Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich bin der Ansicht, dass Kunst stets eine Auseinandersetzung mit Welt ist und diese daher auf irgendeine Weise reflektiert. Darüber hinaus glaube ich, dass sie, im Kleinen zumindest, transformative Potentiale besitzt, die uns verblüffen, erstaunen, lernen lassen, verwirren und entsetzen können.
Was liest Du derzeit?
Jean Baudrillard – Warum ist nicht alles schon verschwunden?
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Die Spezies Mensch ist zweifellos die einzige, die einen spezifischen Modus des Verschwindens erfand, der nichts mit dem Naturgesetz zu tun hat. Vielleicht sogar eine Kunst des Verschwindens.“
Vielen Dank für das Interview lieber Lukas, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunst-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Zur Person_Lukas Gwechenberger ist Medien- & Konzept-Künstler sowie Musiker mit besonderem Interesse an der Verformung und Verfremdung von Material, Raum und dessen Wirkung. Bei seinen Werken handelt es sich vorwiegend um ortsbezogene Auseinandersetzungen, die in Gestalt von Installation, Sound, Fotografie und Video umgesetzt werden.
Er ist Mitglied der Künstler:innengruppe atelier ///, Teil des Teams um die Musikreihe Performing Sound und des Arbeitskreises um die Zeitschrift archipel.
„In meiner Stimme waren immer Gefühle, denn diese Gefühle waren verbunden mit dem Leben, das ich gelebt habe. Und kamen mir auf der Bühne die Tränen, dann waren sie echt und kein Hollywood“
So schreibt, Tina Turner (* 26. November 1939 als Anna Mae Bullock in Brownsville/Tennessee USA; † 24. Mai 2023 in Küsnacht/Kanton Zürich Schweiz), im Vorwort zu ihrer 2018 erschienen Biographie, die hier in der Taschenbuchausgabe vorliegt.
Tina Turner war ein Star des Rock`n`Roll seit den 1960er Jahren und wurde in den 1980er mit Hits wie „Private Dancer“ zum Superstar einer Epoche, die sie wesentlich mitprägte.
So schillernd die erfolgreiche Tina Turner in den 1980/90er Jahren auf der Bühne war, so dramatisch und tragisch waren ihre Musik- und Lebensjahre an der Seite von Ike Turner, von denen sie erstmals in einer 1986 erschienen Autobiographie schonungslos offen erzählt.
Drei Jahrzehnte nach ihrer ersten Autobiographie war Tina Turner bereit auf ihr Leben in allen Facetten zurückzublicken und offen über Weg, Glück, Krankheit zu erzählen. Viele private Fotos begleiten diese Lebensreise im Wort, die schließlich im Mai dieses Jahres ein Ende fand.
Eine Autobiographie, die für Fans wie Musik- Biographieinteressierte ein besonderes Erlebnis ist!
My Love Story. Tina Turner. Die Autobiographie. Penguin Verlag.
Aus dem Englischen von Naemi Schuhmacher, Barbara Steckhan
Liebe Daniela Elisa Mayer, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf ist zur Zeit ziemlich relaxed.. ich wache morgens auf, gehe ins Bad und danach… halt, noch mal von vorne… ich stehe morgens auf und füttere die Katze, oberstes Gebot,
dann herrscht Friede im Hause Mayer 🙂 und danach widme ich mich meinen Büchern…
ich schreibe an meinem Lyrikband „Das Fenster zum Hof“ darin geht es um unser inneres Fenster, unsere Seele, ich beschreibe in diesem Band meine Beobachtungen an mir, an der Menschheit und schildere meine Gefühle und Empfindungen.. dieser Band ist mir heilig und ich lerne dabei mein eigenes Seelenleben besser zu verstehen..
ein zweites Werk, an dem ich arbeite ist ein Kinderbuch, „Die alte Keppelzahn Katze“, ein Buch voll Empathie, Tierliebe, Freude und Gefühl.. ich schreibe über die Erlebnisse mit meinen Katzen,
prinzipiell ist es kein wirkliches Kinderbuch, sondern ein Buch für alle Tierliebhaber.. von 8 – 100 Jahren.
An manchen Tagen vertone ich meine eigenen Werke, aber auch Gedichte meiner Kollegschaft.
Im März 2021 habe ich die Prüfung zur professionellen Sprecherin absolviert.
Das Vertonen macht mir sehr viel Freude und ich kann meine Gefühle und Empfindungen durch das Sprechen noch gefühlvoller transportieren. Diese Arbeit hat etwas Spielerisches und ist mir, so wie das Schreiben, eine Herzensangelegenheit.
Der Abend klingt leise aus.. in stillen Stunden verfasse ich Gedichte und Prosa.. niedergeschrieben wird, was das Herz bestimmt.
Daniela Elisa Mayer, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Besondere Zeiten erfordern besondere Taten.. zwischenmenschliche Beziehungen sollten gestärkt werden.. zu Pandemiezeiten sind Umarmungen, ein freundliches Augenzwinkern, ein warmes Wort – oft verloren gegangen.. wir müssen aufpassen, dass die Menschheit nicht verroht, die Ablenkung nicht überhandnimmt.. wir sollten Berührungen, Umarmungen, wieder als Grundbedürfnisse verstehen lernen.
Es sind die kleinen Dinge im Leben, die mir persönlich wirklich Freude bereiten.. nicht nur ein nüchternes „Hallo“ sondern ein interessiertes „wie geht es dir“, ich denke die Zeiten sind reif für einen ehrlichen, liebevollen Umgang mit uns selbst, mit unseren Mitmenschen, mit Fauna und Flora.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Kunstschaffende sind innerlich kleine Kinder geblieben.. im besten Sinne!
Sie spielen, malen, schreiben, singen, musizieren und vieles mehr.. sie lassen ihren Gefühlen freien Lauf.
Kreative Menschen sind Phantasten .. auch das im besten Sinne!
Unsere Arbeitswelt ist oft geprägt von immensem Leistungsdruck, die oberen Etagen sind gar nicht selten von „verletzten, wütenden Kindern“, sprich Narzissten, belegt und man muss schon sehr auf sich achten, um seelisch nicht unter die Räder zu kommen.
Kunst bedeutet für mich Freiheit und Spaß, Liebe zum Schaffen.
Künstler haben für mich persönlich die Aufgabe, den Menschen ein Stück Freiheit wieder zu geben,
ein Stück unbeschwerte Kindheit.. Hoffnung und Liebe.
