„Ich fände das gut, wenn sich die Prioritäten verschoben hätten“ Katja Schönherr, Schriftstellerin_Zürich 20.6.2020

Liebe Katja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Durch Homeschooling und fehlende Kinderbetreuung recht fremdbestimmt. Jedenfalls komme ich nur wenig zum Lesen und noch weniger zum Schreiben. Aber eine Rückkehr zum Alltag, in dem ich wieder arbeiten kann, zeichnet sich ja glücklicherweise allmählich ab.

Katja Schönherr11

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gesunder Menschenverstand.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur und der Kunst an sich zu?

Ist es so? Stehen wir vor einem Aufbruch und Neubeginn? Ich fände das gut, sehr gut sogar, wenn uns die Lockdown-Zeit dazu gebracht hätte, sämtliche Selbstverständlichkeiten zu überdenken und zu fragen, wie wir danach weitermachen wollen. Wenn sich die Prioritäten verschoben hätten. In meiner Wahrnehmung aber dreht sich zumindest die politische Debatte überhaupt nicht um einen Neuanfang, sondern nur darum, möglichst schnell wieder in den Zustand zurückzukehren, der davor herrschte – ungeachtet sämtlicher ökologischer und sozialer Konsequenzen.

 

Was liest Du derzeit?

Ann Petry: „The Street – Die Straße“.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Aus Roland Barthes‘ „Die Vorbereitung des Romans“: „Um Zeit zum Schreiben zu haben, muss man auf Leben und Tod gegen Feinde kämpfen, die diese Zeit bedrohen.“ Diese Formulierung finde ich nur unwesentlich überdramatisiert.

Vielen Dank für das Interview liebe Katja, viel Freude und Erfolg für Deinen aktuellen großartigen Roman – „Marta und Arthur“ (Arche-Literaturverlag) –  und  den Bachmannpreis wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Katja Schönherr, Schriftstellerin, Bachmannpreisteilnehmerin 2020

http://katjaschoenherr.de/

Foto: Bachmannpreis 2020_ORF_screenshot_Walter Pobaschnig

6.6.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Literatur muss sichtbar machen“ Hanna Herbst, Schriftstellerin_Köln 18.6.2020

Liebe Hanna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Während ich diese Zeilen schreibe sieht er noch ganz anders aus. Ich muss in keinem Büro sein und beziehe ein Stipendium, also stehe ich morgens auf, gehe eine Runde mit dem Hund spazieren, und setze mich dann vor den Laptop, um zu schreiben. Aber ab Juni sitze ich wieder in einem Büro (wohl zu beginn nur von zu Hause aus) und werde wieder sehr wenig zum Schreiben kommen.

 

Hanna Herbst _ Ingo Petramer

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Einen Apfel am Tag essen.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt gesellschaftlich und persönlich stehen. Welche Rolle kommt dabei der Literatur und der Kunst an sich zu?

Ich würde es gar nicht Aufbruch oder Neubeginn nennen. Vielmehr Menschen werden unter der Armut leiden, die die vergangenen Monate für ihr weiteres Leben bestimmt haben, viele Menschen werden daran sterben, viele wissen nicht, wie es weiter gehen kann, haben keinen Aufbruch und keinen Neubeginn vor Augen. Literatur und Kunst muss das sichtbar machen, aber auch Momente bieten, in denen man vor diesem Horror in eine Parallelwelt fliehen kann.

 

Was liest Du derzeit?

Zerschlagt die Banken von Rudolf Hickel

 

 

Welches Zitat, welche Textstelle möchtest Du uns mitgeben?

Aus Janoschs Wörterbuch:

Alsdann! Eine Art Schlachtruf des willigen Menschen, der sich nach langer Prüfung entschließt, aus irgendeinem Grund irgendetwas dann doch beginnen zu wollen. Man ruft mehr oder weniger laut dieses »Alsdann! « aus, stellt sich vor die anstehende Tat hin, wobei es gut aussieht, wenn man sich dabei leicht die Hände reibt. Dann könnte man zur Tat schreiten. Besser wäre es, diesen verpflichtenden Schlachtruf durch ein »Warum denn nicht?« zu ersetzen. Denn dann wäre ein Rückzug von der Tat noch möglich, gibt es doch immer einen Grund, etwas nicht zu tun.

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Hanna, viel Freude und Erfolg für den Bachmannpreis und ebenso für alle weiteren Projekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Hanna Herbst, Schriftstellerin, Bachmannpreisteilnehmerin 2020

https://bachmannpreis.orf.at/stories/3047116/

 

 

29.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto_Ingo Petramer

„Neubeginn ist eine Illusion. Leider“ Carolina Schutti, Schriftstellerin _ Innsbruck 17.6.2020

Liebe Carolina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment vermesse und „neutralisiere“ ich mein Wohnzimmer, klebe bunte Pünktchen als Markierungen für Kamerastativ, Barhocker, Fußablage, Topfpflanze auf das Parkett, experimentiere mit Licht, beschäftige mich mit Bildaufbau, übe, freundlich dreinzuschauen, ohne zu lächeln, konzentriert zu wirken, ohne abzuschrecken, die Kameralinse zu fokussieren, ohne zu schielen… löse die Pünktchen wieder, verschiebe alles um einen Millimeter, suche eine Ersatzglühbirne für alle Fälle – bin also gut ausgelastet.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Atmen.

 

Es wird jetzt ein Neubeginn sein, von dem wir gesellschaftlich und persönlich stehen werden. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Literatur, der Kunst an sich dabei zu?

Neubeginn ist eine Illusion. Leider.

