„Ich danke dir für Deinen rebellischen Geist und deine unbändige Zärtlichkeit“ 100.Geburtstag_P.P.Pasolini_im Interview _Romina Achatz_Intermediale Künstlerin_Wien 5.3.2022

Liebe Romina, welche Bezüge, Zugänge gibt es von Dir zum italienischen Dichter, Regisseur und Autor P.P.Pasolini?

Es ist ein großer Zufall, dass ich gerade zu Pasolini befragt werde, denn sein Werk hat tiefe Spuren in meinem Denken hinterlassen. Ich habe vor vielen Jahren eine Diplomarbeit namens „Die Körper des Politischen im Werk von Pier Paolo Pasolini“ geschrieben und zu dieser Zeit in Rom gelebt, geforscht und auch einen seiner Freunde interviewt.

Pasolini schreibt einmal, dass er bis zum Tod Palmiro Togliattis aus dem Drang politischer Bewusstseinsbildung heraus Filme gemacht hat. Er nennt diese Zeit „Gramsci Phase“, die mit einem Film endet, der vom weltweiten Zerfall der Staatsmarxismen und vom Ende des italienischen Kommunismus handelt. Diesen Aspekt fand ich sehr spannend.

In meiner Arbeit beschreibe ich friaulische BäuerInnen, kommunistische LandarbeiterInnen, PartisanenInnen, Antonio Gramsci und vor allem die römischen SubproletarierInnen, die Pasolini zu Heiligenfiguren erhebt. Ich würde sie als TrägerInnen politischer Utopien und Niederlagen bezeichnen- herausragend ist vor allem der subproletarische Körper als Passionsfigur, der im Film „Il Vangelo secondo Matteo“ seinen Höhepunkt findet.

Romina Achatz_Intermediale Künstlerin _ Wien

Du bist selbst intermediale Künstlerin. Wie siehst Du das umfassende künstlerische Werk P.P.Pasolinis?

Vor dem Begriff der Künstlerin ist ja zuallererst ein Lebewesen, das immer in Prozessen ist bis zum letzten Tag- mit all den bewussten und verdrängten Erfahrungen, auch mit all den Leseerfahrungen, Begegnungen, Sinneseindrücken, geführten Dialogen, Studien, kulturellen Prägungen, Liebeserfahrungen, Sehnsüchten, Träumen ecc. Es etabliert sich ein gewisser Blick auf die Welt, bzw. ein Denken, das eben durch verschiedene Kanäle seinen Ausdruck sucht und oft findet. Pasolini wählte unterschiedliche Medien, um seine Perspektive auf die Welt sichtbar zu machen. Er antwortet einmal auf die Frage, was er als Aktivposten habe: eine „verzweifelte Vitalität“. Diese Vitalität ist für mich sehr spürbar. Vor allem geht es bei ihm ums Schreiben und um seinen Blick auf die Welt. Seine Gedichte, Romane wurden zu Drehbüchern, diese zu Filmen und Theaterstücken. Das Lob und die existenzielle Trauer um den Untergang der marxistischen Utopien bzw. der Untergang einer bäuerlichen Welt, die er selbst noch erlebte, zieht sich durch sein gesamtes Werk. Seine politische, konsumkritische Haltung zeigt sich auch in seinen Beiträgen in der Zeitung „Corriere della Sera“, sowie in zahlreichen Interviews.

Darf ich Dich bitten je einen Film, Text und ein Gedicht in ihrer Bedeutung hervorzuheben und dies zu begründen?

Text: „Es gibt keine Poesie außer der realen Tat.“

Ich denke, er will mit diesem Zitat zum Ausdruck bringen, dass Poesie alleine nicht die realen politischen Probleme lösen kann und dass politischer Aktivismus nötig ist, um die Gesellschaft tatsächlich zu verändern. Pasolini arbeitet zum Beispiel 1971 gemeinsam mit AktivistInnen der linken Gruppe „Lotta Continua“ zusammen, war auch teilweise Herausgeber deren Zeitung; er nahm an zahlreichen Straßenprotesten teil ecc. Ich verwende das Zitat aber auch allgemein gerne für allerlei zwischenmenschlichen Beziehungen- zum Beispiel, wenn Menschen viele Versprechungen machen aber diesen keine reale Taten folgen.

