„Wir brauchen Kunst und Literatur, um mehr zu fühlen“ Lea Catrina, Schriftstellerin_Graubünden 22.9.2021

Liebe Lea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Morgens versuche ich den ersten Kaffee in Ruhe zu trinken, manchmal lese ich dazu Gedichte, manchmal scrolle ich leider durch mein Handy, bis der Kaffee kalt wird.

Dann schreibe ich.

Kurz vor dem Mittagessen gehe ich duschen, wasche den Morgen ab, um dann am Nachmittag nochmal frisch zu starten.

Meistens gehe ich im Verlaufe des Tages zwischendurch raus. Entweder fahre ich mit dem Auto irgendwohin, streife durch die Stadt oder ich lese ein wenig.

Schreibe weiter.

Als Letztes mache ich alles Administrative. Mails, Rechnungen, Haushalt.

Den Tag beende ich meist mit einem kühlen Bier, meinem Mann und einem guten Film. Wenn es das Wetter zulässt, auch mal mit einem BBQ unter Freunden.

Lea Catrina, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Eigentlich das gleiche wie immer.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wir brauchen Kunst und Literatur, um mehr zu fühlen und weniger zu denken.

Was liest Du derzeit?

«Sketchtasy« von Mattilda Bernstein Sycamore

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

«The world’s continual breathing is what we hear and call silence.»

Clarice Lispector

Lea Catrina, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Lea, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte – besonders auch für Deine Buchneuerscheinung „Die Schnelligkeit der Dämmerung“ – LEA CATRINA und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Lea Catrina, Schriftstellerin

LEA CATRINA

Alle Fotos_privat.

26.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst holt aus dem ständigen Gedankenstrom“ Susanna Klein, Künstlerin_ Wien 21.9.2021

Liebe Susanna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Dackel Finn weckt mich auf- dann gehen wir spazieren, anschließend ins Atelier oder an den Laptop oder raus, um für mein aktuelles Projekt Pflanzen zu sammeln.

Susanna Klein, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig? 

Es ist immer wichtig, den Moment anzunehmen, wie er ist.

Wir leben in einer Überflussgesellschaft, sind medial- & konsumüberfordert. Es täte uns daher allen gut eine Auswahl zu treffen und zu reduzieren.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu? 

Die Kunst spiegelt unsere Gesellschaft wider und ist in der Lage einen aus dem ständigen Gedankenstrom zu holen, der meist mit Vergangenheit und Zukunft beschäftigt ist.

Was liest Du derzeit?

Krishnamurti, das Notizbuch

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben? 

 „Es ist kein Anzeichen von seelischer Gesundheit, an eine zutiefst gestörte Gesellschaft angepasst zu sein.“

Krishnamurti

Vielen Dank für das Interview liebe Susanna, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Susanna Klein, Künstlerin

Info — Susanna Klein (susanna-klein.com)

Susanna Klein (@kleinsusanna_) • Instagram-Fotos und -Videos

Foto_© eSeL.at – Joanna Pianka für Akademie der bildenden Künste Wien.

26.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Bis zum Wendepunkt“ Eine Fußballnovelle. Heinz Kröpfl. Sisyphus Verlag.

Die Sprechgesänge im Stadion sind in den Gängen der Spielerkabinen zu hören. Bald geht es hinaus zu der Erde und dem Himmel. Kleinstauber, Tormann, steht vor einem möglichen Höhepunkt seiner Karriere. Schwitzende Hände und viele Gedanken sind jetzt in seinem Kopf. Und dann geht es hinaus. Und das Spiel beginnt. Es ist ein Spiel des Lebens, seines Lebens…

Der österreichische Schriftsteller Heinz Kröpfl legt mit „Bis zum Wendepunkt“ eine sehr spannende literarische Konzeption vor, die mit erzählerischer wie dialogischer Rasanz Fußball als Spiel des Lebens inszeniert und reflektiert.

Es ist gleichsam Literatur in Echtzeit, die Anforderungen, Situationen, Emotionen eines Spiels mit Emotion und Existenz verbindet. Ein sehr interessantes literarisches Experiment, das auf allen Linien aufgeht. Das Lesen ist eine Freude und knüpft an große literarische Vorbilder an.

