Die meiste Zeit tue ich vorplanen, herausfinden was das Schicksal noch alles mit mir vorhat. Ich weiß nur eines: jetzt ist nicht die Zeit, um zu zagen und zu verzweifeln. Jetzt ist die Zeit, um dranzubleiben und nicht aufzugeben.
Max Wenning, Schauspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dranbleiben, nicht den Mut verlieren, neue Entscheidungen treffen, auch wenn alles aussichtslos scheint. Ich denke Corona weist besonders jetzt auf Brüche in unserem gesellschaftlichen System hin. Jetzt ist die Zeit was Neues auszuprobieren, neue Impulse zu setzen, bevor wieder alles zum Stehen kommt.
Was wird wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Kunst hat die Aufgabe zu verbinden. Künstler verbinden was getrennt scheint. Denn wenn wir alles im Augenschein nehmen, dann sind die alltäglichen Unterschiede nicht so groß wie es den Anschein hat. Kaum der Rede wert.
Kunst hat jetzt besonders die wichtige Aufgabe, dass der Verzweifelnde nicht in größere Abgründe stürzt. Corona hat vieles bewegt, doch jetzt ist es wichtig auf der Welle der Erneuerung und Chancen zu reiten, nicht in der Angst zu ersticken. Um es mit einem Wort zu sagen: Mut haben!
Was liest Du derzeit?
Don Juan und Faust von Grabbe Die Bibel.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Da fällt mir nur das erste Zitat von David Mamets brillanter Komödie ein: „Wenn die Götter uns wahnsinnig machen wollen, erhören sie unsere Gebete.“ Jetzt hat jeder von uns die Möglichkeit zu handeln und neue gesellschaftliche Impulse zu setzen. Lasst uns gemeinsam diese Herausforderung bestehen, damit wir am Ende wieder zusammenkommen können und diese Zeit einen guten Abschluss findet.
Vielen Dank für das Interview lieber Max, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
1947. Es ist eine archäologische Sensation und ein kulturgeschichtlicher Krimi, der sich in der Stille der Höhlenlandschaft des Toten Meeres und jahrtausendealter Schätze der Menschheit darin ereignet. Und es ist ein Junge, ein Hirte, der zum Entdecker von Schriftrollen wird, die das Bild des religiösen Lebens vor zweitausend Jahren anschaulich werden lassen.
Das archäologische Puzzle und die neuen Erkenntnisse über jüdisches Glaubensleben der Zeit prägen bis heute Wissenschaft und interessierte Öffentlichkeit. Es ist ein noch nicht abgeschlossener Prozess der Forschung, der immer wieder Neues, Sensationelles ans Licht bringt.
Ein Abenteuer, das staunen und Religionsgeschichte neu bzw. tiefer verstehen lässt…
Reinhard G.Kratz, Professor für Altes Testament an der Georg-August-Universität Göttingen, sowie Leiter der dortigen Qumran-Forschungsstelle sowie Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, legt nun einen aktuellen Gesamtüberblick über Funde, Schriften und Inhalt dieses ganz besonderen archäologischen Schwerpunktes antiker Kultur- und Religionsgeschichte vor, der in Fachinformation wie der verständlichen erläuternden Aufbereitung davon, beeindruckt.
Es ist gleichsam eine große „Übersetzungsleistung“ der Erkenntnisse moderner Wissenschaft, die hier hervorragend gelingt und eine Mitteilungs-, Erzählform bietet, die auch nicht Archäolog*innen und Theolog*innen begeistert. Dazu ist zu gratulieren und zu danken!
„Archäologie und Theologie als Abenteuer – ein Lesereignis!“
Ino Matsou_Schauspielerin_ reenacting Romy Schneider _ Wien
Liebe Ino, welche Bezüge, Zugänge gibt es von Dir zu Romy Schneider?
Als kleines Mädchen war ich, wie so viele andere Mädels, von der Kaiserin Sissi fasziniert, also für mich war Romy Schneider einfach diese unglaublich hübsche strahlende Prinzessin, die mich sehr beeindruckt hat.
Gibt es einen Film von Romy Schneider, den Du hervorheben möchtest und warum?
Ich finde Romy Schneider als Schauspielerin bei dem Film „Die Liebe einer Frau“ von Costa Gavras einfach grandios. Sie spielt die existentielle Verzweiflung ihrer Rolle mit enormer emotionaler Intensität.
Gab es Berührungspunkte zu Werk und Leben Romy Schneiders in Deinen bisherigen Schauspielprojekten?
Nein, das kann ich nicht wirklich sagen.
Wie siehst Du das Spannungsverhältnis von Leben und Schauspielberuf bei Romy Schneider wie an sich?
Ich vermute, dass der Schauspielberuf und Schauspielkunst als eine Art Flucht von ihrem eigenen Leben funktioniert hat. Es ist sehr merkwürdig, dass sie nach dem Tod ihres Sohnes bei den Dreharbeiten des Filmes „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“ mitmachen wollte.
Für mich gilt meine Familie als mein Team. Sie gibt mir emotionale Sicherheit und Geborgenheit und hat eine große Bedeutung in meinem Leben. Bis jetzt hatte bei allen meiner beruflichen Entscheidungen meine Familie Vorrang, weil meine Tochter noch klein war. Das kann sich in der Zukunft zwar ändern, aber ich werde immer versuchen eine Balance zwischen diesen zwei Welten zu finden.
Romy Schneider wechselte nach großen Schauspielerfolgen in den 1950er das Filmgenre wie das Land. Wie siehst Du die Möglichkeiten persönlichen Entwicklungsweges im Schauspielberuf?
Das war sehr mutig von ihr, sie hat sich entschieden außerhalb ihrer „Comfort Zone“ zu arbeiten und das kann sowohl ängstlich als auch befreiend sein. Dazu habe ich mich auch in meinem eigenen Leben entschieden und es ist eine faszinierte unendliche Entwicklungsreise.
