„Was ist dir eigentlich wichtig? Wie willst du weitermachen? Was willst du erneuern?“ Theresa Sigusch, Schriftstellerin_Berlin 14.6.2020

Liebe Theresa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Tage ähneln den Vor-Corona-Tagen sehr — offiziell studiere ich noch, schreibe aber die meiste Zeit an meinem Buchprojekt, mit dem ich meinen Masterstudiengang Literarisches Schreiben bald abschließen werde. Kurz vor dem „Lockdown“ bin ich wieder nach Berlin gezogen, es hat sich so angefühlt, als würde ich plötzlich im Endspurt eines Marathons gegen eine Mauer laufen, als Corona kam. Ich blieb dann erstmal liegen, völlig verwundert, und fand es eigentlich ganz gut, einfach liegen zu bleiben. Das habe ich bisher getan, noch meinen Laptop, Notizbücher und Bücher dazugelegt und manchmal stehe ich auf, um Kaffee zu kochen oder einkaufen zu gehen. Dass sich für mich tatsächlich relativ wenig an meiner Arbeits- und Lebensweise geändert hat, ich nicht um meine persönliche wie berufliche Zukunft nach Corona bangen muss, nehme ich als großen Luxus wahr. Ich habe Zeit, wirklich viel Zeit, die mir auch die Aufgabe gibt, sie irgendwie intelligent aufzuteilen — nicht im Sinne einer möglichst großen Produktivität und Effizienz, sondern im Sinne einer Aufforderung, mich zu fragen, wie ich die Zeit auf- und verteile, vor allem, falls doch ein Stück Wahrheit im Spruch „Zeit ist Geld“ liegen sollte.

 

Theresa Sigusch

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für uns alle — das kann und möchte ich gar nicht beurteilen. Ich sehe aber die Pandemie in ihrem Zwangsstillstand und der damit einhergehenden Möglichkeit von Ruhe und Rückzug als Chance, sich diese Frage zu stellen, jede* und jeder* für sich: Was ist dir eigentlich wichtig, wie willst du weitermachen, was willst du erneuern, wer willst du heute und nach der Pandemie sein, was entdeckst du neu in deinem Leben, jetzt wo es vielleicht stiller steht, was kann weg, was soll bleiben, wohin willst du dich bewegen?

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt gesellschaftlich und persönlich stehen. Welche Rolle kommt dabei der Literatur und der Kunst an sich zu?

Ob wirklich gesellschaftlich und persönlich ein Neubeginn stattfindet, hängt, glaube ich, wie bei jedem Neubeginn von vielen Faktoren ab. Zwar drängt Corona uns in die eigenen vier Wände, aber das trifft natürlich nicht auf alle zu. Viele gehen weiterhin arbeiten, müssen Zuhause sogar mehr arbeiten als vorher, müssen sich über Wasser halten, kreative Pandemie-Pläne kreieren, sich sorgen um Kreditraten, Mieten, Angestellte, Verwandte, Gefährdete usw. usw. Andere werden in der Krise fast ganz vergessen, weil sich alles auf die an- und abschwellenden Graphen fokussiert — es verschwinden die Nachrichten über die Zustände in Geflüchtetenlagern, die Situation von Wohnungslosen, Menschen, die in gewaltvollen Familienzusammenhängen leben und jetzt durch Corona eingeschlossener sind als zuvor, einsame Menschen, Menschen in psychischer Not, …

Sicher ist der Neubeginn also nicht, denke ich, aber natürlich hoffe ich auf ihn, genauso wie auch vor Corona, auch wenn ein Neubeginn nicht immer heißt, dass etwas Besseres danach kommt, schon gar nicht für Alle und Jede*n. Zugleich gab es auch vor Corona Anlässe — dringliche Anlässe — zum Aufbruch: Klimawandel, Erstarken rechtspopulistischer Parteien, Halle, Hanau, Lesbos; die Liste ließe sich endlos fortführen. Diese Anlässe gibt es weiterhin.

Ich wünsche mir, dass die erzwungene Stille, der Mangel an Zerstreuung vielleicht einen Anstoß geben könnte, aufzubrechen in etwas Neues. Was das sein kann, wird jede und jeder für sich selbst entscheiden müssen — für mich persönlich wünsche ich mir, Belangloses auszusortieren, zu schauen, was mich reizt, anstatt mich zu be- oder zerdrücken, mich zu fragen, weshalb ich mir immer wieder Ablenkungen (ich sage nur Online-Shopping und Netflix) suche, eine lange Weile so schwer aushalten kann, zu überlegen, wie ich auch Gutes in der Sehnsucht finde, die ich jetzt nach anderen Menschen verspüre, und viele andere Dinge mehr. Im Größeren wünsche ich mir, (wie auch vor Corona), ein Kurieren der alten Marotten des Systems, in dem wir leben — das Denken in Kategorien wie „oben“ und „unten“, „wertvoll“ und „wertlos“, you name it, und allem, was zu diesen Kategorien in der Realität derzeit und immer schon gehört: Prekäre Lebensbedingungen für Manche, überbordender Luxus für Andere, Diskriminierungen jeder Art, Ausbeutung von Menschen und der Erde, …

Der Literatur kann dabei jene Rolle zu kommen, die sie immer schon hatte. Wir können uns in ihr wiederfinden, spiegeln, abgleichen, sie kann uns anregen, aufregen, umwälzen, sie kann uns Idee, Vorbild, Spuk, Fragezeichen, Antwort sein. Ich denke, Literatur (und Kunst generell) kann wie Corona selbst ein Anstoß sein, aber nie Garantie für Neubeginn und Wandlung. Wie könnten wir ihn garantieren und wo kann er uns hinführen, bleibt die Frage.

