„Ihr unverzagter Blick steht ihr ins Gesicht geschrieben“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Zsuzsanna Gahse, Schriftstellerin _ Müllheim/CH 2.8.2026

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Zsuzsanna Gahse, Schriftstellerin _ Müllheim/CH

Liebe Zsuzsanna, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Im Mittelpunkt steht für mich der Roman „Malina“.  Eindrucksvoll ist Ingeborg Bachmanns intensiver, geduldiger Blick auf jede einzelne Person in diesem Buch, vor allem die ruhige, nachvollziehbare Darstellung von Malina.

Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?  

Ihre aufmerksamen Beobachtungen. Ihr unverzagter Blick steht ihr ins Gesicht geschrieben, und ich mag ihre Fotos, die das zurückhaltende und zugleich prüfende Gesicht zeigen. Ihr Schreiben steht ihr ins Gesicht geschrieben.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Ingeborg Bachmann hatte einen anderen Lebenshintergrund als ich. In erster Linie hatte ich einen wunderbaren Vater, der mich weiterhin stützt und stützen wird, bis ich 150 Jahre alt werde. Außerdem kenne ich neben besonders guten Begegnungen mit Frauen auch das Gegenteil, weibliche Personen mit Machtgebaren, die gerne Hiebe austeilen. Es wäre zu einfach, die Welt nach Männern und Frauen in zwei Teile zu zerlegen. Darüber würde ich mit Ingeborg Bachmann gerne reden, und ich kann mir vorstellen, dass wir mitunter beide lachen würden.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Vor einem Vierteljahrhundert skizzierte ich in einem Stillleben einen Himbeermann, denn Malina bedeutet Himbeere. Hier ein kleiner Ausschnitt:

„Im Urwald der wunderbar nackte Himbeermann. Und

weite Strecken des Waldes auch ohne Mann, mit Mann,

ohne Mann, drei Wochen lang.“

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Natürlich ist „Malina“ zum Teil ein trauriger, traumhaft trostloser Roman, aber immer wieder blitzt Bachmanns Selbstironie auf und erst recht ihr Humor. Ich glaube, ihr Humor wird zu wenig beachtet. Hier ein Dialog-Beispiel aus dem dritten Kapitel des Romans:

„Malina: Warum bringst du immer solche Korrekturen an?

Ich: Ich darf sie doch anbringen, weil ich zu einer Karikatur geworden bin, im Geist und im Fleisch. Sind wir nun zufrieden?“

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

Aus „Malina“, Zweites Kapitel, „Der dritte Mann“

 „Die Zeit ist nicht heute. Die Zeit ist überhaupt nicht mehr, denn es könnte gestern gewesen sein, lange her gewesen sein, es kann wieder sein, immerzu sein, es wird einiges nie gewesen sein.“

Herzlichen Dank für das Interview!

Zsuzsanna Gahse, Schriftstellerin

Zur Person: ZSUZSANNA GAHSE ist eine österreichisch deutsch schweizerische Schriftstellerin, geb. 1946 in Budapest. Nach ihrer Gymnasialzeit in Wien und Kassel lebte sie mehr als ein Vierteljahrhundert in Stuttgart, seit Ende 1998 in Müllheim, TG, Schweiz.

ZSUZSANNA GAHSE – Autorin, Schriftstellerin

Foto: Zsuzsanna Gahse _ Ch.Rütimann

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Walter Pobaschnig, 15.6.26

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