Sehr bemerkenswert ist auch das Nachwort des ehemaligen Nationalspielers Walter Schachner, das unmittelbare Erfahrungen von Spielsituationen wiedergibt.

„Eine Erzählung, die mit Rasanz und inhaltlicher Raffinesse ins Tor trifft.“

Walter Pobaschnig 9_21

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„Auf vielen Ebenen (wieder) zueinander zu finden“ Anja M.Wohlfahrt, Regisseurin_Graz 20.9.2021

Liebe Anja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin in der glücklichen Lage, gerade zu proben. Natürlich anders als früher, aber wir proben. Und zwar „Aus aktuellem Anlass: Delphine in Triest“ von Effe U Knust. Der Tag ist also geprägt von: denken, probieren, verwerfen, neu probieren – gemeinsam mit den Kolleg*innen.

Anja M.Wohlfahrt, Regisseurin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Auf vielen Ebenen (wieder) zueinander zu finden.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel der Kunst an sich zu?

Wesentlich ist aus meiner Sicht, dass wir uns zuhören, uns austauschen, miteinander reden, emphatisch bleiben – wieder aufeinander zugehen. Das Theater kann als Ko-Präsenz-Stätte genau diese Rolle einnehmen – wir können gemeinsam einen Abend sehen, eine Geschichte erleben, ein Thema – und uns so und auch davor und danach gemeinsam damit auseinander setzen.

Was liest Du derzeit?

„Mein Lieblingstier heißt Winter“ von Ferdinand Schmalz.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wie soll ich das wissen, wenn ich es noch nie versucht habe?“

            – Pippi Langstrumpf

Vielen Dank für das Interview liebe Anja, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Anja M.Wohlfahrt_Regisseurin

https://schauspielhaus-graz.buehnen-graz.com/team-detail/anja-wohlfahrt

Foto_Edi Haberl

18.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ab und zu was Feines essen und das Internet rechtzeitig abdrehen“ Christoph&Lollo, Musiker _Wien 19.9.2021

Lieber Christoph, Lieber Lollo, wie sieht jetzt Euer Tagesablauf aus?

Seit kurzem oft wieder so, wie er eh ausschauen soll: Haushalt, Schule, Auftritte. Es ist aber zu befürchten, dass davon bald nur noch das erste übrig bleiben wird. Schau ma mal.

Christoph&Lollo, Musiker/Comedian

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ach, was wissen wir schon, wir sind Komiker, auf uns sollte niemand hören. Aber wenn man uns schon fragt, sagen wir einmal so: Sich nicht verrückt machen lassen, gemütlich plaudern, ein Bisserl spazieren gehen, ab und zu was Feines essen und das Internet rechtzeitig abdrehen, das wäre als Basis zumindest nicht völlig falsch.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Kabarett, der Musik, der Kunst an sich zu?

Nun ja, einerseits kann die Kunst natürlich erinnern, deutlich machen, aufklären. Zum Beispiel, Hausnummer jetzt, darüber, dass Politik ja scheinbar doch etwas Radikales zu tun vermag, wenn sie will, von wegen „no alternative“ und „wirtschaftliche Sachzwänge“ und „no such thing as society“ und so, das könnten wir uns ja merken, falls wieder einmal was ist, eine Klimaerwärmung zum Beispiel. Andererseits kann der Humor im Besonderen den Leuten ab und zu das Gefühl von Distanz geben und ernsten Themen die Schwere nehmen und sie damit ertragbar machen, damit sich alle ein Bisserl entspannen können, ist ja eigentlich ebenso wichtig. Und das mit dem Aufbruch? Naja, das schauen wir uns dann einmal an, wenn er da ist.

Was liest Ihr derzeit?

Mit zunehmender Fassungslosigkeit lesen wir Nachrichten über dieses Gemisch aus groteskem Managementchaos und zynischer Verantwortungsflucht, das uns als Schul- und Bildungspolitik verkauft wird. Dass Pressekonferenzen zur Maßnahmenverschärfung bei Schulstart in der vierten Welle zwar auf die Anwesenheit des Bildungsministers verzichten können, nicht aber auf den Tiroler Landeshäuptling und die Tourismusministerin, die es für angebracht halten, uns einen geilen Après-Ski-Winter zu versprechen, ist eines unserer jüngeren Highlights.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtet ihr uns mitgeben?

