Liebe Tanja Scheichl-Ebenhoch, wie siehst Du die aktuelle Debatte rund um männlichen Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen an Frauen in der Rock`n`Roll Musikbranche?
Ich denke, gerade als Musikerin, auch als klassische, kommt man nicht um die momentane Diskussion herum. Und, um es gleich vorwegzunehmen: sollte man auch nicht.
Wie in anderen Branchen ist es meiner Ansicht nach ebenso im Musikbusiness längst überfällig, alte Strukturen zu überdenken und sich auf eine seriöse Debatte rund um das Thema Machtmissbrauch einzulassen. Leider geschieht das bei Musiker:innen, Künstler:innen recht wenig. Zu heiß ist das Thema, denn Musikmanager, Plattenbosse, gut im Geschäft stehende Vorzeigebands und andere (männliche) Mächtige der Branche lauschen schließlich mit. Sie könnten sich daran stören, wenn die Kritik zu heftig wird. Ein Machtgefälle zwischen weiblichem Fan und Rock’n Roller ist doch „normal“ und gehört in gewisser Weise seit jeher zum Business, oder?
Die „Schuldfrage“ objektiv zu klären, ist Aufgabe der Juristen und Anwälte. Darüber hinaus ist eine falsch-veraltete Nostalgie von Sex Drugs and Rock’n Roll, die in einem abstoßenden Machotum verhaftet ist, zu thematisieren. Eben in einer, in der ein Machtgefälle zum (weiblichen) Fan zumindest toleriert wird. Eine gefährliche „Nostalgie“, in der es dem (Alt-)rocker seines Erachtens zynischerweise doch wohl erlaubt sein muss, „etwas Spaß“ zu haben. Im schlechtesten Fall bedeutet es also, dass derjenige überhaupt nicht verstanden hat, was Mannsein, Frausein, Demokratie, Freiheit und Menschenrechte tatsächlich bedeuten.
Wer diese Zusammenhänge nicht versteht oder verstehen will, der ist geistig noch nicht in unserem Jahrhundert angekommen. Der versteckt sich feige hinter dem Vorwand des pseudocoolen „Rock’n Rollertums“ auf Kosten unserer Musikkultur, der Humanität im allgemeinen und nicht zuletzt auf Kosten der Akzeptanz der Frau als gleichberechtigten Partner.
Tanja Scheichl-Ebenhoch, Musikerin, Autorin und Pädagogin
Was braucht es jetzt in dieser Debatte?
Ich denke, es braucht jetzt in erster Linie den Mut und die Bereitwilligkeit von allen Seiten, Missstände, Gefahren offen an- bzw. auszusprechen. Und vonseiten der Musiker:innen Verantwortungsbewusstsein den Kollegen:innen, dem Publikum/Fans, der Bedeutung Musik und Kunst generell gegenüber. Für mich enden der Kunstbegriff die künstlerische Freiheit genau dort, wo Macht, Gewalt ins Spiel kommen. Handeln im Sinne der Menschlichkeit und wie Aretha Franklin schon sagte: RESPECT sind dabei sicher die besten Ratgeber.
Wie stehst Du zu einer Konzertabsage diesbezüglich?
Tja, wie ich zum jetzigen Zeitpunkt zu einer Konzertabsage stehe, ist nicht einfach zu beantworten. Die Untersuchungen laufen ja derzeit noch und der Sachverhalt muss erst restlos geklärt werden. In einem solchen Fall ein Konzert abzusagen, wäre juristisch gesehen vermutlich eine komplexe, annähernd unlösbare Sache. Denn wer zahlt bei einer Absage des „Millionenunterfangens Rockkonzert auf Großbühne“ wann, an wen was und warum (nicht)…
Hinzu kommt, dass ich mir als Musikerin und Autorin oft selber die Frage stelle, was mir in meiner Kunst wichtig ist. Was möchte ich mit meiner Kunst erreichen und/oder ausdrücken. Es sind jedenfalls Dinge, hinter denen ich als Person stehen kann. Dinge, die mein Herz berühren und die ich gerne weitergeben möchte. Frauenverachtende Texte und Gewaltverherrlichung als rein künstlerische Provokation anzusehen, fällt mir daher sehr schwer.
Was hast Du selbst erlebt als Musikerin und Fan?
Ich bemerke, dass mir vor allem meine männlichen Musikerkollegen heute mit mehr Respekt begegnen als noch in jungen Jahren. Das sehe ich eindeutig als Vorteil an, gerade in der Musikbranche. Meist werden Vorschläge/Ideen ernst genommen. Auch ein „nein“, egal in welchem Bereich, wird eher akzeptiert.
Untergriffige sexuelle verbale Anspielungen und “Vergriffe“ im Ton in der Orchester- und Ensemble-Hierarchie von oben nach unten habe ich des Öfteren in meinem direkten Umfeld erlebt. Jede einzelne hat mich befremdet und angewidert, selbst dann, wenn ich nicht selber betroffen war.
Heute mache ich allerdings mein „eigenes Ding“ mit Soloauftritten zu Lesungen, Vernissagen, genreübergreifenden (Musik-)Projekten etc. Daher bin ich auch weniger von anderen abhängig und mein eigener Chef. Diesbezüglich sicher kein Nachteil…
Wie sieht es in der klassischen Musik bezüglich Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen aus?
Ein heikles Thema. Da wir in der Klassik mit unseren Konzerten nicht die gleiche Reichweite haben, wie im Rock/Popbereich, gibt es meist auch nicht denselben Hype. Doch auch wenn unsere Töne leiser sind, ist der Bereich der Klassik ebenso keine Insel der Seligen.
Was braucht es in der Musikbranche für alle Beteiligten?
