„Literatur öffnet, eröffnet“ Marc Djizmedjian, Schriftsteller_ Pfaffhausen/CH 16.9.2021

Lieber Marc, wie sieht dein Tagesablauf aus?

Morgens arbeite ich zu Hause im Home Office, nachmittags schreibe ich. Ich habe dabei das Glück, über einen Arbeitsraum zu verfügen, wo ich ungestört schreiben kann.

Marc Djizmedjian, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ein Wort, das außerhalb der Diät- und Fitnessindustrie nicht gerade populär ist, kommt mir zu dieser Frage in den Sinn: Verzicht. Die Pandemie hat gezeigt, dass gewisse Dinge, die selbstverständlich schienen, es plötzlich nicht mehr waren. Das mag banal klingen, aber so gesehen war und ist die Pandemie eine Übung in Verzicht. Es schien mir wichtig, dieses Übungsangebot anzunehmen, auch im Hinblick auf Kommendes, denn es wird kaum die letzte Verzichtsübung gewesen sein. Dass sich diesmal nicht alle darin üben wollten, und die Maßnahmen auch auf massive Ablehnung stießen, das muss eine Demokratie aushalten können. Freiheit entscheidet sich meiner Ansicht nach aber nicht an der Pflicht zum Tragen einer Maske, sondern im Bemühen um Verständnis von Kontexten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Im Gleichgewicht zu bleiben. Die Wahrheit gibt es nicht, und jedem Handeln ist auch ein gewisser Grad an Nichtwissen inhärent. Diese Erkenntnis ist nicht leicht auszuhalten. Dennoch gibt es Fakten und Evidenzen, denen zu folgen ist. Die Literatur tut da nichts Besonderes oder das, was sie immer schon getan hat: Sie öffnet, eröffnet. Sie erzählt die Welt, nochmals etwas anders. Mit der Betonung auf „Etwas“. In diesem Etwas, in dieser Differenz können wir andere und uns selbst wiederfinden. Das schafft Verbindung.

Was liest Du derzeit?

Ich lese meistens verschiedene Bücher parallel. Eben habe ich Roberto Bolaños „Das Dritte Reich“ zu Ende gelesen, nicht zum ersten Mal übrigens, eine dunkle Geschichte, in der niemand weiß, was gespielt wird, auch nicht der Erzähler. Dann lese ich in letzter Zeit immer mal wieder in Louise Glücks Gedichten „Wilde Iris“, oft etwas rätselhaften, schwebenden Texten, die eine Welt evozieren, wie ich sie noch nirgends sonst gefunden habe.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

Kein Zitat, sondern ein Gedanke, der mir im Zusammenhang mit der Pandemie gelegentlich durch den Kopf ging: „Nicht bestellt und doch geliefert.“ Das kann ich auf das Virus beziehen, aber auch auf mein Leben selbst erweitern. Es kommt stets darauf an, was ich mit der „Lieferung“ beginne.

Vielen Dank für das Interview lieber Marc, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Marc Djizmedjian, Schriftsteller

Foto_Thomas Sarbacher

19.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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