener Passion“ begonnen. Das stand schon länger im Regal und ich hatte eigentlich angenommen es schon gelesen zu haben, da ich immer, wenn ein Buch von Faschinger ins Haushalt kommt, es eigentlich sofort lese. Es scheint jedoch selbst ins Haus gezogen zu sein ohne mir Bescheid gesagt zu haben. Ich genieße Faschingers Geschichten, die sie sehr oft um starke Frauen spinnt, und ihre Erzählweise, sehr.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Gerade war die letzte Vorführung des Romans Malina von Ingeborg Bachmann. Eine Theater Wolkenflug Produktion von Ute Liepold, für die ich das Bühnenbild machen durfte. Deshalb und weil sie einfach fantastisch ist, ein Zitat von Bachmann.
„Es ist auch mir gewiß, daß wir in der Ordnung bleiben müssen, daß es den Austritt aus der Gesellschaft nicht gibt und wir uns aneinander prüfen müssen. Innerhalb der Grenzen aber haben wir den Blick gerichtet auf das Vollkommene, das Unmögliche, Unerreichbare, sei es der Liebe, der Freiheit oder jeder reinen Größe. Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten.“(Ingeborg Bachmann. Aus: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar)
Elisabeth Wedenig _ Bühnenbild _ Szene aus Malina von Ingeborg Bachmann / Klagenfurt 2022/ Theater Wolkenflug, Produktion von Ute Liepold / mit den Schauspielerinnen Magda Kropiunig, Birgit Fuchs und Grischka Voss (von links)
Vielen Dank für das Interview liebe Elisabeth, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
„Undine geht“ wurde vor 60 Jahren veröffentlicht. Was hat sich seit damals im Rollenbild von Frau und Mann verändert und was sollte sich noch ändern?
Auf einem Flohmarkt ist mir einmal eine Hochzeitsmagazin aus den 60er Jahren in die Hände gefallen. Ich habe gedacht, mich hebt es aus den Schuhen, als dort genauestens beschrieben stand, wie sich Frau optimal auf ihre Rolle in der Ehe vorbereiten möge…
„Ihm immer die Hausschuhe bringen, wenn er nach Hause kommt“… etc.
Es hat sich viel verändert gesellschaftlich und es gibt noch viel zu tun auf dem Weg zu- und miteinander. Im Außen wie im Innen.
Der Monolog geht mit der patriarchalen Gesellschaftswelt schonungslos ins Gericht. Wie siehst Du die Situation patriarchaler Macht heute?
Tatsächlich bekomme ich selbst noch solche patriarchale Macht in meiner unmittelbaren Umgebung zu spüren.
Ich sehe es als meine Aufgabe herauszufinden, wie ich mit solchen Strukturen umgehen kann, welche Wege ich für mich finde.
Macht ist ein großes persönliches Thema für mich. Sehr lange sind weibliche Kräfte unterdrückt worden, eben weil sie so machtvoll sind. Ich bin bestrebt eine Ausgewogenheit zwischen männlichen und weiblichen Kräften in mir herzustellen.
Der Text drückt auch viel Trauer über das Scheitern der Liebe und eines Miteinanders im gesellschaftlichen Lebens aus. Welche Auswege siehst Du da?
Aufhören, der Liebe so viel aufdrücken zu wollen. Die Fähigkeit zur Vergebung stärken. Und die Illusionen und Vorstellungen in Bezug auf Liebe loslassen , denn diese schmerzen meines Erachtens nach am Meisten.
Wenn wir offen bleiben für das, was wir fühlen und das, was ist, kann etwas Wunderschönes entstehen. Aber wir werten lieber, vergleichen uns und sind permanent abgelenkt von uns selbst, anstatt sich auf die wahren inneren Herzenswünsche auszurichten und zu entdecken, wie sie ausschauen.
Wir sind hungrig nach Liebe, tragen viele unerfüllte Bedürfnisse in uns und der Schmerz möchte einen Platz in unserem Herzen finden. Wir verweigern ihn anzunehmen, da wir es uns nicht zutrauen und glauben, dass sei zu viel für uns. Es braucht viel Mut und Vertrauen in uns selbst. Dann leiden wir viel weniger, auch wenn Dinge nicht so perfekt sind oder Menschen uns enttäuschen. Wir sehen dann auch den anderen in seinem Schmerz und seiner Aufgabe.
