„Literatur wird mehr als sonst eine anklagende sein“ Simon Bethge, Schriftsteller_Frankfurt/Oder _13.6.2020

Lieber Simon, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Für mich als Student hat sich – mit Ausnahme der nun digital stattfindenden Seminare – kaum etwas geändert. Ich kann gegen 8:30 Uhr aufstehen und frühstücken, der Vormittag ist für Einkäufe und andere Erledigungen reserviert. Nach dem Mittagessen drehe ich eine Runde mit dem Rad, denn ich halte körperliche Betätigung gerade in diesen Zeiten für essentiell, um auch geistig fit zu bleiben (bin normalerweise im Fechtverein, der aber zurzeit noch an seinem Hygienekonzept feilt und daher noch nicht öffnen darf). Hinterher mit Kaffee auf den Balkon und Arbeit am Debütroman, abends gerne Netflix und einen Absacker mit meiner Mitbewohnerin.

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Beschäftigung, Beschäftigung, Beschäftigung. Ich denke, man muss einerseits ein Auge auf die Lageentwicklung haben und sein Möglichstes tun, um sie nicht zu verschärfen (Abstand wahren, Reisen vermeiden und begreifen, dass ein ästhetisches Äußeres – Friseur- oder Sonnenbankbesuche, Fitnessstudio – kein, oder wenigstens ein „Ferner liefen“-Menschenrecht ist). Andererseits sollte man versuchen, sich im Rahmen der neuauferlegten Regeln alle Freiheiten zu bewahren, die einem Ausgeglichenheit und Durchhaltevermögen bereiten. Dazu zähle ich Sport im Freien, Haus- oder Handarbeit sowie künstlerische Betätigung. Mir ist aber bewusst, dass das einem privilegierten, da fremdfinanzierten Studenten wie mir sicher einfacher fällt als den Menschen, die um ihren Lebensunterhalt und ihre Familie bangen müssen.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Da ich mir trotz einiger Versuche und Bekanntmachungen seitens der Politik nicht vorstellen kann, dass die Krise für ein wirtschaftliches bzw. ökologisches Umdenken sorgt (jedenfalls kein langfristiges), wird die Rolle der Literatur hinterher noch mehr als sonst eine anklagende sein, und nicht nur ein „Was wäre, wenn?“ formulieren müssen, sondern auch ein „Was hätte geworden sein können, wenn?“

Schon jetzt begreifen viele Künstler*innen und Aktivist*innen die Krise als verpasste Chance, das Zukunftsruder doch noch herumzureißen. Das spiegelvorhaltende Potenzial von ehrlicher Literatur kann ihnen ein Werkzeug zur Kanalisierung ihrer Frustration sein.

 

Simon Bethge _ Dave Grossmann

 

 

Was liest Du derzeit?

„Er, Sie und Es“ von Marge Piercy (für ein Seminar) und „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ von Daphne DuMaurier (für mich selbst).

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Time went by, which is what time does, what it is“ aus „Drive“ von James Sallis; ertragen und hoffen.

 

Vielen Dank für das Interview lieber Simon und weiterhin viel Erfolg für Deine  vielfältigen Literaturprojekte, gute Zeit auch in Klagenfurt!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Simon Bethge, Schriftsteller

https://www.musilmuseum.at/simon-bethge.html

 

27.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://lteraturoutdoors.com

Foto_Dave Grossmann

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