Es ist Frühling. 2020. Die Welt steht still. Pandemie.
Die vielfach ausgezeichnete, in Dalmatien geborene und in Berlin lebende, Schriftstellerin Marica Bodrozic, stellt sich dieser veränderten Zeit in Reflexion und täglicher Aufgabe und Herausforderung. In Leben und Wort.
Es ist das Gegenüber von Innenwelt und Außenwelt, in dem jetzt Text- und Gedankenimpulse Perspektiven und mögliches Verstehen öffnen sollen. Daraus ergeben sich Momente der Stille und des Ringens.
„Alles was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe“ zitiert die Autorin eingangs Elias Canetti und umreißt damit die Fülle der Gedanken bei Tag und Nacht im Zurückziehen von und Widerstehen der Außenwelt. Es geht dabei um „Regie“, um das nicht „Verschlungen“ zu werden…
Tag für Tag nun im völlig veränderten Leben als Frau, Mutter und Schriftstellerin. Das Wort erzählt davon, ist Zeugnis und Mut am Weg des Lebens….“Ich habe aufgehört auf eine Zukunft zu warten…“…
Marica Bodrozic legt mit „Pantherzeit“, der Titel bezieht sich auf das Rilke Gedicht „Panther“, ein sehr aufmerksames Zeitzeugnis in diesen Tagen der Pandemie vor, das in seiner schonungslosen persönlichen Innen- und Außensicht wie dem Dialog und der Reflexion von Literatur, Kunst am Weg beeindruckt. Es ist gleichsam ein Tagebuch, das sich aber wie ein Roman in Spannung und Gedankenimpulsen liest und ein Wiedererkennen wie ein Nachdenken anstößt und guten Raum dafür gibt.
„Das Buch zur Zeit in Wahrhaftigkeit, Schönheit und Mut von Sprache und Leben“
Liebe Christine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich stehe relativ früh auf, mache Yoga und dann gibts Frühstück.
Währenddessen und im Anschluss heißt es Bürokratie abarbeiten. Je nachdem an welchem Material ich arbeite, geht es dann entweder in die Werkstatt oder ich arbeite Zuhause. Meine Frauenskulpturen entstehen immer in meiner Wohnung. Ein geschützter Raum für Modell und mich. Stahl, Holz, Beton, etc. entstehen in der Werkstatt. Da ich meistens hoch konzentriert arbeite, gehts oft spätnachmittags zum Kopf auslüften und Inspirationen sammeln in die Natur.
Die Abende sind nicht strukturiert – selbst jetzt nicht. Wobei Ideen skizzieren, Musik hören, Freunde treffen Routine sind. Was mir neben dem Kulturbetrieb (Vernissagen, Ausstellungen, Theater, etc.) sehr fehlt, sind geöffnete Gastronomien. Ich gehe sehr gern Essen, oder auf ein/zwei/… Achterl, um Freunde, Menschen zu treffen, zusammen zu philosophieren. Neue Eindrücke zu bekommen – das geht im Zuhause begrenzt.
Christine Perseis, Künstlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Zu Leben. Und das Bewusstsein, dass wir nur dieses eine haben. Den Hausverstand, wie man in Österreich so schön sagt, nutzen. Nicht allem Nachrennen/-plappern was uns für gut & wichtig angepriesen wird. In die Natur gehen, alle Sinne auftanken.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Ja, es wird spannend. Ich versuche mir die fast ausschließlich negativen Nachrichten nur in homöopathischen Dosen zu geben. Es gibt in dem ganzen Konglomerat aus Angst und Schlagzeilen auch viel Positives – gerade aufgrund des aktuellen Ausnahmezustandes, weil Menschen kreativ geworden sind. Höher-Weiter-Schneller hat nicht mehr funktioniert. Die Werte haben sich verändert, was zählt, wenn nichts mehr geht? Darin liegt meiner Meinung ein großes Potential. Seine Bedürfnisse und Werte zu hinterfragen und neu zu definieren, oder beizubehalten. Sich selbst dadurch vielleicht näher kennenlernen, was ist mir wichtig, was nicht.
