„Sich selbst und die anderen zu finden“ Tamara Stajner, Musikerin und Schriftstellerin_Romanjubiläum Malina_Wien 19.9.2021

Tamara Stajner, Musikerin und Schriftstellerin_Wien_
am Romanschauplatz_Malina_Wien.

Liebe Tamara, was bedeuten Dir Orte? Welche Inspiration haben Orte für Dich als Künstlerin?

Ich wuchs in einem Haus auf, wo kein Raum für mich allein bestimmt war. Eine Kindheit ohne äußere Ruckzugsorte. Die Familie verbrachte selten Zeit im Freien, Spaziergänge und Ausflüge oder sonntägliche Rituale waren nichts Gängiges. Ein ungewöhnlich freies, der eigenen Phantasie überlassenes Dasein.

Die Schule befand sich in unmittelbarer Nähe. Ich brauchte höchstens fünf Minuten von der Haustür bis hinter die Schulbank, der Bewegungsradius war also nicht weit. Und doch gab es ausgedehnte Monate auf der kroatischen Insel Lošinj, wo mein Vater eine Feriensiedlung führte und wo wir die Sommer verbrachten. Jene Insel ist bis heute ein verwunschener Ort geblieben, an den ich in meiner Erinnerung fast täglich zurückkehre: ans Meer, an die Küste, unter die Pinienbäume, zum Meereswind.

Im Musikgymnasium teilte ich ein Internatszimmer mit einem zweiten Mädchen und als ich später zum Studium nach Wien kam, verbrachte ich die ersten Jahre in einer Wohngemeinschaft, bis ich schließlich eine Wohnung alleine mietete und zum ersten Mal einen Raum und einen Schlüssel nur für mich hatte.

Als Kind spiegelte ich stark meine Umgebung wider, war durchlässig, habe die Konturen zwischen Eigenem und Fremden nicht klar gezogen, war wandelbar. Da ich kaum einen Ruckzugsort im Außen hatte, erschuf ich in meinem Bewusstsein unzählige Phantasieräume, die nebeneinander existierten, und durch die ich unbeobachtet wandern konnte, mich in sie zurückziehen, unbekannte Türen öffnen konnte. Dort gab es keinen Platzmangel.

Als ich also in meiner eigenen Wohnung im zweiten Wiener Bezirk stand, erst dann begann ich die inneren Welten nach Außen zu übertragen. Es half mir zu verstehen, aus welcher Stofflichkeit ich beschaffen war. Meine Affinität für Räume, für Orte, für das Schöne ist stark ausgeprägt, sie helfen mir zur eigenen Selbstenthüllung. Orte wandeln die inneren Bilder ins Reale. Sie sind die Leinwände, auf die ich meine Wahrnehmungen projiziere. Durch die Orte und Räume übe ich, ein Körper zu sein.

Welche Zugänge hast Du zu Werk und Person Ingeborg Bachmann?

Das Schöne am Älterwerden ist, dass das Gesamtbild eines Lebensweges immer transparenter wird, sich Kreise schließen, die Zusammenhänge zeigen, der Sinn aus dem scheinbar Sinnlosen zu sickern beginnt.

Der Ursprung dieser Geschichte liegt im Topografischen, schrieb Bachmann. Genauso der Ursprung meiner Neugier und Anziehung für ihr Werk und Persona. Ich las ihre Bücher, ohne auf das Ungargassenland zu stoßen. Ein paar Jahre bin ich ahnungslos am Löwentor der Ungargasse 9 vorbeigegangen, zur Musikuniversität am Anton-von-Webern-Platz, ohne es zu wissen. Der Weg führte an beiden Schauplätzen, an Ivan und an Malina, vorbei. Wenn ich meinen Unterricht nicht in der Universitätsklasse, sondern beim Lehrer zuhause hatte, so war das im Haus, wo einst Ingeborg Bachmann wohnte: In der Beatrixgasse 26, einer stillen, weiträumigen Altbauwohnung im zweiten Stock.