 

Was liest Du derzeit?

Milchmann von Anna Burns. Das Buch bestätigt, woran ich unbedingt glaube: Ausreichend Zeit verstreichen lassen, um der Essenz eines Ereignisses, einer Epoche, einer Person / Figur auf die Spur zu kommen. Der Verlockung widerstehen, diesem Consommé erneut Wasser hinzuzufügen, um scheinbar leichtere Genießbarkeit zu erzeugen. Die Intensität aushalten. Bruchlinien zelebrieren. Darauf vertrauen, dass Leserinnen und Leser belesene Menschen sind, die mit Irritationen umzugehen wissen.

 

Welches Zitat, welche Textstelle möchtest Du uns mitgeben?

Darf es ein eigener Vierzeiler sein? Mit einem Paddel / hebt sie den toten Fisch / aus dem Wasser / in dem ihre Kinder schwimmen.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Carolina, viel Freude und Erfolg für den Bachmannpreis und Deine vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Carolina Schutti, Schriftstellerin, Bachmannpreisteilnehmerin 2020

http://www.carolinaschutti.at/home.html

 

16.6.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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Jörg Piringer _ über seine Bewerbung, die Leseaufzeichnung und Textinspirationen zum Bachmannpreis 2020_17.6.2020

Interview Teil II

Jörg Piringer _ über Bewerbung, Leseaufzeichnung und Textinspirationen.

 

Wie war das Prozedere Deiner Bewerbung und Einladung für den Bachmannpreis?

Letztes Jahr wurde ich fünfundvierzig und da überlegte ich, was will ich geschafft haben bis ich fünfzig bin. Ich habe also so einen 5 Jahresplan gemacht. Und einer dieser Punkte war, beim Bachmannpreis teilzunehmen.

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Ich habe bis jetzt immer wieder beim Bachmannpreis interessiert zugesehen und mich heuer zum ersten Mal beworben. Ich dachte, wie es wohl wäre mich einzubringen.

 

Im Herbst letzten Jahres habe ich überlegt, welchen Text ich schreiben werde. Es ist dann immer ein Phasenprozess im Schreiben. Ich schreibe viel, brauche dann Abstand, Pausen und montiere dann Passagen. Bis zum Jänner dieses Jahres hatte ich den Text fertig geschrieben und eingereicht. Es war eine sehr intensive Beschäftigung.

 

Mitte April wurde ich informiert, dass der Bachmannpreis stattfinden wird. Mir wurde dann freigestellt wo ich die Leseaufzeichnung machen möchte. Ich dachte zunächst es gibt vielleicht einen angebotenen Studioraum im ORF, dem war aber nicht so. Ich habe dann Fotos von meinem Studioatelier und meiner Wohnung zur Ansicht geschickt, wobei ich das Studio schon favorisierte. Auch aufgrund des Lichtes.

 

 

Welche Inspirationen gibt es für Deinen Bachmann_Text?

Es gibt viele Inspirationen. Die Jetztzeit steht im Mittelpunkt. Fragen wie: Was passiert gerade in sozialen Medien? Wie entwickeln sich gesellschaftliche Stimmungslagen und welche Kipppunkte gibt es da?

 

 

Wie gehst Du jetzt auf den Bachmannpreis zu?

Dieses online setting des Bachmannpreises ist für mich als Lesender einerseits entspannend, da die Lesung schon vor-aufgezeichnet ist und ich meine Arbeit gleichsam schon getan habe. Das Einzige was noch zu tun ist, ist dann daneben zu sitzen und möglichst klug dreinschauen. Andererseits ist es natürlich sehr sehr schade. Ich war ja selbst noch nie vor Ort in Klagenfurt. Es hätte mich der Ablauf schon sehr interessiert. Schön wäre es, vielleicht nächstes Jahr dort zu sein? Ob uns der Veranstalter dazu einlädt?

 

Ich gehe jetzt sehr neugierig auf den Wettbewerb zu. Es ist aufregend, zwar nicht so sehr wenn ich live vor Ort lesen müsste, aber doch. Auch vor der Aufzeichnung war ich etwas aufgeregt. Ich wusste nicht ob der Text von der Länge her passen würde. Aber es ist sich ausgegangen. Ich lese allerdings auch relativ schnell. Ich bin gespannt was passiert. Jetzt ist es natürlich ganz anders und umso spannender, wenn der eigene Fuß in der Tür ist.

 

Kannst Du uns das Setting der Aufzeichnung Deiner Lesung erläutern?

Die Lesung wurde in meinem Atelier-Studio in Wien aufgenommen. Der ORF war mit drei Kameras vor Ort. Die Idee war, dass es keinen Schnitt gibt. Ich habe also den gesamten Text am Stück gelesen. Ich habe einmal gelesen und das wurde gleich genommen. Ich war sehr froh, weil es doch anstrengend ist. Ich hatte mich zum Glück nicht so oft verlesen (lacht). Ob ich im Zweifelsfall nochmal lesen hätte können, habe ich jetzt nicht gefragt. Ich denke schon.

Jörg Piringer Studiojiu

 (Studio_Atelier_Jörg Piringer_Wien)

Gab es spezielle Vorbereitungen Deinerseits?

Ich habe mich auf diese Leseaufzeichnung nicht speziell vorbereitet. Obwohl es natürlich eine spezielle Lesung ist. Ich bin aber ein schlechter „Über“. Ich probe gar nicht gern. Mich reizt dieses unmittelbare Erlebnis, Ereignis auf der Bühne. Ich fürchte immer etwas, dass das Proben davon etwas nehmen könnte. Bei dem Bachmann_Text übte ich allerdings, weil ich das Versprechen minimieren wollte. Ich muss mich bei der Lesung ja an den „Urtext“ halten. Das mache ich ja auf der Bühne nicht, da bin ich sehr frei im interaktiven Prozess von Text, Ich und Publikum.

