Liebe Vanessa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mit Schulbeginn in Wien im September muss ich familientechnisch wieder früher aufstehen und eine gewisse Regelmäßigkeit kehrte wieder ein. Im August habe ich zwar intensiv gearbeitet, aber meistens mit „freier Zeiteinteilung“. Das liegt daran, dass ich zur Zeit viel schreibe und Produktionen vorbereite.
Jeder Tag sieht da etwas anders aus. Meistens fang ich bald nach dem Aufstehen an, alles das abzuarbeiten- oder auch „abzuleben“- falls man so eine Wortschöpfung brauchen kann- was eben gerade ansteht: sei es im Kreativen, im Organisatorischen, im Haushalt oder in Belangen der Familie. Gegessen wird in einem solchen Tagesablauf meistens locker und irgendwann – auch Treffen mit Freunden oder Bewegung und Ausflüge finden meist eher kurzfristig geplant statt. Wenn ich allerdings für meine- „Theaterminiaturen“ oder andere Auftritte probe oder die Aufführung vorbereite, stehe ich früh auf und bin dann den ganzen Tag auf Achse;
Ich bin eigentlich ein gut organisierter Mensch und plane auch gerne, aber in dieser letzten Zeit war der Tagesablauf sehr viel offener und flexibler als gewöhnlich, was ich genieße. Fast täglich stand aber eines auf dem Programm: mich hier irgendwo im 22. Bezirk, wo ich wohne, zwischendurch in eines der vielen Naturgewässer zu hauen!
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Hm, mit der Frage tu ich mir a bisserl schwer, denn es wird doch wirklich für jede/n etwas anderes besonders wichtig sein und wie ist „uns“ hier definiert? Die Lebenssituationen sind so unterschiedlich…
Möglichst umfassend beantwortet, würde ich sagen, die Welt braucht Empathie und das ist wirklich für alle und auch für alles wichtig.
Empathie äußerst sich ja in vielen Formen, eine davon ist echtes Zuhören; die Bereitschaft, Inhalte einmal in aller Ruhe zu erfassen und das Gegenüber und das Gesagte auch in seinem Kontext wahrzunehmen; Wir leben in einer derart hysterisch reaktiven Zeit, es kommt mir wie ein gedankliches Hecheln vor.
Ich lese oder höre oft Reaktionen auf Äußerungen eines anderen Menschen, die beinahe gar nichts mit dessen ursprünglicher Aussage zu tun haben. Man schreit dann nur mehr seine eigenen Projektionen heraus. Das vergiftet das gesellschaftliche Klima schon sehr. Ein Bemühen, den anderen wirklich zu erfassen- also dieses empathische Zuhören- halte ich für sehr wichtig; sonst sind wir überhaupt nicht mehr in der Lage zu einem klaren gesellschaftlichen Diskurs und zu klarsichtiger Differenzierungsfähigkeit. Und DAS ist dann tatsächlich eine Gefährdung in einer Demokratie. (wobei ich nicht der Ansicht bin, dass man sich- gerade jetzt- auf jede noch so absurde Diskussion einlassen sollte. Freundlich schweigen?)
Empathie äußert sich auch in Wohlwollen; ein altmodisches Wort, aber gut zu gebrauchen. Ich würde es mir vor allem für Politiker und Führungskräfte wünschen und es als zu Grunde liegende Motivation ihres Handelns ansehen. (ich halluziniere nicht, bin immer noch bei der Beantwortung der Frage)
Empathie ist natürlich vor allem die Fähigkeit, sich in die Situation eines/r Anderen hineinzuversetzen und die nächste Stufe ist dann Mitgefühl. Wenn wir die Verrohungstendenzen auf politischer und gesellschaftlicher und medialer Ebene nicht bald in den Griff kriegen, können wir uns meiner Meinung nach von unseren vielgeliebten europäischen Werten verabschieden. Denn dann gibt es dieses Europa nicht mehr. Also Empathie als wichtiger Kulturerhalt, würde ich sagen.
Auch hier, im Kleinen, auf unseren Strassen. Soll ja vorkommen, daß z.B. ein Mensch stolpert, ein Kind sich verlaufen hat…wenn dann alle Umstehenden oder -gehenden sich überhaupt nicht betroffen fühlen und keine/r seinem natürlichen Instinkt zu helfen folgt – dann frage ich mich schon. Echt jetzt?
Also ein sehr wesentlicher Ausdruck von Empathie ist auch die einfache, ganz simple Freundlichkeit. Ein schönes Wort übrigens.
Freundlichkeit als Trend, das wär doch mal was..
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Das ist ein optimistischer Ansatz und ich hoffe, es stimmt; dass die Gesellschaft einen Neubeginn erkennt und der einzelne Mensch einen Aufbruch. (und nicht einfach „nur“ eine Rückkehr zur alten Normalität)
Wesentlich wird dabei eine Art von Evaluierung sein, nehme ich an, eine persönliche und gesellschaftliche Reflexion. Welche Werte und Gegebenheiten gehören unbedingt wiederhergestellt und bewahrt, weil sie unsere Gesellschaft ausmachen, aber welche Errungenschaften und positiven Impulse gab und gibt es auch in dieser Zeit? Was können wir uns an Erkenntnis und Entwicklungspotential mitnehmen?
Theater und Kunst sind immer Nahrungsmittel der Seele und Spiegel der Gesellschaft. Gerade jetzt erfüllen sie diese Funktionen umso mehr. Die Menschen haben ein Bedürfnis nach der unmittelbaren Erfahrung des Theaters an sich; das allein nährt schon. Natürlich kann und wird Kunst das kollektive Erleben verarbeiten, künstlerisch umsetzen und formal darauf reagieren. Sei es durch neu entstehende Projekte und Spielformen oder durch die Erkenntnis archetypischer menschlicher Erfahrung in klassischen Werken.
Mich interessieren Theater und Kunst mit einer Vision. Das bedeutet weder das Aussparen von Tragik noch von Komik, noch von Wahrheit- aber ich möchte die Menschen mit einem Gefühl von Inspiration aus einem Stück kommen sehen, mit einer Aussicht, einem Funken, einer Möglichkeit, die sie für sich selbst empfinden. Aus dem Theater zu kriechen mit dem Gefühl- es ist eh alles sinnlos- what for? Ich glaube an das menschliche Bedürfnis, einander zu stärken. Theater und Kunst können das ohne Kitsch und auf vielen Ebenen bringen.
Was liest Du derzeit?
Mehreres gleichzeitig (mir fällt da natürlich ein, daß meine Eltern immer gesagt haben, dass man das nicht tun soll- „schlecht für die Aufmerksamkeit“. Angesichts der Info-Häppchen, die man sich heutzutage über social media reinzieht, eine fast rührende Erziehungsmaßnahme)
Den siebenten Band aus der Krimireihe „Flavia de Luce“ von Alan Bradley, ein Geschenk meiner Schwester.
Etwas eingerostet schmökere ich durch einen informativen französischen Ausstellungkatalog über Eileen Gray und Le Corbusier- aus beruflichen Gründen, aber auch aus privatem Interesse.
Eva Sternheim-Peters „Habe ich denn allein gejubelt?“ Eine Jugend im Nationalsozialismus. Ein Buch, das einen länger begleitet.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Vielen Dank für das Interview liebe Vanessa, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Roberta, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Kaffee, Chanten, Spaziergang mit den Hunden, ein wenig Yoga, wieder Kaffee, dann kann die Arbeit beginnen: E-Mails erledigen, schreiben und planen, meistens am Computer – bis die Zeit reif ist, mit dem Geschaffenen auf die Bühne zu gehen. Und wenn abends kein Theater ist, gemütlich mit meinem Mann essen, bei einem Glas Wein und einem guten Film oder auch einer Fernsehserie. Man lernt immer noch etwas dazu.