„THE MIRROR“_ Christine Perseis
Kunst kann so vieles. Ich z.B. möchte mit meinen Werken bewegen, berühren, etwas Positives erzeugen. Daran ändert sich auch jetzt nichts. Wir sind ja nach wie vor Menschen. Kunst ist ein Kind der Freiheit – Themen anzusprechen, aufzuzeigen, die sonst nicht so leicht thematisiert werden können ist nach wie vor wichtig, noch wichtiger als davor? Danach?
Was liest Du derzeit?
Wie so viele lese ich mehrere Bücher gleichzeig. Eins zum „Lernen“, eins für die Unterhaltung und eins das meistens am längsten braucht gelesen zu werden… 🙂 Stephen Hawkins – Große Antworten auf große Fragen Martin Suter – Der Koch, Dr. William Davis – Die Weizenwampe, Kunstbücher z.B. von Maillol, Das Buch der Symbole, Kunstformen der Natur,…blättere ich regelmäßig durch.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ich bin ein großer großer Fan von Rumi.
„Vergiss Sicherheit. Lebe, wo du fürchtest zu leben. Zerstöre deinen Ruf. Sei berüchtigt“
Vielen Dank für das Interview liebe Christine, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Geschichte ist immer erzählte Geschichte. Das Gesehene, Erlebte und das Wort verbinden sich in der Mitteilung, die in Staunen, Begeisterung oder Trauer weitergegeben wird. Oft sind es dabei nur wenige Sätze, die beschreiben und erinnern lassen. Vielleicht ein Bild im Kopf. Ein Spaziergang zum See oder einer Ruine. Oder ein gutes Küchenrezept…
Die Autorin Doris Wolek verbindet all das kompakt in ihrem vorliegenden Buch, das zu einer vielfältigen und bunten Reise durch Kärnten einlädt und ein kurzweiliger Impuls zu einem Ausflug oder einer Station am Weg ist, auch am Gedankenweg…
Bemerkenswert auch die kulinarischen Kärntner „Schmankerl“, welche die Autorin zwischen den historischen Blitzlichtern aufleuchten lässt und die zum alternativen Schmaus einladen.
In Summe ist das Buch ein bildkräftiger Reiseführer am Weg bzw, in Erinnerung und Ausblick jetzt Zuhause, der neugierig macht und viel Wissenswertes kurzweilig aufbereitet. Es macht Lust auf Frühling und Sommer, Natur und Kultur, im schönen Kärnten!
Die erste intensive Begegnung mit Ingeborg Bachmann und ihrem Werk fand in meiner Schulzeit statt. Ich habe mit 17 Jahren „Malina“ für die Erstellung meiner Fachbereichsarbeit gelesen. Da war für mich diese Dreiecksbeziehung zwischen der Erzählerin, Ivan und Malina zentral. Jetzt sehe ich mehr dieses Spiegel-Ich. Malina ist die Rückfrage an das Ich – „Weißt Du wer/wie Du bist, wie Du geworden bist?“
Johanna Mucha_Sängerin, Schauspielerin
Der Blick auf sich selbst ist der schwierigste. Ob in Kritik oder Lob.
Auf der Bühne wird ob in Wort, Gesang oder Tanz eine Geschichte erzählt. Da steckt das Leben in Dramatik und Vision drin. Das kann auch ein Kampf sein, wie im Roman. Das treibt mich an.
Eine Darstellung, ein Kunstwerk ist immer ein Stück Biographie. Auch ein Weiterkommen darin. Der Versuch dazu.
Meine Beobachtung der Gegenwart ist, dass wir uns sehr schwer tun, uns selbst anzuschauen, uns selbst zu sehen. Das zu sehen was wir wirklich sind.
Moderne Selbstdarstellung in sozialen Medien hat nichts mit dem realen Selbstbild zu tun, da geht es um Perfektion, um den Aufbau von Perfektion. Die Schwierigkeit ist dann eben der reale Spiegelblick. Da kann viel zerbrechen. Malina ist da eine kritische Position dazu und ist 50 Jahre danach aktuell wie nie – wer bin ich hinter Fassaden und Schichten, die oberflächlich oder tief im Außen und Innen liegen?
Liebe kann ein Sehnen, Wollen, Ziehen und Zurückweichen sein. Wer kennt das nicht? Der Roman trifft da ins dunkle Herz der Liebe. Stellt ihre erdrückenden Schatten bloß.
Es dreht sich alles um Ivan. Das Sehnen, das Warten. Der einzige Gedanke. Es macht sie kaputt und sie weiß es.
