glaskörper schäumen in deiner wut / deine sicht irrt getrübt seit zwölftausend jahren
in die netzhaut deiner feldzüge / fällt kein Licht / nur die linse singt
von mouches volantes / im fadenschein deiner weste
erstickst du w:orte / nicht das kind / unter den trümmern summt es
polyphon / suche das meer / bevor du erblindest / werde
einzeller / sei ursprung & / schwimme in der nahrungskette
auf dem grund / fleischlos als alge oder wimperntierchen / gleite
chemisch & / fröne dich der photosynthese
entfärbe dich / in der nacht / bist du namenlos / & kein
adieu erreicht je deine küsten / dort
changieren schatten / immer wieder
häutest du dich / bis auf die knochen / hüllenlos
als kleinstpartikel / bist nicht einmal mehr feinstaub / auf deinen
narben klebt noch blut / doch das kind zeigt
courage & / flicht neue sprachen in die ruinen / bald schon
erblüht der mohn / aus deiner abwesenheit
Mona Schwarz, 31.5.2025
„Inspiration und Titelgeber zum Gedicht war mein Sohn (5 Jahre), der mich vor vier Wochen fragte, ob man den Krieg denn nicht kaputt machen könne, und dass wenn er zu uns käme, er dies tun würde. Das hat mich berührt und nachdenklich gestimmt, denn obwohl wir uns nicht in einer solchen Situation befinden, denkt mein Kind darüber nach.“ Mona Schwarz
Mona Schwarz, Schriftstellerin
GIVE PEACE A CHANCE
Mona Schwarz, Schriftstellerin
Zur Person:Mona Schwarz (*1984) studierte Kulturwissenschaften, Spanisch und Tourismusmanagement. In Spanien war sie 15 Jahre als Übersetzerin und Sprachlehrerin tätig. Als Co-Host des Podcasts „Worte:Leben“ spricht sie über die Kompatibilität von Beruf, Familie und Schreiben. Sie ist Vorstandsmitglied im Lyrikverein „Vers & Vielfalt“ und Redakteurin des Kunst- und Literaturmagazins „¡Arte.Mira!“. Erste Veröffentlichungen in der St.Pöltner Literaturzeitschrift „Die Brache“ sowie in der Salzburger Literaturzeitschrift „mosaik“, dem Schweizer Germanistikmagazin „Denkbilder“, der Literaturzeitschrift „KARUSSELL“, dem Prosamagazin „introspektiv“ und dem Jahrbuch der Lyrik 2025 | AG Literatur. Aktuell lebt und arbeitet sie in Freiburg im Breisgau. Sie schreibt Lyrik und Prosa.
Liebe Mona Schwarz, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Vermutlich deckt sich mein Tagesablauf unter der Woche mit dem vieler berufstätiger Eltern u./o. Schreibender: Ich starte früh und ruhe spät. Kaffee spielt dabei eine entscheidende Rolle, und ich habe aufgehört, mich zu fragen, ob das gesund ist.
Am Vor- und Nachmittag bin ich stellvertretende Beauftragte für Chancengleichheit, arbeite in der Weiterbildungsberatung und unterstütze bei der Arbeitssuche. Danach gehört die Zeit meinen Kindern.
Wenn es der Kopf zulässt, schreibe oder lese ich abends. An den Wochenenden länger und mehr. Das Schreiben ist mir wichtig, mein Brotjob auch, und obwohl es zweifelsohne ein Balanceakt ist, alles unter einen Hut zu bringen, wäre ich wohl nicht der Mensch und die Schreibende, die ich bin, ohne all die anderen Leben in meinem Leben. Meine Freizeit verbringe ich gerne in der Natur, oder ich tanze Stepp und singe – letzteres nicht gut, aber ständig und laut.
Ansonsten bin ich Co-Host in einem Podcast, Redakteurin in einem Literaturmagazin und Vorstand in einem Lyrikverein. Ich schreibe und lebe dazwischen, am liebsten gleichzeitig.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Da ich nicht für jede*n antworten kann und möchte, beantworte ich diese Frage für mich. Ich denke, wir sollten lernen, wieder mehr miteinander zu sprechen, anstatt nur zu sprechen. Kommunikation, Akzeptanz und Toleranz sind gerade in diesen Zeiten wichtiger denn je. Ich wünsche mir, dass wir einander zuhören, anstatt nur zu hören.
