„Sag Alex, er soll nicht auf mich warten“ Irene Diwiak. Roman. C.Bertelsmann Verlag. 2023.

Februar 1943. Der Krieg tobt. Doch es gibt Widerstand. Die „Weiße Rose“, Münchner Studenten:innen drucken, versenden und verschicken Flugblätter, in dem sie den verbrecherischen Krieg des nationalsozialistischen Deutschland anklagen und zum entschlossenen Kampf dagegen aufrufen.

Am 18.Februar verteilen Hans Scholl und seine Schwester Sophie Flugblätter in der Münchner Universität. Die letzten Blätter lässt Sophie in den Lichthof der Universität flattern. Der Hausmeister sieht sie und hält sie fest, bis die Gestapo eintrifft.

In den Verhören geben sie schließlich nach der Entdeckung von Materialien in ihrer Wohnung das Verfassen und Verteilen der Flugblätter zu. Es kommt zu einem raschen Gerichtstermin. Roland Freisler spricht ein Todesurteil, das am 22.Februar vollstreckt wird und Geschwister, Freunde in den Tod reißt. Doch der Widerstand lebt weiter, in allem Schmerz von Familie, Freunden, Kollegen:innen.

Doch wie war der Weg der Freundschaft zwischen Hans und Alex? Was bewegte die jungen Studenten in diesen Kriegstagen? Und wie gingen sie einen gemeinsamen Weg inmitten von Tod und Krieg…

Irene Diwiak, mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin, legt mit ihrem dritten Roman einen literarisch wie historisch spannenden Zugang zu Leben und Widerstand der Gruppe der „Weißen Rose“ vor.

Es gelingt in Konzeption und Erzählfolge beeindruckend Leserin und Leser in Zeit, Situation im Kontext unmittelbaren Lebens, Heranwachsens in allen Träumen, Herausforderungen, Verzweiflung und Hoffnung mitzunehmen und einer Freundschaft zu folgen, die Mut, Vertrauen und Entschlossenheit auszeichnet.

Ein Roman, der historisches wie biographisches Wagnis und Experiment ist, das in höchster psychologischer Sensibilität und Präzession zur literarischen Ausnahmerscheinung wird, die erschüttert wie begeistert.

„Ein Roman, der erschüttert und begeistert, bis zur letzten Seite nicht loslässt!“

Walter Pobaschnig 5/23

Irene Diwiak, Schriftstellerin

Irene Diwiak_

Zur Person_ Irene Diwiak, geboren am 10. Dezember 1991 in Graz, aufgewachsen in Deutschlandsberg, Studium der Judaistik, Slawistik und Komparatistik in Wien. Nebenher viel Theater, auf und hinter der Bühne. Zahlreiche Literaturpreise, u.a. bei der Jugendliteraturwerkstatt Graz (2005, 2008), FM4-Wortlaut (2013), Theodor-Körner-Förderpreis (2015), Jurypreis beim Autorenwettbewerb der Nibelungen-Festspiele Worms (2015), Förderpreis der Stadt Graz (2018), Stipendiatin am Literarischen Colloquium Berlin (2019), Literaturstipendium der Stadt Graz (2020), Stipendium für Dramatik der Stadt Wien (2021). Ihr Theaterstück „Die Isländerin“ wurde 2016 in Worms uraufgeführt. Ihr Debütroman „Liebwies“ erschien 2017 bei Deuticke (Taschenbuchausgabe 2019 bei Diogenes) und stand auf der Shortlist für den Debütpreis des Österreichischen Buchpreises. Ihr zweiter Roman „Malvita“ ist 2020 bei Zsolnay erscheinen. Ihr dritter Roman erschien 2023 bei C. Bertelsmann, München.

Eine vollständige Liste aller Preise und Auszeichnungen findest du auch hier.

Sag Alex, er soll nicht auf mich warten, Irene Diwiak. Roman. C.Bertelsmann Verlag. 2023.

ORIGINALAUSGABE

Hardcover mit Schutzumschlag, 368 Seiten, 13,5 x 21,5 cm

ISBN: 978-3-570-10468-2

Erschienen am  22. Februar 2023

https://www.penguinrandomhouse.de/Buch/Sag-Alex-er-soll-nicht-auf-mich-warten/Irene-Diwiak/C-Bertelsmann/e598239.rhd

Foto_Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig 5/23

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Station bei Malina _ „Einerseits diese unheimliche Kraft und andererseits diese schonungslose Zerbrechlichkeit“ Mara Christine Koppitsch, Schauspielerin _ Wien 28.5.2023

Mara Christine Koppitsch_Schauspielerin _ Wien _
Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_ Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)

Liebe Mara Christine Koppitsch, herzlich willkommen im „Ungargassenland“! Wir sind hier an literarischen Bezugsorten des Romans „Malina“ (1971) von Ingeborg Bachmann in Wien. Sind Dir die Orte hier vertraut?

Das Ungargassenland, wie es in Malina so schön genannt wird, und die umliegenden Orte hier im 3. Bezirk sind mir nicht vertraut. Der Stadtpark, welcher auch im Roman erwähnt wird, ist mir schon vielmehr Begriff. Ab und an drehe ich dort eine Runde, sehe den Enten im und am Teich zu oder setze mich ins Gras.

Fasziniert hat mich der Durchgang >Sünnhof<, also die kleine Gasse welche am Mercure Grand Hotel Biedermeier vorbeiführt und die Landstraßer Hauptstraße mit der Ungargasse verbindet. Ich fühle mich dort wie in einer anderen, einer kleineren Stadt und als wäre ich in eine frühere Zeit versetzt worden. Versetzt. Verreist. Ich hätte absolut nichts dagegen in diesem Biedermeier-Hotel ein paar Tage zu nächtigen um Ivan, Malina und der Erzählerin auf die Spur zu kommen.

Welche Bezüge und Zugänge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann und dem Roman Malina?

