„…ob wir uns aus der Gemütlichkeit des Althergebrachten lösen können“ Safak Saricicek, Schriftsteller_Heidelberg 5.2.2021

Lieber Safak, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Relativ geregelt, lieber Walter. Ich stehe  früh auf, um einige Stunden als HiWi in der Bibliothek der Juristischen Fakultät zu arbeiten. Nach einem kleinen  Abstecher zwecks Mittagsessen  widme ich mich sodann dem Lernen. Oft gehe ich am Ende des Arbeits- und Studientags  eine halbe Stunde zu Fuß nach Hause, um nicht in der vollen Straßenbahn zu sein, um die  zauberhaften Heidelberger Viertel aufmerksamer wahrzunehmen  sowie  der Bewegung wegen.

Safak Saricicek, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Optimismus trotz allem, Geduld und Mitgefühl  mit uns selbst und für unsere Mitmenschen, Vertrauen in die Wissenschaft und das wir alternative Wege finden, mit Freunden und Familie  zu reden. Auch unser Glaube kann uns jetzt bestärken und beitragen zur Resilienz.

Konkret und pragmatisch würde ich sagen: Bewegung, Beschäftigung, unsere sozialen Kontakte sowie die Pflege des Geists (in der Gestalt von Kunst und Kultur).

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Digitalisierung beschleunigt sich gezwungenermaßen, Konzepte wie Home Office werden gezwungenermaßen weitestgehend verbreitet und darüber hinaus wird ein Umdenken forciert, was unsere Bedeutung im globalen Ökosystem, wie auch unsere Handlungen bezüglich anderer Lebewesen angeht. Wesentlich wird sein, ob wir als  Menschheit die Egozentrik und den Narzissmus im Kleinen überwinden werden können, was letztlich darüber entscheiden wird, ob wir den kollektiven Narzissmus werden überwinden können, namentlich den bis zum Rassismus führenden Nationalismus, den absoluten Anthropozentrismus, den raubbeuterischen Neoliberalismus und ob wir uns aus der Gemütlichkeit des Althergebrachten lösen können, dass der Mensch ein Wolf ist für den Menschen und vom zynischen Determinismus. Ich sehe vielmehr in der jetzigen pandemischen Krise, die nur eine von vielen zukünftigen sein wird, dass Menschen selbst in einer am Profit und Kapitalmaximierung orientierten Gesellschaft, zur Solidarität fähig sind und willens sich auch um die Schwachen zu kümmern, einfach gesagt: willens, menschlich zu handeln. Der Literatur und Kunst kommt, so denke ich, mitunter die Aufgabe zu dieses Menschsein und Menschlichsein höchstindividuell auszudrücken.

Was liest Du derzeit?

Zu viele Bücher parallel, was hier als Aufzählung ausufern würde. Ich habe, um einige spontan zu nennen, vor Kurzem die Vorrede zu Hegels Phänomenologie des Geistes abgeschlossen und lese darin weiter, lyrisch war ich beispielsweise in den Gefilden Jules Supervielles unterwegs oder zB mit Edip Cansever.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Guy Debord “Society of the Spectacle“

(…) The unreal unity proclaimed by the spectacle masks the class division underlying the real unity of the capitalist mode of production. What obliges the producers to participate in the construction of the world is also what excludes them from it. What brings people into relation with each other by liberating them from their local and national limitations is also what keeps them apart. What requires increased rationality is also what nourishes the irrationality of hierarchical exploitation and repression. What produces society’s abstract power also produces its concrete lack of freedom.

Vielen Dank für das Interview lieber Safak, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Safak Saricicek, Schriftsteller

Foto_privat

11.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Ein Großer geht und bleibt“ _ Station bei Arik Brauer_Lola Lindenbaum, Künstlerin_Wien 4.2.2021

Lola Lindenbaum, Künstlerin

Ich war tief getroffen vom Tod von Arik Brauer, er war für mich der Inbegriff der Lebensfreude und der unerschöpflichen Energie, bis ins hohe Alter (Ein Sinnbild der Dynamik ist Arik am Fahrrad, ob unterwegs nach Paris, Nordafrika oder auf der Donauinsel – jedenfalls stets unterwegs). Arik Brauer war mir so vertraut und ich kann nicht ergründen, weshalb genau.

Lola Lindenbaum_ Ein Grosser geht und bleibt 95×95 2021 _ Öl, Ölkreide, Spray,Leim auf textilisiertem Keilrahmen

Ich habe anlässlich seines Todes einige Dokumentationen und Interviews mit ihm angeschaut und es drängte sich mir stets das Wort „Vertrautheit“ auf. Ich hab Arik Brauer 2x in natura gesehen, das erste Mal bei der Teilnahme an der Aufnahmeprüfung a.d. Akademie der Bildenden Künste 1996 im Semper Depot und bei einer Einladung im Jüdischen Museum anlässlich seines 90. Geburtstags, wo wir auch die Gelegenheit hatten ein paar Worte zu wechseln.