Film: Der Film „Uccellini Uccellacci“ (Große Vögel, kleine Vögel) beginnt mit der Frage Wohin die Menschheit geht. Die zwei lebensfrohen, unbekümmerten Protagonisten werden von einem sprechenden Raben aus dem Land der marxistischen Ideologien begleitet, der die Welt beweint und die beiden warnt vor Uniformität, wie Marx vor der Verdinglichung des menschlichen Körpers, vor staatlichen Sicherheitstechnologien und einer bevorstehenden Apokalypse. Am Ende des Filmes werden Sequenzen des Begräbnisses von Palmiro Togliatti, den damaligen Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens, eingeblendet. Sein Tod läutet in Pasolinis Werk das Ende der so genannten „Gramsci Phase“ ein. Dabei ist, so denke ich die Hoffnung auf eine gute Zukunft für Pasolini verloren gegangen. Am Ende des Films wird der kluge und klagende Rabe von den Protagonisten ausgelacht und verspeist. Vor seinem Tod zitiert er Pascali, der behauptet, Professoren sollten mit „pikanter Sauce“ gegessen werden. Wenn man sie verdaut, werde man selbst ein wenig Professor: „Sie müssen gegessen und überwunden werden und wenn ihre Lehre etwas taugt, bleibt sie in uns.“ Diesen Gedanken des Einverleibens finde ich sehr schön.

Gedicht: 1957 schreibt Pasolini:

 „Gramscis Asche..Zwischen Hoffnung / Und altem Zweifel tret ich zu dir (…)/ Und von dieser Nation, die zu ewiger Spannung/ Dich antrieb, spür ich Unrecht/-hier in der Ruhe des Friedhofs- und spüre,/ mit welchem Recht- in unserem unsicheren Los-/ du schriebst deine hochherzigen Bücher / in den Jahren, als man dich zu Tode quälte (…).“ 

Ich habe dieses Gedicht gewählt, weil ich während meines 1 ¼ jährigen Rom- Aufenthaltes oft auf der Parkbank am Friedhof neben Graschis Grab gesessen bin, wo ich in der Sonne unter dem Baum Pasolinis Gedichte gelesen habe. Der Dichter Shelley liegt auch dort.

Ich liebe Gramscis Idee, dass jeder Mensch sich verändert und sich wandelt in dem Maße wie sich der gesamte Bezugsrahmen wandelt, innerhalb dem er den Schnittpunkt von Beziehungen bildet. Jeder Mensch ist für Gramsci ein wirklichkeitsnaher Philosoph und kann nicht anders als politisch sein. Das heißt, für ihn ist jeder einzelne Mensch auch Politiker, bzw. ein aktiver Mensch, der seine Umwelt verändert. Ich finde seine eine der schönsten Definitionen von Politik.

Kunst befindet sich bei Pasolini stets im Dialog wie Kritik zur Gesellschaft. Wie siehst Du dieses Verständnis von Kunst und kompromissloser verantwortlicher persönlicher wie gesellschaftlicher Authentizität?

Die italienische Regierung übte in den fünfziger Jahren eine strikte Zensur obwohl die Verfassung Meinungsfreiheit garantierte. Auch Pasolinis Schriften fielen dieser zum Opfer. Er konnte daher seinen Dialog wie Kritik gegenüber der Gesellschaft nicht immer ausleben, weil er als zu gefährlich wahrgenommen wurde.

Ich finde seine Ausdauer im direkten Begleiten und Antworten auf gesellschaftliche Entwicklungen und Missstände unglaublich beeindruckend. Seine Gedichte, Romane und Filme enthalten die Kraft, wichtige Lebenswirklichkeiten zugänglich machen und so Empathie fördern können.  Was ich sehr schön finde ist, dass Pasolinis Kunst auf die Wirklichkeit verweist. Diese war sein größtes Vorbild. Er war nicht nur Künstler, sondern auch einer der wichtigsten Intellektuellen bzw. Denker seiner Zeit und wurde später auch oft im Fernsehen und in den Zeitungen nach seiner Meinung gefragt. Seine Kunst, seine Schriften und Bilder sind nicht abstrakt- man braucht nicht zu viel zu interpretieren oder wissen; auch seine Kritik ist sehr direkt und klar. Er machte Lebenswelten greifbar, dokumentierte sie, beweinte sie, kritisierte dessen Vernichtung. Für mich hatte er eine Weitsicht wie ein Vogel, scharf im Denken, aber auch weich im Herzen- voller Widersprüche und Leidenschaft.

Pasolini beurteilte die Entwicklung moderner Gesellschaft sehr kritisch. Wie siehst Du seine Ansätze heute?

