„Mit Fremden Sprechen“ Ausgewählte Essays und andere Schriften aus 50 Jahren. Paul Auster. Rowohlt Verlag.

Paul Auster ist seit Jahrzehnten eine der wesentlichen Stimmen moderner Gesellschaft in Kritik und Verantwortung in den Vereinigten Staaten wie weltweit. Sein Eintreten für Demokratie und Humanität ist zum unerlässlichen Grundstein einer Zeit geworden, die Klarheit und Mut braucht, um als selbstbewusste Zivilisation in Freiheit und Miteinander zu leben und überleben zu können. Die Literatur, die Kunst und ihr Raum der Möglichkeiten von Reflexion und Vision sind dazu unerlässlich.

Der 1947 in New Jersey (USA) geborene Schriftsteller, Regisseur, Essayist und Übersetzer, erlangte Ende der 1980er Jahre mit seinen Romanen sehr schnelle Anerkennung und Popularität. Romane wie „New York Triologie“ oder „Die Musik des Zufalls“ sind Klassiker moderner Literatur in Form wie Inhalt. Die literarische Stimme des Autors war dabei immer auch begleitet und wesentlich geformt von der essayistischen Stimme, die zu Themen der Zeit, gesellschaftspolitischen Entwicklungen wie Rekursen und Transfers ästhetischer Positionen Aussage und Stellung bezog. Großartige pointierte Formulierungskunst wie Haltung und Engagement zeichnen den Autor dabei bis heute aus.

Der Hamburger Rowohlt Verlag schenkt nun dem großen interessierten LeserInnenkreis im deutschsprachigen Raum eine wunderbare Zusammenstellung des umfangreichen Textkreises des Autors. Es ist eine Reise über ein halbes Jahrhundert zu Stationen und Positionen wie Entwicklungen eines Schriftstellers und dessen Wegen in Werk und Leben. Dafür ist sehr herzlich zu danken!

„Wenn Paul Auster schreibt und spricht, spricht Amerika als Land der Freiheit, Demokratie und Verantwortung. Eine Edition als ganz wichtiges Geschenk des Rowohlt Verlages an Schreibkunst in Zeit und Situation.“

Walter Pobaschnig 2_21

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„Einfach immer weiter machen“ Dana Ranga, Schriftstellerin_Berlin 8.2.2021

Liebe Dana, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ausschlafen, Instagram, Instagram, Instagram.

Dana Ranga, Schriftstellerin


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Der Himmel und die Wolken.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Einfach immer weiter machen.

Was liest Du derzeit?

„Die Grundschulgrammatik. So funktioniert Sprache“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Versuchen sie nicht Buch und Autor in Einklang zu bringen.
Das Buch ist das verborgene Leben des Schriftstellers,
der dunkle Zwilling eines sich verändernden Sterns.“

Vielen Dank für das Interview liebe Dana, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Dana Ranga_Schriftstellerin

Dana Ranga Schriftstellerin | offizielle Webseite

Foto__Peter Hintz

14.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Literatur kann eine große Rolle spielen, die gesellschaftlichen Themen zu verarbeiten“ Carsten Schmidt, Schriftsteller_ Berlin 8.2.2021

Lieber Carsten, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Danke der Nachfrage. Ich glaube, dass es mir angesichts der globalen Schwierigkeiten sehr gut geht und ich meinen Tagesablauf so beschreiben kann: Ein bisschen Haushalt, ein bisschen Kinderbetreuung, ein bisschen an die frische Luft und ein bisschen Arbeit von Zuhause. Kreatives rückt eher in den Hintergrund oder ich habe nur wenig Energie, dem mehr nachzugehen.

