„Leider wird Bachmann immer aktueller. Rechtskonservative Strömungen verstärken sich, die Frauen sollen wieder ausschließlich im Privaten tätig sein und die Familie zusammenhalten. Sie sollen Kinder bekommen und sich nur äußern, wenn der Mann dies gestattet.“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Ana Maria Blanco, Schriftstellerin _ Baden Württemberg/D 14.10.2026

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann auf der Terrasse in ihrer Wohnung in Rom,
Bocca de Leone, um 1970
Ana Maria Blanco, Autorin,
Klangkünstlerin und Vokalistin

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _  Ana Maria Blanco, Autorin, Klangkünstlerin und Vokalistin _ Baden Württemberg/D

Liebe Ana Maria, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Ich habe Ingeborg Bachmann in der Schule kennengelernt. Da ich bereits als kleines Mädchen viel geschrieben und gelesen habe, war ich die Einzige, die der Lyrik im Unterricht etwas abgewinnen konnte. Ich hatte bereits in der Grundschule einen lila Ordner, indem ich alles sammelte, was ich schrieb. Comics, selbstgebastelte Schatzkarten, Theaterstücke-kamen später dazu-Rätsel, Bilder und Gedichte. Es war ein Mitbringsel meines Vaters aus der Joghurt-Fabrik, in der er damals arbeitete. Zwei meine Texte wurden in der Heilbronner Stimme veröffentlicht, da war ich in der 10.Klasse.

Ingeborg Bachmanns Rolle in der Aufarbeitung der Nationalsozialistischen Diktatur und der anhaltenden verkrusteten Machtstrukturen, die nicht zuletzt die wirkliche Emanzipation der Frau, und auch und vor allem der künstlerisch tätigen Frau, behinderten, war in ihren Texten allgegenwärtig und hat mich sehr beeindruckt.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Ingeborg Bachmanns Texte sind sprachlich präzise und gleichzeitig bildreich metaphorisch. Sie ermöglichen damit einen intellektuellen und gleichzeitig einen unmittelbar emotionalen Zugang.

Ihre Texte sind zeitlos, es ist erstaunlich, dass trotz des immanenten Zeitbezugs ihre Texte auch heute noch mit den Lesern in Beziehung treten. Ich habe mich immer stark von ihren Natur-Metaphern und Bildern angesprochen gefühlt. Sie sind auch ein wesentliches Element in meinen Texten. Obwohl der Mensch ein Homo technicus geworden ist im Zeitalter des Transhumanismus, holen uns Sterblichkeit, Krankheit und Naturkatastrophen immer wieder auf den Boden unseres allzu fleischlichen Körpers. Wir existieren nur scheinbar abgekoppelt von der Natur. Hat der der gläubige Mensch seine Unsterblichkeit im transzendentalen Ewigkeitsversprechen monotheistischer Religionen gesucht, glaubt der Homo technicus seine Verletzlichkeit mit den Mitteln der Medizintechnologie zu bannen. Wann hört der Mensch auf, Mensch zu sein? Spätestens dann, wenn seine Gedanken, Wünsche und Werke in einer Cloud gespeichert sind? Wie im philosophischen Dilemma „ Schiff des Theseus“ ergeben sich existenzielle Fragen nach dem Überleben des Subjekts.