Ehrlich gestanden, habe ich erst im Laufe des letzten Jahres begonnen mich vermehrt mit Ingeborg Bachmann zu beschäftigen. Davor waren mir nur einige ihrer Gedichte bekannt. Außerdem hatte ich gehört, dass der Briefwechsel zwischen Bachmann und Celan etwas Besonderes wäre.


In unserer Performance „Vollempfänger“ (Champagnerperlen, 2019) hatten wir ein Gedicht Bachmanns thematisiert:

Auf der obersten Terrasse

Von der obersten Terrasse

habe ich springen wollen,

zu Fuß bin ich Hintertreppe

hinaufgegangen, für die

Dienstboten und habe an der Tür

gehorcht, auf das Lachen in

meinen Zimmern, das hat mich ent-

mutigt, Einen Leichnam, gleich

nach dem Frühstück, hättest du

schlecht ertragen

Spannenderweise hatten wir in derselben Produktion einen Auszug aus Schönbergs Pierrot Lunaire Op. 21 dabei. Dieses Werk ist nun auch in Malina Thema.

Malina stand schon auf meiner ‚imaginären Leseliste‘ und ich hatte es bereits mehrmals begonnen zu lesen, aber mir erst die letzten Wochen aufgrund dieses Fotoprojekts wirklich die Zeit dafür eingeräumt. Das Werk hat mich in mehreren Bereichen und Ebenen angesprochen. Einerseits die unheimliche Kraft und andererseits die Zerbrechlichkeit der Erzählerin machen den Roman so fein und dicht. Alles präzise verwoben. Doch auch Platz für Löcher. Die dürfen sein, sie sind gesetzt. Gegensätze. Der innere Kampf mit sich selbst, mit der Umgebung, der Welt. Die vielen Stimmen außen und im Innern, die flüstern oder dröhnen. Sich selbst befragen ob man ‚richtig‘ ist. Der Zugang zu sich selbst und zu den Mitmenschen, der oftmals ‚entwischt‘… Durch viele Fragen. Durch Ängste. Durch Träume. Die so plötzlich kommen und starr machen können.

Welche Eindrücke hast Du von den Schauplätzen in der Ungargasse, die wir besucht haben?

„Noch nie hat jemand behauptet die Ungargasse sei schön, oder die Kreuzung Invalidenstraße-Ungargasse habe ihn bezaubert oder sprachlos gemacht.“ (S.12*) *Dieses und alle weiteren Zitate mit Seitenangabe stammen aus dem Roman Malina von I. Bachmann, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1971

Die Ungargasse ist im Grunde keine Gasse, sondern eine breite Straße mit immerhin wenig Verkehr. Wie schon in Malina beschrieben kann man hier auf den ersten Blick wenig ‚Aufregendes‘ entdecken.

„Ich gehe am besten nach Hause, ich stehe um drei Uhr früh an der Ungargasse 9 gelehnt, mit den Löwenköpfen zu beiden Seiten“ (S. 178)

Hinter dem Tor mit den Löwenköpfen der Ungargasse 9 verbirgt sich jedoch ein schöner Innenhof mit einem Brunnen und dahinter erreicht man über ein Treppchen eine kleine Grünfläche mit einem Meer aus Efeu. Dieser Ort spiegelt   Bachmanns Roman wider – Schönheit, Stille, Romantik, auch Tristesse, Einsamkeit und Wildheit. Ein auffälliger Spalt in der Mauer „lockt an“ um durch ihn zu verschwinden.


Im Hof kann man sich Ivans Kinder Béla und András beim Spielen vorstellen… Der Brunnen – Wasserspiele sind vorprogrammiert. Ein lauer Sommerabend, Geräusche spielender Kinder, ein angenehmes Lüftchen weht, ein Fenster im obersten Stock ist geöffnet, man vernimmt das Klingeln eines Telefons…
 „Hallo. Hallo? Wie es mir? Und dir?“  (S. 36)

Über die Stiege im obersten Stock des Hauses angekommen, steht man vermutlich vor Ivans Tür. Man kann den Zigarettenrauch riechen der durch die Ritzen der Türe zieht. Da – eine höhere und eine tiefere Stimme, die sich angeregt über die besten Schachzüge unterhalten (– nur im Spiel oder auch im echten Leben?).

Wie siehst Du den Aufbau und das Konzept des Romans?

Da ich weder Literaturwissenschafterin noch Germanistin noch Schriftstellerin (…) bin, kann ich keine tiefgreifende Analyse dazu geben. Außerdem sind bereits zahlreiche Abhandlungen und Kommentare zu diesem Roman verfasst worden. Deswegen werde ich mich höflich zurückziehen und nur wenige kurze eigene Gedanken schreiben: Die kurze Personenbeschreibung zu Beginn verleiht dem Werk eine theatrale Note. Schon ist man Vorort und die Bühne wird bespielt. Mittendrin statt nur dabei.
Kapitel eins, die Erzählerin stellt Ivan in den Mittelpunkt. Es schwingt der Frühling mit, zumindest Anfangs.
Das Kapitel zwei rückt vom Leben außerhalb der Vierwände ab und zieht sich in die Welt der Alpträume zurück. Mit einer Vaterfigur, die diverse Arten von Gewalt ausübt. Das lesen der meisten Passagen (zumindest für mich) eine Qual.
Kapitel drei mit Schwerpunkt auf Malina lässt die Erzählerin nach und nach verschwinden. Der Spalt.
„Es war Mord.“ (S. 355)

Was sind für Dich zentrale Themen und Aussagen des Romans?