Was kannst Du als Frau und Künstlerin von „Undine geht“ in das Heute mitnehmen?
Unbeirrt und mutig seinen eigenen Weg zu gehen. Heute wie damals.
Was bedeutet Dir Natur?
Rückverbindung mit mir selbst und allem was ist, leichter nehmen zu können und mich an ihrer unbändigen Schönheit zu erfreuen.
Wie kann der moderne Mensch in Harmonie zur und mit der Welt leben?
Indem er bestrebt ist, Harmonie in sich selbst zu kreieren, indem er innere Ängste und Konflikte befriedet.
Was braucht Liebe immer, um zu wachsen, blühen?
Die Bereitschaft zu geben, dem anderen und sich selbst. Und die Erinnerung, dass man selbst Liebe ist.
Vertrauen.
Was lässt Liebe untergehen?
Zu viele Herzmauern und der daraus resultierende Mangel an Liebe zu sich selbst, denn dann reicht es nie.
Wie war Dein Weg zum Schauspiel?
Ich wusste nach der Matura nicht wirklich, welche berufliche Richtung ich einschlagen sollte und hab einfach die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule in Hamburg probiert. Zu meinem Erstaunen bin ich aufgenommen worden, aber es entwickelte sich nicht so toll. Nach 2 Jahren hab ich abgebrochen, aber es ließ mich innerlich nicht los und ich begann von vorne in Wien, wo ich dann 2005 meine Bühnenreife-Prüfung erfolgreich absolvierte.
Welche Berührungspunkte/Impulse mit/von Literatur gab es bisher in Deinen künstlerischen Projekten?
Da fällt mir spontan eine alte Theaterproduktion („Die Welle“) ein, in demmein Schauspielkollege und ich mit realen Schülern im Theater gespielt haben und ihnen und uns selbst die Anfälligkeit für faschistoides Handeln und Denken nahebrachten.
Es ist nicht etwas, dass nur andere Menschen betrifft, sondern es ist zum Teil auch in jedem von uns. Bewegungen entstehen und können leicht außer Kontrolle geraten.
Welche Impulse gibt es von der Natur für Dich persönlich?
Wenn es mir nicht gut geht, suche ich die Natur auf. Natur gleicht mich aus, beruhigt und nährt mich.
Außerdem sammle ich immer Steine, da kann ich nicht anders.
Was bedeutet Dir das Element Wasser?
Wasser bedeutet sehr viel für mich, in all seiner Vielschichtigkeit.
Wasser drückt das Selbst und das Leben aus.
Reinigung, tiefste Entspannung und Verbindung zu mir selbst, wenn das Wasser sich still oder einladend präsentiert.
Schonungslos, kraftvoll, zerstörerisch und sich seine Bahnen suchend, wenn es sich machtvoll bewegt und sich nicht zähmen lässt.
Wie lebst Du den Kreislauf der Jahreszeiten?
Ich gehe mit.
Welches Zitat aus „Undine geht“ möchtest Du uns mitgeben?
„Beinahe verstummt, beinahe noch den Ruf hörend. Komm.Nur einmal.Komm“
Darf ich Dich zum Abschluss zu einem Achrostikon zu „Undine geht“ bitten?
Derzeit gehe ich es sehr gemütlich an. Mir ist letztens aufgefallen, dass ich seit meinem Abschluss auf der Schauspielschule vor 10 Jahren jeden einzelnen Sommer gearbeitet habe. Diesen Sommer aber, habe ich beschlossen, gönne ich mir mal – wenn auch nicht den Ganzen. Anfang August beginnen die Proben für das nächste Projekt. Im Herbst spiele ich zum ersten Mal in Villach (Kärnten), der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, darauf freue ich mich schon sehr.
Aber bis dahin besteht mein Tagesablauf aus Ausschlafen, dann ewig Café trinken, Radio hören und irgendwas lesen, Kochen, Freunde treffen, Kino, Konzerte, Donauinsel kurz Urlauben und oft sitze ich einfach nur da und schaue. Wegen der extremen Hitze mache ich das sehr gerne auch Zuhause.
