„Kunst trägt immer schon das Potential zur Heilung in sich“ Ines Berwing, Drehbuchautorin, Lyrikerin _ Berlin. 20.10.2023

Liebe Ines Berwing, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich vor einem knappen Jahr Mutter einer kleinen Tochter geworden bin und mein Partner ebenfalls selbständig ist, wechseln wir uns mit der Kinderbetreuung und dem Schreiben ab.

Schreiben: Gerade wenig Lyrik und viel Drehbuch. Ich hoffe, das ändert sich wieder, sobald die Kleine in die Kita kommt und wieder größere Freiräume entstehen. Momentan ist alles sehr eng getaktet.

Ines Berwing, Drehbuchautorin, Lyrikerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich fühle mich gerade wirklich nicht in der Lage, „für uns alle“ zu sprechen. Die letzten Monate habe ich in einer Art Stillblase und zugegebenermaßen ein bisschen an den Geschehnissen in der Welt vorbei gelebt. In diesem Zustand war es für mich eher wichtig, mich und mein Baby vor den Krisen im Außen zu schützen.

Also kann ich nur für mich sprechen: Die Augen nicht zu verschließen angesichts einer immer bedrohlicher werdenden Wirklichkeit, empfinde ich als extrem wichtig. Informiert zu bleiben. Empathisch. Sich gegenseitig mit Wärme und Großzügigkeit zu begegnen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Film, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, Kunst trägt immer schon das Potential zur Heilung in sich, sowohl der Schaffenden als auch der Rezipierenden. „Kunst ist die Befreiung aus dem Gefängnis der Scham“, sagt Deleuze im Dokumentarfilm ABÉCÉDAIRE – Gilles Deleuze von A bis Z. Daran glaube ich. Sie besitzt auch noch tausend andere Rollen. Aber diese empfinde ich selbst als die wichtigste.

Was liest Du derzeit?

In den wenigen Stunden, in denen ich gerade zum Lesen komme: Uljana Wolfs Essay-Sammlung „Etymologischer Gossip“. Und immer auch Lyrik, gerade: „längst fällige verwilderung: Gedichte und Gespinste“ von Simone Lappert.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Siehe oben.

Vielen Dank für das Interview, liebe Ines, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Filmprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Ines Berwing, Drehbuchautorin und Lyrikerin

Zur Person _Ines Berwing, lebt als Drehbuchautorin und Lyrikerin in Berlin.

Ihr zweiter Lyrikband wird im Herbst 2024 bei Schöffling erscheinen.

Foto_Dirk Skiba

Walter Pobaschnig _ 10.10.2023

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„Die Unvernunft aufhalten“ Tanja Langer, Schriftstellerin und Verlegerin  _ Berlin 19.10.2023

Liebe Tanja Langer, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Er wird strukturiert vom Rhythmus der Versorgung meines Lebensgefährten, der schwer an ALS erkrankt ist; dh morgens Frühstück, Medikamentengabe, mittags, abends genauso, wichtig: Gespräch (das braucht Zeit, weil sein Sprechen eingeschränkt ist). Zwischen den Mahlzeiten Organisatorisches, Nachrichten im Radio, Einkaufen, Behörden, medizinische Bürokratie. Sein Mittagsschlaf unter der Maske: in dieser Zeit bisschen Verlagsarbeit, laufende Dinge, manchmal eine Stunde lesen und nachdenken (eher nachts), selten schreiben, nachmittags mal mit ihm spazieren „fahren“ (Rollstuhl) oder ihm bei seinen Arbeiten helfen (tippen, verstehen, etc.). Ganz anders denken. Manchmal sticke ich.

Tanja Langer, Schriftstellerin und Verlegerin 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Frieden. Die Unvernunft aufhalten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

(Die Frage klingt ein bisschen wie kurz nach Corona) Wir erleben ununterbrochen Zäsuren, immer neu entflammende Kriege, es ist viel Leid, Mitleid, Grund für Trauer in der Welt, die Trauer ist extrem wichtig, um für die Zukunft Konsequenzen ziehen zu können. Ich denke, Kunst und Literatur können helfen, sich damit auseinanderzusetzen, sich in „Ambivalentem“ einzuüben, differenzierter wahrzunehmen. Wir brauchen Geduld und Liebe.

