„Diese Zerrissenheit der Welt kenntlich zu machen“ Thomas Arzt, Schriftsteller _ Wien 8.7.2021

Lieber Thomas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Irgendwann um 4 meldet sich die Kleine und will ihr Flaschi trinken, dann schlummert sie noch bis 6. Die Größere meldet sich um halb 7. Wir versuchen bis 9 im Kindergarten zu sein. Hernach kutschiere ich die Kleine rum und kaufe ein. In einer Schlafphase beantworte ich E-Mails, schreibe ein paar Zeilen, mache mir Notizen… Dann Mittagspause mit meiner Frau, die neben dem Full-Time-Job versucht, mich „freizuspielen“, damit ich nachmittags auch mal auf die Bibliothek kann, oder ein Arbeitstreffen reinzwicke. Wenn die Große vom Kindergarten daheim ist, dreht sich alles ums Spielplatzspielen, Rumturnen, Kaspertheater improvisieren, Essen kochen… der ganz normale Wahnsinn. Abends schnell zu einer Lesung, oder daheim Geschichten erfinden, die Kleine in den Schlaf schunkeln und die Große bändigen. Die Tage vergehen im Flug. Literatur entsteht nebenbei. Und, wenn die Kraft reicht, nachts. Da ist dann endlich alles still.

Thomas Arzt _ Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das weiß ich nicht. Für mich ist es ein Mix aus Gelassenheit und Unruhe, der mir wichtig erscheint. Aufschreie und Panikmache stehen mittlerweile ja an der Tagesordnung. Relativierung und tiefgehender Diskurs fehlen zusehends. Ich übe mich also in Zurückhaltung und dennoch hartnäckiger Umtriebigkeit in Sachen Gesellschaftskritik. Daneben finde ich es wichtig, auf die Kinder zu hören!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Aufbrüche ereignen sich entlang von Bruchstellen. Kunst müsste alles daran setzen, diese Zerrissenheit der Welt kenntlich zu machen. Und nicht davor zurückzuschrecken, selbst Verantwortung zu übernehmen.

So sehr von Neuanfängen in letzter Zeit die Rede war, so wenig wurde (wieder einmal) umgesetzt. Im Gegenteil. Vieles deutet darauf hin, dass die selben ausbeuterischen Systeme bedient werden, wie davor, auch in der Kunst. Letztlich sind die Mächtigen mächtiger, die Reichen reicher, etc. Viele sind mit einem „blauen Auge“ davongekommen, mich selbst eingeschlossen. Die Toten sind vergessen, aus Angst wird Übermut, unvernünftig sind immer „die Anderen“ und selbst laufe ich, weil ich es nicht besser weiß oder anders will, auf alten, gewohnten Bahnen. Schwer, das alles einzuordnen und dabei fröhlich zu bleiben. Zugleich agieren wir wohl bedauerlich menschlich und (aus meiner österreichischen Perspektive) unverhofft privilegiert.

Was liest Du derzeit?

Morgens Kinderbücher, zum Beispiel „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ (Werner Holzwarth, Wolf Erlbruch), tagsüber „Pathos und Schwalbe“ von Friederike Mayröcker, abends „Fiesta“ von Ernest Hemingway.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Papa, die Tränen sind wie Wasser. Fallen sie zu Boden, wachsen Blumen. Die sind schön.“ – „Und so vergeht die Traurigkeit?“ – „Ja.“ (Gespräch mit meiner Tochter)

Vielen Dank für das Interview lieber Thomas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

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Thomas Arzt _ Schriftsteller

Aktuell – Thomas Arzt, Schriftsteller

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6.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es ist Sommer. Der Himmel ist höher, die Tage heller und das Leben leichter.“ Daniel Klaus, Schriftsteller_Berlin 7.7.2021

Lieber Daniel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der Wecker klingelt um 6.20 Uhr. Im Halbschlaf erinnern meine Frau und ich uns gegenseitig daran, die Kinder zu wecken. Pausenbrote schmieren, Haare kämmen, Schulranzen aufsetzen, Küsse verteilen, Masken richten. Dann schwinge ich mich aufs Rad und fahre zur Arbeit. Die nächsten sechs Stunden verbringe ich an der frischen Luft. Ich arbeite als Erzieher in einer Kita. Dort ist der große Renner gerade ‚Karate Kid mit Handkantenschlag‘, eine spezielle Form des Anschaukelns. Da ich nicht Vollzeit arbeite, bin ich bereits am Nachmittag wieder zu Hause. Ich spiele mit meiner Frau eine Runde Tischtennis und sie erzählt mir von Augustin, Karl Barth und Ulrich Zwingli. Ohne sie wäre ich ein dümmerer Mensch. Am Abend vor dem Zubettbringen spiele ich wieder, diesmal ein oder zwei oder drei Partien Backgammon mit meiner großen Tochter, während die kleine sich auf dem Trampolin die Schwerkraft aus den Beinen hüpft.

Daniel Klaus, Schriftsteller

Wann immer sich ein Zeitfenster öffnet, schreibe ich. Wenn ich gut bin, schon morgens vor der Arbeit, tagsüber in den kleinen Zwischenräumen, meistens aber nachts, wenn meine Frau und meine Töchter schlafen. An den Wochenenden schenken sie mir manchmal ein paar Stunden Schreibzeit am Stück. Als Dank koche ich ihnen dafür vegetarische Lasagne, die zwei Tage reicht.

Es ist Sommer. Der Himmel ist höher, die Tage heller und das Leben leichter.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Empathie. Aufeinander schauen. Weite Herzen. Sich an dem freuen, was möglich ist. Halbvolle statt halbleere Gläser. Rhabarberlimonade. Laue Sommernächte. Eiswürfel, die in Gläsern klirren. Analoge Begegnungen und gute Gespräche.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ha! Das wüsste ich auch gern. Ich wünsche mir natürlich, dass die Literatur tröstet und heilt, dass sie Horizonte öffnet und Denken ins Positive verändert. Die Fähigkeit und Kraft dazu hat sie.

Was liest Du derzeit?

Die Paris Review Interviews mit Dorothy Parker, Francoise Sagan, Truman Capote, Ernest Hemingway…

Jochen Weeber: Das Wiehern der Seepferdchen (Erzählungen)

Callan Wink: Big Sky Country (Roman)

Philip Roth: The Great American Novel (Roman)

Rachel Kushner: Flammenwerfer (Roman)

Bastien Vivès: Eine Schwester (Graphic Novel)

Mariko Tamaki/Jillian Tamaki: Ein Sommer am See (Graphic Novel)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Karma Repair Kit: Items 1-4

1. Get enough food to eat,

and eat it.

