Liebe Xenia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Kommt auf den Tag an. Mein Kalender ist derzeit, im Vergleich zu der gähnenden Leere vor noch einem halben Jahr, wieder bunt gefüllt mit Terminen, was mich natürlich sehr freut! Einerseits bin ich seit heuer Teil des ilveroteatro Ensembles geworden und unsere Proben an Charles Dickens „Eine Weihnachtsgeschichte“ sind gerade in vollem Gange (Premiere ist am 24. November im Theater Center Forum, Regie: Veronika Buchecker).
Andererseits gebe ich die Rolle der „Klischee Schauspielerin“, die sich durch Nebenjobs in Gastro & Co. ihre Mäuse dazu verdient.
Das Jahr war, ich glaube für alle, eine wahre Achterbahn der Gefühle und es ist selbstverständlich noch Luft nach oben, aber gerade durch diesen extremen Kontrast von Jänner zu Jetzt bin ich eigentlich recht zufrieden wie es momentan läuft, auch wenn mir die aktuelle Lage wieder etwas Sorgen bereitet…
Xenia Hawle, Schauspielerin, Sängerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Demut vor dem Leben und unserem Planeten. Nichts für selbstverständlich nehmen. Und vor allem denk ich, wäre es wichtig, darauf zu achten, in dieser Zeit der Überdigitalisierung & Social Media, das Mensch-Sein nicht zu verlernen. Ich finde es ehrlich gesagt traurig oder gar erschreckend, in welche Richtung das teilweise zu gehen droht.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dem Theater / Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Mir hat es damals sehr das Herz gebrochen, als gesagt wurde : „Wir als Künstler – oder die Kunst an sich wäre nicht systemrelevant“. Und das mag zu einem gewissen Punkt vielleicht stimmen (ein Theaterstück ist keine Herz-OP schon klar) ABER – und damit wiederhole ich womöglich viele Künstler*innen mit folgenden Worten, so kitschig es auch klingen mag, wir waren, sind und werden immer „Seelenrelevant“ sein.
Kunst, egal ob in Form von Film, Sprech- oder Musiktheater, in Büchern oder Malerei, ist so vielseitig. Sie verschönert das Leben, kann unterhalten, aufklären, inspirieren, schockieren, heilen, lädt zum Träumen ein, schafft es eine Botschaft auf eine ganz bestimmte Weise zu vermitteln oder kann zu einem sozialen Weltphänomen werden. Sie kann die Gesellschaft prägen oder den Zeitgeist widerspiegeln und für die Ewigkeit festhalten. Gerade das Theater hat so viele Jahrhunderte überlebt, sich immer wieder verändert und weiterentwickelt. Es wäre eine Schande, wenn dieser magische Ort nicht in irgendeiner Weise in der Zukunft weiterbesteht. Und für mich als Schauspielerin gibt es nichts Schöneres, als ein kleiner Teil davon zu sein.
Was liest du derzeit?
„Frankenstein“, von Mary Shelley,
„Oliver Twist“ von Charles Dickens
„The String of Pearls“ von Thomas Preskett Prest
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?
“At times the world may seem an unfriendly and sinister place, but believe that there is much more good in it than bad. All you have to do is look hard enough. and what might seem to be a series of unfortunate events may in fact be the first steps of a journey.”
― Lemony Snicket
Xenia Hawle, Schauspielerin, Sängerin
Vielen Dank für das Interview liebe Xenia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Xenia Hawle, Schauspielerin, Sängerin
Fotos_Tom Weilguny.
14.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Michael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Eigentlich und glücklicherweise genau wie vor Covid.
Wir proben, bereiten uns auf die nächste Premiere vor, und abends dirigiere ich zur Zeit sehr oft Cats, da die Kollegen ganztägig an Miss Saigon arbeiten. Da steige ich als 4. aber später ein.
Michael Römer _Dirigent, Pianist Mitglied der Musikdirektion VBW Wien
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Durchhalten und den Glauben an die Kultur und ihre Kraft für Alle nicht verlieren.
Kultur IST systemrelevant, sie findet bloß auf emotionaler Ebene statt und ist deshalb für einige da ‚Oben‘ nicht (be-)greifbar.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Wir spüren es ja immer wieder in Konzerten und Vorstellungen…das Live Erlebnis kann man nicht mit einem Stream Konzert vergleichen.
Die Gefühlswelle Aller, die dabei sind, fährt direkt in die Seele und jeder kann es spüren wie gut es tut ‚dabei‘ zu sein und ein Teil dieser Kulturkraft zu sein.
Was liest Du derzeit?
Not Since Carrie: Forty Years of Broadway Musical Flops �by Ken Mandelbaum (kein Witz 😉
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Genieß` das Geschenk der Musik überall um dich herum. Sie ist der kleine Atem der Welt, der unsere Seele mit einen Hauch von Liebe auffüllt.
Vielen Dank für das Interview lieber Michael, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Michael Römer _Dirigent, Pianist Mitglied der Musikdirektion VBW Wien
Foto_privat.
10.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Herzlich Willkommen, liebe Carmen Pratzner, Tänzerin/Choreografin, hier im Biedermeier Hotel Wien an der Ungargasse dem Romanschauplatz „Malina“! Vielen Dank für Dein Kommen und die Teilnahme an diesem Projekt zum Romanjubiläum!
Herzlichen Dank für die Einladung!
Carmen Pratzner_Choreografin, Tänzerin, Tanzpädagogin – am Romanschauplatz_Malina _ Wien
Was bedeuten Dir Orte?
Orte sind für mich in meiner künstlerischen Arbeit als Tänzerin/Choreografin sehr wichtig. Es geht darum, dass Besondere eines Ortes, eines Raumes zu finden und auch der Frage nachzugehen, wie ich mich als Mensch an diesem Ort bewege.
Ich möchte auch immer etwas für und mit dem Ort als Kunstschauplatz machen.
Ich lasse mich gerne von Orten inspirieren, was dann in Bewegung, Ausdruck übergeht. Das kann sich auf die Geschichte, Ereignisse, Wahrnehmung beziehen – Farben können da etwa sehr inspirieren.
Wie kann man sich diesen künstlerischen Prozess der Arbeit mit und an einem Ort vorstellen? Das ist ja auch hier unmittelbar am Romanschauplatz im Schreibprozess so passiert.
Das kommt darauf an, ob es der Ort ist, von dem ich ausgehe, wie im Roman, oder ob der Ort eine Inspiration ist, die mich weiterführt.
In meiner Arbeit ist etwa die Isolierung, Verkleinerung von Räumen ein Thema. Was passiert, wenn Räume wegfallen, nicht mehr verfügbar sind? Was ja ein allgemein großes Thema ist.
Die Frage, was macht es mit Körper und Geist, wenn Räume fehlen, war in meinen Projekten da wesentlich.
Derzeit thematisiere ich den öffentlichen Raum, Platz. Mich interessiert da, wie Menschen zusammenkommen, sich bewegen in großen öffentlichen Räumen, die ja von uns gestaltet werden und denen wir Bedeutung geben. Reaktionen und Bedeutungsebenen sind dabei Fragen, die mich anleiten.
Bei Malina und Ingeborg Bachmann ist ja der unmittelbare Lebensraum zum Kunstschauplatz geworden. Ist dies auch in Deinen Projekten so?
Eigentlich nicht. Gezwungenermaßen in der Pandemie schon. Während des ersten Lockdowns habe ich mich beschäftigt mit dem Raum in meiner eigenen Wohnung, was wohl auch viele Kolleginnen*en gemacht haben, einfach aus der Not heraus, weil bestimmte Räume ja verboten und uns diese Räume wie Proberäume, Studios genommen wurden.