Was liest Du derzeit?

Dylan Thomas, Wallace Stevens, Edith Sitwell, ich versuche mal den neuen Ken Follet wegen der Weberei, und von Maike Wetzel „Schwebende Brücken“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Von Rosa Luxemburg:  „Sieh, dass du Mensch bleibst. Mensch sein ist von allem die Hauptsache. Und das heißt fest und klar und heiter sein, ja heiter, trotz alledem.“

Vielen Dank für das Interview, liebe Tanja, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Tanja Langer, Schriftstellerin und Verlegerin 

Zur Person _Tanja Langer, geboren 1962 in Wiesbaden, lebt seit 1986 in Berlin. Sie veröffentlichte Erzählungen, Hörspiele und Romane wie Der Tag ist hell, ich schreibe dirDer Maler MunchKleine Geschichte von der Frau, die nicht treu sein konnte und den Afghanistanroman Der Himmel ist ein Taschenspieler (mit D. Majed). Als Textdichterin für Neue Musik verfasste sie das Libretto für die Oper Kleist (UA 2008) und den Liederzyklus Künstlerinnen / Fürchterlich ist die Braut am Abend von Rainer Rubbert, die Oper Ovartaci – crazy, queer & loveable für 12 Komponist*innen (2017/8 Staatsoper Unter den Linden, Berlin) u.a.. 2019 eröffnete sie ihr Projekt zum Erinnern und Vergessen mit dem Roman Meine kleine Großmutter & Mr. Thursday oder die Erfindung der Erinnerung. 2016 gründete sie den polyphonen Bübül Verlag Berlin.

Langer gilt als »… eine aufregende und avancierte Autorin mit Gespür für politisch-gesellschaftliche Umbrüche, die sie immer auch aus privater Sicht zu spiegeln weiß.«  Volker Heigenmooser, literaturkritik.de

http://www.tanjalanger.de

Tanja Langer _ BÜBÜL VERLAG BERLIN

https://tanjalanger.de/buebuel/

Foto_Michele Corleone

Walter Pobaschnig _ 14.10.2023

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„Wir müssen Künstler:innen einen viel sichtbareren Platz einräumen“ Philippe Hermann, Architekt _ Nizza/F 18.10.2023

Lieber Philippe Hermann, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Tage sind sehr unterschiedlich. Sie beginnen immer mit einem Kaffee. Soll ich Dir einen serviere? Diese Bohnen haben einen edlen Geschmack, sie waren nicht einmal die teuersten.

Wenn ich an die Konstanten denke, zwischen meinen Tagesaktivitäten an der Côte d’Azur, im Elsass und in Österreich, die Zeit im Büro, auf der Baustelle, usw., würde ich sagen, dass es drei sind und dass sie die Menschen betreffen: die Wörter „Bitte“, „Danke“ und „Entschuldigung“. Es erfordert eine gewisse Bescheidenheit und große Höflichkeit, gute Ideen zu haben und sie konsequent in die Tat umzusetzen, was immerhin das Herzstück dessen bilden, was von mir erwartet wird. Diese Zauberwörter sind eine Voraussetzung zum Erhalt qualitativ hochwertiger Arbeit sowohl von den Ingenieuren, Unternehmern, Handwerkern und Arbeiter. Professionell zu sein, besteht für mich nicht nur daran, die eigene Grammatik von jedem zu kennen, aber auch reaktiv, flexible und pro-aktiv zu sein, um die vielen Beteiligten an das Projekt anzuhängen. Natürlich muss man auch mit Amtsträger, Investoren, Immobilienmakler, sprechen und sogar Nachbarn oder Nutzern zuhören, aber all das geschieht effizienter, wenn das Bauen erstmal Konsistenz hat. Eine motivierende, bedeutende Arbeitsatmosphäre kann manchmal kleine Wunder hervorbringen. Der Bauherrschaft wird dadurch die Kohärenz des Projekts versichert.