 

Was liest Du derzeit?

Gerade bin ich mitten in: Tauben fliegen auf von Melinda Nadj Abonji, tolles Buch, das mir eine Freundin über die Corona-Zeit hinweg geliehen hat. Es ist eine Wahnsinnssprache, ich fließe durch die Seiten, die ellenlangen Sätze ohne Punkt, die minuziösen Beobachtungen, die zwei Welten, in der die Protagonistin lebt.

Mein derzeitiges Hörprojekt: Das Glasperlenspiel von Hermann Hesse. Es hat eine Dauer von über zwanzig Stunden, das eignet sich perfekt zum Anhören, während ich nebenbei meine „Corona-Projekte“ vorantreibe (mit meinen Fotoalben endlich einmal bis in die Gegenwart heranrücken und die losen Fotostapel eliminieren zum Beispiel).

 

Welches Zitat, welche Textstelle möchtest Du uns mitgeben?

Zuerst ein Zitat, das Grenzsituationen im Leben beschreibt als „Zustände, in denen die bis dahin praktizierte Lebensgestaltung nicht mehr weiterzuführen ist. Grenzsituationen entstehen durch die Antinomien und Konflikte, in denen keine vorgegebenen Lösungen mehr verfügbar sind. Es ist eine persönliche existenzielle Stellungnahme des Betroffenen notwendig, die einen Bruch mit den bis dahin gelebten Haltungen unausweichlich werden lässt

Christoph Mundt, Grenzsituation, Lebensereignis, Situation, Trauma, S. 106

Und als zweites ein Zitat eines meiner Lieblingsphilosophen, der im Übrigen auch viel zu Solidarität geschrieben hat, was mich jetzt beim Lesen wieder doppelt begeistert und anregt: “Ich bin nicht ohne die Anderen, zu denen ich bin.

Karl Jaspers, Philosophie Band 2, Existenzerhellung, S. 417

 

Vielen Dank für das Interview liebe Theresa, viel Freude und Erfolg für Deine Schreibprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Theresa Sigusch Schriftstellerin

https://www.musilmuseum.at/theresa-sigusch.html#

 

31.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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„Literatur wird mehr als sonst eine anklagende sein“ Simon Bethge, Schriftsteller_Frankfurt/Oder _13.6.2020

Lieber Simon, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Für mich als Student hat sich – mit Ausnahme der nun digital stattfindenden Seminare – kaum etwas geändert. Ich kann gegen 8:30 Uhr aufstehen und frühstücken, der Vormittag ist für Einkäufe und andere Erledigungen reserviert. Nach dem Mittagessen drehe ich eine Runde mit dem Rad, denn ich halte körperliche Betätigung gerade in diesen Zeiten für essentiell, um auch geistig fit zu bleiben (bin normalerweise im Fechtverein, der aber zurzeit noch an seinem Hygienekonzept feilt und daher noch nicht öffnen darf). Hinterher mit Kaffee auf den Balkon und Arbeit am Debütroman, abends gerne Netflix und einen Absacker mit meiner Mitbewohnerin.

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Beschäftigung, Beschäftigung, Beschäftigung. Ich denke, man muss einerseits ein Auge auf die Lageentwicklung haben und sein Möglichstes tun, um sie nicht zu verschärfen (Abstand wahren, Reisen vermeiden und begreifen, dass ein ästhetisches Äußeres – Friseur- oder Sonnenbankbesuche, Fitnessstudio – kein, oder wenigstens ein „Ferner liefen“-Menschenrecht ist). Andererseits sollte man versuchen, sich im Rahmen der neuauferlegten Regeln alle Freiheiten zu bewahren, die einem Ausgeglichenheit und Durchhaltevermögen bereiten. Dazu zähle ich Sport im Freien, Haus- oder Handarbeit sowie künstlerische Betätigung. Mir ist aber bewusst, dass das einem privilegierten, da fremdfinanzierten Studenten wie mir sicher einfacher fällt als den Menschen, die um ihren Lebensunterhalt und ihre Familie bangen müssen.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Da ich mir trotz einiger Versuche und Bekanntmachungen seitens der Politik nicht vorstellen kann, dass die Krise für ein wirtschaftliches bzw. ökologisches Umdenken sorgt (jedenfalls kein langfristiges), wird die Rolle der Literatur hinterher noch mehr als sonst eine anklagende sein, und nicht nur ein „Was wäre, wenn?“ formulieren müssen, sondern auch ein „Was hätte geworden sein können, wenn?“

Schon jetzt begreifen viele Künstler*innen und Aktivist*innen die Krise als verpasste Chance, das Zukunftsruder doch noch herumzureißen. Das spiegelvorhaltende Potenzial von ehrlicher Literatur kann ihnen ein Werkzeug zur Kanalisierung ihrer Frustration sein.

 

Simon Bethge _ Dave Grossmann

 

 

Was liest Du derzeit?

„Er, Sie und Es“ von Marge Piercy (für ein Seminar) und „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ von Daphne DuMaurier (für mich selbst).

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Time went by, which is what time does, what it is“ aus „Drive“ von James Sallis; ertragen und hoffen.