Das beiderseitige Spiel der Liebe, diese Koketterie von Nähe und Distanz, funktioniert ja zwischen Ivan und der Erzählerin gar nicht. Ivan hat eine Position und sie zerbricht daran.
Liebe ist Begeisterung und Schwere. Zweiteres bleibt, wenn ersteres geht. Umgekehrt funktioniert das meist nicht.
Jede Frau und jeder Mann wünschen sich geliebt zu werden. Angenommen zu sein, Halt zu haben. Der Roman blickt auf und hinter diesen Wunsch. Stellt schonungslos das Ringen und Scheitern daran dar.
Malina lesen gelingt mir nur in Etappen. Ich muss es immer wieder beiseite legen. Da ist so viel Schmerz, Verzweiflung. Der Griff zum Buch braucht dann wieder Zeit.
Es gibt immer Verletzungen in der Liebe. Die Selbstliebe kann da ein Halt und eine Kraft der Integration ein. Auch die Distanz, der Humor.
Im Roman wird gekämpft. Um Liebe, um jeden Moment von Nähe. Bis zum Ende. Ich liebe das. Ich liebe dieses Ringen, dieses Alles-Geben bis der Vorhang fällt, auf der Bühne wie im Leben.
Ein leidender Mensch auf der Bühne ist immer interessant, weil es näher ist. Glücklich sind ja immer die anderen.
Das Spiegelbild darf nicht nur der eigene Spiegel sein. Es braucht das Außen. Freunde wie Feinde. Das ist der Weg sich selbst besser kennenzulernen. Das ist in der Kunst wie im Leben, der Liebe so.
Die Enge der eigenen Spiegelbilder im Roman ist ja das Zehrende und Verzehrende. Da ist kein Kabinett von Spiegeln, kein Drehen und Wenden, dann auch keine Kraft mehr dazu.
Es gibt nur eine offene Tür in der Liebe. Liebe ist frei. Im Beginn, der Dauer und im Ende. Im Hinein oder Hinaus.
Wir lernen in der Liebe zu scheitern. Besser zu scheitern.
Das Geheimnis von Liebe ist Ehrlichkeit und Humor. Das sind die Zutaten.
Männer tun sich mit der zweiten Stelle schwer. Wenn sie nicht immer und überall auf der „Lebens-Liebes-Bühne“ ganz vorne stehen. Ich habe meine Bühne, meine Kunst, das muss der Mann akzeptieren.
Das Schlimmste für eine Frau ist ein Mann, der sich seiner selbst, seiner Männlichkeit, nicht bewusst ist. Es gibt leider sehr viele davon.
Selbstbewusstsein ist immer ruhend und still. Das ist kein Narzissmus. Das ist auch sehr attraktiv.
Im Sex geht es nicht um Leistung sondern um Liebe. Für Männer ist dies oft schwer. Auch heute noch.
Wenn ein Mann Schluss macht in einer Beziehung kommt es aus dem Nichts. Das macht ziemlich grantig.
Ich bin in der Liebe „old school“. Es geht um ein Miteinander, nicht nur bei Sonnenschein, kein schnelles Aufgeben bei Wind und Wetter. Drama gehört dazu.
Eine Partnerschaft ist für mich ein Halten und Heben. Zuhause und in der Öffentlichkeit. Das ist für mich ganz wichtig.
Und ich liebe das Diskutieren in der Liebe. Ich mag das, es erweitert den Horizont. Und ich heiße Johanna, ich kämpfe (lacht).
Wenn ich probe, nehme ich die Rolle auch mit nachhause. Das muss der Mann aushalten. Da bin ich Perfektionistin. Wenn dann das Stück läuft, ist es anders. Bis dahin gilt es für den Mann durchzuhalten (lacht). Das ist natürlich für eine Beziehung anstrengend.
Ein attraktiver Körper ohne Herz, Gefühl und Intellekt ist nur für zwei Tage toll.
Ich verliebe mich gern in den Intellekt. Wissen zieht mich an. Aber das genügt natürlich allein nicht. Irgendwann ist alles erzählt und bewundert. Dann braucht es mehr. Wie im Roman.