Carsten Schmidt, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich mag zwar dieses Wort nicht so ganz, aber in einem Begriff ist „Seelenhygiene“ vielleicht derzeit wichtig. Es wird uns noch viele Monate so gehen, dass wir eingeschränkt sind, wenn wir nicht zuvor bereits ein im Keller hockender PC-Nerd waren. Also Seelenhygiene im Sinne von: Aufeinander achtgeben, die unterschiedlichen Geschwindigkeiten anerkennen, sich nicht mit zu viel Mist beschäftigen und die Lebenszeit und Energie nicht dafür aufwenden, sich um kleine Aspekte zu streiten, sondern sich selbst gesund halten – auch wenn ich jetzt klinge wie mein eigener Großvater. 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Was ich interessant finde, ist, wie groß doch der Bedarf ist nach Kultur. Ich habe digitalen Konzerten, Tanztheatern und Lesungen beigewohnt. Ich glaube, dass es eine Art „Zwischenschritt“ zu übersetzen gibt. Ich sage jetzt mal „wir“ – wir aus der Kulturszene wissen, was Theater und andere Dinge können. Menschen haben Kultur gepflegt und entwickelt in den Jahrtausenden, um uns abreagieren zu können und durch Kanäle (Stimme, Bühne, Bewegung, Verkleidung, Musik, Leinwand) unsere Themen und Emotionen ein bisschen ausleben und herausfordern. Wenn wir dank der Spiegelneuronen auf der Bühne ein bisschen nachempfinden, wie sich Hamlet fühlt, hilft uns das und wir müssen nicht zwingend selbst verrückt werden oder Gewalt anwenden.

Literatur kann dabei eine ebenso große Rolle spielen, die gesellschaftlichen Themen zu verarbeiten – nur ist es naturgemäß ein etwas langsameres Medium als Comedy oder Musik, wo sich schneller ein Lockdown-Lied schreiben lässt als ein Roman, der das verarbeitet. Es sind einfach unterschiedliche Kulturtechniken, die ganz gewiss das verarbeiten werden, was uns hier derzeit gesellschaftlich passiert – und das wird nie aufhören.

Was liest Du derzeit?

Derzeit lese ich „Ordinary Men“ von Chr. Browning, was ein Polizeibataillon im eroberten Polen 1942 beschreibt und wie Polizisten, die bisher nicht mit Kriegshandlungen in Berührung kamen, nun zum Werkzeug der SS werden und schwellenweise an mehr und mehr Gräueltaten teilnehmen. Außerdem lese ich Sam Bennets „Devlin House“, eine in Irland angelegte Geschichte, die so bildhaft geschrieben ist, dass man denkt, man liegt im grünen Gras, hört die Pferde schnauben und riecht das Leder vom Sattel.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht.“ Ein Sprichwort, das vielleicht aus Afrika stammt. Geduld brauchen wir jetzt alle. 

Vielen Dank für das Interview lieber Carsten, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Carsten Schmidt, Schriftsteller

Home (cschmidtler.de)

Foto_R.Oswald_Wien

14.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Das Jahrhundert der Pandemien“ Mark Honigsbaum. Piper Verlag

„Das Jahrhundert der Pandemien“ Mark Honigsbaum. Piper Verlag

Eine Zeit der ganz großen Herausforderungen ist es jetzt, in der sich die Welt befindet. Die Pandemie „Covid 19“ erschüttert das Leben in Beruf, Gesellschaft, Familie und sozialem Alltag. Mit einem „Virus“-Schlag verändert sich Gewohntes und zeigt sich wie zerbrechlich Sicherheiten moderner Zivilisation sein können. Solidarität und gemeinsames verantwortungsvolles Handeln sind Aufgabe und Notwendigkeit in diesen Tagen. Hier und überall in der Welt…tagtäglich…bis zum Licht am Ende dieser Tage im Griff eines Virus…

Doch wie erging es Mensch und Gesellschaft im vergangenen Jahrhundert im Kampf mit epidemischen Erkrankungen? Was waren Wege der Verbreitung und Maßnahmen der Bekämpfung und Prävention? Was können wir im Blick zurück lernen? Was lässt daraus Kraft und Hoffnung schöpfen?

