„Die Lage und die Probleme der Welt haben sich nicht wesentlich geändert“ Jörg Piringer_Schriftsteller_Wien 16.6.2020

Lieber Jörg, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

mein tagesablauf ist nicht so viel anders als vor der krise. ich arbeite vor mich hin. es gibt immer etwas zu tun.

ich vermisse die möglichkeit abends auf ein konzert, zu einer performance oder ins kino zu gehen sehr. zum einen wegen der kunst und der damit verbundenen geistigen anregung. zum anderen wegen der wegfallenden sozialkontakte.

und ich reise nicht mehr um zu arbeiten. ich trete nicht mehr auf. eh klar.

das ist auch schade. online auftritte sind gut. aber sie sind kein vollwertiger ersatz für reale begegnungen. auch das haben wir schon vor der krise gewusst.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

für alle? ehrlich gesagt: keine ahnung. ich weiss wirklich nicht, was alle brauchen. wahrscheinlich brauchen alle etwas anderes.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur und der Kunst an sich zu?

die lage und die probleme der welt haben sich nicht wesentlich geändert. noch immer ist reichtum und besitz ungerecht verteilt. die klimakatastrophe (die mit der ungleichverteilung zusammenhängt) ist nicht abgewendet. im gegenteil.

noch immer braucht es
eine vollständige dekarbonisierung
eine zerschlagung der kohle- und ölindustrie
einen internationalen klimagerichtshof
eine ständige konferenz zur beseitigung der kolonialen spätfolgen
eine europäische initiative für ein hochgeschwindigkeitsbahnnetz
das zurückdrängen des motorisierten individualverkehrs
die vollständige gleichberechtigung der geschlechter
eine gerechte und menschliche migrationspolitik
ein recht auf leistbares und gesundes wohnen
eine vermögenssteuer
das austrocknen von steueroasen
eine demokratisierung der arbeitsverhältnisse und der schulen
eine soziale digitaldividende
und noch mehr
und noch mehr

vielleicht sind manche probleme deutlicher geworden. selbst neoliberale haben erkannt, wie wichtig ein starker staat in einer krise ist. dass der sogenannte markt mit manchen problemen schlicht überfordert ist. dass am gesundheitssystem nicht gespart werden sollte. dass manche berufe viel zu schlecht entlohnt werden.

die frage ist, ob diese erkenntnisse auch folgen haben werden. das einzufordern wird unsere aufgabe sein.

 

Was liest Du derzeit?

gerade lese ich „Hell is Round the Corner“, die autobiographie von Tricky, dessen musik ein grosser einfluss für meine soundarbeit war und ist.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

ich habe diese frage einem neuronalen netz (populärwissenschaftlich künstliche intelligenz genannt) gestellt und es hat mir folgendes geantwortet:

Welches Phänomen in der Geschichte erhebt Sie über andere? Welches Wesen war die treibende Kraft hinter Ihrer Auseinandersetzung mit Klischees für das tägliche Leben? Möchten Sie, dass wir beides beantworten, bevor wir mit Captain Phillips beginnen?“

 

Vielen Dank für das Interview lieber Jörg, viel Freude und Erfolg für Deine vielfältigen Literaturprojekte und den Bachmannpreis wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jörg Piringer, Schriftsteller, Bachmannpreisteilnehmer 2020

https://joerg.piringer.net/

 

26.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Foto_Walter Pobaschnig_Station bei Bachmann _ 15.6.2020

 

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