Vor allem der Schauspielberuf bietet verschiedene Wege an, ist aber sehr anstrengend, unsicher und benötigt Flexibilität, die Fähigkeit sich zu adaptieren, neu zu erfinden und psychisch, körperlich und geistig stark zu bleiben.
Was kann eine Schauspielerin von Romy Schneiders Werk und Leben mitnehmen?
Ihr Mut, ihrer Menschlichkeit, ihrer Stärke und vor allem ihrer Zerbrechlichkeit.
Gibt es etwas typisch Wienerisches bei Romy Schneider?
Das kann ich leider nicht beantworten…
Was bedeutet Dir Wien und welche Erfahrungen hast Du hier im Schauspielberuf gemacht?
Wien ist zu meinem zweiten Zuhause geworden, sie ist die Stadt wo ich mein wahres Selbst und meinen echten Weg gefunden habe, wo ich meine Ängste und inneren Konflikte überwunden habe und wo ich in einer multikulturellen Umgebung lebe, etwas das immer meiner Kindheit Traum war.
Wie siehst Du die Möglichkeiten als Schauspielerin in Wien/Österreich?
In meinem Fall sind die Möglichkeiten eher begrenzt, aber die sind sicher da. Ich brauchte Zeit um mich als Künstlerin zu finden, mich zu erkennen und zu definieren, ich denke ab jetzt wird es auch einfacher für mich die verschiedenen Möglichkeiten zu entdecken. Zum Glück Österreich liegt in zentralem Europa, muss man als Künstler immer einen erweiterten Blick haben …
Was wünscht Du Dir für den Schauspielberuf?
Dieser Beruf ist hart, unfair, und alles rund herum ist total subjektiv. Das wird so bleiben, aber ich wünsche, dass die Produzenten und Filmmacher, Regisseure und Theater Intendanten anders zu denken anfangen, und sich über mehr Diversität zu entscheiden.
Was sind Deine kommenden Projekte?
Ich werde endlich mal wieder auf die Bühne sein und meine Freude deswegen ist riesig. Außerdem bin ich in einem tollen Projekt beteiligt, wo ich meine Stimme leihe, um eine sehr berührende Geschichte zu erzählen. Später dieses Jahr werde ich wieder in Berlin bei den Dreharbeiten eines Filmes mitmachen.
Was möchtest Du Schauspielstudenten*innen mitgeben?
Meine Tage werden zur Zeit von meinem Baby bestimmt 🙂. Anfangs hatte ich gedacht ich könnte mir meine Tage ein wenig strukturieren, und habe To-Do-Listen geschrieben, aber nach kurzer Zeit musste ich diesen Ehrgeiz über Bord werfen, und lebe nun von Moment zu Moment, und nütze die Gelegenheiten wenn sie sich mir bieten, versuche mir aber keinen Stress zu machen. Der einzige Fixpunkt den ich jetzt (abgesehen vom Baby) schaffe ist, dass ich bei einer Yoga- Challenge mitmache, 30 Tage folge ich jeden Tag YouTube Videos von Mady Morrison, und die mache ich wann immer mich das Baby lässt, also meist wenn es unter Tags mal schläft.
Ansonsten versuche ich mich sehr auf mein Baby zu konzentrieren, und erwische mich oft dass es mir schwerfällt scheinbar „nichts zu tun“. Das Handy gebe ich dann sehr oft auf Flugmodus, um besser im hier und jetzt und „Im Moment“ zu sein. Das ist eine sehr schöne Erfahrung für mich!
Lisa Antoni, Schauspielerin, Sängerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich finde Toleranz wäre jetzt besonders wichtig. Weniger Schwarz-Weiss- Denken. Mehr Bescheidenheit, andere Meinungen akzeptieren, lieber mal vor seiner eigenen Türe kehren… das sind Dinge die, wie ich finde, sehr reinigend und entspannend für uns sein können. Das Sokrates Zitat „Ich weiss, dass ich nichts weiss“ mag ich ganz besonders. Ich finde es wichtig sich bewusst zu machen, dass es unmöglich ist, alles zu wissen, und ich maße es mir niemals an. Ich finde es wichtig, offen zu bleiben, um zu lernen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dem Theater/Schauspiel, der Musik, der Kunst an sich zu?
Für mich ist die Kunst dazu da, zum Denken und Fühlen anzuregen, um Alternativen aufzuzeigen, wie man leben kann/soll, um Lehren zu ziehen, um sich in andere Leute hineinzuversetzen für einen Abend… um Gefühle anzusprechen, die man vielleicht tief in sich vergraben hat, und um seine Seele zu spüren, und vielleicht auch sein Inneres Kind.
Ich denke, dass man mit Kunst durchaus einiges erreichen kann für die Welt. Ich finde sie deshalb auch essentiell. Wir sind alle keine Roboter. Die Kunst macht den Menschen aus, finde ich.
Was liest Du derzeit?
Ich lese aktuell „The Power of Intention“ von Wayne Dyer. Ich habe es vor ein paar Jahren schon einmal gelesen und mich nun wieder daran erinnert und es wieder zu lesen begonnen. Es ist ein Lebensratgeber, und es geht darin darum „in Einklang“ zu leben. Ich kann es sehr empfehlen!
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein Zitat aus dem Buch „The Power of Intention“:
„Change the way you look at things and the things you look at will change“.
Man nimmt die Welt meist so wahr wie man denkt, dass sie ist, und dann kommen auch dazu passende Ereignisse ins eigene Leben. Anstatt also von aussen zu erwarten dass sich alles ändert, kann man seine Welt auch von innen heraus verbessern, in dem man seine Einstellung(en) ändert.
Ich finde es wichtig, in sich zu gehen, zur Ruhe zu kommen, und sich auf seine eigene Kraft zu besinnen.