Roberta Cortese 2020 _ Schauspielerin, Theatermacherin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Uns nicht zu verlieren und Dialog eine Chance zu geben. Hinhören, zuhören, immer versuchen, anderen mit Respekt und Mitgefühl gegenüberzustehen, auch wenn man anderer Meinung ist, damit keiner auf der Strecke bleibt. Und lernen, Einheit in der Vielfalt zu finden, Vielfalt als bereichernder Wert zu schätzen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Für mich sind Theater und Kunst immer schon ein kräftiges Mittel gewesen, vor allem soziale Dynamiken kritisch anzugehen, auch wenn man scheinbar von etwas anderem erzählt. Man soll verkrustete Denkweisen in eine neue Perspektive setzen, dann kann man sie mit neuen Augen betrachten.
Sex, Lügen und Odysseus_Szenenfoto _ Roberta Cortese in szenischer Lesung als Nausikaa, eine Sirene und Polyphem.
Was liest Du derzeit?
Auf meinem Nachtkästchen steht Homers Odyssee – die ich zum hundertsten Mal lese, aber diesmal in der englischen Übersetzung von Emily Wilson, ein Meisterwerk der Lyrik an sich. Gleichzeitig lese ich aber viele anderen Texten für meine aktuelle Recherche über Autorinnen, die eben die Odyssee neu erzählen: darunter viel Lyrik, aber auch Romane und Essay. Und ganz oben auf meiner Liste steht zurzeit natürlich Sex, Lügen und Odysseus der Britin Judith Kazantzis, ein poetic drama, das ich am 18.10. und 7.11. in der TheaterArche als szenische Lesung mit Musik präsentiere (Infos darüber hier).
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
In diesem Sinne, der allerletzte Satz aus dem Monolog die letzte odyssee von Miroslava Svolikova, den ich gerade das Glück habe, in der TheaterArche Produktion Odyssee 2021 zu sprechen: „der weg ist nie zu ende“. Also Ärmel hoch.
Vielen Dank für das Interview liebe Roberta, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Roberta Cortese – Schauspielerin und Theatermacherin
Liebe Carmen, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf ist immer anders, da ich ja freiberuflich tätig bin, die meiste Zeit zumindest. Er ist ständig im Wandel, hat aber auch klare Strukturen, was die Tanzvermittlung betrifft.
Carmen Maria Pratzner_ Tänzerin, Choreografin, Tanzpädagogin, Kunsthistorikerin BA,BA
Den ganzen Sommer über sah er ganz anders aus als er in zwei Wochen sein wird. Ich steh auf, restauriere mich im Bad, frühstücke und gehe trainieren/proben bzw. hatte Vorstellungen, dann Abendessen und schlafen gehen. Da bleibt oft auch nicht viel Zeit bzw. Kapazitäten für andere Dinge. Das sind aber sich immer ändernde zeitlich begrenzte Situationen.
Jetzt im Herbst beginne ich mit der Ausbildung zur Physiotherapeutin an der FH St.Pölten. Das wird spannend und ein ganz neuer Tagesablauf – ein sehr geregelter Ablauf – tagsüber studieren, abends unterrichten, WE proben – dazwischen leben.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Obwohl ich nicht für andere sprechen kann, fände ich es enorm wichtig, dass die Menschen sich annähern, austauschen und einander aufmerksamer zuhören. Sich aufs Gemeinsame konzentrieren und nicht aufs Trennende – Andersartige. Jede Person ist anders aber wir sind alle Menschen. Das betrifft sehr viele Bereiche unserer Gesellschaft. Die Freiheit, die wir uns hart erkämpft haben, sollten wir uns nicht selbst wieder kaputtmachen.
Ich verstehe mich als Weltenbürgerin und lebe in einer Gesellschaft, einer Gemeinschaft. Mir ist wichtig, dass dieses Zusammenleben funktioniert, weshalb ich meinen Teil dazu beitrage. Das ist nicht immer sehr einfach, aber die Vorteile überwiegen. Leider habe ich das Gefühl, dass gerade sehr viel zerbricht und Politik und Gesellschaft nur dabei zusehen. Die Gier und der Egoismus nehmen überhand, es spaltet sich immer mehr auf, anstatt dass wir zusammenkommen. Oft fehlen auch in der Kommunikation klare Grenzen; persönliche Freiheiten hören da auf, wo ich damit einem anderen Lebewesen/Mitmenschen Schaden zufüge.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Kunst an sich zu?
Machen wir das nicht immer? Ist es nicht ein ständiger Aufbruch in etwas Neues? So ist das Leben. Ein bisschen mehr Ruhe und Genuss, Wertschätzung und Wohlwollen, Bewusstsein für unsere Umwelt und weniger Arbeit würde ich uns wünschen.
Außerdem mehr Wertschätzung für Kunst und Kultur. Wir sind keine Branche mit der man sich dekorieren kann, und gleichzeitig alles daran setzt sie mehr und mehr kaputt zu sparen. Wir Kulturschaffende leisten sehr viel harte Arbeit, die die Gesellschaft bereichert und was wären wir ohne Kultur?
Kunst hat eine wichtige, reflektierende und auch kritisierende Rolle in der Gesellschaft. Sie bietet andere Blickweisen, inspiriert und berührt uns, philosophiert, politisiert, tritt in Dialog, provoziert und vieles mehr
Tanz ist ein Teil „der Kunst“. In Österreich, aber vor allem in Wien braucht er aber definitiv mehr Sichtbarkeit, mehr Unterstützung, mehr Raum. Früher eigens geschaffene Häuser haben sich von ihrer Kernaufgabe leider weit entfernt. Es gibt soviele wunderbare Tänzer:innen in der Stadt, im Land, welche aber vor große Herausforderungen gestellt werden. Es besteht meiner Meinung nach ein eklatanter Mangel an Spielorten, Trainingsmöglichkeiten, und vor allem an geeigneten Proberäumen. Tanz wird nicht Ernst genommen. Meines Wissens gibt es derzeit keinen einzigen Ort, keine einzige Bühne in ganz Österreich, die einzig dem Tanz gewidmet ist.
Das sehe ich als ein Problem. Tänzer:innen brauchen Platz und geeignete Infrastrukturen. Ich bin immer wieder beeindruckt, was viele Kolleg:innen auf sich nehmen, um weiterhin Tanz zu schaffen und Tanz präsentieren zu können.
Ich denke Tanz leidet auch darunter, oft als feminin und dekorativ empfunden zu werden. Tanz muss sich immer noch emanzipieren und dafür kämpfen als eigene Kunstform ernstgenommen zu werden. Im Gegensatz zur Musik oder anderen darstellenden und bildenden Kunstformen wurde Tanz auch noch lange nicht ausreichend wissenschaftlich/kulturhistorisch aufgearbeitet.
Was liest Du derzeit?
eine Empfehlung von einem Kollegen: „the conspiracy against the human race“ von Thomas Ligotti. Das erste non-fiction Werk vom Autor, der eigentlich im übernatürlichen Horror-Genre schreibt.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Einen kleinen Ausschnitt aus einem Text von Kae Tempest, der im letzten Projekt, bei welchem ich engagiert war, vorkam und mich gerade jetzt sehr berührt hat:
„But, when time pulls lives apart
Hold your own
When everything is fluid, nothing can be known with any certainty
Hold your own
Hold it till you feel it there“
Carmen Maria Pratzner_ Tänzerin, Choreografin, Tanzpädagogin, Kunsthistorikerin BA,BA
Vielen Dank für das Interview liebe Carmen, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Tanz-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Carmen Maria Pratzner_ Tänzerin, Choreografin, Tanzpädagogin, Kunsthistorikerin BA,BA
Lisa Schmid_Kabarettistin, Schauspielerin, Sängerin _ David Poglin, Musiker _ am Friedhof St.Marx_Wien
Liebe Lisa, wann hast Du zuletzt an den Tod gedacht?
Heute. Einerseits wegen dem Interview hier am Sankt Marxer Friedhof, andererseits, weil ich vorher mit David Poglin, meinem Musikkollegen am Zentralfriedhof war. Wir haben ein paar organisatorische Sachen für mein Kabarettprogramm „Ehrengrab“ erledigt. Ich spiele nämlich das Programm am 22.10. in der Aufbahrungshalle. Außerdem werden wir auch Musik machen.
Warum hast Du den Wiener Biedermeier Friedhof St.Marx, der jetzt eine Parkanlage ist, für das Interview gewählt?
