„Ein tiefgreifender Paradigmenwechsel in der Gesellschaft wäre erforderlich“ Federico Federici _ Schriftsteller _ Melogno/I _24.4.2021

Lieber Federico, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zuallererst habe ich Glück, weil ich nicht zu Hause bleiben muss. Normalerweise unterrichte ich morgens Physik, während ich mich nachmittags mit Kunst und Literatur beschäftige. Das Gedichtbuch, an dem ich arbeite, heißt „EIS“. Es erzählt die Geschichte eines isländischen Gletschers. In dem Buch verflechten sich verschiedene Sprachen und asemische Schriften. Ein Gletscher ist schließlich die verschiedenen Aggregatzustände von Wasser.

Ich wohne fast in der Nähe eines Waldes von Eichen, Kiefern und Buchen. Seine Stimme ist mir sehr nahe, sie beschäftigt mich den ganzen Tag. Abends gehe ich oft im Wald spazieren.

Federico Federici _ Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist wichtig, wachsam zu bleiben. Wie Norbert Wiener immer sagte, „wiederholte Kommunikation führt erhöhtem Rauschen zu“.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ein tiefgreifender Paradigmenwechsel in der Gesellschaft wäre erforderlich. Das Trugbild vom verschwindenden Staat hat seine Nachteile deutlich gezeigt.
Wenn ich die Welt als ein komplexes System betrachte, erkenne ich das Missverständnis der Globalisierung: keine harmonische Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Teilen, sondern ein einziges Teil, das nur eines tun muss, nämlich die Gesetze des Marktes zu befolgen.

Kunst und Wissenschaft sollten wirklich im Zentrum der kulturellen Entwicklung stehen, anstatt der leeren Folklore der sozialen Netzwerken. Sie sollten das Fazit einer Weltanschauung darstellen.

Was liest Du derzeit?

„Bees. Their Vision, Chemical Senses and Language.“ von Karl von Frisch, ein Buch über die soziale Organisation von Bienenvölkern und ihre Sprache.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“We live in a world where there is more and more information, and less and less meaning.” Jean Baudrillard

Vielen Dank für das Interview lieber Federico, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Federico Federici _ Schriftsteller

Federico Federici – conceptual artist, physicist, writer

Foto_privat.

12.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Traditionelle Kunstformen verschwinden oder werden schwer wieder herstellbar sein“ Renate Pittroff, Regisseurin_Wien 24.4.2021

Liebe Renate, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich wenig verändert, da ich schon vor der Pandemie viel in meinem Atelier und von Zuhause aus gearbeitet habe.

Eingeschränkt sind die Arbeitssituationen im Hörspielstudio und auf Probebühnen. Performances und Reisen zu Konzertauftritten finden mal statt, mal fallen sie den diversen Beschränkungen zum Opfer.

Was mir fehlt, das ist der face-to-face Austausch mit den Künstlerfreund*innen und Student*innen und der Kaffeetratsch am Yppenplatz.

Renate Pittroff, Regisseurin, Medienkünstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Nerven bewahren. Empathie zeigen. Die allgemeine Gereiztheit nicht ins Private hinübernehmen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Es fällt mir schwer, zu beurteilen, wie die Kunst und die Literatur nach der Pandemie dastehen wird. Traditionelle Kunstformen verschwinden oder werden schwer wieder herstellbar sein. Ein Auf- und Umbruch ist an sich auch eine Chance.

Die Rolle der Kunst und Literatur sehe ich darin, die demokratischen Verfahren und Strukturen, die jetzt schwer in Mitleidenschaft gezogen sind, zu stärken. Und wachsam zu sein, dass die gesellschaftlichen Umbrüche, die sich durch die momentane Digitalisierung und Datenvernetzung entwickeln, nicht „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ zerstören.

Was liest Du derzeit?

Ich lese „Designing Beauty – The Art of Cellular Automata“ von Andrew Adamatzy und Genaro J.Martinez, den Essay „Macht“ aus der Schriftenreihe der Vontobel-Stiftung von Rainer Hank mit Illustrationen von Luis Murschetz, „Intelligenz der Pflanzen“ von Stefano Mancuso, außerdem beschäftige ich mich mit Programmiersprachen „Python“ und „C++“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Jean Paul schrieb: Nur der Mensch, der schon einmal einen Vogel gezähmt hat, sollte Kinder erziehen dürfen.

Mir gefällt an diesem Zitat, wie Jean Paul hier den Gap zwischen Freiheit und Anpassung benennt. Und er zeigt den Freiheitswillen, aber auch die Zerbrechlichkeit des Menschen auf. Ich wünsche mir Leader der relevanten gesellschaftlichen Bereiche, die diesen Satz beherzigen.

Vielen Dank für das Interview liebe Renate, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Renate Pittroff, Regisseurin, Medienkünstlerin

wechselstrom, christoph theiler, renate pittroff (wechsel-strom.net)

Foto_Christoph Theiler

24.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Nah genug beieinanderbleiben, um nicht der Länge nach einsam auf die Schnauze zu fallen“ Michael Augustin, Schriftsteller_ Bremen 24.4.2021