Lola Lindenbaum_Das Glück ist auf Besuch 154x205cm Öl, Ölkreide, Wandfarbe auf Textil/Holzrahmen

DAS GLÜCK IST AUF BESUCH DAS GLÜCK EIN FLÜCHTIGER UNERWARTETER GAST LEISTET NIE GESELLSCHAFT GALOPPIERT VORÜBER AN DER LEISTUNGSGESELLSCHAFT ES KANN SICH’S AUCH LEISTEN UNBEMERKT IM AUGENBLICK WIRD’S ERST ERKANNT WENN’S IST SCHON VORBEI. @Lolalindenbaum

Er ließ sich trotz schicksalhafter Kindheit, die sorglos begann und  durch den Nationalsozialismus und die grausame Ermordung des Vaters in der Shoah abrupt und schmerzlich beendet wurde, nicht brechen und er ließ sich seines Lebenswillens- und seiner Lebensfreude nicht berauben. Was aus seinen Interviews hervorgeht, ist der ihn begleitende Gemütszustand der Freude –der Freude am Leben, Freude am Sein, Freude an der Familie und der  Freude am Malen.

Lola Lindenbaum _ Das Primat des Inhalts weicht der Stofflichkeit in der Blauen Stunde 110×110 2021 Ölkreide, Öl, Leim, Spray, Collagenelemente auf textilisiertem Keilrahmen

Obwohl seine Bilder inhaltlich pathetisch anmuten und oft mythologisch mit Motiven und Themen aus dem Alten Testament aufgeladen sind, macht er die Hermeneutik mittels bunter Farben für den Betrachter verdaulich und somit aufnehmbar:

„Die Kunst muss und darf alles, und das seit jeher. Sie muss aufrütteln und erschrecken, muss aber auch genießbar sein und den Menschen streicheln, einlullen und ihm Gutes tun.“

Brauer der Weltbürger, Cosmopolit  und Geschichtenerzähler.

Lola Lindenbaum _ Das Bestreben, jenen Rollen auszuweichen, in die sie sich gedrängt fühlte Öl, Acryl, Collagenelemente, Spray, Tüll, auf textilisiertem Keilrahmen

Arik Brauer hatte viele Identitäten, er war so vielschichtig und farbenfroh wie seine Bilder. Er wollte sich nicht auf eine Rolle festlegen und sich nicht von einem Genre okkupieren lassen. Als der Song „Köpferl im Sand“ als Grundstein des Austro-Pop herauskam, wollte er sich nicht von der Pop-Maschinerie vereinnahmen lassen, er wollte nach wie vor Zeit zum Malen und für seine Familie haben.

Und er wollte malen, wie es ihm entsprach und nicht wie es die Avantgarde für opportun befand.

Arik Brauer hat sich künstlerisch genauso wenig in eine Schiene drängen lassen, wie politisch (mit Ausnahme der kommunistischen Jugendbewegung, was er sich zeitlebens selbst vorgeworfen hat).  

Lola Lindenbaum _ Die Trauerweide und die Frau im Cocktailsessel haben heute nichts vor 120×120 2021 Öl, Acryl, Asche, Ölkreide auf Leinwand
Lola Lindenbaum _ Piano forte 120×160 2021 Öl,Wandfarbe, Ölkreide, Asche, Acryl auf Leinwand

Er ließ sich in politischen Dingen nicht in eine Schublade pressen und scheute sich nicht auch dem linken Mainstream zu widersprechen. Er habe im Laufe seines Lebens gelernt, alles zu hinterfragen und wurde skeptisch, wenn alle in eine gewisse Richtung sprangen.  In diesem Zusammenhang meinte er dazu in einem Interview mit dem Standard 2019:

„Ich habe gelernt, dass jede Strömung nur eine Teilwahrheit in sich trägt. In meinem Weltbild ist das etwas ganz Grundlegendes. Man muss alles hinterfragen, vor allem die Mainstreams“

Lola Lindenbaum _ Starry, starry night Öl, Asche, Ölkreide, Collagenelement auf Leinwand 80×80 2021

Brauer malte und sagte, was er für richtig hielt. Und er hat es, so wie er mehrfach betonte, niemals bereut, dass er ein Leben außerhalb des Mainstreams verbracht hat.

Nicht zuletzt für seine erfrischende Ehrlichkeit zu sich selbst und der Welt gegenüber habe ich ihn bewundert und ich wollte dieses Gefühl der Wertschätzung bleibend im Außen manifestieren. Das kann ich am besten mit Bildern- was gemalt ist, bleibt: Ich lege einen Teil von mir auf die Leinwand, doch obwohl ich dieses Ich-Fragment loslasse, bleibt es mir.

Lola Lindenbaum _ The flower on the grave sized me 80×120 Acryl, Ölkreide, Spray, Collagenelemente auf Leinwand

Die Transformation des Inneren auf die Leinwand beruhigt und erleichtert mich, es entlastet mein Wesen und meine Gedankenspirale scheint sich dadurch langsamer zu drehen. Ich habe das Gefühl, ich kann so mein Leben ein Stück weit entwirren.Es ist für mich, als hätte ich etwas Unaussprechliches ausgesprochen.

Lola Lindenbaum _ Letthemtalk 80×130 2020 Öl,Acryl, Ölkreide auf LEinwand

„Ein Großer geht und bleibt“. Das Thema „Wertschätzung“ wird mit einem dynamischen In-sich- Motiv zum Ausdruck gebracht. Ich male, wie der Maler selbst gemalt wird. Und er ist ein Grosser. Er geht und bleibt.