Der Medizinhistoriker und Journalist, Mark Honigsbaum, renommierter Autor von Fachbüchern zur Thematik Epidemie und Professor an der City University of London, legt mit „Das Jahrhundert der Pandemien“ ein medizinhistorisches Fachbuch zur Zeit vor. In zehn Überblickskapitel beginnend mit dem „blauen Tod“ zu Beginn des 20.Jahrhunderts über AIDS, SARS bis zu COVID-19 öffnet der Autor in gut verständlicher wie interessanter Sprache und Darstellung Verläufe, Entwicklungen und Bekämpfungsmaßnahmen in Medizin und Gesellschaft im Prozess pandemischer Krankheiten. Beeindruckend ist die genaue historische Kenntnis über Entstehung und Prozess von Pandemien, die auf ausgezeichnete Quellenkenntnis verweist. Der Transfer der Medizingeschichte zu einer mit Interesse und Spannung zu lesenden Zeitreise ist ein äußerst gelungener Kunstgriff, zu dem nur zu gratulieren ist.

Ein umfangreicher Anhang mit Glossar und Anmerkungen ergänzt Text und Schilderung wunderbar.

„Zweifellos ein medizinhistorisches Standwerk der Zeit in Wissen, Sprach- und Erzählkraft, die begeistern.“

Walter Pobaschnig 2_21

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„Stipendien, etwa vom Staat, demokratisieren die Kunst, erlauben Menschen, sie ernsthaft zu betreiben“ Simon Sailer, Schriftsteller_Wien 7.2.2021

Wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Um sieben wache ich auf und lese eine Stunde im Bett. Dann male ich zwei Stunden, mit einer Früstückspause, während die erste Schicht trocknet. Ich schreibe einige Seiten. Den Rest des Tages verbummle ich. Das mit dem Malen ist neu, sonst ist im Grunde alles wie früher, nur dass ich normalerweise mehr davon im Kaffeehaus gemacht hätte.

Simon Sailer, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dieselben Dinge wie immer. Allerdings weiß ich nicht, welche das sind.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich bin nicht sicher, ob wir wirklich vor einem gesellschaftlichen Aufbruch stehen. Es spricht wenig dafür, dass sich demnächst etwas grundlegend ändern wird. Was die Kunst betrifft, fällt mir auf, dass jetzt viele die Wichtigkeit der Kultur beschwören, als wäre sie vom Aussterben bedroht. Die Kunst ist eine Konstante der Menschheitsgeschichte. Sie ist gar nicht wegzukriegen und bedarf deshalb auch nicht unbedingt besonderer Förderung um ihrer selbst willen. Aber: Stipendien, etwa vom Staat, demokratisieren die Kunst, erlauben Menschen, sie ernsthaft zu betreiben, die es sich sonst nicht leisten könnten.

Was liest Du derzeit?

Ich bin inzwischen beim dritten Band der Broken Earth Trilogie von N.K. Jemisin angelangt.

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Warum nicht ein Brecht-Gedicht, das mir in letzter Zeit ohne offensichtlichen Grund im Kopf herumgeistert:

Der Rauch

Das kleine Haus unter Bäumen am See

Vom Dach steigt Rauch

Fehlte er

Wie trostlos dann wären

Haus, Bäume und See.

Vielen Dank für das Interview lieber Simon, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Simon Sailer, Schriftsteller

Simon Sailer

Foto_Sarah Kanawin.

19.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Und Träume zu spinnen ist eine gute Zuflucht in der Krise – jedenfalls meine Zuflucht“ Dilek Mayatürk-Yücel, Schriftstellerin_Berlin 7.2.2021

Liebe Dilek, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Meine Tage laufen nicht immer gleich ab. Ich bin in der Regel nachts aktiver und produktiver; die meisten Sachen mache ich nachts. Da mein Buch „Brache“ vor noch relativ kurzer Zeit erschienen ist, bin ich viel damit beschäftigt. Zum Beispiel arbeite ich mit einem österreichischen Schauspieler und Universitätsdozenten über Skype an der Vertonung der Gedichte aus „Brache“. Das macht Spaß.