 

Vielen Dank für das Interview lieber Simon und weiterhin viel Erfolg für Deine  vielfältigen Literaturprojekte, gute Zeit auch in Klagenfurt!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Simon Bethge, Schriftsteller

https://www.musilmuseum.at/simon-bethge.html

 

27.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://lteraturoutdoors.com

Foto_Dave Grossmann

„Auch Höhenkammliteratur darf zum Träumen einladen, gerade jetzt brauchen wir das“ Tabea Zeltner, Schriftstellerin_Berlin_12.6.2020

Liebe Tabea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe gerade einen Master begonnen, der mich ein wenig überfordert, darum bestimmt das zurzeit den Großteil meines Tages. Meistens stehe zwischen halb neun und neun auf, frühstücke absurd ausgiebig und verbringe dann den Tag mit Zoom und Vorlesungsvideos. Manchmal rufen spontan Freundinnen an, abends machen wir meistens in der WG Heimkino mit unserem Beamer. Ordentliche Rituale wie Sport oder Spazieren gehen fehlen mir zurzeit, aber ich arbeite daran.

 

Tabea Zeltner_

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gerne würde ich jetzt antworten: Zärtlichkeit, Zusammenhalt, angemessenes Vertrauen in die Wissenschaften. Aber die sind immer besonders wichtig. Ich glaube nicht, dass jetzt etwas anderes von Bedeutung sein sollte als sonst – in Krisenzeiten kommen wir nur nicht mehr damit durch, die falschen Prioritäten zu setzen. Wenn Sicherheitsnetze für Freischaffende fehlen und Senior*innen vereinsamen, sind das jetzt potenzierte, aber keineswegs neue Probleme. Gerade ist eine gute Gelegenheit, ein paar Normen in Frage zu stellen: Arbeitszeiten, Konsum, Geschlechterrollen, Umgang mit den Wissenschaften und den Künsten.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Ich finde diese Rhetorik vom Neubeginn sehr interessant, fürchte aber, dass er zumindest teilweise aus einer verschobenen Erwartungshaltung herrührt. Die jetzige Situation wird nicht so plötzlich vorbei sein, wie sie gekommen ist, sondern sich ganz allmählich ändern. Dann laufen wir Gefahr, diese Energie für einen großen Neuanfang zu verlieren – vielleicht sind fließende Veränderungen aber auch nachhaltiger als große Neujahrsvorsätze am Ende einer Pandemie. Ich hätte es toll gefunden, wenn großangelegte Debatten über das BGE oder auch Datenschutz angestoßen worden wären, aber das scheint sich alles zu verflüchtigen. Auf die Rolle der Literatur bin ich selbst gespannt! Gerade höre ich viele Witze darüber, dass wir danach mit unerwünschten Romanen und Filmen über diese Zeit überflutet werden. Dabei ist eines der wertvollsten Dinge, die Literatur uns geben kann, Eskapismus. Vielleicht kommt der in Gegenwartsliteratur, die ernst genommen möchte, manchmal zu kurz; vielleicht ist der unbedingte Drang zum Reflektieren der dunklen Seiten der Gesellschaft, der voyeuristische Blick auf Leid und diffuse Ängste, ein wenig zu präsent. Auch Höhenkammliteratur darf zum Träumen einladen, gerade jetzt brauchen wir das.

 

Was liest Du derzeit?

In letzter Zeit hatte ich sehr viel Glück mit meiner Lektüre und nur Bücher erwischt, die ich auch sehr gern mochte. Ich habe mich ein wenig in feministischem Horror vergraben, zum Beispiel The Yellow Wallpaper von Charlotte P. Gilman, Her Body and Other Parties (wunderschöner deutscher Titel: Ihr Körper und andere Teilhaber) von Carmen Maria Machado und The Stepford Wives von Ira Levin. Außerdem viel über Ocean Vuong’s Auf Erden sind wir kurz grandios geweint. Auf dem Postweg zu mir sind gerade Der Defekt von Leona Stahlmann und von Benjamin Quaderer Für immer die Alpen.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein in anderen Kreisen sehr bekanntes Zitat:

For we deserve a soft epilogue, my love. We are good people and we have suffered enough.

  • nikka ursula

Das ist aus einer Captain America Fanfiction und ist nicht nur ein wahres und passendes Zitat für diese Zeit, sondern auch eine Erinnerung daran, dass schöne Worte nicht nur auf der Buchmesse zu finden sind.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Tabea, viel Freude und Erfolg für alle Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tabea Zeltner, Schriftstellerin

https://www.musilmuseum.at/tabea-zeltner.html

 

31.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Mein Ziel ist es, die Ausdrucksformen von Poesie zu erweitern“ Jörg Piringer, Bachmannpreisteilnehmer _Station bei Bachmann _ Wien_11.6.2020

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Ich habe Ingeborg Bachmann natürlich gelesen. Als Schriftsteller deutschsprachiger Literatur gibt es da keinen Weg umhin. Unmittelbare Bezüge in meinen Projekten gibt es nicht.

Meine Gemeinsamkeit mit Ingeborg Bachmann? Ich bin jetzt so alt wie sie als sie starb.

 

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Künstlerisch gesehen, haben Orte natürlich auch ganz wesentliche Kontexte. Bei mir ist es nicht so sehr der persönliche topographische Ausgangspunkt sondern vor allem die Bedeutung für die Präsentation von Kunst. Der soziale Bezug ist dabei ganz wichtig für meine Projekte und ich gehe bewusst darauf ein – in Performance, Dialog. 

Es ist sehr reizvoll verschiedene Präsentationsformen unter unterschiedlichen Voraussetzungen des örtlichen Rahmens auszuprobieren.

 

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Ich schätze die Bühne als Ort von Kunst sehr. Das ist für mich die offenste Art zu agieren. Auf einer Bühne kann alles passieren. Das fehlt mir sehr. Als Künstler wie als Zuschauer.