Lieber Michael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit ich vor etlichen Jahren einmal Writer-in-Residence und Gastprofessor an einem College in den USA war und in der Nähe des dortigen Sportzentrums wohnte, zu dem auch eine Schwimmhalle gehörte, habe ich es mir angewöhnt, egal wo ich gerade bin, am frühen Morgen, sozusagen bevor das Leben beginnt, also vor dem Frühstück, eine halbe Stunde lang zu schwimmen, wenn denn ein Meer, irgendein Gewässer oder eben eine Schwimmhalle zur Verfügung steht. Zur Zeit sind in Bremen alle Hallenbäder dicht und verrammelt. Um draußen zu schwimmen, ist es noch zu kalt…also steige ich Corona bedingt jeden Morgen aus dem Bett aufs Fahrrad und strample am Ufer der Weser entlang, die knapp 150m hinter unserem Haus in Richtung Nordsee fließt. Das ist eigentlich auch schon der heftigste Einschnitt im Tagesablauf, denn der Rest des Tages verläuft auch jetzt wie vor der Pandemie: home office….Schreibtisch, Computer, Zettelei, Korrespondenz, Recherche, Collage-Utensilien, Schere, Stempelkasten und -kissen usw. Und natürlich: Gedicht-Lektüre zu allen Tageszeiten, nach dem von meinem bayerischen Freund Leitner geklauten Motto: Ein gutes Gedicht rettet den Tag! Was anders ist und mich als Phantomschmerz quält: das Reisen, bzw. die abgesagten, ausgefallenen, unmöglich gewordenen Reisen und Treffen mit den Kollegen und Kolleginnen in aller Welt! Die schönen und lebenserhaltenden Unterbrechungen des Alltags: Buchmessen, Lesungen, Buchpremieren, Festivals. Die Poesiefestivals in Bukarest, Marrakesch und Belgrad, auf die ich mich wahnsinnig gefreut hatte: abgesagt oder zur Zoomkonferenz verkommen.

Michael Augustin_Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir, während wir darauf achten, den überlebenswichtigen Abstand einzuhalten, doch nah genug beieinanderbleiben, um nicht der Länge nach einsam auf die Schnauze zu fallen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Als Optimist gehe ich davon aus, dass nach all den gesammelten und angehäuften Erfahrungen des Pandemiejahres unser kaputt gespartes und zu Tode rationalisiertes Gesundheitssystem an Haupt und Gliedern repariert werden wird und den dort Beschäftigten endlich die angemessene Wertschätzung zukommt. Und dass unserer marodes Bildungssystem zukünftigen Herausforderungen ähnlich der Coronakrise gewachsen sein wird. Der Mensch ist nämlich äußerst lernfähig. Als Pessimist weiß ich allerdings, dass Optimisten nicht alle Tassen im Schrank haben. Der Literatur und Kunst wird auch in Zukunft die Rolle von Literatur und Kunst zukommen. Sagen im Chor: der Optimist und der Pessimist.

Was liest Du derzeit?

Heinrich Mann: Abrechnungen

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Wenn dir heute nicht gefällt, dann nimm doch einfach morgen. Da ist eh wieder heute.

Vielen Dank für das Interview lieber Michael, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Michael Augustin_Schriftsteller

MICHAEL AUGUSTIN – POET & ARTIST – 1543332146s Webseite! (jimdofree.com)

Fotos_Michael Augustin

23.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Zeit ist da, dass das Theater mit den neuesten Technologien zusammenwirkt“ Penny Black, Schriftstellerin_ London 23.4.2021

Liebe Penny, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wir befinden uns seit dem 2. Dezember in Lockdown hier in England – einschliesslich Weihnachten. Daher tagtäglich: eine Mischung aus Bearbeiten und Abwarten. Bearbeiten von Theaterstücken für Radio oder ein Stück mit mehrfachen Besetzung auf ein Einpersonenstück. Abwarten auf immer wieder verschobene Premieren.  Im Detail: Aufstehen, eine Stunde chanten (bin Buddhistin), frühstücken (ich versuche im Lockdown das in Wien gelernte erste und zweite Frühstück auf einen einziges Frühstück einzuschränken!), vormittags schreiben, nachmittags übersetzen, abends kochen und viel viel Lesen. Ab und zu Netflix, Bett. Endlos wiederholen.

Penny Black_Schriftstellerin und Übersetzerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Durchatmen, Geduld praktizieren, denken und denken lassen, den Alltag geniessen, Freunde und Familie schätzen, sich Standhaftigkeit gestalten. So nach dem englischen Spruch: Keep Calm and Carry On, was eher banal klingt aber unter den jetztigen Umständen……..

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Literatur, der Kunst an sich zu?

Von seiner Geburt an, wurde das Leben von William Shakespeare (1564-1616) in gefährlichem Aussmass von der Pest betroffen. Wiederholte Pestausbrüche führten zu wiederholten Theaterschliessungen, was wiederum dazuführte, dass zwischen 1606 und 1610 sein eigenes Theater nur neun Monaten offen hatte. In jener Zeit hat Shakespeare selbst einige seiner besten Theaterstücke geschrieben, darunter Macbeth, Antony und Cleopatra, Das Wintermärchen und Der Sturm. Ein exemplarisches Vorbild für AutorenInnen.

Ich bin kein echter Fan von gestreamten Theater, nichtsdestotrotz meine ich, dass wir das Wort Hybridität immer mehr hören und benutzen werden. Die Zeit ist da, dass das Theater doch mit den neuesten Technologien zusammenwirkt. Demnächst werde ich mit einer Videodesignerin zusammenarbeiten, und sehe schon jetzt wunderbare ästhetische und erzählkünstlerische Möglichkeiten vor mir.

Was liest Du derzeit?

Going to Meet the Man von James Baldwin (Kurzgeschichtensammlung), Homegoing von Yaa Gyaasi, Fierce Bad Rabbits von Clare Pollard.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Schwierigkeit hat nichts mit Tiefsinn zu tun, Schwierigkeit ist nicht gleich Kunst, und Unverständlichkeit an sich besitzt kein Wert.“

 Laxmi Prasad Devkota.(1909-59)

Vielen Dank für das Interview liebe Penny, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Hörspiel-, Literatur- und Übersetzungsprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Penny Black_Schriftstellerin

Foto_Layla Murga.

27.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Jeder Mensch darf ein Künstler sein, wenn er möchte“ Christina Starzer, Künstlerin_ Wien 23.4.2021

Liebe Christina, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Als Künstlerin und Mutter von 2 kleinen Kindern bin ich rund um die Uhr gefordert- Das ist manchmal nicht leicht, aber machbar. Ich brauche nicht mehr so viel Schlaf wie früher, um mich fit zu fühlen- und habe über die Jahre hinweg gelernt mit der Ressource Zeit sinnvoller umzugehen. Für mich steht in der Kunstproduktion Qualität immer noch vor Quantität.

