„Literatur kann eine große Rolle spielen, die gesellschaftlichen Themen zu verarbeiten“ Carsten Schmidt, Schriftsteller_ Berlin 8.2.2021

Lieber Carsten, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Danke der Nachfrage. Ich glaube, dass es mir angesichts der globalen Schwierigkeiten sehr gut geht und ich meinen Tagesablauf so beschreiben kann: Ein bisschen Haushalt, ein bisschen Kinderbetreuung, ein bisschen an die frische Luft und ein bisschen Arbeit von Zuhause. Kreatives rückt eher in den Hintergrund oder ich habe nur wenig Energie, dem mehr nachzugehen.

Carsten Schmidt, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich mag zwar dieses Wort nicht so ganz, aber in einem Begriff ist „Seelenhygiene“ vielleicht derzeit wichtig. Es wird uns noch viele Monate so gehen, dass wir eingeschränkt sind, wenn wir nicht zuvor bereits ein im Keller hockender PC-Nerd waren. Also Seelenhygiene im Sinne von: Aufeinander achtgeben, die unterschiedlichen Geschwindigkeiten anerkennen, sich nicht mit zu viel Mist beschäftigen und die Lebenszeit und Energie nicht dafür aufwenden, sich um kleine Aspekte zu streiten, sondern sich selbst gesund halten – auch wenn ich jetzt klinge wie mein eigener Großvater. 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Was ich interessant finde, ist, wie groß doch der Bedarf ist nach Kultur. Ich habe digitalen Konzerten, Tanztheatern und Lesungen beigewohnt. Ich glaube, dass es eine Art „Zwischenschritt“ zu übersetzen gibt. Ich sage jetzt mal „wir“ – wir aus der Kulturszene wissen, was Theater und andere Dinge können. Menschen haben Kultur gepflegt und entwickelt in den Jahrtausenden, um uns abreagieren zu können und durch Kanäle (Stimme, Bühne, Bewegung, Verkleidung, Musik, Leinwand) unsere Themen und Emotionen ein bisschen ausleben und herausfordern. Wenn wir dank der Spiegelneuronen auf der Bühne ein bisschen nachempfinden, wie sich Hamlet fühlt, hilft uns das und wir müssen nicht zwingend selbst verrückt werden oder Gewalt anwenden.

Literatur kann dabei eine ebenso große Rolle spielen, die gesellschaftlichen Themen zu verarbeiten – nur ist es naturgemäß ein etwas langsameres Medium als Comedy oder Musik, wo sich schneller ein Lockdown-Lied schreiben lässt als ein Roman, der das verarbeitet. Es sind einfach unterschiedliche Kulturtechniken, die ganz gewiss das verarbeiten werden, was uns hier derzeit gesellschaftlich passiert – und das wird nie aufhören.

Was liest Du derzeit?

Derzeit lese ich „Ordinary Men“ von Chr. Browning, was ein Polizeibataillon im eroberten Polen 1942 beschreibt und wie Polizisten, die bisher nicht mit Kriegshandlungen in Berührung kamen, nun zum Werkzeug der SS werden und schwellenweise an mehr und mehr Gräueltaten teilnehmen. Außerdem lese ich Sam Bennets „Devlin House“, eine in Irland angelegte Geschichte, die so bildhaft geschrieben ist, dass man denkt, man liegt im grünen Gras, hört die Pferde schnauben und riecht das Leder vom Sattel.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht.“ Ein Sprichwort, das vielleicht aus Afrika stammt. Geduld brauchen wir jetzt alle. 

Vielen Dank für das Interview lieber Carsten, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Carsten Schmidt, Schriftsteller

Home (cschmidtler.de)

Foto_R.Oswald_Wien

14.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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