Mein künstlerisches Bestreben, mein oberstes Gebot, ist, die Menschen mit meiner Lyrik zu berühren, die Plattform auf ein Andocken an ihre Seele zu bieten.. an längst vergessene Gefühle, diese Gefühle aus einer längst vergessenen Schublade zu holen und nochmal zu durchleben.. endlich zu „erleben“ mit all den bis jetzt unterdrückten Gefühlen.. und ein Stück Heilung zu erlangen.
Die Kunst steht immer für Neubeginn.. jeden Tag auf`s Neue.. für Lust, Lebendigkeit und für Schöpferkraft!
Was liest du derzeit?
Drei Bücher liegen in meiner obersten Schublade, ich lese mittlerweile synchron:
„Wenn Scham krank macht“ von John Bradshaw
Dieses Buch kann eine innerliche Befreiung bewirken, in der Kindheit antrainierte, falsche Scham kann krank machen und sich wie ein roter Faden zerstörerisch durch das Leben ziehen, sehr empfehlenswert..
„Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee
Hier geht es um Vorurteile, Rassismus und Hass der Menschen Anfang der 30er Jahren in Amerika,
aber auch um Hoffnung, Liebe… und vor allem um die Liebe zu allen Menschen
„Und im Kopf macht`s Klick“ von Jochen Kaufmann
ich hoffe auf Heilung bezüglich Zigaretten und werde glückliche Nichtraucherin
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?
„Nicht was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, macht unser Schicksal aus“
Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach
Fühlen, Spüren, ist so essenziell und wurde uns gern abtrainiert, Funktion und Leistung ist heute angesagt.
Ich möchte mich und andere verstehen, durch Lesen und Zuhören lernen.
Die Empathie, unser Begleiter durch das Leben!
Höre auf deine innere Stimme.. das Herz irrt nie..
Vielen Dank für das Interview liebe Daniela, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Daniela Elisa Mayer, Schriftstellerin
5 Fragen an Künstler*innen:
Daniela Elisa Mayer, Schriftstellerin
Zur Person_Daniela Elisa Mayer, 1975 in Wien
Autorin & Sprecherin, wohnhaft in Niederösterreich, schreibt Gedichte und Prosa
Liebe Sibylle Gogg, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Zur Zeit verbringe ich meine Tage fast ausschließlich im Theater. An der Seite von Lars Franke (Regie) betreue ich das Sommerprojekt des Studiengangs Gesang / Musiktheater an der Universität der Künste Berlin. Wir arbeiten an zwei Einaktern: „Blue Monday“ von Gershwin und „L’Enfant et les sortilèges“ von Ravel. Zwei ganz wunderbare Werke! Ich genieße die frische Atmosphäre an der UdK, sehe und höre den jungen Sänger*innen gerne zu und gehe oft bereichert nach Hause. Wenn ich mal einen Abend „frei“ habe, spiele ich Juli in „Gelbes Gold“ von Fabienne Dür an der Vagantenbühne Berlin. Eine Figur, die mir mit all ihren Ecken und Kanten sehr ans Herz gewachsen ist. Ich freue mich, daß wir das Stück auch noch in der nächsten Saison spielen werden.
Meine Familie sehe ich seit Wochen leider immer nur nachts schlafend und beim Aufstehen. Unsere fünfjährige Tochter weckt mich manchmal in den frühen Morgenstunden, wenn sie in unser Bett krabbelt, um mir die Geschehnisse ihres Tages zu erzählen. Morgens, wenn der Wecker schrillt, schlagen wir uns dann alle tapfer in der „Bataille du matin“, um pünktlich zu unseren Wirkungsstätten zu kommen. Ich habe das Glück meine Wege in Berlin fast ausschließlich mit dem Fahrrad erledigen zu können, da fast alles in meinem Heimatbezirk Charlottenburg liegt!
Sibylle Gogg, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Herrje – wenn es eine Antwort auf diese Frage gäbe, am besten noch eine einfache … Ich denke, daß es uns allen gut täte, wieder aufmerksamer miteinander zu reden und vor allem zuzuhören.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich frage mich, ob sich die Rolle der Kunst und des Theaters wirklich durch einen Neubeginn oder Aufbruch maßgeblich ändert oder ob nicht Kunst und Theater schlichtweg immer die Ereignisse der Zeit in verschiedenster Form spiegelt oder spiegeln sollte.
Was liest Du derzeit?
„Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber
„Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ von Erich Kästner
…und „Die Cousinen“ von Aurora Venturini mochte ich sehr – gerade fertig gelesen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ich liebe das Leben (…). Manchmal könnte ich vor Freude in den Sonnenschein hineinbeißen oder in die Luft, die in den Parks weht. Wissen Sie, woran das liegt? Ich denke oft an den Tod, und wer tut das heute? Und weil ich an ihn denke, liebe ich das Leben. Es ist eine herrliche Erfindung, in Erfindungen bin ich sachverständig.
Erich Kästner, Fabian
Vielen Dank für das Interview liebe Sibylle und viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Sibylle Gogg, Schauspielerin
5 Fragen an Künstler*innen:
Sibylle Gogg, Schauspielerin
Zur Person: Sibylle Gogg wuchs in einem von Musik und Theater geprägten Elternhaus auf und steht auf der Bühne seit sie acht Jahre alt ist. Die gebürtige Österreicherin wirkte als Ballettelevin in zahlreichen Produktionen der Grazer Oper mit, bis sie für ihr Schauspielstudium nach Wien zog. Während der Ausbildung spielte sie in ersten Engagements am Theater in der Josefstadt und am Wiener Volkstheater. Weitere Engagements führten sie u. a. ans Theater Phönix Linz, Tiroler Landestheater, Odeon Wien, und zu den Bad Hersfelder Festspielen.
2022/23 spielt sie die Juli in „Gelbes Gold“ an der Vagantenbühne Berlin.
Abgesehen von ihrer Arbeit am Theater ist sie auch im Kino (aktuell in „Die Q ist ein Tier“, D 2022) und TV zu sehen.
Sibylle Gogg lebt seit 2002 in Berlin, Deutschland.