Lola Lindenbaum ,Künstlerin _Station bei Arik Brauer, Wien_Ottakring_Kindheits-, Jugendhaus des Universalkünstlers Arik Brauer (1929 – 2021)

http://www.lolalindenbaum.com/de/

Alle Bilder/Texte_ Lola Lindenbaum

Style/Requisite_Lola Lindenbaum

Lola Lindenbaum _ Künstlerin

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Kindheits-, Jugendhaus von Arik Brauer_Wien, Ottakring.

Idee&Regie_Lola Lindenbaum und Walter Pobaschnig

Wien_4.2.2021

https://literaturoutdoors.com/

„Es ist die Literatur, die mir persönlich immer wieder geholfen hat, Dinge zu überstehen und weiterzumachen“ Marco Kerler, Schriftsteller_Ulm 4.2.2021

Lieber Marco, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich hauptberuflich, zu 100 Prozent, in einem Kindergarten arbeite, ich bin Erzieher, hat sich erst mal gar nicht so viel geändert. Ich fahre täglich, viel zu früh für die Welt und mich, mit dem Bus zur Arbeit.

Da das Busfahren insgesamt ca. 2 Stunden meines Tages einnimmt, ist der Bus selbst der Ort, an dem viele meiner Gedichte entstehen. Das heißt, dass ich dort entweder lese, über Projekte nachdenke, schreibe, in ein Büchlein, oder Gedichte in ein Handy tippe, die ich wiederum per SMS an Freundinnen und Freunde verschicke. Das Verschicken ist zum wichtigen Bestandteil meines Arbeitsprozesses geworden. Manchmal schlafe ich aber auch.

Mein nächster Gedichtband, der im Februar bei Rodneys Underground Press erscheinen wird, handelt mitunter vom Busfahren oder spielt an einem großen Busumsteigeplatz. Sein Titel lautet „Ehinger Tor Utopien/Abfahrtszeiten“.

Auf der Arbeit im Kindergarten ist gerade wenig los. Es gibt Notgruppen und wenige Kinder sind angemeldet. Nach der Arbeit hab ich gar nicht mehr so viel Zeit, was zu erledigen, bevor die Ausgangssperre beginnt. Ich muss also gut planen und sofort bereit sein, etwas zu tun. In Baden-Württemberg, in Ulm beginnt die Ausgangssperre um 20 Uhr.

Da ich kein Smartphone besitze, check ich zu Hause erst mal meine E-Mails und all den anderen Online-Kladderadatsch. Ich höre Schallplatten, lese, mache Projekte fertig oder schaue einen Film. Serien gucke ich selten. Podcasts und Hörspiele hab ich noch ganz gern.

Normalerweise würde ich noch in eine Bar, in ein Café gehen, um zu schreiben, Freunde zu treffen, den Abend ausklingen zu lassen. Stattdessen versuche ich früher zu schlafen, gelingt mir aber nicht so gut.

Dinge, die gerade ausfallen, sind z.B. montags der Ulmer Schreibtreff und mittwochs die Druckwerkstatt, in der ich Gedichte im Handsatz setze.

Am Wochenende versuche ich nicht lang auszuschlafen, sondern früh aufzustehen, um noch etwas vom Tag zu haben. Gelingt mir weniger gut.

Marco Kerler, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Echte Toleranz für- und miteinander. Den Glauben an das Gute nicht verlieren und nicht glauben, dass immer das, das für einen selbst gut ist, für den anderen auch gut ist und so weiter und so fort.

Dass es leicht wird, hat ja niemand gesagt. Dass es besser wird, davon bin ich überzeugt. Das bin ich immer! Da hab ich Hoffnung, bin ich zuversichtlich. Die „Rolle“ des melancholischen Dichters hab ich genug gespielt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube nicht, dass Literatur eine besonders andere Rolle bekommen wird, als jene, der ihr sowieso schon inne liegt. Es ist die Literatur, die mir persönlich immer wieder geholfen hat, Dinge zu überstehen und weiterzumachen. Es ist die Literatur, in die ich flüchtete, aus der ich Kraft schöpfte und das wird so bleiben.

Ob Literatur für jemand anderen dieselbe Rolle einnehmen wird (von soll und muss, mag ich nicht sprechen, weil Literatur soll und muss niemals und wenn, dann würde meine etwas anderes tun) ist von der Person abhängig. Manch einer guckt lieber Sport, schaut Fußball. Das ist eben so.

Etwas anderes zu sagen, finde ich überheblich. Auch wenn ich der Literatur in meinem Leben eine große Rolle zuspreche und nicht aufhören werde, Gedichte an jene zu verschenken, die sonst nichts damit anfangen können, weil ich der festen Überzeugung bin, dass es für jeden diesen einen Gedichtband gibt, kann ich doch niemanden dazu zwingen.

Was liest Du derzeit?

In meiner Tasche, die ich überall mitschleppe, befinden sich zur Zeit:

„Little Mags“ von Hadayatullah Hübsch, „Welt und Wirklichkeit“ von Jim Avignon, „Studie in Scharlachrot“ von Arthur Conan Doyle, „John Marr und andere Matrosen“ von Herman Melville, „Zauberspruch für Verwundete“ von Pauline Füg und Markus Freise, sowie eine Ausgabe der Spektrum Kompakt mit dem Thema „Unendlich“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“Das Fatale an Romanen”, sagte John Rivers, “ist, daß sie zuviel Sinn ergeben. Die Wirklichkeit ergibt nie einen Sinn.” aus „Das Genie und die Göttin“ von Aldous Huxley.