Zwei der vielen Passagen die mich berühren und schon einiges über die Erzählerin aussagen:

„Es sollte dir immer gutgehen.
Aber doch nicht mir, warum denn mir!“ (S.45)
—–
„Ich bin die erste vollkommene Vergeudung, ekstatisch und unfähig, einen Gebrauch von der Welt zu machen, und auf dem Maskenball der Gesellschaft kann ich auftauchen, aber ich kann auch wegbleiben, wie jemand, der verhindert ist oder vergessen hat, sich eine Maske zu machen, aus Nachlässigkeit sein Kostüm nicht mehr finden kann und darum eines Tags nicht mehr aufgefordert wird.“ (S.264)

Die Themen die in diesem Roman behandelt werden, erstrecken sich vom Frausein und dem Frauenbild der Nachkriegszeit (z.B. das Definieren einer Frau über den Mann/die Männer) über die Figur des gewalttätigen Vaters der seine Familie beherrscht, die Dynamiken einer Gesellschaft, Kategorien die so schnell eingeführt sind und schwer wieder aufgelöst werden bis hin zur Sprachlosigkeit. Sprachlosigkeit der eigenen Person aber auch Sprachlosigkeit in der Gesellschaft. Gewalt – psychisch und physisch – wird stark thematisiert.
Gewalt wird doch oftmals durch gewisse Sprachlosigkeit hervor g e r u f e n. Alpträume und Traumata gesellen sich dazu.

Außerdem: Angst und Unsicherheit. Zweifel an sich selbst. Sich fremd fühlen… Abhängig von der eigenen (psychischen) Verfassung mal mehr mal weniger – alles schwankt.

Trotz alledem -die Erzählerin besitzt eine irrsinnige Kraft und einen starken Willen (der gern belächelt wird). Sie hat das Verlangen gehört und angehört zu werden. Man kann oftmals ein Augenzwinkern herauslesen. Der Sarkasmus kommt nicht zu kurz.
Die Erzählerin versprüht Hingabe, Leidenschaft, Mut.

Welchen Einfluss hatte und hat der Roman auf die Entwicklung von Literatur, Kunst und Emanzipation und Gesellschaft?

Einen großen denke ich. Gerade auch von Personen aus der Generation meiner Mutter habe ich über den wichtigen Einfluss dieses Romans bezüglich Emanzipation und Frauenbild gehört.
Ich bin wirklich froh, dass viele mutige und wunderbare Frauen, wie Ingeborg Bachmann, uns Nachgekommenen – sei es im Privaten, in der Gesellschaft oder in der Kunst- schon so viel erleichtert und ermöglicht haben.

Was sind Deine derzeitigen Projektpläne?

Das nächste eigene Projekt ist eine Performance – Schauspiel, Musik, Visuals, Choreo mit einem Freund und Kollegen der MDW außerdem einer tollen Kostümbildnerin. „Ecce Homo“. Angelehnt an Nietzsche. Ingeborg Bachmann erwähnt diesen Titel auch in ihrem Roman, da musste ich beim Lesen schmunzeln.

Hättest Du mit Ingeborg Bachmann gerne einen Tag in Wien verbracht und wenn ja, wie würde dieser aussehen?

Natürlich hätte ich sie gerne getroffen. Wäre anfangs bestimmt nervös gewesen und mir ein bisschen dumm vorgekommen. Aber nachdem wir uns hoffentlich gut ‚eingegrooved‘ hätten, hätte ich sie gebeten mit ihren Lieblingsort in Wien zu zeigen – ob drinnen oder draußen egal. Dann vielleicht in ein Museum, nach Absprache. Zum Abschluss ins Café um über Gott und die Welt zu reden und einen Buch-/Lesetipp zu bekommen.

Darf ich Dich abschließend zu einem Malina Akrostichon bitten?

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Mara Christine Koppitsch_Schauspielerin _ Wien _
Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_ Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)

Station bei Malina_Roman Ingeborg Bachmann_Wien_1971

im Interview und szenischem Fotoportrait_

Mara Christine Koppitsch_Schauspielerin _ Wien _

2023 _ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_ Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)

Interview und alle Fotos_Romanschauplatz _ Malina_Wien _ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 5_23

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„Trotz allem (gut) zu unterhalten“ Tom Liehr, Schriftsteller _ Berlin 18.5.2023

Lieber Tom Liehr, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe auf und versuche anschließend, einen guten Tag zu haben und den Menschen um mich herum dabei nicht allzu sehr auf den Sack zu gehen. Oder ihnen sogar dabei zu helfen, möglichst auch einen guten Tag zu haben.
Wenn ich eine Schreibphase habe, klotze ich von morgens bis nachts ran und mache sonst fast nichts anderes. Abends trinke ich beim Schreiben manchmal Bier und hole am Kneipentresen Nebenfiguren ab.

Tom Liehr, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das gleiche wie immer: Augen auf und durch.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich bin in Sorge, dass die Rolle von Kunst und Literatur überschätzt wird, und dass viele bei all dieser (Selbst-)Überschätzerei dann vergessen, gute Kunst und Literatur zu machen. Wir sind in erster Linie Unterhalter. Und das ist dann auch die Aufgabe, die besondere Rolle: Trotz allem (gut) zu unterhalten.

Was liest Du derzeit?

Die letzten Seiten von „The Shards“ von Bret Easton Ellis, danach dann Anselm Nefts “Die bessere Geschichte“, darauf freue ich mich schon sehr

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Freiheit bedeutet nicht, alles tun zu können, was man sich leisten könnte. (Das sagt die männliche Hauptfigur meines kommenden Romans, aber es kann sein, dass das ein unbeabsichtiges Plagiat ist. Ich forsche noch.)

Vielen Dank für das Interview lieber Tom, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Tom Liehr, Schriftsteller

Zur Person_Tom Liehr wurde in Berlin geboren, wo er heute noch mit seiner Familie und zwei Katzen lebt. 1990 wurde er Erst- und Drittplatzierter beim »Playboy-Literaturwettbewerb«, dem späteren »Gratwanderpreis«. Seither hat Tom Liehr unzählige Kurzgeschichten in diversen Publikationen und zwölf Romane bei Aufbau und Rowohlt veröffentlicht, zuletzt »Freitags bei Paolo« (Aufbau, 2022). Sein Bestseller »Leichtmatrosen« wurde für die ARD verfilmt. Er hat den »Putlitzer Preis« erfunden, ist Gründungsmitglied des »42erAutoren e.V.« und des PEN Berlin.