Ansonsten mache ich, was ich immer mach: Ich lese und schreibe. Wenn es nicht zu kalt ist, gehe ich spazieren. Ich arbeite an meinem neuen Buch und versuche, mein Deutsch zu verbessern. Und ich mache Pläne. Es gibt Dinge, die ich mir für dieses Jahr vorgenommen habe. Dafür mache ich kleine Schritte.

Um diese Zeiten ohne Schaden an Geist und Seele zu überstehen, versuche ich mich weiterzubilden. Ich lese über Fotografie und sortiere meine alten Fotos. Ich koche viel. Das klingt vielleicht merkwürdig, aber für mich ist das eine neue Sache. Vor dem Schlafen mache ich neuerdings Joga. Und jeden Tag sitze ich auf dem Sofa und mache nichts anderes als nachzudenken.

Dilek Mayatürk-Yücel, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube: Nicht klagen, sondern sich mit dem beschäftigen, was uns schöpferisch macht. Im Laufe eines Tages gehen uns tausende Dinge durch den Kopf. Ein Teil davon kann aus Angst bereiten. Wir können versuchen, sie mit Übungen unter Kontrolle zu bringen. Wenn ich mich beim Klagen und Beschweren ertappe, versuche ich, mir das abzugewöhnen. Wir sollten uns unserer Schwächen bewusst sein. Krisenzeiten sind gute Gelegenheiten, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Außerdem scheint mir wichtig: Geduld, Verständnis und Unterstützung der Menschen in unserer Umgebung. Der Mensch kann von Natur aus Ungewissheit nicht ausstehen; er kann es sogar vorziehen, mit einer großen, aber konkreten Gefahr zu leben als in ständiger Ungewissheit. Aber wir haben ein Gehirn und sind fähig, es zu lenken. Das ist eine individuelle Sache, kein anderer Mensch kann für Sie denken. Über die Funktionsweise unseres Gehirns wissen wir weniger als über das Bedienungsmenü unseres Smartphones. In Krisenzeiten wird deutlich, welche Nervenstärke es besitzt. So, wie man seine Arm- und Beinmuskeln trainieren kann, kann man auch seine Nerven trainieren.

Es gibt Menschen, die innerhalb von fünf Minuten hunderte dreistelliger Zahlen auswendig lernen können – mit dem gleichen Gehirn wie alle anderen. Der Unterschied ist: Sie trainieren ihr Gehirn.

Und Träume zu spinnen ist eine gute Zuflucht in der Krise – jedenfalls meine Zuflucht.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur und Kunst sind meine zuverlässigen Weggefährten. Wenn Bücher Menschen wären, würde ich mich bei jedem einzelnen von ihnen für ihre Freundschaft bedanken.

Was liest du derzeit?

Yu Hua, Der Mann, der sein Blut verkaufte

George Orwell, Essays

Hans Magnus Enzensberger, Gedichte 1950-2020

Adam Phillips, Missing out: In Praise of the Unlived life

Welches Zitat, welchen Text Impuls möchtest du uns mitgeben?

„Es gibt für den Menschen keine geräuschlosere und ungestörtere Zufluchtsstätte als seine eigene Seele.“ (Marcus Aurelius)

Vielen Dank für das Interview liebe Dilek, viel Freude und Erfolg weiterhin für Ihre großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Ich bedanke mich. Bleiben Sie gesund.