Fotos_(c) David Reisler 2022
26.6.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Elisabeth Wandeler-Deck, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Meist erwache ich früh, d.h. um 6 Uhr herum, ich überlege mir, einen Espresso zuzubereiten, oft stehe ich dann auf, gehe in die Küche, leise, setze Kaffee auf, im Warten einige Bewegungen für Hüfte etc., giesse den Kaffee ein, trage die Tasse zum Bett, setze mich ins Bett, lese, bis ich Küchengeräusche höre, stehe auf, lasse das Bad einlaufen, setze mich an den Tisch, sage fast nichts, lese Zeitung etc.
Manchmal dann in die Stadt, irgendein Termin, oft die Gesundheit betreffend, ins Kaffeehaus, zurück an den Stadtrand, lesen, Klavier, Gitarre, Mais, mich anschleichen an das, was punkto Schreiben offen; ähnlich aber anders dann wenn ich in die Migros etc. es gibt eine Einkaufsliste, all das so Umrandungen von SchreibenLesenSchreibenAusdruckenLesen.
Seit einer Weile also flackernde Zeitverläufe und doch etc. Oft kommt auch am Abend Besuch, ich gehe aus, etc. mache weiter etc.
Elisabeth Wandeler-Deck, Schriftstellerin improvisierende Musikerin (Klavier, Gitarre, Wörter)
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Für uns alle kann ich nicht sprechen, ja, zuhören vielleicht, singen im Geheimen, nachdenken auch, ich weiß nichts von „uns allen“, etc. und doch, ja,
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Zu fragen, im Moment des Jetzt, des Morgen, des Gestern, wen küssen. Und wen küsse ich. Kunst will weiter entstehen etc. im Hin und im Her. Im et cetera. Was wird wesentlich sein, dies weiterfragen.
Was liest Du derzeit?
Ich habe immer Stapel von Büchern, Zeitschriften etc. um mich herum. Die letzten Tage intensiv Triëdere zu Werner Hamacher und von Werner Hamacher, Was zu sagen bleibt; Bodo Hell, Begabte Bäume; Flan O‘Brian, At swim-two-birds; etc.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Aus “Le temps du sommeil” von Francis Alÿs: „In the beginning, there is a situation where many people cross paths. If somebody were to say something to someone and that someone were to repeat it to someone else, and that someone else were to repeat it to someone else, then, at the end of the day, something would be talked about but the source would be lost along the way”
Vielen Dank für das Interview liebe Elisabeth, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Musik-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Elisabeth Wandeler-Deck, Schriftstellerin, improvisierende Musikerin (Klavier, Gitarre, Wörter)
Zur Person_Elisabeth Wandeler-Deck
geboren 1939, aufgewachsen in Zug, lebt in Zürich-Affoltern und anderswo. Schriftstellerin improvisierende Musikerin (Klavier, Gitarre, Wörter). Viele Buchveröffentlichungen, zuletzt „attacca holdrio“, Lyrik, edition sacré, Zürich 2020; versionenlust ECHO, edition Howeg, Zürich 2022; Antigone Blässhuhn Alphabet so nebenher, Ritter Verlag Klagenfurt 2022. Bildtextarbeiten im Netz. Mitglied des Improvisationsquartetts bunte hörschlaufen. Basler Lyrikpreis 2013, Werkjahr der Stadt Zürich 2017, Writer in Residence in Maggia TI 2023.
Aktuelle Buchneuerscheinung Elisabeth Wandeler-Deck:
Elisabeth Wandeler-Deck, Antigone Blässhuhn Alphabet so nebenher. Ritter Verlag
„Das Blässhuhn: es taucht unter, kommt an unerwartetem Ort und Zeitpunkt wieder zum Vorschein, so auch Antigone, als volatile Figur, Fragestellung, Projektionsfläche. Als widersetzliches Mädchen trägt sie, der Etymologie ihres Namens nach, ein „Gegen“ in sich wie auch „Geburt“ und „Abstammung“, zieht Spuren nach verwandtschaftlichen Banden und durchkreuzt literarische Felder. Ein Ordnungsprinzip von A bis Z steckt den täuschend klaren Rahmen ab für Prosaminiaturen, Gedichte, Notate und Listen, Thesenhaftes oder in Zeitungen Vorgefundenes zu Affoltern und Baden, den lokalen Koordinaten einer für Reflexion, Theorie und Traumhaftes ebenso wie für Konkret-Soziales durchlässigen Textur.
Durch das fragile alphabetische Raster hindurch bricht sich das Diskontinuierliche, Wilde und Chaotische der Erscheinungen, Beobachtungen und Gedanken Bahn – von Elisabeth Wandeler-Deck virtuos zum Ausdruck gebracht in immer wieder neuen Formfindungen, die ihre Qualität gerade aus der Apperzeption von Sprüngen, Unterbrechung und Kontamination beziehen. Antigone Blässhuhn Alphabet so nebenher ist ein ästhetisch wie politisch brisantes Buch: ein flirrendes Dokument von Selbstverortung und präzises Modell kalkulierter Überschreitung.“
Liebe Antje-Kathrin Mettin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Unstet, zum Glück. Oft ein illustrer Wechsel aus: Konzentrierter Vertiefung, Lektüre und dem Versuch, Gedanken und Beobachtungen in tragfähige Worte zu fassen, dem Versuch, Korrespondenzen zu tätigen, dem Versuch, lauter sich türmenden Aufgaben nachzukommen und dem Drang nach anderem – nach Leichtigkeit, Unterbrechung, Luft, Gesang, danach, auch den bisher nicht untergekommenen, drängenden Worten Freigang zu gewähren in Ton und Text. Und dem Drang nach Wörtern, die etwas zu sagen haben, nach schillernden Wörtern, wie sie sich in guter Literatur, in schönen Gesprächen finden lassen. Ein Tag voller Versuch|ung|en also & lauter Drängen. Endet er glücklich, dann verlässt ein wenig Unruhe mich abends – wenn nicht, nehme ich sie mit in die Nacht.