2. Find a place to sleep where it is quiet,

and sleep there.

3. Reduce intellectual and emotional noise

until you arrive at the silence of yourself,

and listen to it.

4.

– Richard Brautigan

Daniel Klaus, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview lieber Daniel, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Ich danke dir, lieber Walter!

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Daniel Klaus, Schriftsteller

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Alle Fotos_Lidia Tirri

Lidia Tirri Fotografie Berlin

1.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Freiheit ist für mich mit Glück verknüpft“ Sarah Zaharanski, Schauspielerin_ Romanjubiläum Malina _ Wien 6.7.2021

Ingeborg Bachmann und ihr Werk sind omnipräsent, es gibt immer wieder neue Bezüge und Zugänge. Meine erste Begegnung war im Schauspielstudium in Graz. Da habe ich Ingeborg Bachmann als Schwerpunktthema eines Referates gewählt, da stand ihre Lyrik im Mittelpunkt. Ich war begeistert.

Sarah Zaharanski, Schauspielerin_Romanschauplatz_Ungargasse_Wien

Ich spielte dann 2019 in „Antigone“ am Stadttheater Klagenfurt. Die Regisseurin Lore Stefanek hat mich da auf den Film „Malina“ (1991, Regie: Werner Schroeter) mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle aufmerksam gemacht: „Diesen Film musst Du sehen!“. Barbara Schnitzler, eine tolle, erfahrene Kollegin, die ebenfalls in „Antigone“ mitspielte, erzählte mir damals auch, dass sie am Grab von Ingeborg Bachmann in Klagenfurt/Annabichl war, da bin ich dann auch hingefahren. Ich war erstaunt wie bescheiden das Grab war. Ich bin auch zweimal hingefahren, weil ich es beim ersten Mal nicht gefunden hab. Ich musste erst die Wegbeschreibung von meiner Kollegin bekommen (lacht), es ist ja ein sehr bescheidenes Grab.

Es ist grundsätzlich spannend wie Vermächtnis positioniert wird – auf persönlicher, literarischer und gesellschaftlicher Ebene. Wie positioniert sich eine Künstlerin/ein Künstler zeitlebens dazu selbst. Sind da Rückschlüsse zu ziehen was er/sie haben will oder auch nicht?

Ich kenne die Ungargasse, aber das Innere kannte ich nicht. Den Hof, das Stiegenhaus, den Keller. Dass sich alles so konkret verortet. Der Roman ist an sich ja sehr konkret mit seinen Orten.

Beruflich wollte ich unbedingt zuerst nach Deutschland, irgendwie hat es mich jetzt aber dann doch nach Österreich zurückgezogen, obwohl ich auch politisch mit Österreich nicht immer zufrieden bin. Hier gibt es eine große Neigung Themen zu verdrängen.

Als Land finde ich Israel unglaublich spannend. Ich war da zwar nur im Urlaub, aber ich habe danach auch eine zeitlang Hebräisch gelernt. Es ist eine wunderschöne Sprache. Es hat etwas Fließendes und gleichzeitig irgendwie auch was Hartes. Als wir die Familie eines Freundes besucht haben, war ich zum ersten Mal in einer Wohnung, in der es einen eigenen, bombensicheren Raum gibt. Das ist ein komplett anderes Leben als in Österreich.

In der politischen Perspektive von Partnerschaft ist Ingeborg Bachmann wegweisend. Sie war da eine Vorreiterin und hat sehr klar patriarchale Strukturen thematisiert. Da geht es um Kraft und Selbstbestimmtheit für Frauen. Um Haltungen und Positionen.

Wenn man in einer Partnerschaft lebt, verbringt man ja die meiste Zeit miteinander. Da kommen natürlich auch die schirchsten Sachen von einem raus. Wir Menschen versuchen uns ja normalerweise zusammenzureißen, aber da prallt dann das Kultivierte mit dem Archaischen aufeinander. Wo viel Licht ist, gibt es halt auch Schatten, das Verborgene. Das muss man halt irgendwie auch zulassen.

Ich finde schon, dass es in einer Partnerschaft Elemente gibt, die kriegsähnlich sein können – was so die Grundemotionen betrifft. Das ist aber halt auch ein Teil eines partnerschaftlichen Prozesses, eine gemeinsame Entwicklung. Wenn es aber wirklich zum „Krieg“ kommt, also einer „Gegnerschaft“, in der es um bewusstes Verletzen oder ums „Siegen“ geht, dann wird’s eher pathologisch. Dann sollte man es beenden. Es braucht da Mut, Erkenntnis und Konsequenz. Es kommt darauf an wie Menschen gestrickt sind, das ist halt sehr individuell.

Feminismus ist für mich ein gesellschaftliches Anliegen, auch die Männer in meiner Generation wollen diese Machtspiele nicht mehr.

Als Schauspielerin wurde ich sehr viel von Männern inszeniert und sehr oft wurden auch bloß Klischees von Frauen gezeigt. Das war dann immer wieder ein bloßes Reproduzieren. Frauen wie Ingeborg Bachmann und Elfriede Jelinek haben begonnen das zu ändern und das ist auch für mich als Schauspielerin eine wichtige Blickänderung.

Im ersten Teil von „Malina“ wird diese unterlegene Beziehung der Frau zu Ivan offengelegt. Aufgrund jahrhundertelanger Tradition kann eine Frau da immer wieder reinfallen. Es gibt da die emotionale Ebene und die Reflexionsebene.

Ich habe meinen Beruf. Ich muss nicht alles tun, was der Mann sagt. Für mich ist es aber auch ein großes Ringen, um ein emanzipiertes Leben in einer Partnerschaft. Wir tragen kleine Kämpfe in der Partnerschaft aus. Aber auch nicht alles muss ein politisches Manifest sein.