Aus diesen Gegebenheiten der Verbote bzw. Einschränkungen von Kunsträumen entstand ein Baukasten, Spiel – welches auch online zu sehen ist – wie man seinen Körper im Wohnraum platziert, erkundet, neu entdeckt und damit spielt, mit Alltagsbewegungen. Was mache ich in diesem Raum? Welche Bewegungsmuster gibt es von mir und wie erkenne ich diese und kann ich diese auch auf den Kopf stellen? Als Beispiel etwa die Frage, wie kann ich eine Schublade auf- und zumachen und funktioniert dies auch im Handstand? Es gab da viele kreative Ideen (lacht). Und da ist auch ein Video entstanden, das ich noch bearbeite.
Autobiografische Zugänge, wie es Ingeborg Bachmann im Roman setzt, wie ich es verstanden habe, hatte ich bisher nicht.
Es sind bei mir immer spezielle Orte in der Recherche aufgetaucht oder ich habe welche entdeckt, die mich interessiert haben. Ich wüsste aber jetzt nicht, was der künstlerische Ort mit größter privater Nähe gewesen wäre.
Im größeren Kontext ist der Begriff Heimat immer wieder ein Thema. Ich bin in Vorarlberg geboren und aufgewachsen und arbeite dort auch immer wieder und bin gut vernetzt vor Ort.
Ich fühle mich mittlerweile mehr als Wienerin obwohl ich ja nicht hier geboren bin aber vielleicht macht das ja gerade eine Wienerin aus (lacht).
Den Ortswechsel von Wien und Vorarlberg finde ich immer wieder künstlerisch spannend und inspirierend.
Das Zugezogensein als Wienerin verbindet Dich mit Ingeborg Bachmann. Zeitlebens hatte die Schriftstellerin auch eine gute Verbindung nach Kärnten, ihr Geburtsland. Wie wirkt sich die Verbindung zu Herkunftsorten auf Deine künstlerische Arbeit aus?
Gute Frage (lacht). Ich denke, für mich war es auch ganz wichtig, Heimat zu verlassen, um Neues zu sehen, Neues kennenzulernen, einfach als Mensch einen Austausch zu haben, anderes zu erleben, das fließt ja dann automatisch in meine künstlerische Arbeit ein. Wie ich damit umgehe, welche Menschen ich treffe, welche Orte ich sehe – das ist ja immer auch Teil des künstlerischen Prozesses wie es auch bei Ingeborg Bachmann und Malina der Fall ist.
Das Zurückkehren ist immer auch ein Bewusstwerden der eigenen Wurzeln. Da sind bestimmte Sachen, die sehr vertraut sind, die Stärke geben und andererseits, dass man selbst auch Impulse mitbringen kann oder zumindest hoffe ich das, dass es funktioniert (lacht). Dass man in die Heimat, das Zuhause neue Ideen, Inspiration mitbringt und Verbindungen, Synergien schafft.
Zuhause, dies ist im größeren Kontext Österreich. Wir haben heute den Nationalfeiertag. Geschichte spielt ja auch in Malina, persönlich wie gesellschaftlich, eine Rolle. Inwieweit sind dies auch Zugänge, Themen Deiner künstlerischen Arbeit?
Es ist mir wichtig, aber in meinen Arbeiten ging ich bis jetzt noch nicht geschichtlich weiter zurück. Aktuelle politische wie gesellschaftskritische Fragen der jüngeren Geschichte sind Themen, die ich aufgeworfen habe.
Kunsthistorisch brennt mir die Verbindung zur bildenden Kunst unter den Fingern und ich werde gerne das Körperverständnis im Wandel der Darstellung als Inspiration aufnehmen und damit arbeiten.
Auch die Geschichte, Geschichten, Erfahrungen, die sich in einen Körper einschreiben, finde ich sehr spannend.
Ich habe mich kürzlich mit meiner Ahnenfolge beschäftigt und da Verbindungen in Familie, Orten entdeckt, die mich auch zur Beschäftigung mit allgemeiner Geschichte anregten. Ich merke bei diesen historischen Themen, dass ich einen persönlichen Bezug dazu brauche.
Als die Einladung jetzt zum Malinaprojekt und Ingeborg Bachmann kam, erinnerte ich mich etwa an einen Liegestuhl mit einem Zitat von ihr, welcher im Sommer auf meinem Arbeitsweg zu sehen war – „Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler“. Das hat mich immer beeindruckt und ich dachte jedesmal im Vorübergehen „ja, leider, so ist es“.
Einschreibungen von Geschichte, Geschichten, persönlich und historisch, darum geht es auch im Roman Malina und den Weg inmitten dieses Umgebenseins, Eingeschriebenseins zu sich selbst. Wie siehst Du den Weg zu sich selbst im Roman und in der gesellschaftlichen Gegenwart?
Im Roman, den ich in Auszügen gelesen wie den Film gesehen habe, dachte ich mir, man spürt den Körper im Schreiben, in den Worten. Mich hat die Form dieser sprachlichen Fragmentarisierung, diese kurzen Sätze, das sich ja dann auch steigert, sehr beeindruckt und auch körperlich berührt. Es ist ein innerliches Beben zu spüren, ein Erschüttern, Zerbrechen, eine Nervosität aber auch eine Ruhe in diesem Ganzen darin.
Der Roman spielt sich ja auf sehr kleinem Raum in der Stadt ab, bis auf eine Reise zum Wolfgangsee. Der Schauplatz, das ist das Zimmer, die Wohnungen, der private Raum, da passiert aber so viel an Bewegung.
Es ist eine Suche nach sich selbst als Thema im Roman und ich glaube dies ist in der jüngeren Zeit noch aktueller geworden. Diese ständige Suche nach Glück, Sinn, nach sich selbst, nach Halt in einer sich immer schneller ändernden Welt, wir suchen Ruhe und Ordnung zu gewinnen, auch Pausen im Lebensalltag, die man sich gut setzen muss (lacht).
Für mich sind die Romanfiguren Teile einer Person, eines Menschen. Viele Aspekte, Eigenschaften in Einem, viele Seiten, die wir alle haben und die wir auch ordnen müssen. Ich finde diese Interpretation viel schöner.
Haben sich jetzt in den 50 Jahren seit Erscheinen Roman die vielen Aspekte einer Persönlichkeit im Widerstreit minimiert bzw. aufgelöst?
Überhaupt nicht. Es ist zwar in den strengen Geschlechterrollen viel in Bewegung, da mischt sich viel durch aber das Weiterdenken, auch gesellschaftlich, ist da ein Prozess.
Es gibt eine gesellschaftliche Kategorisierung, Definition, Ordnung und deren Polarität von Individualität und Gesellschaft. Darin bewegen wir uns und so sehe ich auch die Ich-Erzählerin im Roman.
Die Themen des Romans sind sehr zeitgemäß, immer noch, weil es um Menschen, den Menschen geht.
Alltagssituationen mögen sich ändern aber die Gefühlslage des Menschen ist ähnlich, vielleicht sogar mehr durcheinander, gerade auch in Ausnahmezeiten wie jetzt.
Der Roman ist sehr menschlich und deswegen sehr aktuell.
Du sprichst das sehr Menschliche im Roman an – ist da auch typisches Weibliches in gesellschaftlicher Rolle und Kritik dargestellt und wie siehst Du das Frausein heute?
Ja und Nein. Es wirkt sehr der damaligen Zeit voraus. Da ist diese starke, arbeitende, unabhängige Frau, die aus dieser Sicht emanzipiert wäre, sich dann aber in aller Leidenschaft verliert und wenn man es banal ausdrückt, diesem Mann nachrennt.
Ich frage mich oft ob es so schlimm ist, wenn wir sehr feminin konnotierte Dinge gut finden. Der Roman ist da der Zeit voraus, damals wie heute. Es geht um Weiblichkeit – selbstbewusst und kompromisslos. Auch das Verlieren in der Liebe ist eine weibliche Stärke. Das Leidenschaftlich-Sein-Dürfen, Frau-Sein-Dürfen, dass das nicht schwach ist sondern dass eine intensive Liebe, Lust, Vernarrtheit auch schön ist, Energie gibt, das stark sein kann, wenn man weiß was man will. Leider verliert sich im Roman der Charakter selbst darin.