Vielen Dank für das Interview liebe Lisa, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Romina, welche Bezüge, Zugänge gibt es von Dir zum italienischen Dichter, Regisseur und Autor P.P.Pasolini?
Es ist ein großer Zufall, dass ich gerade zu Pasolini befragt werde, denn sein Werk hat tiefe Spuren in meinem Denken hinterlassen. Ich habe vor vielen Jahren eine Diplomarbeit namens „Die Körper des Politischen im Werk von Pier Paolo Pasolini“ geschrieben und zu dieser Zeit in Rom gelebt, geforscht und auch einen seiner Freunde interviewt.
Pasolini schreibt einmal, dass er bis zum Tod Palmiro Togliattis aus dem Drang politischer Bewusstseinsbildung heraus Filme gemacht hat. Er nennt diese Zeit „Gramsci Phase“, die mit einem Film endet, der vom weltweiten Zerfall der Staatsmarxismen und vom Ende des italienischen Kommunismus handelt. Diesen Aspekt fand ich sehr spannend.
In meiner Arbeit beschreibe ich friaulische BäuerInnen, kommunistische LandarbeiterInnen, PartisanenInnen, Antonio Gramsci und vor allem die römischen SubproletarierInnen, die Pasolini zu Heiligenfiguren erhebt. Ich würde sie als TrägerInnen politischer Utopien und Niederlagen bezeichnen- herausragend ist vor allem der subproletarische Körper als Passionsfigur, der im Film „Il Vangelo secondo Matteo“ seinen Höhepunkt findet.
Romina Achatz_Intermediale Künstlerin_ Wien
Du bist selbst intermediale Künstlerin. Wie siehst Du das umfassende künstlerische Werk P.P.Pasolinis?
Vor dem Begriff der Künstlerin ist ja zuallererst ein Lebewesen, das immer in Prozessen ist bis zum letzten Tag- mit all den bewussten und verdrängten Erfahrungen, auch mit all den Leseerfahrungen, Begegnungen, Sinneseindrücken, geführten Dialogen, Studien, kulturellen Prägungen, Liebeserfahrungen, Sehnsüchten, Träumen ecc. Es etabliert sich ein gewisser Blick auf die Welt, bzw. ein Denken, das eben durch verschiedene Kanäle seinen Ausdruck sucht und oft findet. Pasolini wählte unterschiedliche Medien, um seine Perspektive auf die Welt sichtbar zu machen. Er antwortet einmal auf die Frage, was er als Aktivposten habe: eine „verzweifelte Vitalität“. Diese Vitalität ist für mich sehr spürbar. Vor allem geht es bei ihm ums Schreiben und um seinen Blick auf die Welt. Seine Gedichte, Romane wurden zu Drehbüchern, diese zu Filmen und Theaterstücken. Das Lob und die existenzielle Trauer um den Untergang der marxistischen Utopien bzw. der Untergang einer bäuerlichen Welt, die er selbst noch erlebte, zieht sich durch sein gesamtes Werk. Seine politische, konsumkritische Haltung zeigt sich auch in seinen Beiträgen in der Zeitung „Corriere della Sera“, sowie in zahlreichen Interviews.
Darf ich Dich bitten je einen Film, Text und ein Gedicht in ihrer Bedeutung hervorzuheben und dies zu begründen?
Text: „Es gibt keine Poesie außer der realen Tat.“
Ich denke, er will mit diesem Zitat zum Ausdruck bringen, dass Poesie alleine nicht die realen politischen Probleme lösen kann und dass politischer Aktivismus nötig ist, um die Gesellschaft tatsächlich zu verändern. Pasolini arbeitet zum Beispiel 1971 gemeinsam mit AktivistInnen der linken Gruppe „Lotta Continua“ zusammen, war auch teilweise Herausgeber deren Zeitung; er nahm an zahlreichen Straßenprotesten teil ecc. Ich verwende das Zitat aber auch allgemein gerne für allerlei zwischenmenschlichen Beziehungen- zum Beispiel, wenn Menschen viele Versprechungen machen aber diesen keine reale Taten folgen.
Film: Der Film „Uccellini Uccellacci“ (Große Vögel, kleine Vögel) beginnt mit der Frage Wohin die Menschheit geht. Die zwei lebensfrohen, unbekümmerten Protagonisten werden von einem sprechenden Raben aus dem Land der marxistischen Ideologien begleitet, der die Welt beweint und die beiden warnt vor Uniformität, wie Marx vor der Verdinglichung des menschlichen Körpers, vor staatlichen Sicherheitstechnologien und einer bevorstehenden Apokalypse. Am Ende des Filmes werden Sequenzen des Begräbnisses von Palmiro Togliatti, den damaligen Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens, eingeblendet. Sein Tod läutet in Pasolinis Werk das Ende der so genannten „Gramsci Phase“ ein. Dabei ist, so denke ich die Hoffnung auf eine gute Zukunft für Pasolini verloren gegangen. Am Ende des Films wird der kluge und klagende Rabe von den Protagonisten ausgelacht und verspeist. Vor seinem Tod zitiert er Pascali, der behauptet, Professoren sollten mit „pikanter Sauce“ gegessen werden. Wenn man sie verdaut, werde man selbst ein wenig Professor: „Sie müssen gegessen und überwunden werden und wenn ihre Lehre etwas taugt, bleibt sie in uns.“ Diesen Gedanken des Einverleibens finde ich sehr schön.
Gedicht: 1957 schreibt Pasolini:
„Gramscis Asche..Zwischen Hoffnung / Und altem Zweifel tret ich zu dir (…)/ Und von dieser Nation, die zu ewiger Spannung/ Dich antrieb, spür ich Unrecht/-hier in der Ruhe des Friedhofs- und spüre,/ mit welchem Recht- in unserem unsicheren Los-/ du schriebst deine hochherzigen Bücher / in den Jahren, als man dich zu Tode quälte (…).“
Ich habe dieses Gedicht gewählt, weil ich während meines 1 ¼ jährigen Rom- Aufenthaltes oft auf der Parkbank am Friedhof neben Graschis Grab gesessen bin, wo ich in der Sonne unter dem Baum Pasolinis Gedichte gelesen habe. Der Dichter Shelley liegt auch dort.