Ich bin viel in der Natur, lasse mich von der Natur inspirieren- der Wald und einige Seen liegen vor meiner Haustüre. Meine Kinder klettern jeden Tag auf Bäumen und bauen Tipis. Es ist uns wichtig, dass sie so aufwachsen können- und für mich ist es der ideale Ort, mich auf die nächsten Ausstellungen vorzubereiten.

Christina Starzer, Künstlerin – Portrait mit Skulptur wireheart_2019

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Jenen unter die Arme greifen, die es wirklich brauchen. Contenance. Herzenswärme. Nächstenliebe. Erdung. Den richtigen Fokus finden. Das eigene Wertesystem überdenken, und zurechtrücken. Viel in die Natur gehen, Kraft tanken, das Licht ins Leben lassen!

Skulptur wireheart, 2019 – Christina Starzer

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Fährt man bewusst durch viele Ortschaften Österreichs und öffnet die Augen dann wird man merken, dass die Rollläden alle heruntergefahren sind. Die Menschen lassen das Licht nicht mehr in ihren Lebensraum. Das ist sehr traurig, und ein Zeichen für eine kollektive Depression. Wo viel Licht ist, gibt es viel Schatten. Aber wenn das Licht aus ist, dann ist nichts mehr da.

Die Zahl der Selbstmorde ist stark in die Höhe gegangen, die Menschen sind verunsichert, sie sind völlig entwurzelt, und viele werden sprichwörtlich verrückt. Sie ertragen ihren Alltag nicht mehr, denn dieser hat sich ja verschoben. Also muss man sich selbst auch weiterbewegen.

Die Kunst könnte eine „neue“ Rolle fernab des Kunstmarktes bekommen. Damit meine ich nicht die NFT´ s, oder ähnliche Entwicklungen- die zugegebenermaßen in vielen Gesellschaftsbereichen spannend zu beobachten sind. „Jeder Mensch ist ein Künstler“- Vielleicht ist es ein Vordenker wie Beuys, auf den wir uns in diesen Tagen besinnen können.

Denn Kunst kann auch wieder zentrieren und erden- eine therapeutische Funktion haben, wenn Sie so wollen. Sie ist immer das Abbild der jeweiligen Zeit. Der Zugang zur Kunst sollte kein Privileg mehr sein- Jeder Mensch darf ein Künstler sein, wenn er möchte.

Auch die Kunst braucht wieder Licht, mehr denn je!

Portrait mit object drawing/ painted giger- bemalter Ingwer, ein Jahr später 2020-2021 _ Christina Starzer

Was liest du derzeit?

Das kleine Einhorn Funkelstern, das Traumfresserchen,

Käthe Kollwitz- die Tagebücher 1908-1943.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

„Auf so manches in der Welt

Lernt der Mensch verzichten.

Was vom Leben übrigbleibt

Sind Bilder und Geschichten“

(Goethe)

object drawing, Wasserfarben auf Pappe, bemalte Nuss _Christina Starzer, Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Christina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christina Starzer, Künstlerin

Christina Starzer (tumblr.com)

Alle Fotos_ Alex Kiessling

22.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Malina – Versteck der Sprache“, Sandra Boihmane. Neofelis Verlag

Buchumschlag


„Malina – Versteck der Sprache“ Die Chiffre „Malina“ in Ingeborg Bachmanns Werk und in Zeugnissen von ZeitzeugInnen, Sandra Boihmane. Neofelis Verlag

1971-2021. 50 Jahre eines Romans, der seit seinem Erscheinen bis heute vielseitige
Impulse, Diskussionen, Bewunderung wie Erschütterung auslöst. Dazu tragen
einerseits der schonungslose radikale Inhalt und Stil des Textes wie das
schillernde geheimnisvoll-tragische Leben der österreichischen Schriftstellerin
Ingeborg Bachmann (1926 – 1971) bei. So eng umrissen der topographische
Handlungsspielraum des Romans – Wien – ist, so weit und offen ist Bedeutung
und Sinn.


Die studierte Philosophin, Schwerpunkt transdisziplinäre Geschlechterstudien,
Sandra Boihmane, legt mit der vorliegenden Studie zur titelgebenden Chiffre
„Malina“ einen umfassenden wie spannenden wissenschaftlichen Zugang zu
Bedeutungszugängen und Querverweisen in Philosophie, Geschichte, Sprache
und Kunst dar. Es ist gleichsam eine Fundgrabe, die sich hier für
WissenschaftlerInnen wie literaturinteressierte Leserinnen und Leser auftut
und staunen wie neugierig weiterdenken lässt.

Das vorliegende Buch, Grundlage ist die Dissertation der Autorin von 2014,
gliedert sich in sechs Überblickskapitel. Beginnend mit dem Forschungsstand
zum Titel „Malina“, weiteres die mediale Vermittlung wie die Bedeutung des
Namens im kriminellen Milieu und Volkslied erhellt, dann die Öffnung
historischer Zusammenhänge wie der Roman und die Schriftstellerin Ingeborg
Bachmann im Horizont eines Vermächtnisses. Ein umfangreiches
Literaturverzeichnis rundet dies ab.


„Einer der bemerkenswertesten Forschungsbeiträge zu einem epochalen
Roman und dessen faszinierender Autorin“

Walter Pobaschnig 4_21
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„Kritisch bleiben und Herzen aufmachen“ Fanny Altenburger, Schauspielerin_ Wien 22.4.2021

Liebe Fanny, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Momentan jeden Tag unterschiedlich. Da ich es gerade ganz wichtig finde, innerlich nicht zu versauern, lege ich den Fokus sehr darauf, es mir selbst lustig zu machen, da gerade nichts von außen kommen kann. Ich hab angefangen Kerzen selber zu machen, hab wieder mal gebacken, höre viel Musik und versuche mich wieder dem Schreiben, einer kleinen Leidenschaft von mir, zu widmen.