5 Fragen an KünstlerInnen:

Dilek Mayatürk Yücel, Schriftstellerin

Foto_Baris Özogul

13.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Jedenfalls möchte ich keinen Corona-Roman lesen“ Marcus Jensen, Schriftsteller_Berlin 6.2.2021

Lieber Marcus, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Glücklicherweise wenig anders als sonst. Ich schreibe an eigenen Texten, und zum Broterwerb lektoriere ich Texte anderer. Meine Frau – selber Autorin – wohnt schräg über die Straße, wir sehen uns täglich, treffen zur Zeit selten Freunde, gehen halt ab und zu einkaufen. Das ist der Vorteil, wenn man eh schon ‚HomeOffice‘ betreibt und Katzen statt Kinder hat.

Marcus Jensen, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich muss tatsächlich oft daran denken, dass meine Eltern – beide über achtzig – den Zweiten Weltkrieg überlebt haben und die Nachkriegszeit. Das prägt. Das hilft im Lockdown. Wir sollten cool bleiben. Und hoffen, dass die Impfungen so richtig losgehen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Besonders hart trifft es gerade die, die das Beste tun, die eng am Menschen sind. Und ich fürchte, wesentlich wird sich nichts ändern, Impfungen und Medikamente werden das Problem lösen. Was die Literatur betrifft: Lassen wir uns wie immer überraschen, jedenfalls möchte ich keinen Corona-Roman lesen.

Was liest Du derzeit?

Josef Winklers ‚Domra‘ und Jean Lopez‘ ‚Den Zweiten Weltkrieg verstehen‘ und Chet Van Duzers „Sea Monsters on Medieval and Renaissance Maps“. Schöne krasse Mischung, aber das ist immer so.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Zitat von Richard Nixon. Meine erste politische Kindheitserinnerung ist nicht Brandts, sondern Nixons Rücktritt, wenige Monate später. Die Amerikaner haben eben diese Inszenierungs-Gabe, die einem Siebenjährigen imponiert. Sein rattenartiges Grinsen, sein halb verächtliches Winken, bevor er hinter dem Weißen Haus in den Hubschrauber stieg und entflog. 1974 dachten doch alle, schlimmer könne es nicht werden. In seinem berühmten Interview mit David Frost drei Jahre danach entlarvte Nixon sich selbst: „Well, when the president does it … that means that it is not illegal.“ Und was für ein Intellektueller war dieser Mann im Vergleich zum jetzigen Präsidenten, der noch immer ein paar Tage Zeit hat, um der Welt zu zeigen, wer er ist.

Vielen Dank für das Interview lieber Marcus, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marcus Jensen, Schriftsteller

https://mj67.de

Marcus Jensen – Autorenlexikon (literaturport.de)

Foto Porträt_Gerald Zörner. Text_Marcus Jensen.

13.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Zeiten des Stillstehens sind vorbei. Damit meine ich das Stillstehen im Leben“ Sünje Lewejohann, Schriftstellerin_Berlin 6.2.2021

Liebe Sünje, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe morgens früh und vor den Kindern auf, mache mir Kaffee und nutze diese ruhige Zeit des Tages für erste Notizen, Tagebuch schreiben, Instagram, To Do Listen, manchmal Meditationen. Je nach dem wie meine Stimmung ist. Jetzt sind gerade Schulferien, aber in der Schulzeit geht es bei uns dann nach dem Frühstück mit Homeschooling weiter: das heißt, ich arbeite gemeinsam mit meinem elfjährigen Sohn an unserem großen Esstisch: er macht seine Schulsachen, ich unterstütze ihn dabei und arbeite an meinen Sachen, wenn er
selbstständig arbeitet. Meine vierzehnjährige Tochter hat Onlineunterricht und arbeitet alleine in ihrem Zimmer.

Ansonsten schreibe oder arbeite ich in jeder freien Minute des Tages an meinen Projekten, oft bis spät Abends. Nebenbei organisiere ich den Haushalt, kaufe ein, koche Essen, schaue Netflix, mache Yoga und gehe Laufen. Die Kinder und ich haben ein paar neue Rituale in den Alltag integriert und wir führen sehr viele Gespräche in denen oft unsere Wünsche, Alltagssorgen und auch Ängste thematisiert werden. Das ist eine der großen Errungenschaften der Pandemie, dass wir einander viel intensiver wahrnehmen. Wir kochen jetzt auch oft gemeinsam, backen Brot, arbeiten an kreativen Projekten und veranstalten
Kinoabende im Wohnzimmer.