Ich mag diesen Friedhof, weil er so verwachsen und geheimnisvoll ist. Auch wegen der wunderbaren Natur, zum Beispiel die Fliederblüte im Frühling, das ist echt besonders. Ich bin sehr gerne hier.
Der Tod ist Thema Deines Kabarettsoloprogrammes und auch Deiner Musik. Verändert dies auch Deine persönliche Sicht von Leben und Tod?
Meine Oma hat immer gesagt, dass der Mensch während dem Leben das Sterben lernen sollte. Jede Auseinandersetzung mit dem Tod, egal ob künstlerisch oder im Gespräch, ist eine Vorbereitung auf den Tod – und somit ein „Sterben – lernen“.
Wien wird als eine Stadt bezeichnet, in welcher Tod und Ritual, Begräbnis, einen bestimmenden Raum in Gesellschaft, Kunst und Kultur einnimmt. Wie nimmst Du dies wahr?
Wien ist halt eine morbide Stadt. Am Wiener Zentralfriedhof sind mehr Menschen begraben als in dieser Stadt leben. Wir lassen hier die Toten nicht los. Der Tod schwingt in dieser Stadt immer mit – und ist – vor allem in der Wiener Musik Thema. Er wird verehrt und gefürchtet zugleich. Meine Oma hat dem Tod gerne augenzwinkernd entgegengelacht. Dieser humoristische Zugang begleitet mich bis heute. Bis zur Bühne (lacht).
Dein Solo Kabarettprogramm trägt den Titel „Ehrengrab“ und nimmt damit die Wiener Begräbniskultur thematisch auf. Wie kam es zu diesem Programm und fließen dabei auch persönliche Gedanken zu Tod und Begräbnis ein?
Als Wiener Künstlerin*er ist ja ein Ehrengrab vielleicht auch so ein persönliches Ziel (lacht). Nicht für alle, Georg Danzer wollte das ja nicht. Ich kann mir das aber schon gut vorstellen (lacht).
Mein Kabarettprogramm „Ehrengrab“ hatte 2019 als 90min Programm Premiere. Coronabedingt gab es dann eine Pause und jetzt eine 60min Version mit anschließender Musik.
Ich mache mir oft Gedanken über meinen Tod und mein Begräbnis. Ich halte das auch für wichtig. Man sollte vorab einen Plan haben – und den habe ich auch.
Wie ist Dein persönlicher Plan für das Begräbnis?
Ich möchte meine Familie damit überraschen (lacht). Sie dürfen dann eine Dose öffnen und da steht dann drinnen wie ich mir alles vorstelle. Deshalb brauche ich auch ein Ehrengrab – sonst lässt sich das vielleicht eher nicht finanzieren (lacht).
Wie kam es zu Deinem Kabarett-Programm „Ehrengrab“?
Meine Mama war in meiner Kindheit sehr krank und der Tod war immer Thema in unserer Familie. Meine Oma hat mir dann die Angst davor genommen. Sie ist zum Beispiel mit mir auf Begräbnisse gegangen. Oft auch auf fremde. Das war schon schräg – aber ich bekam früh eine Wahrnehmung – einen Zugang – der bei aller Intensität der Trauer immer vom Humor meiner Oma geprägt war. Ich finde ja sowieso, man kann Kindern den Tod, direkt und ungeschönt, erklären. Und eigentlich war meine Oma dann auch der Grundstein für mein Kabarettprogramm.
Ich finde ja Kabarett darf mehr als zum Lachen zu bringen. Verstören, schockieren, zum Weinen und zum Nachdenken bringen.
Bei „Ehrengrab“ kann man all das – wenn man sich darauf einlässt.
Gibt es bestimmte Impulse, die Du Deinem Publikum mitgeben willst?
Da muss man sich hinsetzen in die Vorstellung, dann bekommt man diese (lacht).
Wie darf man sich Deinen Spaziergang mit der Oma auf den Friedhof in Kindheitstagen vorstellen? Gab es da etwa bestimmte Rituale davor, danach?
Meine Oma ist jetzt 89 Jahre alt und wir spazieren auch heute noch am Friedhof, natürlich etwas langsamer – aber nicht immer wegen meiner Oma (lacht). Bei Spaziergängen in der Kindheit haben wir oft über Grabinschriften gelacht. Wenn wir fremde Beerdigungen „gecrasht“ haben wir aber schon wirklich Anteil genommen.
Wird Deine Oma bei der Vorstellung am Zentralfriedhof dabei sein ?
Meine Oma ist bei fast jeder Vorstellung dabei. Ich werde am 22.10. aus einem Sarg, der von der Bestattung Wien hereingetragen wird, heraussteigen. Meine Oma sagte dazu, dass sie sich darauf freut, weil sie ja bei meiner „echten Beerdigung“ einmal eher nicht dabei sein kann (lacht).
Das Publikum freut sich auch immer, wenn meine Oma vor Ort ist, da sie ja im Programm sehr präsent ist. Nach der Vorstellung ist meine Oma oft der Mittelpunkt, was mich manchmal eifersüchtig macht (lacht).
Für den Flyer zu „Ehrengrab“ liegst Du in einem Sarg. Wie kam es dazu und wie war dieser so direkte Zugang zum Tod für Dich?
Die Sarglogistik der Bestattung Wien hat mir für das Foto einen Sarg zur Verfügung gestellt. Und den durfte ich mir dann auch aussuchen. Ich habe ihn wirklich so gewählt, wie ich ihn in der Zukunft gerne hätte. Weiß, mit grüner Einbettung und goldenen Beschlägen (lacht). Es war nicht schlimm für das Foto kurz im Sarg zu liegen. Ich werde ja sowieso, wenn es soweit ist, nur kurz im Sarg liegen – ich plane ja dass ich einmal in Flammen aufgehe.
Ein Erdbegräbnis wie hier am Friedhof St.Marx möchtest Du nicht?
Es soll bei meinem Begräbnis eine Aufbahrung in einem offenen Sarg geben. Und es soll auch gerne geweint werden. Bei mir muss eigentlich jeder weinen, das verdiene ich mir schon (lacht). Anschließend will ich verbrannt werden. Die Urne soll dann im Stillen beigesetzt werden.
Warum wünscht Du Dir ein Feuerbegräbnis? Ist dies in Verbindung zum Bewusstsein von Kunst und Verzehren, Verschwinden zu sehen?
Flammen und Feuer haben in jedem Fall mit Leidenschaft zu tun. Im Leben – sowie in der Kunst – deshalb will ich es auch so beenden. Der Gedanke in Flammen aufzugehen, ist für mich schöner, als gefangen im Sarg unter der Erde zu sein, bis man langsam verwest. Das dauert ja eine Zeit, da ist das Verschwinden im Moment für mich wünschenswerter.
In welchem Friedhof möchtest Du bestattet werden?
Am Wiener Zentralfriedhof, für mich der schönste Platz der Welt. Wohnen würde ich in Simmering nicht unbedingt so gerne – aber begraben sein dort ist voll ok (lacht).
Wie siehst Du die Beziehung von Tod und Erotik, die auch hier am Biedermeier Friedhof in den Grabskulpturen zu sehen ist?
Ich denke die Skulpturen der halbnackten, jungen Frauen sind einfach Ausdruck von Sehnsucht und Begehren. Das passt ja sehr gut zum Tod.
Wie ist Dein Programm „Ehrengrab“ inhaltlich aufgebaut?
Es beginnt mit einer Trauerrede. Meiner eigenen. Und den Rest sollte man sich selbst ansehen (lacht).
Der Tod ist ja weitestgehend ein gesellschaftliches Tabuthema. Braucht es da einen offeneren Umgang?
Ja, auf jeden Fall. Das Thema Tod sollte offen betrachtet und besprochen werden, es betrifft uns ja alle. Niemand kommt hier lebend raus. Mit „Ehrengrab“ gebe ich dem Publikum einen Vorschlag für einen Zugang – den kann man wählen oder nicht.
Wie kam es zu Eurer musikalischen Zusammenarbeit und zum musikalischen Element im Programm?
Lisa: Vor eineinhalb Jahren wollte ich Gitarre spielen lernen und habe dann David kennengelernt. Kurz darauf wurde er mein Lehrer.