Ich glaube dennoch, dass wir insgesamt auf dem richtigen Weg zu mehr Sensibilität im Umgang mit heiklen Themen wie sexueller Gewalt und Machtmissbrauch sind. Und dass die ganze Diskussion nicht wie ein Gewitter einfach wieder „vorbeizieht“. Dass junge Frauen sich endlich in die Öffentlichkeit trauen und wenigstens zum Teil auf offene Ohren und Unterstützung stoßen, ist zumindest ein gutes Zeichen. Wenn auch immer noch erst der Anfang eines dringend benötigten Umdenkens und einer neuen Bewusstseinsbildung in der Musikbranche.
Tanja Scheichl-Ebenhoch, Musikerin, Autorin und Pädagogin
Interview: Tanja Scheichl-Ebenhoch, Musikerin, Autorin und Pädagogin
Liebe Insa Segebade, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich vermeide bewusst, gleich morgens Emails zu lesen oder Nachrichten zu hören. Die ersten Stunden des Tages sollen ganz mir gehören, ich schirme mich vom Außen ab. Nach einem ersten Spaziergang mit dem Hund – Irlanda, ein ehemaliger Straßenhund aus Sizilien – wird der Vormittag zum Schreiben genutzt, zum Versinken in fiktive Welten, die doch auf den zweiten Blick sehr real sind, nur in ihren einzelnen Ebenen etwas verschoben.
Die Wirklichkeit hält dann ab dem Nachmittag wieder konkreter Einzug – mit Nachrichten, der Arbeit im Garten (wie herrlich, mit bloßen Händen in der Erde zu wühlen), meinen Studierenden von der Hochschule Emden, dem Schreiben von Artikeln. Letzteres beschränkt sich seit ein paar Jahren auf Fachartikel übers Schreiben, die Literatur. Vom Tagesjournalismus habe ich mich schon vor längerer Zeit verabschiedet.
Insa Segebade, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Den Blick für das Schöne nicht zu verlieren. Und das gibt es nach wie vor. Überall. In der Kunst. In der Natur. Im Alltag, in flüchtigen Momenten. Vor ein paar Tagen beispielsweise fuhr ich auf dem überfüllten Stadtring von Antwerpen. Von links überholte mich ein Kleinlaster, für ein paar Sekunden war er auf gleicher Höhe mit meinem roten Peugeot. Ich sah den Beifahrer, der zu mir herüberblickte und lächelte. Ich lächelte zurück. Gerade noch rechtzeitig bevor der Kleinlaster an mir vorbeizog. Dieses kurze Lächeln eines Fremden, den man vermutlich nie wieder sieht, begleitete mich den ganzen Tag – und auch jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, zaubert mir die Erinnerung daran wieder ein kleines Lächeln ins Gesicht.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Der Literatur, der Kunst an sich kommt dabei eine ganz elementare Rolle zu. Da ist zum einen die Kraft der Phantasie, die über der Wahrnehmung der Realität stehen kann. Dabei muss ich gerade an Marcel Proust denken, der schrieb: „… es ging mir wie denen, die sich auf die Reise begeben, um mit eignen Augen eine Stadt ihrer Sehnsucht zu schauen, und sich einbilden, man könne der Wirklichkeit den Zauber abgewinnen, den die Phantasie uns gewährt.“ („In Swanns Welt“) Das soll jetzt kein Aufruf dazu sein, allein in der Phantasie zu leben, aber regelmäßige Ausflüge in diese können neue Energie schenken. Nicht vergessen dürfen wir zum anderen, dass die Phantasie sich ja auch aus der Realität speist, die durch sie zu einem formbaren Material wird. Sie lässt uns Dinge aus anderen Blickwinkeln sehen, was tröstend und heilsam sein kann, aber auch neue Lösungswege offenlegen kann.
Was liest Du derzeit?
Ich lese gerade „Die schöne Stille. Venedig, Stadt der Musik“ von Elke Heidenreich. Hier kommen die zwei von Proust angesprochenen Elemente zusammen:Phantasie und Realität. Ich kenne die Stadt und hoffe, dort eines nicht mehr fernen Tages zu leben. Bis es soweit ist, kann ich mit Elke Heidenreich dorthin reisen. Ich weiß, wie gut es sich anfühlt, allein durch das nächtliche Venedig zu laufen, vor allem im Winter. Davon zu lesen, ist wie ein Katalysator für die Phantasie, die mich flugs an diesen wunderbaren Ort bringt, der niemals enttäuscht.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Von all den Dingen, die zu ihrem Troste wir ersannen, ist doch das Einzige, was funktioniert, die Morgendämmerung. Wenn Dunkelheit wie feiner Ruß der Luft entrieselt und mählich sich von Osten her das Licht ausbreitet, regt selbst im jämmerlichsten aller Menschenkinder sich frisches leben.“
(aus: John Banville „Unendlichkeiten“, übersetzt von Christa Schuenke)
Vielen Dank für das Interview liebe Insa und viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Insa Segebade, Schriftstellerin
Zur Person:Insa Segebade, geboren 1969 in Leer, hat Literatur und kreatives Schreiben bei Hanns-Josef Ortheil sowie Musik an der Universität Hildesheim studiert. Sie ist ausgebildete Sängerin und hat klassischen Gesang bei Dörte Blase sowie Jazzgesang bei Elena Brandes und Nanni Byl studiert. Als Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung hat sie am Musikinstitut der Universität Hildesheim darüber promoviert, wie Rockstars im Spielfilm und in Printmedien dargestellt werden. Mit Rockmusik beschäftigt Insa Segebade sich schon seit langem – nach einem längeren Aufenthalt in Paris war sie im Musikmanagement tätig, hat Tourneen organisiert und begleitet. Seit 1999 arbeitet Insa Segebade hauptberuflich als Schriftstellerin, Journalistin und Dozentin für kreatives Schreiben an verschiedenen Hochschulen u.a. Bildungseinrichtungen im In- und Ausland.