Hoch wer mas nimma gwinnen.

Vielen Dank für das Interview lieber Christoph, lieber Lollo, viel Freude und Erfolg weiterhin für Eure großartigen Musik/Comedyprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Christoph&Lollo, Musiker, Comedian

http://www.christophundlollo.com/

Foto_Christoph&Lollo _Presse

16.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Sich selbst und die anderen zu finden“ Tamara Stajner, Musikerin und Schriftstellerin_Romanjubiläum Malina_Wien 19.9.2021

Tamara Stajner, Musikerin und Schriftstellerin_Wien_
am Romanschauplatz_Malina_Wien.

Liebe Tamara, was bedeuten Dir Orte? Welche Inspiration haben Orte für Dich als Künstlerin?

Ich wuchs in einem Haus auf, wo kein Raum für mich allein bestimmt war. Eine Kindheit ohne äußere Ruckzugsorte. Die Familie verbrachte selten Zeit im Freien, Spaziergänge und Ausflüge oder sonntägliche Rituale waren nichts Gängiges. Ein ungewöhnlich freies, der eigenen Phantasie überlassenes Dasein.

Die Schule befand sich in unmittelbarer Nähe. Ich brauchte höchstens fünf Minuten von der Haustür bis hinter die Schulbank, der Bewegungsradius war also nicht weit. Und doch gab es ausgedehnte Monate auf der kroatischen Insel Lošinj, wo mein Vater eine Feriensiedlung führte und wo wir die Sommer verbrachten. Jene Insel ist bis heute ein verwunschener Ort geblieben, an den ich in meiner Erinnerung fast täglich zurückkehre: ans Meer, an die Küste, unter die Pinienbäume, zum Meereswind.

Im Musikgymnasium teilte ich ein Internatszimmer mit einem zweiten Mädchen und als ich später zum Studium nach Wien kam, verbrachte ich die ersten Jahre in einer Wohngemeinschaft, bis ich schließlich eine Wohnung alleine mietete und zum ersten Mal einen Raum und einen Schlüssel nur für mich hatte.

Als Kind spiegelte ich stark meine Umgebung wider, war durchlässig, habe die Konturen zwischen Eigenem und Fremden nicht klar gezogen, war wandelbar. Da ich kaum einen Ruckzugsort im Außen hatte, erschuf ich in meinem Bewusstsein unzählige Phantasieräume, die nebeneinander existierten, und durch die ich unbeobachtet wandern konnte, mich in sie zurückziehen, unbekannte Türen öffnen konnte. Dort gab es keinen Platzmangel.

Als ich also in meiner eigenen Wohnung im zweiten Wiener Bezirk stand, erst dann begann ich die inneren Welten nach Außen zu übertragen. Es half mir zu verstehen, aus welcher Stofflichkeit ich beschaffen war. Meine Affinität für Räume, für Orte, für das Schöne ist stark ausgeprägt, sie helfen mir zur eigenen Selbstenthüllung. Orte wandeln die inneren Bilder ins Reale. Sie sind die Leinwände, auf die ich meine Wahrnehmungen projiziere. Durch die Orte und Räume übe ich, ein Körper zu sein.

Welche Zugänge hast Du zu Werk und Person Ingeborg Bachmann?

Das Schöne am Älterwerden ist, dass das Gesamtbild eines Lebensweges immer transparenter wird, sich Kreise schließen, die Zusammenhänge zeigen, der Sinn aus dem scheinbar Sinnlosen zu sickern beginnt.

Der Ursprung dieser Geschichte liegt im Topografischen, schrieb Bachmann. Genauso der Ursprung meiner Neugier und Anziehung für ihr Werk und Persona. Ich las ihre Bücher, ohne auf das Ungargassenland zu stoßen. Ein paar Jahre bin ich ahnungslos am Löwentor der Ungargasse 9 vorbeigegangen, zur Musikuniversität am Anton-von-Webern-Platz, ohne es zu wissen. Der Weg führte an beiden Schauplätzen, an Ivan und an Malina, vorbei. Wenn ich meinen Unterricht nicht in der Universitätsklasse, sondern beim Lehrer zuhause hatte, so war das im Haus, wo einst Ingeborg Bachmann wohnte: In der Beatrixgasse 26, einer stillen, weiträumigen Altbauwohnung im zweiten Stock.