Ich liebe Gramscis Idee, dass jeder Mensch sich verändert und sich wandelt in dem Maße wie sich der gesamte Bezugsrahmen wandelt, innerhalb dem er den Schnittpunkt von Beziehungen bildet. Jeder Mensch ist für Gramsci ein wirklichkeitsnaher Philosoph und kann nicht anders als politisch sein. Das heißt, für ihn ist jeder einzelne Mensch auch Politiker, bzw. ein aktiver Mensch, der seine Umwelt verändert. Ich finde seine eine der schönsten Definitionen von Politik.
Kunst befindet sich bei Pasolini stets im Dialog wie Kritik zur Gesellschaft. Wie siehst Du dieses Verständnis von Kunst und kompromissloser verantwortlicher persönlicher wie gesellschaftlicher Authentizität?
Die italienische Regierung übte in den fünfziger Jahren eine strikte Zensur obwohl die Verfassung Meinungsfreiheit garantierte. Auch Pasolinis Schriften fielen dieser zum Opfer. Er konnte daher seinen Dialog wie Kritik gegenüber der Gesellschaft nicht immer ausleben, weil er als zu gefährlich wahrgenommen wurde.
Ich finde seine Ausdauer im direkten Begleiten und Antworten auf gesellschaftliche Entwicklungen und Missstände unglaublich beeindruckend. Seine Gedichte, Romane und Filme enthalten die Kraft, wichtige Lebenswirklichkeiten zugänglich machen und so Empathie fördern können. Was ich sehr schön finde ist, dass Pasolinis Kunst auf die Wirklichkeit verweist. Diese war sein größtes Vorbild. Er war nicht nur Künstler, sondern auch einer der wichtigsten Intellektuellen bzw. Denker seiner Zeit und wurde später auch oft im Fernsehen und in den Zeitungen nach seiner Meinung gefragt. Seine Kunst, seine Schriften und Bilder sind nicht abstrakt- man braucht nicht zu viel zu interpretieren oder wissen; auch seine Kritik ist sehr direkt und klar. Er machte Lebenswelten greifbar, dokumentierte sie, beweinte sie, kritisierte dessen Vernichtung. Für mich hatte er eine Weitsicht wie ein Vogel, scharf im Denken, aber auch weich im Herzen- voller Widersprüche und Leidenschaft.
Pasolini beurteilte die Entwicklung moderner Gesellschaft sehr kritisch. Wie siehst Du seine Ansätze heute?
Es gibt so viele Ansätze seiner Gesellschaftskritik, auf die ich nicht alle in einer Antwort eingehen kann. Seine Kunst macht verschiedenste Herrschaftsformen sichtbar, die auf dem Atmungsprinzip lebendiger Körper basiert. Er schreibt von Frisuren, Attentaten, warnt vor dem Verlust von Dialekten, Werten, dem Glauben, vor der Lenkung der Menschen durch elektronische Medien, die unerreichbare Ideale erschaffen, die seiner Meinung nach zu kollektiven Neurosen führen. Er stilisiert Körper zu Heiligenfiguren, die keinen ökonomischen Nutzwert haben, so genannte Nichtstuer- auf italienisch „Accatone“. Die fortschreitende Digitalisierung hat unsere Lebenswelten und Lebewesen seit den 70ern nochmals so stark verändert. Oft dachte ich mir, er würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste wie sich alles entwickelt hat- denn er hat existenziell an den gesellschaftlichen Veränderungen gelitten. Der Kern seiner Kritik ist denke ich immer noch aktuell.
Der Künstler wie Mensch Pasolini war vielen Anfeindungen ausgesetzt und wurde schließlich ermordet. Wie siehst Du das Spannungsverhältnis von Leben und Kunstberuf bei P.P.Pasolini wie an sich?
Ich denke nicht, dass es so ein großes Spannungsverhältnis gab zwischen Leben und Kunstberuf. Die Kunst ist eine Ausdrucksform des Lebens, des Lebendig- seins. Er war sehr politisch und polemisch und das spiegelte sich in seiner Kunst. Ich sehe aber vor allem Widersprüche oder Spannungsverhältnisse zwischen seiner Theorie und Praxis- vor allem die Kritik des Konsums. Er liebte die ArbeiterInnen und hatte auch Empathie für die PolizistInnen- was für viel Aufsehen sorgte. Was er nicht war, war ein Feminist. Er setzte sich auch nicht für Frauen ein als Kollektiv und sprach sich sogar an der Seite der katholischen Kirche gegen Abtreibungen ein. Das ist ziemlich absurd und traurig.
Wie siehst Du die Umstände der Ermordung des Künstlers?
Bis heute sind diese nicht klar. Kurz vor seinem Tod schreibt er in dem Zeitungsartikel „Io so“- „Ich weiss“, dass er die Namen der Verantwortlichen des Putsches und vieler Anschläge weiss. Ich kann mir vorstellen, dass auch er, wie viele andere Intellektuelle zu dieser Zeit ermordet wurde. Nach seinem Film „Salò oder Die 120 Tage von Sodom“ bekam Pasolini angeblich Morddrohungen von Neofaschisten aus ganz Europa. Dass es ein Stricher gewesen war, der ihm mit dem Auto überfahren hat, hat sich als falsch herausgestellt- er sagte aus, dass er sehr viel Geld für diese Falschaussage und den darauffolgenden Gefängnisaufenthalt erhalten hat. Dacia Maraini und Alberto Moravia waren an der Mordstelle und sahen dort 4 mit Blut übergossene Baseballschläger. Bis heute ist sein Tod ein ungelöstes Rätsel.