David: Ich habe am Konservatorium Wien Gitarre studiert und dort auch immer selbst nebenbei Privatunterricht gegeben. Lisa hat sich dann bei mir mit einer Anfrage zum Unterricht gemeldet. Bald ergab sich daraus dann auch unsere musikalische Zusammenarbeit.
Lisa: Ich wollte immer schon irgendwas mit Musik machen – habe mich aber nicht so recht getraut. David motivierte mich im Unterricht dazu Melodien und Worte zu finden. Ich war dann Anfang 2020 in Venedig. Dort spazierte ich durch die Erinnerung an meinen Großvater, zu dem ich eine sehr innige Beziehung hatte und mit dem ich oft in Venedig war. Und plötzlich war der Text zu unserem 1. Lied „Venedig“ da. Zurück in Wien gab ich den Text David – und er komponierte dann um diese Worte herum – und dann war „Venedig“ geboren.
Danach dachte ich dann, ich kann nie mehr ein Lied schreiben. Und das denke ich mir jedesmal. Jetzt sind es aber schon zehn Lieder (lacht). Einfach alle so passiert.
Nach dem vierten Lied schickten wir ein Demoband an ein Plattenlabel und haben dann einen Vertrag bekommen. Seitdem haben wir zwei Singles veröffentlicht und das erste Album ist für März 2022 geplant. Ich hoffe, das geht sich alles aus (lacht).
Die Musik ist halt passiert, weil sie sowieso immer schon da war, nur halt versteckt (lacht).
Unsere Zusammenarbeit ist für mich eine Fügung. David ist ein begnadeter Musiker.
David: Für mich als Musiker ist es wichtig in unserem Projekt, den Text in den Mittelpunkt zu stellen und dass die Musik diesen gleichsam trägt. Es geht darum musikalisch simpel zu sein, aber nicht zu simpel. Das war die große Herausforderung. Ich komme musikalisch aus dem Jazz und Blues. Da geht es musikalisch schon anders zur Sache als beim Wienerlied. Das war für mich ein ganz neuer Ansatz in diesem Projekt. Simpel aber doch catchy (lacht).
Die gute Zusammenarbeit von Euch ist jetzt im Fotoshooting und Interview spürbar. Wie war denn der Beginn der Zusammenarbeit als Schülerin und Lehrer im Gitarreunterricht?
David: Es war von Beginn an eine sehr angenehme Zusammenarbeit. Lisa war immer sehr neugierig und interessiert Neues zu lernen, aber gleichzeitig sehr ungeduldig (beide lachen). Lisa möchte immer gleich alles und sofort in kürzester Zeit. Aber es braucht Zeit.
Lisa: Dafür ist der David halt sehr geduldig. So ergänzt sich das. Wobei er schon manchmal an mir verzweifelt (lacht).
Wie verläuft euer gemeinsamer Prozess der Liederarbeitung?
Lisa: Oft ist es so, dass bei mir Textelemente da sind, eine Zeile – manchmal mehr. Manchmal aber auch eine Melodie oder ein paar Akkorde. Oder David komponiert ein Lied – und das ist dann einfach da. Das war zum Beispiel bei „Seitengossn“ so. Zunächst fiel mir dazu kein Text ein, ich begann ein Liebeslied zu schreiben, dann ein Lied über das Cafè Jenseits – aber es passte einfach nicht. Es fühlte sich einfach falsch an. Und dann kam der Terroranschlag 2020 und in dieser Nacht schrieb ich innerhalb von zwei Stunden den Text zu Davids Komposition. Es ist so als hätten die Akkorde darauf gewartet. Plötzlich fühlte es sich richtig an.
Es ist sehr unterschiedlich, aber meist braucht es einen Anstoß, ein unmittelbares Erleben, dass ich schreiben kann.
Welche Themen greift Ihr in eurer Musik auf?
Lisa: Der Tod spielt eigentlich in jedem Lied eine Rolle. Aber auch die Sehnsucht. Vielleicht auch die Sehnsucht nach dem Tod. Nach dem eigenen.
David: Es ist auch die Sehnsucht sehr bei sich zu sein. Und die Sehnsucht nach der Unfreundlichkeit (beide lachen).
Lisa: Ja in unserem Lied „Wien gegen die Welt“ geht es um die Wiener Unfreundlichkeit. Ich wünsche mir ja, dass die Wiener wieder unfreundlicher werden. Es hat sich so ein freundlicher Ton eingeschlichen, das ist ganz komisch für unsere Stadt. Diese freundlichen Menschen plötzlich überall, das halte ich gar nicht aus. Vor allem auch im siebten Bezirk, wo David wohnt.
David: Schimpf` nicht über den Siebten (lacht).
Lisa: Ja der 7. Bezirk kann eh nix dafür. Das ist halt der Neoliberalismus. In der guten alten Sozialdemokratie hätte es sowas nicht gegeben (lacht).
In Eurem Lied „Venedig“ geht es um Liebe und deren Bewusstsein vom Ende schon im Lieben selbst. Ist das Ende immer ein Teil der Liebe?
David: Es muss immer irgendwann ein Ende in der Liebe geben. Entweder ist es der Tod oder ein Zerwürfnis. Irgendwo ist immer das Ende, das stimmt schon.
Lisa: Schön ist, wenn der Tod die Liebe beendet. Alles andere ist immer sehr traurig.Wenn der Tod die Liebe beendet, ist es etwas Schönes.
Ist Wien eine Stadt der Liebe?
Lisa: „Aber in Wien heilt die Liebe an jeden Schmerz“, heißt es in „Seitengossn“.Es ist schon eine Stadt der Liebe. Zumindest bei dem Lied bin ich der Meinung (lacht).
David: Auf eine eigene Art und Weise ist Wien eine Stadt der Liebe. Nicht auf die klassische Art.
Lisa: Ja, auf eine sehr eigene Art.
Welche persönlichen Zugänge hast Du, lieber David, zum Tod als Thema der Musik.
David: Ich bin vom Tod eigentlich ziemlich unberührt was persönliche Erfahrungen betrifft. Bis auf den Tod der Cousine meiner Mutter, der sehr tragisch war. Allerdings hatte ich da nicht so ein nahes Verhältnis. Daher war es nicht so krass. Aber traurig schon, speziell weil ich meine Cousinen weinen gesehen habe.
Welche Beziehung hast Du, lieber David, zum eigenen Tod, zur Endlichkeit des Lebens?
David: Ich hatte als Kind extreme Angst vor dem Sterben und ich habe viel darüber nachgedacht – wie es ist, wenn ich alt bin und sterbe. Es ist schon bizarr, dass man als Kind diese Gedanken hat und als Erwachsener dann nicht mehr. Bei mir ist das zumindest so.
Lisa sagt ja immer, der Tod ist das „happy end“ und so sehe ich es auch. Wenn das Leben zu Ende geht und der Tod eintritt, ist es wie bei einem Marathonlauf. Du hast dein Leben absolviert, fertig, gratuliere.
David Poglin am Grab W.A.Mozarts
Liebe Lisa, wie versteht Du dieses „happy end“ des Todes?
Lisa: Das Leben ist halt ein Warten aufs Sterben. Man kann sich diese Warterei schön gestalten, das Beste aus der Warterei rausholen. Das ist wie, wenn ich auf den Bus warte. Ich kann mich über dieses Warten aufregen und aus dieser Zeit nichts machen oder ich kann ein schönes Buch lesen, während ich warte.
Während ich auf den Tod warte, kann ich das Leben gestalten, schön gestalten. Je nachdem was ich als schön empfinde. Für mich ist es schön, das machen zu dürfen, was ich gerne mache, für dass ich brenne. Solange ich das machen kann, ist es kein unnötiges Warten.
David: Wir sitzen ja hier beim Mozart Grab. Ich finde, es geht um den Fingerabdruck den man in der Welt hinterlässt. Es gibt einen Anfang und ein Ende. Und dann gibt es noch unser eigenes Vermächtnis. Das ist für mich persönlich der Sinn des Lebens. Dass man etwas macht/schafft, es nach dem Ableben etwas gibt, worüber Menschen reden können.