Fehlende Liebe kann nicht nach-, aufgeholt werden. Der Schmerz, das Leiden daran holt beim ersten Kuss ein. Das ist ein Todeskuss. Ein dunkles Ringen mit der Sehnsucht.
Bei Ingeborg Bachmann geht es immer um Erfahrungen, Erleben, Gegensätze, welche die Liebe, das Leben bestimmen und die es zu benennen gilt. Das Schreiben ist das offene Wort dazu.
Liebe ist ein Lernen von Nähe. Wie nahe lasse ich Verletzungen kommen? Wie weit entfernt mich dies von mir selbst? Was zerstört mich? Darum geht es ja im Roman.
Die eigenen Gedanken sind nicht immer die besten Wegweiser. Sie können Pfeile nach Innen sein. Selbstgespräche der gespannte Bogen dazu. Es braucht eine Distanz und einen Austausch. Im Roman geht es ja auch um die Suche danach, das Befreien davon. Und das Scheitern daran.
Der Tod ist im Roman ein Gesprächspartner. Und das ist er ja auch. Die Auseinandersetzung ist wichtig, in Kunst und Leben.
Die Herausforderung von Kunst und Bühne ist, Gegenwart und Vergangenheit zu verbinden. Ich sehe mich als Darstellerin in diesem Inspirations- und Spannungsfeld.
Jedes Buch, jedes Bühnenstück sind eine Entdeckungsreise zum Menschen. Kultur ist Entdeckung.
Johanna Mucha_Schauspielerin, Sängerin
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:
Liebe Xiting, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Unterschiedlich. Wenn ich meinen Nebenjob habe, dann wache ich meistens gegen 8 oder 9 auf, frühstücke und gehe dann direkt in die Arbeit. Nach dem Dienst gehe ich meistens direkt nach Hause. Zuhause, koche ich mir dann etwas Feines und wenn ich danach noch fit genug bin, stürze ich mich auf meine üblichen Sprach- oder Gesangsübungen.
Wenn ich keinen Dienst habe, frühstücke ich genüsslich, danach mache ich meine üblichen Aufwärmübungen. Meistens bin ich an solchen Tagen zuhause und arbeite an Projekten, für die ich immer keine Zeit gefunden habe. Bei guter Stimmung singe ich auch gerne und bei gutem Wetter gehe ich liebend gerne in den Wald spazieren oder an die Donau.
Xiting Shan, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Weiterdenken und den Fokus nicht verlieren. Es ist einfach, in solch turbulenten Zeiten das Wesentliche aus den Augen zu verlieren und sich mitreißen zu lassen, besonders wenn man noch einen Nebenjob hat und schier um das Überleben ringt. Doch auch wenn die Lage prekär ist, glaube ich, ist es umso wichtiger die eigenen Prioritäten nicht zu vernachlässigen und sich nicht demotivieren zu lassen. Die Zeit sinnvoll zu nutzen – sei es für eine Auszeit um mal durchzuatmen – und uns dessen bewusst zu sein, dass aller Anfang auch ein Ende hat.
Ich glaube, das, was uns alle KünstlerInnen zusammenhält, ist ein loderndes Feuer und ein unbeugsames Vertrauen in unser eigenes Schaffen. Egal in welcher Sparte wir auch sind, wir alle leben und lieben unsere Kunst. Besonders jetzt, wo es keine Bühnen und Säle gibt, in welchen wir diese Kunst ausüben und zeigen können, haben wir die Möglichkeit neue Wege zu entdecken unsere Kunst auch ortsungebunden auszuleben und dieses, so wichtige Element, einer funktionierenden Gesellschaft, nicht untergehen zu lassen. Kunst und Kultur entwickelt sich weiter, mit oder ohne Zustimmung eines Systems. Das macht die Kunst und das macht uns Kulturschaffende aus.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich glaube, dass die Kunst immer schon einen hohen Stellenwert genossen hat, aber immer nur an der Oberfläche. Diese Krise hat uns gezeigt, wie immens der Kulturbereich aus dem System rausfällt und wir sollten dies nicht stillschweigend hinnehmen.