Philippe Hermann, Architekt

Da ein Bau ein gemeinsames Werk in dem die Leistung und der Stolz von jedem Beteiligten enthalten sein sollte, benötigt es ein Architektenprojekt, das mehrmals täglich, ob vor Ort oder in den Studien, hilft, Entscheidungen zu treffen. Konkret, dienen meine Leistungen dieser Kommunikation und sind dadurch eklektisch. Möglicherweise verbringe ich Zeit im Büro damit, einen Vorentwurf für einen Kunden oder ein Ausführungsdetail von Hand für einen Unternehmer, der am nächsten Tag Beton gießen muss, zu zeichnen. Oft bin ich damit beschäftigt, einen Bericht oder eine Ausschreibungsakte zu schreiben. Ich telefoniere, organisiere Besprechungen. Schließlich fällt ein gewisser Zeitaufwand für die Recherche und Dokumentation an.

Villa Joy, P. Hermann Arch., folgendes Foto

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Im Raum um uns herum gibt es Zeichen, die von Bedeutung sind, weil sie die Orte charakterisieren und uns berühren. Einige von ihnen berücksichtige ich, als Ausgangspunkt für die spezifische Situation jedes Projekts. Ich meine: es gibt eine Frage die uns alle betrifft, die des Kontexts.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Die Kontinuität ist im Auge zu behalten. Sollte es auf gewisser Hinsicht einen Aufbruch geben, so wäre Künstler nicht, wer der neuen Mode folgt, sondern wer durch seine Arbeit Zusammenhänge zwischen vorher, jetzt und später zeigt. Wir müssen Künstlern, die Visionen für uns alle tragen und unser Leben prägen, einen viel sichtbareren Platz einräumen. Ich habe gerade Nina Märkl, Marine Peyre, Cécile Barani, Magda Steinhauser und meinen Freund Heinrich Büchel ausgestellt, die alle ihre Motivation in der Räumlichkeit, Funktionalität, Zeitlosigkeit und Schönheit sehen. Ihre Werke sind einzigartig und inspirierend. Gespräche mit diesen unglaublichen Menschen können stundenlang dauern, sie sind wirklich leidenschaftlich und voller großzügiger Ideen.

Villa Fuont Nova, P. Hermann Arch.

Was liest Du derzeit?

Ich lese „Ruse“ von Eric Naulleau auf Französisch, eine Geschichte, die sich in Roustchouk abspielt, einer Stadt mit westlichem Charakter in Bulgarien.

Gleichzeitig lese ich „Die Welt von gestern“ auf Deutsch und genieße jeden Satz der Schrift von Stefan Zweig.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wie Drogo bei Dino Buzzati sagt: in letzter Zeit war der Wirbelsturm immer heftiger geworden, dann war plötzlich nichts mehr und die Uhren funktionierten nutzlos.

Vielen Dank für das Interview, lieber Philippe, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Architektur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Philippe Hermann, Architekt  

Zur Person _ Philippe Hermann, Dipl.-Ing Arch. DPLG

Geboren im Lothringen, Studium an der Ecole Nationale Supérieure d’Architecture in Straßburg.

Gründete sein eigenes Büro 2004 in Nizza. Tätig in Südfrankreich, Monaco, Straßburg, Luxemburg und Österreich.

Aktuelle Bauten: Villa Joy (Peille, F), Villa Fuont Nova (La Turbie, F), Wohnungsbau Rue 1900 (Luxembourg-City, L)

Fotos_Philippe Hermann

Walter Pobaschnig _ 14.10.2023

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„Grauen“ Gerd Scherm, Schriftsteller und bildender Künstler _ Give Peace A Chance _ Colmberg/D 18.10.2023

GIVE PEACE A CHANCE

Grauen

In

Versen

Eingefangen


Panzer

Eleminieren

Alle

Chancen

Ersterben


Apokalypse


Chaos

Herrscht

Atemlose

Nächte

Colorlose

Einsamkeit

Gerd Scherm, 1.10.2023

Gerd Scherm, Schriftsteller und bildender Künstler

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Gerd Scherm, Schriftsteller und bildender Künstler

Zur Person  _

Gerd Scherm *1950 ist freischaffender Schriftsteller und bildender Künstler, lebt in einem alten Fachwerkgehöft auf der Frankenhöhe. Sein reiches literarisches Spektrum umfasst Theaterstücke, Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten, Satiren, Lyrik und Essays. Mehrere Komponisten vertonten seine Texte von Songs bis zur abendfüllenden Oper.