Es gab jetzt keine besondere Inszenierung der Lesung, nur ein Grundarrangement der Kameras natürlich. Ich war aber froh, dass es nicht in meiner Wohnung war. Das Studio ist da nicht so privat.

 

Gab es ein Glas Wasser am Lesetisch?

Muss ich überlegen- getrunken habe ich jedenfalls nicht, da blieb keine Zeit beim Lesen. Ich brauche da einen Rhythmus und auch eine Schnelligkeit.

 

Wie hast Du, in Zeiten von Videokonferenzen, den Aufnahmehintergrund arrangiert?

Nicht besonders. Wenn ich mich richtig erinnere, ist mein 3D Drucker und mein Fahrrad zu sehen. Das hatte mit den Kamerapositionen und der Bewegung zu tun. Ja, doch, eine Sektflasche habe ich beiseite geräumt (lacht).

 

Wie war dieses neue ruhige Lese-Setting für Dich, Du bist ja Publikum und die Bewegung, Interaktion mit diesem gewohnt?

Ja, diese Spannung, die eine Publikumssituation erzeugt, fiel natürlich weg. Ich mache auch Performances, in denen ich ganz direkt mit dem Publikum interagiere. Etwa in dem ich Wörter aus dem Publikum aufnehme. Ich lese aber auch frontal. Mich interessiert das Ausloten verschiedener Bühnen-Modi. Aber ich bin auch Studioarbeit gewohnt, da ich ja für Lesungen öfters Texte vorab aufnehme. Ungewohnt war die Bewegung der Kameras um mich.

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Welches Schriftbild und welche Formatstruktur hast Du  beim Lesetext verwendet?

Es gibt ja die Proportionalschriften (Buchstaben sind individuell in der Breite abgestimmt – gängiger Buchdruck) und die mono-spaced Schrift (jeder Buchstabe ist gleich breit). Für diese Bachmann_Lesung habe ich eine duo-spaced Schrift verwendet, diese hat zwei verschiedene Breiten – dicke/dünne Zeichen. Die dünnen Zeichen sind halb so breit. Das ergibt für mich ein gutes organisches Schriftbild. Sie ist auch gut im Block zu setzen für eine Lesung. 

 

Bist Du mit Deinen KollegInnen des Bachmanpreises 2020 in Kontakt?

Ich bin mit den Wiener TeilnehmerInnen in Kontakt. Wir kennen uns auch schon länger. Wir haben uns auch vorgenommen zu den Lesungen zu treffen und den Wettbewerb gemeinsam anzusehen, das ist ja wesentlich lustiger.

 

Was würdest Du bei einer Preisverleihung sagen wollen?

Preisrede? – Natürlich zuerst danke, es wäre wohl eine spontane Dankesrede – weiteres? Da müsste ich nachdenken.

 

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Lieber Jörg, viel Freude und Erfolg!

 

Interview I

https://literaturoutdoors.com/2020/06/16/online-auftritte-sind-kein-vollwertiger-ersatz-fuer-reale-begegnungen-joerg-piringer-schriftsteller_wien-7-6-2020/

 

Jörg Piringer, Schriftsteller, Bachmannpreisteilnehmer 2020

https://joerg.piringer.net/

 

26.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Fotos_Walter Pobaschnig_Station bei Bachmann _ 15.6.2020

und Jörg Piringer_Studio-Atelier.

 

 

 

„Literatur ist ein Ort des Staunens, der Auseinandersetzung, der Begegnung, der Autonomie“ Lisa Krusche, Schriftstellerin_Braunschweig_17.6.2020

Liebe Lisa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Vieles ist gleich geblieben, nur einen meiner liebsten Schreiborte, der Computerraum in der Universität, den kann ich gerade nicht nutzen. Und ich hatte eine kurze, intensive Phase ungehemmten Konsums von Reality-Show-Formaten, die ich vor mir selbst mit dem Zuhause-bleiben-müssen entschuldigt habe.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das, was auch schon vorher wichtig war: Selbstreflexion, Verantwortung übernehmen. Antifaschistisches, antirassistisches, antiimperialistisches feministisches Denken und Handeln (lernen). Und, was ich mir auch sehr wünsche würde, online und offline: weniger (latente) Aggression, weniger Häme, mehr Rücksichtnahme.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur und der Kunst an sich zu?

Bei der Frage habe ich zuerst überhaupt nicht an Corona denken müssen, sondern an die Bilder des Black Lives Matter Bewegung der letzten Woche und des Wochenendes. Ich hoffe, dass wir diesbezüglich vor einem Aufbruch und Neubeginn stehen. Wobei ich Neubeginn eigentlich einen schwierigen Begriff finde, weil er suggeriert, man würde auf einem unbeschriebenen Blatt eine ganz neue Geschichte schreiben. Dabei geht es gerade auch darum, sich zu fragen: Was gibt es für eine Geschichte? Welche Strukturen schreiben sich in uns und durch uns fort und woher kommen die? Und wenn man diese Fragen beantwortet hat, kann es auf diesem Wissen aufbauend zu einer Veränderung kommen.