Ich wünsche mir mehr Authentizität.
Wünsche mir echte Menschen mit echten Werten und echten Worten.
Mehr Empathie, weniger Selbstdarstellung und mehr Raum.
Mehr Raum für Fragen und Austausch.
Dass wir hinsehen, anstatt nur zu schauen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Was für den einen Aufbruch und Neubeginn ist, muss es für den anderen nicht unbedingt sein. Wesentlich für mich, angesichts politischer u./o. gesellschaftlicher Entwicklungen und für jegliche Form der Kontinuität, sind meine Familie und mein soziales Umfeld. In Sicherheit und Frieden zu leben, ist keine Selbstverständlichkeit, und ich denke, dass gerade Kunst und Literatur durch die Zeit(en) tragen, ja sogar tragen müssen, weil sie an- und aussprechen, offenbaren, entfesseln und manchmal entblößen. Das bedeutet Bewusstsein und Verantwortung für jede*n Kunstschaffende*n. Für sich selbst und andere.
Was liest Du derzeit?
Aktuell lese ich den Lyrikband „entschämungen“ von Siljarosa Schletterer, von Christine Lavant „Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus“, als Jahreslektüre immer wieder „Der Winter dauerte 24 Jahre“ von Marie T. Martin, den Erzählband „Würdest du bitte endlich still sein“ von Raymond Carver und „Unterwegs“ von Jack Kerouac.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Aus Marguerite Duras’ „Schreiben“:
Das Schreiben macht mich zu einem Wilden. Man kehrt zu einer Wildheit zurück, die vor dem Leben da war. Und man erkennt stets wieder, es ist jene der Wälder, alt wie die Zeit. Ein Zustand der Angst vor allem, die sich unterscheidet und doch untrennbar ist vom Leben…Man muss stärker sein als man selbst, um mit dem Schreiben zu anzufangen, man muss stärker sein als das, was man schreibt. Das ist eine merkwürdige Sache, ja…und es ist auch das heftigste Glück. Immer, das glaube ich.
Und aus „Andalemania“ das Gedicht „Dichter Ort II“ von José F.A. Oliver:
im hautgrund die uhr
ins nirgendwo der zeit
als das auge noch meer war
Vielen Dank für das Interview, liebe Mona!
Ich habe zu danken! Herzliche Grüße aus Freiburg.
Vielen Dank für das Interview, liebe Mona, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Mona Schwarz, Schriftstellerin
Zur Person:Mona Schwarz (*1984) studierte Kulturwissenschaften, Spanisch und Tourismusmanagement. In Spanien war sie 15 Jahre als Übersetzerin und Sprachlehrerin tätig. Als Co-Host des Podcasts „Worte:Leben“ spricht sie über die Kompatibilität von Beruf, Familie und Schreiben. Sie ist Vorstandsmitglied im Lyrikverein „Vers & Vielfalt“ und Redakteurin des Kunst- und Literaturmagazins „¡Arte.Mira!“. Erste Veröffentlichungen in der St.Pöltner Literaturzeitschrift „Die Brache“ sowie in der Salzburger Literaturzeitschrift „mosaik“, dem Schweizer Germanistikmagazin „Denkbilder“, der Literaturzeitschrift „KARUSSELL“, dem Prosamagazin „introspektiv“ und dem Jahrbuch der Lyrik 2025 | AG Literatur. Aktuell lebt und arbeitet sie in Freiburg im Breisgau. Sie schreibt Lyrik und Prosa.
Sophie Sumburane, Schriftstellerin _ Bachmannpreis Nominierung2025
Sophie Sumburane, Schriftstellerin _ Bachmannpreis Nominierung2025
Liebe Sophie Sumburane, herzliche Gratulation zur Bachmannpreisnominierung! Wie und wann hast Du von Deiner Nominierung erfahren? Was war Deine erste Reaktion und wie sieht jetzt die Vorbereitung aus?