Zu Gerd Scherms bekanntesten Werken gehören die Nomadengott-Saga und seine Dramen. Er wurde u.a. mit dem Wolfram-von-Eschenbach-Förderpreis und dem Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste ausgezeichnet und war Stipendiat des Auswärtigen Amtes in Italien und Schottland.

Mitglied des VS Deutschland und des PEN.

https://www.scherm.de/

Foto _ privat

1.10.2023 _Walter Pobaschnig

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50.Todestag Ingeborg Bachmann _ „ich wünsche nichts mehr, nur Ruhe, um jeden Preis Ruhe“ _ revisited _ Berlin/Grunewald 17.10.2023

Ingeborg Bachmann _
Heinz Bachmann 1962

Nach der Trennung von Max Frisch im Frühjahr 1963 bezieht Ingeborg Bachmann eine Wohnung in Berlin/Grunewald/Königsallee 35.

„Ich ziehe am 1.Juli in den Grunewald/Königsallee 35, momentan stehen dort noch saumselige Maurer herum und flicken Wände und Türen…“

Brief Ingeborg Bachmann an Max Frisch


„Ich fange an, mich einzurichten in den Fakten und der Zeit, in der keine Wunder geschehen, und ich wünsche nichts mehr, nur Ruhe, um jeden Preis Ruh, und ich muss der geringsten Aufregung aus dem Weg gehen – es gibt immer noch genug, auch wenn man kein Telefon hat und sich vergräbt wie eine Maus…“

Brief Ingeborg Bachmann an Max Frisch

17.10.2023 _ 50.Todestag Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)

Wohnung Ingeborg Bachmann _ Berlin/Grunewald/Königsallee 35_revisited

Walter Pobaschnig

https://literaturoutdoors.com 10/23

50. Todestag Ingeborg Bachmann _ „Ich bin froh wieder im Löwenrachen zu sein“ _ revisited _ Bocca di Leone/Rom 17.10.2023

Ingeborg Bachmann in der Terrassenwohnung Bocca di Leone 60/Rom

Ingeborg Bachmann bezog 1965 die großzügige Terrassenwohnung Bocca di Leone 60 im Herzen Roms (Via Condotti/Spanische Treppe in unmittelbarer Nähe).

An der Hausfassade befindet sich heute eine Gedenktafel an Ingeborg Bachmann.

„Ich bin froh wieder im Löwenrachen zu sein…“

1968/70 entstand hier eine Portraitserie von Garibaldi Schwarze.

revisited
Ingeborg Bachmann _ Bocca di Leone 60/Rom

17.10.2023 _ 50.Todestag Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)

Fotos _ Ingeborg Bachmann: Garbaldi Schwarze 1968/70.

_revisited: Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig

https://literaturoutdoors.com 10/23

50.Todestag Ingeborg Bachmann _ Undine geht _ „ein anders mächtiges Gegenteil männlicher Weltsicht und -ordnung“ Barbara Deissenberger, Schriftstellerin  _ Wien 17.10.2023

Undine geht _
Barbara Deissenberger, Schriftstellerin  _ Wien _
Thematisch-szenisches Fotoshooting _ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann (1961) _ 
50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_ 
Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)

Undine geht_Erzählung/Monolog Ingeborg Bachmann_Wien_1961

im Interview und szenischem Fotoportrait_acting Undine

Barbara Deissenberger, Schriftstellerin  _ Wien 

50.Todestag_Ingeborg Bachmann_ Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)

Interview und alle Fotos _ Walter Pobaschnig

Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.

Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.

Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.

Den Schwerpunkt bildet dabei Werk und Leben Ingeborg Bachmanns. Ebenso weitere Künstler:Innen.

Umrisse unbenannter Ufer

Neigen nachts neuen

Driften durch Dämme, Deiche, Docks

In irrsinnige Inseln

Nächtlicher Narzissen, nasser Nymphen.