Ich finde es immer schwer generalisierend und in Kürze darüber zu sprechen, welche Rolle die Literatur oder die Kunst hat oder haben sollte oder nicht haben sollte. Für mich ist sie ein Ort des Zuhörens, des Lernens, des Staunens, der Auseinandersetzung, des Denkens und Fühlens, des Trostes, der Begegnung, der Autonomie.

 

 Was liest Du derzeit?

Ich lese meist Verschiedenes parallel. Gerade „Der 35. Mai“ von Erich Kästner, als eine Art Kindheitsrevival, „Wie die Deutschen weiss wurden. Kleine (Heimat)Geschichte des Rassismus“ von Wulf Hund, „Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung“ von Judith Butler und als Hörbuch „Children of Blood and Bone. Goldener Zorn“ von Tomi Adeyemi.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Aber gibt es überhaupt so etwas wie nichts, wie das Nichts? Ich weiß es nicht. Ich weiß, wir sind noch hier, wer weiß, für wie lange, lodernd mit unserer Sorge, mit ihrem anhaltenden Gesang.“ Aus: „Die Argonauten“ von Maggie Nelson.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Lisa, viel Freude und Erfolg für den Bachmannpreis und Deine vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lisa Krusche, Schriftstellerin, Bachmannpreisteilnehmerin 2020

http://lisakrusche.com/

Foto_Charlotte Krusche

 

8.6.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

„Literatur ist eine gute Möglichkeit, die Perspektive zu wechseln“ Jasmin Ramadan, Schriftstellerin_21.6.2020

Liebe Jasmin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wie meistens. Lesen, schreiben, rumlaufen, nachdenken, Filme gucken, essen, trinken, beobachten, mich unterhalten, faulenzen, fernsehen, schlafen.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

 Freundschaft. Immer.

 

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur und der Kunst an sich zu?

Das weiß ich nicht. Für mich ist Kunst immer wichtig. Vor allem Literatur ist eine gute Möglichkeit die Perspektive zu wechseln und viel zu erleben – während man einfach nur herumliegt.

Ich versuche in harten Zeiten immer zumindest ein guter Mensch zu bleiben. Ohne zu wissen oder beweisen zu können, was das genau bedeutet. Aber ich finde ich es eleganter freundlich und hilfsbereit zu sein, als großkotzig und egozentrisch. Ich entscheide mich außerdem immer für die Rationalität und gegen die Panik oder Theatralik. Auch deshalb: Nicht zu viel saufen bis alles wieder in einigermaßen trockenen Tüchern ist.

 

Was liest Du derzeit?

„Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ von Francois Truffaut.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Verunsicherung ist der erste Schritt zur Erkenntnis.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Jasmin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deinen großartigen aktuellen Roman – „Hotel Jasmin“ Tropen/Klett_Cotta, 2016 – und für den Bachmannpreis wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jasmin Ramadan, Schriftstellerin, Bachmannpreisteilnehmerin 2020

http://www.jasminramadan.de/

 

7.6.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Die Lage und die Probleme der Welt haben sich nicht wesentlich geändert“ Jörg Piringer_Schriftsteller_Wien 16.6.2020

Lieber Jörg, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

mein tagesablauf ist nicht so viel anders als vor der krise. ich arbeite vor mich hin. es gibt immer etwas zu tun.

ich vermisse die möglichkeit abends auf ein konzert, zu einer performance oder ins kino zu gehen sehr. zum einen wegen der kunst und der damit verbundenen geistigen anregung. zum anderen wegen der wegfallenden sozialkontakte.

und ich reise nicht mehr um zu arbeiten. ich trete nicht mehr auf. eh klar.

das ist auch schade. online auftritte sind gut. aber sie sind kein vollwertiger ersatz für reale begegnungen. auch das haben wir schon vor der krise gewusst.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

für alle? ehrlich gesagt: keine ahnung. ich weiss wirklich nicht, was alle brauchen. wahrscheinlich brauchen alle etwas anderes.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur und der Kunst an sich zu?

die lage und die probleme der welt haben sich nicht wesentlich geändert. noch immer ist reichtum und besitz ungerecht verteilt. die klimakatastrophe (die mit der ungleichverteilung zusammenhängt) ist nicht abgewendet. im gegenteil.

noch immer braucht es
eine vollständige dekarbonisierung
eine zerschlagung der kohle- und ölindustrie
einen internationalen klimagerichtshof
eine ständige konferenz zur beseitigung der kolonialen spätfolgen
eine europäische initiative für ein hochgeschwindigkeitsbahnnetz
das zurückdrängen des motorisierten individualverkehrs
die vollständige gleichberechtigung der geschlechter
eine gerechte und menschliche migrationspolitik
ein recht auf leistbares und gesundes wohnen
eine vermögenssteuer
das austrocknen von steueroasen
eine demokratisierung der arbeitsverhältnisse und der schulen
eine soziale digitaldividende
und noch mehr
und noch mehr

vielleicht sind manche probleme deutlicher geworden. selbst neoliberale haben erkannt, wie wichtig ein starker staat in einer krise ist. dass der sogenannte markt mit manchen problemen schlicht überfordert ist. dass am gesundheitssystem nicht gespart werden sollte. dass manche berufe viel zu schlecht entlohnt werden.

die frage ist, ob diese erkenntnisse auch folgen haben werden. das einzufordern wird unsere aufgabe sein.