Als ich im darauffolgenden Sommer an meinem ersten Roman arbeitete, dessen Schauplatz das Florianigassenland war, wollte meine Lektorin, die mich beim Schreibprozess begleitete, vom Namensursprung wissen, und ich sagte, den hätte ich erfunden. Nein, du hast ihn nicht erfunden, meinte sie, es gibt das Ungargassenland. Damit begann die Reise ins Malina, in die Herzzeit, in Das dreißigste Jahr, in ein Leben, dass sich erstaunlich vertraut las.

Bachmann sieht Gesellschafts- und Beziehungswirklichkeiten sehr kritisch, wie sieht dies knapp fünfzig Jahre nach Malina aus?

Ich wünschte, ich könnte mich zurück in die sechziger und siebziger Jahre versetzen. So wäre ein Vergleich glaubwürdiger, aber meine „Eintrittskarte“ wurde fürs Ende der achtziger Jahre gebucht. Beziehungswirklichkeiten sind ein Selbsterkennungslabyrinth. Wenn das Männliche und Weibliche im Fluss sind, liegt es an einem selbst, sich darin zu finden. Sich selbst und die anderen zu finden. In einer Beziehung geht es im Grunde um die Suche: sich selbst zu suchen und den anderen zu finden, aber nicht einmal, sondern jeden Tag aufs Neue.

Gibt es ein Zitat aus Malina, das für Dich besonders bedeutsam ist?

„Ich: (tempo)Ja eben, es hat längst angefangen, war längst das Leben. (vivace)Weißt du, was ich eben an mir gesehen habe? Dass meine Haut nicht mehr wie früher ist, sie ist einfach anders, obwohl ich nicht eine Falte mehr entdecken kann. Es sind immer dieselben da, die ich schon mit zwanzig bekommen habe, sie werden nur tiefer, genauer. Ist das ein Hinweis, und was bedeutet er? Im allgemeinen weiß man ja, wohin es führt, nämlich zum Ende. Aber wohin führt es uns? in welche Faltengesichter wirst du, werde ich verschwinden? Nicht das Älterwerden verwundert mich, sondern die Unbekannte, die auf eine Unbekannte folgen wird. Wie werde ich denn sein? Ich frage es mich, wie man sich vor Zeiten einmal gefragt hat, was nach dem Tode sein wird, mit einem gleich großen Fragezeichen, das sinnlos ist, weil man es sich nicht vorzustellen vermag. Vernünftigerweise kann ich mir darunter auch nichts vorstellen. Ich weiß nur, dass ich nicht mehr bin, wie ich früher war, mir um kein Haar bekannter, mir um nichts näher. Es ist mir nur eine Unbekannte immer nachgeglitten in eine weitere Unbekannte.“?

Bachmanns Verhältnis zum Rauchen ist bekannt. Erstaunlich für mich war allerdings, dass ich mich beim Photoshooting gerade in den Momenten des Rauchens dem Roman-Ich am nächsten fühlte, obwohl ich keine Raucherin bin. Die Geste des Rauchens war im gewissen Sinne der Transmitter zwischen der Realität und der Phantasie. Solche introspektive Verschiebungen sind Nahrung, von der ich lange zehren kann, ein Bewusstseinskarussell, das Fremdes in Vertrautes wandelt.

Wie war Dein Weg zur Kunst?

Umgekehrt, vielleicht – die Kunst ist die ursprüngliche ästhetische Äußerung eines Lebens. Ich habe bloß das Glück, mich dem zur Verfügung stellen zu dürfen. Ob man die Wahl hat oder nicht? Wer weiß. In meiner Familie sind bzw. waren einige künstlerisch begabt, aber keiner von ihnen hat sein Leben der Kunst gewidmet. Meine Mutter konnte erstaunlich schön zeichnen, Kleider entwerfen, nähen, mein Vater liebte Literatur, war erzählerisch begabt, auch er konnte gut zeichnen. Als Kind malte ich gerne Malbücher aus und anstatt welche zu kaufen, strich mein Vater in der Früh, bevor er ins Büro fuhr, mit ein paar wilden Zügen Menschenfiguren in verschiedenen Stellungen aufs Papier, die ich dann ausmalte.