Empfangendes Element, ertrinkende Erde


Gebiert gestrandete Gewässer

Eine Erinnerung eilt  

Hebt hagere Hand

Teichrose taumelt, tiefgrüner Traum

Barbara Deissenberger, 17.10.2023

Liebe Barbara Deissenberger, wie liest Du den Text „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann? Welche Grundaussagen gibt es da für Dich?

Es ist eine Parabel über Männer, ihre Welt, ihre Beziehungen zu Frauen, ihre Ratio, ihre Rücksichtslosigkeit, ihre Sprache, ihr Machtstreben und die Lockung, all dem und allen ein Ende zu bereiten. Für diese Lockung steht allegorisch Undine: die Nymphe, die Sirene. Zuerst lockt ihr Gesang Männer in Momenten der Verlorenheit und jähen Erkenntnis, später klagt er sie als Verräter an. Aber die anklagende Undine will ihnen in ihrem Urteil auch Gerechtigkeit widerfahren lassen. So wie sie zuvor die Schrecklich- und Lächerlichkeiten einer patriarchalen Welt genannt hat, lobt sie gegen Ende das Streben des Geistes, den Wunsch (die Welt) zu retten, zu helfen, Begeisterung und Sprache der Technik und Wissenschaft, wie Männer sie pflegen.

Wie siehst Du „Undine“?

Undine ist die Ahnung der Möglichkeit einer anderen Welt, die Männer manchmal anweht  und lockt. Diese Möglichkeit würden sie in der Erzählung Frauen niemals zugestehen. Aber Undine ist ja das Andere schlechthin, ein anders mächtiges Gegenteil ihrer Weltsicht und -ordnung. Undine kann allegorisch als die Erkenntnis oder die Kunst gelesen werden. Wenn Männer insgeheim darum wissen, dass doch vieles nicht so wichtig ist, das sie aufbauen und auf das sie bauen, hören sie den lockend wehklagenden Gesang der Erkenntnis. Und durch Kunst weht sie die Ahnung einer anderen als der materiellen Macht an. Der Kunst kann man(n) sich nicht immer entziehen. Sie verführt und zeigt die Wahrheit schonungslos anders als das Rationale. Das sind für mich die zwei Seiten von Undine: Weisheit-Geist und Kunst-Seele. 

„Undine geht“ wurde vor gut 60 Jahren veröffentlicht. Was hat sich seit damals im Rollenbild von Frau und Mann verändert und was sollte sich noch ändern?

Das hängt von der jeweiligen Gesellschaft ab. Im Iran werden Frauen, die ihre Kopfbedeckung angeblich nicht korrekt tragen, von der Sittenpolizei verschleppt, gefoltert und sogar ermordet. Dass solche Vergehen ungestraft in der Welt vorkommen, schreibt man in westlich zivilisierten Gesellschaften anderen und/oder weniger entwickelten Kulturen zu. Was man dabei gern vergisst und in unserer offiziellen Geschichtsschreibung so nicht fortschreibt: Es gab auch bei uns keine „natürliche“ Entwicklung, kein einfaches Voranschreiten „der Moderne“, die eine Besserstellung der Frau bewirkten. Es waren immer Aufstände, Ausschreitungen und Revolutionen, die mit den Forderungen und Petitionen der Frauen einhergehen mussten. Sonst hätte sich auch in unserer Zivilisation an den Rollenbildern nichts geändert. Heute dürfen sich Frauen und Männer in Rollen versuchen, in denen sie früher nichts verloren hatten: die einen in Führungspositionen und technischen Berufen, die anderen in Fürsorgepositionen und sozialen Berufen. Was sich noch ändern sollte, kann man etwa daran ablesen, wie oft Frauen in höchster leitender Position arbeiten und wie oft Männer mehrere Jahre in Karenz gehen. Es braucht psychisch und real die passenden Bedingungen, damit neue Rollenbilder gelebt werden können.

Der Monolog geht mit der patriarchalen Gesellschaftswelt schonungslos ins Gericht. Wie siehst Du die Situation patriarchaler Macht heute?