Es gibt so viele Ansätze seiner Gesellschaftskritik, auf die ich nicht alle in einer Antwort eingehen kann. Seine Kunst macht verschiedenste Herrschaftsformen sichtbar, die auf dem Atmungsprinzip lebendiger Körper basiert. Er schreibt von Frisuren, Attentaten, warnt vor dem Verlust von Dialekten, Werten, dem Glauben, vor der Lenkung der Menschen durch elektronische Medien, die unerreichbare Ideale erschaffen, die seiner Meinung nach zu kollektiven Neurosen führen. Er stilisiert Körper zu Heiligenfiguren, die keinen ökonomischen Nutzwert haben, so genannte Nichtstuer- auf italienisch „Accatone“. Die fortschreitende Digitalisierung hat unsere Lebenswelten und Lebewesen seit den 70ern nochmals so stark verändert. Oft dachte ich mir, er würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste wie sich alles entwickelt hat- denn er hat existenziell an den gesellschaftlichen Veränderungen gelitten. Der Kern seiner Kritik ist denke ich immer noch aktuell.

Der Künstler wie Mensch Pasolini war vielen Anfeindungen ausgesetzt und wurde schließlich ermordet. Wie siehst Du das Spannungsverhältnis von Leben und Kunstberuf bei P.P.Pasolini wie an sich?

Ich denke nicht, dass es so ein großes Spannungsverhältnis gab zwischen Leben und Kunstberuf. Die Kunst ist eine Ausdrucksform des Lebens, des Lebendig- seins. Er war sehr politisch und polemisch und das spiegelte sich in seiner Kunst. Ich sehe aber vor allem Widersprüche oder Spannungsverhältnisse zwischen seiner Theorie und Praxis- vor allem die Kritik des Konsums. Er liebte die ArbeiterInnen und hatte auch Empathie für die PolizistInnen- was für viel Aufsehen sorgte. Was er nicht war, war ein Feminist. Er setzte sich auch nicht für Frauen ein als Kollektiv und sprach sich sogar an der Seite der katholischen Kirche gegen Abtreibungen ein. Das ist ziemlich absurd und traurig.

Wie siehst Du die Umstände der Ermordung des Künstlers?

Bis heute sind diese nicht klar. Kurz vor seinem Tod schreibt er in dem Zeitungsartikel „Io so“- „Ich weiss“, dass er die Namen der Verantwortlichen des Putsches und vieler Anschläge weiss. Ich kann mir vorstellen, dass auch er, wie viele andere Intellektuelle zu dieser Zeit ermordet wurde. Nach seinem Film „Salò oder Die 120 Tage von Sodom“ bekam Pasolini angeblich Morddrohungen von Neofaschisten aus ganz Europa. Dass es ein Stricher gewesen war, der ihm mit dem Auto überfahren hat, hat sich als falsch herausgestellt- er sagte aus, dass er sehr viel Geld für diese Falschaussage und den darauffolgenden Gefängnisaufenthalt erhalten hat. Dacia Maraini und Alberto Moravia waren an der Mordstelle und sahen dort 4 mit Blut übergossene Baseballschläger. Bis heute ist sein Tod ein ungelöstes Rätsel.

Wie siehst Du die gesellschaftliche Verantwortung gegenüber kritischer Kunst?

Ich denke, dass Kunst ein sehr nützliches Handwerk sein kann um gesellschaftliche Kritik zu äußern. Da es für mich keine „Gesellschaft“ per se gibt, glaube ich nicht, dass dieses Konstrukt Verantwortung gegenüber ihrer KritikerInnen übernehmen möchte. Da Kunst sehr stark kapitalisiert wurde und dieser Markt jede Kritik wieder verschlingt und sich dadurch aufbläst, gibt es wenig Außen der Macht von Kommerzialisierung und Vermarktung. Meist ist Kunst abhängig von dem Markt, der dessen Existenz absichert. Es gibt viele Abhängigkeitsverhältnisse.

Welche Impulse des Künstlers Pasolinis siehst Du bis heute als wesentliche Wirkung?

Ich glaube, dass er Berlusconi kommen gesehen hat und warnte vor der Zukunft Italiens, die sich noch drastischer realisierte.

Alda Merini _Buchcover_Pasolini

Pasolini ist in Casarsa della Delizia in Friaul begraben. In der Region, in der seine Großeltern lebten und der er viel Zeit verbrachte. Warst Du jemals vor Ort? Welchen Einfluss hatte die Kindheit auf sein Leben und Werk?