Rina Juniku, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Was mir wichtig ist, ist Verständnis zu haben und dies zu zeigen – selbst, wenn es nicht immer leichtfällt. Anderen mit Respekt und einer gewissen Grundhöflichkeit zu begegnen, auch wenn man verschiedene Ansichten vertritt – nach dem Motto „agree to disagree“. Und ich meine nicht, dass man keinen eigenen Standpunkt haben und den auch verteidigen soll, im Gegenteil. Nur würde ich mir weniger Aggression dabei wünschen. Also denke ich, dass es auch wichtig wäre, einfach mal ein bisschen lieb zueinander zu sein.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Eine Stimmung des Aufbruchs ist klar spürbar. Individuell wie gesamtgesellschaftlich. Im Großen wie im Kleinen. Es hat was Überwältigendes. Damit geht auch oft das Gefühl der Angst einher und die darf nicht Überhand gewinnen.
Keine Angst! Das ist wesentlich denke ich. Keine Angst, respektvolles Miteinander und viel Ausdauer. Wir dürfen nicht aufgeben, sonst haben wir schon verloren – jede/r Einzelne muss sich dessen bewusst sein.
Das gilt ganz besonders auch für die Kunst. Nur muss die Kunst nicht lieb sein sondern laut, ungemütlich und pur. Sie darf es nicht Recht machen wollen. Sie muss Missstände aufzeigen, in welcher Form auch immer. Und das radikal! Kunst schafft einen Raum in dem wir einander ganz intim begegnen. Das darf nie verloren gehen. Gerade für den Wandel (einer Gesellschaft) spielt Kreativität eine besonders wichtige Rolle, um mit Gewohntem zu brechen, neue Blickwinkel zu erschließen und möglicherweise sogar Lösungsspielräume aufzuzeigen – im Sinne sozialer Gerechtigkeit.
Was liest Du derzeit?
Im Moment eigentlich nur den Falter.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Du hast deine Kindheit vergessen, aus den Tiefen deiner Seele wirbt sie um dich. Sie wird dich so lange leiden machen, bis du sie erhörst. (Narziss und Goldmund v. Hermann Hesse)
Vielen Dank für das Interview liebe Rina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Andrea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Einen festgesetzten Tagesablauf habe ich nicht. Es gibt Recherche- Inspirationsphasen – meist vor dem Laptop oder mit Bücher. Danach die Konkretiesierungsphase mit Stift und Papier oder andere Materialien die ich zusammenklebe, fotografiere mit dem Laptop bearbeite und weiterentwickle. Dies leitet in die Realisierungsphase, Pläne zeichnen (wieder am Laptop), mit Menschen in Kontakt trete, in der Welt herumlaufe um genau das zu finden was ich suche und brauche. Die Intensivphase kurz vor der Fertigstellung des Projektes wird es nochmal besonders spannend. Jedes Einzelteil sollte schon da sein wo es sein sollte und wünscht sich eine letzte Überprüfung.
Da ich in verschiedenen Projekten mitarbeite, fallen diese Phasen meist auch aufeinander. Das bedeutet für meinen Tagesablauf, dass ich an jedem Tag immer etwas Anderes mache. Jedes Thema und jedes Projekt, bei dem ich mitarbeiten darf, hat eine andere Thematik, andere Schwerpunkte und verlangt nach einer individuellen Herangehensweise. Aber genau darum bin ich Bühnen – und Kostümbildnerin geworden.
Zurzeit befinde ich mich in Spittal, Kärnten in Quarantäne, also mein Tagesablauf ist sehr eintönig geoworden. Das wird sich hoffentlich bald wieder ändern.
Andrea Meschik, Bühnen-, Kostümbildnerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Aufgrund der Informationsflut die über uns jeden Tag hereinbricht, meist nicht von der positiven Sorte, neigt man zu misanthropischen Zügen. Besonders wichtig ist es für das eigene körperliche Wohlbefinden zu sorgen und die Stärke zu besitzen nicht die Hoffnung aufzugeben.
Gegenseitiger Respekt und Wohlwollen sollte an erster Stelle stehen und nicht von Neid verdrängt werden.
„Die Neider sterben wohl, doch niemals stirbt der Neid.“ (Moliére)
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Der Begriff Neubeginn und Aufbruch haben sofort etwas Aufregendes an sich. Vor allem, wenn man nicht weiß wo die Reise hingehen wird. Wir werden es miterleben und mitgestalten. Was Aufregenderes kann es gar nicht geben. Unsere Fantasie und unsere Vorstellungskraft sind nun gefragt, aber auch unsere Fähigkeit der Selbstreflexion.