Fanny Altenburger_Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Innerlich wach und warm zu bleiben, und genau zu beobachten was im Außen passiert. Kritisch bleiben und Herzen aufmachen, viele kleine liebe Gesten; dem Nachbar mit dem Einkauf helfen, und sich die Kunst, die man gerade außer Haus nicht bekommt nach Hause holen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich denke, oder hoffe, dass wir nachher alles, was uns seit einem Jahr genommen aber vorher so selbstverständlich war, viel mehr zu schätzen wissen und vielleicht sogar ein Stück noch mehr beglückt nach einer Veranstaltung, eines schönen Miteinanders, nach Hause gehen und uns freuen werden. Ich hoffe sehr, dass der ganze digitale Ersatz, der jetzt Schule, Universitäten, Kinos, Theater, Ausstellungen, Konzerte, politische Diskussionen versucht am Leben zu halten, dann wieder rückläufig wird, weil mir das physische Miteinander fehlt und es mittlerweile recht belastet.

Was liest Du derzeit?

Ich habe gerade begonnen von Jocelyne Saucier „Niemals ohne sie“ zu lesen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Beinah ist oft schlimmer als nein.“ Von Mascha Kaléko aus „enfant terrible“.

Fanny Altenburger_Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Fanny, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Fanny Altenburger, Schauspielerin

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Hotel Regina _ Wien_19.4.2021.

16.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Einerseits nicht hadern mit sich selbst, andererseits das Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen stärken“ Dessi Urumova, Schauspielerin_ Wien 22.4.2021

Liebe Dessi, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin eine Frühaufsteherin. Um 5.30h, noch bevor der Wecker läutet, beginnt schon mein Tag. Ich genieße die Zeit des frühen Morgens und starte in den Tag hinein mit heißem Kaffee und guter Musik – das sorgt sofort für Behaglichkeit. Derzeit ist meine Mutter-Rolle mehr gefragt als die der Schauspielerin. Und es ist nicht nur corona-bedingt. Mein Mann, der Schauspieler Alexander Strömer, probt zurzeit viel als Ensemblemitglied des Theaters in der Josefstadt. Dennoch erlebe ich durch ihn sehr viel Rückhalt und Unterstützung!

Ich verkörpere die vielen verschiedenen Rollen daher in meinem Alltag: – Mutter, Ehefrau, Köchin, Lehrerin, Elternvereinssprecherin, Putzfrau, Verführerin, Psychotherapeutin, Krankenschwester, ach, da gibt es unzählige … (lacht)

Dessi Urumova, Schauspielerin

Und ich muss zugeben – es macht richtig Spaß zwischen den Rollen zu „switchen“. Dazwischen, in meiner noch übrigen „freien“ Zeit, tanze ich leidenschaftlich gern Salsa als mein tägliches Workout und für mein absolutes Wohlbefinden. Sagen wir mal so, trotz der für uns allen derzeitigen, herausfordernden Situation, versuche ich diese so gut es geht zu meistern und mein Leben dabei zu genießen.

Meinen Beruf als Schauspielerin kann ich momentan leider nicht so richtig ausüben. Und es ist nicht nur auf die allgegenwärtige Corona Zeit zurückzuführen.  Obwohl meine berufliche Laufbahn erfolgreich startete: prompt nach meiner Schauspielausbildung wurde ich ans Theater an der Josefstadt engagiert und spielte dort im Ensemble von der Klassik bis hin zum gehobenen Boulevard 7 Jahre lang.

Dessi Urumova im Theaterstück „Schwarze Augen für gelegentliche Treffs“

Meine erste große Rolle im Fernsehen, die mir Gelegenheit gab mich einem breiten Fernsehpublikum zu präsentieren, war in einem spannenden österreichischen „Tatort“ unter der Regie von Harald Sicheritz. Ich bin zutiefst dankbar für diese wunderbare, und für mich als Schauspielerin sehr bereichernde, Arbeit. Diese wurde auch unter Anderem in meiner ersten Heimat Bulgarien mit der Auszeichnung des Kulturministeriums um die Verdienste im Ausland, gewürdigt. Auch nach der Geburt meines Sohnes folgten einige gute Theater- und Fernsehengagements.

Jetzt jedoch bin ich umso mehr gefordert, diesen Marathon zu laufen und einer längeren Durststrecke entgegenzuhalten. Das ist eine prekäre Situation, denk ich, für jeden Künstler — einerseits nicht hadern mit sich selbst, andererseits das Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen stärken gerade in Situationen, in denen man nur auf sich selbst zurückgeworfen ist. Ohne als Künstler wahr- genommen zu werden. Obwohl ich meine Mutterrolle mit Freude auslebe, sehne ich mich gleichzeitig sehr nach beruflichen Aufgaben. Das Eine schließt ja das Andere nicht aus. Ich bin im Ostblock aufgewachsen (weitere Stationen waren Berlin und dann Wien), und habe miterlebt, wie die Frauen im Osten diesen Balanceakt zwischen  Kind und Karriere lebten, und zwar mit einer gewissen Lässigkeit, einer guten Portion Weiblichkeit und Solidarität untereinander.

Jedoch erkenne ich leider auch in meinem Beruf mit einem weinenden Auge offenbar eine Zweiklassengesellschaft. Frauensolidarität ist etwas für Magazine und Ratgeberliteratur, so scheint mir. In der Praxis sieht das leider oft ganz anders aus: In meinem Alterssegment – sicherlich nicht mehr die junge Geliebte, aber die nicht mehr ganz junge Frau, die in ihrem Leben bereits etwas erlebt hat und dadurch zusätzlich an Attraktivität, auch des Innenlebens, generiert haben sollte – sind die „wenigen“ Rollen nämlich heiß umkämpft.

Ich versuche stets diese Attraktivität in mir zu finden und auch auszustrahlen, was mir aber viel wichtiger scheint, mit meinem tiefen, inneren Gefühlsleben als Schauspielerin punkten zu können. In der Realität bringt das leider wenig. Obwohl Österreicherin, aber wohl aufgrund meines ethnischen Äußeren, werde ich meistens auf dieAusländerin festgelegt, obgleich ich keinen Akzent habe, – diesen werde ich dann gebeten herzustellen. Das wäre keinesfalls schlimm, wären da auch andere Sichtweisen und Rollenangebote.