Die Kunst und die Intensität eines ästhetischen Daseins haben, so glaube ich, mit der Qualität der Aufarbeitung, der Transformation, mit dem Entziffern des mitbekommenen Innenarchivs zu tun, mit der Verwandlung der rezipierten Inhalte. Die Inspiration, das, was einen beseelt, einem eine Idee ein-haucht, einen bewegt, steigt aus einem Teil hervor, der im Inneren bereits vorhanden war. Inspiration ist Wachwerden. Der Mensch ist das unwiederbringliche Instrument, mit welchem das Leben ein unwiederholbares Stück komponiert; wie gut man der eigenen Tonlage zuhören, ihr folgen, sie einsetzen kann, wie man sie interpretiert und wohin man sich von ihr tragen lässt, hängt nicht nur davon ab, wie man das Instrument spielt, sondern auch wie gut man auf die anderen hört.

In welchen Bereichen bist Du als Künstlerin tätig?

Ich studierte Konzertfach Viola an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, und begann nach dem Studium interdisziplinär zu arbeiten. Seitdem verband ich performative Klangkünste, Sprache und visuelle Künste in meiner Arbeit. Im Frühjahr dieses Jahres begann ich mit meiner Promotion in Musiktheorie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Derzeit widme ich mich fast ausschließlich der Musik und der Literatur.

Was ist Dir als Künstlerin wichtig?

Ich bin sehr hungrig: Nach Empfinden, Erleben, Erkennen, Verbinden, nach Schönheit. Das zwingt mich, mein Leben als einen kontinuierlichen Arbeitsprozess wahrzunehmen. Und Humor ist mir wichtig. Humor erzeugt augenblicklich einen Perspektivenwechsel. Ich lache viel.

Was bedeutet Dir Wien?

Es hat mich erzogen und geformt. Wien ist meine Gouvernante: Streng, meint es aber gut.

Welche Eindrücke nimmst Du vom Romanschauplatz Malina mit?

Früher dachte ich oft über die Orte, an denen sich die Menschenleben abspielen, nach. Auf dem gemeinsamen Weltpodium spielen sich seit Jahrtausenden unzählbare Autobiographien parallel ab und doch findet jede ihren Schauplatz. Großteils des Lebens spielt sich in den abstrakten Gedankenwelten ab, die für jeden einzelnen seine Realität bedeuten. Im Ungargassenland, dem Romanschauplatz von Malina, ging es um die Beseelung des Roman-Ichs.

Welches Zitat Deines Romans möchtest Du uns mitgeben?

„Während wir auf sie warteten, war es uns bewusst, dass wir als Achtjährige über Dinge nachdachten, über eine Klarheit verfügten, welche die Eltern nicht ahnten und sich neben uns unterhielten, als wären wir Wände, taube Gegenstände, bloß weil wir Kinder waren. Und wir versprachen uns auf jenen Rücksitzen, wir würden uns später, wenn selbst erwachsen sind, daran erinnern: Dass wir als Kinder Vieles gesehen, Vieles gespürt, Vieles verstanden hatten.

Jede Wahrnehmung ist Versöhnung.“

http://www.tamarastajner.com/literature

Tamara Stajner, Musikerin und Schriftstellerin_Wien_
am Romanschauplatz_Malina_Wien.

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Tamara Stajner_Musikerin und Schriftstellerin_Wien 

http://www.tamarastajner.com/about

Der erste Gedichtband von Tamara Stajner erscheint im Frühjahr 2022 beim Verlag Das Wunderhorn in Heidelberg.

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_9_2021.

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„Theater als ein Ort des gemeinsamen Beflügelns“ Julia Mikusch, Schauspielerin_Wien 18.9.2021

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Derzeit habe ich keinen geregelten Tagesablauf. Ich taste mich langsam wieder an einen gewissen Rhythmus heran. Was ich aber täglich mache, ist, singen, tanzen, schreiben, lesen, meditieren und in der Natur sein. Manchmal sogar alles gleichzeitig, wenn es mich überkommt!

Julia Mikusch, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sich auszutauschen anstatt zu verurteilen. Sich zu begegnen anstatt zu isolieren.Sich gemeinsam zu stärken anstatt auszugrenzen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Das Theater war für mich immer schon ein Ort des Austausches, des Miteinanders, des gemeinsamen Beflügelns. Ein Ort, wo man zusammenkommt, gemeinsam atmet, gemeinsam lebt. Vieles bricht gerade auf und um und beginnt sich zu wandeln.