Lieber Jürgen Polinske, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Aufstehen, Wetterlage checken (vor der Haustür durch Augenschein und in der politischen Welt per Internet), mich mit Kaffee dopen und dann je nach Wochentag und Uhrzeit unterschiedlichsten kulturellen, gesellschaftlichen Aktivitäten* nachgehen, wenn möglich eine kreative Mittagsruhe nur für mich einhalten, Entspannung im Grünen suchen und zum Tagesausklang in einen friedlichen Schlaf finden
*in Literaturkreisen, Malgruppen, Bürgerinitiativen, Förderung und Mitarbeit in verschiedensten Vereinen
Jürgen Polinske, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Frieden, Frieden, Frieden.
Keinerlei Waffenlärm, nirgends in der Welt
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Wüchsen weltweit das Bewusstsein der Menschen, Bildung, der Wissensstand zu Zusammenhängen, dürfte ich optimistischer in die Zukunft schauen.
Literatur und Kunst können ziemlich viel: informieren, sensibilisieren, konfrontieren, polarisieren, schockieren, Augen öffnen für Hintergründe, Ursachen, Zusammenhänge.
Was liest Du derzeit?
Lyrik, Lyrik und immer noch Lyrik von alten und neuen Freundenaber auch Sachliteratur zu politischen, ökonomischen, kulturellen Entwicklungen.
(„Die Farbe der Ferne“ und mehrfach Daniela Dahn)
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Mir zum Nutzen, Niemandem zum Schaden oder Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem andern zu.
Vielen Dank für das Interview lieber Jürgen und viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Jürgen Polinske, Schriftsteller
Zur Person: Jürgen Polinske, 1954 in Potsdam geboren, 1973 Abitur NVA, Kristallographiestudium (nicht beendet), Dienst an der Staatsgrenze der DDR Fachschulstudium, Bibliotheksfacharbeiter, verheiratet, zwei Kinder. Von 1990 bis April 2018 Obermagaziner der Zentralen Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin, jetzt Rentner
Werke:
„in guter Gesellschaft“
„stürmische Umarmung“
„Infinitamente Azul y Sabor a Cacao / ursprüngliches Blau und Geschmack von Kakao“
“Am Ende der Siesta / AlFinal de la Siesta“
„Erborgtes Licht mit geborgten Worten von den Brüdern Humboldt“ Gedichte / mehrsprachig
„Dos huellas en el agua / zwei Spuren im Wasser ; collección Plegar orillos2
Frühe Veröffentlichungen und erste Artikel schon in der Schulzeit; Später verstärkt Lyrik in Zeitschriften wie „neues leben“, in verschiedenen Anthologien während der Armeezeit, in diversen Zeitungen wie z.B. „Hellersdorfer“, „Humboldt“
Seit 1998/99 öfter in Anthologien u.a.
– Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichtes, ausgewählte Werke
– der Anthologie der Frankfurter Bibliothek der Brentanogesellschaft
– die Literareon Lyrik Bibliothek
– „seltenes Spüren“, „So weit so grün“
sowie in spanischsprachigen Anthologien: „palabras de la tierra“ ; „El abrazoo del Nogal de Daimuz / Antologia Lorquiana“; „Letras de Babel 4“ ; für das 1. Internationale Festival der Poesie für den Frieden in Paris vom 19.09. bis 23.09.2007 miterarbeiteten Anthologie „… am Leben gewinnen wir“ des Karlshorster Dichterkreises
Herausgeber mehrerer Anthologien zur internationalen Dichterbegegnung „Cita de la Poesia“; „was wir zu sagen haben“, „Arboretum“; „Dulcinea lebt, Herr Quijote“ ; „brennen auf den Nägeln und der Seele“; „LiebeSünde – Amor Pecado“; „Unter Kiefern und Königspalmen – Entre Pinos y Palmeras“ (dt.-kubanische Anthologie); „Ich will alles von der Welt“ zur 25. Cita und für Elisabeth Hackel, ihren letzten Gedichtband; „Tage ohne Geländer“; „Interrogantes del viento _ Fragen des Windes“ für Maria Nancy Sanchez Perez,
Foto_privat
6.4.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Es ist ein ganz außergewöhnliches Leben zwischen Glanz, Glamour, Krieg und Tragik in Kunst, Wissenschaft wie Leben, das am 9.November 1914 in Wien seinen Anfang nimmt.
Hedwig Eva Maria Kiesler, in Hollywood nimmt sie Ende der 1930er Jahre den Künstlerinnamen Hedy Lamarr an, ist schon in ihrer Kindheit im großbürgerlichen Wiener Bezirk Döbling von Musik, Film, Kunst umgeben und ihr Weg führt bald in die Filmstudios und begeistert das Publikum. Dabei scheut sie es nicht, Tabus zu brechen. Ihre Nackt-, wie Liebesszenen in „Symphonie der Liebe“ (Ekstase) von 1933 werden zum Skandal und sorgen für Aufsehen über Jahrzehnte hinweg.
Berühmt wird die Tochter des Präsidenten des Wiener Bankvereins und einer Konzertpianisten, die Ende der 1930er Jahre emigriert, auch mit der Erfindung eines Frequenzsprungverfahrens, im Zweiten Weltkrieg zur Torpedosteuerung gedacht, das auch weltweite spätere Anerkennung der Wissenschaft erhält wie vielfältige Verwendung in der modernen Kommunikation bis heute findet.