Ja, ich kenne Friaul. Ich bin selbst an der italienischen Grenze geboren. Ich glaube, dass er fasziniert war von den KommunistInnen am Land, die Bauern waren. Sein erster Gedichtband erzählt von Friaul. Die Schauplätze und Motive der Gedichte erzählen von Pasolinis Kindheit am Land: Tanzfeste, große Jugendgruppen, Vergnügungsorte, Gewässer. Sie handeln von schönen Knaben, Liebe, Schuld, Narziss, Jesus Christus, die LandarbeiterInnen und den Tod. Seine frühen Gedichte sind auch Zeugnisse der Existenz bäuerlicher Armut. Im Unterschied zu Frankreich und England, besteht die bäuerliche Welt, die Pasolini so wichtig war, im klassischen Sinne in Italien nach dem zweiten Weltkrieg noch bis in die 50er Jahre. Er schreibt zum Beispiel, dass seine Mutter noch mit Kerzenlicht ins Bett gehen musste.

Seine ersten Romane reichen von PartisanInnenkämpfe über friulanische LandarbeiterInnenaufstände bis hin zu Schilderungen des Alltaglebens der Bauern. Nach dem Krieg befinden sich die TaglöhnerInnen in Friaul im Kampf gegen die Großgrundbesitzer und Pasolini fühlt sich körperlich unvorbereitet, da sein Antifaschismus bis dato rein ästhetischer war, aber noch kein politischer. Ich denke, diese Zeit hat ihn politisch sehr geprägt.

Pasolini war zunächst als Pädagoge tätig. War dies auch eine gute Grundlage für den späteren so vielseitigen Künstler, Autor und Aktivisten?

Das kann ich nicht beantworten. Ich glaube, dass er aus Liebe zur Sprache Kulturgeschichte, Sprachwissenschaften und Philosophie studierte. Er wurde, was ich mich erinnern kann, als Lehrer suspendiert und durfte wegen diversen Anschuldigungen nicht mehr als Lehrer arbeiten.

1950 übersiedelte Pasolini mit seiner Mutter nach Rom. Wie beurteilst Du den Einfluss der Stadt auf seine künstlerische Entwicklung?

Nach dem zweiten Weltkrieg ziehen sehr viele ItalienerInnen vom Land in die Städte. Als Pasolini selbst von Friaul nach Rom übersiedelt, erkundet er das römische Leben auf allen Stufen- auch literarisch macht er sich mit dem Dialekt vertraut. Er lernt viele SchriftstellerInnen und Intellektuelle kennen, die ihm bestimmt auch weitergeholfen haben. Nach 1954 publiziert er erneut seine frohen Gedichte und wird 1955 in einer Zeitschrift von Alberto Moravia und Carocci veröffentlicht. 1957 verbrennen aber auch langsam seine kommunistischen Visionen auf eine antikapitalistische Gesellschaft.

Wie siehst Du das enge Verhältnis von Mutter und Sohn?

Dacia Maraini beschreibt, dass Pasolini und seine Mutter eine sehr symbiotische Beziehung pflegten. Er hat sie sehr oft angerufen.

Sein Romandebüt „Ragazzi di Vita“ (1955) gilt als bahnbrechendes wie kompromissloses Werk. Wie beurteilst Du die literarischen, gesellschaftlichen Ansätze darin?

Es ist sehr lange her, als ich dieses Buch gelesen habe. Ich denke, ich war ein Teenager zu dieser Zeit. Wie ich mich erinnern kann erzählt derRoman von subproletarischen Straßenjungen, Kleinkriminellen ecc. aus den römischen Barackenslums und kulminiert im Tod einer Schwalbe.

Er macht die Menschen seines Privatlebens im Rom zu den ProtagonistInnen seines literarischen Schaffens. Die literarische Figur des proletarischen Bauern aus Friaul wurde die des städtischen Subproletariers/In. Der Unterschied zwischen einem/einer ProletarierIn und einem/einer SubproletarierIn ist, dass der/die ProletarierIn aufgrund ihrers/ seines Arbeitsplatzes noch über ein Minimum an Gewissheit und Sicherheit verfügt und die Hoffnung hat, seine Zukunft umzugestalten. Dem Subproletarier/ der Subproletarierin fehlt jedoch jegliche Perspektive auf Veränderung. Als ich nach Rom lebte, wohnte ich zufällig in derselben Straße wie Pasolini am Beginn seiner Rom-Zeit, der Viale Palmiro Togliatti, an dessen Schauplätzen er die ProtagonistInnen seiner Bücher und Filme kennenlernte.