Natürlich kann die Rolle einer „Ausländerin“ auch eine tolle und inspirierende Aufgabe sein! Sowie im „Tatort“, die bulgarische Sonderermittlerin Donka, die sehr viele dramaturgische Wandlungen, Drehpunkte, Tiefen und Untiefen zeigen durfte.

Dessi Urumova, in der Fernsehproduktion Tatort „Ausgelöscht“

Umgekehrt ist es aber dann so, dass ich beispielsweise in einem Film einen als Bulgaren ausgewiesenen Darsteller sehe, der nicht einmal Bulgarisch –  nein, ein Kauderwelsch an verunglücktem Russisch von sich gibt. Wie können wir uns dann erwarten, nicht immer mit Australien verwechselt, oder auf Mozartkugeln reduziert zu werden, wenn man sich selbst mit Ländern, die in unserer EU vereint sind, in heimischen Filmen so unreflektiert und stereotyp, ja lieblos, befasst?

Glücklicherweise ergeben sich für mich als Sprecherin immer wieder neue interessante und internationale Projekte. Da meine Muttersprache Bulgarisch ist, liegt unter Anderem der Fokus auf EU-Kulturaufträgen: ich bin die offizielle bulgarische Stimme der Austrian Airlines und des Hauses für europäische Geschichte in Brüssel. Sprachaufnahmen für das Deutschlandradio und den Bulgarischen Rundfunk bereichern meine künstlerische Arbeit als Sprecherin. Das macht mir große Freude.  Und….letztendlich vertraue ich auf mich und meinen eigenen Lebensweg.

Ich bin ja noch jung (lacht).    

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Aufwachen!  Nicht weitermachen wie bisher. Dabei warten vermutlich viele darauf, genau das tun zu können: alles soll wieder so sein wie vorher. Aber wie vorher?  Dürfen wir dann alle wieder den einen bei vollgedeckter Tafel zusehen, während man vielen anderen keine Chance gibt und sie einfach vergisst?  Sei es gesellschaftlich … politisch oder kulturell, …  global! Das wäre hoffnungslos.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Was das Künstlerische anbelangt, kann ich persönlich, vielleicht etwas kontrovers, mit einem Vergleich antworten: Können, beispielsweise, Frauen, die gerne in der Kirche aktiv mitgestalten wollen, dies aber nur begrenzt dürfen, die Rolle der Kirche definieren? Ich fürchte, nein!  Aber sie können eine Vision von dem erschaffen, wie es sein sollte, wenn sie die Möglichkeit der Mitgestaltung, des Mitbestimmens haben!

Ich hoffe darauf eine Antwort geben zu können, indem ich selbst wieder etwas dazu beitragen dürfen werde.

Obwohl ich im Innersten weiß, was ich künstlerisch alles zu geben habe. Schauspielerei hat aber viel mit Geheimnis zu tun. Und nicht etwa mit…wie soll ich es ausdrücken … mit Politik …, in der man verkündet, was man alles tun wird, wenn man gewählt wird.

Was mir aber schmerzlich auffällt, das Nicht-Schöne, das Durchschnittliche, das Gewöhnliche, Bekannte, scheint der Allgemeinheit viel lieber als das Schöne, Edle, Ästhetische, das Nicht-Sofort-Einzuordnende, Mysteriöse. Vor dem Schönen, Exotischen, haben wir vermutlich Angst, es bedroht womöglich die unfesten, unsicheren Charaktere, derer es leider in der westlichen, unserer völlig kommerzialisierten Welt, viel zu viele gibt. Blickt man z.B. nach Bulgarien, überhaupt in den vom Westen kritisch, furchtsam beäugten Osten…da hält „frau“ noch etwas auf sich. Sie fühlt ihre Selbstbestimmung und somit auch ihre autonome Macht gerade in ihrer Weiblichkeit.… und sie ordnet sich dadurch eben nicht unter, wie man immer allgemein behauptet, indem sie sich nämlich „fraulich“ gibt. Für unseren Westeuropäer, scheinbar ein Widerspruch. Der beklagt sich wieder, dass die Frauen so „vermännlicht“ sind, und blickt sehnsüchtig …gegen Osten. (lacht). Der Ordnung halber, will ich nicht verhehlen, dass es auch im Osten viel Verbesserungswürdiges gibt.

Ich wünsche uns mehr Solidarität, Achtsamkeit, Zusammenhalt, Offenheit. Jeder Tag sollte uns neue Chancen eröffnen, sich selbst  zu hinterfragen, den Blick nach Innen zu richten, sich neu zu definieren, einander zu achten und sich gegenseitig zu stützen. Diese Werte sind gerade jetzt, wo die Gesellschaft droht gespalten zu werden, wichtiger denn je!

Dessi Urumova,und Alexander Strömer in „Was ihr wollt“

Was liest Du derzeit?

Bedingt durch das Vorbereiten seines ersten Buchreferats in der Volksschule, lese ich erneut mit meinem Sohn Antoine de Saint- Exupery‘s „Der kleine Prinz“ –  diesmal durch die Augen eines Kindes betrachtet.

Ich liebe die Russische Literatur! Zu meinen absoluten Lieblingsschriftstellern gehört eindeutig Alexander Puschkin. Seine Liebeslyrik ist ein unersetzlicher Teil meiner Lesezeit.