Außerhalb des Lockdowns habe ich einen Coworkingarbeitsplatz in einem Café, der fehlt mir sehr. Jetzt bin ich auf die Wohnung beschränkt, was mitunter sehr einsam ist. Mir fehlt der Austausch mit Kollegen und jede Form von Literaturveranstaltungen und natürlich das Treffen mit Freunden, das Feiern und Reisen.

Sünje Lewejohann, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir unsere Werte überprüfen. Corona wird uns alle verändern. Natürlich können wir mit aller Kraft versuchen, so weiterzumachen wie bisher und immer an dem alten Leben, das wir vor Corona hatten, festhalten. Oder wir können mal loslassen und schauen, was braucht es jetzt? Wir können unsere Werte nochmal überprüfen. Vor Corona ist uns vielleicht nicht klar gewesen, wie sehr wir die Verbindung zu anderen Menschen brauchen. Und vielleicht dürfen wir uns jetzt nochmal darauf besinnen. Sind unsere Werte wirklich nur Konsum? Oder liegen unsere Werte vielleicht doch woanders?


Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, wir müssen beweglich bleiben. Die Zeiten des Stillstehens sind vorbei. Damit meine ich das Stillstehen im Leben. Wir hatten uns ja alle sehr schön in unseren Komfortzonen eingerichtet. Aber das Leben ist kein Parkplatz. Jetzt werden wir alle ordentlich durchgerüttelt.

Etwas, das Corona uns lehrt ist ja, dass wir von Tag zu Tag leben müssen. Dass nichts mehr planbar ist und dass nichts selbstverständlich ist. Wir müssen komplett neu denken lernen. Unsere Kreativität ist gefragt wie nie. Das ist auch eine Chance; eine Riesenherausforderung zwar, aber auch eine Chance. Wir müssen schauen, was uns am Leben hält, wenn alles andere wegbricht. Wir müssen schauen, was uns menschlich macht. Literatur und Kunst, die ganze Kultur ist ein so kostbares Gut. Auch das wird jetzt vielen so
klar wie nie; dass Kultur uns am Leben hält, dass sie uns zeigt, wer wir sind, dass sie uns zeigt, was uns wichtig ist, was uns ausmacht, was unsere Herzen zum Singen bringt. Dass wir mehr brauchen als Luft zum Atmen und Nahrung. Wir brauchen auch Geschichten, wir brauchen Musik, Filme und Kunst. Auch hier dürfen wir uns noch einmal ganz neu besinnen, glaube ich.

Was liest Du derzeit?

Margarete Stokowski, Die letzten Tage des Patriarchats und Patti Smith, Just
Kids.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Alles ist Mist. Aber dann möchte man sich manchmal auf die Erde setzen und
sich vor Freude ins Hemd weinen.“
Aus: Janosch, Cholonek oder der liebe Gott
aus Lehm

Vielen Dank für das Interview liebe Sünje, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sünje Lewejohann, Schriftstellerin

der goldene fischSünje Lewejohann, Autor bei der goldene fisch (der-goldene-fisch.de)

Foto_privat

5.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Das Internet ist alles was der Fall ist“ Cordula Simon, Schriftstellerin_Graz 6.2.2021