Religion, Kirche sind wesentliche Themen in Film, Lyrik und Texten des Künstlers und Katholiken. Wie siehst Du das Verständnis von Religion, Kirche bei Pasolini?

Pasolini ruft zur Nächstenliebe auf uns bezeichnet diese als vornehmste aller christlichen Gefühle. Er wirft der katholischen Kirche oft vor, nicht rechtzeitig erkannt zu haben, dass der Geist des Konsums in Konkurrenz zu dem der Religion getreten ist und diesen ersetzt habe. In den letzten Sequenzen von Salò schreit ein Mädchen mitten unter den Henkern: „Gott, Gott, warum hast du uns verlassen?“. Die Passion der Jugendlichen ermöglichte für ihn zu dem Zeitpunkt keine wirkliche soziale Befreiung mehr. Ich hatte 2009 ein sehr schönes Interview mit dem Schauspieler Iacono- er spielte in dem Film „Dolce Vita“ mit, von Fellini. Er erzählte mir, dass Pasolini Jesus geliebt hat, jedoch nicht den der katholischen Kirche, sondern einen authentischen Mann, einen Politiker. Er sagte: „Pasolini gehörte keiner Religion an. Sein Gott war nicht katholisch. Er glaubte an einen intelligenten Gott, an jemanden, der das Gute schaffen wollte und dieser ist ans Kreuz genagelt worden. Sein Gott war Jesus. Das war seine Idee und diese Idee wurde Gott.“ Pasolini stellte sich jedoch leider bei dem Thema Abtreibung an die Seite der italienischen, katholischen Kirche.

Wie siehst Du den künstlerischen Ansatz und Weg im Film „Il Vangelo secondo Matteo“ (1964)?

Il Vangelo secondo Matteo war für Pasolini eine Art Schrei an eine sich für ihn blind in die Zukunft stürzende Bourgeoise, die ihm zufolge nur die Zerstörung des Menschen zur Folge haben kann.

Jesus erscheint in Il Vangelo secondo Matteo als Mann aus dem Volk. Seine Worte, seine Erscheinung, sowie sein Drang einer sozialen Veränderung machen ihn erst zu einem Heiligen. Er fordert die Menschen auf, sich von ihren Besitztümern zu befreien und wie ein Spatz zu leben, der immer zum Abflug bereit ist. Dieser „subproletarische Körper“ als inszenierte Passionsfigur wird schließlich, in der Kulisse von Mac Donald und Co. ans Kreuz genagelt, wie ich mich erinnern kann.

Es gab viele interdisziplinäre Zusammenarbeit bei Pasolini. Etwa mit der Sängerin Maria Callas im Film „Medea“ (1969). Wie wichtig ist dies im künstlerischen Prozess?

Ich denke, dass Zusammenarbeiten Zeugnisse der Liebe und der Dialoge von kreativen Menschen sein können. Künstlerische Kinder von Menschen die sich verbunden haben.

Pasolini stand auch mehrmals aufgrund gesellschaftlicher Kritik vor Gericht. Welche Positionen vertrat der Künstler unerschrocken und an wen war seine Kritik gerichtet?

Ich denke, diese Frage habe ich schon mehrmals beantwortet. Was ich noch nicht erwähnt habe, ist, dass er sich auch mit den KommunistInnen anlegte, mit den Studierenden, mit den FeministInnen und dass er auch den Anti- faschisten Faschismus vorwarf.

Konnte Pasolini auch gesellschaftliche Veränderungen anstoßen?

Wenn man Politik wie jene von Gramsci versteht, die ich oben beschrieben habe, dann könnte er bestimmt Veränderungen bewirken.

Pasolini ging stets kompromisslos neue künstlerische Wege. Wie siehst Du die Möglichkeiten persönlichen Entwicklungsweges im Kunstberuf heute?

Ich denke, dass es sehr stark zur persönlichen Entwicklung beitragen kann, wenn man sich tiefgehend auf ein Thema einlassen kann und Zeit hat. Dafür braucht es aber eine Existenzabsicherung und Finanzierungen, die vielen Menschen verwehrt bleiben.

Gab es Beziehungen des Künstlers zu Wien, Österreich?

Das weiß ich nicht.

Was kann eine Künstlerin von Pasolinis Werk und Leben mitnehmen?