Mehr Informationen: www.tomliehr.de

Foto_privat


8.3.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Vielheit in der Einheit“ Katerina Teresidi, Künstlerin _ Give Peace A Chance _Wien 17.5.2023

GIVE PEACE A CHANCE

White_Moon_Goddess_2022
Mag.art Katerina Teresidi,folgende
Marchfeldgrün_75x48cm_Öl_auf_Leinwand_2020_
white_moon_Goddess_face_Teresidi_2022
Gletscher
Eisberg_95x135_Acryl_auf_Leinwand_2018_Teresidi
Brahmin2_80x100cm_acrylic_on_canvas_2014
Eisschollen_80x100cm_Acryl_auf_Leinwand_2017
Wasserspiegel_40x40cm_Mischtechnik_auf_Leinwand_2018_Teresidi
Gebirgskette
Mag.art Katerina Teresidi,, Künstlerin

Vielheit in der Einheit.

Buddhistische Mandalas, islamische Ornamente, das Mandelbrotprinzip
erinnern an Welten in Welten.
Ich beobachte viele Welten in einer Einzigen.



Welten in jedem Haus, in jedem Selbst –
zahlreiche offene und geschlossene Türen.
Jedes Lebewesen ist eine Tür,
jede Tür führt zum Selben.



Wir alle sind Ausprägungen einer Lebenskraft,
die uns zusammenhält und uns belebt.
Illusion der Trennung ermöglicht Entwicklung,
Bewusstsein und Leid.



Stufenweise Entwicklung, Wachsein
bedeuten Aufmerksamkeit gegenüber sich Selbst und Anderen
gegenüber jedem Gedanken, jedem Wort!
Unbegrenzte Schöpferkraft bedarf Verantwortung.



Selbstliebe ohne Egoismus, Selbstbefreiung.
Spielen erlernen mit Energie, Sensibilität
ermöglichen Liebe gegenüber der Einheit.


Mag.art Katerina Teresidi, Mai 2023

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Mag.art Katerina Teresidi, Künstlerin

Fotos _ Katerina Teresidi Fotos Portrait_Helmut Sagmeister

Walter Pobaschnig _ 4.5.2023

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„Wir müssen Kunst und Literatur vor der Instrumentalisierung für kriegerische Zwecke bewahren“ Gisbert Amm, Dichter _ Joachimsthal/D 17.5.2023

Lieber Gisbert Amm, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Montag bis Donnerstag arbeite ich von neun bis fünf in meinem Brotberuf als Softwareentwickler; seit der Pandemie ausschließlich im Home Office, was mir drei Stunden Pendelei am Tag erspart. Vorher musste ich nach Berlin ins Büro fahren. Insofern bin ich ein Pandemie-Gewinnler.

Abends wird gelesen, und geschrieben oder ich gehe raus in die wunderbare Eiszeitlandschaft der Schorfheide mit ihren Hügeln und Seen. Oder ich fahre dann doch nach Berlin, meist zu Lesungen.

Freitags arbeite ich nicht, so dass der Tag theoretisch ganz dem Schreiben vorbehalten ist. Aktuell bin ich aber immer noch mit der Abwicklung des Lyrikhauses beschäftigt, so dass nur wenig Kraft und Zeit für das eigene Schreiben bleibt. Aber das wird sich im Laufe der nächsten Monate ändern. Solange bleibt es beim ungesunden Schlafmangel, weil ich oft unter der Woche doch bis ein oder zwei Uhr nachts mit Schreiben und Lesen beschäftigt bin. Eine typische Eule eben.

Gisbert Amm, Dichter

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

2023 ist das Jahr der künstlichen Intelligenz. Diese wird unser Leben auf ähnliche Weise umkrempeln wie es die Smartphones und die fortschreitende Digitalisierung getan haben und noch immer täglich tun. Wenn man unser heutiges Leben mit dem vor 15 Jahren vergleicht, als das Smartphone noch als Spielzeug von ein paar wirren Displaystreichlern belächelt wurde, kann man erahnen, welche Umwälzungen in den nächsten 15 Jahren auf uns zukommen. Nur dass diesmal auch der Aspekt der künstlerischen Produktion unmittelbar betroffen ist. Ich gehöre allerdings nicht zu jenen, die das prinzipiell ablehnen. KI wird ein neues Werkzeug für den Menschen werden und neue Dinge ermöglichen, die wir uns noch wenig vorstellen können. Ähnlich wie das Anagrammieren sich durch den Computer verändert hat. Ich habe ja noch Pappkärtchen herum geschoben.

Der Mensch wird stark auf die Frage zurückgeworfen, was ihn eigentlich zum Menschen macht. Und dabei spielt die Körperlichkeit eine zentrale Rolle. Wie es Andreas Gryphius formuliert hat: „Was sind wir Menschen doch! Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen“. Der körperliche Schmerz, den die Maschine nicht empfinden kann, macht uns zum Menschen. Aber natürlich auch die schönen Gefühle.

Gleichzeitig mit dem enormen technologischen Umbruch feiern archaische Gewalt- und Zerstörungsmuster in Politik und Gesellschaft fröhliche Urständ. Das ergibt eine explosive Kombination, die mir große Sorge bereitet.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Das zentrale Problem in einer Welt der intelligenten Maschinen ist es, die richtigen und wichtigen Fragen zu stellen; die Stellen im Wissen und Denken zu finden, die nicht durch endlose Permutationen des Vorhandenen ausgefüllt werden können. Das, was immer schon der Kern der kreativen Arbeit war: den Horizont aufzuhebeln. Das ist nicht leicht, aber auf der gesellschaftlichen Ebene ist es ungleich schwieriger: Zum einen müssen wir hier einen Weg finden, der Vereinnahmung von Protest durch die Verwertung zu entgehen. Ich warte ja schon auf die erste Werbung für Klimaklebstoff. Zum anderen müssen wir einen Weg finden, die abgestumpften Menschen einschließlich uns selbst wieder zu erreichen, zu sensibilisieren, was zum Beispiel den skandalösen Umgang mit Menschen auf der Flucht angeht. Oder eben die rasante Zerstörung und Vergiftung unserer Natur, auch des eigenen Körpers, etwa durch Feinstaub und Mikroplastik. Mit Betroffenheitsästhetik und moralischem Pathos kommt man in einer Welt der Fakes, Trollfarmen und Shitstorms nicht weit. Das perlt am Gorillaglas ab. Und zum Dritten müssen wir Kunst und Literatur vor der Instrumentalisierung für kriegerische Zwecke bewahren und ihren pazifistischen Kern erhalten. Irgendwo müssen die Utopien überwintern und ich glaube Literatur und Kunst sind der geeignete Nichtort dafür.