Wie siehst Du die gesellschaftliche Verantwortung gegenüber kritischer Kunst?
Ich denke, dass Kunst ein sehr nützliches Handwerk sein kann um gesellschaftliche Kritik zu äußern. Da es für mich keine „Gesellschaft“ per se gibt, glaube ich nicht, dass dieses Konstrukt Verantwortung gegenüber ihrer KritikerInnen übernehmen möchte. Da Kunst sehr stark kapitalisiert wurde und dieser Markt jede Kritik wieder verschlingt und sich dadurch aufbläst, gibt es wenig Außen der Macht von Kommerzialisierung und Vermarktung. Meist ist Kunst abhängig von dem Markt, der dessen Existenz absichert. Es gibt viele Abhängigkeitsverhältnisse.
Welche Impulse des Künstlers Pasolinis siehst Du bis heute als wesentliche Wirkung?
Ich glaube, dass er Berlusconi kommen gesehen hat und warnte vor der Zukunft Italiens, die sich noch drastischer realisierte.
Alda Merini _Buchcover_Pasolini
Pasolini ist in Casarsa della Delizia in Friaul begraben. In der Region, in der seine Großeltern lebten und der er viel Zeit verbrachte. Warst Du jemals vor Ort? Welchen Einfluss hatte die Kindheit auf sein Leben und Werk?
Ja, ich kenne Friaul. Ich bin selbst an der italienischen Grenze geboren. Ich glaube, dass er fasziniert war von den KommunistInnen am Land, die Bauern waren. Sein erster Gedichtband erzählt von Friaul. Die Schauplätze und Motive der Gedichte erzählen von Pasolinis Kindheit am Land: Tanzfeste, große Jugendgruppen, Vergnügungsorte, Gewässer. Sie handeln von schönen Knaben, Liebe, Schuld, Narziss, Jesus Christus, die LandarbeiterInnen und den Tod. Seine frühen Gedichte sind auch Zeugnisse der Existenz bäuerlicher Armut. Im Unterschied zu Frankreich und England, besteht die bäuerliche Welt, die Pasolini so wichtig war, im klassischen Sinne in Italien nach dem zweiten Weltkrieg noch bis in die 50er Jahre. Er schreibt zum Beispiel, dass seine Mutter noch mit Kerzenlicht ins Bett gehen musste.
Seine ersten Romane reichen von PartisanInnenkämpfe über friulanische LandarbeiterInnenaufstände bis hin zu Schilderungen des Alltaglebens der Bauern. Nach dem Krieg befinden sich die TaglöhnerInnen in Friaul im Kampf gegen die Großgrundbesitzer und Pasolini fühlt sich körperlich unvorbereitet, da sein Antifaschismus bis dato rein ästhetischer war, aber noch kein politischer. Ich denke, diese Zeit hat ihn politisch sehr geprägt.
Pasolini war zunächst als Pädagoge tätig. War dies auch eine gute Grundlage für den späteren so vielseitigen Künstler, Autor und Aktivisten?
Das kann ich nicht beantworten. Ich glaube, dass er aus Liebe zur Sprache Kulturgeschichte, Sprachwissenschaften und Philosophie studierte. Er wurde, was ich mich erinnern kann, als Lehrer suspendiert und durfte wegen diversen Anschuldigungen nicht mehr als Lehrer arbeiten.
1950 übersiedelte Pasolini mit seiner Mutter nach Rom. Wie beurteilst Du den Einfluss der Stadt auf seine künstlerische Entwicklung?
Nach dem zweiten Weltkrieg ziehen sehr viele ItalienerInnen vom Land in die Städte. Als Pasolini selbst von Friaul nach Rom übersiedelt, erkundet er das römische Leben auf allen Stufen- auch literarisch macht er sich mit dem Dialekt vertraut. Er lernt viele SchriftstellerInnen und Intellektuelle kennen, die ihm bestimmt auch weitergeholfen haben. Nach 1954 publiziert er erneut seine frohen Gedichte und wird 1955 in einer Zeitschrift von Alberto Moravia und Carocci veröffentlicht. 1957 verbrennen aber auch langsam seine kommunistischen Visionen auf eine antikapitalistische Gesellschaft.
Wie siehst Du das enge Verhältnis von Mutter und Sohn?
Dacia Maraini beschreibt, dass Pasolini und seine Mutter eine sehr symbiotische Beziehung pflegten. Er hat sie sehr oft angerufen.
Sein Romandebüt „Ragazzi di Vita“ (1955) gilt als bahnbrechendes wie kompromissloses Werk. Wie beurteilst Du die literarischen, gesellschaftlichen Ansätze darin?
Es ist sehr lange her, als ich dieses Buch gelesen habe. Ich denke, ich war ein Teenager zu dieser Zeit. Wie ich mich erinnern kann erzählt derRoman von subproletarischen Straßenjungen, Kleinkriminellen ecc. aus den römischen Barackenslums und kulminiert im Tod einer Schwalbe.
Er macht die Menschen seines Privatlebens im Rom zu den ProtagonistInnen seines literarischen Schaffens. Die literarische Figur des proletarischen Bauern aus Friaul wurde die des städtischen Subproletariers/In. Der Unterschied zwischen einem/einer ProletarierIn und einem/einer SubproletarierIn ist, dass der/die ProletarierIn aufgrund ihrers/ seines Arbeitsplatzes noch über ein Minimum an Gewissheit und Sicherheit verfügt und die Hoffnung hat, seine Zukunft umzugestalten. Dem Subproletarier/ der Subproletarierin fehlt jedoch jegliche Perspektive auf Veränderung. Als ich nach Rom lebte, wohnte ich zufällig in derselben Straße wie Pasolini am Beginn seiner Rom-Zeit, der Viale Palmiro Togliatti, an dessen Schauplätzen er die ProtagonistInnen seiner Bücher und Filme kennenlernte.