 Für Juli sind drei Projekte geplant – in Wien, Berlin und am Attersee. Das sind mal Ausblicke. 

 

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Als Jugendlicher begann ich erste (schlechte) Gedichte zu schreiben und bekam auch den ersten eigenen PC. Davor benützte ich auch schon den meines älteren Bruders. Die Programmiersprachen waren zuerst Basic dann Pascal.

Als Verlegenheit begann ich ein Informatikstudium. Dann verband ich Poesie und Informatik. Das wwweb machte es dann leichter Projekte öffentlich zu machen. Das war ja vorher nicht so möglich.

 

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Die Musikvideos der 80/90er Jahre waren für mich nicht so von Interesse. Das habe ich nicht konsumiert. Ich habe überhaupt wenig ferngesehen. MTV war auch nicht in Reichweite. Dieses klassische Spielfilmnarrativ im clip war künstlerisch auch nicht spannend. 

Die experimentelle Elektronikszene in Wien Anfang/Mitte der 1990er Jahre war für mich  inspirierend und impulsgebend. Es gab da viele Videokünstlerinnen, die abstrakte elektronische Musik machten.

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Wie kann ich eine zeitgenössische Form finden, um die Zeit zu reflektieren. Das ist mein Ausgangspunkt. 

Die Form ist für die poetische Aussage sehr wichtig, die gegenwärtige Form der Kommunikation ist auch für meine Kunst von großem Interesse. Damit experimentiere ich.

 

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Experimentieren, spielen, reflektieren. Das macht meine Poesie, meine Performance aus.

Mich interessiert Form und Inhalt im Wechselspiel zu halten.

Meine Kunst ist auch eine Form von Grundlagenforschung.

 

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Meine Notizen mache ich fast ausschließlich digital. Außer in der Badewanne, da ist es das Notizbuch – aus Sicherheitsgründen. Für den Text und für mich. 

 

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Das Digitale gibt mir im künstlerischen Prozess eine Freiheit, die ich am Papier nicht habe. Das Papier hemmt mich da.

Beim Sichern meiner digitalen Texte bin ich sehr aufmerksam und vorsichtig. Ich habe eine backup Festplatte, die ich alle paar Tage an den Computer anhänge. Wenn die backup Festplatte voll ist, gebe ich diese zur Sicherheit in einen anderen Raum. Auch das Drucken ist eine Sicherheit, die ich verwende. Dann habe ich noch ein Versionsspeichersystem, das die verschiedenen Textveränderungen im Schreibprozess aufzeichnet. Dies ist auch praktisch im künstlerischen Prozess, um etwa Versionen auszukoppeln und wieder zu verbinden, also zu variieren. Dafür hat sich auch schon ein Literaturwissenschaftler interessiert. Dieser ist übrigens Literaturwissenschaftler und digitaler Forensiker.

 

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In meinen Texten arbeite ich stark mit Montage. Ich finde es spannend mit Textstücken weiterzuarbeiten. Etwa von einem Medium zum anderen. Vom reinen Text hin zu einem Video oder zu einem Hörspiel. Damit ergibt sich eine veränderte Wirkung, das ist sehr interessant. Und jetzt gehe ich diesen Weg weiter und weiter.

Die Wiener Gruppe, Mayröcker, Gerstl, Jandl – das waren/sind große Inspirationen. Die Verbindung von Experiment, freiem Spiel, Humor, Nonsens – das ist faszinierend.

 

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Im künstlerischen Prozess ergänzt und inspiriert sich Technik und Idee, Konzept sehr gut. Es ist ein spannender Dialog.

Ausgangspunkte meiner Projekte sind oft Sätze, die ich höre oder Klänge. Es kann dabei eine Spielerei sein, aus der sich etwas entwickelt ober bewusst Relevantes – Ärger, Wunsch, Lebensgefühl, Weltsicht. 

 

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Ich sehe mich als Künstler, der mit technischen Mitteln arbeitet. Ich bin ein Performer.

Im Verbinden von Kunst und Technik bin ich Dramatiker und Regisseur. Es sind meine Handlungsanweisungen an Mensch und Maschine. Es ist eine künstlerische Arbeit.

Ich versuche in meiner Kunst stückweise herauszufinden wie sich die Jetztzeit anfühlt. Da gibt es keine definitiven Antworten.

 

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 Mein Ziel ist es, die Ausdrucksformen von Poesie zu erweitern.

 

sdr

 

Gerade in einer Zeit der Unsicherheit, vielleicht des Wandels, braucht eine Gesellschaft Zeit zur Reflexion. Kunst bietet da Möglichkeiten, die unerlässlich sind.

Kunst hat gesellschaftlich die Freiheit extrem optimistisch wie extrem pessimistisch zu sein. Das passt alles hinein.

 Kunst muss nicht evidenzbasiert arbeiten wie die Wissenschaft. Das ist ein großer wichtiger Wert.

 

sdr

 

Gesellschaftlich erleben wir derzeit (oder zu allen Zeiten?) einen Kampf um Wahrheit – alternative Wahrheit, fake…Ich finde das fürchterlich.

Gesellschaftlicher Dialog und Verantwortung sind in allen Fragen sehr wichtig. Global denken und global handeln. Dazu gibt es keine Alternativen.

 

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Die Gesellschaft braucht Kunst. Und die Kunst braucht Freiheit und Existenz – also Existieren-Können.