Erstmal: Vielen Dank! Es hat mich ein freundlicher Mensch aus der ORF Redaktion angerufen, um mir zu gratulieren, ich glaube, da hatte ich gerade meine Kinder in die Schule geschickt und mich zum Arbeiten an den Schreibtisch gesetzt.
Meine Vorbereitung sieht jetzt so aus, dass ich vor allem versuche mich in den kommenden Tagen gut abzulenken, um mich nicht verrückt zu machen und natürlich auf die Lesung vorbereite, um mich am Tag der Tage dann möglichst sicher zu fühlen. Alles andere liegt sowieso nicht in meiner Hand.
Wie war Dein Weg zum Schreiben?
Schreiben wollte ich schon immer. Bücher haben mich dank meiner Oma und meiner Mutter, die mich früh damit versorgt haben, schnell fasziniert und ich habe als Kind und Jugendliche viel gelesen. Der Beruf der Autorin erschien mir darum ein sehr faszinierender zu sein und ich habe mich selbst darin ausprobiert, Geschichten nicht nur zu erfinden, sondern auch aufzuschreiben. Und der Wunsch hielt sich hartnäckig, also besuchte ich schließlich in Leipzig verschiedene Lesebühnen mit eigenen Texten, wo ich dann einem Verleger auffiel. Seit dem kann ich nicht mehr ohne das Schreiben, auch wenn bis heute der Weg bis hierher alles andere als gradlinig war. Aber jeder hat eben seinen eigenen Weg und der ist nicht immer nur vorwärts.
Wie sieht der Schreibprozess bei Dir aus, gibt es etwa bestimmte Routinen, was inspiriert Dich und was ist Dir in Deinem Schreiben wichtig?
Spaziergänge inspireren mich. Ich mag, dass meine Heimatstadt Potsdam eine Insel ist und man so immer irgendwie am Wasser ankommt. Ansonsten habe ich zwar einen festen Arbeitsplatz, nutze aber viel öfter das Bügelbrett als Stehpult oder fahre in die Bibliothek. Zu meinen Routinen gehört in erster Linie Kaffee und der Versuch, zur Ruhe zu kommen.
Was hast Du mit Ingeborg Bachmann gemeinsam?
Ich hatte eigentlich gedacht, bis auf das Frausein nicht sehr viel. Aber je mehr ich sie las, desto besser sah ich auch mich in ihrem Werk und stellte fest: doch ganz schön viel.
Bitte assoziiere zu den Stichworten:
Gegenwart
Zu großen Teilen abgespalten.
Literatur
Sich was anderes trauen.
Leben
Empathietraining.
Klagenfurt
Bachmannpfad.
Preis
Tja.
Vielen Dank für das Interview! Viel Freude und Erfolg in Klagenfurt!
Zur Person:Sophie Sumburane, D
Geboren 1987 in Potsdam, lebt und arbeitet ebenda. Liest auf Einladung von Mithu Sanyal. Studium der Germanistik und Afrikanistik an der Universität Leipzig. Publizierte ihren ersten Roman noch während des Studiums. Sie ist Autorin von drei Romanen, mehreren Kurzgeschichten und Essays und engagiert sich in unterschiedlichen Netzwerken und Vereinen.