Vielen Dank für das Interview lieber Marco, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marco Kerler, Schriftsteller

Marco Kerler – kritzelt und nennt das Texte

Foto_Susanne Wasserlechner

13.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Und die Möglichkeit zu bieten, sich zu finden“ Doron Rabinovici, Schriftsteller_Wien 4.2.2021

Lieber Doron, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ab 7 oder 8 schreibe ich, dann esse ich zu Mittag, dann wieder das Schreiben und zwischendurch gehe ich spazieren. Am Abend noch einmal gemeinsames Essen, Lesen und Nachrichten.

Doron Rabinovici, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Rücksichtnahme, Verständnis für die Ängste und Sorgen anderer und das Einhalten der epidemiologischen Maßnahmen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Zum Ausdruck zu bringen, was ist und die Möglichkeit zu bieten, sich zu finden.

Was liest Du derzeit?

Gerade jetzt wieder einen Essay von Hannah Arendt aus dem Jahr 1945: „Antisemitismus und faschistische Internationale“. Davor von Gerald Knaus: Welche Grenzen brauchen wir.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Bin ich verurteilt, so bin ich nicht nur verurteilt zum Ende, sondern auch verurteilt, mich bis ins Ende hinein zu wehren.

Franz Kafka, 20.6.1916

Vielen Dank für das Interview lieber Doron, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Doron Rabinovici, Schriftsteller

Doron Rabinovici

Foto_Lukas Beck

16.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Valentin Oman „Interventionen im öffentlichen und sakralen Raum“_ Neuerscheinung _Hermagoras Verlag

Valentin Oman, Interventionen im öffentlichen und sakralen Raum, Hermagoras Verlag

Es sind herausfordernde Zeiten, die von Mensch und Gesellschaft alles abverlangen. Körper und Seele, Mensch und Gemeinschaft benötigen Kraft, Empathie und Mut, um Brücken zu erhalten und zu bauen, die in Zeiten der Pandemie verbinden und tragen. Fundamente des persönlichen Lebens wie einer Gesellschaft kommen in den Blick und auf den Prüfstand – Was trägt mich? Was trägt uns? Was lässt uns gemeinsam solidarisch wachsen? Fragen, die begleiten und tagtäglich herausfordern.

Der Kunst kommt dabei eine besondere Rolle zu. Ihre Impulse, Reflexionen und Ansprüche sind zu allen Zeiten wichtiges Grundnahrungsmittel von Menschsein, Menschwerden und Menschbleiben. Aufmerksamkeit und Miteinander, Kritik und Empathie, Idee und Vision sind ästhetische und lebensweltliche Essenz, die zu aller Zeit unerlässlich ist.

Valentin Oman, geboren 1935 in St.Stefan/Finkenstein, AT, Studium an der Akademie für Angewandte Kunst, ist seit Jahrzehnten ein heraustragender Vertreter künstlerischer Präsenz und Verbindung mit dem öffentlichen Raum. Seine künstlerischen Schwerpunkte in Grafik, Malerei, Skulptur, Installation begegnen in zahlreichen gesellschaftlichen Einrichtungen und Treffpunkten und bereichern in Impuls und Sinn. Es ist in Anblick und Begegnung ein Innehalten und Staunen, das gleichsam aus der strukturierten Alltagsrolle heraustreten lässt und Fragen an das Selbst stellt. Ein Prozess der Selbstbegegnung von Mensch und Kunst, der immer wieder fasziniert.

Dem Hermagoras Verlag ist nun für eine herausragende Edition der Kunstprojekte Valentin Omans im öffentlichen Raum herzlich zu danken. In Bild und Text (dreisprachig) wird ein Überblick geboten, der Präsenz und Ausdruck dieser besonderen Kunstwege vor Augen führt und neugierig blättern lässt – dies kenne ich! Oh, das muss ich noch sehen! Eine Entdeckungsreise beginnt…

Es ist auch ein sehr schöner Impulsgeber für eine kleine Ausflugsplanung auf den Spuren von Kunst und Ort – danke für dieses wunderbare Geschenk!

„Ein beeindruckendes mutiges Kunstschaffen und eine ebenso beeindruckende Edition – herzlicher Dank und Gratulation!“

Walter Pobaschnig 2_21

https://literaturoutdoors.com

„Erinnerungen an Paul Celan“ Mit den Augen von Zeitgenossen gesehen. Petro Rychlo (Herausgeber). Suhrkamp Verlag.

Ein Gedicht öffnet eine Welt. Und verbindet Welten. Da ist Bewegung und Ruhe. Berührung und Sinn. Weite…

Es ist ein Leben. Und es sind viele Leben. Es ist ein Wort und es sind viele Worte. Es ist ein Gedicht. Und es endet nicht. Hat einen Anfang. Den gibt es. Und das Geheimnis. Die Poesie. Im Weg. Im Reden und im Schweigen.

Der Dichter Paul Celan (1920 – 1970) fasziniert mit seiner Poesie jede Generation neu. Es sind elementare Lebenszüge von Liebe und Tod, Verzweiflung und Sinn, aber vor allem von der Kraft des Wortes, von Sprache als menschlichen Band zwischen Frage und Antwort, Rede und Schweigen, die erschüttern, erbeben lassen und gleichsam befreien in ihrer Dynamik des radikal Existentiellen ohne wenn und aber. Hier geht es in jedem Wort um alles –  wie es im Leben, in der Liebe in jedem Moment um alles geht. Und um nichts nichts weniger.