Robert Pfaller „Wofür es sich zu leben lohnt“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Folgendes Zitat von Goethe gab mir meine Lehrerin schon in der Volksschule mit und es begleitet mich bis heute unentwegt:

„Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals – wohl aber durch Handeln! Versuche Deine Pflicht zu tun, und Du weißt was an Dir ist. Was ist aber Deine Pflicht? – Die Forderung des Tages.“  (Johann Wolfgang von Goethe)

Und aktueller mehr denn je – – der Fuchs zum Kleinen Prinzen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!“  (Antoine de Saint de – Exupery) 

Dessi Urumova, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Dessi, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Dessi Urumova, Schauspielerin

Dessi Urumova – Schauspielerin

Fotos_1 Dimo Dimov; 2 Barbara Wirl; 3 BKI; 4 Sepp Gallauer; 5 Ingp Pertramer; 6 privat; 7 M.K.

24.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die freie Kunst- und Kulturszene ist für jede demokratische Gesellschaft essentiell“ Anette von Eichel, Jazzsängerin_Köln 21.4.2021

Liebe Anette, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe zwei Töchter von 12 und 15 Jahren, die im Homeschooling sind. Mein Mann und ich teilen uns die Kindererziehung gleichgestellt und versuchen, für unsere Töchter eine gewisse tägliche Routine aufrecht zu erhalten: wir stehen gemeinsam auf, frühstücken und machen dann erstmal zusammen einen kleinen Spaziergang vor dem Digitalunterricht der zwei Mädels; dann machen wir später am Vormittag eine „große Pause“ zusammen und essen gemeinsam zu Mittag. Wenn ich mit Mittagessenkochen dran bin, koche ich manchmal am Abend vorher schon vor, damit ich vormittags besser arbeiten kann. Das habe ich anfangs nicht gemacht und war dann immer sehr entnervt, wenn ich vormittags nicht richtig für mich selbst arbeiten konnte. Abends Vorkochen ist irgendwie krass – aber erleichtert mir meinen Tag. Außerdem ist es auch ganz nett, abends mit einem Glas Wein etwas zu kochen, das dann (Wunder oh Wunder der Backautomatik) am nächsten Tag vom Backofen selber fertig gekocht wird und einfach auf den Tisch kommt – fühlt sich fast an wie essen gehen.

Bis 11.00 Uhr arbeite ich jeden Morgen für mich und mein eigenes künstlerisches Projekt. Ich kann üben, komponieren, die Orga für mein neues Album „Inner Tide“ weiter anschieben – alles, wonach mir der Sinn steht. Letztes Jahr habe ich „Der Weg des Künstler“ von Julia Cameron gelesen.  Am Anfang meines Arbeitstages stehen seitdem immer „die 3 Morgenseiten“. Julia Cameron schlägt in ihrem Buch vor, dass Künstler*innen ihren Tag immer mit dem Schreiben von 3 Seiten beginnen sollten (die Größe der Seiten wählt man selber… J). Dieses Ritual tut mir gut und ordnet meine Gedanken.

Seit März 2021 bin ich Dekanin des Fachbereichs Jazz Pop an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln. Hochschularbeit in Zeiten von Corona ist, als ob man über die Kirmes läuft: Alles um dich herum hupt und blinkt und dreht sich! Regelmäßig neue Vorgaben von oben und ihre Auswirkungen auf die Arbeit von uns Kolleg*innen mit den Studierenden. Ich bin ein intuitiv arbeitender Mensch – ab 11.00 Uhr geht darum alles ein bisschen kreuz und quer… Emails, Telefonate, Zoommeetings, mal rausgehen oder einen Kaffee trinken. Das läuft durch bis Ende Nachmittag, soweit ich halt komme. Auf meinem Tisch steht das Bild von einem Faultier, dass das Empire State Building hochklettert, wie King Kong – das Bild soll mir helfen, langsam zu machen und die Arbeit nicht zu ernst zu nehmen.

Was sich für mich in der Pandemie als sehr wichtig erwiesen hat, ist Sport machen und in der Natur sein. Ich versuche, jeden Tag Sport zu machen. Ich gehe mal joggen, mache mal Yoga, nicht Großes, aber möglichst jeden Tag etwas. Ich bin auch so viel wie möglich draußen in der Natur und in meinem Garten. Mit Sport und Bewegung an der frischen Lust kann ich mich gedanklich besser ordnen, abschalten und auch besser schlafen.

In meiner Freizeit sehe ich meine Freund*innen – einzeln, mit Abstand, auf einen Spaziergang im Freien oder auch mal digital (geht auch, Hauptsache man sieht sich). Außerdem schaue ich gerade wirklich viele Filme, lese Bücher und höre abends manchmal Musik auf meinem Plattenspieler. Nachrichtengucken dosiere ich sehr.

Anette von Eichel, Jazzsängerin und Jazzmusikerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Oh, das ist eine große Frage. Ich glaube, im Moment ist es für uns alle wichtig, individuell Ruhe, Hoffnung und eine gewisse tägliche Routine zu bewahren. Es ist schwierig zu sagen, wie sich die nächste Zeit für uns Kulturschaffende entwickeln wird. Umso wichtiger ist es, kleine verwirklichbare Pläne zu entwickeln, sich selber eine kleine Perspektive zu bauen. Was kann ich umsetzen? Welches Ziel kann ich mir suchen? Eine Sprache lernen? Ukulele lernen? Lesen, kochen, Sport machen. Es ist wichtig, gut auf uns und die Menschen in unserem Umfeld zu achten. Wer braucht vielleicht meine Hilfe? Wie geht es meiner Familie, meinen Freund*innen? Was kann ich für meine Familien, meine Freund*innen und Kolleg*innen tun? Wertschätzung äußern, wenn jemand sich bemüht, geduldig bleiben mit Fremden und der allgemeinen Situation, Hoffnung machen, aufeinander achten, dass wir gesund bleiben und körperlich und seelisch intakt diese Phase überwinden können. Und es ist wichtig, irgendwie den Humor zu bewahren. Mal was Kleines, Absurdes tun. Mein Mann und ich haben uns überlegt, uns nächste Woche vielleicht mal alle für einen Tag lang einen Schnurbart anzumalen. Wir finden das großartig, unsere Töchter wollen noch nicht so recht mitmachen! Haha!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Meiner festen Überzeugung nach ist ihre freie Kunst- und Kulturszene für jede freiheitliche demokratische Gesellschaft essentiell. Ohne uns Kulturschaffende und unsere Kunst wird es nicht nur still in unserer Gesellschaft, sondern, wie ich glaube, wirklich gefährlich auf Dauer! Nach meinem Empfinden wird unser Beitrag als freie Kulturszene zu unseren westlichen Demokratien im Moment von der Politik sträflich unterschätzt. Konzerte, Theater-, Kino- und Museumsbesuche regen die Menschen dazu an, ihre Werte und Normen zu überdenken und weiter zu bilden. Das alles sind Diskussionsorte und Orte der Meinungsbildung einer freiheitlichen Gesellschaft. Kultur ist nicht nur dafür da, dass man sich abends auf die Couch knallt und von einem Streamingdienst berieseln lässt, um am nächsten Tag wieder brav fürs Bruttosozialprodukt zu arbeiten. Das ist auch mal nett, aber das ist nicht alles. Wenn wir die Kunst und unsere Kultur vernachlässigen, fallen wir als Wertegemeinschaft auseinander. Meiner Meinung nach sehen wir davon schon die ersten Ansätze.