Es ist ganz aktuell wie Ingeborg Bachmann mit Frauenthemen umgeht.
Wir sind noch nicht emanzipiert, noch immer nicht, da ist noch viel Arbeit zu tun.
Diese Rollen im Roman und die Fragen, die sie aufwerfen, finde ich sehr spannend und aktuell.
Wie kann es heute gelingen das Selbst in der Liebe zu behalten und feminin, maskulin konnotierte Persönlichkeitsseiten zu leben? Ist das heute leichter geworden?
Jede Zeit hat ihre Herausforderungen. Es wäre naiv zu sagen, dass dies damals als Frau nicht schwieriger war. Das glaube ich schon. Gesellschaftliche Errungenschaften der Frau haben aber auch Beziehungswirklichkeiten verändert. Dieses gesellschaftlich weniger Angewiesensein auf einen Mann verändert in jedem Fall die Dynamik in Beziehungen.
Ich weiß es nicht ob es für die Männer jetzt schwieriger ist, wenn sie gleichsam „strenger“ ausgewählt werden (lacht).
Menschen finden sich immer wieder. Die Gründe sind anders oder auch gleich.
Liebe hat es immer gegeben und wird es immer geben.
Ihre Rolle als unverheiratete Frau im Roman war in der damaligen Zeit schon besonders. Auch der Mann, Ivan, mit seinen zwei Kindern. Heute sind ja patchwork Familien normal.
Die Dynamik in einer Beziehung, egal wie sie sich definieren, ist individuell aber dann auch wieder für alle ähnlich, gleich, weil man sich selbst, miteinander darin finden muss.
Sich selbst behalten, im Austausch zu bleiben, sich zu stärken, ist wahrscheinlich ausgeglichener als damals. Das ist eine wichtige und schöne Sache.
Wie ist ein Gefühlschaos in der Liebe zu leben, zu ordnen?
Als Künstlerin liegt es auf der Hand, aber ich bin ganz ehrlich der Meinung, dass es ganz wichtig ist, sich kreativ auszudrücken und da Orientierung und Ordnung zu finden, zu verarbeiten in Musik, Schreiben, Tanz, in Bewegung, Spiel, Zeichnen, ganz egal wie die Ausdrucksmöglichkeiten sind. Das wird immer so hinten angereiht oder verkommt als Luxus, wird als nicht so wichtig abgetan. Ich bin der Meinung dies ist ein fataler Fehler. Wenn nötig, ist natürlich professionelle psychologische Hilfe wesentlich, was ich für ganz, ganz wichtig halte.
Menschen zersplittern sich auch innerlich immer mehr, weil sie diese Kultur des Ausdrückens nicht ausleben können, keinen Kanal für ein Bündeln finden.
Der kreative Weg ist einer der schönsten und hilfreichsten Sachen menschlichen Weges und Selbstverständnisses, Selbstvergewisserns in Geist und Körper. Da ist es wichtig unterstützend sein zu können.
Das intensive Schreiben des Charakters im Roman fand ich ein sehr wichtiges Bild. Diese massive Zahl an Zetteln, Briefe, die herumliegen und auch Symbolkraft haben. Das Zersplitterte wird sichtbar, bleibt liegen.
Ohne Kultur sind wir nur Wirbeltiere auf der Suche nach Nahrung und Fortpflanzung und das finde ich immer wieder sehr traurig.
Dass wir uns nicht mit unserer Kultur beschäftigen und den Sachen, die behandelt gehören, ist sehr traurig.
Welche Bezüge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann?
Unmittelbar in meiner Arbeit und auch im privaten Lesen bisher nicht viele. Aber ich finde es sehr wichtig, dass man sie kennt und um sie weiß, ihr Werk und Leben, dass es sie gegeben hat.
Frauen in der Literatur werden ja viel zu oft übersehen. Deswegen ist es schön und auch so wichtig, dass Ingeborg Bachmann so etabliert ist, dass man davon hört und auch dass es den jährlichen Literaturpreis gibt.
Was kannst Du zum Romanjubiläum von Malina als Frau und Künstlerin mitnehmen?
Ich glaube, ich nehme mir mit, dass die femininen Seiten, die teilweise fälschlich als schwach gesehen werden, in Stärke umgewandelt werden sollen und wir darauf stolz sein dürfen, dass wir Stärke in der Feminität finden und diese auch ausleben.
Dass man sich nicht emanzipiert, indem man die Masken einer Zeit annimmt.
Dass man Feminin-Sein nicht als Schwäche oder Minderwertigkeit ansieht, sondern ein Stolz-Sein entwickelt.
Dass Leidenschaft, Liebe da sein darf und wir darin auch Stärke finden.
Carmen Pratzner_Choreografin, Tänzerin, Tanzpädagogin – am Romanschauplatz_Malina _ Wien
Herzlichen Dank, liebe Carmen, für Deine Zeit in Wort und Bild hier am Romanschauplatz „Malina“! Viel Freude und Erfolg für alle künstlerischen Projekte!
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:
Carmen Pratzner_Choreografin, Tänzerin, Tanzpädagogin
Lieber Tobias, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Wieder weitgehend lustvoll angekommen im Theater-Betriebswahnsinn, grade im Zug zwischen München und Hamburg, ab Morgen dann wieder in München Endproben zur neuen Uraufführung von Thomas Köck. Dazwischen wie immer unendliche Sitzungen, analog und digital und immer der Kampf darum, auch noch irgendwann dazu zu kommen, worum es eigentlich geht: wichtige Texte, Künstler*innen und Autor*innen zu finden und produktive Bedingungen für deren Arbeit zu schaffen. Wenn das klappt, lohnen sich die 200 Sitzungen auf dem Weg dahin.
Tobias Schuster, Dramaturg
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass wir wieder in direkten Kontakt miteinander kommen, dass Begegnungs- und Diskursräume bestehen und genutzt werden. Dass wir es schaffen gesellschaftliche Konflikte offen und konstruktiv in der analogen Begegnung miteinander auszutragen und dabei wieder zu gesellschaftlicher Solidarität finden. Dass wir als Gesellschaft wieder lernen einander zu begegnen, buchstäblich und im konstruktiven Dialog miteinander.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Im Theater, scheint mir, werden wir auf etwas ganz Grundlegendes zurückgeworfen: die energetische Faszination von Körpern im selben Raum, ihnen auf einer Reise zu folgen, einer gedanklichen, einem Weg durch eine Geschichte oder ein körperliches sich Abarbeiten. Ich habe den Eindruck, dass es Sehnsucht nach Opulenz, Schönheit, vielleicht gemeinschaftlichem Trost gibt. Wir müssen es schaffen, gleichermaßen Reflektionsraum wie ästhetisch-sinnlicher Raum zu sein, bestenfalls ein Ort, der uns erinnert, dass wir auch anders leben könnten. Ich freue mich auf eine neue Bundesregierung in Deutschland und würde Wien, meinem sehr geliebtem temporär-Zuhause, ebenso einen progressiven Aufbruch wünschen. Ob es klappt?
Was liest Du derzeit?
In letzter Zeit haben mich begeistert: Édouard Louis, Die Freiheit einer Frau, Madame Nielsen, Das Monster, Ivna Zic, Die Nachkommende, Jakob Nolte, Kurzes Buch über Tobias und die Erzählungen von Jonas Eika – außerdem kämpfe ich mich grade, leider viel zu oft unterbrochen, durch „Die Fahnen“ von Miroslav Krleza und verliere ich mich immer wieder mit großer Freude in den 930 Seiten von Wolfram Lotz‘ „Heilige Schrift 1“.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Wir werden keine Helden sein. Wir werden keine Eroberer sein. Wir werden weder Fahnen haben noch ein Land. Wir werden vergessen. Wir werden vergeben. Wir werden die Schwachen und die Sanften sein!“ Virginie Despentes
Vielen Dank für das Interview lieber Tobias, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Tobias Schuster, Dramaturg
Tobias Schuster war von 2015-20 leitender Dramaturg am Schauspielhaus Wien und ist seit 2020 Teil des Künstlerischen Leitungsteams der Münchner Kammerspiele.
