50 Jahre Bachmannpreis _
Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

Im Interview _ Ralf Bönt, Schriftsteller _ Berlin
Bachmannpreisnominierter 1995 und 2009.
1995 Ernst Willner Preis
2009 Kelag Preis
Lieber Ralf, Du hast sehr erfolgreich 1995 und 2009 am Bachmannpreis in Klagenfurt, dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum, teilgenommen. Was sind spontan erste Erinnerungen?
Das erste Mal war es sehr gut, Silvia Bovenschen lud mich ein, ich fühlte mich fremd, bekam zwei Verträge für meine beiden fertigen Romane, das Leben als Schriftsteller fing an, und mit Silvia Bovenschen blieb ich befreundet. Diese so kluge Feministin hat mir später zu meinem Männermanifest zugeraten, und damit ein zweites Mal eine entscheidende Weiche für mich gestellt.
Beim 2. Mal kam ich nach langer Krankheit zurück, der Verlag hatte es vorgeschlagen, mein Vorschuss war sehr hoch, ich fühlte mich noch fremder, die Jury war überfordert, die Diskussion war absurd, obwohl der Text eigentlich einfacher war, als beim ersten Mal. Literatur und Naturwissenschaft? Nee, nicht hier, hier nicht!! Aber Ijoma Mangold blieb cool und schlug mich zum Bachmannpreis vor, obwohl nicht er mich eingeladen hatte. Ich kam in die Stichwahl und verlor gegen einen blassen jungen Mann, der schreiben als Hobby hatte und nie wieder gesehen wurde.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Das Missverhältnis zwischen der Relevanz der Texte und der medialen Aufmerksamkeit, die Verkehrung, in der Kritiker die Aktion leiten und Autorinnen passiv und mundtot dabei sitzen und nur Augen machen. Das ist sooo peinlich und eine Publikumsverarschung. Es passt in eine Welt, in der das Sekundäre regiert, niemand mehr nachdenkt, während er redet, in der die rasche Polarisation haushoch gegen Wahrheit und Schönheit gewonnen hat und Aufmerksamkeit an einer Resonanz festgestellt wird, die man nur noch mit Bullshit erzeugen kann, weil der Widerspruch hervorruft. (Etwa: Jeder sieht doch, dass Imane Khelif keine Frau ist. Das klickt.)
Wie hast Du deine Lesung und die Jurydiskussion erlebt?
Bei meiner ersten Lesung habe in der Diskussion geschlafen, was ging die mich an? Bei der zweiten machte ich den Schall zum Erzähler, genauer: das quantisierte Teilchen, es heißt Phonon. Das ist eigentlich nicht so revolutionär, dass man gleich die Polizei holen müsste, sondern vollkommen folgerichtig. Gut, es hat sich dann über Wittgenstein lustig gemacht, das Photon, das fanden in Österreich nicht alle so toll. Aber wir reden halt stets immer nur von Dingen, von denen wir nicht sprechen können. Das ist ja gerade der Sinn vom Bilden neuer Sätze und deshalb sind wir in Norddeutschland auch sparsam dabei. Aber Jury und Presse verwechselte das Phonon bis zum Schluss mit dem Photon, als spiele ein Buchstabe in der Mitte gar keine Rolle oder als habe Lessing nie über Laokoon geschrieben. Wolfgang Herrndorf, der nicht wusste, wie sehr ich ihn mochte, schrieb darüber etwas fantastisch Falsches in sein Tagebuch, auf das mich noch meine Apothekerin im Prenzlauer Berg ansprach. Aber das unerkannt gebliebene Genie Friedrich Penkner meinte, es sei doch auch nicht egal, ob ein kleiner Schwatz über die Lippen geht oder ein kleiner Schwanz. https://www.boent.eu/bachmannpreis_penkner.pdf. Der Roman verkaufte sich trotz all dieser Mühlsteine des Grauens bestens und reich wurde ich dann auch, eben weil Bovenschen dann zum Manifest zuriet. Ich durfte diese bewundernswerte Frau auf dem Abschied von Volker Panzer mit dem Rollstuhl herumfahren, allein dafür hat sich alles gelohnt. Außerdem telefonierten wir, als meine Mutter mich um Sterbehilfe bat. Sei nicht so egoistisch, sagte sie zu mir. Bovenschen fehlt.
Wie hat sich Dein Preisgewinn für Dein weiteres Schreiben ausgewirkt?
Beim ersten Mal grandios, beim zweiten Mal gar nicht. Ich lasse mich ja nicht vom Literaturbetrieb irritieren, das haben nicht mal meine Mutter, die Schwermetalle der Zahnärzte oder der Mietspiegel geschafft, und die wollten auch immer nur mein Bestes und gingen am Ende leer aus.
Was braucht der Bachmannpreis an Weiterentwicklung für eine gute Zukunft?
Eine Totalerneuerung. Die Regel, dass die Texte unpubliziert sein müssen ist idiotisch, zumal wenn sich die Jury gar nicht entsprechend vorbereitet. Sie muss fallen. Sie macht alle Beteiligten zu taubstummen Idioten, die über einen Acker stolpern wie die Leute in den Filmen von Pina Bausch. Hat denn niemand mehr einen Rest Stolz und Würde? Wir brauchen dringend ein Romanfestival mit sofort kaufbaren neuen Büchern, nicht diese Talentverbrennung am offenen Feuer, von der wer sagte, es sei halt eine Deflorationsparty? Nein, werdet ernst, Leute, die Zeit brennt von alleine. Und dazu dann ein Lyrikfest, bitte! Unverschämtheit, dass es das nicht nicht längst gibt. Ohne Lyrik keine Prosa.
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Seid keine Spießer, macht kaputt, was euch kaputt macht. Ich bin wegen Stiller und Malina Schriftsteller geworden und weiß bis heute nicht, wer Heidi Klum ist. Ich weiß nur, dass die Wahrheit, deren Diener ich sein will, unter den vielen Lügen ganz allein ist.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Zu Person und Werk: Ralf Bönt – Schriftsteller


Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Fotos: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Ralf Bönt _ privat
Foto: Bachmannpreis/ORF Studio _ Walter Pobaschnig
Walter Pobaschnig, 2.6.2026