„einander aufmerksam zuhören“ Gerda Prantl, Künstlerin _ Wien 12.7.2022

Liebe Gerda, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment genieße ich es sehr, wieder an Ausstellungsformaten teilzunehmen, in denen „in situ“ ein unmittelbarer und weitgehendst uneingeschränkter Dialog mit den Ausstellungsbesucher:innen stattfinden kann. Wie sehr diese offenen Formen des künstlerischen Austausches in sämtlichen Kunst- und Kulturräumen zuletzt vermisst wurden, konnte ich auch bei meiner Schau „Les deux animaux ont la langue bleue“ (07.05. – 29.05.2022) im Kabinett des Barockschlössls Mistelbach, an den zahlreichen Besucher:innen während des Eröffnungsabends mit einem Live-Konzert des Jazzduos „Related Two“, spüren.

Gerda Prantl _ Künstlerin 

Aktuell arbeite ich intensiv an einer Reihe von „in den Raum tastenden Zeichnungen“, die sich als Kartographien fragmentierter, re-kombinierter, teils anamorphotischer Körper lesen lassen und gewissermaßen zwischen Schrift und Körperlichkeit oszillieren. Zunächst ornamental anmutende, dekorhafte Muster und Formationen entwickeln als Fingermorphs und -kreaturen auf makroskopischer Bildebene ihr Eigenleben. Körpernahe traumhaft anmutende Textfragmente, in die sich körperhafte Elemente eingeschrieben haben, formen bzw. formulieren wiederum diese Körper erst, indem sie sich mit zeichnerischen Elementen verbinden und als repetitive Gesten ein Begehren des Anderen (A, a) markieren.

Wenn ich nicht gerade am Zeichenbrett bzw. Zeichentisch anzutreffen bin, sitze ich an meiner Nähmaschine, um für installative Arbeiten dreidimensionale Körperhüllen zu schaffen, befinde mich auf einem Spaziergang in der Prater Hauptallee, auf der Suche nach passenden Verstecken für meine „pushmi-pullyus“ – schlangenartige Textilobjekte mit zusammenfügbaren Modulverbindungen – oder besuche selbst gerade Ausstellungen von Künstler:innen und Künstlerfreund:innen, aber auch Museumsausstellungen, wie zuletzt: „In search of humanity“ (Ai Wei Wei). In den verbleibenden Zwischenräumen und Zeitfenstern beschäftige ich mich mit der „grammaire abrégée“ der „langue bleue“ oder „blauen Sprache“.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich habe in meiner Auffassung von Kunst und Welt immer vermeintliche Endpunkte und Grenzlinien als Portale wahrgenommen, die sobald man deren Schwelle überschritten hat, den Blick auf intertextuelle Zusammenhänge und verbindende Achsensysteme freigeben. Momentan erfahren „wir“ als Europäer diese Interdependenzen nicht mehr aus einiger bequemer Entfernung, sondern sind unmittelbar bis in die Spitzen der Politik in unterschiedlicher Intensität betroffen und gefordert. Ich denke, auch wenn es noch so einfach klingen mag, dass es derzeit zu den wichtigsten Dingen zählt, einander aufmerksam zuzuhören, neben der eigenen, möglichst vielen Stimmen dazu zu verhelfen, zu Sprecher:innen zu werden.

Die blaue Sprache, die ich zuvor schon erwähnt hatte, zählt zu den konstruierten Sprachen und wird nach ihrem Erfinder Léon Bollack auch „Bolak“ genannt. Die utopische Idee einer (Welt)sprachgemeinschaft geht mit dem Bedürfnis nach Verständigung über Grenzen hinweg einher. Ich lasse die blaue Sprache in meinen Zeichnungen in einer Vielheit zu Wort kommen, sie in (blauen) Zungen sprechen. Eine Zwischenwelt aus Schriftkörpern, Textfragmenten in unterschiedlichen Sprachcodes, verortet und verzeichnet (Um)wege des Denkens, schlingt Text- und Bildwelten ineinander, eröffnet Fenster zwischen Wachen und Träumen, sucht erfundene, vergangene und zukünftige Orte auf. Aus blau flammendem Flackerlicht wuchert Fingerbrut aus Granatäpfeln und fragt nach „our own modern utopia?“