Religion, Kirche sind wesentliche Themen in Film, Lyrik und Texten des Künstlers und Katholiken. Wie siehst Du das Verständnis von Religion, Kirche bei Pasolini?
Pasolini ruft zur Nächstenliebe auf uns bezeichnet diese als vornehmste aller christlichen Gefühle. Er wirft der katholischen Kirche oft vor, nicht rechtzeitig erkannt zu haben, dass der Geist des Konsums in Konkurrenz zu dem der Religion getreten ist und diesen ersetzt habe. In den letzten Sequenzen von Salò schreit ein Mädchen mitten unter den Henkern: „Gott, Gott, warum hast du uns verlassen?“. Die Passion der Jugendlichen ermöglichte für ihn zu dem Zeitpunkt keine wirkliche soziale Befreiung mehr. Ich hatte 2009 ein sehr schönes Interview mit dem Schauspieler Iacono- er spielte in dem Film „Dolce Vita“ mit, von Fellini. Er erzählte mir, dass Pasolini Jesus geliebt hat, jedoch nicht den der katholischen Kirche, sondern einen authentischen Mann, einen Politiker. Er sagte: „Pasolini gehörte keiner Religion an. Sein Gott war nicht katholisch. Er glaubte an einen intelligenten Gott, an jemanden, der das Gute schaffen wollte und dieser ist ans Kreuz genagelt worden. Sein Gott war Jesus. Das war seine Idee und diese Idee wurde Gott.“ Pasolini stellte sich jedoch leider bei dem Thema Abtreibung an die Seite der italienischen, katholischen Kirche.
Wie siehst Du den künstlerischen Ansatz und Weg im Film „Il Vangelo secondo Matteo“ (1964)?
Il Vangelo secondo Matteo war für Pasolini eine Art Schrei an eine sich für ihn blind in die Zukunft stürzende Bourgeoise, die ihm zufolge nur die Zerstörung des Menschen zur Folge haben kann.
Jesus erscheint in Il Vangelo secondo Matteo als Mann aus dem Volk. Seine Worte, seine Erscheinung, sowie sein Drang einer sozialen Veränderung machen ihn erst zu einem Heiligen. Er fordert die Menschen auf, sich von ihren Besitztümern zu befreien und wie ein Spatz zu leben, der immer zum Abflug bereit ist. Dieser „subproletarische Körper“ als inszenierte Passionsfigur wird schließlich, in der Kulisse von Mac Donald und Co. ans Kreuz genagelt, wie ich mich erinnern kann.
Es gab viele interdisziplinäre Zusammenarbeit bei Pasolini. Etwa mit der Sängerin Maria Callas im Film „Medea“ (1969). Wie wichtig ist dies im künstlerischen Prozess?
Ich denke, dass Zusammenarbeiten Zeugnisse der Liebe und der Dialoge von kreativen Menschen sein können. Künstlerische Kinder von Menschen die sich verbunden haben.
Pasolini stand auch mehrmals aufgrund gesellschaftlicher Kritik vor Gericht. Welche Positionen vertrat der Künstler unerschrocken und an wen war seine Kritik gerichtet?
Ich denke, diese Frage habe ich schon mehrmals beantwortet. Was ich noch nicht erwähnt habe, ist, dass er sich auch mit den KommunistInnen anlegte, mit den Studierenden, mit den FeministInnen und dass er auch den Anti- faschisten Faschismus vorwarf.
Konnte Pasolini auch gesellschaftliche Veränderungen anstoßen?
Wenn man Politik wie jene von Gramsci versteht, die ich oben beschrieben habe, dann könnte er bestimmt Veränderungen bewirken.
Pasolini ging stets kompromisslos neue künstlerische Wege. Wie siehst Du die Möglichkeiten persönlichen Entwicklungsweges im Kunstberuf heute?
Ich denke, dass es sehr stark zur persönlichen Entwicklung beitragen kann, wenn man sich tiefgehend auf ein Thema einlassen kann und Zeit hat. Dafür braucht es aber eine Existenzabsicherung und Finanzierungen, die vielen Menschen verwehrt bleiben.
Gab es Beziehungen des Künstlers zu Wien, Österreich?
Das weiß ich nicht.
Was kann eine Künstlerin von Pasolinis Werk und Leben mitnehmen?
Eine unbändige Liebe zur Poesie der Wirklichkeit und zu FaulenzerInnen.
Gibt es etwas typisch Friulanisches, Römisches bei Pasolini?
Schon die ersten Gedichte Pasolinis, geschrieben in regional wechselnden Dialekten Friauls, fallen der faschistischen Zensur zum Opfer, weil es verboten war im Dialekt zu schreiben. 1942 publiziert er einen Gedichtband in friaulischer Sprache, der Sprache seiner Mutter, gewidmet seinem Vater, der als Faschist den Dialekt ablehnte.
Seine Romane, die er in Rom verfasst hat, sind im römischen Dialekt des so genannten Subproletariats geschrieben. Ich denke, Pasolini wollte der italienischen Literatur durch die Wiedergewinnung der regionalen Dialekte eine neue Ausdruckskraft verleihen. Es war auch ein Schreiben gegen den Faschismus denke ich.
Was bedeutet Dir Wien/Österreich und welche Erfahrungen hast Du hier im Kunstberuf gemacht?
Ich habe lange im Ausland gelebt und mich erst in den letzten Jahren kurz vor der Pandemie hier verwurzelt. In den letzten Jahren hatte ich oft Kollaborationen mit anderen KünsterInnen in Tokio und Ghana, machte dort Filme, die dann bei Österreichischen Festivals gezeigt wurden, nahm auch öfters mit Fotografien bei Ausstellungen- vor allem in Kärnten teil. Ich hatte aber auch in Wien nun mehrere Kollaborationen mit TänzerInnen, KünsterlInnen und PoetInnen. Durch meine Radiosendung FEMPOEM habe ich auch immer wieder schöne Gespräche mit Schriftstellerinnnen, AktivistInnen und Künstlerinnen. Ich wünsche mir jedoch, mich noch viel mehr in dieser Stadt zu vernetzten- da die Pandemie und die damit einhergehende Isolation das erschwerte.