Im Studium hatten wir ein Kameraseminar bei Käthe Kratz, die ja eine der ersten weiblichen Regisseurinnen im ORF war. Mit ihr wurde mir das erste Mal so richtig klar, was Feminismus ist. Danach habe ich bei mir zuhause ein Treffen angesetzt, und die Frauen aus allen Schauspieljahrgängen eingeladen. Wir haben dann Stücke mit weiblichen Hauptfiguren und von Autorinnen gesammelt, um sie unseren DozentInnen für die Szenenstudien vorzuschlagen. Den Jungs haben wir danach berichtet, dass wir unsere BHs verbrannt haben und es war voll die Aufregung. Das war ziemlich super (lacht). Wir hatten das Gefühl, wir müssen Sachen ausprobieren, die Frauen zwanzig Jahre vorher schon gemacht, angezündet hatten. Mir wurde bewusst, dass es da nicht um ein schnelles Posting geht, sondern um ein ständiges Bemühen, Verändern-Wollen. Es geht jetzt um klares Positionieren und Benennen von Macht und Missbrauch. Dass es kein T-Shirt-Feminismus wird, sondern nachhaltig ist. Was sind die Themen? 

Es gibt auch tolle Vorbilder. Ich treffe im Berufskontext immer wieder Kolleginnen, die ich bewundere und denke, geil was ihr macht und wo ich mir etwas abschauen darf – im Frausein, im Schauspielerinsein. Da habe ich nicht den Eindruck des Klischees von zickigen Schauspielerinnen, die sich von den Jüngeren bedroht fühlen. Ich fühle mich da oft sehr unterstützt.

Aber man darf halt nicht aus dem Blick verlieren, dass man als Frau in Europa ganz andere Möglichkeiten hat, als in anderen Kontinenten.

Die Frage von Partnerschaft sollte immer auch gesellschaftlich gesehen werden. Und diesen patriarchalen Druck gibt es. „Malina“ war und ist da auch ein wichtiger Impuls zur Bewusstwerdung: Wenn man als Frau maximale Freiheit anstrebt, kann man dabei draufgehen.

Persönlich fühle ich, dass mich weniger das Patriarchat, als vielmehr die Gesellschaft als Ganzes erdrückt. Weil es Regeln gibt, um bestimmte Ziele zu erreichen, die ich aber vielleicht nicht annehmen will. Ich möchte eigenen Entscheidungen folgen, aber finde, es ist in Kunst und Leben nur bedingt möglich. Das ist auch ein persönlicher Prozess. Etwa, was braucht es am künstlerischen Weg? Und was, wenn ich mich an bestimmte Regeln nicht halten möchte? Ich würde mir da mehr Freiheit wünschen und weniger Hierarchie. Für mich beschreibt „Malina“ ja dieses „Tun-Müssen – wieso?“.

Eine bewusste Entscheidung ist immer eine sehr kraftvolle, weil es auch oft eine Entscheidung gegen Regeln ist. Etwa gegen eine Rolle als Frau/Mann.

„Malina“ ist visionär, so klug in der Beschreibung des Menschseins. Das macht wahrscheinlich das Zeitlose aus.

Wir alle wollen in der Gegenwart ankommen, im Bewusstsein und Leben, im Jetzt. Die Analyse dazu, die Beschreibung im Kopf, greift aber immer zurück auf die Bausteine des Gewesenen. Das Jetzt ist ja eigentlich nur: wenn ich jetzt auf der Straße im Regen singe (lacht).

Freiheit ist für mich verknüpft mit Glück. Für mich ist Leben das, was man nicht plant. Man umarmt das Leben. Die Sonne, den Regen, trinkt Wein in Spanien. Ich bin da. Es ist super. Emotion, Bauchgefühl.

Emotionen sind Freiheit.

Ein Buch geht natürlich durch den Kopf. Das ist großartig, aber zuerst glaube ich, ist aber immer das Gefühl da, dann erst die Kunst, das Buch.

Seinen Leidenschaften nachgehen, seinen Weg finden. Für mich ist alles gut, was mich erdet. Ich bin sehr impulsiv und emotional (lacht).

Ich bin seit drei Jahren in Wien, fühle mich aber noch ein bisschen fremd. Ich hab hier aber bisher auch noch nicht Theater gespielt, jetzt kam Corona noch dazu. Ich brauche noch etwas Zeit mit dieser Stadt. Das Wesentliche sind für mich die Cafès und Bars (lacht). Einfach Begegnungsorte, Treffpunkte. Das war mein zwölfter, dreizehnter Umzug hier nach Wien.

„Malina“ inspiriert, bei allem Leiden seinen Weg zu gehen. Im besten Fall ist es ein glücklicher Weg – nicht nur schwer, sondern auch schön.

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Sarah Zaharanski_Schauspielerin _Wien _ Station bei Ingeborg Bachmann _Romanschauplatz Malina_5_2021

Sarah Zaharanski – Schauspielerin / Actress

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ 5_2021.

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„art is the voice of the dead, the people long gone“ Ragnar Helgi Olafsson, writer Reykjavík, Iceland 6.7.2021

Dear Ragnar Helgi, what is your daily routine now?

My daily routine is non-existent. This is the situation today but also pre-covid, I am afraid. Many of my colleagues feel that a regular schedule as pivotal to efficiency. I don’t. Some days I am teaching (over Zoom or in person), some days I am working on book design assignments, some days I work as a trash-collector, some days I work as an editor of my publishing house Tunglið (The moon), some days I make poem-letters, some days I doing ornithology-work (like these last 10 days), some days I work on fiction, some days I write poetry and some days I don’t do much of anything.

These intermittent lockdowns that we have been experiencing over the last year, therefore haven’t been particularly helpful to my writing, some writers like the quiet but I like it only when contrasted with noise. Artists are different in this respect but I have found that being active in the world, engaging with projects, people or birds actually makes my writing more free and flowing. Too much solitude makes the joy I find in writing fade. On a perfect day I think I would be out in the world from morning and then back home by evening writing into the night. Out there somewhere over the horizon there is a perfect balance, struck there between withdrawal from the world and engagement with it, between the vita activa and the vita contemplativa – but I am still trying to find it. I’ll let you know if I stumble upon it.

What is particularly important for all of us now?

These days in Iceland spring is trying to be born from a merger of stinging artic winds and hars sunlight. The pools are open again (I need to swim every day), people are being vaccinated – and one almost hears a communal sigh of relief being breathed, by both nature and people. It is strange to see how fast we go into our old grooves: Embracing each other again, getting preoccupied by work again … I have a feeling most things will settle back into the way they were before. 2020 will be like a dream, forgotten as soon as it is over, much like the presidency of Donald Trump … like something that happened in another lifetime.