Liebe Andrea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf sieht nicht immer gleich aus aber es gibt einige Routinen, die mich regelmäßig begleiten. Dazu gehört gleich nach dem Aufstehen Sport, Frühstücken, Üben und/oder Büroarbeit. Dann geht es entweder zum Unterrichten, zum Proben oder zu anderen Terminen. Wichtig ist mir eine gute und realistische Struktur und Organisation (manche Kolleg:innen und Freund:innen bleibt da oft ein Schmunzeln nicht aus, wenn sie meine vielen To [1] Do-Listen sehen). Durch eine gute Struktur (es wird aber ohnehin meist wieder alles anders) versuche ich zu vermeiden, mir ständig zu viel vorzunehmen und es gelingt es mir besser, zufrieden den Tag abzuschließen.
Andrea Edlbauer_Musikerin, Pädagogin und Kreativschaffende
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Die Freunde am Tun – am idealsten in Arbeit und Freizeit. Ich versuche mich immer auf eine Sache zu konzentrieren und alles andere einstweilen auf „Parkposition“ zu stellen. Ich will voll und ganz bei einer Sache sein – und das in all meinen Lebensbereichen. Das gelingt mir natürlich nicht immer, aber ich versuche jeden Tag ein wenig bewusster zu werden. Die Antwort klingt jetzt etwas allgemein, ich weiß. Ein Beispiel wäre jeden Tag meine Tasse Kaffee zu genießen – und das tu ich tatsächlich. Also der Schlüssel für Zufriedenheit ist, wie so oft, die kleinen Dinge des Lebens wahrzunehmen – ein Lächeln, ein inspirierendes Gespräch, Dankbarkeit. Meine Oma sagt oft zu mir: „zufrieden soll man sein“, das ist einer meiner Leitsätze geworden.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Ich denke, dass wir immer vor einem Aufbruch stehen unabhängig davon, was sich gerade im Außen abspielt. Aber klar beeinflusst es mich und uns alle massiv, wenn beispielsweise gerade eine Pandemie herrscht.
Wesentlich ist, wie jeder Einzelne von uns mit Veränderungen umgeht – es geht um die mentale Einstellung. Ich kann ständig Angst haben, vor allem Möglichen oder aber auch darauf vertrauen, dass ich mit dem was kommt umgehen kann oder umgehen lerne. Und ich plädiere an die Eigenverantwortung von jedem Einzelnen. Wir können und sollten uns qualitativ hochwertige Informationsquellen suchen, uns mit gesellschaftsrelevanten Themen beschäftigen und nach bestem Wissen und Gewissen handeln und Entscheidungen treffen. Wer mehr weiß, dem kann weniger vorgemacht werden.
Freiheit heißt Verantwortung zu übernehmen für sich selbst und andere. Die Musik gibt mir persönlich sehr viel Kraft und hilft mir Dinge zu verarbeiten oder zu reflektieren. Das Spielen am Saxophon versetzt mich emotional in Gefühlswelten, die für mich mit Worten oft schwer beschreibbar sind.
Was liest Du derzeit?
Ich lese meist mehrere Bücher parallel. Auch darüber muss ich selbst oftschmunzeln. Aktuell sind das neben anderen:
Stefan Zweig: Die Welt von Gestern
Virginia Woolf: Ein Zimmer für sich allein
Martin Suter: Warum sind alle so ernst geworden
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Glücklich ist nicht, wer Anderen so vorkommt, sondern wer sich selbst dafür
hält. (Seneca)
Vielen Dank für das Interview liebe Andrea, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Andrea Edlbauer_Musikerin, Pädagogin und Kreativschaffende
Immer anders, was schön ist, aber auch anstrengend.
Für mein Medizinstudium sitze ich mal vor online-Vorlesungen, mal bin ich an der Klinik, mal arbeite ich an meiner Diplomarbeit. Darüber hinaus engagiere ich mich im Bereich Jugendsexualpädagogik und im Opferschutz gewaltbetroffener Frauen.
In den Lücken dazwischen schreibe ich, tanze oder stehe auf Poetry Slam Bühnen.
Tara Meister, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Zu einer Lebendigkeit zurückzufinden, denke ich. Berühren nicht zu verlernen, Begegnungen nicht zu scheuen und kulturellen Austausch zu suchen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich denke nicht, dass wir um jeden Preis zurückmüssen. Die Pandemie hat die Frage aufgeworfen, wie weit wir miteinander arbeiten wollen, bereit sind, uns zu solidarisieren und für gemeinsame Ziele zurückzustecken in Krisenzeiten. Ich denke, diese Frage sollte weiterverfolgt werden, gerade wenn es um das Thema Klimakrise geht. Kunst und Literatur müssen immer wieder Fragen stellen, wiederholen. Vieles ist falsch gelaufen. Wir müssen uns mit psychischer Gesundheit beschäftigen, das ist lange überfällig.
Vielleicht sollte auch im Bereich Literatur thematisiert werden, was Solidarität bedeutet, wie solidarisches Schreiben aussieht.
Was liest Du derzeit?
Sonetten von Ann Cotten. Die Texte sind frisch und spielerisch, das Richtige, wenn der Winter kommt.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Zu jeder Tageszeit etwas anderes wahrscheinlich. Gerade fällt mir das Gedicht von Ingeborg Bachmann ein, „Nach dieser Sintflut“.
Nach dieser Sintflut
Nach dieser Sintflut
möchte ich die Taube,
und nichts als die Taube,
noch einmal gerettet sehn.
Ich ginge ja unter in diesem Meer!
flög‘ sie nicht aus,
brächte sie nicht
in letzter Stunde das Blatt.
Tara Meister, Schriftstellerin
Vielen Dank für das Interview liebe Tara, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Tara Meister, Schriftstellerin
Fotos_1-3 Fedor Schlegel; 4 Andreas Brückner.
28.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Sofia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Momentan ist er sehr durchmischt. Also jeder Tag ist irgendwie anders. ‚100 songs‘ am Hamakom Theater hatte gerade erst Derniere, die Wiederaufnahmen am Theater Phönix sind jetzt auch schon wieder vorbei, nächste Woche spielen wir in Linz noch 4 Mal ‚schalldicht‘ und danach fahr ich dann fürs erste wahrscheinlich nicht mehr so oft von Wien nach Linz und wieder zurück. (Wobei, ich hab jetzt das Klimaticket, also warum eigentlich nicht auf einen Kaffee nach Linz? :D)
Sofia Falzberger, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Das Klimaticket! Gute Bücher, gute Gespräche, Liebe und Freund:innenschaft. Eh die gleichen Dinge wie immer.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Ui das ist schwierig. Ich weiß ja schon nicht mal genau was Kunst ist. Miteinander reden und einander zuhören ist auf alle Fälle nie schlecht.
Was liest Du derzeit?
Vor kurzem hab ich ‚Identitti‘ von Mithu Sanyal gelesen und davor ‚Über Menschen‘ von Juli Zeh und beide Bücher will ich allen Menschen ans Herz legen!
Jetzt les ich ‚All Souls` Rising“ von Madison Smartt Bell, da geht’s um die haitianische Revolution. Ich freu mich auch schon wieder drauf, wenn ein neues Buch von meiner Lieblingsautorin Chimamanda Ngozi Adichie raus kommt. Meine Mitbewohnerin leiht mir hoffentlich auch bald von bell hooks ‚Alles über Liebe‘.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Dein Weg ist dein Weg ist dein
weg.