Antje-Kathrin Mettin, Schriftstellerin, Theatermacherin, Literatur- und Theaterwissenschaftlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Zu erkennen, dass die Dinge zwar komplex sind, aber nicht kompliziert zu verstehen, wäre hilfreich: Es ist nicht kompliziert zu begreifen, dass man niemandem ein Leid zufügen soll, es ist nicht kompliziert zu begreifen, dass jeder Wünsche hat, die erfüllt werden möchten, es ist nicht schwer zu begreifen, dass Leid und Kummer Unglück und Härte befördern, und es ist nicht schwer zu begreifen, dass das Leben glücklicher wird, wenn man spielerisch, freundlich, undogmatisch zu sein sich erlaubt. Die Frage, wie sich diese Dinge verwirklichen lassen, mag komplex sein – zumal wenn man bedenkt, wie verschlungen Naturgeschichte und Geschichte der Gesellschaft sind und wie lange sie einander schon durchdringen –, die Dinge zu erforschen ist unabdingbar – sie zu verkomplizieren und dadurch implizit zu negieren aber ist grausam und beschwört exakt die Scheußlichkeiten herauf, wie sie uns in Wort und Tat allenthalben in Vergangenheit und Gegenwart begegnen.
Kurzum: Die Frage danach, was jetzt besonders wichtig für uns alle ist, lässt sich vielleicht mit ähnlichen Worten beantworten wie jenen, die der Erzählung nach Rabbi Hillel jenem Mann gegeben hat, der ihn bat, er möge ihm die Tora lehren, während er auf einem Bein stehe: »Was Dir zuwider ist, das tu keinem anderen an. Das ist die ganze Tora. Geh jetzt und lerne alle Gebote, damit du weißt, was du tun sollst und was du nicht tun darfst.«
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Es wäre schön, es gäbe tatsächlich einmal einen Aufbruch – und nicht ein permanentes Verwandeln alter Verhärtungen in neuer Aufmachung. Diese Dynamik wird sich aber wohl nur ändern können, wenn ein Leben ermöglicht wird, das nicht unter dem Druck permanenter Produktivität steht. Wenn permanent produziert werden muss, um leben zu können, dann ändert sich überhaupt nichts, dann dreht alles sich in einer Spirale immer weiter und schraubt sich immer weiter ins Katastrophale. Die Kunstszene folgt darin leider oft dieser Dynamik. Der einzelne Künstler hat kaum die Möglichkeit, sich anders zu verhalten, sonst gerät er freilich unter die Räder. Aber wenn er das permanente Produzierenmüssen verherrlicht, wird es erschreckend.
Ich denke, wir brauchen nicht permanente Produktion, sondern sinnvolle. Was das aber sein könnte: eine sinnvolle Produktion, kann ohne eine Verfeinerung der Wahrnehmung, ohne eine Resensibilisierung der Sinne – des Hörens, Sehens, Riechens, Schmeckens, Fühlens, Sprechens, Denkens, Träumens,… – kaum beantwortet werden. Zur Resensibilierung gehörte auch ein scharfes Bewusstsein für die eigene Materialität, die eigene Vergänglichkeit, die Kostbarkeit des Augenblicks, für Schönheit. Und es gehörte die Fähigkeit zur Utopie dazu: Ein Drängen nach einem glücklichen Leben, nach einem Leben ohne Tod, ohne Zwang. Literatur, Theater, Kunst gehören, so wie sie historisch geworden sind, heute zu den wenigen Bereichen, in denen eine solche Verfeinerung der Sinne potentiell überhaupt noch möglich ist – es müssten nicht die einzigen Bereiche sein und allzu oft wird auch hier nicht verfeinert, sondern vergröbert und paralysiert.
Was liest Du derzeit?
Unstet ist auch mein Lesen – auch hier, zum Glück, oftmals ein illustrer Wechsel: Ich lese versetzt die letzten Seiten von Gisela von Wysockis ›Der hingestreckte Sommer‹, E.T.A. Hoffmanns ›Der goldene Topf‹, Prosastücke aus Robert Walsers ›Kleinen Dichtungen‹, Soma Morgensterns ›Joseph Roths Flucht und Ende‹, Jörg Wickrams ›Rollwagenbüchlein‹, August Klingemanns ›Die Nachtwachen des Bonaventura‹, Gedicht-Fragmente von Sappho, Märchen aller Art, freilich immer wieder Walter Benjamins wundervoll poetische Texte, dazu Ernst Schöns ›Der Verlust der Sinnlichkeit/ oder die Verwandlungen des Lesers‹ über die Ursprünge unseres heute doch arg entsinnlichten und verdisziplinierten Lese- und Literaturverständnisses, und aus aktuellem Anlass – meiner Beschäftigung mit frühen ›Zeitungensformen‹ – gerade auch immer wieder in der Schedelschen Weltchronik von 1493. Dies sind Lektüren, für die ich selbst mich entscheiden kann. Um das permanente Lesen kommt man sonst ja, leider, kaum herum: Alles ist voller Buchstaben, überall Zettel, überall Äußerungen, überall zweifelsfreies Meinen – als wären Sprache und Buchstaben nichts Kostbares, als wären diese Schlangenlinien, die Bilder formen, als wären die Laute, die Klangbilder formen, nichts, was es zu deuten gälte. Um diese Art des suggestiven Lesens drücke ich mich, so gut es geht – und lese lieber in den Dingen, der Welt, den Augen, in Mimik und Gestik, in den Farben, Formen und Klängen – dort, wo ich deuten kann und darf.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein Zitat aus Gisela von Wysockis ›Der hingestreckte Sommer‹, das auf den Punkt bringt, was hoffnungsvolles Sprechen, Schreiben und Mitteilen wäre. Wysocki fragt sich nämlich, warum die Texte Peter Altenbergs auf sie als Elfjährige einen solch überwältigenden Reiz ausüben konnten und gelangt zur Vermutung: »Es könnte ein Reiz davon ausgegangen sein, kein Verstehen aufgetischt zu bekommen. Sondern die Suche danach. Das wird es vielleicht gewesen sein. Für das Kind, beim Umblättern der Seiten. Es wird keine Ruhe gefunden haben und keine Klarheit.« Man könnte mit Wysocki selbst noch hinzufügen: Es wird außerdem daran gelegen haben, dass Altenbergs Worte »ruhelose Wörter« sind – Wörter, die aussprechen wollen, »was ihnen ins Auge sticht. An sich reißen, was sie kriegen können. Aus den letzten Winkeln kehren sie sich ihr Zeug zusammen. Es käme einer Täuschung gleich, ihnen etwas vorzuenthalten. Dafür würden sie sich rächen, sich in ihre Reviere zurückziehen. Eiskalt machen sie dicht und schweigen. Weil sie nicht nur ruhelose sind, sondern selbst Getriebene.« Das aber hat es mit jedem wirklich gelungenen Sprechen und Schreiben auf sich: Dass in ihm ruhelose, getriebene Wörter am Werk sind – und nicht vorgeplante, absichernde Suggestionen, die kein Deuten leiden mögen.