I always feel kind of uneasy about answering big questions like this, as if being an artist gives me some special insight. The artist sometimes sees into the future but that doesn’t mean he knows what it means. I know only what new beginnings I try to evoke every morning for myself personally and that is simply to remind myself to notice the space between the branches of the trees and to try not to smoke any cigarettes. Life is messy, I don’t really know how to work it, either on a personal level let alone, social or global one.

We will all now face a new departure, socially and personally. What will be essential and what role will literature, art itself, play?

Art can be useful in many ways. One thing I personally seek in art is the voice of the dead, the people long gone, be they homeric heroes or dirt poor Icelandic farmers from the 19th century. This makes me ever so slightly more humble, and hopefully also makes me less sure of my views and political opinions and my judgements of other people, living and dead. Art can be a great help to individuals and societies but usually this happens in ways that creators of the artwork didn’t plan. And I thank god for that. Otherwise the responsability would criple all creation.

What are you currently reading?

I have been re-reading a lot of the sagas since Christmas. Some I haven’t read since school. They are much better than I thought, stranger than I remembered, and also much richer with humour than I thought. I don’t know why but have a strange tendency to assume that the ancients never joked or fooled-around.

I am also reading a lot of old Icelandica, biographies of people from the 19th and early 20th century full of recollections of dreams, strange kindnessess, drownings, horrors and rhymes. On my tabel at the moment: „Breiðfirskar sagnir I and II“, these are true stories of humans and hidden people, from the islands of Breiðafjörður, which is an area I know well since I go birding there for a month every summer. 

I am also reading Anne Carson’s Glass, Irony and God. I am trying to choose which of her books I would like to translate into Icelandic. 

Which quote, which text impulse would you like to give us?

Earlier today I stumbled upon a note I made a while back, on the note it says that the quote is from Erwin Schrödinger: „Die gegenwärtige Situation in der Quantenmechanik“ Naturwissenschaften numb. 23, 1935. P. 823–828. I don’t know where I found it and sure as hell don’t know how it connects to dead cats or living ones or Quantum mechanics in general but I think it is very helpful reminder to poets and artist, to never forget that: „There is a difference between a shaky or out-of-focus photograph and a snapshot  of clouds and fog banks.“

Ragnar Helgi Olafsson, writer, Schriftsteller

Thank you very much for the interview, dear Ragnar, all the best for you and your grandios literature projects!

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Ragnar Helgi Olafsson, writer, Schriftsteller

Ragnar Helgi Ólafsson – ELIF VERLAG

Fotos_1 bicnick B&W; 2 BET; 3 Saga Sigurdardottir.

25.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Mich in Traumwelten flüchten, die Realität anpacken“ Tibor Schneider, Schriftsteller _Esslingen/D 5.7.2021

Lieber Tibor, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mich in Traumwelten flüchten, die Realität anpacken. Wie meine Traumwelten aussehen, zeigt die Kunst, meine zwei Gedichtbände „zimt fuer deutschland“ und soeben erschienene „magnesiumsgeschwindigkeit“. Die Realität bedeutet, meine Kriegserfahrung, Trennung, Schmerz, den Flüchtlingen helfen, die ich unterrichte, die schlimmeres Leid als ich erfahren haben, Whiskey und Schlaftabletten … zu meistern. Aber auch meine Kinder zu wickeln, Brei zu geben, in den Händen halten, Kissenschlacht regelmäßig sonntags im Bett zu machen, ein Lächeln in ihren Gesichtern zu erfahren. Das ist mein Alltag.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das vermag ich leider nicht einzuschätzen, was für uns alle besonders wichtig ist. Vielleicht einfach nur: zu überleben.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wenn ich an den großen Roman „Glasperlenspiel“ von Hesse denke, dann hat das seelisch-geistige „Kastalien“, dann haben Literatur, Kunst sowie Literaturwissenschaft ausgedient und ein jähes Ende vor sich und vielleicht ist man schon kurz davor. Jedenfalls ist die Wahrnehmung durch Corona in der breiten Schicht der Bevölkerung die, dass es sich bei den obengenannten Bereichen um puren, nicht systemrelevanten Luxus handele, womit die Gesellschaft gar nicht mal mit Hesse nonkonform wäre. Ein Aufbruch erst danach, nach Corona, wäre aber denkbar und sogar möglich. In welcher Transformation auch immer dieser sein wird, lässt sich schwer sagen. Möglicherweise wird es, wenn Hesse Recht behält, ein harter, negativer Cut.

Was liest Du derzeit?

Ich lese sehr viele Youtube-Kommentare, Facebook-Comments und Co., weil diese einen unglaublichen sprachlichen Pool und eine Quelle der Kreativität für  mich bilden. Meine Gedichte sind ihnen verwandt: experimentell, post-dadaistisch ]what ever it means[ oder als: LOST in POSTpOETRY tragende und der heutigen Sprache des Hier und Jetzt (z. B. durch die so-called techne der „Facebook-Sprache“, die DADA damals nicht zur Verfügung stand) verpflichtete Texte.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Auf jeden Fall Hegel:

„Das Andere für sich ist das Andere an ihm selbst, hiermit das Andere seiner selbst, so das Andere des Anderen, – also das in sich schlechthin Ungleiche, sich Negierende, das sich Verändernde. Aber ebenso bleibt es identisch mit sich, denn dasjenige, in welches es sich veränderte, ist das Andere, das sonst weiter keine Bestimmung hat; aber das sich Verändernde ist auf keine verschiedene Weise, sondern auf dieselbe, ein Anderes zu sein, bestimmt; es geht daher in demselben nur mit sich zusammen. So ist es gesetzt als in sich Reflektiertes mit Aufheben des Andersseins, mit sich identisches Etwas, von dem hiermit das Anderssein, das zugleich Moment desselben ist, ein Unterschiedenes, ihm nicht als Etwas selbst zukommendes ist.“ (G. W. F. Hegel, WdL I, S. 127)

Und weiter: „Die Bestimmung ist die affirmative Bestimmtheit als das Ansichsein, dem das Etwas in seinem Dasein gegen seine Verwicklung mit Anderem, wovon es bestimmt würde, gemäß bleibt, sich in seiner Gleichheit mit sich erhält, sie in seinem Sein-für-Anderes geltend macht.“ (G.W.F. Hegel, WdL I, S.132)

Tibor Schneider, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview lieber Tibor, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Tibor Schneider, Schriftsteller

Fotos_privat.