Wie siehst Du die Möglichkeiten als junge Künstlerin in Wien/Österreich?
Diese muss ich selbst erst erkunden, da ich so lange im Ausland gelebt habe. Im Moment plane ich eine Fotografie Ausstellung in Villach/ Kärnten.
Was wünscht Du Dir für den Kunstberuf?
Existenzgrundlagen.
Was sind Deine kommenden Projekte?
Ich arbeite gerade an einem Essayfilm. Gleichzeitig entwickle ich gerade für meine Radiosendung FEMPOEM in Kollaboration mit einem Künstler aus Brooklyn zwei neue Episoden über „Storytelling“ als Werkzeug für potenzielle, gesellschaftliche Veränderungen. Mein größster Wunsch ist es, bald einen Gedichtband zu veröffentlichen.
Was möchtest Du Künstler*innen in ihrem Entwicklungsweg mitgeben?
Es gibt keine Poesie außer der realen Tat.
Was würdest Du P.P.Pasolini sagen, fragen wollen?
„Ich danke dir für Deinen rebellischen Geist und deine unbändige Zärtlichkeit.“ Meine Frage wäre: „Warum bist du dagegen, dass Frauen selbst über ihren Körper bestimmen dürfen?“
Wie hätte der Künstler seinen 100.Geburtstag gefeiert bzw. was hätte er sich dazu gewünscht?
Den Untergang des Kapitalismus und ein Rendezvous mit einem schönen, vor Lebensfreude glühenden, unbeschwerten Mann.
Gibt es Veranstaltungen, Projekte zum Geburtstagsjubiläum des Künstlers, die Du empfehlen möchtest?
Das kann ich leider nicht beantworten. Es gibt, denke ich, wieder einen neuen Film zu seinem Geburtstag.
Darf ich Dich abschließend zu einem Pasolini Achrostikon bitten?
P artisani
A ngeli
S offerenza
O stia
L ‘ultimo giorno
I nfinita
N ostalgia
I mmortale
Romina Achatz_Intermediale Künstlerin
Herzlichen Dank, liebe Romina, für Dein Interview! Viel Freude und Erfolg für alle Kunstprojekte!
Liebe Katharina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Der gestaltet sich sehr unterschiedlich, je nach Projekten, und kann von einem Casting vormittags, einer Studioaufnahme nachmittags und einer OP abends bis hin zu 13-stündigen Drehtagen oder aber 13-stündigen Diensten (z.B. in der Impfstraße) alles beinhalten. Den „normalen“ Tagesablauf gibt es bei mir momentan nicht. Tatsächlich stehe ich – entgegen dem gängigen Künstler-Cliché – gerne recht früh auf und beginne meinen Tag meistens mit einer Meditation. Wenn ich den Vormittag frei habe, mache ich gerne Yoga oder Pilates, lese und kümmere mich um aktuelle To-Do’s. Dann geht es meistens ans Texte-Lernen, Charaktere-Erarbeiten, Skripte-Lesen und Recherchieren, Rollenarbeit – für aktuelle Castings oder anstehende Projekte.
Katharina Scheuba, Schauspielerin, Ärztin
Der tatsächliche Job einer Schauspielerin, eines Schauspielers besteht ja in Wirklichkeit darin, Jobinterviews zu machen. Wenn es gut läuft, hat man viele Castings und ständig neue Rollen und Projekte vorzubereiten. Ab und zu hat man dann das große Glück, auch Drehen oder am Theater spielen zu dürfen. Zwischendurch halte ich mich auch immer gerne mit Workshops, Online-Classes und mit meinem Drama-Club fit. In letzter Zeit schreibe ich auch wieder mehr an eigenen Projekten.
Das Schöne am Künstler-Dasein ist ja auch die unglaubliche Vielfalt und dass eben jeder Tag anders ist, man oft nicht weiß, wie die nächste Woche aussehen wird – man muss flexibel bleiben!
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke das Wichtigste ist, mit einem offenen Herzen durch die Welt zu gehen und immer auch zu versuchen, einen Teil von sich selbst in seinen Mitmenschen wiederzuerkennen. Empathie ist die größte Schule des Lebens und meiner Meinung nach auch der erste, wichtigste Grundpfeiler für jede Rollenarbeit.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich bin der Überzeugung, dass Kunst, insbesondere die darstellende, einen großen Bildungsauftrag hat. Theater und Film bieten nicht nur Unterhaltung und bringen die Leute zusammen, sie sind auch oft das gemeinsame Thema beim Mittagessen mit den Arbeitskollegen oder am Abendtisch mit der Familie. Gerade der Film mit seiner unglaublich großen Reichweite hat da eine sehr große Verantwortung. Welche Geschichten werden erzählt? Welche Werte vermittelt? Welches moralische Dilemma angesprochen? Den ZuschauerInnen werden neue Perspektiven auf bekannte Themen geboten. Wenn ein Film zum Nachdenken – im besten Fall zum Überdenken der eigenen Sichtweise – anregt, hat er für mich seine Aufgabe erfüllt.
Was liest Du derzeit?
„Schöne Welt, wo bist du“ von Sally Rooney und „Audition“ von Michael Shurtleff.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Freiheit ist das, was du aus den dir gegebenen Umständen machst – if you can’t change it, want it!