Vielen Dank für das Interview liebe Antje-Kathrin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Theater-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Antje-Kathrin Mettin, Schriftstellerin, Theatermacherin, Literatur- und Theaterwissenschaftlerin
Zur Person_Antje-Kathrin Mettin _ geboren 1989 am Niederrhein, lebt derzeit in Leipzig und ist als Schriftstellerin, Theatermacherin, Literatur- und Theaterwissenschaftlerin tätig. Im Entstehen inbegriffen sind derzeit mehrere Gedichtzyklen: ›Durchbrüche – oder auch: Epiphanien im Bade‹, ›Schwesternschaften‹, ›Farbsuche‹ und ›Mikroskopie : Krustentiere‹ sowie ihre ›Mikrogramme‹ – lyrische Continuationen, die sie laufend bei Instagram veröffentlicht. Parallel dazu arbeitet sie derzeit an einem Buch zu Walter Benjamins Idee des Erzählens sowie an verschiedenen Theaterprojekten – darunter aktuell gemeinsam mit Juliane Harberg eine Aufführung von Paul Scheerbarts ›Okurirasûna‹ sowie Experimente zu einer neuen Form des Licht- und Schattentheaters. Sie studierte, gefördert durch die Studienstiftung des Deutschen Volkes, Literatur- und Theaterwissenschaft in Leipzig und Paris. Es folgten Lehr- und Forschungstätigkeiten an der Universität Leipzig sowie der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy.
Fotos_privat
26.5.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Julia Novacek, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich bin Frühaufsteherin, meist beginne ich direkt nach dem ersten Kaffee mit der Arbeit. Das ist für mich die produktivste und liebste Zeit.
Theaterproben starten meist gegen 10 Uhr, davor habe ich dann noch Zeit, die Proben zu reflektieren und sie vorzubereiten.
Neben der Arbeit an Performanceprojekten mache ich Filme und arbeite viel am Computer, da kann ich es mir einteilen wie ich will, was ich sehr schätze.
Abends gehe ich oft ins Theater und schaue mir Stücke von Kolleg:innen an.
Julia Novacek, Performance- und Videokünstlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Immer aktueller werden Fragen nach der Zusammenarbeit von Menschen und nicht-menschlichen Akteur:innen, wie zum Beispiel Künstlicher Intelligenz. Spätestes mit der Einführung von ChatGPT ist das Thema in der Gesellschaftsmitte angekommen.
Philosoph:innen und Wissenschaftler:innen prognostizieren eine politische Landschaft, die zunehmend durch die Fortschritte der technologischen Entwicklung der künstlichen Intelligenz geprägt wird.
Wichtig ist es, denke ich, offen zu sein für Neues, sich zu informieren und kritisch zu hinterfragen, nützliche Schnittstellen in der Kooperation von Menschen und nicht-menschlichen Akteur:innen zu fördern, die beispielsweise in der Medizin nicht mehr wegzudenken sind.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Aufgabe der Kunst ist es meiner Meinung nach, das zu reflektieren und zu befragen, was ist, und den gesellschaftlichen Konsens künstlerisch zu hinterfragen und zu bearbeiten. In meinen Projekten geht es im ersten Impuls darum, etwas zu verstehen. So entstehen Projekte, die mit einem sehr dokumentarischen Interesse an einem Thema beginnen. Für mich bietet das Theater die Möglichkeit, mit künstlerischen Strategien gemeinschaftliche Erfahrungen zu schaffen, neue Denkanstöße mitzunehmen und in den Austausch mit anderen Disziplinen und mit dem Publikum zu kommen.
Was liest Du derzeit?
Aktuell lese ich „Critique and the Digital“- herausgegeben von Erich Hörl, Nelly Y.Pinkrah und Lotte Warnholt im Diphanes Verlag, 2021.
Der vielstimmige philosophische Band gibt Einblick in den kritischen Diskurs zur Politik und Ästhetik der „Computational Media“. Mich interessieren die politischen und philosophischen Implikationen unseres digitalen Lebens. Das Buch zeigt spannende kritische Reaktionen vor dem Hintergrund der politischen und technologischen Transformationen, die allgegenwärtig sind. Empfehlung!
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein schönes Zitat aus dem aktuellem Stück STREAMS.Catching caches: „In dieser Laborsituation, in dieser wissenschaftlichen, entwickeln wir uns gemeinsam mit den Systemen weiter, also künstliche Intelligenz wird auf jeden Fall nicht nur auf technischer Seite entwickelt, sondern wir entwickeln auch eine Art künstliche Intelligenz dabei, das darf man nicht vergessen. Also wir werden auch zum Teil, wenn man das jetzt so blöd in diesem Dualismus sagen möchte, wir werden auch ein bisschen künstlicher dadurch. Es ist immer die Frage: Was weiß man, was kann man wissen, was will man wissen und ab wann muss ich nur mehr blind vertrauen und was brauchts wiederum, damit ich blind vertrauen kann?“ – Katja Mayer, Wissenschafts- und Technikforscherin (Interview, Juni 2021)
Vielen Dank für das Interview lieber Julia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Julia Novacek, Performance- und Videokünstlerin
Zur Person_Julia Novacek, geboren 1989 in Wien, ist Performance- und Videokünstlerin. Sie studierte Kunst und digitale Medien sowie Kunst und Film an der Akademie der Bildenden Künste Wien und Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Sowohl filmisch als auch performativ ist der feministische Blick leitend in ihrem Schaffen. Sie setzt sich mit der medialen Konstruktion und Brechung von Authentizität auseinander. Gezeigt wurden ihre Arbeiten sowohl auf internationalen Film- und Performancefestivals als auch in vielen deutschen Produktionshäusern.
Neben ihren Soloarbeiten wie „Dosta, Dosta (genug, genug)“ kooperierte Julia Novacek in Projekten wie „Nach dem Ende der Versammlung“ am Künstlerhaus Mousonturm oder der Performance „RAGE. A Tennis Western“ ebenda, die 2021 mit dem Hessischen Theaterpreis ausgezeichnet wurde. Ihre eigenen Werke waren u. a. zu sehen in der Klosterruine Berlin 2020, am SON/TON Festival (Brüssel) 2018, flausen+festival 2018, Kasseler Dokfest 2017, im Casa del Sol (Los Angeles) 2017, den Hessischen Theatertagen 2017, am brut Konzerthaus (Wien) und dem Nakt Festival / K3 Kampnagel (Hamburg).