Die Kunst ist ein Fenster zu unserem inneren Selbst. Sie spiegelt das System, die Bevölkerung und jeden einzelnen von uns wieder. Das Theater ist das Medium, wo wir SchauspielerInnen Gefühle und Bilder mit Menschen verbinden und zum Nachdenken anregen. Es entsteht eine Art Austausch und Kommunikation zwischen Darstellenden und Zuschauenden, und diese Verknüpfung führt, meiner Meinung nach, zu einem neuen Bewusstsein. Somit bilden wir uns weiter, indem wir ins Theater, ins Museum, in die Oper oder zu einem Konzert gehen.
Daher bin ich davon überzeugt, dass Theater sowie Kultureinrichtungen für unsere persönliche und gesellschaftliche Weiterentwicklung essentiell sind und auch nach dieser Krise stärker denn je in den Fokus treten werden.
Damit jedoch dies funktionieren kann, ist die Versorgung von Kultureinrichtungen mitsamt den KünstlerInnen und die im Hintergrund Arbeitenden von größter Wichtigkeit, denn Kultur lebt und belebt, aber Kultur kann nicht funktionieren ohne die Menschen, die Kultur ausleben; und der Mensch kann nicht sein ohne Kultur.
Was liest Du derzeit?
Das letzte Buch, das ich gelesen habe hieß „Weniger ist mehr“ von Michael Caine, da ich mich ein bisschen in die Filmbranche einlesen wollte. Aber ich muss auch zugeben, dass ich zurzeit, nicht wie viele meiner anderen Kollegen und Kolleginnen, etwas lese, sondern dem Aufholbedarf meiner ewig langen Filmliste nachkomme. Erst kürzlich habe ich mir den Lars von Trier Film „Dancers in the dark“ angesehen. Es war überwältigend.
Xiting Shan, Schauspielerin
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Den Wind können wir nicht ändern, aber die Segel anders setzen. ~Aristoteles
Vielen Dank für das Interview liebe Xiting, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Xiting Shan, Schauspielerin
Alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Hotel Regina_Roth Bar_Wien 28.3.2021.
21.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Elisa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich habe im Februar des Jahres wieder angefangen zu proben. Eine Stückentwicklung im Werk X! Ob und wann wir Premiere haben „dürfen“, steht noch in den Sternen. Seitdem fühlt sich mein Leben wieder ein bisschen normaler an.
2020 habe ich nur zwei Tage gearbeitet. Ich hatte zwei Drehtage fürs Fernsehen. Alle geplanten Theaterproduktionen sind verschoben worden. Fad war mir aber trotzdem nicht, weil es privat bei mir drunter und drüber ging! Trotzdem war ich frustriert, weil man mit der Zeit anfängt zu glauben, der eigene Beruf ist sinnlos.
Elisa Seydel, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
sozialer Zusammenhalt (und keine noch größere Spaltung der Gesellschaft durch einen grünen Pass…)!
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel und der Kunst an sich zu?
Ich hoffe, dass dem Theater und der Kunst nach der Krise überhaupt wieder eine Rolle oder Bedeutung zukommt, weil zur Zeit spielen wir keine Rolle! Ich hoffe, dass wir als Gesellschaft nicht denken, dass wir auch ohne Kunst und Kultur leben können, weil wir während der Lockdowns bequem geworden sind und glauben, dass auf dem Sofa liegen und Netflix schauen ausreicht in unserem Leben! Theater ist nicht bequem. Ich kenne das von mir als Zuseher. Zuallererst muss ich vom Sofa aufstehen und hinfahren. Manchmal an den Arsch der Welt. Dann kostet es auch noch Geld, (was nicht automatisch von meinem Konto abgebucht wird, so dass ich es gar nicht mitbekomme…), ich muss aktiv bezahlen und manchmal gar nicht wenig, dass es sogar weh tut und dann muss ich manchmal 2-4 Stunden auf unbequemen Stühlen sitzen. Also, das hört und fühlt sich erst mal sehr unbequem an und ist alles andere als eine „Berieselung“. Aber den Gewinn/ den Nutzen einer Theatererfahrung, unabhängig vom persönlichen Geschmack, kann ich auf keinem Sofa dieser Welt alleine zu Hause erreichen. Ich bekomme neuen Input, neue Lebensenergie, spüre mich selber, bin berauscht, entsetzt, gelangweilt, aufgedreht…
Ich hoffe, dass wir als Gesellschaft ( und vorallem auch nicht Theaterschaffende) uns nach dieser Krise daran erinnern, was Kunst und Kultur für eine lebenswichtige Rolle spielt, auch wenn wir uns erst mal dafür in den Arsch treten müssen um das zu erkennen.