Als ich im darauffolgenden Sommer an meinem ersten Roman arbeitete, dessen Schauplatz das Florianigassenland war, wollte meine Lektorin, die mich beim Schreibprozess begleitete, vom Namensursprung wissen, und ich sagte, den hätte ich erfunden. Nein, du hast ihn nicht erfunden, meinte sie, es gibt das Ungargassenland. Damit begann die Reise ins Malina, in die Herzzeit, in Das dreißigste Jahr, in ein Leben, dass sich erstaunlich vertraut las.

Bachmann sieht Gesellschafts- und Beziehungswirklichkeiten sehr kritisch, wie sieht dies knapp fünfzig Jahre nach Malina aus?

Ich wünschte, ich könnte mich zurück in die sechziger und siebziger Jahre versetzen. So wäre ein Vergleich glaubwürdiger, aber meine „Eintrittskarte“ wurde fürs Ende der achtziger Jahre gebucht. Beziehungswirklichkeiten sind ein Selbsterkennungslabyrinth. Wenn das Männliche und Weibliche im Fluss sind, liegt es an einem selbst, sich darin zu finden. Sich selbst und die anderen zu finden. In einer Beziehung geht es im Grunde um die Suche: sich selbst zu suchen und den anderen zu finden, aber nicht einmal, sondern jeden Tag aufs Neue.

Gibt es ein Zitat aus Malina, das für Dich besonders bedeutsam ist?

„Ich: (tempo)Ja eben, es hat längst angefangen, war längst das Leben. (vivace)Weißt du, was ich eben an mir gesehen habe? Dass meine Haut nicht mehr wie früher ist, sie ist einfach anders, obwohl ich nicht eine Falte mehr entdecken kann. Es sind immer dieselben da, die ich schon mit zwanzig bekommen habe, sie werden nur tiefer, genauer. Ist das ein Hinweis, und was bedeutet er? Im allgemeinen weiß man ja, wohin es führt, nämlich zum Ende. Aber wohin führt es uns? in welche Faltengesichter wirst du, werde ich verschwinden? Nicht das Älterwerden verwundert mich, sondern die Unbekannte, die auf eine Unbekannte folgen wird. Wie werde ich denn sein? Ich frage es mich, wie man sich vor Zeiten einmal gefragt hat, was nach dem Tode sein wird, mit einem gleich großen Fragezeichen, das sinnlos ist, weil man es sich nicht vorzustellen vermag. Vernünftigerweise kann ich mir darunter auch nichts vorstellen. Ich weiß nur, dass ich nicht mehr bin, wie ich früher war, mir um kein Haar bekannter, mir um nichts näher. Es ist mir nur eine Unbekannte immer nachgeglitten in eine weitere Unbekannte.“?

Bachmanns Verhältnis zum Rauchen ist bekannt. Erstaunlich für mich war allerdings, dass ich mich beim Photoshooting gerade in den Momenten des Rauchens dem Roman-Ich am nächsten fühlte, obwohl ich keine Raucherin bin. Die Geste des Rauchens war im gewissen Sinne der Transmitter zwischen der Realität und der Phantasie. Solche introspektive Verschiebungen sind Nahrung, von der ich lange zehren kann, ein Bewusstseinskarussell, das Fremdes in Vertrautes wandelt.

Wie war Dein Weg zur Kunst?

Umgekehrt, vielleicht – die Kunst ist die ursprüngliche ästhetische Äußerung eines Lebens. Ich habe bloß das Glück, mich dem zur Verfügung stellen zu dürfen. Ob man die Wahl hat oder nicht? Wer weiß. In meiner Familie sind bzw. waren einige künstlerisch begabt, aber keiner von ihnen hat sein Leben der Kunst gewidmet. Meine Mutter konnte erstaunlich schön zeichnen, Kleider entwerfen, nähen, mein Vater liebte Literatur, war erzählerisch begabt, auch er konnte gut zeichnen. Als Kind malte ich gerne Malbücher aus und anstatt welche zu kaufen, strich mein Vater in der Früh, bevor er ins Büro fuhr, mit ein paar wilden Zügen Menschenfiguren in verschiedenen Stellungen aufs Papier, die ich dann ausmalte.