Ich wünsche mir für alle KünstlerInnen wesentliche Unterstützung für Ihre Projekte – wie jetzt etwa vermehrte Stipendien –  nicht nur in der Corona-Krise. 

 

sdr

 

 

 

Herr Pell, Besitzer der Pizzeria „Grado“ in unmittelbarer Nachbarschaft zum Wohnhaus von Ingeborg Bachmann,  überreicht Bachmannpreisteilnehmer Jörg Piringer einen Gutschein für ein Abendessen wie eine Flasche Sekt.

 

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Vielen Dank für das Interview bei Bachmann lieber Jörg und viel Freude und Erfolg für den Bachmannpreis!

Jörg Piringer, Schriftsteller – digital sound visual interactive poetry etc.

Bachmannpreisteilnehmer 2020

https://joerg.piringer.net/

 

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Herzlichen Dank an die Pizzeria Grado, Beatrixgasse 24, 1030 Wien für das so freundliche Geschenk für den Wiener Bachmannpreisteilnehmer!

Home

 

Station bei Bachmann _ Wohnhaus der Schriftstellerin_ Ingeborg Bachmann_Wien _ 10.6.2020

Interview und alle Fotos _ Walter Pobaschnig

 

 

 

„Vielleicht wird längst Überfälliges nun fällig?“ Gudrun Fritsch, Schriftstellerin_Graz 11.6.2020

Liebe Gudrun, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

(Eine Antwort will sich nur poesie-verbrämt finden)

 

Muss nichts mehr liefern, darf schon oft ich möchte sagen

ein Glücksfall in diesen Zeiten und

wohl ein Privileg, das unverdient mir zuteil

diesfalls der Gnade früher Geburt geschuldet

da ist schon manches gebaut,

das Fundament, das hält schon was aus

die Zeit, das eigene Leben

schon eine Wunde aus dunkel geronnenem Blut

das ist nicht schlimm

denn spürbar bereits wird dieses Weniger mehr

und man selbst eher frei

was nur passiert, wenn man nicht wartet

sondern geschehen lässt, was geschieht;

bin befreundet mit mir, lade mich ein zu lautlosem Dialog

muss nicht mehr glänzen

darf ungestraft das Eine und Andre schwänzen

die äußere Welt fehlt mir nicht so

weil ich in der inneren längst schon lieber zuhause bin;

und in meiner eigenen stillgelegten Zeit

will ich ein Lichtfänger sein.

 

Gudrun Fritsch_0006

 

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Eine kurze Auswahl, appellativ:

Seid auf der Hut vor den selbstgewissen Verkündern, den vielen manischen Profilierungsneurotikern!

Und behütet sorgsam eure Überlebensration Kant: Sapere aude! – Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

UND hofft mit erhabener Gelassenheit, heiter und sprühend, auf einen gütigen Sommer.

 

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen.

Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Zweifellos, ja! Krise heißt auch Zuspitzung auf eine Entscheidung hin; es erfolgt die Aufsplittung des Daseins in gegensätzliche Möglichkeiten. Vielleicht wird längst Überfälliges nun fällig?

Leben heißt Lernen; da der Mensch ein höchst adaptives Wesen ist, kann auch das gegenwärtige Drama einer- wohl temporären- Niederlage oder zumindest eines partiellen Scheiterns, sei es im naturwissenschaftlich-medizinischen oder ökonomischen Segment, eine Quelle für Inspiration und zum Nährboden lebensverändernder Phantasie werden.

Literatur ist wirkmächtig. Sie kann uns Leben lehren, das Lesen unvergleichlich dichte Stellvertretererfahrungen ermöglichen; Literatur und Dichtung: Sie bieten ideale Möglichkeiten, die conditio humana in höchster Vielgestaltigkeit und größter Tiefe zu begreifen.

Für Viktor Frankl, den Erfahrenen, den Belesenen, den Gebrandmarkten, den dennoch unermüdlich Zuversichtlichen, den Logotherapeuten schlechthin, ist das Buch sowohl Therapeutikum als auch Prophylaktikum. Er rät zum rechten Buch zur rechten Zeit.

Mein Wunsch an die Literatur, die fremde und die eigene: Sie kann, sie möge Identifikation, Erkennen evozieren, innerer Beistand sein und – auch das – sinnstiftend, lebenshelfend Zuflucht bieten.

Allen Endzeitphantasien zum Trotz, lassen wir uns von Kunst, von Literatur – auch – lustvoll imprägnieren mit Zukunfts-Zuversicht.

Das Buch – Eingang zur Welt (Stefan Zweig) – vielleicht brauchen wir es mehr denn je – gerade jetzt!

 

 

 

Was liest du derzeit?

Stefan Zweigs Der Kampf mit dem Dämon – so ein schrankenloser wilder Inwohner kann das Leben zur Hölle machen und dann sich ein Meisterwerk gebären.

Und immer wieder verliere in mich von Neuem im Buch der Unruhe (F. Pessoa).