Was liest Du derzeit?
„Körpersprache“ von Sami Molcho
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Unsere Körpersprache ist deutlicher als die der Wörter. (…) Unser Körper reagiert immer auch spontan und kann sich nicht so verstellen, wie das unsere Wörter tun. Der Körper ist primär – nicht das Wort.„
Vielen Dank für das Interview liebe Elisa, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Elisa Seydel, Schauspielerin
Foto_selfie/ Selbstportrait, März 2020_lockdown _in Quarantäne am Neusiedlersee/Burgenland.
20.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Es ist ein Vermächtnis, das von und für den deutschen Germanisten Theo Buck mit dem vorliegenden Buch in die Welt gesetzt wird. Das Leben eines Dichters am Weg in und schließlich am Scheitern der Welt. Einer Welt, die derzeit selbst taumelt und um Möglichkeiten und Perspektiven des Lebens und der Zukunft ringt und das Scheitern zu verhindern sucht.
Perspektiven des Lebens, darum ging es wesentlich dem Dichter Paul Celan (1920 – 1970) in seinem Werk, das von einer Auseinandersetzung der persönlichsten Leidenserfahrung in der Shoa wie dem Ausblick zu Leben und Liebe geprägt ist.
Theo Buck, selbstkonfrontiert mit einer erschütternden Krankheitsdiagnose, arbeitete an dieser Biographie Paul Celan als Vermächtnis seiner persönlichen Lebensschwerpunkte wie als Zeugnis von Poesie für und in der Welt. Es gibt in dieser Welt etwas zu sagen. Schwer, leicht – immer bedeutungsvoll. Und darauf ist hinzuweisen, davon ist zu sagen.
Das vorliegende Buch bietet einen kompakten Überblick zu Leben und Werk Paul Celans, der wichtige Lebensstationen öffnet wie exemplarisch Gedichte und deren Kontext in Zeit und Biographie vorstellt.
Dem Autor (sein Sohn, Bertolt Buck, assistierte bei dem letzten Kapitel und dem Personenregister) ist dabei eine sehr griffige Darstellung von Literatur und Lebens-, Zeitbezügen gelungen. Die biographische Grundstruktur lässt gleichsam ein Mitwandern in Zeit und Leben wie poetischer Kraft und Ausdruck zu. Es ist eine ganz enge Verbindung von Kunst und Lebensweg, die hier sichtbar und spürbar wird und die damit wesentlich Vermächtnis von Theo Buck ist.
Beeindruckend sind auch die literaturhistorische Detailkenntnis und die Darstellung im Kontext von Gesellschafts- und Kulturgeschichte. Sicherlich eine der großen Stärken des Autors, dem posthum für dieses Buch zu danken und große Anerkennung zu zollen ist.
Ich bin eine Frühaufsteherin, genieße die stillen Morgenstunden sehr. Oft ist es nur ein vor mich hinschauen, erste Denkversuche oder Nichtdenkversuche, Morgenmeditation dann Tee trinken. Unter der Woche heißt es den jüngeren Buben auf Homeschooling-Schiene setzen, wenn er es nicht schon selbst getan hat und ihm dann Frühstück bringen. Bei Präsenzunterricht gehen wir gemeinsam zum Zug und ich verbringe den Tag im Atelier, was ich sonst erst nach dem Familienrummel mache. Mein Großkind ist ja schon 20, macht die Ausbildung zum Sounddesigner und taucht auf und wieder ab, wie es für ihn passt. Zwischendurch lässt er mich an seinen Kompositionen teilhaben oder findet Zeit musikalisch etwas für meine Videosequenzen zu machen.
Die Ausschließlichkeit, das -ganz das meine -Tun zu können, hat mir gezeigt wie viel weiter es gehen kann. Im Atelier ist es Schaffen; Malerei und skulpturales Arbeiten, daheim eben Kinder, Katzen, Küche, Körper 🙂 Und die Nacht fürs Ideen spinnen.