Ingeborg Bachmanns Texte führen uns vor Augen, dass der Mensch immer noch ein „Homo natura“ ist. Mit dem Einbrechen der Nacht kommen die Zweifel und die Angst „meine Zweifel, bitter und ungestillt“ eine Zeile aus „Dem Abend gesagt“ in sämtliche Gedichte, Piper Verlag.
Nietzsche hat den Begriff des „Homo natura“ geprägt und wies uns darauf hin, dass wir nicht nur Geistwesen sind, sondern auch Natur- und Körperwesen.
Hier soll sich der Mensch zwar eben nicht nur als animalisches Prinzip erweisen, sondern durch den „Willen zur Macht“ als Mensch selbst erschaffen, um überhaupt als ein Subjekt in der Natur zu existieren. Nur der Wille zur Transformation und Entwicklung macht aus Homo ein Homo natura. Der „Wille zur Macht“ wurde ja im Nationalsozialismus pervertiert und umgedeutet. Nietzsche meinte allerdings nicht die Idee einer Herrenrasse, die alles vernichtet was nicht ins Konzept passt, sondern die Schaffenskraft des Menschen, die den Menschen erst zum Menschen macht.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Sämtliche Gedichte, erschienen im Piper Verlang :„Die gestundete Zeit“, 1953 erschienen, ist eines meiner Lieblingsgedichte. Enthalten ist auch der Band „Anrufung des Großen Bären“.
„Wir haben es nicht gut gemacht“ .Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch.

Hinweisen möchte ich auch auf ihre Hörspiele, die um 1989 im SWR 2 liefen: Zitat: https://www.ardsounds.de/episode/urn:ard:episode:923b4fd198955190/:
“Ingeborg Bachmann schuf drei bedeutende Original-Hörspiele, die als Klassiker der Literaturgeschichte gelten. Ihre Werke prägten das moderne Hörspiel als eigenständige Kunstform“.

 Der gute Gott von Manhattan (1958) und Die Zikaden (1955).

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Leider wird sie immer aktueller. Rechtskonservative Strömungen verstärken sich, die Frauen sollen wieder ausschließlich im Privaten tätig sein und die Familie zusammenhalten. Sie sollen Kinder bekommen und sich nur äußern, wenn der Mann dies gestattet. In Afghanistan erleben wir, dass eine Frau weder singen, noch sonst irgendwie in der Öffentlichkeit präsent sein darf. Das Netz ist voll mit irgendwelchen Alpha-Männern, die eine Form der Maskulinität befeuern, die sich durch Gewalt und Dominanz äußert. Statt im Einklang mit der Natur zu leben, wird gegen die Natur gelebt. Klimakrisen und Zerstörung der Lebensgrundlagen werden geleugnet für ein „wir machen weiter wie bisher“. Die Welt ginge auch morgen nicht unter, sagte Minister Friedrich Merz unlängst.

Alte Männer führen wieder Krieg gegeneinander, statt auf Kooperation und Verständigung zu setzen.
Während Frauen etwas verändern möchten- Fridays for Future hat, neben Luisa Neubauer und Greta Thunberg ( kontroverse öffentliche Person), viele Frauen als Mitglieder- werden aktuell reaktionäre Kräfte mit völkischem Denken immer stärker. Allerdings muss ich auch anmerken, dass nicht wenige Frauen sich der AfD anschließen und Trump auch von vielen Frauen gewählt wurde. Eine Katastrophe!

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Wir leben immer noch zwischen dem Wunsch nach inniger Bindung und dem Bedürfnis nach Selbstständigkeit und Selbstbehauptung. Liebe erfordert Hingabe und genau dann sind wir alle am Verwundbarsten. Literatur braucht auch Hingabe, sich mit allem was man hat und ist, ins Geschehen zu werfen. Das macht Künstler so verletzlich.

Gerade in Beziehungen, die von Künstlern und Musikern geführt werden, ist die schreibende Frau auch immer Konkurrentin. In dem Film(2023) „Anatomie eines Falls“ mit Sandra Hüller, erleben wir, wie die Schriftstellerin und ihr Werk in der Gerichtsverhandlung seziert werden und der Konflikt des Schriftstellerpaares mit der fiktionalen Welt der Literatur kollidiert und verschmilzt. Während die Schriftstellerin immer erfolgreicher wird, leidet ihr Mann an einer Schreibblockade. Ist der Tod des Mannes ein Unfall oder wurde er von seiner Frau getötet? Die bisexuelle Autorin wird vom Staatsanwalt als egoistisch und streitlustig dargestellt, privateste Aufnahmen in der Öffentlichkeit verhandelt.
Die Rollenverteilung und Machtverhältnisse sind in gleichberechtigten Beziehungen Verhandlungsmasse und eine Schriftstellerin, gerade wenn erfolgreich, scheint eine Provokation der Evolution zu sein.