Was liest Du derzeit?

„Lob der Melancholie“ von Lázló F. Földényi

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe hier ein Minibuch vom Verlag Volk und Welt aus dem Jahr 1987, in hellblaues Leder gebunden: Max Frisch, Fragebögen 1966-1971. Das beginnt so:

„1. Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?

2. Warum? Stichworte genügen.“

Vielen Dank für das Interview lieber Gisbert, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Zur Person_Gisbert Amm, Dichter, geboren 1965 im Sperrgebiet an der innerdeutschen Grenze. Aufgewachsen im Thüringer Wald. 1989-94 Teilnahme an der friedlichen Revolution und Studium der Theaterwissenschaft in Leipzig. Nach dem Studium 1995 Umzug nach Baden-Württemberg. Verschiedene Tätigkeiten. Seit 1998 Softwareentwickler. 2009 Umzug nach Brandenburg. 2016-22 Betreiber des Lyrikhauses Joachimsthal.

Aktuelle Gedichtbände:

Das Fingerzeighaus, Bübül Verlag Berlin 2022;

Gisbert Amm, Semper. Gedichte. fabrik.transit Wien, Juni 2023

Gisbert Amm, Semper. Gedichte

Illustriert von Marlen Melzow

€ 18,00

12,4 x 18,3 cm Hardcover

120 Seiten, Ill sw.

ISBN 978-3-903267-56-5

Erscheint im Juni 2023

https://www.fabriktransit.net/de/buecher/neuheiten/324-gisbert-amm-semper-2023.html

Foto_Mechthild Rieffel.

25.4.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Gnadenort und Gerstenmus“ Kristian Kühn, Schriftsteller _ Give Peace A Chance _ München 16.5.2023

GIVE PEACE A CHANCE

G Gnadenort und Gerstenmus. Gieß Salbe drauf! Denn, stürz‘ ich ab,

I In Räuberhände fallend, ess‘ ich Gerste nur!

Ihr beide, helft auch mitzuzieh’n!

Ich zieh ja schon und häng mich an,

V Vom Kot die Nas‘ abwendend, verzehrt und ausgezischt.

E Ein Knecht, der überlaufen will, nicht ziehen hilft;


P Preis und Dank der Göttin hier! Pfui vor des eklen Söldlings Kriegsgepäck!

E Eirene hat am Schlachten keine Lust; steigen wir zu ihrem Herd hinab,

(pochen an die Tür.)

A Aber, hoben wir die Göttin, dann, so freuet euch,

CHOR: Auf, Göttin! Hebe dich kühn von der Erde unten hinweg.

Auf! Schicke nun die Landbesteller wieder heim!

Aber, wo die lange Zeit durch unsre Göttin, Frieden fern von uns,

Alle, die ohne Harm
Alles, was keimt und sprießt,
Also den Feiergesang
Anstimmen, sobald mit dem jungen Lenz die Schwalbe –
Ach, tue du nicht mehr solches uns an!

Auch halte von uns die Verdächtigungen fern,
Anfülle mit Gut, mit Knoblauch, groß,
Auch die Feigenbäume, dich ich selbst gepflanzt, ein Knabe noch,
Auf denn, eingedenk, auch des Veilchenbeets am Brunnen,

E Eben alles dessen


A Aller Orten walte hier bald Friede, wie zur alten Zeit!


CHOR: Hat man uns matt gequält,

H Heil also ruf‘ ich, rufe nichts als: Heil, o Heil!

Ho heia nun! Ho heia rings!!

Heil, o Heil dir, Teuerste, du Frieden!
Heißersehnte, stets für uns
Hochheilige, ja, nimm gnädig unsre Spende an,

A Also aber jetzt nicht mehr gejubelt: könnt ihr doch nicht sicher sein!

N Noch erbarmungslosen Sinnes finden, wie wohl ehedem;

Nein, du sollst jetzt freundlich und –
Nein, daß ich friedlich spinnen mag den Rest der Tage,

Nicht nachgelassen jetzt, nein, nun sieh dir die Gesichter an im Publikum:

CHOR: Granaten, Frühgurken und Äpfel, zugleich als Opfer Gerste

E Ehe wir sie gießen was. Daran erkennst du das Gewerbe.

Kristian Kühn, 3.5.2023

Akrostichon zum Song „Give Peace a Chance“ und zugleich Cento aus „Der Friede“ (Eirene) von Aristophanes  

Kristian Kühn, Schriftsteller

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Kristian Kühn, Schriftsteller

Zur Person: Kristian Kühn, Drehbücher, Prosa, Lyrik. Essays. Seit 2010 Mitorganisator des Lyrikpreises München. Seit 2013 Herausgeber des Online-Magazins Signaturen. https://signaturen-magazin.de/ Wohnt in München.