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

Bang und sinnlos sind die Zeiten, wenn hinter ihren Eitelkeiten nicht etwas waltet, welches ruht. (R. M. Rilke)

und sofern es nicht unstatthaft ist, sich selbst zu zitieren:

Nichts ist vergebens und keine Hoffnung umsonst. (G. Fritsch, Nachtsalz)

 

Vielen Dank für das Interview liebe Gudrun, viel Freude und Erfolg für Deinen großartigen aktuellen Roman –  „Nachtsalz“, Leykam Verlag – und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Gudrun Fritsch, Schriftstellerin, 

https://gudrunfritsch.at/blog/

 

Gudrun Fritsch: „Nachtsalz“ Roman, Leykam Verlag 2018

Nachtsalz

 

 

27.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

„Wir sollten nicht vergessen, dass man gewisse Dinge ändern kann “ Vera von Gunten, Schauspielerin_Wien 10.6.2020

Liebe Vera, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zur Zeit erlebe ich einen geregelteren Alltag, als wenn ich am Theater arbeite und das genieße ich sehr. Mein Mann und ich frühstücken sogar jeden Tag gemeinsam – was im Theateralltag für uns nicht so regelmäßig möglich ist. Also gewisse Dinge, die für andere Normalität bedeuten, sind für mich gerade möglich und ich erlebe sie als etwas Besonderes. Die Tage verfliegen schnell, mit kleineren und größeren Projekten, die Abende gehören Filmen, die seit einer Ewigkeit in Form von DVDs im Regal standen und jetzt endlich aus der Plastikfolie ausgepackt werden. Ab kommender Woche gehen aber auch endlich die Proben wieder los…

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

So allgemein? Das weiß ich nicht. Diese Situation stellt uns alle vor solch unterschiedliche Herausforderungen, was die Arbeit betrifft, das Einkommen, die Wohnsituation, unser Alter und auch die Lebensumstände. Was ich mir wünsche: dass wir diesen Einschnitt nutzen, um nachhaltiger und sozialer in die Zukunft zu gehen. Mehr Sorge tragen zu unseren Mitmenschen und der Welt. Ich fand es sehr bemerkenswert, wie dieses allgemeine Alltags-Rauschen – so würde ich es beschreiben – sich plötzlich in nichts aufgelöst hat. Und auch, wenn die Rückkehr der Delfine in Venedig eine Medien-Ente war… Wie gut wäre es, wenn dieses langsame Hochfahren dafür genutzt werden würde, nachhaltige Entscheidungen zu treffen und Verbesserungen zu bewirken.

Wir sollten nicht vergessen, dass man gewisse Dinge ändern kann und man nicht so weiter machen muss, wie zuvor.

 

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater und der Kunst an sich zu?

Theater und vielleicht Kunst im Allgemeinen hat für mich unter anderem die Aufgabe, die Phantasie und Vorstellungskraft der Menschen immer aufs Neue zu wecken nicht verkümmern zu lassen. Die Phantasie, Alternativen zu denken. Im Hinblick auf Politik und Gesellschaft, aber auch was Offenheit für ungewohnte Ästhetiken und Sehgewohnheiten betrifft. Theater schafft Inspiration, Ideen und hält wach. Theater inspiriert und provoziert. Im besten Fall bewirkt das etwas bei den Zuschauenden.

Ein weiterer Punkt: Wesentlich ist, dass wir uns endlich wieder direkt begegnen können. Uns irgendwann wieder die Hände schütteln, Küsse auf die Wangen drücken oder uns umarmen. Vielleicht habe ich in der letzten Zeit zu viel Yoga gemacht, aber ich denke, dass das Theater wie eine große Umarmung sein kann. Oder wie das Öffnen einer großen Tür zu einem Raum, in dem alle willkommen sind und in dem man gemeinsam, physisch anwesend einer Geschichte, einem Thema oder einer Idee ein paar gemeinsame Stunden schenkt. Das Physische und Unmittelbare von Theater werden wir alle wieder sehr genießen, da bin ich sicher. Auf der Bühne wie im Zuschauerraum.

 

 

Was liest Du derzeit?

Zu Beginn des Lockdowns las ich DIE BAGAGE der österreichischen Autorin Monika Helfer, das mochte ich sehr. Mit Witz und Bodenständigkeit erzählt Monika Helfer die berührende Geschichte einer jungen Frau, die dummerweise in die falsche Gesellschaft hineingeboren wurde.

A-TRAIN von Patty Smith.

HIER BIN ICH von Jonathan Safran Foer habe ich gerade zu lesen begonnen.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Die Einbildungskraft vergrößert oft die kleinsten Gegenstände durch eine phantastische Schätzung, so dass sie gar damit unsre Seele füllt und mit vermessenem Uebermuth verkleinert sie die größten bis zu unserm Maß.

 (Blaise Pascal)

 

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Vielen Dank für das Interview liebe Vera, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater- und Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Vera von Gunten, Schauspielerin, Schauspielhaus Wien

https://www.schauspielhaus.at/team/vera_von_gunten

 

 

30.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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Foto_Szenenfoto_Schlafende Männer_Schauspielhaus _Wien 9.11.18 _ Walter Pobaschnig

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„Ich empfinde diese Tage als eine moralische Weiterentwicklung“ Istvàn Kalàsz, Schriftsteller_Budapest, 9.6.2020

Lieber Istvàn, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Man wird früh wach, gegen zwei-drei, dann Kaffee trinken, dann an den einigermaßen aufgeräumten Tisch tapern, hinsetzen, sich schön carpe diem sagen… ja und dann: zu Hause bleiben, weitersitzen=arbeiten. Anschließend dann schlafen tapern. Aber das geht momentan nicht, es ist gerade Gründerzeit in Budapest, ein neuer Schriftstellerverband wurde gebildet, es gibt viel Branchengezeter – also es gibt viel zu tun.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Erstens für uns: Gelassen bleiben in der momentan aggressiven Stimmung, bedacht reden um nicht angreifbare Antworten, sachliche Erklärungen für diese Zeit formulieren zu können. Ich empfinde diese reibenden Tage (es ist seltsam für mich selbst) als eine moralische Weiterentwicklung, eine gute Zeit also. Zweitens für mich persönlich: meine Schulkasse. Ich bin Lehrer, und gerade jetzt legen meine Schüler ihre große Abschlussprüfung ab; sie sollten diese hübsch (ohne zu spicken) schaffen…

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich kann nur mit dieser Konstante von Barthes antworten: „… nirgends gibt und gab es jemals ein Volk ohne Erzählung; alle Klassen, alle menschlichen Gruppen besitzen ihre Erzählungen …“

 

Was liest Du derzeit?