Das Selbstverständnis des Mannes, ist oftmals das eines Eroberers, der sich seiner Frau nur dann gewiss zu sein scheint, wenn diese sich ihm unterordnet. Das widerstrebt der Schriftstellerin.
Im veröffentlichten Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Max Frisch (Wir haben es nicht gut gemacht) erscheint ja der Dialog, dass Frisch der Herr sei und Bachmann die Magd.

Dies ergab sich während einer schweren Krise im Sommer 1959, als die ungleiche Rollenverteilung in ihrer Beziehung im Briefverkehr thematisiert wurde.

Die Begriffe „Herr“ und „Magd“ gehen wohl auf eine von Frisch eingebrachte Metaphorik zurück. Bachmann wehrt sich in einem Brief dagegen, dieses destruktive Machtgefälle aufrecht zu erhalten („Lass uns also nicht Herr und Magd spielen!“), während Frisch entgegnet, er wolle nicht ihr Herr sein.

Simone de Beauvoir und Paul Sartre siezten sich und auf de Beauvoir geht die berühmte Aussage zurück „On ne naît pas femme: on le devient.“ Das lässt sich übersetzen in„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg
Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

In den Nachkriegsjahren war Ingeborg Bachmann sicherlich eine Pionierin der Literatur im deutschsprachigem Raum. Schreiben findet nicht in der Öffentlichkeit statt und setzt einen gewissen Willen zur Emanzipation von bekanntem und etabliertem voraus. Schreiben gleicht einem Blindflug in unwegsamen Terrain.

Im stetigen Dialog mit sich selbst, um eine neue Sprache ringend, die gleichzeitig von anderen verstanden werden muss, findet eine Entgrenzung statt, eine Entäußerung, die mit Vertrautem bricht. Das alles ohne Netz und doppeltem Boden und damals in der Stille, die nur vom Geklapper der Schreibmaschine begleitet wird.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Ihre Genussfähigkeit, ihren Mut, ihre Bereitschaft Risiken einzugehen und all das in eine Sprache zu kleiden, die immer noch berührt.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte gerne gewusst, ob sie, neben ihren Erfolgen und der Anerkennung durch die bedeutenden literarischen Zirkel, einsam gewesen ist.
Mich würde es auch interessieren, wie hart es war, sich als Frau zu behaupten, die alle die Forderungen, wie eine Frau zu sein habe, unterlief. Die in Italien lebte, liebte und schrieb und mit einem der bekanntesten Schriftsteller seiner Zeit eine On- Off- Beziehung hatte und sich seiner Kritik und auch Anerkennung stellte.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich arbeite an mehreren Gedichtzyklen „ Die Farben des Wassers“ , „Alltagsfriktion“ und „Kriege“. Gleichzeitig schreibe ich an einem Buch, das sich mit den Themen Migration und Gewalterfahrungen auseinandersetzt. Ich nehme auch immer wieder an Preisen und Ausschreibungen teil.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

Im Wintersemester 1959/60 hielt Ingeborg Bachmann als erste Dichterin überhaupt die neu ins Leben gerufene Frankfurter Poetikvorlesung an der Johann Wolfgang-Goethe-Universität. Unter dem Titel „Probleme zeitgenössischer Dichtung“ hielt sie fünf wegweisende Vorträge, die ihre ästhetischen Überzeugungen und ihre strenge Sprachmoral definieren.

„Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht.“ Ingeborg Bachmann äußerte diesen Satz im Jahr 1959 in ihren Frankfurter Poetikvorlesungen (Vorlesung „Figuren und Scheinfragen“).

Herzlichen Dank für das Interview!

Ana Maria Blanco, Autorin,
Klangkünstlerin und Vokalistin

Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze

Fotos: Ana Maria Blanco _ privat

Walter Pobaschnig, 23.8.2026

https://literaturoutdoors.com

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