Es wird wesentlich sein, dass wir Kulturschaffende mit der Politik jetzt und nach der Pandemie besser ins Gespräch kommen, um zu zeigen, was unsere Arbeit und was unser gesellschaftlicher Beitrag ist. Vielleicht haben wir in Deutschland (und auch Österreich?) als Kulturschaffende auch in der Vergangenheit zu sehr darauf vertraut, als Kultur zum Wertekanon der Gesellschaft zu gehören. Jetzt sehen wir: letztlich sticht immer die wirtschaftliche Abwägung und die schlagkräftigere Lobby. Meiner Ansicht nach ist unsere Gesellschaft zu sehr vom Kapitalismus geprägt.

Wir sind hier in Deutschland seit 1 Jahr von Einschränkungen im Kulturbereich betroffen, seit November 2020 haben wir als Kulturschaffende ein faktisches Arbeitsverbot. Das halten wir durch, weil wir einsehen, dass das ein wichtiger Beitrag zur Pandemiebekämpfung ist. Aber dafür müssen wir auch im Gegenzug als Kulturschaffende von der Politik aufgefangen werden. Hier geht es nicht um Renditen und Millionengewinne von Großkonzernen – hier geht es um die wirtschaftliche und kreative Existenz von rechtschaffenen, hart arbeitenden Soloselbständigen und Betrieben im Kultursektor. Tausende von Einzelschicksalen mit Familien und ihren berechtigten Erwartungen an die Gesellschaft, die sie mit ihrer Arbeit bisher mit getragen haben.

Was liest Du derzeit?

Zu Anfang der Pandemie habe ich alle Bücher von Jane Austen noch einmal gelesen. Sense & Sensibility, Pride & Prejudice, Mansfield Park, Emma, Northanger Abbey, Persuasion… Ich mag Jane Austens Sinn für Humor. Außerdem haben die Menschen in diesen Büchern so viel Zeit und müssen oft so lange auf Bewegung in ihrem Leben warten. Ich habe mir damals gedacht, dass diese Geschichten bestimmt gut sind, um selber für mich die Wartezeit bis nach der Pandemie zu überbrücken.

Jetzt habe ich gerade die „Quasikristalle“ von Eva Menasse gelesen. Kann ich nur empfehlen, hat mir wirklich gut gefallen! Lesen ist jetzt genau das Richtige. Dazu schön eine Kerze anzünden, schöne Musik hören, was Nettes trinken… sehr gut!

Anette von Eichel, Jazzsängerin und Jazzmusikerin

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ooh… “whoever needed words”? Vielleicht den Songtext der großartigen britischen Sängerin und Poetin Norma Winstone auf Bill Evans „Prologue“ (von ihrem Album „Somewhere Called Home“)

Now a time to stay a while

And consider who we are.

Oh, so many things to say

But we’ve almost come too far.

As we look down

We see the water flowing fast

Beneath our feet.

While here above

The bridge on which we wait

Will stand forever.

Love paints a silent picture

In a world which speaks no word.

Whoever needed words?

Make belief is where we are

Till we find some other place.

Vielen Dank für das Interview liebe Anette, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

… gerne! J

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anette von Eichel, Jazzsängerin und Jazzmusikerin

Anette von Eichel

Fotos_Maya Claussen

22.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Nicht nur Online-Artikel, sondern vollständige Bücher lesen“ Céline Struger, Künstlerin_Wien 21.4.2021

Liebe Celine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe gegen 9:30 Uhr auf, frühstücke, erledige Korrespondenz, Research und Anträge, mache Pilates und gehe nachmittags gegen 15:00 Uhr ins Atelier. Dort arbeite ich bis um 22:30 Uhr. An Montagen, Dienstagen und Donnerstagen zwischen 13:00-18:00 Uhr  erledige ich meine Metallarbeiten in einer Gemeinschaftswerkstatt, baue Gußformen aus Holz und brenne Keramiken. Einen Tag pro Woche bleibe ich zu Hause oder  sehe mir Ausstellungen an. 

Céline Struger, Bildende Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gesund bleiben und Kraft sammeln für wenn es wieder voll losgeht. Seinen digitalen Medienkonsum herunterzuschrauben und nicht nur Online-Artikel, sondern vollständige Bücher zu lesen. 

Ich bemerke an mir selbst, dass ich mich seit Beginn der Pandemie in meinen Einstellungen zur Welt vielleicht ein bißchen stärker „radikalisiert” habe und da trägt der contentgesteuerte Medienkonsum auf Social Media bestimmt dazu bei. Ich glaube das geht vielen anderen auch so. Wenn man vorher schon ein bißchen links und vegetarisch war, dann ist man es nun noch vehementer und wenn man vorher schon eher rechts und wütender SUV-Fahrer war, dann erst recht. Das einzige was dagegen hilft, ist die eigene „Blase” auch online zu verlassen und sich darin zu üben das eine oder andere Posting für sich zu behalten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Es wäre natürlich schön, wenn aus der Pandemie ein positiver, gesellschaftlicher Wandel hervorginge, aber ich halte es angesichts des aktuellen globalen Wertesystems (patriarchaler Kapitalismus) für unwahrscheinlich.