So weit die großen faszinierenden Lebenslinien, denen die Wiener Autorin und Kuratorin, Michaela Lindinger, folgt und viele spannende Details des „Mythos Hedy Lamarr“ ans Licht bringt.
Großes historisches Fachwissen zu Zeit und Leben verbinden sich mit mitreißender Erzählform, die von Beginn an begeistert und gleichsam einem Leben in Licht und Schatten wie auf der Leinwand fasziniert folgen lässt. Viele Fotos geben zudem einmalige persönliche Einblicke in ein in vielem unbekanntes wie geheimnisvolles Leben.
„Eine Biographie als ganz großes Kino von Kunst und Leben zwischen Glamour und Tragik!“
Im Gedenken an Louis-Ferdinand Céline und Joseph Conrad, die beide in Kolonialismus und Imperialismus die Triebfedern für Kriege erkannten und in ihren Romanen den Höllensturz des modernen Menschen schilderten.
Sophia Lunra Schnack, Schriftstellerin_ Wien _ am Wohnort Ingeborg Bachmanns in Wien_ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)Erste Wohnung Ingeborg Bachmanns in Wien_ sie kam 1946 in Wien an und lebte zunächst in der Wohnung ihres Onkels in Wien/Alsergrund Sophia Lunra Schnack, Schriftstellerin_ Wien _ am Wohnort Ingeborg Bachmanns in Wien_ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)Sophia Lunra Schnack, Schriftstellerin_ Wien _ am Wohnort Ingeborg Bachmanns in Wien_ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)
Liebe Sophia Lunra Schnack, wir sind hier im Wiener Wohnhaus von Ingeborg Bachmanns erster vorübergehender Unterkunft.
Ingeborg Bachmann kam hier als Studentin, Schriftstellerin am 9.10.1946 an und wohnte hier vorübergehend bei einem Onkel väterlicherseits bis 18.10.1946, danach zog sie eine Untermietwohnung.
Es ist für Dich, liebe Sophia, ein besonderer Tag, da Du heute Deinen ersten Roman („feuchtes Holz“ Otto Müller Verlag 8/2023) in der Endfassung beim Salzburger Otto Müller Verlag einreichst. Welche Gedanken bewegen Dich und welche Eindrücke nimmst Du vom Wohnhaus auf?
Jetzt, wo du mir die genauen Daten nennst, kommen mir sofort zwei Oktobertage, die für mich und mein Debüt „feuchtes holz“ eine Rolle spielen: der 19. Oktober 1944, an dem der Zwillingsbruder meines Großvaters gefallen ist. Und der 15. Oktober 2017, an dem mein Großvater gestorben ist. Die Wochen vor seinem Tod hat er immer öfter nach seinem Bruder gefragt. Nach seinem Leben, also wo er denn sei. Jedes Jahr um diese Zeit habe ich aufs Neue den Eindruck, das jeweilige Sterben nochmals zu spüren. Dass das fast genau der Zeitspanne entspricht, in der Ingeborg Bachmann hier gewohnt hat, füllt diese Tage gerade mit Lebendigkeit: zu allererst sehe ich den blühenden Flieder im Innenhof, die Tropfen darauf, die der Regen kurz vor unserem Besuch hinterlassen hat. Wie eine Lupe, in der sich deine Linse und meine Pupillen gespiegelt haben. Durch die Regenluft hat der Flieder besonders intensiv gerochen. Und dann ist da dieser kleine weiße Kinderschirm an einem Fenster im ersten Stock lehnend, der uns aufgefordert hat, zu Bachmanns Wohnung hinaufzugehen.
Du wohnst hier in unmittelbarer Nähe. Was schätzt Du hier besonders, welche Besonderheiten gibt es in diesem Wiener Bezirksteil?
Die Lage ist super zentral und trotzdem fühle ich mich teils wie in einem Dorf. Ich habe rundherum meine Stammgeschäfte und gleich mehrere ganz großartige Stammkaffees, wo ich die Leute kenne und sie mich. Das genieße ich sehr, wenn alltägliche Wege ein bisschen persönlicher ablaufen. Es gibt Plätze und Ecken, an denen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, und es ist in Sommermonaten eine kühle Umgebung mit vielen Bäumen, teils sogar Brunnen. Da streifen dann auch ab und zu Füchse herum. Dass ich den Türkenschanzpark zu Fuß erreichen kann ist Luxus, zu jeder Jahreszeit. Zur Volksoper muss ich nur ein paar Mal umfallen. Und ich bin in meiner Altbauwohnung umgeben von MusikerInnen, da kann es schon einmal vorkommen, dass von oben, nebenan und unten die Saiten gestrichen werden. Wunderbar!
Wann bist Du hierher gezogen und wie war Dein Ankommen?
In das Haus bin ich im Sommer 2016 gezogen, in die jetzige Wohnung 2019. 2016 bin ich gerade aus der Provence zurückgekommen und war frisch mit meinem Studium fertig. Es war meine erste eigene Wohnung und ich war sofort verliebt: zum Beispiel in die Küche, in der gleichzeitig eine Duschkabine war, und in das kleine Zimmer direkt zum Innenhof mit Linden und Kastanien zum Angreifen nah. Das breite Fensterbrett, zwischen zwei Flügeln, ist sofort zu meinem liebsten Leseort geworden. In der jetzigen Wohnung habe ich auch so eines. Meine Katze hat natürlich auch sofort die Vorzüge dieses Zwischenraums erkannt, ich muss also immer schnell sein.
Welche Zugänge hast Du zu Werk und Leben von Ingeborg Bachmann?