Zwei Bücher simultan. Omka von Barbara Aschenwald und das Handbuch Materielle Kultur.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

«Am Tresen im Bistro. Drehe mich um und sehe mich in der Spiegelwand in Mantel und Hut. Ich stehe da wie ein Wackelkontakt, sagt mir mein Spiegelbild. Aber ich wackle nicht. Wie komme ich auf das Bild? Was wackelt?« /Paul Nizon

 

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Vielen Dank für das Interview lieber Istvàn, viel Freude und Erfolg für Deine Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Istvàn Kalàsz, Schriftsteller

http://kalaszistvan.hu/

 

 

30.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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„Der Kunst braucht man keine Aufgaben zu geben“ Michael Welz, Schauspieler_Wien 8.6.2020

Lieber Michael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich lese viel, spreche Texte ein, mache Musik, arbeite im Garten und schaue Filme und Serien

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ruhe bewahren, lieben, künstlerisch, körperlich und technisch fit bleiben, die Sicherheitsvorgaben beachten

 

Michael Welz

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater und der Kunst an sich zu?
Der Kunst braucht man keine Aufgaben zu geben. Künstlerinnen und Künstler machen glücklicherweise eh von selber ihre Sachen, heute, morgen …

 

 

Was liest Du derzeit?

„The Dream of Rome“ von Boris Johnson und „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Lasst euch nicht betrügen!
Das Leben wenig ist.
Schlürft es in schnellen Zügen!
Es wird euch nicht genügen
Wenn ihr es lassen müsst!“
(Bertolt Brecht, „Gegen Verführung“, Strophe 2)

 

Vielen Dank für das Interview lieber Michael, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater- und Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Michael Welz, Schauspieler

https://michaelwelz.myportfolio.com/

Foto: Günter Macho

 

26.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Menschen erfahren im Theater was sie im Alltag nicht erfahren können“ Manami Okazaki, Schauspielerin_Wien 7.6.2020

Liebe Manami, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Direkt beim Aufstehen gibt es ein wichtiges Ritual. Und zwar, Zitronen-Wasser trinken und dann auf die Yogamatte gehen.

Auf der Yogamatte mache ich zuerst ein bisschen Yoga. da achte ich darauf den ganzen Körper zu dehnen mit langsamer Atmung. Dann trainiere ich 20 min. Bauchmuskeln und Beine. So kann der Tag beginnen.

Mein Tagesablauf danach ist unterschiedlich. Wir hatten am 19.März die Premiere von „HIKIKOMORI“ geplant. Es hat natürlich nicht stattgefunden. Es war für mich so schwierig die Situation zu akzeptieren und ich wusste nicht, wohin ich meine Energie lenken soll. Bis zum 1.April, als der ORF bei uns im Theater war, haben wir auch für Journalisten gespielt. So konnte ich mich mal beruhigen.

Nachher habe ich viele Zeitungsartikel und Lieder und auch den „HIKIKOMORI“ Text vom Deutschen ins Japanische übersetzt.

Es ist mir außerdem immer wichtig, über meine Projekte, nach Japan zu berichten.
Auch meinen Gesang habe ich regelmäßig trainiert.

Wenn das Wetter schön ist, sind wir in den Wald gefahren. Es war so schön in der Natur zu sein. So konnte ich auch vergessen, was gerade in der Welt passiert.

 

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Szenenfoto_“Hikikomori“ Theater Arche Wien, 29.5.2020

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ruhig zu sein. Die Welt will uns was berichten. Spüren und in sich bearbeiten und mit Dankbarkeit die Dinge tun, die man für sich wichtig findet.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Aufbruch war plötzlich. Neubeginn geht stufenweise.
Wenn sich was plötzlich ändert, spürt man viel Unterschied, was vorher war und was jetzt ist. Ich persönlich habe besonders gespürt, dass „Normalität“ nicht selbstverständlich ist. Und ich konnte diese „Pause“ im Alltag mit voller Dankbarkeit genießen.
Gesellschaftlich gibt es so viele Seiten, in die ich mich nicht einmischen kann. Ich bin sehr dankbar, dass viele Leute in dieser Pandemie gearbeitet haben, um die Menschen zu retten.

Die Welt bewegt sich jetzt weiter mit neuem Leben. Bei der Kulturszene wird auch der Vorhang aufgehen. Ich freue mich jetzt besonders wieder auf der Bühne stehen zu dürfen. Die Kunst und Kultur bringen Menschen zusammen. Sie erfahren im Theater was sie im Alltag nicht erfahren können. Der zwischenmenschliche Austausch durch Kultur wird wieder spannender sein, nachdem wir alle in den eigenen vier Wänden eingesperrt waren.
Was liest Du derzeit?

Literatur lese ich eigentlich nur auf Japanisch … Ein Autor der mich fast immer begleitet ist allerdings auch hier sehr bekannt: Murakami Haruki. Um aus seinem Werk zu zitieren, sehe ich jetzt zum ersten Mal die deutsche Übersetzung … Es klingt ganz anders als auf Japanisch, aber folgendes Zitat möchte ich teilen:
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wohin man auch geht, sich selbst entkommt man nicht. Es ist so wie mit dem eigenen Schatten, der folgt einem auch überallhin.“ — Haruki Murakami, Nach dem Beben

 

Vielen Dank für das Interview liebe Manami!