Sofia Falzberger, Schauspielerin
Vielen Dank für das Interview liebe Sofia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Sofia Falzberger, Schauspielerin
Fotos_Marco Sommer
9.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Sarai, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
My Dailey routine starts with the sunshine, when I wake up, drink my coffee and start working. Work for me is writing, and writing is work. The white paper is a strong materiel, magic craft, which is always smarter than me. I write fiction, poems, essays and culture programs from dawn till dusk.
Sarai Shavit Schriftstellerin
Was istjetzt für uns alle besonders wichtig?
These days, in a time of crazy wars, injustece and climate crisis, we must keep ourselves human. It’s the least we can do. I formulated a short huminity guide for artists: 1. Read for an hour a day, everyday. 2. Feed your soul with consuming all kinds of art as much as you can. 3. Walked outside with no special reason. let your mind fade away. 4. Eat healty. 5. Be good to the ones you love. 6. And to all of the rest too. 7. We are all political creatures, whether we like it or not. Discuss the subjects that are important to you with others. Take part. 8. Enjoy life as much as you can. Unlike the common assumption – it’s good for your art!
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
The Israeli author Ronit Matalon used to say that books were her real parents, the ones that thaught her how to live. I lost both parents when I was a child and I feel the same. I can’t imagine myself survivng life without Austin, Foulkner, Dickens or Capoeita. For me, the essence of litrature is an emotional index for life, I think the goal of literature is to articulate and form the tools that help us live our life wisely.
Was liest Du derzeit?
In the last cuople of nights I have been reading Olga Tokraczuk Prowadz Swoj Plug Prezez Kosci Umarlych and following Hagai Levi’s new HBO miniseries: Scence from a Marriage – a novel by Ingmar Bergman that started the whole event. Brilliant books.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
I want to share with you the Motto that will open my next Novel Figure of Speech that will be published in spring 2022. The novel is a hidden letter written by a woman to her older lover, revealing the connection between falling in love to disillusionment, between passion and loss. I chose two parts from Roland Barthes, A Lover’s Discourse: Fragment – to open the text. there it is:
lettre / letter This figure refers to the special dialectic of the love letter, both blank (encoded) and expressive (charged with longing to signify desire).
absence / absence
Any episode of language which stages the absence of the loved object – whatever its course and its duration – and which tends to transform this absence into an ideal of abandonment.
Danach
Hühner krähten
im Hof von der blonden Gali
auf der Fensterbank ragten Miniaturflugzeuge auf.
Auch mein Vater arbeitete am Flughafen
und auf dem hauchdünnen Schmierpapier, das er aus dem Büro mitbrachte
zeichneten wir statt Himmel graue Linien für die Rollbahnen.
Danach aßen wir weißen Käse und Oliven.
Wir öffneten den Kasten mit dem Schachspiel
wir wetteiferten miteinander in Zügen Findungen
wir bestimmten die Regeln neu
wir streiften im Hof umher bis der Rocksaum hochrutschte
und schabten die Pitangasträucher um uns her. Wir rollten
die blaue Couch
rauf und runter
färbten sie rot
zählten wer
schneller Purzelbäume schlägt.
Mein Vater starb zuerst.
Danach ihr Vater.
Danach meine Mutter.
Danach ihre Mutter.
Bund
Im Sommer 86 schnitt uns Avschaloms Vater ein Schlupfloch in den Zaun,
wir liefen zwischen den Höfen hin und her.
Über uns brachen die Pekannussbäume
ich trat auf Blätter und das Geräusch
das sie machten.
Wir stiegen auf der gelben Leiter bis aufs Dach des Schuppens,
ein Fuß nach dem anderen, wir schwankten nicht.
Ich hatte keine Angst vor der Höhe, auch nicht vor dem Blut.
Ich hatte Angst Avschalom würde mit anderen Kindern weglaufen.
Ich fragte ob er mich liebt, und Avschalom sagte,
komm wir ritzen uns wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn.
Die Klinge des Taschenmessers blitzte in seinen Händen. Er schnitt sich in den Finger.
Biss sich auf die Lippen. Blut, sämiger, dunkler
als ich gedachte hatte, kroch
in dünnen Pfädchen bis zum Ellbogen.
Bäume rauschten. In den Augen kam Wind auf.
Ich wartete dass wir reingingen, seine Mutter uns einen Apfel schnitte und sein Vater
aus dem Auto stiege, die Aktentasche durch die Luft schwänge
und Avschalom und ich
für immer Brüder wären.
Jetzt du, sagte Avschlaom. Ich streckte die Hand aus. Die Messerspitze traf. Ich kreischte.
Er zog mich mit. Verletzte Hand griff nach verletzter Hand. Seine Finger rieben an meinen.
Oben segelten salzige Dächer eine matte himmelblaue Farbe ein Feldteppich Vögel Stromleitungen Bäume Wolken
wir stiegen die Leiter hinunter und rannten ohne innezuhalten
Avschalom nach Hause und ich
all dem Tod zu der mich erwartete.
Bis die Liebe den Körper verlässt
Vergiss die Bucht wo du den Körper auf dem Gras ausstrecktest
vergiss die Sonne welche die zarten Muttermale verwundete
vergiss dass er Nüsse für den Salat hackte
vergiss dass ein goldener Ton in seinen Augen glomm
vergiss wie er die richtige Temperatur suchte
vergiss die Blutzellen die innen in der Haut ausflippten
vergiss wie er eine Tasse nach der anderen vom Balkontisch räumte
vergiss die Tasse die unter deinem Schenkel zitterte
vergiss dass sich das N zum O-Vokal verdunkelte
als er zu dir sagte, mit dir
bin ich noch
lange noch
nicht fertig.
Vergiss das Fleisch das wisperte: gib dich hin, er hat eine Stimme
die rollt dir zu, ignoriert die ungebahnte Straße,
die Dornen, die spitzen, den Geruch von Hals, Kirschen,
salziges Vibrato, Baumharz,
goldener Schlag. Kette.
Dreh dich nicht um.
*
Translted by Gundula Shiffer.
Vielen Dank für das Interview liebe Sarai, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Sarai Shavit, Schriftstellerin
Sarai Shavit ist Dichterin, Schriftstellerin und Redakteurin für Verlage und Fernsehen. Von ihr erschienen bisher die zwei Romane Bruria Hafakot (Bruria Productions, Kinneret Zmora-Bitan Dvir, 2009) und Hakol saris (India Express, Achusat Bajit, 2012) sowie die Lyrikbände Uma jesch od (What Else Is There, Achusat Bajit, 2014) und Keʼev Merchakim (Distant Strains, Mosad Bialik, 2021). Ihr Werk wurde mit dem Preis Schira al haderech (Lyrik liegt auf dem Weg) der Stadtverwaltung Tel Aviv, dem Lyrikstipendium des Mifal Hapajis und dem Literaturstipendium des Goldberg-Fonds ausgezeichnet. Sie ist Absolventin des Studiengangs für Creative Writing und Film an der Universität Tel Aviv. In der Vergangenheit hat sie die Bücher-Rubrik von Ynet, das Online-Literaturmagazin Sifrutkale und das Ressort für übersetzte Prosa im Matar Verlag herausgegeben. Shavit kuratiert regionale und internationale Literaturfestivals und moderiert und konzipiert das literarische Fernsehprogramm Schovrim Schura (Versumbrüche).
Foto_privat.
28.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Jessica Lind, Schriftstellerin_ am Romanschauplatz _Malina_Wien
Herzlichen Willkommen, liebe Jessica Lind, Schriftstellerin, hier am Romanschauplatz „Malina“ in der Ungargasse in Wien!
Wie im Roman von Ingeborg Bachmann, der heuer sein 50jähriges Erscheinen feiert, spielt ein bestimmter Ort, eine umrissene Topographie, auch eine zentrale Rolle in Deinem neu erschienen Roman „Mama“. Welche Bedeutung kommt Orten in Deinem Schreiben zu?