Seit 2019 arbeitet und recherchiert sie mit ihrem Frauenkollektiv Studio Studio an ortsspezifischen filmisch-performativen Projekten zwischen Fiktion und Dokumentation mit Fokus auf die Darstellung und Analyse des Wandels der Lebens- und Alltagskultur im ländlichen Raum.
2018 erhielt Novacek ein FLAUSEN-Stipendium mit Artemiy Shokin, 2019 das Start-Stipendium für Musik und Darstellende Kunst vom Bundeskanzleramt Österreich und 2020 ein Reload-Stipendium der Kulturstiftung des Bundes.
Lieber Marcus Fischer, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Wenn`s keine dringenden Termine gibt, nach dem Aufwachen liegen bleiben und schreiben – das ist oft meine produktivste Zeit.
Am späteren Vormittag wird dann „gehackelt“, d.h. Brotarbeit, Redigieren von Artikeln für das Magazin, für das ich arbeite, Termine organisieren, Layouts besprechen etc. Meistens wird’s dann am späteren Nachmittag ruhiger und ich geh mit dem Hund ins Kaffeehaus, wo ich weiterschreibe.
Marcus Fischer, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Uns Gutes tun, damit wir Kraft haben, um dem zu stellen, was gemacht gehört.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die Kunst führt uns zu uns selber zurück. Wenn ich einen starken literarischen Beitrag auf Ö1 höre, schwingt der den ganzen mit, ich erinnere mich daran wie an einen intensiven Traum.
Was liest Du derzeit?
Ich hab gerade Ursula Krechel, Der Übergriff, fertiggelesen, ein sehr intensives Buch mit einer kraftvollen poetischen Sprache. Zum Einschlafen lese ich gerade Alice in Wonderland. 🙂
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“ Franz Kafka. Ein Buch muss natürlich gar nichts sein, aber wenn es dieser Eisbrecher ist, auch nur in Ansätzen, ist es großartig.
Vielen Dank für das Interview lieber Marcus, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Marcus Fischer, Schriftsteller
Zur Person_Marcus Fischer wurde in Wien geboren und ist hier aufgewachsen. Germanistik-Studium in Berlin, danach Lehrer für Deutsch als Fremdsprache und freier Texter. Seit 2013 intensive Schreibtätigkeit. 2015: 1. Platz beim fm4 Kurzgeschichten-Wettbewerb Wortlaut. Absolvent der Leondinger Literaturakademie, Publikationen in Literaturzeitschriften, Anthologien und im Hörfunk. 2022 erschien sein Debütroman „Die Rotte“ (Leykam), der 2023 mit dem Rauriser Literaturpreises für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet wurde.
Preise
1. Platz beim fm4 Kurzgeschichten-Wettbewerb „Wortlaut 2015“ mit dem Text Wild Campen
erostepost Literaturpreis 2016 mit dem Text Schwarzwild
Der Keiler Siegertext beim Literatur Festival Stuttgart 2019
Rauriser Literaturpreis 2023für Die Rotte
Bisherige Publikationen (Literaturzeitschriften)
Die gute Haut in: D.U.M. Literaturzeitschrift Nr. 71/2014
Wild campen in VOLLTEXT 3/2015 sowie DER STANDARD Album 26.9.2015
Schwarzwildin: erostepost Nr. 52
Das ganze Grünland ein Scheißhaus in: UND #10 (Mai 2021)
Buchpublikation (Anthologien)
Wild campen in: Wortlaut 2015, Luftschacht Verlag, Wien, September 2015
Das Steinkind in: Zeilenlauf Literaturwettbewerb 2015 (Baden/NÖ)
Der Keiler in: Literatur Festival Stuttgart, Texte 2019
„Elfi Reisinger, eine junge Bäuerin, lebt Anfang der 1970er Jahre mit ihren Eltern auf einem kleinen Hof in der Rotte Ferchkogel, einer abgelegenen Siedlung im Voralpenland. Ihr Vater verschwindet eines Nachts, die Gendarmerie geht von Selbstmord aus. Durch den Tod des Bauern verschiebt sich das Gefüge in der Rotte. Die anderen im Dorf trauen den beiden Frauen nicht zu, den ärmlichen Hof weiterzuführen. Der Nachbar will den Grund für einen Spottpreis kaufen und setzt die Frauen immer mehr unter Druck. Als mit Elfis Hochzeit endlich wieder ein Mann an den Hof kommt, spitzt sich die Lage weiter zu und Elfi muss einen Weg finden, um sich aus diesem Machtgefüge zu befreien….“ https://www.leykamverlag.at/produkt/die-rotte/#description
Sonstiges
Jänner 2020: Die Texte Wildblumeninselund Marmeladenlandwerden im Rahmen
des Ö1 Kunstsonntags gesendet, gelesen von Michael Dangl.
Foto_Christian Fischer
12.6.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.
Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.
Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.
Den Schwerpunkt bildet dabei Werk und Leben Ingeborg Bachmanns. Ebenso weitere Künstler:Innen.
50 Jahre – Malina – 1971 – 2021 – Roman _ Ingeborg Bachmann
Liebe Christina Cervenka, herzliche Gratulation zur Romy Nominierung 2023 für Deinen Film „Immerstill“ (2023, Landkrimi)!
Vielen Dank! Es war eine große Ehre dafür nominiert zu werden und ich bin dankbar, dass ich diesen wundervollen Film machen durfte!
Wir sind hier an literarischen Bezugsorten des Romans „Malina“ (1971) von Ingeborg Bachmann in Wien. Sind Dir die Orte hier vertraut?
Tatsächlich bin ich an den Schauplätzen immer wieder mal vorbeispaziert, doch zuvor ohne Bezug zum Roman von Bachmann. Jetzt, da ich ihn gelesen habe, werde ich die Ungargasse immer damit verbinden.
Welche Bezüge und Zugänge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann und dem Roman Malina?
Wie Bachmann bin auch ich in Kärnten aufgewachsen und habe sie als Literatin bereits in meiner Schulzeit kennen gelernt. Ihren Roman „Malina“ habe ich aber erst vor Kurzem gelesen.