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Auf die Frage nach einem Neubeginn hin, muss ich an die Geschichte „The Egg and the Chicken“ denken. Zu Beginn dreht sich alles um Betrachtungen über ein Ei und später dessen Verhältnis zur Henne. „Seeing an egg is always in the present: No sooner do I see the egg than I have seen an egg, the same egg which has existed for three thousand years. The very instant an egg is seen, it becomes the memory of an egg. The only person to see an egg is someone who has seen it before. Like a man who, in order to understand the present, must have had a past.“ Dinge die im Heute geschehen, können zum Teil über Erinnerungen an ein Gestern in neuem Licht erscheinen und weisen unter Umständen zunächst im Verborgenen gebliebene vordergründige Parallelen auf. Gleichzeitig kursieren und ranken sich je nach Betrachtungsperspektive oft plurale Geschichten um ein und dasselbe dreitausend Jahre alte Ei.

Wenn man nun von „der Kunst“ an sich sprechen will, so glaube ich, dass Künstler:innen als ihre Urheber:innen immer wieder gezeigt haben, dass sie nicht nur über sich selbst reflektiert, sondern auch Stimmen und Geschichten in einer Gleichzeitigkeit auftreten lassen kann, ohne sie dabei eben bloß zu nivellieren, illustrieren oder deren Bedeutung einzuebnen, wenn man Geschichten als Vehikel für eine Aktivierung der Zukunft aufschlagen will. Auch ein subjektives Erinnern scheint mir genau dann wichtig, wenn es darum geht, Neues zu schaffen. Um die Souveränität jedes:r Einzelnen innerhalb einer Gesellschaft/Gemeinschaft zu wahren und gewisse „parallel chapters“ der Vergangenheit nicht zu wiederholen, braucht es auch die Solidarität jedes:r Einzelnen, den:die Sprecher:in eingeschlossen. Es braucht auch Politiker:innen, die diese Solidarität im Sinn einer Willkommenskultur vertreten und entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen dafür schaffen.

Was liest Du derzeit?

Während meiner letzten Reise, die mich nach Kopenhagen führte, bin ich neben Künstler:innen wie Anne Haaning oder Åke Hodell auch auf die dänische Autorin Tove Ditlevsen und ihre Kopenhagen-Trilogie gestoßen. In Zusammenhang mit meiner aktuellen Werkserie, lese ich immer wieder in Büchern nach, die ich als „körpernahe Traumtexte“ auffasse, darunter „Hypertraum“, Hélène Cixous, Clarice Lispector, „Agua Viva“, „Brenntage“, Michael Stavarič, „The Illustrated Man“, Ray Bradbury, aber auch „Zeichen auf der Haut“, Stephan Oettermann und „Was sie schon immer über Lacan wissen wollten und Hitchcock nie zu fragen wagten“, Slavoj Žižek oder Texte von Jorge Luis Borges. Abgesehen von dieser Auswahl, lese ich im Moment „Afropäisch“ von Johny Pitts, der dieses Buch zwischen Reportage und literarischem Essay angesiedelt hat.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe mich kürzlich wieder an diese Textpassage aus Clarice Lispectors „Agua Viva“ erinnert. Die Autorin wurde in der Ukraine geboren und ist aufgrund wieder aufflammender Pogrome während des Russischen Bürgerkrieges 1920 mit ihrer Familie über Rumänien nach Brasilien ausgewandert.

„You will no doubt ask me why I look after the world. It´s because I was born charged with the task.

As a child I looked after a line of ants: they walk single file carrying a tiny piece of leaf. That doesn´t keep each one from communicating something to the ones coming the other way. Ant and bee ar not it. They are they.

[…]

Inside each little ant fits a whole world that will escape me if I´m not careful. For example: an instinctive sense of organization, language beyond the supersonic, and feelings of sex fit in the ant. Now I can´t find a single ant to look at. I know there wasn´t a massacre because otherwise I´d have already heard.

Looking after the world also demands a lot of patience: I have to wait for the day when an ant turns up.

I just haven´t found anyone to report back to. Or have I? Since I´m reporting back to you right here.“

Vielen Dank für das Interview liebe Gerda, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Gerda Prantl, Künstlerin 

https://gerdaprantl.tumblr.com/

Fotos_Gerda Prantl

7.6.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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