Die Aura, die Orte ausstrahlen, ist ganz wichtig für das, was sich ihnen abspielt und abspielen kann. Sie bilden die Bühne für das, was geschieht. In meinem Roman „Mama“, der ja ausschließlich im Wald spielt, agiert dieser Wald als zusätzliche Figur, die auch ein Eigenleben besitzt.
Welchen Schreibort wählst Du? Hängt dieser mit dem thematischen Ort zusammen?
Ich wähle Orte, an denen es mir leicht fällt, meine Umgebung zu vergessen. Momentan ist das oft das Bett (lacht). Manchmal ist aber auch ein Grundrauschen ganz gut, dann gehe ich ins Kaffeehaus. Oder aber auch nach draußen, in der Natur, in Parks, das ist ganz unterschiedlich. Was gelingen muss und vor allem dann gut gelingt, wenn ich im Fluss der Geschichte bin, ist, Zugang zu diesem fiktiven Ort zu finden, an dem die Geschichte passiert.
Manchmal ist das schwierig, manchmal ist es einfacher. Manchmal bin ich Alice im Wunderland, die ihren Weg durch das Schlüsselloch finden muss. Aber Ziel ist es, alles um mich herum zu vergessen, wie mir das auch oft beim Lesen passiert, wo ich regelmäßig zu weit mit der U-Bahn fahre, weil ich ganz in der Geschichte drin bin.
Wie darf man sich diesen Wechsel, dieses Wechseln von Schreibort und Realität als Schriftstellerin vorstellen? Wie dreht sich der Schlüssel im Weg in und aus einer Geschichte?
Das Reinrutschen passiert unbewusst, das merke ich dann auch gar nicht. Sobald ich das merken würde, wäre ich wahrscheinlich wieder draußen. Schwerer ist es, die Emotionen nicht mit in den Alltag zu nehmen.
Da muss ich noch besser werden (lacht), es ist ja auch unfair, dann meinen Partner anzuschnauzen und grantig zu sein, weil mich eine Szene noch so sehr beschäftigt.
Spielen Träume in Deinem schriftstellerischen Arbeiten eine Rolle?
Ich liebe es zu träumen und meine Fähigkeit dazu. Ich unterhalte mich auch gerne über Träume und habe dabei erfahren, dass es nicht jeder Person gelingt, sich Träume gut zu merken.
Ich habe noch nie einen Traum 1:1 im Schreiben übernommen. Aber eine von meinen Techniken, wenn ich nicht weiter weiß beim Schreiben, ist – das hat früher besser funktioniert als ich noch kein Kind hatte (lacht) – mich hinzulegen, Augen zu schließen und, auch wenn ich nicht wirklich eingeschlafen bin, die Gedanken so wandern zu lassen, dass diese nicht mehr konkret kreisen, sondern eine Freiheit bekommen. Das hat schon oft dazu geführt, dass plötzlich ein neuer Funke da war, der mir geholfen hat, mich wieder an den Schreibtisch zu setzen und weiterzuarbeiten.
Das ist ja das Spannende beim Schreiben, dass viel Arbeit nicht am Schreibtisch passiert, sondern dazwischen – was man erlebt, sieht – wenn man nicht am Schreibtisch darüber brütet.
Dein Roman „Mama“ beginnt mit einer Fahrszene im Auto. Wie wichtig ist Bewegung, Ortsveränderung für Dich als Inspiration?
Am liebsten mag ich Zugfahrten, ganz klimabewusst (lacht). Dieses Sitzen und der Körper wird bewegt, das macht schon etwas mit den Gedanken. Die Gedanken schweifen. Generell ist Langeweile zuzulassen nicht das Schlechteste, wenn man schreiben will..
Der Romanschauplatz „Malina“ hier im dritten Bezirk ist sehr eng gezogen. Auch in Deinem Roman ist das so. Was sind die Bewegründe im Schreiben dazu?
Ich mag gerne klar definierte Grenzen, in denen ich mich bewegen kann und finde, dass aus Mangel oft eine große Fülle entsteht. Ich mag das Spielerische daran, das Experiment: das ist jetzt mein Raum, was kann darin passieren? Wie in einer Versuchsanordnung.
Es sind bedeutungsvolle Namen, die Deine Protagonisten*innen im Roman tragen, auch mit persönlichen Bezügen. Wie wichtig sind Dir Namen im Schreiben?
Zuerst einmal gar nicht. Oft ist es eher nervig, dass die ja alle irgendwie heißen müssen. Da verwende ich irgendwelche Namen, der mir in den Sinn kommen und sage mir, dass ich es später ändern werde. Dann gewöhne ich mich an die Namen und sie bleiben.
Aber bei „Mama“ war es anders. In der Kurzgeschichte auf der dieser Roman beruht, hieß das Paar noch Ada und Theo. Das hat meiner Lektorin aber nicht gefallen, sie meinte, die Namen seien zu bürgerlich. Bei Änderungen bin ich relativ schmerzfrei, ich wollte nur die biblische Referenz behalten und so habe ich die Namen auf Amira und Josef geändert. Was vor allem für Josef Sinn macht, weil schon der Name etwas über seine Herkunft erzählt. Er stammt ja aus einem bäuerlichen Milieu. Meine Lektorin war auch von diesen Namen nicht begeistert, sie sind trotzdem so geblieben.
Welche Referenzen der biblischen „Maria und Josef“ Geschichte hast Du bewusst aufgenommen bzw. reflektiert?
Ich arbeite gerne mit Versatzstücken aus Mythen, Märchen und auch aus biblischen Geschichten, weil man sofort Verbindungen dazu aufbauen kann. „Maria und Josef“ sind wie „Adam und Eva“ berühmte Elternfiguren.
Gibt es Parallelen Deiner Romanprotagonistin Amira in Fragen der Herausforderungen einer neuen Lebenssituation, dem Frausein darin, der Identitätsfindung, zur biblischen Maria?
Maria Muttergottes ist die berühmteste Mutter überhaupt. Ein Engel verkündet ihr die Empfängnis von Gottes Sohn und sie nimmt ihr Schicksal mutig, aber auch sehr duldsam an. Sie ist eine Auserwählte. Dieses Narrativ der Frau als aufopfernden Mutter und Gefäß setzt sich bis in unsere Gegenwart als Idealbild fort. Am Anfang des Romans glaubt Amira zu wissen, was eine gute Mutter ist. Als sich ihre Vorstellungen vom Mutterglück nicht einstellen, sie feststellen muss, dass sie es nicht schafft dem Idealbild zu entsprechen und nicht sofort die gewünschte Erfüllung findet, stürzt sie das in große Widersprüche. Alles zerbricht und Amira muss diesen Scherbenhaufen erst wieder zusammensetzen.
Was hat Dich zur Namensvariation von Maria zu Amira im Roman bewogen?
Anders als bei Josef erfahren wir kaum etwas über Amiras Vergangenheit und Herkunft. Ich wollte sie nicht so genau verortet haben. Amira ist ein Name, der in verschiedenen Kulturen funktioniert.
Spielte dabei auch die Thematisierung der Rollenbilder von Frau und Mann eine Rolle?
Rollenbilder sind ein bestimmendes Thema im Roman. So emanzipiert und unabhängig man leben kann, sobald man ein Kind bekommt, müssen unzählige Dinge neu verhandelt werden. Wer geht wann in Elternzeit? Wie ist Elternschaft mit Lohnarbeit vereinbar? Noch immer passiert es in vielen heteronormativen Beziehungen, dass man sobald ein Kind da ist, in tradierte Geschlechterrollen rutscht. Das passiert auch bei Amira und Josef.
Auch im Roman „Malina“ geht es um Beziehungsmodelle und Gedanken, Emotionen, Reflexionen dazu. Was hat sich in 50 Jahren von „Malina“ bis zu Deinem Roman „Mama“ in Beziehungsrealitäten verändert?