Die Kunst und die Intensität eines ästhetischen Daseins haben, so glaube ich, mit der Qualität der Aufarbeitung, der Transformation, mit dem Entziffern des mitbekommenen Innenarchivs zu tun, mit der Verwandlung der rezipierten Inhalte. Die Inspiration, das, was einen beseelt, einem eine Idee ein-haucht, einen bewegt, steigt aus einem Teil hervor, der im Inneren bereits vorhanden war. Inspiration ist Wachwerden. Der Mensch ist das unwiederbringliche Instrument, mit welchem das Leben ein unwiederholbares Stück komponiert; wie gut man der eigenen Tonlage zuhören, ihr folgen, sie einsetzen kann, wie man sie interpretiert und wohin man sich von ihr tragen lässt, hängt nicht nur davon ab, wie man das Instrument spielt, sondern auch wie gut man auf die anderen hört.

In welchen Bereichen bist Du als Künstlerin tätig?

Ich studierte Konzertfach Viola an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, und begann nach dem Studium interdisziplinär zu arbeiten. Seitdem verband ich performative Klangkünste, Sprache und visuelle Künste in meiner Arbeit. Im Frühjahr dieses Jahres begann ich mit meiner Promotion in Musiktheorie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Derzeit widme ich mich fast ausschließlich der Musik und der Literatur.

Was ist Dir als Künstlerin wichtig?

Ich bin sehr hungrig: Nach Empfinden, Erleben, Erkennen, Verbinden, nach Schönheit. Das zwingt mich, mein Leben als einen kontinuierlichen Arbeitsprozess wahrzunehmen. Und Humor ist mir wichtig. Humor erzeugt augenblicklich einen Perspektivenwechsel. Ich lache viel.

Was bedeutet Dir Wien?

Es hat mich erzogen und geformt. Wien ist meine Gouvernante: Streng, meint es aber gut.

Welche Eindrücke nimmst Du vom Romanschauplatz Malina mit?

Früher dachte ich oft über die Orte, an denen sich die Menschenleben abspielen, nach. Auf dem gemeinsamen Weltpodium spielen sich seit Jahrtausenden unzählbare Autobiographien parallel ab und doch findet jede ihren Schauplatz. Großteils des Lebens spielt sich in den abstrakten Gedankenwelten ab, die für jeden einzelnen seine Realität bedeuten. Im Ungargassenland, dem Romanschauplatz von Malina, ging es um die Beseelung des Roman-Ichs.

Welches Zitat Deines Romans möchtest Du uns mitgeben?

„Während wir auf sie warteten, war es uns bewusst, dass wir als Achtjährige über Dinge nachdachten, über eine Klarheit verfügten, welche die Eltern nicht ahnten und sich neben uns unterhielten, als wären wir Wände, taube Gegenstände, bloß weil wir Kinder waren. Und wir versprachen uns auf jenen Rücksitzen, wir würden uns später, wenn selbst erwachsen sind, daran erinnern: Dass wir als Kinder Vieles gesehen, Vieles gespürt, Vieles verstanden hatten.

Jede Wahrnehmung ist Versöhnung.“

http://www.tamarastajner.com/literature

Tamara Stajner, Musikerin und Schriftstellerin_Wien_
am Romanschauplatz_Malina_Wien.

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Tamara Stajner_Musikerin und Schriftstellerin_Wien 

http://www.tamarastajner.com/about

Der erste Gedichtband von Tamara Stajner erscheint im Frühjahr 2022 beim Verlag Das Wunderhorn in Heidelberg.

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_9_2021.

https://literaturoutdoors.com

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