Werk und Leben, bei Bachmann sind sie tatsächlich erschreckend nah verwoben. Wobei es ihr im Schreiben gelingt die Kräfte zwischen Höllenfeuer und Himmelsluft auszugleichen und rein sprachlich zu bändigen. In ihrem Privatleben ist ihr das nicht gelungen, da war ihre gewaltige Gefühlswelt stärker als sie. Nur im Schreiben hat sie sich über Wasser halten können. Sie sagte ja auch von sich selbst, dass sie nur im Schreiben existiere, diese existentielle Schreibnot spürt man in ihren Texten. Das überwältigt mich, dann macht es mir manchmal Angst.
Die zwei Mandarinen waren ein Begrüßungsgeschenk von Fatima (afghanische Gastfamilie in der ehemaligen Wohnung von Ingeborg Bachmann)
Was schätzt Du an Ingeborg Bachmanns Schreibens besonders?
Ob Lyrik oder Prosa, ihr Schreiben ist immer ein Spiegel grundlegender, zeitloser Fragen unseres Daseins. Und es ist immer eine Alternative zum Verstummen. Das heißt, eine Reaktion auf eine Realität, die man nicht wiedergeben, nur verschweigen oder neugestalten kann. Ihr Schreiben wählt die Neugestaltung, was aber nicht bedeutet, die Sprache an sich neu zu machen. Sie sucht nach einer neuen „Gangart“, wie es in den Frankfurter Vorlesungen heißt, hinter der ein „neuer Geist“ wohnen muss. Das heißt ein Sprachspiel, das rein innerhalb der Sprache bleibt, gibt es nicht bei Bachmann. Es geht immer um mehr, um neue Möglichkeiten der Welterfahrung, um Varianten von Wahrnehmung. Um ein Ringen mit dieser Sprache, mit der gerade SchriftstellerInnen in Konflikt stehen und sich nach einem Vertrauensverhältnis mit ihr nur sehnen. Mich fasziniert auch die lyrische Kraft ihrer Prosa: Klang, Rhythmus, tastendes Suchen nach Sprache bleiben in allen Gattungen, die Bachmann verfasst hat, zentral. Vielleicht hat das auch mit dem eben Gesagten zu tun und vielleicht auch mit der Tatsache, dass Bachmann ursprünglich Musikerin werden wollte.
Möchtest Du ein Gedicht, ein Prosawerk, Eine Rede hervorheben?
Wie man an der obigen Antwort merkt, bin ich absolut vernarrt in die Frankfurter Poetikvorlesungen Bachmanns. Als, Bachmann würde sagen, „immer noch junge“ Frau, ist mir in letzter Zeit speziell die Erzählung Das dreißigste Jahr nah gewesen. Vor allem die Gedanken über das Erinnern, das ab diesem Alter Eingang ins Leben findet. Davor lebt man in einem ewig zukünftigem Gegenwartsgefühl, entfernt sich von der Herkunft, spielt mit dem Leben, braucht nicht mit allen Fasern an ihm zu hängen und nimmt jedes Risiko an: „die Welt schien ihm kündbar, er selbst sich kündbar“. So rund um die 30 entdecken wir in uns „die Fähigkeit, sich zu erinnern“. Wir beginnen Bisheriges zu formen, zu reflektieren, uns mit manchen Dingen zu versöhnen und vielleicht das Leben als weniger dramatisch zu nehmen: „Er wirft das Netz der Erinnerung aus, wirft es über sich und zieht sich selbst, Erbeuter und Beute in einem, über die Zeitschwelle, die Ortschwelle, um zu sehen, wer er war und wer er geworden ist.“ Der Protagonist erwacht aus einem Dämmerzustand des Selbstverständlichen, fasst Vertrauen in die Poren auf seiner Haut, in den Salzgeschmack des Meeres… also in Dinge, der er „nicht beweisen“ muss.
Dein erster Roman erscheint im August des Jahres. Was ist der inhaltliche Schwerpunkt und wie kamst Du zum Thema?
Über den Geruch nach feuchtem Holz auf einer Brücke am See wird die Protagonistin an ihr nicht mehr stehendes Familienhaus erinnert. Sie ist zu Besuch am Ort ihrer Kindheit, durchwandert ehemalige Strecken und taucht so in vergangene Stimmen, Silhouetten und Berührungen ein. Gleichzeitig begreift sie, wie nicht verarbeitete Kriegstraumata ihrer Vorfahren in ihrem Körper, ihren Emotionen und Denkmustern fortwirken. Die Rückblicke vermischen sich dabei mit einer latenten Furcht vor Wiederholung. Vor allem die sinnlichen Ebenen rund um ein abgerissenes Familienhaus begleiten mich schon sehr lange. Dass es so stark um Spätfolgen von Krieg in der jetzt jungen Generation gehen würde, hätte ich allerdings nicht gedacht. Das ist erst beim Schreiben selbst entstanden. Und durch Aussagen meiner Großmutter in ihren letzten Lebensjahren verstärkt worden.
Ingeborg Bachmann kam von der Lyrik zur Prosa. Ist es auch bei Dir ein radikaler Formwechsel?
Eigentlich nein. Ich habe eher den Eindruck, dass die Form meines Romans eine Verlängerung meiner Lyrik ist beziehungsweise die Trennlinien absolut verschwimmen. Meine Prosa funktioniert auch sehr rhythmisch, visuell, sehr sinnlich und löst sich regelmäßig in Strophen auf. Das ist auch in meinem ersten Roman „feuchtes holz“ so. Es gibt Passagen, die narrativer funktionieren, andere, die sehr lyrisch aufgebaut sind. Mir geht es um einen stetigen Tempowechsel. Die Lyrik dehnt Zeit, hält einen Raum an, der sich nicht nach vorne bewegen muss. Die narrativeren Passagen sorgen für Fluss, ein Vorankommen, ohne sie würde der Romanraum zu weit, haltlos werden.