Katharina Scheuba, Schauspielerin, Ärztin
Vielen Dank für das Interview liebe Katharina, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte wie in Deiner medizinischen Tätigkeit und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Guido, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf ist ziemlich langweilig. Ich stehe am Vormittag auf und schreibe im Home-Office meine Kolumnen und Theaterkritiken für den KURIER, wenn Zeit bleibt, auch literarische oder satirische Texte. Am Nachmittag versuche ich, Sport zu betreiben. Abends bin ich entweder im Theater oder habe Auftritte, oder ich sitze vor dem Fernseher.
Guido Tartarotti, Journalist und Kabarettist
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich weiß nicht, was für andere Menschen wichtig ist. Ich selbst hatte mit den Lockdowns keine Probleme, weil ich gerne sozial distant lebe. Mir sind wichtig: Meine Freundin und meine Kinder. Und gute Musik.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Ich glaube nicht an Szenarien wie „Aufbruch und Neubeginn“. Tatsache ist: Die Welt steht vor enormen Herausforderungen. Ich weiß auch nicht, ob die Kunst eine Rolle hat, außer der, eben Kunst zu sein. Kunst reflektiert und verarbeitet, sie erschüttert und weist hin, und manchmal unterhält sie auch einfach nur. Ich glaube aber nicht, dass die Kunst eine Art Lebensberater oder Psychotherapeut ist.
Was liest Du derzeit?
Ich lese derzeit komischerweise gar nichts, außer der Zeitung. Dabei habe ich immer sehr viel gelesen, aber derzeit fehlt mir dazu die Kraft. Ich höre aber ständig Musik.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„War ist just a shot away. Love is just a kiss away.“ Die Rolling Stones.
Guido Tartarotti, Journalist und Kabarettist
Vielen Dank für das Interview lieber Guido, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Journalismus-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Guido Tartarotti, Journalist und Kabarettist
Alle Fotos_privat.
2.3.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Joshua, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich stehe morgens auf und lese (wie immer) die Zeitung und trinke dabei einen Kaffee. In letzter Zeit bin ich erschüttert, mit welcher Härte Putin den Krieg in der Ukraine vorantreibt! Bereits an dieser Stelle möchte ich das klare Statement setzen: Stop War! Make Love, Not War!
Mittags esse ich und begebe mich dann zu meinem Laptop, um meinen (noch nicht veröffentlichten) Roman zu verfeinern, welcher in Folge eines Literaturstipendiums entsteht! Zudem gilt die alltägliche PC-Arbeit, wie Lesungen vorbereiten, planen, E-Mail Verkehr und Schreibwettbewerbe/Literaturausschreibungen. Nach der beendeten Arbeit mache ich (wie immer) viel Sport zum Ausgleich, sei es Laufen, Kraft-Übungen, Tischtennis oder Spazieren gehen, frische Luft tut immer gut! Anschließend falle ich ,,kaputt“ ins Bett und mache mir meistens dennoch Gedanken über meine ,,Erkenntnisse des Tages“, welche ich regelmäßig bei Instagram und Facebook hochlade.
Joshua Clausnitzer, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Auch wenn es verdammt schwerfällt, Ruhe und Besonnenheit! Wir müssen gemeinsam stark bleiben, Zeichen setzen und dürfen uns nicht unterkriegen lassen. Das gilt für alle Menschen in und außerhalb der Ukraine genauso für das Corona-Virus, welches aufgrund der aktuellen Ereignisse in Vergessenheit geraten zu scheint… Es ist aber immer noch da! Gemeinsam schaffen wir das, davon bin ich absolut überzeugt. Mit einer klaren Meinung und einem klaren Geiste ist bereits viel gewonnen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Der Aufbruch und Neubeginn ist zunächst etwas, was nicht unbedingt erwünscht gewesen ist, ich sehe aber eine große Chance für alle, insbesondere uns Künstler/innen! Jetzt müssen wir unsere Stimmen, unsere Worte, unsere Schriften und Taten umso mehr erheben, der Neubeginn kann alte, ,,schwache“ Strukturen zusammenschweißen! Deswegen bin ich überzeugt, dass jeder Künstler weiterhin Auftritte, Lesungen, Installationen, Interviews etc. wahrnehmen sollte! Ich werde das so handhaben. Ganz bestimmt werden wir uns nicht unsere Handlungen und Worte verbieten lassen. Die Kunst muss jetzt umso mehr die Stimme des Volkes sein. Es klingt vielleicht hart, aber nie waren die Künstler mehr gefragt, um ein Zeichen zu setzen, gegen Krieg, gegen Rassismus, gegen Größenwahn und gegen Machenschaften, die erst langsam ihre Entfaltung erleben. Deswegen bin ich auch der Meinung, dass wir Künstler mehr gefördert werden müssen. Die Corona-Pandemie hat uns vor Augen geführt, wie wichtig die Künstler-Szene für die Gesellschaft ist!
Was liest Du derzeit?
Zurzeit bin ich tatsächlich (zum Glück) dermaßen beschäftigt, dass ich nicht mehr dazu komme, ein Buch zu lesen. Wenn ich ein Buch lese, möchte ich diesem auch die volle Aufmerksamkeit schenken! Ich bin aber gerne offen für Buchvorschläge, also immer her damit :)!
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ein paar Zeilen aus meinem Kurztext ,, Die Flucht“ (erschienen in meinem dritten Buch ,,Worte ohne Grenzen“, 2018) Wohin, wenn das eigene Zuhause komplett zerstört wurde? Flüchtlinge sind wir schon längst alle, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Wir fliehen alle, weg von den alltäglichen Sorgen. Wir wünschen uns Geborgenheit in der Einsamkeit. Ist nicht genau das, was uns alle verbindet? Der Wunsch nach Geborgenheit. Gemeinsam, statt einsam, wäre vieles leichter. Also lasst uns gemeinsam, nicht einsam, die Flucht zu einer Reise mit Ziel machen!
Joshua Clausnitzer, Schriftsteller
Vielen Dank für das Interview lieber Joshua, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Joshua Clausnitzer, Schriftsteller
Fotos_Dirk Gräper
1.3.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.