„Literatur ist ein Ort des Staunens, der Auseinandersetzung, der Begegnung, der Autonomie“ Lisa Krusche, Schriftstellerin_Braunschweig_17.6.2020

Liebe Lisa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Vieles ist gleich geblieben, nur einen meiner liebsten Schreiborte, der Computerraum in der Universität, den kann ich gerade nicht nutzen. Und ich hatte eine kurze, intensive Phase ungehemmten Konsums von Reality-Show-Formaten, die ich vor mir selbst mit dem Zuhause-bleiben-müssen entschuldigt habe.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das, was auch schon vorher wichtig war: Selbstreflexion, Verantwortung übernehmen. Antifaschistisches, antirassistisches, antiimperialistisches feministisches Denken und Handeln (lernen). Und, was ich mir auch sehr wünsche würde, online und offline: weniger (latente) Aggression, weniger Häme, mehr Rücksichtnahme.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur und der Kunst an sich zu?

Bei der Frage habe ich zuerst überhaupt nicht an Corona denken müssen, sondern an die Bilder des Black Lives Matter Bewegung der letzten Woche und des Wochenendes. Ich hoffe, dass wir diesbezüglich vor einem Aufbruch und Neubeginn stehen. Wobei ich Neubeginn eigentlich einen schwierigen Begriff finde, weil er suggeriert, man würde auf einem unbeschriebenen Blatt eine ganz neue Geschichte schreiben. Dabei geht es gerade auch darum, sich zu fragen: Was gibt es für eine Geschichte? Welche Strukturen schreiben sich in uns und durch uns fort und woher kommen die? Und wenn man diese Fragen beantwortet hat, kann es auf diesem Wissen aufbauend zu einer Veränderung kommen.

Ich finde es immer schwer generalisierend und in Kürze darüber zu sprechen, welche Rolle die Literatur oder die Kunst hat oder haben sollte oder nicht haben sollte. Für mich ist sie ein Ort des Zuhörens, des Lernens, des Staunens, der Auseinandersetzung, des Denkens und Fühlens, des Trostes, der Begegnung, der Autonomie.

 

 Was liest Du derzeit?

Ich lese meist Verschiedenes parallel. Gerade „Der 35. Mai“ von Erich Kästner, als eine Art Kindheitsrevival, „Wie die Deutschen weiss wurden. Kleine (Heimat)Geschichte des Rassismus“ von Wulf Hund, „Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung“ von Judith Butler und als Hörbuch „Children of Blood and Bone. Goldener Zorn“ von Tomi Adeyemi.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Aber gibt es überhaupt so etwas wie nichts, wie das Nichts? Ich weiß es nicht. Ich weiß, wir sind noch hier, wer weiß, für wie lange, lodernd mit unserer Sorge, mit ihrem anhaltenden Gesang.“ Aus: „Die Argonauten“ von Maggie Nelson.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Lisa, viel Freude und Erfolg für den Bachmannpreis und Deine vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lisa Krusche, Schriftstellerin, Bachmannpreisteilnehmerin 2020

http://lisakrusche.com/

Foto_Charlotte Krusche

 

8.6.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

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