18.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ein liebevoller Umgang miteinander ist unsere einzige Chance“ Florian Stanek, Schauspieler_ Wien 4.7.2021

Lieber Florian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zur Zeit probe ich für eine Operettenproduktion in Bad Ischl. Mein Tagesablauf ist immer sehr davon abhängig, ob ich gerade in einer Theaterproduktion engagiert bin, oder an meinen Texten arbeite. Beides hat seine Licht- und Schattenseiten. Während ich beim Schreiben die Freiheit genießen, alleine für meine Tagesplanung verantwortlich zu sein, tut es in Produktionen auch wieder gut, unter Menschen zu kommen und mit diesem äußeren Konstrukt eines Probenplans umgehen zu müssen. Zwischen diesen beiden Welten lebt es sich ganz abwechslungsreich. Zur Zeit sitze ich also in meiner Theaterwohnung, bereite mich morgens auf die Probe vor, arbeite mit den KollegInnen, gehe in meinen Pausen spazieren, bade in der Traun oder trinke herrlich bourgeois wie vor hundert Jahren Melange an der Esplanade und esse Marillenknödel. Es hat hier etwas von Venedig, wo man nicht mehr zwischen Kitsch und Realität unterscheiden kann und einem eigentlich nichts übrig bleibt, als sich dieser operettenhaften Illusion in die Arme zu werfen.

Florian Stanek, Schauspieler, Sänger, Autor

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Liebe. Was sonst? Gemeinsam mit meinem Komponisten Sebastian Brandmeir habe ich im letzten Jahr an einer Kammeroper über Corona gearbeitet. Ein Auftragswerk, wir hätten uns an das Thema sonst nicht herangetraut. Und bei dem ganzen Nachdenken über Coronaskeptiker und die Spaltung in unserer Gesellschaft kommt man doch immer wieder auf den gleichen Grund: Ein liebevoller Umgang miteinander ist unsere einzige Chance. Nicht, dass Streitlust und Auseinandersetzung dabei ruhiggestellt werden sollen – aber mit ein bissl Liebe geht es doch viel besser. Verzeihung, vielleicht eine Nebenwirkung von Franz Lehárs Musik, der ich zur Zeit viel ausgesetzt bin.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dem Theater, der Kunst an sich zu?

In dieser Zeit, wo der Tod so präsent war im allgemeinen Bewusstsein – denn das ist es ja, was jede Maske, jeder Test uns erzählt: Sie sollen vor dem Tod schützen – also nach dieser Zeit sind wir, glaube ich, alle ausgehungert nach schönen Dingen. Gemeinschaft, Essen, Kultur, Leben. Und nichts kann diesen Hunger mehr stillen, als das Theater/die Bühne. Denn es ist das unmittelbarste Erleben von Kunst, in seiner Vergänglichkeit, in dem gemeinsamen Erfahren. Wie schlimm war es, zu erleben, dass Theater als Stream einfach nicht funktioniert. Bei allen Innovationsversuchen fehlt doch immer das Wesentliche: Ich sitze mit anderen Menschen vor den Akteuren. Ich reagiere auf die, die reagieren auf mich, alle reagieren auf alle. Das ist eine dem Menschen eingeschriebene basale Erfahrung und ein Bedürfnis. Vielen Zuschauern ist ja nicht bewusst, dass jedes Sesselknarren, jedes Atmen den Verlauf des Abends beeinflusst. Zuschauer haben eine enorme Verantwortung. Die Art wie man zusieht, verändert das Gesehene, nicht nur für einen selbst, sondern für alle. Man merkt das schon bei einer Probe. Sobald jemand Neues den Raum betritt, egal ob der Intendant oder die Putzfrau, wird anders gespielt. Ich glaube, dass das Bewusstsein um diese Macht des Zuhörens auch für unsere Gesellschaft enorm relevant ist. Und das können wir im Theater erfahren.

Was liest Du derzeit?

Meine Schwester, die immer dafür sorgt, dass ich mit hochwertigem Lesestoff versorgt bin, hat mir „Fahles Feuer“ von Vladimir Nabokov geschenkt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Liebe dich selbst wie deinen Nächsten.

Florian Stanek, Schauspieler, Sänger, Autor

Vielen Dank für das Interview lieber Florian, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Florian Stanek, Schauspieler, Sänger, Autor

Florian Stanek • Schauspieler | Sänger | Autor (flostanek.at)

Fotos_Konstantin Reyer

1.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Zu wagen, zu machen, zu sagen, was eben aus dem Geist in die Welt muss“ Annamaria Kowalsky, Komponistin_Wien 3.7.2021

Liebe Annamaria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin recht beeinflusst vom Ort, an dem ich aufwache – ich habe eine
Wohnung in der Josefstadt und ein Häuschen im Wienerwald und verbringe
etwa die Hälfte der Zeit am jeweiligen Ort. Meine Tagesabläufe variieren stark
und sind von meinen Projekten geprägt. Ich arbeite sehr intensiv, dementsprechend wichtig sind für mich Momente der Stille und Phasen der Regeneration. Ich nehme mir auch bewusst Zeit, um Neues auszuprobieren und zu lernen, ich finde die Konfrontation mit dem eigenen Unvermögen und den verschiedenen Phasen des Lernens sehr gesund, außerdem hat dies das natürliche Spiel in mein Leben zurückgebracht.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ehrlichkeit und die Besinnung auf sich selbst. Die Menschen wurden in den
letzten Monaten in einem außergewöhnlichen Maße auf sich selbst
zurückgeworfen, das birgt ein unglaubliches Potential, auch wenn der Prozess
unangenehm und schmerzhaft sein kann.

Als Mitmensch zählen nun Empathie und Ernsthaftigkeit, in dem Sinne, dass
man die Zustände des anderen ernst nimmt und nicht aus dem eigenen Kontext
heraus relativiert. Jeder agiert als Hauptrolle seiner Geschichte und in den
seltensten Fällen weiß man als Nebenakteur über alle Hintergründe Bescheid,
da fände ich es wichtig einfach Raum zu geben und da zu sein. Ein offenes Ohr
und ein hörender Geist sind mehr wert als die meisten Ratschläge zusammen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen.
Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der
Kunst an sich zu?

Für mich ist die Konfrontation mit Kunst vergleichbar mit dem Betreten eines
Raumes, man trifft darin aber auch immer einen Teil von sich selber an. Die
Kunst, die während der Pandemie und danach entsteht, ist natürlich stark von ihr geprägt, Krisen waren schon immer ein Nährboden für Kunst.