Die Rolle der Kunst wird in der Gesellschaft immer seinen berechtigten Platz beibehalten. Sowie die Gesellschaft sich dreht und wendet wird auch die Kunst dementsprechend antworten. Es gilt die gesellschaftlichen Entwicklungen, Ungleichgewichte, Benachteiligungen weiterhin aufzuzeigen. Fluchtwege/ Auswege und Utopien wie Dystopien zu entwerfen und auszustellen, Lösungsvorschläge aufzuzeigen wie auch weiterhin wichtige Fragen zu stellen.
Was liest Du derzeit?
„Push“ von Sapphire
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Can you read the whole thing?“ I say, „A Day at the Beach.“ She says very good and closes the book. I want to cry. I want to laugh. I want to hug and kiss Miz Rain. She make me feel good. I never readed nuffin´before.
Vielen Dank für das Interview liebe Andrea, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Bühnen-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lisa Kröll, Schauspielerin _ Wien _ reenacting Romy Schneider, Schauspielerin (*1938 Wien +1982 Paris)
Liebe Lisa, gibt es Berührungspunkte zu Werk und Leben Romy Schneiders in Deinen bisherigen Schauspielprojekten?
Romy Schneider und ich haben beide in »Der Prozess« von Franz Kafka gespielt. Sie hat in der Verfilmung von 1962 unter der Regie von Orson Welles die Rolle der Leni verkörpert, ich die Frau des Gerichtsdieners in einer Dramatisierung von 2017 bis 2020 am Pygmalion Theater Wien unter der Regie von Geirun Tino.
Gibt es einen Film von Romy Schneider, den Du hervorheben möchtest und warum?
Romy Schneider war bis zu ihrem Tod davon überzeugt, keine wirklich bedeutenden Filme gedreht zu haben. Aber beim »Prozess« hatte sie zum ersten Mal das Gefühl, etwas Außerordentliches geleistet zu haben. Deshalb möchte ich der vorhin erwähnten Prozess-Verfilmung eine besondere Gewichtung geben.
Auf ihre »Sissi«-Filme, die sie weltberühmt gemacht haben, werde ich nicht näher eingehen, denn das würde Romy wohl nicht besonders freuen! Sie hat so stark dafür gekämpft, ihr »Sissi«-Image abzuschütteln, um sich beruflich weiterentwickeln zu können.
Unbedingt erwähnen möchte ich auch noch, wie professionell sie die Rolle in ihrem letzten Film »Die Spaziergängerin von Sans-Souci« gemeistert hat. So kurz nachdem ihr eigener Sohn mit 14 Jahren beim Überklettern eines Zaunes gestorben war, mit einem fast gleichaltrigen Jungen vor der Kamera zu stehen, war bestimmt schwierig!
Romy Schneider spielte in ihren Filmrollen sehr intensiv und ausdrucksstark, auch körperlich, und ging bis an die Grenzen des persönlich Möglichen. Etwa in den Filmen »Nachtblende«, »Trio infernale« oder »Die Spaziergängerin von Sans-Souci«. Wie siehst Du als Schauspielerin die Darstellerin Romy Schneider?
Ich feiere alle Schauspielerinnen und Schauspieler, die mit Leidenschaft ihren Beruf ausüben und beim Spiel nicht darauf achten, ob sie schön oder toll als Person rüberkommen oder sich selbst dabei wohlfühlen, sondern alle Energie in die Rolle stecken. Das schätze ich auch an Romy Schneider.
Wenn ich eine Rolle annehme, dann ebenfalls mit vollem Einsatz. Ich mag keine halben Sachen.
Müssen Mensch und Rolle sich immer ganz nah, intensiv berühren, um diese spielen und auch das Publikum berühren zu können?
Auch wenn Romy stets den Eindruck erweckte, ihre Rollen mit eigenen Erfahrungen auszufüllen, betonte sie selbst immer: »Jeder, der glaubt, ich sei wie in meinen Filmen, ist ein Idiot.« Das kann ich für meine Rollen am Theater nur bestätigen. (lacht)
Würdest Du einen Film von Romy Schneider gerne spielen und wenn ja, warum?
Bisher war ich als Schauspielerin sehr aktiv auf der Bühne, den Bereich Film habe ich jedoch stiefmütterlich behandelt. Die intensive Beschäftigung mit Romy Schneider hat aber mein Interesse für diese Sparte geweckt!
