
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
im Interview _ Ioana Miron, Schriftstellerin _ Bukarest
Liebe Ioana, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Lieber Walter, ich glaube, dass es der lebendige, grüne, kantige Stil ist, das mich an Ingeborg Bachmann schikt. Ich glaube, wir beide verstehen es, in die Tiefe des Seins zu blicken, wir verstehen es, jedes Gefühl zu analysieren, wie tief es auch sein mag, wir verstehen es, jeden Faden aufzunehmen und ihn zu einem Knäuel zu verwickeln, nämlich jenem des geschriebenen Bewusstseins, der Literatur, die wir als Lebensstil angenommen haben.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Sie nutzt die Sprache und ihre Kraft in hohem Maße. Es ist eine Mischung aus Autorität und lyrischer Klarheit, ein spielerisches Gleichgewicht zwischen Intellekt, Emotion und existenziellen Spannungen. All dies wird einzeln betrachtet, verschmilzt aber letztendlich auf künstlerische Weise mit einer einzigartigen Präzision, die immer wieder fasziniert. Ihr Stil besitzt eine zeitlose Lebendigkeit.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Die gestundete Zeit und Der Fall Franza diese beiden Werke sind meiner Meinung nach Meilensteine, sowohl was ihre Schriften betrifft als auch meine spätere Entwicklung als Schriftstellerin. Wenn man Texte findet, mit denen man sich identifizieren kann, wird der Weg des schriftstellerischen Schicksals immer klarer.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte sie gefragt, wie sie dasselbe Bild, dieselbe Silhouette oder dieselbe Figuren wahrnehmen kann, wenn sie von unterschiedlichen Gemütszuständen beherrscht wird. Wie sie den Regen betrachtet, wenn sie traurig oder glücklich ist, wie sie sich in einem Museum verirrt und was sie dann erzählt. Wie sie die Zustände, die sie in den Gesichtern der Menschen ablesen kann, interpretiert.
Ich würde ihr auch sagen, dass ich mich in ihr wiederfinde, als hätten wir als Kinder zusammen gespielt und unsere Wege hätten sich irgendwann unwiderruflich getrennt. Doch ihr Eindruck, das, was in unserer gemeinsamen Erinnerung geblieben ist, würde mich immer leiten.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Meine Hauptprojekte sind meine Kinder. Es ist mir sehr wichtig, dass sie zu Menschen mit einem ausgeprägten Charakter heranwachsen. Daher schreibe ich still, übersetze viel, entdecke Welten durch die Verse und epischen Passagen von Schriftstellern. Ich möchte nicht so sehr poetische oder epische Stile kennenlernen, sondern auch Fragmente von Leben, die darin geschildert werden. Meine Projekte scheinen sich von selbst zu entwickeln, ich gebe ihnen nur die Richtung vor, und wenn die Zeit reif ist, werden sie sich von selbst bemerkbar machen. So finde ich zu mir selbst zurück, erschaffe mich neu, stelle mich wieder zusammen: durch Schreiben.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
»Lesen ist ein Laster, das alle anderen Laster ersetzen kann oder zuweilen an ihrer Stelle intensiver allen zum Leben verhilft, es ist eine Ausschweifung, eine verzehrende Sucht. Nein, ich nehme keine Drogen, ich nehme Bücher zu mir, Präferenzen habe ich freilich auch, viele Bücher bekommen mir nicht, einige nehme ich nur am Vormittag ein, andere nur in der Nacht, es gibt Bücher, die ich nicht loslasse, ich ziehe herum in der Wohnung mit ihnen, trage sie vom Wohnzimmer in die Küche, ich lese stehend im Korridor …«
Aus dem Roman Malina
Weil ich selbst büchersüchtig bin. Und neben meinem Bett liegen immer Bücher. Edvard Munchs Tagebuch, Thomas Manns Doktor Faustus, Die stumme Patientin von Alex Michaelides, Being a man von Siri Hustvedt, Michael A. Singers Die Seele wird frei sein… Und viele andere, die wiederkehren oder umherirren wie die Träume.
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person/über mich _ Ioana Miron, geboren 1989 in Botoşani, Rumänien, schreibt Gedichte und hat vor kurzem Zeit begonnen, mit Prosa zu jonglieren, um ihre eigene Realität zu überdenken und zu polieren. Sie übersetzt Gedichte und Prosa aus dem deutschen und nordischen Raum. Sie ist auch Illustrator und Grafiker und Mitglied für Pen Rumänien. Sie lebt derzeit in Bukarest. (Iona Miron, 11/2022)
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann.
Foto: Ioana Miron_ privat
Walter Pobaschnig, 29.7.26

















































