Was aktuell passiert muss auch mal verdaut werden, Einsamkeit, Distanz und Isolierung sind große Themen, die in einer Begegnung in und durch die Kunst auch gemeinsam verarbeitet werden könnten.

Ich denke, den Menschen wurde auf unangenehme Weise klar, wie relevant
Kunst für die Gesellschaft, nicht nur für die Besucher, sondern auch für die
Schaffenden ist, denn es braucht diesen Ernst der Menschen, die spüren und
wissen, dass ihr Ausdruck es wert ist, entlohnt zu werden. Künstler sind die
mehr oder weniger geheimen Vorbilder der Gemeinschaft – die, die sich trauen
der inneren Stimme zuzuhören, zu wagen, zu machen, zu sagen, was eben aus
dem Geist in die Welt muss.

Was liest Du derzeit?

„Wenn Mütter nicht lieben“ von Susan Forward und „Rettet das Spiel“ von
Christoph Quark und Gerald Hüther

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Der Künstler ist ein Behälter für Emotionen, die aus der ganzen Welt kommen:
vom Himmel, von der Erde, von einem Stück Papier, von einer vorübergehenden
Form, von einem Spinnennetz.“
Pablo Picasso

Vielen Dank für das Interview liebe Annnamaria, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musik-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Annamaria Kowalsky, Komponistin, Musikerin, Künstlerin

Annamaria Kowalsky

Foto_Selbstporträt_ Annamaria Kowalsky

29.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Zukunft ist in meiner Vorstellung pluralistischer und ökonomisch gerechter“ Lukas Johne, Schauspieler_ Wien 2.7.2021

Lieber Lukas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Interessanterweise wie auch schon die Jahre davor, Covid-19 hat einige Menschen in meinen Lebensrythmus gezwungen, wie ich amüsiert feststellen konnte:

Aufstehen um 6 Uhr früh. Ausgiebiges Frühstück, danach Arbeit an meinem aktuellen Stück und/oder Text lernen. Dann Sport und Theaterproben. Dazwischen Castings, Networking, Festivalorganisation und ehrlicherweise „unwinding“ auf Youtube. Vorfreude auf das Abendessen, vorzugsweise immer mit Menschen wenn möglich! Um 9 ins Bett und lesen.  

Lukas Johne, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es sollte uns klar sein, dass niemand die Antwort hat. Umso wichtiger ist es, solidarisch mit den Entscheidungen anderer umzugehen und sich in Toleranz zu üben um die Krise zu meistern. Die Zukunft ist in meiner Vorstellung pluralistischer und ökonomisch gerechter (Stichwort bedingungsloses Grundeinkommen).

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Aufbruch und Neubeginn begleiten uns immer und überall. Ihre Abwesenheit führt zu einem falschen und gefährlichen Sicherheitsdenken. Ein permanentes Sich-Neu-Erfinden sollte ein Grundwert in unserer Gesellschaft sein, dann wären auch Krisen leichter abzufangen. Dazu muss man sich allerdings unangenehmen Themen wie Bequemlichkeit, Angst oder Obrigkeitshörigkeit stellen. In meinem Verständnis von Kunst stellt sie sich diesen Themen und nutzt ihre Mittel, um sie zugänglicher zu machen. Kunst bzw. in meinem Fall Film und Theater bereiten komplexe Zusammenhänge auf emotional zugängliche Weise auf. Die Werke von Shakespeare, Aischylos oder Kieslowski, bzw. die darin behandelten Themen geben der eigenen Identität Kontur und lehren Reflexion.

Was liest Du derzeit?

Immer mit mir in meinem Bett: SHAKESPEARE COMPLETE WORKS. Dazu Mario Puzo’s THE GODFATHER. Ein Büchlein über KünstlerInnen, die im 2. Weltkrieg ins südfranzösischen Exil gingen, das ich für eine Performance am 13.6. (auf 2000 Höhenmetern) lese. UNSTRUNG HEROES von Franz Lidz. Sukzessive arbeite ich mich unregelmässig und nebenbei an Cervante’s DON QUIXOTE und Dante’s GÖTTLCHER KOMÖDIE sowie an ULYSSES ab. Ich arbeite auch gerne mit dem Zufallsprinzip und hoffe dass mir der offene Bücherschrank bald wieder ein Buch von Douglas Coupland entgegenwirft, es muss allerdings im englischen Original sein. 

Und in der aktuelle Ausgabe der Ö1 Bücherbox spreche ich mit Julia Reuter über THE PRICE OF SALT von Patricia Highsmith.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

So gut wie unmöglich sich zu entscheiden, es gäbe so viele offensichtliche Zitate aus aktuellen Stücken oder von oben genannten AutorInnen. Aber ich nehme eine meiner ganz persönlichen Lieblingsstellen:

Ah, when to the heart of men, was it ever less than a treason, to go with the drift of things, to yield in grace to reason and to bow and accept the end of a love or a season.- Robert Frost

Vielen Dank für das Interview lieber Lukas viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Film-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Lukas Johne, Schauspieler

lukasjohne.com

Foto_Tobias Holzer

8.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Aufzeigen, vermitteln, kritisieren oder ein Refugium bieten, das alles kann die Kunst“ Adele Maria Knall, Musikerin, Bildende Künstlerin_Wien 1.7.2021

Liebe Adele, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Kurz vor dem Mittagsjournal wache ich auf, wische mir das Buch und den Laptop aus dem Gesicht, setzte mir den Kapuzenpulli auf, damit meine fettigen Haare verdeckt sind und gehe in die Küche, um mir einen frisch gepressten Orangensaft zu pressen. Dann ärgere ich mich über das viele Fruchtfleisch und meinen scheinbar notwenigen Konsum von Zitrusfrüchten. Ich lausche Passagen des Journals, bemühe mich dabei stets Störgeräusche aufzudrehen, wenn der mit dem Geilomobil, oder der mit dem gut gelüfteten Laptop sprechen und überlege mir, was ich die letzten Tage so nicht getan habe und mir heute wieder vornehmen könnte. Die Liste ist zum Glück sehr redundant, so kann mir niemals fad werden.

Der Plan wird geschmiedet, dabei eventuell eine Pflanze umgetopft, oder ein Tisch abgeschliffen.