Wer war nun dieser Dichter? Was erzählen Wegbegleiter, Freude, Bekannte?

Wie dies in Erfahrung bringen nach all den Jahren?

Peter Rychlo, Universitätsprofessor in Chernivitsi/Czernowitz (Ukraine), dem Geburts-, Jugendort des Dichters, schafft in dem vorliegenden Buch eine beeindruckende Zusammenschau von ZeitzeugInnen, Stimmen der Jahrzehnte. Der Autor verbindet chronologisch die Lebensorte Paul Celans von Czernowitz, Bukarest, Wien bis zu Paris mit Erinnerungen von nahestehenden Menschen, die in einzigartiger Weise dazu beitragen einen Lebensweg wie den Weg eines Dichters sichtbar zu machen. Es sind besondere Zeitzeugnisse, die wahre Schätze für alle Interessierten sind.

Beeindruckend ist auch der umfangreiche Kommentar zu den Erinnerungen und Interviews, in denen in Personenbeschreibung, Sacherklärung wie einem Stichwortverzeichnis ein schnelles wie informatives Nachschlagen wie Vertiefen möglich ist.

„Ein Dichterleben in Zeitzeugnissen. Ein besonders literarisches Geschenk!“

Walter Pobaschnig 1_21

https://literaturoutdoors.com

„Immer nur an den nächsten Satz denken, ein Wort, ein Komma oder auch einen Punkt machen“ Barbara Peveling, Schriftstellerin_Paris 3.2.2021

Liebe Barbara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eine von Stunde zu Stunde neu improvisierte Normalität, die sich zieht wie Kaugummi, voller Momente des Zweifelns, des Verzweifelns auch, aber mit Blitzen voller Glück. In Frankreich sind seit der zweiten Welle die Schulen offengeblieben, das ist eine unglaubliche Erleichterung. Hier ist die Strategie strikte Ausgangsbeschränkungen und Homeoffice. Im ersten Lockdown bin ich über meinen Gedichtband gestolpert, den ich immer schon fertig stellen wollte. Daran arbeite ich. Austausch mit anderen KünstlerInnen findet leider nur digital statt und wir arbeiten auch an entsprechenden literarischen Formaten. Der Alltag wird noch lange improvisiert bleiben.

Barbara Peveling, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Durchhalten, nicht aufgeben, die Straße ist lang wie bei Beppo Straßenkehrer, Stück für Stück, immer nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich, den nächsten Satz, ein Wort, ein Komma oder auch einen Punkt machen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Unserem Erbe geht kein Testament voraus, schrieb René Char. Wir befinden uns in einer Zeit der Linimalität, Schwellenzustand, laut Victor Turner. Wichtig ist, dass wir, das, was René Char auch später als eine Art Schatz aus der Zeit des Widerstandes beschrieb, dieser Freiheit des Überganges, dass wir auf diese bewahren, sie in die neue Normalität retten, die wir uns schaffen müssen. Nach Hannah Arendt ist das eine bewusste Denkleistung und dieses auszudrücken, in Worten, Zeichen, Farben, Klängen, dass ist für mich die Aufgabe der Literatur, der Kunst an sich.

Was liest Du derzeit?

Den posthum veröffentlichten Jugendroman von Simone de Beauvoir: Les inséperables, die Untrennbaren, erscheint nächstes Jahr bei Rowohlt. Ein ganz wunderbares Buch, das mich noch einmal ganz neu in die europäische Gesellschaft vor hundert Jahren taucht. Dann lese ich die Essays von Hannah Arendt: Between past and future. Und ich lese viel in dem Sammelband Kinderkriegen, der gerade von Nikola Richter und mir in der Edition Nautilus erscheint, um Veranstaltungen vorzubereiten.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Die Parabel von Franz Kafka aus dem Jahre 1920:

Er hat zwei Gegner: Der erste bedrängt ihn von hinten, vom Ursprung her. Der zweite verwehrt ihm den Weg nach vorn. Er kämpft mit beiden. Eigentlich unterstützt ihn der erste im Kampf mit dem Zweiten, denn er will ihn nach vorn drängen, und ebenso unterstützt ihn der zweite im Kampf mit dem Ersten; denn er treibt ihn doch zurück. So ist es aber nur theoretisch. Denn es sind ja nicht nur die zwei Gegner da, sondern auch noch er selbst, und wer kennt eigentlich seine Absichten? Immerhin ist es sein Traum, daß er einmal in einem unbewachten Augenblick –  dazu gehört allerdings eine Nacht, so finster wie noch keine war –  aus der Kampflinie ausspringt und wegen seiner Kampfeserfahrung zum Richter über seine miteinander kämpfenden Gegner erhoben wird.“

Vielen Dank für das Interview liebe Barbara, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Vielen lieben Dank für diese tolle Initiative!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Barbara Peveling, Schriftstellerin

Barbara Peveling – Wikipedia

24.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Der Tanz wird auch jetzt begleiten, Mut machen, erfreuen, zum Denken anregen…“ Judith_Elisa Kaufmann, Tänzerin_Wien 3.2.2021

Liebe Judith-Elisa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tag beginnt mit meiner Arbeit zwischen 3 und 4 Uhr morgens, das tat er aber immer. Aufgrund der vielen Heimarbeit ist es nur umso wichtiger für mich, viel in den Morgenstunden abdecken zu können, da mich dann meine Kinder sehr turbulent und sehr früh überfallen. So anstrengend es ist – das viele Lachen mit den beiden Clowns ist einfach unschlagbar. Danach bringe ich irgendwie Kinder, Familie, wissenschaftliche Forschungs- und Vortragsarbeit, Online-Unterricht und Training meiner Tänzer-/StudentInnen, Leitung von Schule und Akademie… unter einen Hut, wie jeder berufstätige Elternteil. Abends habe ich das Gefühl bereits zu schlafen bevor mein Bett auch nur in meiner Nähe ist.