 

Was liest Du derzeit?

gerade lese ich „Hell is Round the Corner“, die autobiographie von Tricky, dessen musik ein grosser einfluss für meine soundarbeit war und ist.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

ich habe diese frage einem neuronalen netz (populärwissenschaftlich künstliche intelligenz genannt) gestellt und es hat mir folgendes geantwortet:

Welches Phänomen in der Geschichte erhebt Sie über andere? Welches Wesen war die treibende Kraft hinter Ihrer Auseinandersetzung mit Klischees für das tägliche Leben? Möchten Sie, dass wir beides beantworten, bevor wir mit Captain Phillips beginnen?“

 

Vielen Dank für das Interview lieber Jörg, viel Freude und Erfolg für Deine vielfältigen Literaturprojekte und den Bachmannpreis wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jörg Piringer, Schriftsteller, Bachmannpreisteilnehmer 2020

https://joerg.piringer.net/

 

26.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Walter Pobaschnig_Station bei Bachmann _ 15.6.2020

 

„Gerade heute könnte man vom Bachmannwettbewerb viel lernen, die ganze Gesellschaft“ Interview Teil II, Egon Christian Leitner, Schriftsteller_Graz_15.6.2020

Interview Teil II

Zum Bachmannwettbewerb – dazu soll ich auch was sagen, sagten Sie mir am Telefon zirka, und was ich bislang so getrieben und geschrieben habe oder was oder wie, oder?

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Ich wette 1. mit Ihnen, die heurige Veranstaltung wird lebhaft, einfalls- und hilfreich, vehement, umsichtig, spontan und menschenfreundlich sein. Alle Teilnehmenden werden dafür sorgen, die sind sich mit Gewissheit ihrer Verantwortung bewusst. (I eh ah.) Es kann ja sein, dass der Bachmannbewerb von Anfang an und durch all die Jahrzehnte nahezu nie im Sinne von Frau Bachmann war. Die vielen Schlachtungen nämlich und das Plastik und die Automaten aller Sorten hätten sie immer schon abgestoßen. Die Gewalt, die Grausamkeit, das Zerstörerische, Sinnlose. Weg damit! Heuer, just, wird das, wette ich, wirklich geschehen. Die Bachmann wird’s freuen.

 