Die patriarchale Macht wirkt heute in westlichen Gesellschaften mehr oder weniger unterschwellig weiter. Sie ist oft schwerer zu erkennen, aber sie ist da. Auch in nicht wieder gutzumachenden Spuren aus der Vergangenheit besteht sie fort. Ich durfte die ersten zehn Jahre nicht bei meiner Mutter leben: ein uneheliches Kind, dessen Vormund das Jugendamt war. Meine Mutter und ich hatten keinerlei Recht zu bestimmen, ob wir zusammen leben wollten. Wir wollten. Die Amtsvormundschaft für uneheliche Kinder wurde in Österreich erst 1989 abgeschafft.

Der Text drückt auch viel Trauer über das Scheitern der Liebe und eines Miteinander der Geschlechter im persönlichen wie gesellschaftlichen Leben aus. Welche Auswege siehst Du da?

Um Bachmann, die auch Philosophin war, zu ehren, versuche ich es mit folgender Antwort: Persönlich führt kein Weg am „Erkenne dich selbst“ vorbei. Ein lebenslanger Prozess, aber vielleicht der einzige Weg, um sich jemand anderem wahrhaft nähern zu können. Gesellschaftlich müsste ein radikales Umdenken stattfinden. Ein Systemwechsel weg von immer noch kolonialistisch-imperialistischen Kapitalismus-Strukturen, hin zu einer anderen Definition, was Wohlbefinden, Wohlstand, Lebensqualität und Glück bedeuten. Das könnte  Bedingungen für ein besseres Miteinander der Geschlechter schaffen.

Was kannst Du als Frau und Künstlerin von „Undine geht“ in das Heute  mitnehmen?

Als Frau: Ich möchte nicht untergehen in einer von Männern dominierten Welt. Möchte vielmehr wahrhaben, dass sich etwas geändert hat für uns, zum Besseren.

Als Künstlerin: die Eindringlichkeit von Sprache und Aussage.

Was bedeutet Dir Natur?

Mein Ursprung, mein Rückzugsort, meine letzte Ruhestätte. Das, was lang vor uns war. Das, was uns überleben soll. Das zu Bewahrende, Erste und Letzte.

Was bedeutet Dir das Element Wasser?

Leben. Überleben. Sinnlichkeit. Meditation. Das ausgleichende Element schlechthin. Es nimmt jede vorgegebene Form an und verformt doch hartes Gestein. Ich wohne nah an einem Naturgewässer und gehe das ganze Jahr über fast jeden Tag ins Wasser.

Wie lebst Du den Kreislauf der Jahreszeiten?

Intensiv, seit ich in Lobau-Nähe wohne und einen Garten habe. Im Frühjahr fange ich wieder mit Schwimmen draußen an, genieße das zunehmende Grün   und halte mich wegen Insekten und Igel zurück, nicht zu früh das Laub im Garten zusammen zu kehren. Im Sommer bin ich täglich mindestens eine Stunde in der Lobau und im Wasser, feiere das Licht, die lauen Nächte, Blühen und Schatten im Garten. Im Herbst sammle, ernte und trockne ich Kräuter, schwimme kürzere Strecken und bade in den Farben des Indian Summers. Im Winter gehe ich meist zu Fuß in die Au statt mit dem Rad zu fahren und das Schwimmen geht in Eisbaden über. Im Garten freu ich mich mit den Amseln über die Efeu-Beeren und liebe mehr noch als sonst die Fichte, meinen immergrünen Freund vorm Haus.

Wie kann der moderne Mensch in Harmonie zur und mit der Welt leben?

Reichtum dürfte nicht mehr als das, was wir uns als Einzelne an Materiellem aneignen, empfunden werden. Wir sind reich, wenn wir etwas von dem, das uns in Wahrheit ausmacht, leben können. Was das materielle Sein betrifft: Wir sind  ein Teil der Natur. Das sollten wir nicht als einen durch Technik zu überwindenden Atavismus sehen.

Was braucht Liebe immer, um zu wachsen, blühen?

Offenheit und Entwicklung. Zu sehen, was da ist und werden kann.

Was lässt Liebe untergehen?