Judith_Elisa Kaufmann, Tänzerin, Tanzpädagogik & Tanzmedizin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das was immer wichtig war. Daran hat sich für mich nicht wirklich was geändert. Liebe und Geborgenheit, Sicherheit und Wärme, also Familie und Freundschaft, Flexibilität, Kreativität… Darin das Genießen des Jetzt und das Wissen um das Morgen. Es gibt immer „dunkle“ Zeiten, aber die sind dafür da, dass wir auch das Licht wieder schätzen lernen. Daran versuche ich mich zu erinnern, wenn mich die Sorge packt.

Viele Menschen, inklusive mir, denken viel nach. Was gut ist. Als Beispiel: Vor Corona klebten so viele Menschen am Handy oder PC – wenn auch viel kritisiert. Jetzt müssen wir Familie und Freunde online treffen, online trainieren, unterrichten, besprechen, usw. – wir haben doch das was wir immer wollten, könnte man sagen… Es ist schön zu sehen, wie viele aufwachen und erkennen, dass das doch nicht das Leben ist, das uns glücklich macht und andere Werte wieder wichtig werden. Wenn wir klug sind, verstehen wir, wo die wirklichen Werte liegen im Leben, die sich von Lockdowns etc. nicht aufhalten lassen (und jetzt könnte man mit meinem ersten Satz wieder von vorne beginnen 😊)

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Kunst an sich zu?

Aufbruch ist ein schönes Wort: die Erde bricht auf, um eine Pflanze durch zu lassen, die das Sonnenlicht sucht und zu wachsen beginnt… Wir brechen auf, um die Erkenntnisse, die wir jetzt durch Corona erlangt haben (hoffentlich) in die Tat umzusetzen. Der Tanz war immer Teil von Mensch und Tier, er wird auch jetzt begleiten, Mut machen, erfreuen, zum Denken anregen… Wenn man den Entwicklungsweg des Tanzes betrachtet sieht man, dass die dunkelsten Zeiten (zb. Tanzzäsur der Kirche im Mittelalter) immer jene waren, die dem Tanz/der Kunst am meisten Entwicklung brachten. So wird es auch mit dieser Situation jetzt sein, die Tanz und Kunst wahrlich hart trifft. Wir werden stärker daraus hervorgehen als wir hinein gingen.

Ich denke viel darüber nach in meiner täglichen Arbeit: Tanz hatte das Gefühl, grenzenlos zu sein. Es gab ja wohl tatsächlich nichts, was es darin nicht gab. Das steuerte auf eine absehbare Erschöpfung zu, während gleichzeitig die Tanzwelt taub für gewisse wesentliche Neuerungen wie zum Beispiel die Tanzmedizin zum Schutz der Tänzer war. Seit Corona begann, hat hier auch viel Umdenken stattgefunden, vielleicht, weil Zeit zum Nachdenken war für viele, die jetzt zuhören und wissen wollen, wie man die Tanzmedizin und tanzmedizinische Tanzpädagogik nützen kann für Zeiten wie diese (wie der kreative Aspekt des Tanzes in solcher Isolation aufrechterhalten werden kann, wie man Online Tanz so unterrichten kann, dass Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Amateure und Profis gesund und glücklich erhalten werden können) und für die Zukunft (wie muss Training jetzt gestaltet werden, um für die Rückkehr zur Bühne fit aber auch verletzungsfrei zu sein und darüber hinaus insgesamt stärker, autonomer, mutiger, selbständiger zu werden)… wir diskutieren in meinen Seminaren und Klassen und schaffen so viel Neues, oftmals aus dem Nichts und der Verzweiflung.

Vor kurzem habe ich ein internationales Seminar in der tanzmedizinischen Tanzpädagogik gehalten zum Thema Tanzgeschichte und Entwicklung des Menschen. Danach sagte jemand in der Diskussionszeit: „Das Ganze hat mich jetzt so glücklich gemacht. Ihr Vortrag, der Tanz und die Tanzmedizin machen mir Mut. Der Tanz ist wie wir: Er steht immer auf, er hört nie auf, er sucht sich seinen Weg und er geht stärker aus Katastrophen heraus als er hinein ging.“

… Das ist, was Tanz und Kunst wirklich sind: Stehaufmännchen. So wie wir.

Was liest Du derzeit?