Was ist Dir im Schreiben wichtig?
Sich ständig neu zu verlieben. In einzelne Worte, ihren Klang, ihre Materialität. Ich hebe diese dann auch gern visuell hervor, lasse weißen Raum um sie, das Gewicht soll, in aller Leichte, auf ihnen liegen. Deswegen bleibt wohl auch meine Prosa lyrisch, als hätte ich Angst, dass die Tragweite einzelner Worte, ihrer Beziehungen, in einer vorwärtsstrebenden Narration nicht vollends ausgekostet werden könnte. Schreiben bedeutet für mich, nicht zu fabrizieren. Das heißt, sich von Worten tragen, weiterführen zu lassen. Es ist ein Weiterspinnen voller Unsicherheiten. Ich gehe natürlich von einem Bild, einem Thema, einer Stimmung aus, die geben Richtung. Aber nicht mehr als Richtung. Zu viel im Voraus zu planen würde mein Interesse am Text verhindern, dann würde in mir das Gefühl entstehen, nur mehr vorgezeichnete Schablonen auszumalen.
Wie wichtig sind für Dich Orte im Schreiben?
Radikal bis zwanghaft wichtig. Letztendlich fange ich in jedem Text, ob jetzt in meiner Prosa oder Lyrik, Orte in ihren Stimmungen, Begegnungen, Gerüchen oder Bedeutungen zwischen Individuum und Kollektiv ein. Mein Deütroman ist eine tiefe Auseinandersetzung mit allen Dimensionen, die ein Ort aus der eigenen Kindheit für einen persönlich aber auch als Spiegel von Weltgeschehen annehmen kann. Hier war auch ein ganz konkreter Ort zentral für das Schreiben, nirgends sonst hätte es stattfinden können.
Welchen Eindruck hast Du hier vom ersten Wohn- und damit auch Schreibraum Ingeborg Bachmanns bzw. der Wohn- Schreibumgebung hier?
Die Wohnung liegt sehr ruhig, ganz am Ende des Ganges im ersten Stock. Das Wohnzimmer hat zwei große Fenster. Licht und Stille, schon einmal zwei sehr gute Voraussetzungen. Ich frage mich, wie viel Ingeborg Bachmann hier tatsächlich geschrieben hat. Und was. Briefe sicher. Vielleicht ja auch über den Magnolienbaum, der etwas weiter unten in der Severingasse einen ganzen Innenhof füllt? Gegeben hat es ihn damals wohl schon. So wie viele andere versteckte Ecken, von denen man trotzdem zu Fuß schnell im Zentrum sein kann.
In der Wohnung lebt nun eine afghanische Flüchtlingsfamilie. Welche Erinnerung hast Du jetzt an den Besuch, die Begegnung?
Ich denke sofort an die zwei Mandarinen, die wir von Fatima, der jetzigen Bewohnerin der Wohnung, geschenkt bekommen haben. Sie haben die sprachlose Kommunikation mit ihr eingeleitet, ihr Willkommenheißen aus Blicken und Berührungen. Ich bin fast froh, dass wir uns in keiner Sprache unterhalten konnten. Es ist so ein ganz anderer Raum entstanden, man musste sehr genau hinsehen, sehr direkte Zeichen setzen. Ich nehme ihre Herzlichkeit mit, das viele Lachen und die von Fatimas Sohn mit Buntstift bemalten Wände.
Was inspiriert Dich im Schreiben?
Alles Lebendige. Das klingt jetzt sehr allgemein, aber auf die Frage, was brauchst Du im Leben, würde dieselbe Antwort kommen. Das Schlimmste ist innere Abgestumpftheit, der Verlust von Lebendigkeit. Dann bleibt eine Hülle, die ein- und ausatmet, bestehen bleibt, aber nichts ein- und auslassen kann, innerlich also in sich zusammenfällt. Das Lebendige ist immer mehr Aufwand, als das Unlebendige. Und viel riskanter. Und genau das interessiert mich: im Schreiben das Risiko radikal anzunehmen und bis zum Ende zu gehen. Diese Gratwanderung ohne Kompromiss, wie in einer Liebesbeziehung.
Wie, wann schreibst Du?
Neues schreibe ich am liebsten am Vormittag. Gleich nach dem Aufstehen. Da bin ich noch nicht geformt vom neuen Tag, noch nicht beeinflusst von äußeren Ereignissen. In diesem noch unangetasteten Zustand bin ich am durchlässigsten für den Text an sich, bevor neue Eindrücke sich über ihn und mich legen. Das ist eine sehr heikle, fragile Zone, die mit einer falschen Begebenheit für den restlichen Tag verschwinden kann. Beim Überarbeiten ist es flexibler, das kann ich zu jeder Tageszeit und eigentlich auch recht unabhängig von inneren und äußeren Zuständen.
Darf ich Dich abschließend zu einem Ingeborg Akrostichon bitten?
I nnerlich dieses
N agen an
G gewohnheit das dich
E rpresst
B estehen vorspielt bis zur
O hnmacht aus der du
R ingst dann darüber
G leitest
Liebe Sophia, vielen Dank und viel Erfolg für Deinen Roman!