Sie war eine faszinierende Person – diese Tragik und Zerbrechlichkeit in ihrem Inneren ist für mich als Schauspielerin sehr interessant. Manchmal ist sie auch einfach nicht fassbar, unerklärbar. Aber genau das ist ja das Spannende an ihr!
Ihre poetische Sprache und die Auseinandersetzung mit so großen Themen wie Liebe, Tod, Krieg, Gewalt und die Rolle der Frau machen sie in meinen Augen zu einer zeitlosen Autorin.
Eine kleine Anekdote: Meine Oma hat als junge Schauspielerin – damals als Traute Servi im Berufsleben – „Ein Geschäft mit Träumen“ von Ingeborg Bachmann für das Radio aufgenommen.
Welche Eindrücke hast Du von den Schauplätzen in der Ungargasse, die wir besucht haben?
Rein äußerlich betrachtet sind es wunderschöne alte Häuser – mit den Löwenköpfen und dieser schweren Tür! Sie strahlen eine starke Eleganz aus.
Natürlich verbinde ich jetzt durch den Roman eine gewisse Schwere damit, als ob die Geschichte hier immer noch lebt und mitschwingt. Die Umgebung hat eine ganz spezielle Energie, die ich nicht leicht in Worte fassen kann.
Wie siehst Du den Aufbau und das Konzept des Romans?
Im ersten der drei Teile steht die Liebe zu Ivan im Mittelpunkt – eine problematische und belastende Beziehung! Es gibt ein starkes Machtungleichgewicht und sie ist emotional abhängig von seiner Zuneigung.
Im zweiten Teil geht es hauptsächlich um die Beziehung zu Malina, mit dem sie zusammenlebt. Er ist ruhig und rational, genau das Gegenteil von Ivan. Ich empfinde ihre Verbindung als stabil und gleichmäßig, aber dafür eher monoton und emotionslos. Es beginnen die Träume von Mord und Gewalt, sie sieht immer wieder ihr eigenes Verschwinden oder ihren Tod kommen.
Gegen Ende, vor allem im letzten Kapitel löst sich die Struktur des Romans immer mehr auf – ihre Fantasie und die Realität vermischen sich. Als Leserin spüre ich eine starke existenzielle Angst, einen Wahn, der mich auch während des Lesens sehr mitgenommen hat.
Was sind für Dich zentrale Themen und Aussagen des Romans?
Im Mittelpunkt steht für mich ihre permanente Suche nach dem „Glücklichsein“, auch nach Selbstbestimmung. Ihre Beziehungen zu Männern definieren Großteils ihre Identität. Es schwingt immer eine Abhängigkeit von anderen mit – ein sich selbst in Anderen finden, das doch nie möglich sein wird.
Liebe und Beziehungen sind somit auch ein wichtiges Thema im Roman, aber meiner Meinung nach immer in Verbindung mit Machtverhältnissen und Unterdrückung. Ihr Umgang mit anderen erzeugt für mich ein Gefühl der
Schwere und Enge.
Gewalt und Mord spielen auch eine zentrale Rolle, oft kommen Anspielungen auf Kriegserlebnisse vor. Es verschwimmen gegen Ende die Grenzen zwischen Realität und Fantasie.
Wie ist die Beziehung zwischen Mann und Frau im Roman dargestellt und wie ist dies heute zu sehen?
Die Beziehungen zu Ivan und Malina sind sehr unterschiedlich. Doch in beiden Verbindungen ist sie abhängig von den Taten oder Handlungen der Männer. Bei Ivan ist es eine mehr emotionale Abhängigkeit, von Malina braucht sie Stabilität und ist auch in gewisser Weise finanziell an ihn gebunden.
Dennoch habe ich oft das Gefühl, dass sie versucht selbstbestimmt ihren Weg zu gehen und sich nicht beirren zu lassen. Was ihr immer wieder stark zusetzt, ist, dass sie ständig von den Männern in ihrem Leben überschattet wird und Schwierigkeiten hat, ihre eigene Identität und ihr Selbstwertgefühl in sich – ohne Beziehungen zu Anderen – zu finden.
Sicher hat sich die Beziehung zwischen Mann und Frau verändert, ich spüre heute weniger Abhängigkeit. Jedoch gibt es immer noch ein großes Ungleichgewicht – vor allem wenn man über die Grenzen von Europa hinausblickt.
Wie beurteilst Du die Protagonisten Ivan, Malina, Ich-Person in Ihrem literarischen Kontext bzw. dem Kontext der Autorin und Ihrer Biographie?
Die Ich-Person teilt viele Gemeinsamkeiten mit Bachmann. Auch sie ist eine Schriftstellerin, eine intellektuelle Frau in Wien. Sie hat eine intensive emotionale Sensibilität und ist von den Traumata des Krieges und der Nachkriegszeit geprägt.
Ivan wird als sehr dominant gezeigt und die Erzählerin ist in vieler Hinsicht abhängig von ihm. Er könnte für die schwierigen Beziehungen stehen, die Bachmann selbst in ihrem eigenen Leben hatte.
Malina hingegen, der als stabil aber distanziert beschrieben wird, könnte vielleicht ihren eigenen Wunsch nach Stabilität verkörpern. Er ist die Konstante, die sich durch ihr Leben zieht, unterstützt sie, aber geht wenig auf ihre emotionale Art ein.
Welches Frauen- und Männerbild spricht Ingeborg Bachmann in Malina an und wie aktuell ist dies heute?
Auffallend finde ich, dass die Erzählerin meist eine untergeordnete Position zu den Männern in ihrem Leben einnimmt. Sie wird oft als passiv und abhängig dargestellt. Ihr Selbstwert und ihre eigene Identität scheinen eng mit ihrer Beziehung zu den Männern in ihrem Leben verknüpft zu sein.
Beide Männer üben – auf unterschiedliche Weise – Macht und Kontrolle über sie aus. Ivan eher auf der emotionalen Ebene, Malina durch seine Stabilität, die sie sehr braucht, und durch seine dominante Rolle in der Beziehung.
Bachmann zeigt die schädlichen Auswirkungen der Rollenbilder einer patriarchalischen Gesellschaft auf das Selbstbild und die Unabhängigkeit von Frauen. Sie regt dazu an, Geschlechterrollen und -identitäten neu zu denken – viele dieser alten Strukturen sind nach wie vor aktuell.
Welchen Einfluss hatte und hat der Roman auf die Entwicklung von Literatur, Kunst und Emanzipation und Gesellschaft?