Liebe Cordula, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

An sich ist der Tagesablauf wie immer. Ich finde es gar etwas albern, dass gerade jetzt Autoren gefragt werden, was sich geändert hat, obwohl wir ja auch zuvor schon viel zu Hause saßen. Nicht jeder kann es sich leisten die Sessel im Kaffeehaus zu wärmen. Menschen, die ins Home Office gesteckt wurden, die plötzlich im Schichtbetrieb sind, oder mit Kindern länger zu Hause, hätten nun wohl Bände zu füllen. Ich schreibe also, lese, versuche mich nicht zu wenig zu bewegen und verlasse das Haus meist nur, wenn jemand gestorben ist. Zwar würde man meinen, dass Bestattung krisensicher sei, jedoch ist auch hier gerade nicht mehr zu tun als sonst: Es scheinen weniger an Corona zu sterben, als Menschen ohne Lockdown an anderen Todesarten umgekommen wären, wie Herzinfarkten, OPs, Verkehrsunfällen. Viele Bestatter müssen ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. Da ich hier nur geringfügig tätig bin, hat auch das keine Auswirkungen auf mich. Spürbar war hier nur nach dem ersten Lockdown im Frühjahr die Zahl der Suizide. Das ist etwas, was sich geändert hat: Die Todesarten, die wir im Bestattungsinstitut zu sehen bekommen.

Cordula Simon, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich kann nicht beurteilen, was wichtig für alle ist. Die ganze Welt taumelt und stolpert durch neuartige, unbekannte Situationen. So haben wir vielleicht eine weltweite Pandemie, aber auch erstmals die Möglichkeit, uns digital nahe zu sein und einander physisch zu meiden. Zugleich kommt die Informationswelle im Internet mit viel Disinformation, dichotomischen Denken, sich abkapselnden Blasen, ermöglicht aber auch einen weiter funktionierenden weltweiten Handel, wenngleich der Einzelhandel leidet und um die Wirtschaft weiterpreschen lassen zu können, wird konsumiert, um das soziale Gefüge nicht zu gefährden, auch wenn dieser Konsum mit einem ökologisch hohen Preis verbunden ist – Das Internet ist alles was der Fall ist und noch nie saßen so viele Menschen zu Hause um sich dermaßen intensiv damit zu befassen. Ein Getriebe aus ineinandergreifenden Zahnrädern ist diese Welt geworden und wir können in Echtzeit dabei zusehen während wir es Infotainment nennen. Heutzutage ist es auch leichter denn je, die plausibelsten Dinge für falsch und die unplausibelsten für wahr zu halten, denn das Internet preist uns jeden Klick mit Gefühlen an. Für mich selbst ist es wichtig, meine Emotionen gegenüber dem weltweiten Wahnsinn zurück zu nehmen, denn der Hass, den verschiedene Gruppen im Netz aufeinander zeigen, macht irrational. Vielleicht wäre das wichtig: Kalte Ratio im Angesicht des Irrationalen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Momentan ist von einem Aufbruch nicht viel zu spüren. Eher von einem Stillstand und was wesentlich sein wird, wird wohl jeder für sich herausfinden müssen. Ebenso wie jeder selbst herausfinden wird, welche Rolle Literatur und Kunst im eigenen Leben spielen: Unterhaltung? Beschwichtigung? Aufstachelung? Ästhetischer Genuss? Oder die globale Entertainmentmaschine im Netz drängt sich nach vorn, wie sie es schon seit Jahren tut. Während Literaturhäuser und Theater digital aufrüsten. Spannend wird es allemal.

Was liest Du derzeit?

Viel Wissenschaft aus den Bereichen Digitalisierung, Posthumanismus, Linguistik und ein paar antike Geschichtsschreiber.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 Die meisten Menschen leben nicht ihr Leben, sondern das anderer, über das sie sich so aufregen, dass sie ihr Leben zu leben, vergessen. (Curt Goetz)

Cordula Simon, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Cordula, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Cordula Simon, Schriftstellerin

cordula simon | autorin | graz (cordula-simon.at)

Fotos_Cordula Simon

13.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dieser Hardcore-Kapitalismus wird in der Postapokalypse wohl kritisch hinterfragt werden müssen“ Doris Maria Weigl, Künstlerin_ Mühlviertel/OÖ 5.2.2021

