Thorsten Becker, Schriftsteller _ Hannover
Lieber Thorsten, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Recherchieren. Etliche Stunden am Tag. Ich bin immer viel am Recherchieren.
Derzeit finde ich wieder stärker zurück ins Schreiben und ins Geschichtenerzählen. Die vergangenen Jahre mit ihren Unsicherheiten und Einschränkungen haben Spuren hinterlassen, aber auch meinen Blick geschärft: auf das Wesentliche, auf Wertschätzung und auf die Bedeutung von Geschichten.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wertschätzung. Für all das, was wir haben. Das, was wir vielleicht unachtsamerweise verloren haben. Für das, was wir wieder (zurück)gewinnen können. Müssen.
Und vor allem Wertschätzung derer, die uns umgeben. Denen, die uns nahestehen, von denen wir kommen, zu denen wir gehen. Unseren Nachbarn, unseren Nächsten gegenüber. Wertschätzung besonders auch für unsere Unterschiede, denn diese ergänzen uns.
Allein sind wir kein Ganzes. Wir sind immer Teil von etwas. Wir sollten doch diese anderen Teile schätzen. Wertschätzen. Sie sind wertvoll.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Zusammenzukommen. Zueinander zu finden. Einander wiederzufinden. Dass wir uns nicht immer weiter und weiter in kleine Fragmente teilen lassen. Das macht uns verletzlich. Angreifbar. Verwirrbar.
Kunst kann uns auf vielen Ebenen zusammenführen. Aber nicht eine einzige Kunst. Nicht die „wahre“ Kunst wie oftmals angepriesen. Nicht Kunst als Besitz einiger weniger Wissenden, Auserwählten; sich so Selbstdarstellenden. Kunst in ihrer Vielfalt. Mannigfaltigkeit. Offenheit.
Und Literatur ist nicht nur das Buch. Ich persönlich zähle dazu auch, ja, Videospiele. Klingt ungewöhnlich? Kindisch? Nicht im Kontext von „The Well-Read Game: On Playing Thoughtfully “, MIT Press, Tracy Fullerton und Matthew Farber. Viel könnte ich zu dem Thema sagen, aber ich belasse es bei diesem einen.
Was liest Du derzeit?
Ich lese derzeit weniger ein einzelnes Buch von Anfang bis Ende, sondern bewege mich zwischen mehreren Themenfeldern. Vieles davon findet online statt: Recherche, Essays, Fachtexte, Spuren, Querverbindungen.
Ein Schwerpunkt ist im Moment die Phänomenologie. Ich habe begonnen, Heidegger zu lesen, beschäftige mich aber auch allgemeiner mit Fragen der Wahrnehmung, des Da-Seins und des In-der-Welt-Seins. Parallel dazu lese ich wieder klassische Detektivliteratur: „The Adventures of Sherlock Holmes“ und zunehmend auch klassische Kriminal- und Hardboiled-Literatur, als Recherche und Inspiration für meine eigene erzählerische Arbeit.
Und seit einigen Tagen habe ich den starken Impuls, „Die unendliche Geschichte“ noch einmal zu lesen. Manchmal meldet sich ein Buch wieder, bevor man genau weiß, warum.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn wie ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.“, Bergpredigt Jesu, Matthäus 7,1.
Ein Grundsatz, nach dem ich nach bestem Wissen und Gewissen täglich zu leben versuche. Es gelingt mir nicht immer.
Vielen Dank für das Interview, lieber Thorsten, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen: Thorsten Becker, Schriftsteller _ Hannover
Zur Person/über mich: Thorsten Becker, geboren 1972 in Hannover, ist Journalist, Essayist und Analyst. Er schrieb Ende der 90er bis in die frühen 2000er Jahre über Videospiele, Multimedia und Technologie für deutsche Magazine, Zeitungen, Teletext und eigene Online-Formate. Viele Jahre lang arbeitete er außerdem im Bereich Systeme, Daten und Business Intelligence, wo er Komplexität in Struktur übersetzte und informationsreiche Zusammenhänge verständlich machte.
Heute bringt er journalistische Recherche, analytisches Denken, Fotografie, Poesie und erzählerische Formen zusammen. Sein Interesse gilt Dingen, Orten und Umgebungen, die wie Hinweise, Relikte, Zeugen oder Fragmente wirken – und allem, was Geschichten in sich trägt.
Unter dem Leitgedanken „Dinge erzählen Geschichten“ („Things Tell Tales“) entstehen Essays, poetische Miniaturen, fotografische Beobachtungen und erzählerische Spurensuchen. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf interaktiven und nicht-linearen Formen des Erzählens. (18.6.26)
Website des Autors: Thorsten Becker – Deutsch
Foto: privat
Walter Pobaschnig, 18.6.2026









































