Nur mehr zu sehen, was nicht oder nicht mehr ist.

Wie war Dein Weg zur Literatur?

Wahrscheinlich habe ich als Kind angefangen, Geschichten gegen die Tristesse der Wirklichkeit zu erfinden. In der Volksschule log ich jedenfalls bereits „wie gedruckt“. Als Jugendliche habe ich – typischer Weise – versucht, Texte der Art, die ich vom Lesen kannte, zu schreiben. Leider hatte ich länger großteils keinen Zugang zu guter Literatur. Erst, als ich mir selber Bücher kaufen konnte, gelangte ich an den Apfel der Erkenntnis und lernte Gutes von Schlechtem zu unterscheiden. Trotzdem las und lese ich querbeetein vieles, das mir unterkommt. Es gibt keinen Dünkel bei mir. Eskapismus spielte sowohl beim Lesen als auch beim Schreiben von Literatur immer eine Rolle.

Welche aktuellen Projektpläne hast Du?

Ich schreibe an meinem dritten Roman. Er ist im Bereich Climate Fiction angesiedelt. Hat also wie mein voriger Roman „Eine Geschichte in Weiß“ wieder viel mit Natur und dem Umgang der Menschen mit ihr zu tun. Die Handlung spielt in naher Zukunft, 2049. Ich greife einige Romanfiguren und ihre Nachfahren aus meinen vorigen Büchern auf. Malika etwa wird eine nicht unwichtige Rolle spielen. Diesmal als alte Frau. 

Welches Zitat aus „Undine geht“ möchtest Du uns mitgeben?

„Wenn dir nichts mehr einfiel zu deinem Leben, dann hast du ganz wahr geredet … Dann sind alle Wasser über die Ufer getreten, die Flüsse haben sich erhoben, die Seerosen sind gleich hundertweis erblüht und ertrunken, und das Meer war ein machtvoller Seufzer, es schlug, schlug und rannte und rollte gegen die Erde an …“

Darf ich Dich zum Abschluss zu einem Akrostichon zu „Undine geht“ bitten?

Unumwunden

Nimm

Doride

Ich

Nicht

Engels

Gleich

Einer

Haarlocke

Tropfen

Undine geht _
Barbara Deissenberger, Schriftstellerin  _ Wien _
Thematisch-szenisches Fotoshooting _ „Undine geht“ Ingeborg Bachmann (1961) _ 
50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_ 
Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)

Undine geht_Erzählung/Monolog Ingeborg Bachmann_Wien_1961

im Interview und szenischem Fotoportrait_acting Undine

Barbara Deissenberger, Schriftstellerin  _ Wien 

50.Todestag_Ingeborg Bachmann_ Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)

Interview und alle Fotos _ Walter Pobaschnig 10/23

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50.Todestag Ingeborg Bachmann _ „Träumen. Ganz wild und frei träumen.“ Laura Nunziante, Autorin _Wien 17.10.2023

Liebe Laura Elisa Nunziante, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Grübeln, arbeiten, grübeln, Essen, Schreiben, Lesungen planen, mich mit Chat GPT streiten, aufregen, grübeln, rauchen, lachen, doofe Sprüche machen, nachdenken, ohne Handy einschlafen wollen und kläglich scheitern. Träumen. Ganz wild und frei träumen.

Laura Elisa Nunziante, Autorin 


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sich selber richtig unangenehm schlau, schön und bedeutsam finden. Und mit dieser Einstellung die Welt retten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wesentlich wird sein, den Aufbruch auf eine Stunde am Tag zu minimieren. So ein Neubeginn, der schlaucht. Den Rest des Tages möglichst viel Literatur konsumieren, sie lenkt ab und gibt uns die Illusion zurück, dass wir die Welt doch noch retten können, sofern wir nur das passende Zitat dazu finden. 

Was liest Du derzeit?

Virgina Cowles – Looking for Trouble

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

  “Whatever we do, someone is going to take the time to say it’s shit.”    
  – Virginie Despentes 

Vielen Dank für das Interview, liebe Laura Elisa, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Laura Elisa Nunziante, Autorin 

Zur Person _Creative Writing an der London Met, Vergleichende Literaturwissenschaften an der Uni Wien. Reportagen bei Droemer Knaur, in der WIRED, ZEIT, STANDARD.