Es gibt von Romy Schneider sehr viele Fotoserien. Gibt es eine Serie, die Du hervorheben möchtest?
Mir gefällt die Fotoserie von Helga Kneidl aus dem Jahr 1973 besonders gut. Die Theaterfotografin hat drei volle Tage mit Romy in Paris verbracht, in dieser Zeit aber nur wenige Male den Auslöser gedrückt. Diese Bewusstheit spürt man in den Bildern. Es sind unglaublich pointierte, intime Momentaufnahmen entstanden, die in starkem Kontrast zu heutigen Bildern von Stars auf Instagram stehen, die sich rund um die Uhr selbst inszenieren können.
Auch die Aufnahmen des Fotografen Will McBride aus dem Jahr 1964 finde ich sehr gelungen, welche wenige Monate nach der Trennung von Alain Delon in einem Pariser Hotelzimmer entstanden sind.
Wie siehst Du Romy Schneider vor der Fotokamera? Ist sie da Schauspielerin oder Privatperson oder beides?
Meiner Meinung nach liebten die Kameras Romy Schneider. Ihre natürliche Art und die makellose Schönheit waren wie für das harte Kameraauge gemacht. Sie trat auch ungeschminkt vor die Linse – in ihrer Eigenschaft als Schauspielerin.
Auch unser Projekt ist ein szenisches Foto/Interviewprojekt. Wie hast Du Dich im Vorfeld darauf vorbereitet und was ist Dir dabei wichtig?
Ich habe viele Informationen über Romy eingeholt und versucht, ihre Persönlichkeit und ihre Faszination zu verstehen. Auch die beiden vorhin erwähnten Fotoserien von ihr habe ich als Inspirationsquelle verwendet.
Schön finde ich auch, bei solchen Projekten spontanen Impulsen zu folgen und zu beobachten, wohin sie einen führen.
Wie siehst Du das Spannungsverhältnis von Öffentlichkeit und Schauspielberuf bei Romy Schneider wie an sich?
Ich glaube, dass die Öffentlichkeit in diesem Beruf immer eine große Rolle spielt – schließlich leisten Schauspieler*innen ihre Arbeit nicht für sich selbst, sondern für ein Publikum.
In Romys Leben war die mediale Berichterstattung seit ihrer frühen Jugend allgegenwärtig und vermutlich muss man in diesem Beruf lernen, damit umzugehen. Aber als ein Pressefotograf – als Krankenpfleger getarnt – die Leiche ihres Sohnes fotografierte, wurde meiner Meinung nach eine Grenze überschritten. Romy Schneider fragte zurecht: »Wo ist da die Moral? Wo ist das Taktgefühl?«
Romy Schneider wechselte nach großen Schauspielerfolgen in den 1950ern das Filmgenre wie das Land. Wie siehst Du die Möglichkeiten persönlichen Entwicklungsweges im Schauspielberuf?
Veränderungen wie Ortswechsel können immer eine große Bereicherung sein und neue Projekte bieten. Das Genre zu wechseln birgt große Entwicklungsmöglichkeiten. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie mir in diesem Beruf jemals langweilig werden soll!
Wie war Dein Weg zum Schauspiel und welche Erfahrungen hast Du in Wien im Schauspielberuf gemacht?
Durch meine theaterbegeisterte Mutter kam ich schon früh mit dem Theater in Berührung. Aber dass »Schauspielerin« auch ein wirklicher Beruf ist und nicht nur eine Leidenschaft, wurde mir erst bewusst, als ich mich aus Neugierde nach der Matura an der Schauspielschule in Tirol beworben hatte – und aufgenommen wurde. Eigentlich war ich schon für »Vergleichende Literaturwissenschaften« an der Uni Innsbruck eingeschrieben, aber dieses Studium habe ich dann ganz spontan nicht angetreten. Zum Glück! Schauspielerin zu sein ist so ein wunderbarer Beruf! Genau so spontan habe ich im dritten Semester nach Wien gewechselt und dort 2018 mein Studium abgeschlossen. Schon während der Ausbildung wurden mir in Wien fordernde Rollen angeboten, und so bin ich »ungeplanter Weise« in der Hauptstadt geblieben.