In einer klassischen Beziehung teilt man sein Leben, im besten Fall die Liebe, aber auch Aufgaben. Es geht also um Aufgabenverteilung. In den 50ern war das noch relativ klar strukturiert. Und wenn ich von tradierten Geschlechterrollen spreche, meine ich diese Aufteilung: Die Frau kümmert sich um die Familie, der Mann um das Geld. Alles was dem nicht entsprach, war außerhalb der Norm. Was Normen bieten, ist Orientierung und Sicherheit. Mit dem Aufbrechen von Geschlechterkonventionen lässt sich nicht mehr alles so leicht einordnen. Heute gibt es mehr Möglichkeiten sich zu entfalten und sein Leben so zu gestalten, wie man es möchte. Die Gesellschaft hinkt allerdings hinterher, weil die Strukturen oft noch auf die heteronormative Beziehung zugeschnitten sind. Wie unsere Welt organisiert ist, hat die Pandemie deutlich gezeigt. Viele Verordnungen zielten auf das Zusammenleben in Familien ab. Aber nicht alle organisieren ihr Leben in klassischen Familienstrukturen. Für sie war es teilweise unmöglich, ihre Beziehungen in gewohnter Weise aufrecht zu erhalten. Ich glaube, da muss noch viel neu gedacht werden.
Ist Beziehung auch ein wechselseitig stützendes, rettendes Element für Liebende?
Bestimmt! Menschen brauchen andere Menschen. Nähe, Zärtlichkeit. Liebe ist ein unglaublich starkes Gefühl und wie wunderbar ist es, dass wir alle dazu fähig sind? Aber es gibt eben ganz viele verschiedene Arten von Beziehungen.
Was macht Glück in einer Beziehung aus?
Wenn ich das wüsste, wäre ich ein sehr glücklicher Mensch, würde es aufschreiben und als Ratgeber verkaufen und wäre wahrscheinlich eine sehr reiche Frau (lacht).
Dann darf ich die Frage umgekehrt stellen. Was lässt einen eine Beziehung beenden?
Da fragst Du die Falsche, ich bin mit meinem Partner seit sechzehn Jahren zusammen (lacht). Ich bin tatsächlich mit meinem ersten Freund zusammen und habe nie eine Beziehung beendet.
Welche Ähnlichkeiten, Unterschiede gibt es im literarischen Vergleich von Amira und der namenlosen weiblichen Ich Protagonistin in „Malina“?
Es ist jetzt schon lange her, dass ich den Roman Malina gelesen habe.
Was ich an Ingeborg Bachmann ganz stark bewundere ist, dass sie eine Liebende ist, die auch ganz offen Ihre Verletzlichkeit zeigt und sichtbar macht. Ich finde auch, dass dies keine Schwäche sondern eine Stärke ist.
Ich glaube, dass grundsätzliche Veränderungen in unserer Gesellschaft notwendig wären, um traditionelle Narrative zu überschreiben. Dass es eben nicht schwach ist, wenn man sich verletzlich zeigt, Gefühle zeigt, weint, sondern dass dies eine sehr große Stärke ist, weil es die Möglichkeit gibt, anzuknüpfen und sich emotional zu verbinden. Ingeborg Bachmann ist mutig vorangegangen, sich verletzlich zu zeigen.
Die Ich Protagonistin in Malina spricht auch von einer Vision für die Liebe, Mensch, Gesellschaft – „Ein Tag wird kommen“. Siehst Du dieses visionäre positive Element auch bei Amira?
Am Ende meines Romans ist es ein Freimachen von Konventionen, die sehr hart auf unser aller Schultern liegen, weil wir alle in uns eingeschrieben haben, wie gewisse Dinge zu sein haben, wie wir selbst zu sein haben. Die Gesellschaft ist ja immer eine Stimme im Kopf, zumindest in meinem (lacht).
Ich sehe es als eine große Chance im Erzählen, andere Bilder in unsere Köpfe zu bekommen. Ganz viel von dem, wie wir die Welt wahrnehmen, wie wir glauben, dass Dinge zu sein haben, kommt aus Geschichten, aus Filmen, aus der Pop-Kultur. Von diesen Bildern sind wir stark geprägt. Ich bin sehr froh, dass es immer mehr zum Diskurs wird, dass es neben den gängigen Bildern auch noch andere gibt. Und dass gerade diese Geschichten gesucht, gesehen und auch gelesen werden, weil sie frisch sind. Da sehe ich die große Chance für uns Künstler*innen, etwas zu verändern, weil es eben nicht egal ist, sondern jede/jeder einen Beitrag dazu leistet wie Bilder in unserer Gesellschaft, in unseren Köpfen aussehen.
In Deinem Roman geht Amira am Ende weiter, weg von etwas. In welche Zukunft geht sie für Dich?
Ich möchte dies offenlassen. Ich mag uneindeutige Enden von Geschichten sehr gerne, weil sie die Möglichkeit geben, dass Leser*innen zu Miterzähler*innen werden.
Nichts freut mich mehr, wenn mein Roman nicht mit dem Schluss endet sondern in den Köpfen noch weitererzählt, weitergesponnen wird.
Der Roman „Malina“ endet mit dem Verschwinden der Protagonistin. Ist dies für Dich ein Ende, ein Auflösen oder ein Durchgangsstadium und weitergehen?
Ich habe Malina mit Anfang Zwanzig gelesen und war sehr beeindruckt vom Roman und hatte damals das Gefühl, dass Ich-Erzählerin und Protagonist Malina sehr eng verknüpft sind und in meiner Lesart ist es fast so als wären die beiden eine Person. Auch aufgrund der vielen Gespräche, die ja fast wie Selbstgespräche sind.
Für mich ist das Auflösen, Verschwinden der Ich-Erzählerin am Ende ein zu Malina-Werden.
Ist es in Deinem Schreiben so, dass Du Dich in einer Protagonistin, einem Protagonisten reflektierst, gleichsam im Spiegelbild?
Sehr unbewusst würde ich sagen. Es ist ganz viel von mir in jeder Figur, auch in jedem Schauplatz, dies lässt sich wohl auch nicht anders machen. Aber es ist ein unbewusstes Vermischen von mehreren Positionen.
Der eine Pinselstrich im Schreiben ist vielleicht aus meiner eigenen Biographie und der andere von jemand anders, oder Fiktion. Das ist auch das Schöne, dass man da unentschieden sein darf, sich zerbrösln darf zwischen verschiedenen Figuren und jeder etwas geben kann. Etwa Sachen, die man sich für sich selbst wünschen würde oder die man an anderen schrecklich findet (lacht). Es ist ein sich Vermischen mit der Welt.
Welche „Farbtöpfe“ sind für Dich Inspiration, beziehungsweise schreibtechnisch bedeutsam?
Für diesen Roman waren das Märchen. Auch Kindheitserinnerungen, das Spielen im Wald, hinter jedem Baum ein Monster sehen, sich fürchten und gleichzeitig auch sich so geborgen zu fühlen, dass man zu spät nachhause kommt (lacht). Das waren so Dinge, die ich beim Schreiben des Romans abgerufen habe. Ansonsten ist es eine Mischung, aus dem was ich erlebe, was ich sehe, was mich berührt, welche Empfindungen ich habe, wenn ich durch die Welt, das Leben gehe.
Und dann gibt es noch popkulturelle Einflüsse in meinem Schreiben – Filme, Musik, Malerei, Fotografie. Kunst lässt einen ja oft sekundär erinnern, an das eigene primäre Erleben. Oft wird mir durch Kunst erst klar, wie es mir eigentlich geht. Inspiration ist dann eine Mischung aus primären und sekundären Erfahrungen.