Foto: Alex Gotter

Walter Pobaschnig _ 6.10.2023

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50.Todestag Ingeborg Bachmann _ „bitte ein Licht lassen!“ _ Rom/Ospedale Sant’Eugenio 17.10.2023

Rom/Ospedale Sant’Eugenio _
Ingeborg Bachmann starb hier am 17.10.1973

In der Nacht vom 25. auf den 26. September 1973 erlitt Ingeborg Bachmann in ihrer römischen Wohnung _ Via Giulia 66/Palazzo Sacchetti – schwerste Brandverletzungen. Sie wurde in das Krankenhaus Ospedale Sant`Eugenio/Rom gebracht und verstarb hier am 17.10.1973.

Ingeborg Bachmann_ Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom) _ Heinz Bachmann, 1962

„Ivan fragt: Soll ich das Licht auslöschen?

Nein…bitte ein Licht lassen!

Ich lösche Dir aber einmal alle Lichter aus, schlaf du endlich, sei glücklich.

Ich bin glücklich.

Wenn du nicht glücklich bist – was dann? ….

Ivan geht leise aus dem Zimmer und löscht jedes Licht hinter sich, ich höre ihn gehen,

ich liege ruhig da,

glücklich.“

Malina, Ingeborg Bachmann. Roman, 1971.

Ingeborg Bachmann _
Heinz Bachmann, 1962
Rom/Ospedale Sant’Eugenio _
Ingeborg Bachmann starb hier am 17.10.1973

17.10.2023 _ 50.Todestag Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)

Fotos _ Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann, Rom, 1962

Rom/Ospedale Sant’Eugenio _revisited: Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig

https://literaturoutdoors.com 10/23

50.Todestag Ingeborg Bachmann _ „Dass Du mich so schnell abgetan hast, während ich teilen wollte, mitgehen und mitfühlen wollte.“ Via de Notaris/Rom 17.10.2023

Ingeborg Bachmann _ Foto in der Via de Notaris 1F/Rom_
Heinz Bachmann, 1962
(folgende)

Ingeborg Bachmann bezog mit Max Frisch im Frühjahr 1961 die gemeinsame Wohnung in der Via de Notaris 1F/Rom.

Ostern 1962 kamen Ingeborg Bachmanns Eltern und ihr Bruder Heinz auf Besuch. Ingeborg Bachmann sagte ihrem Bruder „mach` Fotos von mir“. So entstand eine Portraitserie, welche die umfangreichste der Schriftstellerin ist.

Ingeborg Bachmann _ im Hintergrund ihre Eltern Matthias und Olga Bachmann

Im Herbst desselben Jahres trennt sich Max Frisch von Ingeborg Bachmann. Es gibt kein gemeinsames Foto (mehr).

„…dass du (Max Frisch, Anm.) mich so schnell abgetan hast, während ich teilen wollte, mitgehen und mitfühlen wollte.“

Brief Ingeborg Bachmanns an Max Frisch, 13.November 1962.

Via de Notaris
Wohnung von Ingeborg Bachmann und Max Frisch _ 1961-62
Ingeborg Bachmann _ Fotos in der Via de Notaris 1F/Rom_
Heinz Bachmann, 1962

„Aber es ist schon so tiefe Nacht, und es kommen mir immer weniger Worte…

Und es fällt mir ein, dass ich heute für Dich (Max Frisch, Anm.) Häuser gesucht habe den ganzen Tag und Dir darüber berichten muss, das kann ich jetzt nicht mehr…

Ich bin sicher, dass Marianne mit Dir leben möchte und könnte – es hängt nur von Dir ab. Das wollte ich Dir noch sagen, glaube ich…

Seid umarmt, Du und Marianne, und denkt manchmal an Euren Narren.

Addio.

Ingeborg“

Brief Ingeborg Bachmanns an Max Frisch, 13.November 1962.

17.10.2023 _ 50.Todestag Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)

Fotos _ Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann, Rom, 1962

Via de Notaris _revisited: Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig _ 10/23