Fachliteratur aus Medizin, Tanzmedizin, Tanzpädagogik, Sportmedizin, Tanzwissenschaften, Text- und Drehbücher…, die Korrekturabzüge meiner eigenen Publikationen und Bücher…, viel zu viele Emails…

…und „Pony, Bear & Appletree“, „Petterson and Findus“, oder die verschiedensten Abenteuer der „Famous Five“. Letztere lese ich gemeinsam mit meinem Mann laut vor und wir haben ein begeistertes Publikum (uns selbst eingeschlossen 😊)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Es ist ok, wenn du Angst hast, wenn du nur nie vergisst, dass du alles schaffen kannst und deshalb weiter gehst.“ (mein geliebter Mann)

judithelisakaufmann.com; tanzpaedagogik.eu; bodyartandexpression.com)

Vielen Dank für das Interview liebe Judith_Elisa, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Tanzprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Vielen Dank von meiner Seite und herzlichen Gruß!!! Judith-Elisa Kaufmann

5 Fragen an KünstlerInnen:

Judith_Elisa Kaufmann, Tänzerin _ Tanzpädagogik & Tanzmedizin

Judith-Elisa Kaufmann – Body, Art & Expression – Startseite (bodyartandexpression.com)

Tanzpädagogik – Judith-Elisa Kaufmann (tanzpaedagogik.eu)

Foto_Foto_Furgler.

11.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Ob wir lieber systemrelevant sein wollen oder systemverändernd“ Anna-Sophie Fritz, Schauspielerin_Berlin 2.2.2021

Liebe Anna-Sophie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin gerade wieder in einer Übergangsphase zwischen festen Tagesabläufen. Zurzeit schlafe ich lange, räume oder werkel irgendwas in der Wohnung, praktiziere Yoga, trinke Kaffee, versuche noch bei Tageslicht die Wohnung kurz zu verlassen, esse, trinke, schaue Serien. Ab Montag werde ich wieder um halb neun aufstehen, erst Yoga machen (Optimismus) und dann von 10:00-19:00 an einer Onlinefortbildung für Schauspielerinnen im Bereich Film und Fernsehen teilnehmen. Da arbeite ich meine Aufgaben ab, die immer mit der Sichtung eines schweren, deutschen Films (Pleonasmus?)enden. Dann esse ich viele Süßigkeiten vor dem Fernseher, führe ein Grimassengespräch mit meinem Spiegelbild beim Zähne putzen und lege mich je nach Uhrzeit mit oder ohne Buch ins Bett. Der Tag endet damit, dass ich mir den Wecker stelle und ausrechne, wieviel Stunden ich schlafen kann.

Anna-Sophie Fritz, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ein kritischer Umgang mit unserer eigenen Komfortzone, die Fähigkeit, eigene Gefühle zu beobachten und zu entscheiden, welche wieviel Raum brauchen. Außerdem müssen wir uns als Menschheit auf einen gemeinsamen Wahrheitsbegriff einigen, der einerseits nicht dazu missbraucht wird, marginalisierten Gruppen systematisch ihre Erfahrungen und Lebensrealitäten abzusprechen, der aber andererseits auch verhindert, dass solche Menschen, die von den bestehenden Machtverhältnissen profitieren, vermeintliche Fakten erschaffen können, um sich selbst als unterdrückte Befreiungskämpferinnen
zu inszenieren und Angst, Dummheit und Wut zu verbreiten. Das schätze ich für uns alle als besonders wichtig ein -abgesehen vom Umdenken gewohnter Machtstrukturen überhaupt, von denen die Pandemie nochmal verdeutlicht hat, wie überholt, zerstörerisch und einseitig profitabel sie sind. Aber solange das nicht passiert: Geduld, Beharrlichkeit, ein kritischer
Umgang mit Sozialen Medien bzw strengere Gesetze für die betreibenden
Plattformen und intersektionaler Feminismus, always.


Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich
stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem
Theater und der Kunst zu?

Wesentlich werden sein: -Die Bereitschaft, nachzudenken, immer wieder von Neuem, auch wenn es langweilig oder anstrengend ist. Die Fähigkeit in einen Dialog zu treten, der nicht daraus besteht, das Gespräch gewinnen zu wollen. -Die Neubewertung von Fehlern: weg vom Kardinalsverbrechen, das um jeden Preis vertuscht werden muss, indem man um so lautstarker eine Position vertritt und alle Denkkapazität darauf verwendet, sich diese Position richtig zu rationalisieren und Bestätigung zu suchen, anstatt sie kritisch zu überprüfen. -Eine ordentliche Streitkultur zu entwickeln und sich dann ordentlich zu
streiten. Nicht via sprechdurchfallartigen Facebookkommentaren und Hasstiraden, geschossen aus der Filterblasenkomfortzone der eigenen vier Wände, sondern tatsächlich im Gespräch. Den Schmerz auszuhalten, sich vielleicht geirrt zu haben oder etwas Neues zu lernen. Sich die Arroganz abzugewöhnen, „recht haben“ mit „moralisch überlegen“ zu verwechseln.

