„Mein Vorbild im Überdenken des Lebens als Frau, Begehrte, Verstoßene“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Margrit Schriber, Schriftstellerin _ Zofingen/CH 3.8.2026

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

im Interview _ Margrit Schriber, Schriftstellerin _ Zofingen/CH

Liebe Margrit, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Sie war meine Lehrmeisterin. Mein Vorbild im Überdenken des Lebens als Frau, Begehrte, Verstoßene, sich als Einzelgängerin Behauptende.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Ich weiss, wieviel Versenkung notwendig ist, um dieses Rufen Locken, Seufzen, Trauern so auf Papier zu bringen, dass es spontan, flüssig und glaubwürdig klingt. Man muss so in die Erzählung eintauchen, dass man zu dieser Person wird, die von ihrem Schicksal gezeichnet, atemlos durchs Leben rennt. Sich verrennt. Der die Worte aus dem Mund rieseln, als wäre sie ein überfliessendes Gefäss: Dies ist die eigentliche Kunst.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Man muss alles lesen. Am besten gefiel mir SIMULTAN.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Ich zähle zu Ingeborg Bachmanns Generation. Mein Lebenspartner und meine Freunde gehören dazu. Was ändert? Wenig! Das Geschlecht spielt nicht die entscheidende Rolle. Einmal übernehmen diese und einmal die anderen den Part von zerstörerischen Patriarchen.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Menschen lieben und leiden seit es sie gibt. Wir schwelgen im Glück, betrügen und lassen den Kopf hängen, solange wir leben. Dies ist das Geheimnis des Lebens. Ein Grund zum Leben oder zum Sterben. Es wird sich nicht ändern, olange es Menschen gibt.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Die Suche nach der passenden Form für meine Erzählung ist eine mit Verzweiflung gespickte Leidenschaft. Meine Form von Glück. Schreiben gibt meinem Leben einen Sinn. Ich kann und will mir meine Tage nicht anders vorstellen. Texten ist eine Art zu denken. Es öffnet Türen, erweitert die Sicht, bereichert mein einfaches Schreibtischdasein mit Abenteuern und vervielfältigt das eine einzige Leben ums Tausendfache.

Kurz: Ich besaufe mich schreibend am Leben.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Ich will mich nicht festlegen. Es gibt unzählige Aspekte. Ein jeder ist bemerkenswert.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ich lese ihre Texte. Schaue durch ihre Augen. Vollziehe ihre Gefühle nach. Das genügt.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Mein Erzählband BLATTGOLD erscheint im Oktober 26 beim Atlantis Verlag Zürich. Und ich schreibe an einem Roman, der wohl im Herbst 2027 erscheint.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

Die Sätze: Ich brauche dich nicht, weder dich noch einen anderen, es hat nichts mit dir zu tun, nur mit mir, und das wünsche ich nicht zu erklären! liessen sich leicht denken, aber nicht ohne weiteres in Paris sofort sagen. (Simultan: Drei Wege zum See)

Herzlichen Dank für das Interview!

Margrit Schriber, Schriftstellerin

Foto: Margrit Schriber _ privat

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann.

Walter Pobaschnig, 16.6.26

https://literaturoutdoors.com

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