  1. Was ich am Bachmannwettbewerb gerade jetzt für die heutige Zukunft, Gesellschaft, Politik für höchst wichtig und für hochinteressant finde, ist seine Art von Transparenz und von Demokratie. Da wird nämlich, anders als sonst oft bis meistens, in Gegenwart und unter Mitwirkung großer Öffentlichkeit demokratisch gewählt, wer was kriegt, wer nicht. Mich erinnert das Ganze auch an das antike Theater, die antike Tragödie und Komödie in Athen. Die waren Erfindungen und Ausdruck der Athenischen Demokratie, und zwar nahezu von Anfang an. Zwar hat es in Athen bekanntlich auch bloße Zufallsentscheidung durchs Los gegeben, was bestimmte Ämter und Funktionen betrifft. Was ja irgendwie erschreckend und lustig zugleich ist, aber zwischendurch durchaus auch Sinn und Zweck hatte, zumindest auf den ersten Blick, nämlich dass potentiell jeder drankommen kann hinein in ein Amt und dies sicherheitshalber schadensbegrenzt auf kurze Zeit. Die Wettkämpfe unter den Dramatikern waren freilich anderer Art. Eben irgendwie in Richtung heute und Bachmannwettbewerb, kommt mir halt vor. Nicht bloß per Zufall und per Los oder per Hierarchie. Wie diskutiert wird seitens der Kritiker*innen über die Lesungen und über die Preiszuteilungen, scheint mir demokratisch lehrreich. Gerade heute könnte man vom Bachmannwettbewerb viel lernen, die ganze Gesellschaft. Sozusagen irgendwie athenisch eben. Vorausgesetzt das alles, wie soll ich‘s sagen, beim Wettbewerb seitens der Obrigkeiten wirklich moralisches und intellektuelles Niveau, auf gut Deutsch: menschliches Niveau. Erasmus aus Rotterdam, 15. Jahrhundert, der Humanist, nach dem ja so viel benannt ist heutzutage, hat übrigens viel Wichtiges zu dem gesagt, wie {kulturelle und} geistige Auseinandersetzungen sinnvoll sind und wann hingegen ein Graus und Grauen. Der Sozial-, Menschen- und Wirklichkeitswissenschafter Pierre Bourdieu, 20. Jahrhundert, hat das Ganze freilich ganz genau analysiert und es gibt ja auch, soweit ich weiß, eine genaue Studie des Bachmannwettbewerbs, in der dieser ausdrücklich mit Bourdieuschen Mitteln analysiert wird. Wenn ich mich richtig erinnere, heißt die Autorin Moser, eine Kärntner Germanistin. Ich weiß nicht, wie diese kritische Studie aufgenommen wurde, und auch nicht mehr das Erscheinungsjahr. Wann auch immer, mir erscheint der Bachmannwettbewerb, jedesmal wenn etwas dabei gelingt, als vorbildliche Übung in Transparenz, Demokratie und Mitmenschlichkeit. Weil das, meines Erachtens, so ist, darf man ihn nicht abschaffen, sondern ist er gewissenhaft so zu gestalten, dass Demokratie und Redlichkeit gelingen. Schaufensterpuppen wie heuer als Publikumsersatz, wenn ich das Vorhaben richtig wahrgenommen habe, halte ich für eine fürchterliche Verdinglichung und für abstoßend und entfremdet. Für schrecklich. Habjan, wenn man ihn gebeten hätte, dass er seine wundervollen Puppen herleiht, das z.B. wäre, kommt mir vor, eine schöne Idee gewesen. Oder dass Habjan mit seinen Puppen das Publikum spielt. Gebrauchte Kinderstofftiere en masse wären auch eine gute Idee zusätzlich, kommt mir vor. Aber die Publikumspuppen heuer, kopflos und irgendwie mit und ohne Geschlecht oder doch bekleidet, furchtbar sind die meines Empfindens. Potentiell ist der Bachmannwettbewerb jedoch nach wie vor Ausdruck und Vorbild unserer Demokratie im besten Sinne und dass normalerweise Schulen, Klassen, nämlich engagierte Lehrer*innen mit ihren Schüler*innen dorthin gehen zuhören, das beeindruckt mich wirklich und ist meines Empfindens eben alles andere als 08/15. Mir kommt vor, Lebensfreude schaut so aus. Und Verantwortungsgefühl.
  2. Für mich erhoffe ich durch die Teilnahme die Möglichkeit, Gedichte zu realisieren. Nichts eben ist heutzutage hilfreicher als Gedichte. Hab ich, wie gesagt, vom Kriegsberichterstatter Fritz Orter gelernt.
  3. Unter anderem, neben einer Auswegereihe, habe ich einen Sozialstaatsschuber fabriziert, Sozialstaatsroman, Des Menschen Herz. Genutzt wurde der, die ersten 3 Bände, bislang nicht, wie ich es mir wünschte: nämlich z.B. dass jede*r – und sei es im mich demontierenden Streit – ihre und seine Geschichte dazuerzählt, ihre und seine Not. Dadurch Abhilfe schafft anderen und sich. Rauskommt, raushilft aus den etlichen Zwangssituationen, Ausweglosigkeiten, Schädigungen. Selbige habe ich in Familien, Hilfseinrichtungen und sozialen Bewegungen benannt. Menschenleben dort. Dass der Sozialstaatsroman aus Liebesgeschichten besteht, hat auch kaum wer bemerkt. Wie das ist, wenn die Liebe stärker ist als der Tod. Und wie, wenn nicht. Entscheidungen und deren Folgen.
  4. Erich Fromm bedeutet mir viel; der hat Objektivität als die Bereitschaft, Fähigkeit, Fertigkeit kenntlich gemacht, Menschen nicht zu entstellen, Menschen nicht und Sachverhalte nicht. Darum geht’s mir. Bei Max Weber war’s detto mit der Objektivität, kommt mir vor. Der bedeutet mir auch viel. Der Linksweberianer Pierre Bourdieu auch. Der hat Menschen aus Zwangssituationen heraushelfen wollen und vor Gewalt und Betrug bewahren. Der Unterschied zwischen (guter) Literatur und (redlicher) Soziologie war für Bourdieu minimal. Um die Auswege geht’s immer. Die zu finden. Mit anderen zusammen. Und dass Menschen nicht Menschen entstellen. Der 1. Teil meines Sozialstaatsromans Lebend kriegt ihr mich nie handelt von Menschen in ihren Familie, der 2. Furchtlose Inventur von den Hilfseinrichtungen, die jeder Mensch oder jedes Menschen Liebste irgendwann brauchen in Leben und Not, der 3. Teil Tagebücher 2004-2011 von den Sozialbewegungen, den NGOs, der Zivilgesellschaft, der APO. Vom Kaputtmachen und vom Unkaputtbaren.
  5. Im Oktober 1979 habe ich mit dem Schreiben begonnen. Mit 18 Jahren. Gertrude Steins Zarte Knöpfe und Bastos’ Menschensohn waren damals verstandes- und lebenswichtig für mich. Ebenso Gorkis Mutterbuch und das Handkes. Sallust sehr. Tacitus ein bisserl. Altlateinische Literatur auch. Dann später Erasmus. Wirklich geholfen hat mir jedoch immer einzig die Wirklichkeit. Gutgetan, wirklich wahr, schmähohne, haben mir zwischendurch aber doch des öfteren, sozusagen durchs Leben mich begleitet … zwei Fügungen von Frau Bachmann, nach ihr haben Sie mich ja auch gefragt telefonisch, nämlich Ich seh den Salamander durch jedes Feuer gehen. Wie ein jähes Gebet ist das, kommt mir vor. Das habe ich in schwierigen Situationen manchmal gebetet. Genau gesagt, wenn die immer mehr bevorstanden oder plötzlich da waren. Gemurmelt hab ich da ab und zu das Salamandrische. Hat irgendwie geholfen. Und die zweite Fügung, wichtig mir immer wie nur was…die… Tapferkeit vor dem Freund. Hat auch geholfen, ja.
  6. Von der Literatur und den Literaturbetrieben wünsche ich mir, dass sie so beschaffen sind, dass die Bachmann nicht verbrennt und Franz Innerhofer sich nicht aufhängt. Sie sehen: So einfach ist alles für mich; mache ich mir alles. In gewissem Sinn folge ich, auf meine Art halt, egal ob’s schief geht oder nicht, immer meinem Gewissen. Immer, mit Verlaub. Deshalb habe ich vor ein paar Wochen, na: Monaten inzwischen, öffentlich ein paar Fragen an den Herrn Bundeskanzler gestellt. Bekam keine Antwort. Aber das habe ich nicht falsch verstanden. Denn der Herr Bundeskanzler Kurz hatte keine Zeit, er musste ja Millionen „Österreichern und Österreicherinnen“ das Leben retten. Mir auch. Und jetzt rettet er uns allen die wirtschaftliche Existenz. Auch die meiner Familie. Vorige Woche hat neben mir jemand lautstark satiriert: Händchen falten, Köpfchen senken, innig an den Kurz jetzt denken, der uns Arbeit bringt und Brot, der uns hilft aus jeder Not. Habe zu dem sofort Pfui gesagt und dass dieser Spott völlig inakzeptabel sei. „Gewissen“, das Wort kommt übrigens, soweit ich weiß und was mich sehr interessiert, von Demokrit her, also von einem Materialisten und Atheisten, dem das Lindern von Leid und dem die Freundschaft unter den Menschen das Wichtigste war und der immer so viel gelacht hat. Gegen die Angst wohl und aus Lebensfreude. Inspiration, Enthusiasmus, diese Begriffe hat auch Demokrit früher ausgesprochen als all die berühmten abendländischen Dichter und Denker mit den großen Namen und aber nicht gar so großem Herzen.
  7. Ich halte wie gesagt die Wiederholung des österreichischen Sozialstaatsvolksbegehrens aus dem Jahr 2002 für den dringlichsten, unverzichtbaren, wirklichen Ausweg aus der jetzigen, sich verschlimmernden Situation. Das Sozialstaatsvolksbegehren war wie gesagt verbunden z.B. mit Frauenministerin Johanna Dohnal, dem WIFO-Ökonomen Schulmeister und primär dem Arzt, Menschenrechtskämpfer, Antifaschisten und ersten Wiener Pflegeombudsmann Werner Vogt. Vogts Arztroman, Lebensbericht, ist, ich sag’s sicherheitshalber noch einmal, eine Geschichtsschreibung und präventive Problemanalyse des österreichischen Sozialstaates, der Zivilgesellschaft, Institutionen und Bewegungen, des Gesundheitswesens und der Pflegeeinrichtungen. Da steht gewissermaßen schon ewig alles drinnen, was jetzt katastrophal geschehen ist. Und was man dagegen hätte tun können, kann. Mir ist unvorstellbar, dass vor dem Lock Down Berater von Fach die schwarzgrüne Regierung auf Vogts Analysen nicht hingewiesen haben, und ich bin mir auch sicher, dass unabhängig von Vogt Supervisoren, Therapeuten, Pflegewissenschafter, Ärzte und Verbände die Regierung auf die Qualen, Unfallgefahren und Todesfolgen hingewiesen haben, die entstehen, wenn man z.B. Pflegeheime und Gesundheitseinrichtungen zu geschlossenen Anstalten macht, so der Kontrolle und Hilfe von außen entzieht und mit ihren Notständen an Personal, Material und Know How im Stich lässt. Wie auch immer, das Sozialstaatsvolksbegehren 2002 war präventiv in jeglicher Hinsicht. Hätte man an ihm festgehalten, wären uns allen die Katastrophen da hier erspart geblieben. Gerade auch die ökonomischen. Wie auch immer, jetzt, jetzt ist das österreichische Klimaschutzvolksbegehren vorbildlich und beherzt. Die Eintragungswoche beginnt gleich nach dem Bachmannwettbewerb. Die Bachmann hätte sicher unterschrieben.

