„Was ist dir eigentlich wichtig? Wie willst du weitermachen? Was willst du erneuern?“ Theresa Sigusch, Schriftstellerin_Berlin 14.6.2020

Liebe Theresa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Tage ähneln den Vor-Corona-Tagen sehr — offiziell studiere ich noch, schreibe aber die meiste Zeit an meinem Buchprojekt, mit dem ich meinen Masterstudiengang Literarisches Schreiben bald abschließen werde. Kurz vor dem „Lockdown“ bin ich wieder nach Berlin gezogen, es hat sich so angefühlt, als würde ich plötzlich im Endspurt eines Marathons gegen eine Mauer laufen, als Corona kam. Ich blieb dann erstmal liegen, völlig verwundert, und fand es eigentlich ganz gut, einfach liegen zu bleiben. Das habe ich bisher getan, noch meinen Laptop, Notizbücher und Bücher dazugelegt und manchmal stehe ich auf, um Kaffee zu kochen oder einkaufen zu gehen. Dass sich für mich tatsächlich relativ wenig an meiner Arbeits- und Lebensweise geändert hat, ich nicht um meine persönliche wie berufliche Zukunft nach Corona bangen muss, nehme ich als großen Luxus wahr. Ich habe Zeit, wirklich viel Zeit, die mir auch die Aufgabe gibt, sie irgendwie intelligent aufzuteilen — nicht im Sinne einer möglichst großen Produktivität und Effizienz, sondern im Sinne einer Aufforderung, mich zu fragen, wie ich die Zeit auf- und verteile, vor allem, falls doch ein Stück Wahrheit im Spruch „Zeit ist Geld“ liegen sollte.

 

Theresa Sigusch

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für uns alle — das kann und möchte ich gar nicht beurteilen. Ich sehe aber die Pandemie in ihrem Zwangsstillstand und der damit einhergehenden Möglichkeit von Ruhe und Rückzug als Chance, sich diese Frage zu stellen, jede* und jeder* für sich: Was ist dir eigentlich wichtig, wie willst du weitermachen, was willst du erneuern, wer willst du heute und nach der Pandemie sein, was entdeckst du neu in deinem Leben, jetzt wo es vielleicht stiller steht, was kann weg, was soll bleiben, wohin willst du dich bewegen?

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt gesellschaftlich und persönlich stehen. Welche Rolle kommt dabei der Literatur und der Kunst an sich zu?

Ob wirklich gesellschaftlich und persönlich ein Neubeginn stattfindet, hängt, glaube ich, wie bei jedem Neubeginn von vielen Faktoren ab. Zwar drängt Corona uns in die eigenen vier Wände, aber das trifft natürlich nicht auf alle zu. Viele gehen weiterhin arbeiten, müssen Zuhause sogar mehr arbeiten als vorher, müssen sich über Wasser halten, kreative Pandemie-Pläne kreieren, sich sorgen um Kreditraten, Mieten, Angestellte, Verwandte, Gefährdete usw. usw. Andere werden in der Krise fast ganz vergessen, weil sich alles auf die an- und abschwellenden Graphen fokussiert — es verschwinden die Nachrichten über die Zustände in Geflüchtetenlagern, die Situation von Wohnungslosen, Menschen, die in gewaltvollen Familienzusammenhängen leben und jetzt durch Corona eingeschlossener sind als zuvor, einsame Menschen, Menschen in psychischer Not, …

Sicher ist der Neubeginn also nicht, denke ich, aber natürlich hoffe ich auf ihn, genauso wie auch vor Corona, auch wenn ein Neubeginn nicht immer heißt, dass etwas Besseres danach kommt, schon gar nicht für Alle und Jede*n. Zugleich gab es auch vor Corona Anlässe — dringliche Anlässe — zum Aufbruch: Klimawandel, Erstarken rechtspopulistischer Parteien, Halle, Hanau, Lesbos; die Liste ließe sich endlos fortführen. Diese Anlässe gibt es weiterhin.