Sophia Lunra Schnack, Schriftstellerin_ Wien _ am Wohnort Ingeborg Bachmanns in Wien_ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)
Station bei Bachmann_Wien
im Interview und Fotoportrait_
Sophia Lunra Schnack, Schriftstellerin_Wien
Sophia Lunra Schnack, Schriftstellerin_Wien
Zur Person_Sophia Lunra Schnack, geboren 1990, lebt und schreibt überwiegend in Wien. Veröffentlichte bislang Lyrik und (lyrische) Prosa u. a. in den „Manuskripten“, in der „Poesiegalerie“, in „Das Gedicht“ oder in den „Signaturen“. Die Autorin schreibt auf Deutsch und Französisch. Immer wieder sucht sie eine klanglichatmosphärische Annäherung zwischen den beiden Sprachen.
2022 erhielt sie den rotahorn-Literaturförderpreis. Seit 2023 leitet sie einen Lyrikblog für „Das Gedicht“ (Hg. Anton Leitner).https://www.sophialunraschnack.com/
Lieber Francis Mohr, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Die Wochentage schanze ich in einer Klinik mit Routinen und Überraschungen. Zeitiges Aufstehen, Fahrrad, Arbeiten, Fahrrad, Familie, Freunde, Bücher, PC, zu Bett. An den Wochenende pausiere ich. Ausschlafen, Familie, Kultur, Aquarium, Schreiben, Tennis oder Squash.
Francis Mohr, Autor
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Der Blick über den Tellerrand und Solidarität mit den Schwachen. Respekt vor denen, die Verantwortung schultern. Klugheit und Demut. Trends ignorieren lernen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Aufbrüche finden (all-)täglich statt. Ein Neubeginn macht vorab Angst und wird nicht selten zur Freude, ist er erst absolviert. Die Sprache der Literatur kann dazu beitragen, einen Neubeginn kunstvoll und ästhetisch zu formulieren und anderen Mut zu machen, diesen zu wagen.
Was liest Du derzeit?
Parallel lese ich Ostap Slyvynsky „Wörter im Krieg“ und den Krimi des Jahres von 2022 (Edgar Award) „Fünf Winter“ von James Kestrel.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Das Buch „Wörter im Krieg“ ist eine Sammlung von kurzen Monologen aus dem Krieg in der Ukraine. So zum Beispiel von Oleksandr aus Butscha: „Bei heftigem Beschuss ist es nicht ratsam zu duschen. Es ist absolut kein Genuss. Ständig quält dich der Gedanke: Wenn wir jetzt getroffen werden, bin ich ein Kriegsopfer mit eingeseiftem Po.“
Vielen Dank für das Interview lieber Francis, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Francis Mohr, Autor
Francis Mohr, Autor
Zur Person_ Francis Mohr wuchs in Leipzig auf, lebt heute in Dresden und schanzt in einer Psychiatrie als Psychologe. Künstlerische Stationen: Pioniertheater, Studentenbühne, Autorenduo Federkrieger Dresden mit Leif Hauswald, Lesebühne Phrase4. Aktuell ist er mit dem Jazzmusiker Micha Winkler oder dem Rock- und Bluesmusiker Tino Z auf der Bühne zu Hause. Seine Genres: Zeitgenössische Literatur, Roman, Short-Story, Kriminalroman, Dramatik. Zuletzt „Der Alligator“ (zwiebook-Verlag, Dresden, 2022).
Liebe Mona Rabofsky, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich genieße langsames Erwachen. Gerne gebe ich mich dem morgendlichen Dämmerzustand hin – wenn meine Motorik noch nicht meine Gedankengänge kreuzt, kann ich mich Assoziierend mit dem Tag vernetzen.
Dann brauche ich Kaffee.
Bis dahin ist es in der Regel so um 7 Uhr morgens.
Danach verausgabe ich mich, ich arbeite tendenziell manisch und lasse mich dabei von jedem Tag aufs Neue mitreißen. Ich lebe modular. Zwischen Museum und freiem Schaffen, und da erst recht.
Immer wichtiger wird der Mittagsschlaf.
Diesen halte ich gerne auch erst am Nachmittag oder abends, oder vergesse ganz darauf, eine halbe Stunde reicht. Er hilft mir bei der der Trennung zwischen den Welten, in denen ich mich bewege. Es fühlt sich an, als würde danach ein neuer Tag beginnen.
Mona Rabofsky, Künstlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Zärtlichkeit. Wir lassen uns in Einzelschicksale zerreißen, diese gegeneinander aufwiegen, uns voneinander trennen, rotten uns virtuell zusammen, missverstehen einander und Demokratie als Recht des Lauteren, Stärkeren. Zärtlichkeit beinhaltet für mich auch Langsamkeit. In Resonanz treten zu können, ohne auf Harmonie zu bestehen. Und Bewusstheit um unsere jedweilige Verletzlichkeit. Die ist es, die uns Menschen miteinander verbindet.
Worauf kommt es an?
Auf unser Verständnis von Wirtschaft und Demokratie. Mir fehlt es, und dahin deute ich deine Fragestellungen, im Alltagsbewusstsein. Klar bin ich eine Einzelperson, und als solche habe ich, bis auf kleine Alltagsentscheidungen, nur wenig Einfluss auf das Weltgeschehen. Wenn ich mit Nachbar*innen oder Freund*innen über meine Entscheidungen und Sichtweisen reden, vielleicht schon etwas mehr – eine wirkliche Veränderung, und die steht an, kommt letztlich aber aus politischem Handeln heraus.
Und auf daraus resultierende politische Entscheidungen.