 

Interview Teil I

https://literaturoutdoors.com/2020/06/14/und-gedichte-mit-verlaub-egon-christian-leitner-schriftsteller_-graz_14-6-2020/

 

Vielen Dank für das Interview lieber Egon, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine vielfältigen Literaturprojekte und vor allem auch für den Bachmannpreis 2020 wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Egon Christian Leitner, Schriftsteller, Bachmannpreisteilnehmer 2020

https://bachmannpreis.orf.at/stories/3047126/

Foto_privat

 

 

„Heute ist mein Tag anders, ich werde schreiben“ Leonhard Hieronymi, Schriftsteller, Hamburg _15.6.2020

Lieber Leonhard, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jeder Tag ist anders. Am Montag bin ich um 4 Uhr aufgestanden und mit meinem Vater von Frankfurt nach Hamburg gefahren, der hat sich um 8, auf der Autobahn hinter Kassel, das erste Bier aufgemacht. So ein Tag besteht nur aus „Mopeds in Autos laden“ und „zu Bauhöfen fahren“. Heute ist mein Tag anders, ich werde ein bisschen was schreiben, und wenn es nicht klappt: auch egal.

 

Leonhard Hieronymi

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Besonders wichtig ist ein bisschen Verdrängung und Meditation. Im Bett liegen und an die Wand starren, und dann lesen.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur und der Kunst an sich zu?

Die Kunst und die Literatur muss genau jetzt tun, was sie schon immer am besten konnte: unterhalten.

Sonst will sie ja gerne viel abschaffen oder dekonstruieren oder sogar neu erfinden. Aber das ist gerade unwichtig.

 

Was liest Du derzeit?

Zum zweiten Mal „Der Spieler“ von Dostojewski, weil er das angeblich in meinem Geburtsort Bad Homburg geschrieben hat. Außerdem sind meine Freunde und ich gerade, so wie es aussieht, in einer Ursula K. Le Guin-Phase, ich lese „Freie Geister“ von ihr. Und „Japans Geister“ von Lafcadio Hearn. Also viele Geister und viel Spielsucht.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich gebe ein Zitat mit auf den Weg. Und gute Besserung vorab.

„In Paris, der Stadt der Hunde, denen der Speichel zusammenläuft, wenn man tutet, hatte ich verkehrte und perverse Abenteuer.“ – Witold Gombrowicz

 

 

Vielen Dank für das Interview lieber Leonhard, viel Freude und Erfolg für alle Literaturprojekte und den Bachmannpreis wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Leonhard Hieronymi, Schriftsteller, Bachmannpreisteilnehmer 2020

Leonhard Hieronymi

 

 

 

29.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto_Leonhard Hieronymi

 

„Und Gedichte. Mit Verlaub!“ Egon Christian Leitner, Schriftsteller_ Graz_14.6.2020

Lieber Egon, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Die Tage gehen im Moment jedes Mal gut aus. Ich hoffe, das hat kein Ablaufdatum.