(Das Mozart Grab wird gerade von einer Besucher*innengruppe aufgesucht und fotografiert)
So ist es. Es geht um den Fingerabdruck und viele hundert Jahre danach kommen Leute her und feiern. Das ist cool und das würde ich mir auch wünschen.
Tod ist ja auch mit Angst behaftet. Hilft da das gemeinsame künstlerische Arbeiten an diesem Thema?
Lisa: Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber es ist schön sich gemeinsam musikalisch mit diesem Thema auseinander zu setzen. Allein wäre es vermutlich langweilig.
Vor dem eigenen Tod habe ich keine Angst.
David: Ich habe auch keine Angst vor dem eigenen Tod.
Wir sitzen zum Interview jetzt bei der Grabgedenkstelle Mozarts (Wolfgang Amadeus Mozart wurde 1791 hier am Friedhof St.Marx in einem Schachtgrab beigesetzt). Gibt es von Dir, liebe Lisa, musikalische, persönliche Bezüge zu Mozart?
Eigentlich nicht. Als Kind war ich einmal als Nannerl (Maria Anna Mozart_ältere Schwester von Wolfgang Amadeus Mozart) verkleidet.
Ein Friedhof wie hier stellt ja auch die Frage was passiert nach dem Tod? Welche persönlichen Hoffnungen gibt es da? Wie seht Ihr das?
Lisa: Ich glaube, dass der Zeitpunkt deines Todes bei deiner Geburt bestimmt ist. Dem kannst du nicht entkommen. Wege können variieren, aber der Zeitpunkt bleibt bestimmt. Und ich glaube, danach ist es aus. Das wars dann. Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod.
David zu Lisa: Das ist aber schon sehr unökologisch.
Lisa zu David: Warum?
David: Du lebst und dann ist es vorbei. Das ist wie, wenn ich ein Plastiksackerl vom Billa mitnehme und dann weghau‘.
Lisa: Ja.
David: Traurig.
Lisa: Wir werden es dann alle erfahren. Der Tod ist die Lösung. Man stirbt und dann erfährt man alles – das große Geheimnis.
David: Stell` Dir vor, jeder Mensch ist ein Plastiksackerl. Und Millionen von Jahre werden Plastiksackerl permanent weghaut. Das ist eine große Verschwendung. Ich glaub` nicht, dass es so ist.
Lisa: Ich glaub` schon.
David: Schau` (zeigt auf die Wiese).
Beide lachen.
(Ein Hamster ist in der Wiese zu sehen)
Eine Grabinschrift hier auf dem Friedhof lautet – „Sie ist jetzt in einem besseren Leben“. Wie seht Ihr das Verhältnis von Leben und Tod, Diesseits und Jenseits?
Lisa: Das ist sehr romantisch, aber ich glaube nicht daran.Ich glaube nicht, dass es nach dem Tod weitergeht, dass man an die Himmelstür klopft oder in die Hölle kommt oder dass es eine Wiedergeburt gibt. Es ist einfach aus. Der Zeitpunkt des Todes – das ist für mich Schicksal. Davor hast du deine Chance zu leben und es wäre gut diese eine zu nützen (lacht).
David: Ich glaube, dass Dein Bewusstsein in einer anderen Person weiterleben kann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich, dass ein Ich, in Millionen von Jahren nur ein einziges Mal existiert. Das geht sich nicht aus in meinem Kopf.
In welchen emotionalen Momenten entstehen Eure Lieder bevorzugt und welche Emotionen greift Ihr thematisch auf? Wie lange braucht der Entstehungsprozess?
Beide: Das ist total unterschiedlich.
David: Unser Lied „Venedig“ ist dunkel und traurig, „Wien gegen die Welt“ hingegen ist lustig. Das Lied „Seitengossn“ ist motivierend, treibt an.
David: Manchmal sind es Monate, manchmal Stunden, Minuten, in denen ein Lied entsteht.
Die Komposition, der Text sind unabhängig von der unmittelbaren emotionalen Situation und nicht an diese gebunden.
Lisa: Das Lied „Namenlos“ zum Beispiel. Darin geht es um ein Gespräch am Friedhof der Namenlosen. Die Thematik ist traurig, aber ich war nicht traurig als ich es geschrieben habe. Es war für mich eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod, ein Nachdenken. Auch über das Tabuthema Selbstmord. Ich denke, jeder hat/hatte schon solche Gedanken, wenn sich eine Ausweglosigkeit stark aufbaut. Im Lied geht es um den Moment des Zurückholens, des Wieder-ins-Leben-finden.
David: Der Kompositionsprozess von „Namenlos“ war sehr schnell, wir haben unsere Ideen, Vorstellungen ausgetauscht und am nächsten Tag war es fertig.
Lisa: Manchmal dauert der Prozess halt länger. Ich muss den Text wirklich so meinen, sonst kann/darf das nicht ein Lied werden. Sobald ich ein Wort dabei nicht wirklich meine, nicht fühle, dann geht das nicht.
Ich hoffe einfach, dass wir noch viele Ideen haben und ich das weitermachen darf. Persönlich glaube ich immer, dass es nach jedem Lied aus ist und ich freue mich immer sehr, wenn es weitergeht (lacht).
Ist die Fertigstellung eines Liedes mit dem Tod vergleichbar?
Lisa: Ja – ich habe nach jedem fertigen Lied Angst vor dem Tod der Kreativität.Was, wenn diese mit dem vollendeten Lied auch stirbt? Ich hoffe immer, dass es musikalisch weitergeht. Das ist nicht fix, dass es so ist. Es kann jederzeit vorbei sein, mit diesem Bewusstsein arbeite ich auch. Das ist wohl auch der Grund für meine Ungeduld, dass alles schnell gehen muss. Ich will künstlerisch etwas erschaffen. Man muss weitertun, sonst stirbt es.
Gibt es bestimmte Jahreszeiten, die Ihr beim Komponieren, Schreiben bevorzugt?
David: Sommer ist ganz schlimm. Das ist eine Stehzeit.Ich mag den Sommer nicht. Da passiert gar nichts.
Lisa: Es wäre jetzt schön, wenn man wie Nino aus Wien die Antwort geben könnte „Ich kann immer ein Lied schreiben“.Aber das ist nicht so. Im Sommer ist man so beschäftigt zu leben und das Leben zu genießen.
David: Ja, der Sommer ist da zum Genießen, Erleben, Aufsaugen. Und der Winter da zum Raushauen.
Lisa: Es gibt musikalisch drei Jahreszeiten wo man arbeiten kann und eine halt nicht.Wir sind da eigentlich wie Lehrer (lacht).
David: Heuer war der Sommer aber sehr intensiv was Konzerte betraf. Da gab es oft spontane Einladungsanrufe „Hey, wir haben da noch einen Konzertslot frei in ein paar Tagen, könnt ihr den füllen?“. Da gab es sehr viel mit meiner Band zu tun und es war sehr cool.
Aber der Sommer ist trotzdem Stehzeit, wenn man ein produktiver und kreativer Mensch ist.
Der Friedhof ist für Euch auch ein musikalischer Inspirationsort. Gibt es Rituale, wenn Ihr einen Friedhof wieder verlässt?
Lisa: Rituale nicht, aber hoffentlich, nehmen wir ein Lied mit (lacht).
David: Eigentlich kommen wir immer zu einem Friedhof, wenn wir schreiben wollen. Wenn uns nichts einfällt, kommen wir hierher. Und nehmen etwas mit.
Lisa: Ja genau, einfach kurz herkommen, inspirieren lassen und dann gehen wir wieder (lacht).
David: Ich finde ein Friedhof ist ein sehr inspirierender Ort.
Lisa: Am Zentralfriedhof gehen wir danach oft einen Spritzer trinken, weil da gibt es ein Cafè.Obwohl wir uns als Künstler das gar nicht leisten können, weil zwei Spritzer kosten da 10 EURO (lacht).
David: Eine Priorität muss man halt setzen. Die Gage muss ja gut verwendet werden (lacht).
Lisa Schmid_Kabarettistin, Schauspielerin, Sängerin _ David Poglin, Musiker _ am Friedhof St.Marx_Wien
Herzlichen Dank liebe Lisa, lieber David für das Interview und Fotoshooting an diesen besonderen Wiener Ort – viel Erfolg weiterhin für das wunderbare Kabarettprogramm „Ehrengrab“ wie Eure großartigen Musikprojekte!