Ich wünsche mir, dass die erzwungene Stille, der Mangel an Zerstreuung vielleicht einen Anstoß geben könnte, aufzubrechen in etwas Neues. Was das sein kann, wird jede und jeder für sich selbst entscheiden müssen — für mich persönlich wünsche ich mir, Belangloses auszusortieren, zu schauen, was mich reizt, anstatt mich zu be- oder zerdrücken, mich zu fragen, weshalb ich mir immer wieder Ablenkungen (ich sage nur Online-Shopping und Netflix) suche, eine lange Weile so schwer aushalten kann, zu überlegen, wie ich auch Gutes in der Sehnsucht finde, die ich jetzt nach anderen Menschen verspüre, und viele andere Dinge mehr. Im Größeren wünsche ich mir, (wie auch vor Corona), ein Kurieren der alten Marotten des Systems, in dem wir leben — das Denken in Kategorien wie „oben“ und „unten“, „wertvoll“ und „wertlos“, you name it, und allem, was zu diesen Kategorien in der Realität derzeit und immer schon gehört: Prekäre Lebensbedingungen für Manche, überbordender Luxus für Andere, Diskriminierungen jeder Art, Ausbeutung von Menschen und der Erde, …

Der Literatur kann dabei jene Rolle zu kommen, die sie immer schon hatte. Wir können uns in ihr wiederfinden, spiegeln, abgleichen, sie kann uns anregen, aufregen, umwälzen, sie kann uns Idee, Vorbild, Spuk, Fragezeichen, Antwort sein. Ich denke, Literatur (und Kunst generell) kann wie Corona selbst ein Anstoß sein, aber nie Garantie für Neubeginn und Wandlung. Wie könnten wir ihn garantieren und wo kann er uns hinführen, bleibt die Frage.

 

Was liest Du derzeit?

Gerade bin ich mitten in: Tauben fliegen auf von Melinda Nadj Abonji, tolles Buch, das mir eine Freundin über die Corona-Zeit hinweg geliehen hat. Es ist eine Wahnsinnssprache, ich fließe durch die Seiten, die ellenlangen Sätze ohne Punkt, die minuziösen Beobachtungen, die zwei Welten, in der die Protagonistin lebt.

Mein derzeitiges Hörprojekt: Das Glasperlenspiel von Hermann Hesse. Es hat eine Dauer von über zwanzig Stunden, das eignet sich perfekt zum Anhören, während ich nebenbei meine „Corona-Projekte“ vorantreibe (mit meinen Fotoalben endlich einmal bis in die Gegenwart heranrücken und die losen Fotostapel eliminieren zum Beispiel).

 

Welches Zitat, welche Textstelle möchtest Du uns mitgeben?

Zuerst ein Zitat, das Grenzsituationen im Leben beschreibt als „Zustände, in denen die bis dahin praktizierte Lebensgestaltung nicht mehr weiterzuführen ist. Grenzsituationen entstehen durch die Antinomien und Konflikte, in denen keine vorgegebenen Lösungen mehr verfügbar sind. Es ist eine persönliche existenzielle Stellungnahme des Betroffenen notwendig, die einen Bruch mit den bis dahin gelebten Haltungen unausweichlich werden lässt

Christoph Mundt, Grenzsituation, Lebensereignis, Situation, Trauma, S. 106

Und als zweites ein Zitat eines meiner Lieblingsphilosophen, der im Übrigen auch viel zu Solidarität geschrieben hat, was mich jetzt beim Lesen wieder doppelt begeistert und anregt: “Ich bin nicht ohne die Anderen, zu denen ich bin.

Karl Jaspers, Philosophie Band 2, Existenzerhellung, S. 417

 

Vielen Dank für das Interview liebe Theresa, viel Freude und Erfolg für Deine Schreibprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Theresa Sigusch Schriftstellerin

https://www.musilmuseum.at/theresa-sigusch.html#

 

31.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto_Theresa Sigusch

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