Dein Schreiben kennzeichnet eine starke, mitreißende Bilderwelt in direkter Ansprache, die auch sehr schnell Bilder im Kopf beim Lesen erzeugt. Ist diese gleichsam filmartige Darstellung von (unheimlichen) Bildern im Kopf wesentliche Methode in Deinem Schreiben?
Ich versuche mich in eine Situation zu versetzen und vor allem Äußeres zu beschreiben. Davor zu sehr ins Innerliche zu gehen, habe ich oft eine gewisse Scheu, dadruch entsteht dieser „filmische“ Stil.
Inwieweit spielen Träume und das Unbewusste eine Rolle in Deinem Schreiben eine Rolle?
Das Unbewusste und das Manifestieren von unbewussten Ängsten spielen in meinem Roman eine große Rolle, ohne dass bei der Figur dabei auf biographische Ereignisse Rücksicht genommen wird. Alles was in meinem Roman passiert, steht auch drinnen und ist vor allem in der Gegenwart, im Moment verankert.
Ich glaube bei Malina ist das anders. Das Unbewusste ist da ein großer Schlüssel der Ich-Erzählerin für ihre Vergangenheit und wie sie geworden ist, wie sie Dinge erlebt, wie sie sich in ihren Beziehungen verhält. Das finde ich auch sehr spannend. Ich liebe psychologische Erzählungen, die sich damit beschäftigen, wer man ist und wie man zu dieser Person geworden ist.
Sind die Ängste Deiner Romanprotagonistin gänzlich ohne Bezug zur gewordenen Biographie?
Es sind tieferliegende unbewusste Ängste bei ihr, aber sie lässt diese zu einer Auseinandersetzung nicht wirklich zu. Sie kehrt diese eher unter den Teppich, bis es darunter so voll ist, dass es herausquillt und in Erscheinung tritt und sie nicht mehr loslässt.
Dein Roman spielt im Wald. Gibt es da konkrete ortsgebende Bezüge?
Es gibt da keinen konkreten Ort. Es sind verschiedene Wälder, die diesen mystischen Wald kreiert haben. Für den Buchtrailer war ich in Hohenberg, das ist in der Nähe von Lilienfeld/Niederösterreich, dort habe ich gefilmt. Diese Art von Wald kommt dem im Roman vermutlich sehr nahe. Anderseits gibt es etwa eine Lichtung im Roman, die einen Bezug zu dem Ort hat, in dem ich aufgewachsen bin. Das ist in der Nähe von St.Pölten. Es sind also verschiedene Wälder zu einem Wald erzählerisch montiert.
Welche Beziehung gibt es von Dir persönlich zum Wald? Ist dies ein Ort, um dem Du einen Bogen machst, weil dieser unheimlich ist oder ist dieser anziehend aufgrund seiner umgebenden Natur?
Der Wald ist beides. Man kann sich sehr geborgen fühlen im Wald, aufgehoben, nahe der Natur. Das hektische Leben zurücklassen und die Gedanken schweifen lassen. Anderseits bin ich auch eine, die gerne nach dem Unheimlichen sucht und die Schatten anschaut. Ich grusle mich gerne (lacht) und manchmal suche ich das auch.
Man hört im Wald etwa ein Geräusch und fragt sich, was war das? Ein Tier, ein Mensch, wer, was ist da noch im Wald?
Schon als Kind haben mich auch die Geschichten im Wald interessiert. Etwa ein Marterl, das an den Tod eines Jägers durch einen Eber erinnerte. Das waren so Sachen, auf die ich angesprungen bin (lacht).
Gab es da bestimmte Tageszeiten für die Waldspaziergänge?
Ich bin mit drei Schwestern in einem Dorf aufgewachsen, das von Wäldern umgeben war. Eine unserer Mutproben war, in der Dämmerung von der Wiese auf den Wald zuzugehen und einen Tannenzapfen mitzubringen. Da hat es mich schon richtig gegruselt (lacht). Die Mutprobe war aber auch Spiel und hat auch Spaß gemacht. Dieses Testen eigener Grenzen, das Überwinden und das darüber Hinweggehen.
War dieses Waldspiel auch Dein „Drehbuch“?
Ich glaube, das war die Idee meiner großen Schwester. Sie legte sich etwa auch beim Rodeln in den Schnee und rührte sich nicht mehr. Wir haben sie dann geschüttelt und gerüttelt und schließlich gekitzelt, bis sie sich wieder bewegte und sie war dann furchtbar wütend, dass wir dies taten und sagte „stellt`s euch vor, mir wäre wirklich etwas passiert und ihr kitzelt mich“ (lacht). Das Aufwachsen mit meinen Schwestern, meiner Familie hat mich sehr beeinflusst. Das sind Erfahrungen für das ganze Leben.
Liegt die Lust am Unheimlichen und der Mut sich dieser zu stellen in der Familie?
Ich komme aus einer Familie, die große Lust am Fabulieren hat, auch Lust am Drama. Wir Schwestern lieben und hassen uns (lacht). Das ist etwas, woraus ich schöpfe.
In Deinem Roman spielen Ängste eine große Rolle, die Höhenangst nicht. Hast Du Höhenangst?
Ja, ich habe Höhenangst. Als Kind hatte ich da einen Unfall. Ich habe das aber gut im Griff.
Darf ich Dich jetzt trotzdem noch zu einem Fotoshooting auf das Dach des Hauses einladen?
Ja, das ist kein Problem. Seiltanzen würde ich jetzt nicht (lacht), aber auf das Dach komme ich gerne mit.
Jessica Lind, Schriftstellerin_ am Romanschauplatz _Malina_Wien
Herzlichen Dank, liebe Jessica, für Deine Zeit in Wort und Bild hier am Romanschauplatz „Malina“! Viel Freude und Erfolg für alle literarischen, künstlerischen Projekte!
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:
Liebe Stefanie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf ist immer sehr unterschiedlich, was, denke ich, zum Beruf gehört. Ich genieße diese Abwechslung sehr. Das Regelmäßige ist bei mir gerade, dass ich abends und am Wochenende im Theater probe, da ich mit meinem Theaterkollektiv DAS SCHAUWERK im November endlich Premiere haben werde. Das Stück mussten wir wegen Corona schon mehrmals verschieben. Den Rest der Woche arbeite ich an unterschiedlichen Projekten und ich versuche mir auch immer mindestens einen Wochentag zum Entspannen freizuschaufeln, was gar nicht so einfach ist.
Stefanie Altenhofer, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Mut, Courage, ins Handeln kommen. Aber auch Mitgefühl und Verständnis. Wichtig ist, dass wir Verantwortung übernehmen, unserem Planeten, unseren Mitmenschen und der Zukunft gegenüber. Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir weiterhin miteinander leben wollen und danach agieren.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Wesentlich für den angesprochenen Aufbruch und Neubeginn ist es, dass wir ihn als solchen erkennen und nicht aus Angst vor dem Unbekannten wieder in alte Strukturen zurückfallen. Wir haben aus der Corona-Krise gelernt, dass es durchaus möglich und denkbar ist, aufgrund eines höheren Guts wie Gesundheit, etwa wirtschaftliche Ziele hintanzustellen und dafür auch weitreichende Maßnahmen zu ergreifen. Herausforderungen wie die Klimakrise benötigen ebensolche Schritte und es ist essenziell, dass jetzt nicht wieder wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund gespielt werden und der Handlungsdruck nicht als solcher erkannt wird.
Theater, Schauspiel und Kunst haben das Potential Reflexionsraum zu sein, ein Ort, wo Kreativität und Inspiration fließen und sprießen können, wo Utopien und Dystopien gebaut werden und zum Weiterüberlegen anregen, wo Spiegel vorgehalten und große sowie kleine Fragen immer wieder aufs Tableau gebracht werden.
Was liest Du derzeit?
„Ändert sich nichts, ändert sich alles“ von Katharina Rogenhofer und Florian Schlederer
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Ändert sich nichts, ändert sich alles.“
Vielen Dank für das Interview liebe Stefanie, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!