Station in St.Marx_Wien:
Lisa Schmid_Kabarettistin, Schauspielerin, Sängerin
Lieber Christopher, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
In der Früh Haferbrei und Gerstengras, dann eine kalte Dusche. Dann eventuell Kaffee. Je nachdem wie gut der Kaffee war, dann was Sinnvolles oder was weniger Sinnvolles. Oder eh an die Arbeit, was auch immer das bedeutet an diesem Tag. Aber auf jeden Fall mindestens einen menschlichen Kontakt. Das ist glaub ich ganz wichtig.
Christopher Korkisch, Schauspieler
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
So abgedroschen es auch klingen mag, aber einander zuhören. Und sich nicht schon eine Antwort zu überlegen, während das Gegenüber spricht.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Dieselbe Rolle, die Theater, Schauspiel und Kunst immer hatten; Das auszudrücken, was man nicht so leicht in Worte fassen oder konventionell unterbringen kann. Vielleicht jetzt ein bisschen lauter.
Was liest Du derzeit?
Martin Suter, Joachim Meyerhoff und Albert Uderzo
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Es ist eh alles wurscht. Aber so wurscht auch wieder nicht.
Christopher Korkisch, Schauspieler
Vielen Dank für das Interview lieber Christopher, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Valentin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Aktuell wie der normale Theaterwahnsinn kurz vor der Premiere meistens aussieht. Morgens oder Abends Durchlaufproben und zwischendurch noch kleinere Sachen wiederholen, Kritik besprechen, Licht einrichten und Nachts dann noch drüber nachdenken. Wir haben diesen Samstag, 9. Oktober Premiere mit „Die Hexen von Eastwick“ im Theater Westliches Weinviertel und da ist noch einiges zu tun. Aber ich habe das Glück mit einem ganz tollen, unaufgeregtem und mir vertrauendem Ensemble und Team zu arbeiten. Und auf den letzten Metern entsteht ja immer noch am meisten. Es bleibt spannend!
Valentin Werner_Regisseur, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Nach der schweren Zeit für alle Kulturmacherinnen, wo wir viel Zeit mit uns selbst verbracht haben, müssen wir wieder zueinander finden. Das gilt für die Zusammenarbeit bei Projekten genauso wie für uns als Gesellschaft. Niemand hat etwas von egoistischem Verhalten und unnötigen Kontroversen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Kunst kann verbinden und die Gemeinschaft stärken. In der Kunst- und Kulturbranche wünsche ich mir aber auch mehr Zusammenhalt. Wir müssen Synergien schaffen und für alle die Situation verbessern. Dies betrifft die Freie Theaterszene genauso wie alle nicht komplett staatlich durchfinanzierten Kulturinstitutionen und Kulturmacherinnen.
Und ohne den Glauben, dass Kunst beziehungsweise Theater die Leute berührt und zum Nachdenken anregt, brauche ich nicht weiterzuarbeiten. Wir haben also gerade jetzt eine wichtige, riesengroße Aufgabe, mit der auch eine Verantwortung mit einhergeht.
Was liest Du derzeit?
„Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer und als Gegenpol „Kitchen Confidential: Adventures in the Culinary Underbelly“ von Anthony Bourdain. Außerdem liegt noch die „Anleitung zum Unglücklichsein“ auf meinem Nachtisch, das ist ja ein Klassiker, auf den ich schon sehr gespannt bin.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Mich beschäftigt die Klimaerwärmung und unser eigenes Handeln sehr. In „Die Hexen von Eastwick“ sagt passenderweise der Teufel: „Menschen sind wahnsinnig!“ – Beweisen wir ihm doch das Gegenteil!
Die Hexen von Eastwick nach dem Roman von John Updike _ tww-Eigenproduktion
Vielen Dank für das Interview lieber Werner, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Literaturprojekte und die kommende Premiere „Die Hexen von Eastwick“ wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Valerie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich stehe recht früh auf und setze mich mit ausreichendem Kaffeevorrat an meinen Schreibtisch. Ich schreibe in mein Tagebuch, das ich mit einer geradezu manischen Regelmäßigkeit führe, und sinniere dann beim Blick aus dem Fenster in die unsagbar schöne Natur über das, was wichtig sein könnte.
Ja, und dann, nach der Besinnlichkeit, beginne ich zu arbeiten. Wobei: Ich mag das Wort Arbeit nicht so sehr, denn Arbeit bedeutet für mich, etwas tun zu müssen, das ich eigentlich nicht tun will. Meine Arbeit – nennen wir es nun einmal so – ist für mich nicht hinterfragbar, nicht aufschiebbar. Ich bin dem Schreiben lustvoll ausgeliefert.
Valerie Springer, Schriftstellerin
Maler malen, Filmer filmen, ich schreibe. Als Schriftstellerin stelle ich mich der Schrift. Dem schriftlich Festzuhaltenden. Das Virtuelle in meinem Denken wird in Worte gefasst, wird auf Papier physisch.
Zwischendurch Yoga, Essen kochen und genießen, mit Aquarell und Tusche arbeiten, kontemplative Spaziergänge, abends fernsehen oder Freunde auf ein Glaserl treffen … und viel, wirklich viel lesen.
Ich denke an die Frauen, die homeoffice, Kinderbetreuung, Haushalt, Kurzarbeit – und einen Mann, der ebenfalls zuhause im homeoffice arbeitet – zu bewältigen haben. Und da weiß ich natürlich, dass ich ein durchaus komfortables Leben führe.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Klarheit, Offenheit, Respekt und Toleranz im Miteinander. Das betrifft nicht nur den privaten Bereich jedes einzelnen, sondern vor allem den öffentlichen Diskurs.
Dogmen, Parolen und Phrasen hinterfragen.
Nicht nur jetzt, sondern ganz allgemein und immer ist geistige Ruhe wichtig. Die ermöglicht Betrachten, Analysieren … Widerrufen … neuerliches Betrachten …
Schlicht gesagt: Sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, das finde ich entscheidend. Und diese Ruhe bewusst zu suchen, wenn man sich im Medien-, im häuslichen oder im beruflichen Tumult verwirrt und verirrt fühlt.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ein Aufbruch und Neubeginn ist angesichts dessen, wohin Kapitalismus, Konzern-Imperialismus und Fortschritts-Profit-Politik uns geführt haben, zwingend notwendig. Ob wir jetzt an diesem Punkt stehen, wo sich etwas ändern wird? Wenn ja, dann antworte ich mit einem Zitat von Michael Stavarič: „Du gibst eine Welt auf, weißt aber nicht, ob es für eine neue langt … und schon gar nicht, ob du darin Halt findest.“ (aus „Brenntage“)
Kunst ist für mich neben der Darstellung des Vordergründigen vor allem die des Hintergründigen. Interpretation dessen, was wir als Wirklichkeit wahrnehmen. Inspiration, wie man diese Wirklichkeit auch sehen könnte. Insofern stellt Kunst den Kontrapunkt zum Banalen dar. Sie offenbart Mehrdeutigkeit und Komplexität.
Will ein Künstler eine „message“ vermitteln? Wohl kaum, er ist schaffend, weil er nicht anders kann, absichtslos hält er fest, was kommt und wieder gehen würde, wenn man es nicht dingfest macht.
Kunst nimmt bei einer neuen Definition unserer Werte eine subtile Rolle ein. Sie kann im Leser oder Betrachter etwas berühren, was ohne sie nicht möglich ist. Sie hat einen feinsinnigen Einfluss. Und mag es für einige ein Tropfen auf den heißen Stein sein, so ist es für mich der stete Tropfen, der den Stein irgendwann höhlt.
Was liest Du derzeit?
Ich lese Schundromane, Thriller, Zeitungen, die sogenannte Weltliteratur. Ich lese, als Lesesüchtige, auch Postings in social media, Gebrauchsanleitungen, Texte auf Verpackungen, Flugblätter, Reklameschriften, Werbung, Pamphlete.