Gerade in der Kunst ist es meiner Meinung nach essentiell Fragen zu stellen, zu provozieren, von seiner Meinungsfreiheit Gebrauch zu machen und den Menschen – vor allem jetzt – eine qualitativ hochwertige Alternative zu den heute viel zu oft konsumierten Massenmedien zu bieten. Ein Raum für Diskurs und Akzeptanz. Das finde ich gerade jetzt äußert wichtig und notwendig!

Was liest Du derzeit?

Jerzy Grotowski – „Für ein armes Theater“

Ethan Hawke – „Regeln für einen Ritter“

Clemens G. Arvay – „Wir können es besser“

kann ich alle drei sehr empfehlen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Einen Ausschnitt aus Reinhard Mey‘s grandiosem Lied „Sei wachsam“ – als wäre es für diese Zeit geschrieben worden.

„Wir hab’n ein Grundgesetz, das soll den Rechtsstaat garantier’n

Was hilft’s, wenn sie nach Lust und Laune dran manipulieren

Die Scharfmacher, die immer von der Friedensmission quasseln

Und unterm Tisch schon emsig mit dem Säbel rasseln?

Sei wachsam

Präg‘ dir die Worte ein!

Sei wachsam

Und fall nicht auf sie rein!

Pass auf, dass du deine Freiheit nutzt

Die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt!

Sei wachsam

Merk dir die Gesichter gut!

Sei wachsam

Bewahr dir deinen Mut

Sei wachsam

Und sei auf der Hut!

Ich hab Sehnsucht nach Leuten, die mich nicht betrügen

Die mir nicht mit jeder Festrede die Hucke voll lügen

Und verschon‘ mich mit den falschen Ehrlichen

Die falschen Ehrlichen, die wahren Gefährlichen!

Ich hab‘ Sehnsucht nach einem Stück Wahrhaftigkeit

Nach ’nem bisschen Rückgrat in dieser verkrümmten Zeit

Doch sag die Wahrheit und du hast bald nichts mehr zu Lachen

Sie wer’n dich ruinier’n, exekutier’n und mundtot machen

Erpressen, bestechen, versuchen dich zu kaufen

Wenn du die Wahrheit sagst, lass draußen den Motor laufen

Dann sag‘ sie laut und schnell, denn das Sprichwort lehrt:

Wer die Wahrheit sagt braucht ein verdammt schnelles Pferd!“

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Julia Mikusch, Schauspielerin

Foto_Daniel Kastner.

24.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir brauchen kulturelle Vernunft“ Ute Burkhardt, künstlerische Leiterin_Wien 17.9.2021

Liebe Ute, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen – arbeiten/ kommunizieren – schlafen gehen

Ute Burkhardt_Kuratorin und künstlerische Leitung des Kunstvereins fAN

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Fähigkeit mit Menschen über Themen zu sprechen ohne gleicher Meinung zu sein. Wir brauchen kulturelle Vernunft.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Wir vom Kunstverein fAN glauben das Kunst als Kommunikationsform jetzt mehr denn je benötigt wird. Kunst ist ein Gefäß, in welches Vieles hineinfließt – Wissen, Empfindungen und Affinitäten. Kunst stellt den Betrachterinnen eine Fülle von Wahrnehmungen zur Verfügung.

Was liest Du derzeit?

Die blitzenden Waffen. Über die Macht der Form von Robert Pfaller. Es geht hierbei um einen Anspruch auf eine grundlegende Ästhetik des Miteinanders, der menschlichen Existenz.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Humor als eine entscheidende Tugend für die Entstehung „mechanischer“ Solidarität, die in Städten an die Stelle der „organischer“ Solidarität der Dorfgemeinschaften tritt.

Vielen Dank für das Interview liebe Ute, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Ute Burkhardt, Kuratorin und künstlerische Leitung des Kunstvereins fAN

about

Foto_Maja Vukoje

6.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Literatur öffnet, eröffnet“ Marc Djizmedjian, Schriftsteller_ Pfaffhausen/CH 16.9.2021

Lieber Marc, wie sieht dein Tagesablauf aus?