Eine unbändige Liebe zur Poesie der Wirklichkeit und zu FaulenzerInnen.

Gibt es etwas typisch Friulanisches, Römisches bei Pasolini?

Schon die ersten Gedichte Pasolinis, geschrieben in regional wechselnden Dialekten Friauls, fallen der faschistischen Zensur zum Opfer, weil es verboten war im Dialekt zu schreiben. 1942 publiziert er einen Gedichtband in friaulischer Sprache, der Sprache seiner Mutter, gewidmet seinem Vater, der als Faschist den Dialekt ablehnte.

Seine Romane, die er in Rom verfasst hat, sind im römischen Dialekt des so genannten Subproletariats geschrieben. Ich denke, Pasolini wollte der italienischen Literatur durch die Wiedergewinnung der regionalen Dialekte eine neue Ausdruckskraft verleihen. Es war auch ein Schreiben gegen den Faschismus denke ich.

Was bedeutet Dir Wien/Österreich und welche Erfahrungen hast Du hier im Kunstberuf gemacht?

Ich habe lange im Ausland gelebt und mich erst in den letzten Jahren kurz vor der Pandemie hier verwurzelt. In den letzten Jahren hatte ich oft Kollaborationen mit anderen KünsterInnen in Tokio und Ghana, machte dort Filme, die dann bei Österreichischen Festivals gezeigt wurden, nahm auch öfters mit Fotografien bei Ausstellungen- vor allem in Kärnten teil. Ich hatte aber auch in Wien nun mehrere Kollaborationen mit TänzerInnen, KünsterlInnen und PoetInnen. Durch meine Radiosendung FEMPOEM habe ich auch immer wieder schöne Gespräche mit Schriftstellerinnnen, AktivistInnen und Künstlerinnen. Ich wünsche mir jedoch, mich noch viel mehr in dieser Stadt zu vernetzten- da die Pandemie und die damit einhergehende Isolation das erschwerte.

Wie siehst Du die Möglichkeiten als junge Künstlerin in Wien/Österreich?

Diese muss ich selbst erst erkunden, da ich so lange im Ausland gelebt habe. Im Moment plane ich eine Fotografie Ausstellung in Villach/ Kärnten.

Was wünscht Du Dir für den Kunstberuf?

Existenzgrundlagen.

Was sind Deine kommenden Projekte?

Ich arbeite gerade an einem Essayfilm. Gleichzeitig entwickle ich gerade für meine Radiosendung FEMPOEM in Kollaboration mit einem Künstler aus Brooklyn zwei neue Episoden über „Storytelling“ als Werkzeug für potenzielle, gesellschaftliche Veränderungen. Mein größster Wunsch ist es, bald einen Gedichtband zu veröffentlichen.

Was möchtest Du Künstler*innen in ihrem Entwicklungsweg mitgeben?

Es gibt keine Poesie außer der realen Tat.

Was würdest Du P.P.Pasolini sagen, fragen wollen?

„Ich danke dir für Deinen rebellischen Geist und deine unbändige Zärtlichkeit.“ Meine Frage wäre: „Warum bist du dagegen, dass Frauen selbst über ihren Körper bestimmen dürfen?“

Wie hätte der Künstler seinen 100.Geburtstag gefeiert bzw. was hätte er sich dazu gewünscht?

Den Untergang des Kapitalismus und ein Rendezvous mit einem schönen, vor Lebensfreude glühenden, unbeschwerten Mann.

Gibt es Veranstaltungen, Projekte zum Geburtstagsjubiläum des Künstlers, die Du empfehlen möchtest?

Das kann ich leider nicht beantworten. Es gibt, denke ich, wieder einen neuen Film zu seinem Geburtstag.

Darf ich Dich abschließend zu einem Pasolini Achrostikon bitten?

P artisani

A ngeli

S offerenza

O stia

L ‘ultimo giorno

I nfinita

N ostalgia

I mmortale

Romina Achatz_Intermediale Künstlerin

Herzlichen Dank, liebe Romina, für Dein Interview! Viel Freude und Erfolg für alle Kunstprojekte!

100.Geburtstag  _ P.P.Pasolini, Regisseur, Dichter, Autor   (*5.3.1922 Bologna +ermordet 2.11.1975 Rom)

Romina Achatz_Intermediale Künstlerin

Interview_Walter Pobaschnig _Wien

Fotos_ P.P.Pasolini – Carlo Bavagnoli; Romina Achatz – privat; Buchcover.

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 3_2022

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