Adele Maria Knall, Musikerin, Bildende Künstlerin

Dann der dritte Kaffee. Ohne Kaffee geht sowieso meist nichts, also gehen schon irgendwie, aber  – wirklich, – warum?
Wichtig wird nun das Mittagessen, das muss nämlich so geplant sein, je nachdem wie das Abendessen aussieht.
Dabei gelten folgende Regeln:
1) Am Abend ein großes Mahl, Mittagessen sehr gering halten

2) Am Abend ein schmächtiges Mahl, eventuell gar eine Jause, beim Mittagessen zulangen, was nur geht. Je reichhaltiger desto besser.

3) Gibt es Fisch, so muss dieser abgeholt werden, also eher geringes Mittagessen
4) egal, bestellen, meine Adresse ist weltbekannt.

Nach all der logistischen Arbeit habe ich mir das erste Bier verdient. Es ist kalt und erfrischt genau richtig, um nun ans Werk zu gehen. Nach mindestens 20 minütiger Schwerstarbeit des Denkens, das die Welt revolutionieren und ja! in Erstaunen versetzen wird, kommt das wohlverdiente Mahl und danach der sehr wohl wohlverdiente Kaffee.

Möglicher Weise treffen mit Menschen , obwohl ich dem ja prinzipiell schon kritisch gegenüber steh.

Dann werden Balken aus den Fenstern geworfen, um diese zu Sägen und schlussendlich in den Ofen werfen zu können.

Eventuell muss auch ein zaunloses Tor aufgeflext werden, Handschuhe und Brille(n) sind dabei von Vorteil.
Nun etwas Tee und Literatur. Im besten Falle mit Schnee im Hintergrund und einem goldenen Engel neben sich. Ich spreche natürlich von Apotheker-Rum.

Nach ungefähr fünf Minuten müssen die sozialen Medien gecheckt werden, nicht das jemand ein Like vergessen hat zu setzten, wir sind ja alle cool.
Dann ein Blick nach Links auf den Zirbenbrand, drei innerliche Nein und vier Worte später im Buch, wird beschlossen einer wird schon nicht schaden, nein, gar gut tun.

Das Buch liegt noch eine Weile in der Hand und liest die schweifende Blicke in die Landschaft.
Dann wird es meist sehr spontan dunkel und der Salon erhellt.
Dort wird Element of Crime und Betty Davis aufgelegt, geschmückt mit Lizzo und GURLS.

Die Flasche Brand wird unter die Lupe genommen, wichtige philosophische Diskurse erfunden und der Moment der absoluten Wahrheit bricht herein.
Dann muss ich schlafen gehen, denn soviel Wahrheit ist schwer zu ertragen. Ja auch von mir.
Täglich noch dazu.

Mancher Tags ist es auch etwas anders. Deshalb habe ich der Übersichtlichkeit halber ein Tagesroulette entworfen. Dabei wird der Tag in 5 Abschnitte gegliedert, diese wiederum beinhalten verschiedenste Aufgaben. Meist verläuft ein Tag mit mindestens 6 Punkten pro Abschnitt. Diese können sich auch wiederholen. Ab und an gibt es dann auch noch Abschnitt 0 und Abschnitt VI:

IIIIIIIVV
a) Aufstehen zum Mittagsjournala) Kaffee trinkena) in die Sonne schauena) bell hooks zur Weltpräsidentin erklärena) (online) Veranstaltungen besuchen
b) Tee kochenb) Phoenixen Rätsel lösenb) Getränke besorgenb) Arbeitstreffenb) (online) Veranstaltungen durchführen
c) Buch/Computer aus dem Gesicht wischenc) Brille suchenc) Einheizenc) Exceltabellen bearbeitenc) Erledigte Tabs schließen
d) von einem vergessenen Rückruf aufwachend) Schlüssel suchend) Window-Online Shoppend) Onlinemeetings/-workshops vorbereitend) nach leistbarem Arbeitsraum suchen
e) Mails checkene) Telefonierene) mit der Nagelschere Haarspitzen schneidene) Noch mehr Telefonate führene) Bandbesprechung
f) in die Werkstatt gehenf) Pflanzen gießenf) einen neuen Versuch des Aufwachens startef) Emails beantwortenf) Mit den Liebsten Platten hören
g) Video schneideng) Leseng) In Baumkronen starreng) Laurie Anderson Platten höreng) bell hooks Talks hören, oder darüber schwärmen
h) Orga Arbeith) An Einreichungen arbeitenh) Kaffee kochenh) Nummern arrangierenh) Emails mit neuen Bücherbestellungen an die liebsten Buchhändlerinnen schicken
i) verkatert seini) Sound schneideni) Fehler im Circuit sucheni) Vorkehrungen für Veranstaltungen treffeni) Diskutieren
j) Dreck runter waschenj) Druckenj) Leistbaren Wohnraum suchenj) Workshop haltenj) Late Night Arbeitstreffen
k) Tanzstundek) Lötenk) Final Mixes anhörenk) Schreibenk) Kurz vor Deadlineende Einreichungen abschicken
l) zum Instrument rollenl) Schweißenl) Probenl) Studio Arbeitl) Drucke vorbereiten/ Siebe beschichten
m) Probe vorbereitenm) Prokrastinierenm) Teammeetings beiwohnenm) Probenm) Künstler:innen googlen und Arbeiten ansehen
n) Förderabsagen durchsehenn) Farben gegen eine Wand werfen, oder auf michn) Einreichungen schreibenn) Kaffee Adele vorbereitenn) Aperolspritz nach Venediger Art trinken und Konzerten nachsehnen (z.B.: Biennale Eröffnung in Venedig für Renate Bertlmann)
o) Unio) Spielen/ Übeno) Dokumentationen erstelleno) Abrechnungen macheno) Versuchen meine Arbeit in Worte zu fassen
p) Baustelle filmenp) Nachbarinnen zuwinkenp) Rechtssituationen durchlesenp) Freund:innen anrufenp) Termine fixieren/herum schieben
q) ins Schmelzwasser hüpfenq) Inspiration sammelnq) Finanzpläne erstellenq)q) Homepage aktualisieren und mit selbstgelernten CSS Haks zerstören, dann versuchen zu fixen
r) Träume weiter träumenr) Selbstbemitleidenr) Üben, oder so tun als obr) Weltrevolution ausrufenr) in der Werkstatt das Nachtfeuer entfachen
s) versuchen zu verstehen, wo ich gerade bins) Spazieren gehens) Booking vorbereitens) kleine Pause nach 12h Computerarbeits) mit Menschen neue Projektideen besprechen
t) ins C.I. Kaffee trinken und schreiben gehent) Zukunftspläne verwerfent) Für Projekte recherchieren und mich in Tabs verlierent) Schleifen und Lackierent) Erinnern welcher Tag heute ist und was am nächsten zu tun ist
u) die Kinder, die mich wecken, verfluchenu) Essen bestellenu) Neue Nummern schreibenu) Feuer machenu) täglich neue To-Do Listen schreiben
v) auf die Couch legen und irgendeinen Blödsinn schauenv) Einkaufenv) Ins Studio laufenv) Auf Eisen hauenv) Rider/Infopackerl ausschicken
w) Kaffee kochenw) Realisieren, dass nichts offen hatw) Projektideen ausarbeiten und mindestens dreimal verwerfenw) Flexenw) Material schneiden und bearbeiten
x) lesen/ hören was in den letzten Stunden passiert istx) Weltrevolution planenx) Lesenx) Werbung machen und Veranstaltungen erstellenx) Archivmaterial hochladen
y) Konzertanfragen durchleseny) Buchhaltung macheny) Schreibeny) Schnell noch Einkaufen laufeny) Spät-Nachts-Solo-Jam
z) mit Schlaf in den Augen zum Teammeeting auf Zoomz) Organisieren/ Kuratieren/ Zeitpläne erstellenz) Anrufe erledigenz) Aufräumen/ Putzenz) Geschriebenes umarrangieren/ verwerfen/ löschen/ abspeichern und nie mehr ansehen



Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Leg dir die Dinge zu, die dir gut tun. Besorg dir den Schnaps, den du gerne trinkst. Den billigen Rotwein hast du schon viel zu oft in deinem Leben getrunken, besser wird er nicht und He! ein echter Aperol Spritzer, mit richtig gutem Prosecco und den besten grünen Oliven – genau das hast du dir verdient!
Und dann trinken wir noch einen auf unsere vermissten Wirtinnen, die alle paar Wochen Scheinaufsperren und nichts bekommen für ihr allgemein anerkanntes Psychologinnendiplom!
Wir malen Bilder für sie mit den allerbesten Acrylfarben, speziell in türkis, pink und weiß. Dann warten wir auf die nächste HFF Zusage und lieben unseren Comebackbonus bei der Buchhändlerin ums Eck und kaufen ein Ticket fürs Zukunftskino.

– Stopp. Moment Mal! Was war nochmal die Frage?

Achja, wichtig:

Zuhören, die Augen offen lassen und laut sein, wenn Ungerechtigkeit passiert.
Aufstehen und Kritisieren. Reflektieren und auf sich selbst schauen, um auch wirklich für andere da sein zu können und nicht nur so tun als ob, oder einer Gruppe ohne Hinterfragen nachzulaufen.

Sich nicht neofeudalistischen Systemen unterordnen, sondern gemeinsam andere entwickeln und leben.

Selbstliebe nach bell hooks lernen, und ab und zu einfach mal die Pappn halten.

Auf neue Menschen zugehen und ihnen und sich selbst Raum geben.

Privilegien abchecken und nicht davon ausgehen, dass wir über eine Person einfach urteilen, oder uns mit ihr vergleichen können.

Wieder lernen ehrlich mit einander zu kommunizieren, das Ego mal auf Urlaub schicken und wenn möglich, mit einem One-Way-Ticket.

Nie aufhören zu lernen, nie aufhören zu hinterfragen, sehr wohl aber aufhören Menschen zu kategorisieren und traumatisieren.

Banden bilden, sich gegenseitig austauschen und bestärken. Anstrengend bleiben!


Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich denke nicht, dass wir „jetzt“ vor einem Aufbruch und Neubeginn stehen, nehme aber gerne den Optimismus der Frage als Hoffnungsschimmer an. Soziale Ungerechtigkeit, Diskriminierung, struktureller Rassismus und Sexismus, ungerechte Verteilung von Geld und Ressourcen sind Problematiken, die uns seit Ewigkeiten als sozialer Organismus durchziehen. Das letzte Jahr hat dies nur für einige mehr an die Oberfläche geschwappt.

Wir stehen nach wie vor an dem Punkt unsere Gesellschaft kritisch hinterfragen zu müssen und aus der Geschichte zu lernen, nicht diese zu wiederholen. Sie neu zu formen und Raum zu schaffen.
Da kann die Kunst schon helfen, Repetition im Pinselstrich, im Schweißpunkt, im Gliedsatz genügt meines Erachtens und kann hier auch ganz befreiend sein. Da muss es nicht anders ausgelebt werden.
Durchziehen, Verbinden, Aufreißen und Stoßen, das kann die Kunst auch ganz gut.

Sie bietet sich auch gut als Therapieform an, bei etwaigen Machtfantasien zum Beispiel. Könnte doch vielleicht eine gute Ausbildungsvoraussetzung für manche Posten sein?

Aufzeigen, Vermitteln, Kritisieren, Aufmerksam machen, oder ein Refugium bieten, das alles kann die Kunst.

Aber sie kann auch Kapitalismus und Markt. Und wenn wir uns diesen ansehen, so fällt doch ein spezifisches Muster der darin Herumwandernden auf.

Somit wären wir wieder beim Anfang der Antwort.

Und der Frage:
Wer ist Kunst?

Was liest Du derzeit?

Das Etikett der Zirbenbrandflasche, Amok und Koma von Heidi Pataki, Vom Ebro zum Dachstein, Just Kids von Patti Smith, Förderablehnungen für mein Album und All about Love von bell hooks.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Jo, na, mia zwa san wia da Senf, du bist schoaf und i bin siaß, mia zwa san wia da Senf und jedesmal wenn i di grias, dann denke ich unweigerlich daran, dass wir doch alle miteinander Wiaschtln san. Dann denke ich unweigerlich daran, padammdadamm, dass wir doch olle mitananda Wiaschtln san!
alte Wiener Lebensweisheit


Love is as love does.
bell hooks


P.S.: Ich fordere hiermit, dass das PR Budget der Regierung für Frauenhäuser und Gewaltprävention verwendet wird.

P.P.S.: „Wir“ haben mehr als genug Platz.

Vielen Dank für das Interview liebe Adele, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musik-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Adele Maria Knall, Sängerin, Musikerin, Bildende Künstlerin

knall.art

Fotos_1,2,6 Anna Zet; 3 Martin Feilhauer; 4 Thomas Lieser; 5 Nina Bauer;

4.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com