Die Klimakrise, globale Migrationsströme, Sklavenhandel sind direkte Resultate eines Wirtschaftssystems, das auf dem Prinzip des maximalen Ertrags bei minimalem Einsatz, (d.h. minimaler Umweltschutz, minimale Nachhaltigkeit, minimaler ArbeitnehmerInnenschutz) ausgerichtet ist.

Vielleicht konnte die COVID-Krise nun die BürgerInnen soweit überzeugen, dass ihnen ein größeres Stück ihres eigenen Steueraufkommens tatsächlich zusteht. Die Akzeptanz einer repräsentativen Größe an ÖsterreicherInnen gegenüber einem bedingungslosen Grundeinkommen stieg laut einer Studie seit Beginn der Corona-Pandemie um etwa 7%. Und ich hoffe, dass die Politik im Hinblick auf eine flächendeckende Automatisierung im Servicebereich und Handel zumindest manchen Bevölkerungsgruppen ein Grundeinkommen zugesteht, da dies kostengünstiger wäre als künstlich neue, „unnötige” Arbeitsplätze zu schaffen. – Auch wenn das gemäß kapitalistischer Ideologie nicht „bedingungslos” erfolgen kann.

Künstlerisch sehe ich, zumindest kurzfristig und lokal einen verstärkten Trend zur Kunst im öffentlichen Raum. Auf internationaler Ebene passiert jetzt einiges im Bereich jener Digital Art, die sich mit sogenannten NFTs (Non Fungible Tokens) mit Crypto-Zahlungsmitteln verschränkt hat. Dadurch wurden in den letzten Wochen ernorme Verkaufserlöse erzielt. Ein NFT ist ein einmalig ausgegebenes Zertifikat, das einem digitalen Kunstwerk zugeordnet wird und zur Blockchain der Cryptowährung (in dem Fall: Ethereum) gehört. Diese NFTs werden nun als revolutionäre Möglichkeit zum Sammeln digitaler Kunst angesehen.

Was liest Du derzeit?

Ich habe letzte Woche Marcel Prousts  „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” zu Ende gelesen. Ich hatte es mit Anfang zwanzig in einer Version als  Bande-Dessinée, als Comic auf französisch begonnen. Lange hatte ich es nicht durch „Im Schatten junger Mädchenblüte” geschafft, da der Protagonist dort als junger Bourgeois von seiner Hausangestellten wie von einem Tier spricht. Er beschreibt sie als „treu wie einen Hund” aber „zu alt und zu einfach gestrickt, um ihr viel beizubringen”. Diese  Äußerungen schienen mir damals im Kontext ihrer Entstehungszeit elitistisch und grausam und ich legte den Text für zehn Jahre beiseite. Im darauffolgenden Band beschreibt er dann wie er der Prinzessin von Luxemburg am Strand von Balbecq in Gegenwart seiner, von ihm verehrten, hochgebildeten Großmutter begegnete. Die Prinzessin, selbst eine Dame mittleren Alters, grüßte seine Großmutter besonders zuvorkommend und drückte ihm dann zum Abschied Brotstücke, wie man sie an Enten verfüttert mit den Worten in die Hand, er solle diese seiner Großmutter schenken. Denn in den Augen der Prinzessin unterscheiden sich die Bürgerlichen nicht im Geringsten von ihren Hausangestellten. Mein Fazit: Ich musste 500 Seiten und zehn Lebensjahre warten, bis diese feine Ironie sich entfaltete und ich diese auch als solche begreifen konnte. Und das Werk ist voll von solchen Besonderheiten. Als ich nun am letzten Band las, ließ ich mir besonders viel Zeit, denn mich durch das Werk durchgearbeitet zu haben, bedeutet auch, dass es irgendwann nicht mehr weitergeht, so wie im Leben.

Daher mag ich neben Romanen auch Kunstbücher, die keinen klassischen Anfang, Mittelteil und Schluss haben. Eines meiner liebsten ist „Labyrinth” von Olaf Nicolai, da es im Gegensatz zu herkömmlichen Büchern nicht linear gelesen werden muss. Es funktioniert assoziativ mit einigen Hauptthemen, die sich in alle Richtungen zum nächsten Hauptthema verzweigen, wobei auch der Aufbau des Buches, seine Narrationsstränge labyrinthisch angelegt sind. Derzeit lese ich „Arts of Living on a Damaged Planet” von Anna Tsing, Heather Swanson, Elaine Gan und Nils Bubandt. Man kann dieses Buch ebenfalls von vorne, von hinten oder in der Mitte beginnen, es mischt naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu Ökosystemen des Anthropozäns und den Symbiosen von biologischen Akteuren mit Artistic Research und spickt es mit Abbildungen und einem fundierten Quellenverzeichnis. Ich kann es nur empfehlen, vor allem Künstlerinnen und Künstlern.



Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe mir ein Zitat von Derrida ausgesucht, da es Text mit Attributen beschreibt, welche Bewegung und Beobachtung in einer (Stadt-)Landschaft ausdrücken. Und deshalb passt es gut zu Literatur Outdoors:

„Ein Text ist noch kein Text, solange er seine Absichten nicht hinter seiner ersten Biegung, dem ersten Blick der Leserin verbirgt und die Struktur seines Aufbaus und die Regeln seines Spiels bis zum Schluss im Verborgenen bleiben.”

(„A text is not a text unless it hides from the first comer, from the first glance, the law of its composition and the rules of its game.” Derrida)

Céline Struger, Bildende Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Céline, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Céline Struger, Bildende Künstlerin

Home | CÉLINE STRUGER (celinestruger.com)

Fotos_1,4 Daniel Hosenberg; 2,3,5 Detlef Löffler

22.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com