Foto _ Ulrich Schäfer-Newiger

Walter Pobaschnig _ 22.4.2023

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100.Geburtstag Maria Callas „Callas, as an artist, inspires me to think of a body and its abilities as limitless“ Ivana Orsolic, Tänzerin _ Wien 18.5.2023

Ivana Oršolić, Tänzerin, Choreografin _ Wien _
acting Maria Callas, Sängerin (* 2.12.1923 New York ´16.9.1977 Paris) _
 100. Geburtstag Maria Callas
Ivana Oršolić, Tänzerin, Choreografin _ Wien _
acting Maria Callas, Sängerin (* 2.12.1923 New York ´16.9.1977 Paris) _
 100. Geburtstag Maria Callas

Liebe Ivana Oršolić, welche Bezüge gibt es von Dir zu Maria Callas?

Very often I’m inspired by other artists. Opera singers can unite their musical skills with acting and movement abilities. As a dancer, is always interesting to learn and research about different physicality and what it can become in interdisciplinary context.

Du bist Tänzerin. Wie siehst Du den Körperausdruck von Maria Callas?

Just with your posture, for example, you can create a character. How you stand,where you hold your hands, where you look…Personally, I think Maria Callas was very comfortable and confident in playing those different characters while finding qualities in her body to express them.

Was macht für Dich die Aura der „Callas“ aus?

Callas, as an artist, inspires me to think of a body and its abilities as limitless. On the other hand, Maria, as a woman, reminds me to take care, rest, even step back if needed.

Gibt es ein bestimmtes Musikstück, das Du hervorheben möchtest und warum?

There is not one particular piece I would highlight.

Wie siehst Du Maria Callas in ihrem künstlerischen Weg, ihrer Entwicklung?

She was a diva, one of the greatest opera singers of the 20th century and I’msure that the road to being given this title wasn’t easy. Her instrument was her voice – her body, so as she kept changing so did her art.

Maria Callas und die Liebe. Kunst und Leben. Wie sieht da die Wechselwirkung aus?

Well, one doesn’t exist without another. – I would also add death. We can’t escape life and death and all our emotions come from love (or fear).

And art is simply a reflection of it.

Was lässt Liebe gelingen?

Not giving up. Staying curious and playful!

Wie war Dein Weg zum Tanz?

I believe I was a very expressive child and I always found joy in dancing, singingand acting. When I was five, I saw a magazine with a little girl in a dance studio and I just knew that that’s me.

Wie siehst Du Möglichkeiten für die Kunstform Tanz in Wien?

Honestly, I’m still trying to figure out how it works here. Art in Vienna is very important and highly appreciated but contemporary dance opportunities are too rare and it’s quite hard to fully commit yourself as a dancer.

Was möchtest Du kommenden Tänzerinnen auf Ihrem Weg mitgeben?

Dance is our passion, so we need to be careful when it comes to sacrifice. Take care of your body and your mental health.

Was kannst Du von Maria Callas auf Deinen künstlerischen Weg mitnehmen?

Take the time off when you need it. Reflect, detach and distance yourself from your art.

Was sind Deine kommenden Projektpläne?

My current research for a solo is human senses and I am very excited to make my first dance film on the theme: “Re-thinking our senses.”

Darf ich Dich abschließend zu einem Akrostichon bitten?

My

Art

Reflects,

Illustrates, and

Advocates

Courage.

ART is domination.

Life

Long

Artist

Stays.

Ivana Oršolić, Tänzerin, Choreografin _ Wien _
acting Maria Callas, Sängerin (* 2.12.1923 New York ´16.9.1977 Paris) _
 100. Geburtstag Maria Callas

Vielen Dank, liebe Ivana Oršolić,, für das wunderbare Fotoshooting& Interview und viel Freude und Erfolg für alle Projekte!

100. Geburtstag Maria Callas _ 2023

Ivana Oršolić, Tänzerin, Choreografin _ Wien __acting Maria Callas, Sängerin (* 2.12.1923 New York ´16.9.1977 Paris)

Zur Person _ Ivana Orsolic, born in 1996 in Zagreb, Croatia, Ivana started her professional dance education at early age. After graduating Art Schools Silvija Hercigonja and Franjo Lučić, she spent one year at Academy of Dramatic Arts Zagreb. In 2020 she graduated from Music and Arts University of the City of Vienna (MUK), receiving a Bachelor of Art in contemporary dance and ballet. During her studies she intensely worked with choreographers such as Esther Balfe, Eldad Ben Sasson, Alberto Franceschini, Chris Haring and Mani Obeya, as well as spending her internship in Scottish Dance Theater and Croatian National Theater Rijeka. As a freelance dancer Ivana works between Austria and Germany and has performed on stages such as MuTh, Theater an der Wien, Volksoper, Werk X, Theater Arche, Theatre Patraix and Staatstheater Augsburg. She is a dancer and artistic assistant for platform Choreoloop, based in Augsburg, German Fotos_Walter Pobaschnig 4_23 _ Schloss Schönbrunn/Gloriette

Maria Callas, Sängerin (* 2.12.1923 New York ´16.9.1977 Paris)

Interview&alle Fotos _ Walter Pobaschnig

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„wir müssen Sprache einen Raum geben“ Vinzenz Fengler, Schriftsteller_ Berlin 16.5.2023

Lieber Vinzenz Fengler, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich fahre jeden Morgen mit dem Fahrrad zur Arbeit, die mit meiner literarischen und künstlerischen nicht so viel zu tun hat. Dennoch würde ich nicht von einem Brotjob sprechen. Ich habe mich vor fast 20 Jahren, während einer Neuorientierungsphase, dafür entschieden eine Arbeit zu finden, die ich mit Herzblut machen kann, und die mir auch genügend Zeit lässt, meinen kreativen Impulsen nachzugehen.

Also fahre ich nun täglich ins Büro und arbeite dort als systemischer Elterncoach und Antigewalttrainer bei einem Träger der Kinder- und Jugendhilfe. Die Elternberatungen mache ich dann im Büro, mit den Kindern und Jugendlichen gehe ich oft raus zum Arbeiten und nenne das Gedankengänge. Wenn man (zusammen) geht fließen die Gedanken einfach besser und es ist nicht so konfrontativ, weil man gemeinsam in eine Richtung schaut. Ich habe im Laufe der Jahre viele Fortbildungen gemacht und gemerkt, dass ich diese Arbeit sehr gut kann, dass sie zu mir passt, dass ich mich selbst als wirksam erlebe und im Ergebnis oft etwas bewirken kann, insbesondere für eine Verbesserung der Lebensqualität dieser Kinder und Jugendlichen. Und so fahre ich dann  – zwar erschöpft oft, aber zufrieden – jeden Tag bis Donnerstag wieder mit dem Fahrrad nachhause.