Bachmanns kritische Darstellung von Machtverhältnissen in Beziehungen und Geschlechterrollen, hat sicherlich zur Diskussion über Emanzipation und Gleichberechtigung beigetragen. Auch hat sie durch ihren innovativen Erzählstil viele Autor*innen inspiriert.
Wie siehst Du das Ende des Romans?
Die Ich-Person verschwindet am Ende in einem Riss in der Wand ihres Hauses. Bachmann lässt uns als Leser*innen Raum für unsere eigenen Gedanken dazu. Das Verschwinden könnte für eine Art Selbstauflösung in den unterdrückenden Machtstrukturen in ihren Beziehungen stehen. Oder aber auch für eine Befreiung von ihnen! Für mich symbolisiert es auch die Erkenntnis, dass für sie keine Beziehung mehr möglich ist.
Gab es in Deinen Schauspielprojekten Berührungspunkte zu Ingeborg Bachmann?
Tatsächlich hatte ich in meinem Berufsleben noch keine Berührung mit Ingeborg Bachmann. Selbstverständlich haben wir im Studium über sie gesprochen oder ihre Texte gelesen, aber zu einer Aufführung mit Werken von ihr, ist es in meiner Karriere noch nicht gekommen. Hoffentlich in Zukunft!
Wie war Dein Weg zum Schauspiel?
Seit ich denken kann, wollte ich Schauspielerin werden – Filme und Theater haben mich immer fasziniert. Das ist auch ein bisschen familiär vorbelastet – wie gesagt: auch meine Oma und ihre Schwester waren Schauspielerinnen und mein Uropa Dramaturg am Burgtheater. Das war mir als Kind alles nicht so klar, aber vielleicht habe ich da unterbewusst etwas mitbekommen.
Als Jugendliche habe ich in Kärnten schon viel Theater gespielt und dann während des letzten Schuljahrs an Schauspielunis vorgesprochen.
Mein erstes Vorsprechen in Graz hat dann gleich geklappt – das war natürlich total aufregend!
Was bedeutet Dir Wien und welche Erfahrungen hast Du hier als Schauspielerin gemacht?
Nach der Uni bin ich für 4 Jahre ans Burgtheater – zuerst als Gast und dann für 2 Jahre ins fixe Engagement. Dadurch habe ich viel Zeit in Wien verbracht und die Stadt besser kennen gelernt. Zuvor hatte ich nie soviel Bezug dazu, hab mich mehr als Fremde oder „Gast“ hier gefühlt. Heute habe ich mehr Verbindung zur Stadt und auch meine liebsten Plätze.
Man spürt die Geschichte und die großen Persönlichkeiten die hier gelebt haben noch sehr stark und ich denke die Stadt ist auch sehr stolz auf „ihre“ Künstler*innen.
Was sind Deine derzeitigen Projektpläne?
Mich hat die Faszination für das Drehen nie losgelassen – in den letzten Jahren habe ich mich mehr auf Film und Fernsehen fokussiert.
Gerade habe ich eine Episodenhauptrolle für „Die Toten vom Bodensee“ abgedreht und bereite mich momentan auf eine spannende Rolle im Sommer vor: Ich spiele Gretl Csonka, eine junge Frau, die von ihren Eltern wegen ihrer sexuellen Orientierung unverstanden, zu Freud in Therapie geschickt wird und sich mühevoll ihren eigenen Weg erkämpft. Eine wahre Geschichte! Fritz Kalteis wird Regie führen und Freud wird von Karl Markovics verkörpert. Ich freue mich schon sehr auf dieses – für mich erste – historische Filmprojekt!
Die Arbeit vor der Kamera gibt mir viel Energie und ich bin gespannt, welche Projekte in nächster Zeit noch auf mich warten. Auf jeden Fall bin ich sehr dankbar diesen wundervollen Beruf so ausüben zu dürfen!
Hättest Du mit Ingeborg Bachmann gerne einen Tag in Wien verbracht und wenn ja, wie würde dieser aussehen?
Gerne wäre ich mit ihr durch den 3. Bezirk, durch ihr „Ungargassenland“ spaziert und hätte ihr einfach nur zugehört, oder sie beim Erleben „ihrer“ Wege und „ihrer“ Häuser beobachtet. Vielleicht wäre ich auch mit ihr in ein Wiener Kaffeehaus gegangen und hätte sie in ihrer Rätselhaftigkeit auf mich wirken lassen.
Ende Juni beginnt der Bachmannpreis in Klagenfurt. Verfolgst Du den Wettbewerb? Warst Du schon vor Ort?
Tatsächlich war ich noch nie selbst vor Ort, bin aber sehr gespannt, welche Texte die Autor*innen dieses Jahr vortragen werden. Wenn ich Zeit habe, werde ich sicherlich die eine oder andere Lesung online oder im TV verfolgen.
Darf ich Dich abschließend zu einem Malina – Ingeborg Akrostichon bitten?
Machtstrukturen
Albtraum und Fantasie
Launenhaft vergessen
Instabil im Wandel
Namenlos
Am Ende doch unsichtbar
Im Leben
Nicht zu fassen
Gegen jede Konformität
Existenziell
Bruchstückhafte Erinnerungen
Obsession und Kampf
Reife Verirrungen
Gleichgewicht in Disbalance
Vielen Dank, liebe Christina, für Deine Zeit in Wort und szenischem Bild im „Ungargassenland“, alles Gute für alle Projekte!
Zur Person:Insa Segebade, geboren 1969 in Leer, hat Literatur und kreatives Schreiben bei Hanns-Josef Ortheil sowie Musik an der Universität Hildesheim studiert. Sie ist ausgebildete Sängerin und hat klassischen Gesang bei Dörte Blase sowie Jazzgesang bei Elena Brandes und Nanni Byl studiert. Als Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung hat sie am Musikinstitut der Universität Hildesheim darüber promoviert, wie Rockstars im Spielfilm und in Printmedien dargestellt werden. Mit Rockmusik beschäftigt Insa Segebade sich schon seit langem – nach einem längeren Aufenthalt in Paris war sie im Musikmanagement tätig, hat Tourneen organisiert und begleitet. Seit 1999 arbeitet Insa Segebade hauptberuflich als Schriftstellerin, Journalistin und Dozentin für kreatives Schreiben an verschiedenen Hochschulen u.a. Bildungseinrichtungen im In- und Ausland.