Gratulation und weiterhin viel Freude und Erfolg für Deine großartige aktuelle Hauptrolle in „Hikikomori“ im TheaterArche, Wien wie alle weiteren Musik- und Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Manami Okazaki, Sängerin, Schauspielerin, Theaterleiterin. 

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Aktuelle Hauptrolle: „Hikikomori“ Theater Arche_Wien, laufende Spieltermine bis 4.Juli 2020.

Hikikomori _Fulminante Premiere_ TheaterArche, Wien, 29.5.2020

 

 

28.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto_Walter Pobaschnig.

„Was hörbar wird, wenn das Rauschen der Welt abschwillt“ Elisabeth R.Hager, Schriftstellerin _ Berlin 6.6.2020

Liebe Elisabeth, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als Autorin bin ich wie die meisten Kolleg_innen eine Art Lock-Down-Profi. Ich arbeite meistens von daheim, war auch vor Corona ungern einkaufen und seit ich schreibe, brauche ich einsame Spaziergänge und Fahrradfahrten, um meine Gedanken zu sortieren. Natürlich sind auch mir Lesungen und somit Einkünfte ausgefallen, aber ich freue mich auch über die Ruhe und das, was hörbar wird, wenn das Rauschen der Welt abschwillt. Was meinen Arbeitsalltag tatsächlich erschwert, ist die Betreuung unserer Tochter Alma. Mein Partner übernimmt zwar einen Teil der Sorgearbeit, aber als Manager sitzt er oft halbe Tage in Online-Konferenzen & Besprechungen. Und dann hab ich – wie viele Frauen derzeit – wieder den Hut auf…

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Krise legt ihre Finger auf die Wunden unserer Gesellschaft. Ihre Unwuchten werden sichtbarer. Welche Schultern stemmen unsere Sozialsysteme? Wer sorgt sich in einer Gesellschaft, in der alle flexibel und ungebunden arbeiten und leben wollen, um Alte, Kranke, Kinder? Wer schupft die Supermärkte? Wer fährt trotz Ansteckungsgefahr unsere Busse? Die Errungenschaften des Sozialstaats – Kindergartenbetreuung, Arbeitslosen- und Krankenversicherung – rücken in den Fokus. Sichtbar wird aber auch, dass eine Gesellschaft ohne Kunst und Kultur ihren Glanz verliert, ihre Schönheit und ihre Testballone für die Zukunft.

 

Elisabeth R.Hager

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Eine der Errungenschaften dieser Krise ist für mich, dass sie uns zeigt, dass wir weniger konsumieren, fliegen, Emissionen raushauen können, ohne dass wir zu Staub zerfallen. Und: Wir können die technologischen Errungenschaften in den Dienst der viel größeren Krise unserer Zeit stellen, der Klimakrise. Wir können, respektive könnten so viel lernen in diesen Wochen. Weil aber die Möglichkeiten, die sich derzeit abzeichnen, das gegenwärtige System nachhaltig schwächen, wenn nicht gar stürzen würden, werden die Menschen, die heute zu den Profiteuren zählen, den Wandel nicht kampflos zulassen… Und vielen fehlt es auch einfach an Hellsicht und Mut, etwas Neues zu denken.

Da kommen Kunst & Kultur ins Spiel. Mich interessiert an meiner Kunstform, der Literatur, vor allem das utopische Potential. Ihre Aufgabe ist es, Möglichkeitsräume aufzumachen. Diese Räume sind mein bevorzugtes Habitat. Dort streife ich herum und überlege mir, wie die Zukunft im besseren Fall ausschauen könnte… Natürlich klingt das für kritische Zeitgenoss_innen heillos naiv, aber das ist mir egal. Solange ich die Kraft habe, an die Menschen und ihre Lernfähigkeit zu glauben, werde ich das tun.

 

 

Was liest Du derzeit?

Grade in diesen besonders für Frauen und Mütter ernüchternden Zeiten, suche ich in der Literaturgeschichte nach weiblichen Vorbildern. Wenn ich nicht schreibe, lese ich über die Leben von Annemarie Schwarzenbach und Erika Mann. Ich beschäftige mich mit Audre Lorde und Hannah Arendt, in deren Schreiben so viel Lebensmut und Draufgängertum steckt, dass es für fünf Leben gereicht hätte. Sie hat einen Gedanken in die Philosophie eingeführt, der mich immer wieder und besonders jetzt tröstet: Dass das Neue mit jedem neuen Menschen und jedem neuen Tag in die Welt treten kann.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Frei zu sein und etwas Neues zu beginnen, war das Gleiche. Und diese geheimnisvolle menschliche Gabe, die Fähigkeit etwas Neues anzufangen, hat offenkundig etwas damit zu tun, dass jeder von uns durch die Geburt als Neuankömmling in die Welt trat. Mit anderen Worten: Wir können etwas beginnen, weil wir Anfänge und damit Anfänger sind.“


Hanna Arendt (Aus: Die Freiheit, frei zu sein, S. 37)

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Elisabeth, viel Freude und Erfolg für Deinen aktuellen großartigen Roman – „Fünf Tage im Mai“, Klett-Cotta Verlag, 2019 –  und  Deine vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Elisabeth R.Hager, Schriftstellerin, 

Aktueller Roman:

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Fuenf_Tage_im_Mai/101983

 

26.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com