Ich schätze die vielseitige Schauspielszene in Wien sehr und ich liebe die unzähligen kleinen wie großen Theater mit ihrem ganz besonderen Charme. Allerdings gibt es nicht genügend bezahlte Projekte, um alle Kunstschaffenden zu beschäftigen und Nachwuchsschauspieler*innen haben es oft schwer, eine Gelegenheit zu bekommen, gesehen zu werden.
Was wünscht Du Dir für den Schauspielberuf?
Dass eine Mindestgage in der freien Szene eingeführt wird. Leider glauben immer noch viel zu viele Arbeitgeber*innen in diesem Bereich, dass man mit der Liebe zum Beruf seine Miete und Lebensmittel bezahlen kann.
Was sind Deine kommenden Projekte?
Nach dem Solostück über Ulrike Meinhof, das ich bereits seit 2017 spiele, hat mich im Kontrast dazu ein weiteres, aber lustiges gereizt. Und vor kurzem ist mir genau so eines angeboten worden! Die Proben dafür sind schon fast in der Endphase und in wenigen Wochen werde ich es zeigen können. Zusätzlich habe ich laufende Stücke am Pygmalion Theater Wien wie »Die Schachnovelle« oder »Die Macht der Gewohnheit«. Eine Wiederaufnahmepremiere von »Die Suffragetten« ist für Juli geplant. Es gibt also viel zu tun!
Was möchtest Du Schauspielstudent*innen mitgeben?
Es ist ganz normal, in diesem Beruf klein anzufangen und Absagen zu bekommen. Bleib dran, wenn dein Herz für die Schauspielerei brennt! Otto Schenk erzählt zum Beispiel in seiner Biografie, wie er in seinen Anfängen vor ganz wenig Publikum gespielt hat – einmal sogar nur für eine Frau und ihre zwei Hunde …
Wie siehst Du die Umstände des Todes von Romy Schneider?
Der untersuchende Staatsanwalt beließ Romys Tod als Geheimnis, indem er keine Obduktion anordnete – dies hat zu vielen Spekulationen geführt. In der Presse wurde zunächst meist von einem Suizid gesprochen, die offizielle Todesursache im Totenschein ist »Herzversagen«. Eine mögliche Erklärung könnte der psychische Stress durch den Tod ihres Sohnes und eine Mischung aus Alkohol, Schlaf- und Aufputschmitteln sein, die für ihren geschwächten Körper zu viel waren.
Was kann man von Romy Schneiders Werk und Leben mitnehmen?
Dass man seiner Leidenschaft folgen und Veränderungen wagen muss! Die 13-jährige Romy notierte bereits in ihrem Tagebuch: »Wenn es nach mir ginge, würde ich sofort Schauspielerin werden. […] Jedesmal wenn ich einen schönen Film gesehen habe, sind meine ersten Gedanken nach der Vorstellung: Ich muß auf jeden Fall einmal eine Schauspielerin werden. Ja! Ich muß!« Diese Leidenschaft hat sie sich über all die Jahre behalten. Und sie hatte den Mut, in einem anderen Land mit fremder Sprache beruflich nochmals neu zu beginnen.
Romy Schneider hat auch viele Interviews gegeben. Gibt es ein Interview, das Dich besonders anspricht und möchtest Du vielleicht ein Zitat hervorheben?
»Man kann einen Augenblick lang nachdenken, aber dann muss man weitermachen. Stehenbleiben ist für mich nicht möglich. Man stürzt sich in die Arbeit, weil man es tun muss – und es hilft auch ein wenig zu vergessen.« So beantwortete Romy Schneider die Frage, woher sie so kurz nach dem Tod ihres Sohnes die Kraft nahm, mit einem fast gleichaltrigen Burschen einen neuen Film zu drehen.
Darf ich Dich abschließend zu einem Romy Akrostichon bitten?
Romantikerin sucht die wahre Liebe
Ohnmacht ob der Schicksalsschläge
Medien – nicht immer nur Freund und Helfer
Yesterday, all her troubles seemed so far away
Lisa Kröll, Schauspielerin _ Wien _ reenacting Romy Schneider, Schauspielerin (*1938 Wien +1982 Paris)
40.Todesjahr _ Romy Schneider, Schauspielerin (*1938 Wien +1982 Paris) _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:
Liebe Natalie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Am Morgen unterrichte ich Online Yoga. Damit habe ich gleich zu Beginn des 1. Lockdown begonnen und es ist immer noch ein schöner Start in den Tag.