Und derzeit lese ich:
Annie Ernaux, „Die Jahre“
Sasha Filipenko, „Rote Kreuze“
Roger Willemsen, „Wer wir waren“
Derrick Jensen, „Deep Green Resistance“
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Wer sich zwischen die Stühle setzt, landet im Unbequemen. Wo’s am unbequemsten ist, da hat die Kunst ihren Platz. Kunst bewahrt den Menschen nicht vor dem Chaos, sondern vor der Ordnung.“
Arno Geiger (Dankesrede Verleihung Joseph-Breitbach-Preis 2018)
Valerie Springer, Schriftstellerin
Vielen Dank für das Interview liebe Valerie, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Susanna, welche Bedeutung hat die Natur in Deiner Kunst?
Die Natur ist meine Hauptinspiration. Meine aktuellen Arbeiten beschäftigen sich mit Vergänglichkeit und dem Festhalten von Zeit, und Erinnerungen.
Die künstlerische Technik ist dabei die Cyanotypie (Fotodrucktechnik, Anm.), mit der ich schon in meinem Diplom viel gearbeitet habe.
(Beim Diplomprojekt dienten die Fundstücke aus der Kiste meines Großvaters der Fotograf war, als Vorlage wie beispielsweise Fotos, die er von meiner Großmutter gemacht hatte.)
Aktuelle Materialien sind jetzt angeschwemmte tote Pflanzen, Hinterlassenschaften der Natur, die ich an der Donau gefunden habe.
Aufgrund der Überschwemmung im Sommer an der Donau wurde sehr viel an die Ufer geschwemmt. Tote Tiere, Pflanzen, Kleidungsstücke, Müll. Ich habe dann mit Cyanotopie experimentiert. Die toten Pflanzen waren am Besten für meinen künstlerischen Prozess geeignet. Pflanzen haben etwas sehr Poetisches.
Die Arbeiten sind direkt an der Donau in Wien und in Stopfenreuth (Nationalpark Donau-Auen) entstanden.
Welche Bedeutung hat Wasser für Dich?
Wir leben seit 2020 im zwanzigsten Bezirk in Wien, in unmittelbarer Nähe der Donau. Das man hier in der Großstadt leben kann und die Donau hat, ist einfach wunderbar.Am Wasser findet man Ruhe.
Ich bemerke jetzt auch in meinen Arbeiten, dass es immer mehr um das Zusammenspiel, die Zusammenhänge von Mensch und Natur geht. Es sind nicht mehr spezielle Themen sondern es geht jetzt um alles, den Gesamtblick von Natur, Welt. Wasser vereinigt das für mich und drückt es sehr gut aus.
Ich habe immer nach einer Möglichkeit gesucht nicht nur im Studio sondern auch draußen zu arbeiten, mit der Natur. Da arbeitet die Natur quasi mit mir zusammen. Wir arbeiten zusammen (lacht).
Wie ist Dein Arbeitsprozess aufgebaut?
Ich sehe, lese oder finde Dinge, nehme diese mit und setze es dann um. Ich produziere dann sehr viel. Dann gibt es eine Auswahl.
Wie ist Deine künstlerische Arbeit im Laufe der Jahreszeiten?
Im Sommer konnte ich viel draußen arbeiten. Über den Herbst und Winter arbeite ich das im Sommer entstandene auf. Ich finde es gut mit den Jahreszeiten zu arbeiten.
Der Arbeitsrhythmus mit der Natur hat etwas Entspannendes.
Ich stelle meist alle Farben selbst her und kaufe wenig dazu. Alles was man selbermacht, dauert länger aber ist meistens auch irgendwie besser (lacht). Das ist wie beim Kochen.
Wie siehst Du die Verbindung von Kunst und Leben?
Erst seit kurzem lebe ich die unmittelbare Verbindung von Lebensraum, Wohnung und Atelier, momentan genieße ich es. Nütze die Wegzeiten für meine Arbeit. Vermutlich werde ich aber wieder ein Atelier brauchen, weil ich relativ große Bilder mache. Für die nächsten zwei, drei Monate passt es aber sehr gut hier.
Ich arbeite meistens vormittags, kommt auch darauf an wie lange ich mit dem Hund spazieren gehe. Dann nach Mittag bis abends. Es gibt auch Zeit am Computer, um Projekte/Termine zu bearbeiten. Ich habe da einen Kalender, den ich dann abarbeite. Ich mache dies dann meist tageweise. Dann ist der Wochenschwerpunkt etwa Bewerbungen oder Steuer und Ähnliches .
Wie wichtig sind Ortsveränderungen und Bewegung für Deine Kunst?
Ich überlege derzeit ob ich mich für Auslandsstipendien bewerbe. Reisen, der Blick von außen, eine andere Urbanität, der Blick von Kulturen, das ist ganz wichtig für die künstlerische Arbeit.
Ein Ort macht sehr viel in der Kunst. Ob in der Stadt oder der Natur.
Was bedeutet Dir Wien?
Wien ist meine Wahlheimat. Sehr lebenswert, als Großstadt mit Anschluss an die Natur.
Wie war Dein Weg zur Kunst?
Ich konnte immer gut zeichnen, wusste aber zunächst nicht, was ich damit tun soll. Ich habe dann eine Ausbildung in Kommunikations- und Modedesign gemacht und auch in dieser Branche gearbeitet. Dann habe ich aber umgesattelt und Kunst studiert.
Mit welchen Kunsttechniken arbeitest Du?
Ich versuche in meiner Kunst so wenig neues Material wie möglich zu nehmen und wenn dann nachhaltig. Ich verwende dabei auch gebrauchte Leinwände, färbe und nähe diese neu zusammen. So produziere ich wenig Müll (lacht). Wie kann man Sachen wiederverwerten, herstellen, produzieren, das interessiert mich. Mir wird da nicht langweilig (lacht).
Kunst gibt auch Ruhe. Wenn man Kunst macht, ist man immer ruhig.
Ich bin sehr an verschiedenen Kunsttechniken interessiert und experimentiere mit diesen. Im Studium habe ich für Siebdruck begeistert. Eine Siebdruckwerkstatt wäre aber zu kostspielig gewesen. Und ich habe dann gelesen und mich informiert über weitere Techniken und bin dann auf die Cyanotopie, eine alte Fototechnik, gestoßen und dachte, ich probiere das mal aus. Es dauert aber natürlich eine zeitlang, bis dies möglich ist. Dieser Prozess begeistert mich aber, wenn ich nicht weiß, was passieren wird, du wirst immer überrascht, was da herauskommt. Es ist nicht absehbar – es ist ja nie irgendwas absehbar. Das finde ich sehr wichtig in der Arbeit. Ich möchte mich selbst immer wieder überraschen können und auch die Betrachtenden.
In meinen verschiedenen Zugängen öffnet sich auch wieder ein neuer Blick. Es gibt ja meist einen kritischen Blick auf die gerade vollendete Arbeit und man will etwas verändern. Zeit, ein Abstand tut da gut.
Neue Sachen auszuprobieren sind für mich ein künstlerischer Motor. Ich lese, sehe viel, sehe mir auch alte Techniken an. Ich arbeite derzeit etwa mit Wachs, da gibt es auch verschiedene Herausforderungen. Aber solche Experimente finde ich gut, so was mache ich gerne (lacht).
Unseren Zimmertisch habe ich etwa aus einem Bett gebaut, das ich davor hatte. Da habe ich mit Leim und Holz experimentiert. Ich will Sachen, die ich mal hatte, nicht wegtun sondern lieber etwas daraus machen.
Wir haben auch ein Jahr in einem Bus gelebt und ich habe dann angefangen in dem Bus zu arbeiten, was natürlich wahnsinnig eng war.
Das interessiert mich nach wie vor, wie kann man auf kleinstem Raum arbeiten und wohnen, wie es etwa in Japan ein Thema ist. Wir würden das auch gerne wieder machen, in einem Bus leben, wenn Reisen vielleicht wieder einfacher wird.
Wie war das künstlerische Arbeiten im Bus, im Unterwegssein?