Morgens arbeite ich zu Hause im Home Office, nachmittags schreibe ich. Ich habe dabei das Glück, über einen Arbeitsraum zu verfügen, wo ich ungestört schreiben kann.

Marc Djizmedjian, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ein Wort, das außerhalb der Diät- und Fitnessindustrie nicht gerade populär ist, kommt mir zu dieser Frage in den Sinn: Verzicht. Die Pandemie hat gezeigt, dass gewisse Dinge, die selbstverständlich schienen, es plötzlich nicht mehr waren. Das mag banal klingen, aber so gesehen war und ist die Pandemie eine Übung in Verzicht. Es schien mir wichtig, dieses Übungsangebot anzunehmen, auch im Hinblick auf Kommendes, denn es wird kaum die letzte Verzichtsübung gewesen sein. Dass sich diesmal nicht alle darin üben wollten, und die Maßnahmen auch auf massive Ablehnung stießen, das muss eine Demokratie aushalten können. Freiheit entscheidet sich meiner Ansicht nach aber nicht an der Pflicht zum Tragen einer Maske, sondern im Bemühen um Verständnis von Kontexten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Im Gleichgewicht zu bleiben. Die Wahrheit gibt es nicht, und jedem Handeln ist auch ein gewisser Grad an Nichtwissen inhärent. Diese Erkenntnis ist nicht leicht auszuhalten. Dennoch gibt es Fakten und Evidenzen, denen zu folgen ist. Die Literatur tut da nichts Besonderes oder das, was sie immer schon getan hat: Sie öffnet, eröffnet. Sie erzählt die Welt, nochmals etwas anders. Mit der Betonung auf „Etwas“. In diesem Etwas, in dieser Differenz können wir andere und uns selbst wiederfinden. Das schafft Verbindung.

Was liest Du derzeit?

Ich lese meistens verschiedene Bücher parallel. Eben habe ich Roberto Bolaños „Das Dritte Reich“ zu Ende gelesen, nicht zum ersten Mal übrigens, eine dunkle Geschichte, in der niemand weiß, was gespielt wird, auch nicht der Erzähler. Dann lese ich in letzter Zeit immer mal wieder in Louise Glücks Gedichten „Wilde Iris“, oft etwas rätselhaften, schwebenden Texten, die eine Welt evozieren, wie ich sie noch nirgends sonst gefunden habe.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

Kein Zitat, sondern ein Gedanke, der mir im Zusammenhang mit der Pandemie gelegentlich durch den Kopf ging: „Nicht bestellt und doch geliefert.“ Das kann ich auf das Virus beziehen, aber auch auf mein Leben selbst erweitern. Es kommt stets darauf an, was ich mit der „Lieferung“ beginne.

Vielen Dank für das Interview lieber Marc, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Marc Djizmedjian, Schriftsteller

Foto_Thomas Sarbacher

19.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst in diesem Zustand ist Trauerarbeit“ Eva Maria Leuenberger, Schriftstellerin_ Biel/CHE _ 15.9.2021

Liebe Eva Maria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

In Theorie sehr geregelt und aufs Schreiben/Lesen fokussiert, in Praxis momentan eher chaotisch und voller Ablenkung aus Nachrichten, Welt, und belanglosen Youtube-Videos.

Eva Maria Leuenberger, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Bescheidenheit, Bäume berühren, den Begriff „uns“ immer und immer wieder kritisch abklopfen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich mag, was Timothy Morton zu der Rolle der Kunst in der heutigen Zeit sagt: (1) “ Art in these conditions is griefwork.” und (2) “We need art that does not make people think (…) but rather that walks them through an inner space that is hard to traverse.“

und auch, von der Dichterin Linda Gregg: «Gradually there will be gardens again./ First for food and then also for flowers.»

Was liest Du derzeit?

Ecodeviance – (Somat)tics for the Future Wilderness von CAConrad und Entangled Life von Merlin Sheldrake

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“If a river is threatened, it’s the end of the world for those fish. It’s been the end of the world for someone all along.”

 Leanne Betasamosake Simpson, in: As we have always done.

Vielen Dank für das Interview liebe Eva Maria, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Eva Maria Leuenberger, Schriftstellerin

Eva Maria Leuenberger

Foto_anjafonseka.ch

17.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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