Theater und Kunst im Allgemeinen (zu der ich Theater jetzt mal zähle) sind Arbeit am und mit dem Menschen an sich, ohne direkt verwertbaren Leistungsoutput. Wir sind nicht systemrelevant und genau deswegen so wichtig. In Wirtschaftssprache würde ich von Softskills sprechen, aus psychotherapeutischer Sicht von Verarbeitungsprozessen. Es ist aber mehr:
Gerade weil in der Kunst nicht alles binär interpretierbar, erklärbar und messbar sein muss, ist sie frei, um Formen des Dialoges auszuloten, die sich nicht nur am Inhalt festmachen; um in Interaktionen zu treten, die keine Antwort erwarten und keine Gewinnerinnen feststellen. Sie hält einen Raum offen für das, was in so einem System erst mal nicht vorgesehen ist -höchstens zur Reparatur, Wartung, Verbesserung oder Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit. Denn natürlich gibt es viele Wege, um Kunst eben doch in bestehende Machtnetzwerke zu inkorporieren, Kunst (und Künstlerinnen!) sind nie unschuldig, nie unsituiert oder unpolitisch (auch und gerade wenn sie „einfach nur Geschichten erzählen“ oder „die Welt abbilden wie sie ist“). Von internen Hierarchien und Machtmissbrauch über den Aufbau von Förderstrukturen hin zur verpflichtenden Selbstvermarktung zeigt uns der
Wirtschaftszweig Kunst, dass er sich genauso gut zur neoliberalen Selbstoptimierung sowie zur Tradierung und Festigung von bestehenden Machtverhältnissen eignet.

Also wird die Rolle von Kunst- und Theaterschaffenden erst mal sein, unseren Handlungsspielraum auszuloten und uns zu fragen, ob wir lieber systemrelevant sein wollen oder systemverändernd.

Was liest Du derzeit?

Die Forelle von Leander Fischer.


Welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„The woman of rubies replied: What else must I do by law? The oldest replied:
You must keep vigil at my death. But, the woman of rubies said, you must do
the same for me and how can that be possible? Because, said the oldest, my
life is a ring of a very strange shape.“
-Kate Mascarenhas The Psychology of Time Travel

Vielen Dank für das Interview liebe Anna-Sophie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Gerne 🙂

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anna-Sophie Fritz, Schauspielerin

Foto_Darek Gontarski @artandactors_photography

10.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com



„Mit Sicherheit wird Literatur in den kommenden Jahren noch politischer werden“ Elisabeth Schönherr, Schriftstellerin_Wien 2.2.2021

Liebe Elisabeth, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich berufstätig bin und an einem Roman schreibe, will ich früh aufstehen. Mein Wecker läutet spätestens um sieben Uhr. Dann trinke ich schwarzen Kaffee, leider meist mehrere Tassen davon, obwohl mich das nervös macht, aber ich liebe schwarzen Kaffee, biologisch angebaut und aus fairem Handel. Nach dem Frühstück setze ich mich an den Schreibtisch. Ich nehme mir vor, täglich drei bis vier Stunden zu schreiben. Mehr ist meist nicht möglich. Zum einen, weil mir die Kraft ausgeht, zum anderen, weil ich viele andere Verpflichtungen habe, die ich auf Dauer nicht vernachlässigen kann.

Meinen Brotberuf als Deutschtrainerin übe ich vorwiegend nachmittags aus, denn ernsthaft schreiben kann ich nur morgens.

Elisabeth Schönherr, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für mich ist Meditation wichtig. Abstand nehmen von belastenden Dingen, von mir selbst, dem Ego, das mir beim Schreiben im Weg steht. Meditation bedeutet aber auch Auseinandersetzung, lernen Spannungen und Ängste auszuhalten, was in literarische Texte einfließt.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich fürchte eine Spaltung der Gesellschaft.

Wir alle sind aber miteinander verbunden, ob wir es gutheißen oder nicht. Deshalb möchte ich solidarisch sein mit jenen, die durch Corona und die staatlichen Maßnahmen, die damit einhergehen, ihre Existenzgrundlage verlieren.

Ich befürchte, dass Literatur gesellschaftlich weiter an Bedeutung verlieren wird, da die Menschen durch Social Media, Online-Nachrichten, Smartphones, Tablets etc. abgelenkt sind. Sogar mir fällt es mittlerweile schwer, ein Buch zu Ende zu lesen, weil ich es gewohnt bin, mit den Gedanken umherzuwandern und nicht bei der Sache zu bleiben.

Literatur ist für mich eine Möglichkeit nachzudenken, zu reflektieren, Sprache wahrzunehmen, auch jene der Politik, mich zu besinnen, wie wir mit uns selbst und anderen umgehen.

Mit Sicherheit wird Literatur in den kommenden Jahren noch politischer werden. Wir befinden uns in einer Zeit des Umbruchs, der drohenden Gefahr, Literatur, die es ernst meint, blendet das nicht aus, politisiert aber auch nicht in plumper Weise.

Eskapismus ist Unterhaltung, Literatur bedeutet Auseinandersetzung. Da verläuft für mich die Grenze.

Was liest Du derzeit?

Zurzeit lese ich wieder einmal „Pornographie“ von Witold Gombrowicz. Der Roman spielt während der Zeit der Okkupation von Polen durch Nazi-Deutschland, einen dunkleren Ort kann man sich kaum vorstellen. Doch sogar da versuchen die Menschen, Alltag zu leben und Normalität aufrechtzuerhalten. Vor allem bewundere ich Witold Gombrowicz wegen seiner Sprache und der Figurenzeichnungen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Damals, das war 1943, hielt ich mich im ehemaligen Polen auf, im ehemaligen Warschau, ganz auf dem Grund der vollendeten Tatsachen.

Vielen Dank für das Interview liebe Elisabeth, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Elisabeth Schönherr, Schriftstellerin

Elisabeth Schoenherr – Romane, Gedanken, Inspirationen, Film-Blog (elisabeth-schoenherr.info)

Foto_privat

10.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com