Rosa Roedelius, Künstlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich kann nicht für die Anderen sprechen, nur ahnen was Krisenzeiten fürs Kollektiv auch an Chancen bringen. Wir sind jedenfalls aufgefordert, nicht die Nerven zu verlieren. So ganz auf uns selbst zurückgeworfen, kommt natürlich vieles zu Tage was sonst keine Bühne finden würde, hm. Ich denke, es gilt neue Kanäle zu finden. Wir Kreativen sind da ja Glückskinder, finde ich. Ich walke vieles in meinen Ton ein, bau mir eigene Welten, wo doch das Reisen im Moment nicht sein kann, verschriftliche die Sorgen und versuche leicht zu bleiben. Bei mir in der Familie hat sich eine wunderschöne Tiefe entwickelt, ein Zusammenhalt, innige Gespräche. Irgendwie hat sich der Freundeskreis auf die Allerliebsten zusammengezogen oder erweitert, wie man`s sehen will. In der Informationsflut, mit der wir konfrontiert sind, ist es schwer einen klaren Kopf zu behalten. Da kommen wir wieder zurück zu uns selbst. Zum Fühlen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Schön, wie du das mit dem Aufbruch und Neubeginn formulierst. Ich denke, jeder ist in seiner eigenen Weltenblase angehalten in sich zu gehen und zu sehen wie man in seinen Möglichkeiten fürs Große Ganze seinen Beitrag leisten kann. Ich möchte auch mehr tun, als einfach meine Welt zu zeigen. Vielleicht gelingt mir manchmal den Blick ins Schöne zu lenken und dann auch wieder ins Dunkle, das auch angeschaut werden will. Wahrscheinlich geht es darum, den Anderen teilhaben zu lassen an der eigenen Entwicklung. Hm, einander Hoffnung geben. Nicht nur Aufschreien bei Ungerechtigkeit, sondern tätig werden, dort wo man es kann. Zeit der Herzöffnung. Und die Kunst kann ja nie aus, sich auseinander zu setzen . Das ist ja auch ihre Aufgabe. Und sie darf und muss dennoch frei sein. Oh, nicht leicht .
Was liest Du derzeit?
Bei mir liegt gerade Der geteilte Visconte von Italo Calvino ( irgendwie passend ) und Meine Preise von Thomas Bernhard . Zwischendurch gibts Heinrich Heine oder ich werde angeRilket.
Kürzlich gelesen hab ich auch „Schmerz und Gegenwart“ von Alfred Goubran .
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Dann sieh, dass du Mensch bleibst:
Mensch sein ist vor allem die Hauptsache.
Und das heißt: fest und klar und heiter sein, ja heiter trotz alledem und alledem denn das Heulen ist Geschäft der Schwäche.
Mensch sein heißt, sein ganzes Leben auf des Schicksals großer Waage freudig hinwerfen – wenn`s sein muss.
Sich zugleich aber an jedem hellen Tag und jeder schönen Wolke freuen.
Auch ich weiß keine Rezepte zu schreiben, wie man ein Mensch sein soll.
Ich weiß nur, wie man`s ist!“
Rosa Luxemburg: Brief aus dem Gefängnis an Mathilde Wurm, 28. Dezember 1916. In: Gesammelte Briefe, Band 5, Dietz, Berlin 1987, S. 151
Rosa Roedelius, Künstlerin
Vielen Dank für das Interview liebe Rosa, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Linda, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Also die kurze Antwort lautet: bei mir läuft, was im Moment geht. Ich versuche so gut es mir gelingt im Tun zu bleiben- ob mit Workshops, im kreativen Austausch mit Kolleg*innen, mit Bewerbungen und dem ein oder anderen Vorsprechen oder Casting, Yoga, eigenen szenischen Basteleien. Liebe Menschen treffe ich gern im Park zum Kaffee und ich fahre öfters mit dem Bus in den Wald. Ich freue mich darauf mich in die Proben für den Sommer zu stürzen und bis dahin soll kommen, was will. Mit dieser Ungewissheit konnte ich mich den letzten Monaten etwas mehr anfreunden- in diesem Beruf ohnehin nie ein Fehler. Ohne die Gastro ist es allerdings nicht so einfach für die fiesen Lücken eine geeignete Überbrückungs-Hackn zu finden- die wenigsten Unternehmen wollen Mitarbeiter*innen einstellen, die sich vertschüssen, sobald der nächste Dreh oder das nächste Engagement an Land gezogen ist. Jene Kolleg*innen, die ganz ohne Unterstützung dastehen, trifft das natürlich besonders hart- das lässt sich nicht schönreden.