Anschließend Ruderergometer, danach noch ein wenig Krafttraining und raus in die Au mit dem Hund. Ebenfalls im Lockdown hat sich eine Studiengruppe von Feldenkrais Practitioner gebildet. Wir treffen uns regelmäßig online und studieren intensiv die praktische und theoretische Arbeit von Moshe Feldenkrais. Er hat uns wertvolles Material hinterlassen, Bücher, originale Audio- und Videodateien. Aus diesen online Treffen ergaben sich neue Kontakte auf die nun weitere live Projekte folgen.
Ich reise auch wieder und freue mich auf die zukünftige Arbeit mit KollegInnen. „natureofself“ ist ein weiteres Projekt das ich in den letzten 2 Jahren weiterentwickelt habe. Hier verbinde ich u.a. Ideen und Erfahrungen der Feldenkrais Methode mit meiner künstlerischen Arbeit als Tänzerin und Performerin.
Auch im Alltagsstress Möglichkeiten zu finden, um sich seiner selbst und der Umwelt bewusst zu werden. Etwas zu tun, dass uns gut tut, uns stärkt, weiterhin Zeit zu haben für sich und die Lieben.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Mehr als Aufbruch und Neubeginn nehme ich Veränderung und Flexibilität war. Kunst und Kreativität finden statt, auch in den letztlich 2 Jahren. Unabhängig von Standorten zeigt sich deren Kraft dank des menschlichen Schaffenswillen.
Was liest Du derzeit?
Ich habe mir jetzt zum ersten Mal eine Graphic Novel zugelegt. Das ist für mich ein neues Genre. Ich bin gerade erst am Anfang mit dem Buch, kann also noch nichts dazu sagen, freu’ mich aber darüber.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Moshe Feldenkrais South Bend Workshop, September 1980 : The next sign of good health: […] a system that can not take a shock and recover is a weak system. Any healthy system can take a shock and recover, fall and recover, be knocked about and recover: that’s a healthy system. It’s not a system that can avoid being in danger. It’s a system that can take risks because it can recover.
Vielen Dank für das Interview liebe Natalie, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Tanz-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Marco, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Da ich mich zur Zeit im Urlaub am Meer befinde, beginnt mein Tag mit schwimmen.
Danach frühstücke ich, anschließend lese oder schreibe ich etwas. Ich versuche gerade ein Buch fertigzustellen, dass ich diesen Sommer beenden möchte. Nach dem Mittagessen ruhe ich mich aus, die klassische Siesta. Dann wird wieder gelesen, geschrieben und am späten Nachmittag geht es wieder ans Meer. Hin und wieder mache ich mit meiner Familie Ausflüge.
Marco Grosse, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wir müssen innerlich wieder frei werden. Freiheit ist ein Wort, das zuletzt selten vorkam, dessen Bedeutung oft missverstanden wird. Wir müssen offen bleiben und uns nicht in einer Blase verschließen. Dies könnte andernfalls längerfristig zu Intoleranz und Furcht vor Andersdenkenden führen. Toleranz heißt, die Existenz anderer Meinungen zu akzeptieren, sich mit anderen Vorstellungen auseinanderzusetzen und bereit zu sein, sich auch überzeugen zu lassen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Sicherlich ist in den letzten Jahren durch eine Reihe von Ereignissen einiges aus dem Gleichgewicht geraten. Grundlegende gesellschaftliche Mechanismen müssen wieder verstanden werden. Werte, die überzeugt haben, sollten bestätigt werden. Jetzt bieten sich aber auch viele Möglichkeiten einer Neuausrichtung an. Alle Kulturschaffenden sind gefragt, das Denken zu fördern und von jedem zu fordern. Sich nicht mit Vorgegebenem zufriedengeben, auch zu hinterfragen, gesellschaftliche Missstände aufzuzeigen, zu Neuem zu stimulieren, das ist eine wichtige Aufgabe der Literatur und der Kunst.
Was liest Du derzeit?
Massimo Bontempelli, „Gente nel tempo“.
Joachim Sartorius, „Die Prinzeninseln“.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Hannah Arendt: „Kein Mensch hat (nach Kant) das Recht zu gehorchen.“
Federico Fellini: „Der einzig wahre Realist ist der Visionär.“
Vielen Dank für das Interview lieber Marco, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Marco Grosse, Schriftsteller
Foto_privat
9.7.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.