„Niemand sollte auf der Strecke bleiben, auch wenn es utopisch klingt“ Raoul Eisele, Schriftsteller_Wien 30.5.2020

Lieber Raoul, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Grundsätzlich bin ich eher ein strukturierter Mensch, ich versuche, meinen Tagesablauf aufrecht zu erhalten und zu arbeiten. Da ich u. a. auch ein Nachtmensch bin, liegt mir das frühe Aufstehen nicht ganz so, trotzdem versuche ich schon vormittags, nach meinem ersten Kaffee, mich hinzusetzen und zu schreiben.

Literatur ist für mich wie viele andere Kunstsparten ein Handwerk, welches gepflegt werden muss und gerade in dieser Zeit, die für viele eine Erschwernis schafft, um sich überhaupt mit ihrer Kunst zu befassen, ist es umso wichtiger am Schreiben und an der Literatur festzuhalten. Natürlich ist es nicht so, dass man jeden Tag gleich gut in den Schreibprozess hineinfindet, wir sind alle keine Maschinen und jede/r AutorIn kennt die Situation von Schreibblockaden vermutlich nur allzu gut, glücklicherweise hilft mir mein Tagesablauf etwas dabei, um nicht all zu sehr in dieses Loch zu fallen. Mein Tagesablauf ist also bestenfalls mit Schreiben, Lesen, ein wenig Spazieren oder Laufen gehen, gefüllt.

Die ersten Lockerungen halfen mir auch sehr, wieder festen Boden unter den Füßen zu gewinnen. Sich mit Menschen treffen zu dürfen, die einem am Herzen liegen, auch wenn man dies immer noch mit Vorsicht genießt, verschönert den aktuellen Alltag nur allzu sehr.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zusammenhalt. Nicht nur innerhalb der Kunst- und Kulturszene, die gerade stiefmütterlich behandelt wird, sondern auch global gesehen. Es gilt, auf Menschen zu schauen, die kein Dach über dem Kopf haben, die auf der Flucht sind, die sich in existenziellen Nöten befinden, die verhungern – niemand sollte auf der Strecke bleiben, auch wenn es utopisch klingt.

Zusammenhalt ist für mich aber allgemein ein überzeitliches Thema und sollte daher immer gelebt werden.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur zu?

Literatur, ebenso wie jede andere Kunstrichtung, hatte immer schon den Zweck sich kritisch, humoristisch und reflektiert mit der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auseinanderzusetzen; so ist es auch bei einem Neubeginn bzw. einem Aufbruch. Wenn die Literatur daran festhält, denke ich, dass ein Verarbeiten jener Zeit, eine Auseinandersetzung mit problematischen Situationen zu neuen Sichtweisen und Erkenntnissen führt und ein Blick geschaffen wird, der vielen zeigt, dass man nicht alleine war, dass es vielen ähnlich ging, dass man im besten Fall auch Veränderung, ein Umdenken in der Gesellschaft, im Allgemeinen schaffen kann.

Schreiben hat aber auch immer eine heilsame, therapeutische Wirkung, somit denke ich, ist auch dies ein wesentlicher Aspekt für AutorInnen und für die Literatur. Wenn es also gelingt, sich mit Ausnahmesituationen wie diesen zu befassen, dann ist dies für einen Neubeginn, für einen Aufbruch in einem selbst ebenso essentiell und hilfreich.

 

 

Was liest Du derzeit?

„es fehlt viel“, Katherina Braschel

„Ousia“, Verena Stauffer

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ich will, dass ihr in Panik geratet. Ich will, dass ihr die Angst spürt, […] ich will, dass ihr handelt, als würde euer Haus brennen. Denn es brennt.“ – Greta Thunberg

 

 

Vielen Dank für das Interview lieber Raoul, viel Freude und Erfolg für Deinen aktuellen Lyrikband  wie alle weiteren Schreibprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Raoul Eisele, Schriftsteller

Aktueller Gedichtband: „morgen glätten wir träume“ (Edition Yara, 2017) 

 

 

20.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto_Raoul Eisele

 

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