Linda Pichler, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Solidarisches Handeln, Flexibilität und Durchhaltevermögen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Auf die politische Ebene runtergebrochen, ist die Bühne für mich ein riesiger Diskursraum, deren Macht darin besteht gesellschaftliche Fragen situativ bekleiden und emotional bespielen zu können, also in ihrer Verhandlung richtig persönlich zu werden. Zum Theater gehört auch die Befriedigung eines eskapistischen Bedürfnisses- sich in den Strudel dieser Geschichten hineinreißen zu lassen und sich auf dieser Flucht dann doch unverhofft selbst über den Weg zu laufen.
Ich denke, dass alles woran wir jetzt knabbern, woran wir uns manchmal vielleicht sogar die Zähne ausbeißen, von der Kunst verdaut wird- da ist Platz für alles, was den Menschen umtreibt und in ihm rumort. Gerade Zeiten des Umbruchs halte ich für besonders großzügige Materialspenderinnen. Vorwegnehmen will ich nichts, das wird alles für sich sprechen. Wir können jedenfalls gespannt darauf sein welchen Braten uns Kunst und Kultur servieren werden, sobald sie wieder richtig auftischen dürfen, so viel ist sicher.
Was liest Du derzeit?
Oh je, ich will seit gefühlt 100 Jahren „Die Eroberung des Brotes“ lesen und habe mir deshalb ausdrücklich verboten neue Romane in meinem Lieblingsbuchladen zu bestellen, bis ich mit dieser Lektüre fertig bin. Herr Kropotkin schläft zwar jede Nacht in meinem Bett, aber gebacken gekriegt hab ich’s bisher trotzdem noch nicht. Ein Buch, das ich gern empfehle, ist „In the dreamhouse“ von Carmen Maria Machado- das hat mich so gefesselt, dass ich es an einem Tag ausgelesen habe.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„The role of the artist is to make the revolution irresistible.“ – Toni Cade Bambara
Linda Pichler, Schauspielerin
Vielen Dank für das Interview liebe Linda, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Linda Pichler, Schauspielerin
Foto_1,2 Barbara Maria Hutter; 3 Linda Pichler.
20.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Nermina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf sieht so aus, dass ich an zwei Tagen auf meinem zweiten Standbein beim Juwelier stehe. Habe letztes Jahr Diploma als Edelstein und Diamantenzertifiziererinn gemacht und glücklicherweise eine Teilzeitstelle gefunden. An den anderen Tagen, wie auch sonst immer: aufstehen, einatmen, ausatmen. Nicht viel los.
Nermina Kukic _ Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Count your blessings! Dankbar sein für das, was man hat, Wertschätzung verbreiten, sich Hilfe holen, wenn man spürt, man schafft es nicht alleine. Immer wichtig, nicht nur jetzt.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Wir müssen alle für uns selber definieren, was Kunst für uns bedeutet. Wir sollten Wege finden, uns von Abhängigkeiten zu befreien, und versuchen Selbstwirksamkeit zu erlangen. Wenn die Kunst, die wir ausüben, unseren Lebensunterhalt nicht sichern kann, dann kann es sein, dass uns wertvolle Ressourcen verloren gehen in und nach dieser Krise, und Künstler/In sein wieder eine Frage von Herkunft wird, von Geld und Gönnern abhängt. Das sollten wir alle gemeinsam hinterfragen. Ich stelle mir das sehr schwierig vor, vor allem für Menschen, die Verantwortung für Kinder tragen. Der Lebensentwurf des Künstlerdaseins muss ganz neu gedacht werden. Im Privaten und Öffentlichen. Die Wichtigkeit von Kunst im Allgemeinen, in ihrer kathartischen Wirkung und Spiegelfunktion steht für mich ausser Frage , egal in welcher Kunstform.
Nermina Kukic vor einer Kunstinstallation von Susanne Ristow
Was liest Du derzeit?
Eurotrash von Christian Kracht
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Möge ich die Gelassenheit haben, Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit das Eine vom Anderen zu unterscheiden.
Nicht sehr sexy, aber hilfreich.
Nermina Kukic vor einer Kunstinstallation von Claus Föttinger
Vielen Dank für das Interview liebe Nermina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!