Direkt nach dem Kunstdiplomabschluss sind wir mit dem Bus gereist. Da habe ich hauptsächlich Zeichnungen gemacht und gemerkt, wie ich mein Atelier vermisse. Das war total verrückt, weil ich mich ja so auf diese Reise gefreut habe. Jetzt wüsste ich natürlich, wie ich auch im Bus arbeiten könnte und dann vielleicht auch Station zu machen und uns einzumieten für ein temporäres Atelier. Im Bus kann ich nicht malen aber Sachen vorbereiten.
Darf ich Dich bitten, Werke vorzustellen?
Susanna Klein _ „Überbleibsel – Überschwemmung“ 2020
Das ist eine Arbeit aus 2019/20. Diese ist inspiriert von den Arbeiten meines Großvaters, der Fotograf war, und da auch Fehlversuche in der Fotoentwicklung hatte, die ich aber am spannendsten fand. Das ist jetzt quasi ein Stück davon, ein Cyanotopie Abdruck malerisch mit Weiß bearbeitet.
Dieses Werk heißt „Überbleibsel – Überschwemmung“ und ist meine erste große Arbeit mit Cyanotopie und diese ist in der Stopfenreuther Au entstanden. Da sind tote Pflanzen, Schlamm, Bäume. Der Blauton kommt nach einer gewissen Zeit dieser Technik.
Das persönliche Sehen der Betrachtenden dabei ist mir wichtig.
Könntest Du bitte den Arbeitsprozess zu Deinen Werken mit der Cyanotopie Technik skizzieren?
Ich bin da meistens sehr früh an der Donau unterwegs. Ich mag Menschen, aber es ist wichtig, dass ich da alleine bin (lacht). Es war dann im Sommer und auch jetzt sehr viel von den Überschwemmungsfolgen sichtbar und etwa auch an der Farbe der Bäume erkennbar. Da waren dann auch ganz viele tote Pflanzen und die mir am interessantesten erschienen, die habe ich dann mit mir zu einem Punkt gezogen, der relativ flach war. Dann habe ich die große Leinwand ausgelegt, gab Emulsion darauf und platzierte die Pflanzen darauf. Das ist in der Komposition zu bedenken. Dann gebe ich die Pflanzen weg und renne damit zur Donau, unterdessen kommt nochmal Licht darauf, deswegen ist auch das Wasser am Bild sichtbar.
Bei diesem Bild hier sind es angeschwemmte Holzstücke der Donau. Die waren ganz schön schwer (lacht). Es sind Holzstücke, große Steine und Seegras am Bild. Es wirkt sehr abstrakt und jeder kann darin etwas sehen. Ich sehe natürlich die hingelegten Naturmaterialien sehr stark, das ist spannend.
Da es sehr schwer war, sind auch die Spritzeffekte des Wassers zu sehen. Die Leinwand ist aus Baumwolle.
Dieses Werk hier ist aus recycelten Materialien. Ich habe es mit Kaffee und Braunton gefärbt.
Wie gehst Du bei der Titelgebung vor?
Ich habe da zunächst Zahlen ausgewählt, die mit Größen des Werks verbunden sind, also abstrakt betitelt. Jetzt bin ich dazu übergegangen, einen Titel in deutscher Sprache zu wählen.
Susanna Klein_Künstlerin_Wien
Vielen Dank für das Interview liebe Susanna, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Tiefster Wald und ihr Auto mitten darin. Wie die Augen im Kopf, in dem so viele Rätsel und Abgründe lauern. Zum Sprung bereit.
Wie dieses Reh jetzt auf der Straße. Wo kam es her? Amira tritt die Bremse durch mit den Fingernägeln von Josef in der Haut. Das Reh blinzelt wie Josef aufgeregt ist. Nur der Wald ist ruhig und dunkel. Und da geht es jetzt hinein…
Zur Hütte im Wald. Zu den Sommern der Kindheit von Josef. Jetzt kommt er zurück. Mit all den Bildern im Kopf und Amira. Und es geht um Leben. Um ihres und das werdende. Ihre Zukunft und Leben, das sie schenken wollen. Sie sind bereit. Hier in der Einsamkeit. Die nun zu sprechen beginnt. In Begegnungen, Blicken, Erfahrungen, Erinnerungen…in ihnen…
Wer sind wir? Wer waren wir? Wer werden wir sein?…. Ein Reigen aus Geheimnis und Überraschung beginnt…Im Wald? Im Kopf? Oder wo?….
Jessica Lind, österreichische Schriftstellerin, Dramaturgin und Drehbuchautorin, legt mit „Mama“ ihren Debütroman vor, der in Spannung, Rasanz und Hintergründigkeit begeistert. Es ist eine faszinierende literarische Raffinesse, mit welcher die Autorin Realität und Identität verschwinden und wieder aufblitzen lässt und damit Erschütterung wie Neugierde erzeugt, die bis zur letzten Seite nicht loslässt. Tiefgreifende Metaphorik und Psychologie werden zu Leuchtfeuern einer Sprache, die Kopf und Herz trifft und zerfetzt. Ein Ereignis.
„Jessica Lind ist der David Lynch der modernen Literatur – ein sensationelles Debüt“
Liebe Andrea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Nach dem Sommer ist es jetzt wieder vorbei mit länger schlafen und viel lesen und/oder schreiben. Jetzt heißt es wieder früh aufstehen, ein bis zwei Kaffee trinken, die Kinder aufwecken, Jausenbrote richten, ev. noch kleinere Vorbereitungs- und Computerarbeiten erledigen und in die Schule zum Unterrichten fahren. Als Deutschlehrerin und Schulbibliothekarin bin ich auch dort von Büchern umgeben und manchmal schaffe ich es, dass ein klitzekleiner Funke überspringt. Am Nachmittag stehen wieder Vor- und Nachbereitungsarbeit auf dem Programm, dazwischen sind oft die Kinder irgendwo abzuholen oder hinzubringen und ich helfe bei Aufgaben, organisiere den Alltag mithilfe meines Mannes – das übliche Chaos halt.
Zeit zum Genießen, Lesen und Schreiben bleibt jetzt wieder weniger – für all diese Dinge brauche ich meine Ruhe. Aber ich habe ja meinen Garten und die Poesie.
Andrea Maria Kerstinger, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Im ersten Lockdown hat sich gezeigt, was die wirklich wichtigen Dinge im Leben sind und dass man gar nicht so viel zum Glücklichsein braucht: Gesundheit, Familie und Freunde. Mittlerweile scheint mir, dass vieles wieder in Vergessenheit geraten ist und der Alltagsstress mit tausenden, scheinbar wichtigen Terminen wieder überhandgenommen hat. Wir sollten dennoch versuchen manchmal innezuhalten, Kraft zu schöpfen und auf die Natur und die Mitmenschen zu achten. Zusammenhalt und Solidarität sind wichtiger denn je.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die Rolle von Literatur und Kunst hat sich meiner Meinung nach nicht wesentlich verändert, vielleicht ist man sich ihrer sogar noch bewusster geworden. Literatur und Kunst helfen uns, in andere Welten abzutauchen, neue Sichtweisen und Blickwinkel zu entdecken, Unbekanntes kennenzulernen, über den Tellerrand zu blicken. Ihre Aufgabe ist es nicht nur zu unterhalten, sondern auch zu bilden, zu provozieren, anzuecken, auszuloten, Missstände und Ungerechtigkeiten aufzuzeigen, aber auch Schönes aufzuzeigen und zu berühren. Über alle künstlerischen Kanäle, v.a. aber auch über die Literatur können und sollen so wichtige Themen wie Toleranz, Diversität, Mitgefühl etc. transportiert werden.
Was liest Du derzeit?
Ich habe in den Sommerferien viele großartige Bücher gelesen, jetzt ist die Zeit knapper bemessen. Momentan lese ich Angela Lehners „2001“, aber auch „Die Unschärfe der Welt“ von Iris Wolff und „Lebenswende“ von Julia Hoch liegen schon parat.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Man kann seine Heimat verlassen, aber es gibt keine Gegenwart ohne Herkunft. Niemals und nirgends.“ (Salih Jamal: Das perfekte Grau)
Vielen Dank für das Interview liebe Andrea, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Andrea Maria Kerstinger, Schriftstellerin
Foto_Anna Maria Kuzmits
12.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.