Von Freitag bis Sonntag stehen dann bei mir den Musen alle Türen und Tore offen. Nicht selten schleichen diese sich aber schon unter der Woche ein, und ein Gedicht kommt über mich, oder die Idee zu einer Fotoserie oder einer Performance. Das läuft dann doch nicht so trennscharf ab. Aber auch das ist gut so. Ich liebe es, überrascht zu werden. Und seit der Corona-Zeit habe ich mich wieder mehr mit der Natur verbunden, fahre am Wochenende raus, nehme auch in der Stadt viel mehr die kleinen Idyllen wahr, die Tiere, die Parallelwelten zu Hektik und Stress. Langsam erinnere ich mich wieder an den kleinen Jungen, der ich war, der in den Wäldern der Lausitz aufgewachsen ist; ich finde immer mehr Zugang zu ihm, es ist wie das Neuentdecken einer fast verschollenen Identität, eine längst überfällige Biographiearbeit, die sich in letzter Zeit oft auch in Gedichten widerspiegelt.

Vinzenz Fengler, Schriftsteller, bildender Künstler & Performer

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Auch als „abgefallener Katholik“ (O-Ton: meine Mutti) würde ich sagen: Demut. Und zwar in dem Sinne, sich selbst immer wieder gewahr zu werden, was man hat und in Anspruch nehmen kann, und welchen Dingen man, auf Grund seiner Herkunft, dem Ort, an dem man geboren wurde und aufgewachsen ist, und den damit einhergehenden Privilegien, nicht ausgesetzt ist. Und aus dieser Selbstreflexion sollte, aus meiner Sicht, ein Solidaritätsbestreben entstehen, also der Reflex, sich für Schwächere einzusetzen mit all den Möglichkeiten, die man hat. In meiner Arbeit zum Beispiel begegnet mir (nicht erst seit Corona) ein eklatanter Anstieg von häuslicher Gewalt und auch psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Erklärungsversuche dafür gibt es zahlreiche. Bei den Kindern und Jugendlichen spüre ich aber einen enormen Leistungsdruck und krass existentielle Zukunftsängste. Ich finde, wir müssen es schaffen, ihnen wieder diese Unbeschwertheit zurückzugeben, die z.B. ich als Kind noch hatte. (Auch wenn wir damals den Horror eines Atomkriegs auch schon vor Augen hatten)

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Auch wenn ich glaube, dass gute Gedichte über einen kommen wie etwas, gegen das man sich nicht wehren kann (und sollte), und nicht in kleinteiliger Heimarbeit am Schreibtisch zusammengebastelt werden, sollten wir uns – insbesondere als Lyriker:innen – immer mal wieder vergewissern, ob wir uns nicht zu weit aus gesellschaftlichen Gegebenheiten und -Zusammenhängen herausgelöst haben und – möglicherweise – in einer nach außen getragenen Innenschau nur noch um uns selbst kreisen. Und damit meine ich nicht, dass wir eine explizit politische Lyrik brauchen, aber das Außen sollte uns noch berühren (im Sinne von Mitgefühl) und ab und zu (wenigstens) in den Gedichten verhandelt werden, indem sie z.B. auf Leid und gesellschaftliche Schieflagen hinweisen, und so Resonanzen erzeugen, möglicherweise auch Handeln und Engagement auslösen. Ich bin ein zutiefst Gläubiger, was die Heilkraft der Sprache anbelangt. Aber wir müssen dieser Sprache einen Raum geben, insbesondere auch wenig oder nicht gehörten Stimmen.

Was liest Du derzeit?

Gerade wiedermal den (inzwischen fast zerfledderten) Gedichtband „Asketische Zeichen“ des rumänischen Dichters Virgil Mazilescu. Ich hab diesen ins Deutsche übersetzten Band Ende der 80er-Jahre in Rumänien gekauft und konnte danach lange nichts mit diesen Gedichten anfangen. Später hab ich schlagartig einen Zugang gefunden und liebe diese – dem Suprematismus von Malewitsch zugeneigten – Gedichte seitdem, staune immer wieder, ziehe meinen Hut, nein, reiß mir die Mütze vom Kopf vor Ehrfurcht. (Pathosverdacht! : egal)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Zuerst müssen wir uns beruhigen, atmen und über uns selbst hinwegkommen.“ (Chimamanda Ngozi Adichie)

Und speziell auf die Literatur bezogen möchte ich auf den Aufsatz „Der Tod des Autors“ von Roland Barthes verweisen. (vgl. meine Überlegungen weiter oben)

Vinzenz Fengler, Schriftsteller, bildender Künstler & Performer

Vielen Dank für das Interview lieber Vinzenz, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Vinzenz Fengler, Schriftsteller, bildender Künstler & Performer

Zur Person_Vinzenz Fengler wurde 1969 in Hoyerswerda geboren und lebt seit 2001 in Berlin. Seit Anfang der 90er Jahre beschäftigt er sich mit Photographie und Performance Art, später kommen noch Kunstinterventionen im öffentlichen Raum dazu.  Er schreibt Lyrik, Prosa und Stücke. Zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien. Vinzenz Fengler ist Zweitplatzierter (zusammen mit Monika Littau) des Polly Preises für Politische Lyrik 2016. Im Juli 2020 erschien „Stimme.Stimme“, ein gemeinsam mit Isabella Lehmann geschriebenes Theaterstück bei Edition Maya, im April 2023 sein Lyrikband „Materialermüdung tragender Teile“ im ELIF Verlag.

