„Auch Höhenkammliteratur darf zum Träumen einladen, gerade jetzt brauchen wir das“ Tabea Zeltner, Schriftstellerin_Berlin_12.6.2020

Liebe Tabea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe gerade einen Master begonnen, der mich ein wenig überfordert, darum bestimmt das zurzeit den Großteil meines Tages. Meistens stehe zwischen halb neun und neun auf, frühstücke absurd ausgiebig und verbringe dann den Tag mit Zoom und Vorlesungsvideos. Manchmal rufen spontan Freundinnen an, abends machen wir meistens in der WG Heimkino mit unserem Beamer. Ordentliche Rituale wie Sport oder Spazieren gehen fehlen mir zurzeit, aber ich arbeite daran.

 

Tabea Zeltner_

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gerne würde ich jetzt antworten: Zärtlichkeit, Zusammenhalt, angemessenes Vertrauen in die Wissenschaften. Aber die sind immer besonders wichtig. Ich glaube nicht, dass jetzt etwas anderes von Bedeutung sein sollte als sonst – in Krisenzeiten kommen wir nur nicht mehr damit durch, die falschen Prioritäten zu setzen. Wenn Sicherheitsnetze für Freischaffende fehlen und Senior*innen vereinsamen, sind das jetzt potenzierte, aber keineswegs neue Probleme. Gerade ist eine gute Gelegenheit, ein paar Normen in Frage zu stellen: Arbeitszeiten, Konsum, Geschlechterrollen, Umgang mit den Wissenschaften und den Künsten.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Ich finde diese Rhetorik vom Neubeginn sehr interessant, fürchte aber, dass er zumindest teilweise aus einer verschobenen Erwartungshaltung herrührt. Die jetzige Situation wird nicht so plötzlich vorbei sein, wie sie gekommen ist, sondern sich ganz allmählich ändern. Dann laufen wir Gefahr, diese Energie für einen großen Neuanfang zu verlieren – vielleicht sind fließende Veränderungen aber auch nachhaltiger als große Neujahrsvorsätze am Ende einer Pandemie. Ich hätte es toll gefunden, wenn großangelegte Debatten über das BGE oder auch Datenschutz angestoßen worden wären, aber das scheint sich alles zu verflüchtigen. Auf die Rolle der Literatur bin ich selbst gespannt! Gerade höre ich viele Witze darüber, dass wir danach mit unerwünschten Romanen und Filmen über diese Zeit überflutet werden. Dabei ist eines der wertvollsten Dinge, die Literatur uns geben kann, Eskapismus. Vielleicht kommt der in Gegenwartsliteratur, die ernst genommen möchte, manchmal zu kurz; vielleicht ist der unbedingte Drang zum Reflektieren der dunklen Seiten der Gesellschaft, der voyeuristische Blick auf Leid und diffuse Ängste, ein wenig zu präsent. Auch Höhenkammliteratur darf zum Träumen einladen, gerade jetzt brauchen wir das.

 

Was liest Du derzeit?

In letzter Zeit hatte ich sehr viel Glück mit meiner Lektüre und nur Bücher erwischt, die ich auch sehr gern mochte. Ich habe mich ein wenig in feministischem Horror vergraben, zum Beispiel The Yellow Wallpaper von Charlotte P. Gilman, Her Body and Other Parties (wunderschöner deutscher Titel: Ihr Körper und andere Teilhaber) von Carmen Maria Machado und The Stepford Wives von Ira Levin. Außerdem viel über Ocean Vuong’s Auf Erden sind wir kurz grandios geweint. Auf dem Postweg zu mir sind gerade Der Defekt von Leona Stahlmann und von Benjamin Quaderer Für immer die Alpen.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein in anderen Kreisen sehr bekanntes Zitat:

For we deserve a soft epilogue, my love. We are good people and we have suffered enough.

  • nikka ursula

Das ist aus einer Captain America Fanfiction und ist nicht nur ein wahres und passendes Zitat für diese Zeit, sondern auch eine Erinnerung daran, dass schöne Worte nicht nur auf der Buchmesse zu finden sind.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Tabea, viel Freude und Erfolg für alle Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tabea Zeltner, Schriftstellerin

https://www.musilmuseum.at/tabea-zeltner.html

 

31.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto_Tabea Zeltner

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