Und auf ein Umdenken, das ist allerdings ein großes Wort. Ich mag Jane Bennetts Idee von „vitalem Materialismus“. Ausgangspunkt für diese Sichtweise ist eine politisch-ökologische Haltung. Ihre Hoffnung ist es, durch eine Weltsicht, die das Gefüge der Mensch-Dingwelt als dichter anerkennt als unser menschlicher Stolz es annehmen möchte, uns in unserer Wahrnehmung in dieses Gefüge einzugliedern, um aus dem heraus bessere Entscheidungen zu treffen. Bennett will den Blick nicht für Unterschiede, sondern für Ähnlichkeiten schärfen. Ohne zu vereinheitlichen oder vereinfachen. Ein fiktiver Blick, mit dem wir das Farbspektrum unserer Wahrnehmung ein wenig verschieben, um damit altes anders sehen zu können und vielleicht somit umordnen. Umverteilen.
Ein Um-Denken also, inspiriert durch ein einfaches Gedankenspiel. Wer sagt, dass ein Umdenken nicht lustvoll sein kann? Ja, vielleicht brauchen wir einen etwas freieren Umgang mit unserer Gedankenwelt. Phantasie werden wir jedenfalls brauchen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Lasst die Künste bitte frei. Vor Allem vom Anspruch, die Welt retten können zu müssen. Das sage ich aus einem Kunstverständnis heraus, in dem ich jedem Wollen im Schaffen skeptisch gegenüberstehe. Außerdem braucht es dafür mehr als nur die Künste. Ich freue mich aber über jeden Versuch, etwas zu verändern oder aufzuzeigen. Auch diese Freiheit braucht es. Und ja, ich glaube auch, dass, wer im Rampenlicht steht, Verantwortung trägt.
Ich glaube außerdem, dass Kunst, die aus dieser Freiheit heraus geschaffen wird, gesellschaftlich inspirierend wirken kann – irritierend, strittig oder ermutigend. Vielfalt ist wesentlich.
Was liest Du derzeit?
Ich kann nicht linear lesen, nur assoziieren. Derzeit zwischen
Lukrez: Über die Natur der Dinge; Jane Bennett: Lebhafte Materie; Bernd Hüppauf: Vom Frosch, Eine Kulturgeschichte zwischen Tierphilosophie und Ökologie; Herbert Kalthoff, Thorsten Cress, Tobias Röhl (Hg.): Materialität – Herausforderungen für die Sozial- und Kulturwissenschaften; Jo Dahn: new directions in ceramics – from spectacle to trace.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Zwischen den Welten sieht man am weitesten.
Das ist mir mal in meinem Hadern mit meiner Zerrissenheit eingefallen. Und ich bin ein Zwischenwesen, das wurde mir ab und an zum Vorwurf gemacht. Aber vielleicht ist es eine Stärke und wir brauchen mehr von uns?
Mona Rabofsky, Künstlerin
Vielen Dank für das Interview liebe Mona viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Mona Rabofsky, Künstlerin
Zur Person_Meine künstlerische Tätigkeit ist transdisziplinär und Genre-übergreifend. Die Arbeiten vereint die Suche nach Zwischenräumen, Wahrheiten und Grenzen innerhalb verschiedener Felder künstlerischer und kultureller Praxen und Wirklichkeiten sowie Materialien im philosophischen als auch physischen Sinne.
Zur Person_Ina Jaich, 1984 in Stuttgart geboren. Nach ihrem Schauspielstudium an der akademie für darstellende kunst adk-ulm arbeite sie an verschiedenen Theatern im europäischen Raum, wie HAU – Hebbel am Ufer Berlin, Thalia Theater in Hamburg, Stadttheater Gent / NTGent oder dem WERK X-Petersplatz in Wien und mit Filmregisseur*innen wie Christian Klandt, Rainer Kaufmann, Sophie Linnenbaum oder Alexei Popogrebski. 2020 arbeitete sie mit Luk Perceval und Steven Heene in Gent. Für ihre Rolle im Kinofilm „Viva Forever“ von Sinje Köhler wurde sie für den Förderpreis Neues Deutsches Kino in der Kategorie Schauspiel des Filmfest München nominiert. Sie war Protagonistin des Festivaltrailers der Diagonale’21 – Festival des österreichischen Films unter der Regie von Jennifer Mattes, sowie Dramaturgin 2022 im Rahmen des partizipativen Projektes „Moving the Forum“, das sich kritisch mit der Stiftung Humboldt Forum auseinandersetzte. Für den rbb – Rundfunk Berlin-Brandenburg konzipierte und spielte sie 2021 die Hörspiel-Performance „Funken der Liebe“ auf Grundlage des Hörspiels „SOS … rao rao … Foyn“ von Friedrich Wolf zum 90-jahrigen Jubiläum des Haus des Rundfunks Berlin.
Es herrscht nun Krieg, keiner ein Gegenmittel fand
Panzermanöver Nacht und Tag
Ein Meer aus Blumen auf dem Grab
Apokalypse droht dem Volk
Chance auf die Freiheit man verliert
Ein streng Tyrann das Volk regiert
Allein der Frieden kann die Menschheit retten
Charakter,
Handeln ist gefragt
Auch wenn die Angst im Körper nagt
Nächte und Mächte uns vergehen
Chance auf die Freiheit alle sehen
Ein Recht auf freies Leben
Daniela Elisa Mayer, 21.6.2023
Daniela Elisa Mayer, Schriftstellerin
Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:
Daniela Elisa Mayer, Schriftstellerin
Zur Person_Daniela Elisa Mayer, geboren1975 in Wien. Autorin & Sprecherin, wohnhaft in Niederösterreich, schreibt Gedichte und Prosa Veröffentlichungen auf www.daniela-elisa-mayer.at und www.gedichtezauber.de
Kinderbuch „die alte Keppelzahn Katze“ in Arbeit. Lyrikband „das Fenster zum Hof“ in Arbeit. Im März 2021 Ausbildung zur professionellen Sprecherin.