www.vinzenz-fengler.de

Fotos_privat

Walter Pobaschnig _ 10.4.2023

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„panik/paradies“ Carl-Christian Elze. Gedichte. Illustrationen Nele Brönner. Verlagshaus Berlin 2023

„panik/paradies“ Carl-Christian Elze. Gedichte. Illustrationen Nele Brönner. Verlagshaus Berlin 2023

„…das kind

kann nicht mehr den schlüssel berühren, ihn im schloss

umdrehen, es ruft wie ein ertrinkender, zappelt

und schreit…“

caput I

Carl-Christian Elze, mehrfach ausgezeichneter Schriftsteller, legt mit seinem Gedichtband „panik/paradies“ eine sprachlich faszinierende wie abgründig dystopische Achter- und Geisterbahn von Leben und Zeit vor, die in Kraft, Geheimnis und Erschütterung von Beginn an mitreißt. In formaler Variation und Virtuosität legt der Autor, der mit seinem Debütroman „Freudenberg“ 2022 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, das Herz der Zeit in Angst, Verzweiflung und Einsamkeit offen und lässt Leserin und Leser in einem faszinierenden Spiegelkabinett der Sprache wandeln, tasten innehalten.

Es sind große Traditionen moderner Lyrik, von Trakl bis Ginsberg, die der Autor hier gleichsam aufnimmt und im 21.Jahrhundert neu akzentuiert. Mensch, Welt und Sprache werden in größter Bild- wie Erzählkraft erschütternd analysiert und artikuliert.

Ein Gedichtband, welcher die moderne Lyrik in Komposition, Sprach- wie Erzählkraft erschütternd wie beeindruckend strahlen lässt!

„panik/paradies“ Carl-Christian Elze. Gedichte. Illustrationen Nele Brönner. Verlagshaus Berlin 2023

ISBN: 978-3-910320-01-7
Reihe edition Belletristik

PREIS 22,90 €

panik/paradies

Zur Person_Carl-Christian Elze studierte Medizin, Biologie und Germanistik, außerdem von 2004 – 2009 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2022 erschien sein Roman »Freudenberg« bei Voland & Quist / Edition Azur. Im Verlagshaus Berlin erschienen zuletzt »langsames ermatten im labyrinth« (2019) und »diese kleinen, in der luft hängenden, bergpredigenden gebilde« (2016). Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit einem Stipendium im Deutschen Studienzentrum in Venedig (2016), dem Rainer-Malkowski-Stipendium (2014) und dem Joachim-Ringelnatz-Nachwuchspreis (2014). Elze ist Mitbegründer der Leipziger Lesereihe »niemerlang«, Monatsjuror bei »lyrix«, dem Bundeswettbewerb für junge Lyrik, und Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland.

https://verlagshaus-berlin.de/programm/panik_paradies/

Carl-Christian Elze, Schriftsteller

https://carl-christian-elze.de/

Foto_Sascha Kokot

Walter Pobaschnig 5/23

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„Parvaz ra be Khater bespar“ Sada Sultani, Dichterin und Liedermacherin _ Give Peace A Chance _ Berlin 15.5.2023

GIVE PEACE A CHANCE

*“Parvaz ra be Khater bespar“  

**Gisboride ist mein Name

Ich sei frech und unberechenbar, eine

Verlassene… Was bedeutet das Wort eigentlich?!

Es fehlen meiner Deutschlehrerin die Worte…  


Parvaz ra be Khater bespar“

Eine Dichterin, die mein Leben gerettet hat

Auch viele andere Frauen

Claudia*** zum Beispiel

Ein erlesener Kreis von Freund*innen


Abendrot-Spaziergang von Häslach nach Walddorf 


Couragierte Frauen 

Haben nichts zu verlieren 

Angst habe ich aber trotzdem 

Nicht vor dem Tod, sondern davor, nicht genug gelesen zu werden

Claudia umarmt mich und die erleuchteten Häuserreihen am Hang von Bad Urach

Erinnern mich an Kabul vor dem Krieg

*“Vergiss nicht zu fliegen“ 

Sada Sultani, 2.5.23  

Forugh Farrochzād, geboren am 29. Dezember 1934, in Teheran, Iran, war eine iranische Dichterin und Filmregisseurin.

**Gisboride bedeutet „schamlos“. Gemeint ist eine Frau, deren Haare beispielsweise von ihrem Ehemann abgeschnitten wurden, weil er sie der Untreue verdächtigte.

*** Dr. Claudia Koltzenburg, eine gute Freundin von mir und meine Deutschlehrerin

Sada Sultani, Dichterin und Liedermacherin,
Aktivistin, gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin,

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Sada Sultani, Dichterin und Liedermacherin,
Aktivistin, gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin

Zur Person_Sada Sultani, *1989 in Masar-e-Sharif/Afghanistan und aufgewachsen in Iran, Dichterin und Liedermacherin, Aktivistin, gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin, Lyrikerin freier postmoderner Lyrik, mit erotischen und politischen Themen, kontroverser und rücksichtsloser Sprache. Autorin von drei Gedichtbänden in persischer und deutscher Sprache. Darstellerin in zwei Dokumentarfilmen, Verfasserin Liedtexten für Ghawgha Taban und Sahar Ariyan, Teilnahme an Poesiefestivals in Afghanistan, Schweden und Deutschland. Lebt seit 2015 in Berlin.

Aktuell Bucherscheinung_Sada Sultani

Sada Sultani. Gedichte / Poems _ zweisprachig _ Softcover mit Klappen, lieferbar, 200 Seiten. Klak Verlag.

Sada Sultani. Gedichte / Poems _ zweisprachig _ Softcover mit Klappen, lieferbar, 200 Seiten. Klak Verlag.

ISBN 978-3-948156-60-2

15,00€

https://www.klakverlag.de/produkt/sada-sultani-gedichte-poems/#tab-author

Foto _ privat

Walter Pobaschnig _ 2.5.2023

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