Liebe Doris, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Schau, malen ist an sich eine einsame Kunst. Gesang oder Schauspiel, da tasten dich, während du performst, hunderte Augenpaare ab, von vertrauten und von fremden Menschen. Beim Malen bist du allein. Allein mit deinem Baby, das du über viele Stunden hinweg unter Freude und Schmerzen gebierst und einem Kaffee. Oder einem Glas Wein. Je nach Tageszeit. Daran hat auch dieses unsägliche Virus nichts geändert. Mein eremitisches Künstlerleben ist irgendwie normal geworden, irgendwie mainstream. Ich hoffe, das ändert sich bald wieder, schließlich will ich mir beim Schaffen wieder leid tun in all meiner exklusiven Verlassenheit.

Im Ernst, ich hoffe und glaube, dass diese Zeit bald wieder vorüber ist und wir uns alle rückblickend wundern, was wir da alles tun und lassen mussten. Wirtschaftlich merke ich selbst als Illustratorin zum Glück nicht sehr viel. Aufträge kommen von meinem Stamm-Klientel aber auch von neuen Auftraggebern. The show is going on, wie’s scheint.

Aber ich will endlich wieder raus, Vernissagen veranstalten, meine Kunst ausstellen, mit den Menschen sein. Darauf freu ich mich unglaublich! Bis dahin male ich mir meine einsame Welt bunt und schön. Ein bisschen Robinson. Ein bisschen Pippi.

Doris Maria Weigl, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Lernen. Aus den bitteren Erfahrungen etwas Schmackhaftes mitnehmen. Erinnere dich an die Anfänge dieser Pandemie. Wir waren nicht mal imstande, einfache Masken selbst herzustellen. Weil das Vlies von einem Ende der Welt kommt und die Gummibänder von einem anderen. Und wir hier, am dritten Ende der Welt, wir ordern das Zeug emissionsmaximierend aus der ganzen Welt, und das, um ein paar Kreuzer zu sparen. Dieser Hardcore-Kapitalismus, diese hinter-uns-die-Sintflut-Mentalität, das wird in der Postapokalypse wohl kritisch hinterfragt werden müssen.

Dass es nicht unbedingt immer karibisches Dingsbums sein muss, sondern auch der Park, das Wäldchen ums Eck Entspannung bieten kann, das haben wir ja alle bereits erkannt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Kunst verbindet. Jetzt mehr denn je. Das ist es, was Kunst ausmacht.

Für mich als Malerin ist es zentrales Gelübde, Emotionen zu schaffen. Menschen mitzunehmen, zu entertainen, ihnen Freude zu machen. In diesen sehr speziellen Tagen ist es wesentlich mit Schönem zu heilen, zu trösten, gut zu tun.

Aber ich verspreche dir: Wenn das vorbei ist, werde ich da sein und erinnern, anecken und provozieren. Ich werde unbequem sein und das Meine tun, damit wir alle die ganze Scheiße nicht wieder allzu schnell vergessen, sondern aus diesen grässlichen, wichtigen Zeiten lernen.

Was liest Du derzeit?

„Narziß und Goldmund“ von Hermann Hesse.

Und eine wirklich gelungene Biographie über Leonardo da Vinci. Ich mag seine Vielschichtigkeit, nicht nur in der Malerei, auch in seinen Gedanken. Wusstest du, dass er gemeint hat, „Kraft wird aus dem Zwang geboren und stirbt an der Freiheit“? Alleine über die Ambivalenz dieses einen Satzes kannst du Abende lang sinnieren und diskutieren. Herrlich.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Es gibt immer verschiedene Blickwinkel, nicht nur schwarz und weiß. Kunst ist bunt. Wie wir.

Vielen Dank für das Interview liebe Doris Maria, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Doris Maria Weigl, Illustratorin / Grafikerin / Malerin.

Illustrationen – Doris Maria Weigl – Illustrationen (illustratorin.at)

Foto_Doris Maria Weigl

11.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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