E.Ch.Leitner © Peter Ch.H. Stachl

 

Was ist jetzt  für uns alle besonders wichtig?

Die Wiederholung des Sozialstaatsvolksbegehrens aus dem Jahr 2002. Es war präventiv und verbunden z.B. mit der Frauenministerin Dohnal, dem WIFO-Ökonomen Schulmeister und dem Arzt und ersten Wiener Pflegeombudsmann Werner Vogt. Wäre es parlamentarisch realisiert worden statt nicht einmal auf eine Tagesordnung gesetzt (über 700.000 Stimmen hatte es unter schwierigen Umständen erreicht), wären uns da hier die Katastrophen jetzt erspart geblieben, auch die wirtschaftlichen. Das Sozialstaatsvolksbegehren zu wiederholen ist des öfteren versucht worden, z.B. zwischen 2008 und 2010, angesichts der Weltwirtschaftskrise infolge der Bankencrashs. Die Kooperation mit wichtigen Interessenverbänden kam jedoch nicht zustande, die waren nicht interessiert. Z.B. die roten. Europaweit die Roten nicht.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst zu?

Das Sozialstaatsvolksbegehren halte ich tatsächlich für dringlich, unverzichtbar und für den jetzt einzigen tatsächlich realisierbaren Ausweg. Und Gedichte. Mit Verlaub! Die sind eine wirkliche Hilfe. Habe ich von einem Kriegsberichterstatter gelernt.

 

Was liest Du derzeit?

Ich kann nichts dafür: mein eigenes Buch. Weil ich das gerade fertig stelle. Ein Friedens- und Dolmetscher*innenbuch, den letzten Teil meines Sozialstaatsromans. Da kommen zwar Bücherquellen drinnen vor en masse, aber welche, ist noch Werkgeheimnis. Aber vor ein paar Tagen habe ich wieder einmal in Paul Feyerabends Schriften geblättert. Das war ein österreichisch-amerikanischer Philosoph, schwer kriegsversehrt und ein menschenfreundlicher, sehr liebevoller Anarchist. Der hat vor Jahrzehnten konstatiert, dass fast niemand mehr wisse, was alles möglich gewesen und daher wieder oder immer noch möglich sei. Es sei gerade und werde immer mehr so sein wie in einer verbauten, zerstörten Landschaft: Nach kurzer Zeit wisse niemand mehr, wie es bis vor kurzem ausgesehen habe und wie schön es war. Und was alles möglich, im Schlechten wie im Guten. Und ein Buch, das ich empfehlen würde, ist Werner Vogts Lebensbericht, sein Arztroman aus dem Jahr 2013. Da steht alles drinnen, kommt mir vor, was jetzt getan werden kann. In Überreichtum von Martin Schürz blättere ich auch oft. Der ist einer der mutigsten Reichtumsforscher*innen nicht allein in Österreich. Zitiert lustigerweise viele amerikanische, englische und französische Schriftsteller*innen. Klassiker gewissermaßen. Die sind für ihn genauso Argumente wie die Ziffern. Adolf Holls Kinder- und Jugendbuch Wo Gott wohnt hielt ich gestern auch für ein paar Augenblicke in Händen, fällt mir gerade ein; das war das Lieblingsbuch Bruno Kreiskys, heißt’s. Holl war ein frommer Mensch meines Empfindens und zugleich einer der redlichsten Ideologiekritiker in Österreich. Um den unbefangenen Jesus beim Erwachsenwerden geht’s zirka in dem Buch. Eine Reminiszenz ist’s wohl auch irgendwie an den Gott in den Katakomben, welcher dort, sagt man, ja nicht als gekreuzigt dargestellt wurde, sondern als durch und durch lebendig und als behutsam und fürsorglich. Ein kleiner, lieber Gott und Menschen ohne Größenwahn, darum geht’s, glaube ich, beim lieben Adolf Holl. Ging’s. Heuer gestorben. Das Lieblingsbuch von seiner lieben Lebensgefährtin Inge Santner ist Holls Wo Gott wohnt auch seit jeher. Sozusagen von der ersten Zeile an. Feyerabend, Schürz, Holl, Vogt … so, womit kann ich Ihnen noch dienen, der Sie mich ja so freundlich in Ihr enzyklopädisches Unterfangen da hier eingeladen haben?

 

Welches Zitat möchtest Du uns mitgeben?

„Semper patet alia via“. Das ist von Erasmus aus Rotterdam. Immer stehe ein zweiter Weg offen. Der Ausweg eben. Der Spruch erinnert mich an Werfels Jakobowsky und der Oberst. An den Film mit Danny Kaye. Der sagt auch in den schwersten, gefährlichsten Situationen immer, dass man immer 2 Möglichkeiten habe im Leben. Jede dieser Möglichkeiten berge in sich wieder 2 neue Möglichkeiten. Und Jakobowsky eben imaginiert und wählt sich inmitten von Not und Übel nach Möglichkeit die jeweils bessere. Am Ende geht’s gut aus. Ist offensichtlich eine gute Methode.

 

Vielen Dank für das Interview lieber Egon, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine vielfältigen Literaturprojekte und vor allem auch für den nächste Woche beginnenden Bachmannpreis 2020 wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Egon Christian Leitner, Schriftsteller, Bachmannpreisteilnehmer 2020

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Foto_Peter Ch.H.Stachel

 

 

14.6.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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