Veröffentlichungen (Auswahl)
Romane
Gestörte Verhältnisse. fhl Verlag, Leipzig, 2012
Gefährlicher Frühling. Pendragon, Bielefeld, 2014
Tote Winkel. Edition Nautilus, Hamburg, 2022
Essay: Verbündet Euch! Für eine bunte, solidarische und freie Gesellschaft. Denkfabrik (Hrsg.), Edition Nautilus, Hamburg, 2021
Essay: Mit Baby in Randomkleinödland. In: Carolin Callies (Hrsg.): Literaturmagazin poetin nr. 25. Poetenladen Verlag
Worüber man nicht Spricht. Hörspiel in sechs Teilen. Mit Jenny König, Sascha Nathan, Karin Hanczewski, Anne Ratte-Polle u. v. a. Musik: Andreas Bernhard; Regie: Kirstin Petri (Produktion: SWR 2024 – Premiere)
Herausgeberin von Roter Staub: Mosambik am Ende der Kolonialzeit. Mit einem Nachwort von Sophie Sumburane. Roman. Weidle Verlag, Bonn 2019
Auszeichnungen und Stipendien (Auswahl)
Arbeitsstipendium des Brandenburger Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur, 2023
Pressekonferenz Bachmannpreis 2025 _ 19.5.2025 Musilhaus Klagenfurt _ Veranstalter und Sponsoren (v. l. n. r.): Reinhard Draxler (KELAG-Vorstand), Brigitte Winkler-Komar (Land Kärnten, Leiterin Kunst und Kultur), Nadja Kayali (Intendantin Carinthischer Sommer), Horst L. Ebner (Koordinator Tage der deutschsprachigen Literatur), Christian Scheider (Bürgermeister von Klagenfurt), Karin Bernhard (ORF-Landesdirektorin), Franz Petritz (Stadtrat von Klagenfurt/Kulturreferent), Ursula Schirlbauer (ORF/3sat), Julian Geyer (Gemeinderat der Landeshauptstadt Klagenfurt am Wörthersee), Michaela Werblitsch (BKS Bank, Leiterin Communication & ESG) und Klaus Wachschütz (Technischer Leiter ORF Kärnten & Regisseur Ingeborg-Bachmann-Preis)
Autorinnen und Autoren 2025
14 Autorinnen und Autoren aus Deutschland, der Schweiz und Österreich lesen um den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis.
Thomas Bissinger, D
Natascha Gangl, A
Max Höfler, A
Nefeli Kavouras, D
Fatima Khan, D
Laura Laabs, D
Kay Matter, CH
Tara Meister, A
Nora Osagiobare, CH
Josefine Rieks, D/A
Almut Tina Schmidt, D/A
Boris Schumatsky, D
Verena Stauffer, A
Sophie Sumburane, D
Die Jury
Vorsitzender Klaus Kastberger, Graz (A)
Mara Delius, Berlin (D)
Laura de Weck
Mithu Sanyal (D)
Brigitte Schwens-Harrant, Wien (A)
Thomas Strässle (CH)
Philipp Tingler, Zürich (CH)
Am 29. Juni wird in Klagenfurt am Wörthersee der 49. Ingeborg-Bachmann-Preis vergeben. Die Tage der deutschsprachigen Literatur 2025 finden vom 25. bis 29. Juni im ORF-Theater des Landesstudios Kärnten statt.
Lieber Thomas Liesinger, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Unterschiedlich. Montags und dienstags unterrichte ich Trompete in meinem kleinen Studio im 16. Bezirk. Davor oder danach übe ich meistens noch. An den restlichen Tage sind entweder Proben, oder Konzerte. Wenn wenig los ist, verwende ich die Zeit zum Komponieren.
Thomas Liesinger, Musiker
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Weniger oder besser reguliertes social media würde unserer Gesellschaft gut tun.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Ich finde Kunst hat eine ähnliche Aufgabe wie Journalismus. Gesellschaftliche Entwicklungen zu beobachten, kritisieren und kommentieren, ist vielleicht wichtiger denn je, in einer Zeit wo wir so stark von allen Seiten beschallt werden und der Egoismus wieder groß in Mode ist.
Was liest Du derzeit?
Bertolt Brecht – Flüchtlingsgespräche
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“
Vielen Dank für das Interview, lieber Thomas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Thomas Liesinger, Musiker
Zur Person:Thomas Liesinger (Musiker), 1160 Wien
geboren 1987 in Bregenz, studierte Trompete an derUniversität für Musik und darstellende Kunst Wien. Seit 2015 arbeitet er als freischaffender Musiker und Musikpädagoge in Wien. Im Mittelpunkt seiner künstlerischen Arbeit stehen freie Improvisation, die Erarbeitung zeitgenössischer Spieltechniken und die elektronischeProzessierung des Trompetenklangs. Besonderen Fokus legt er auf transdisziplinäre Projekte, wie zum Beispiel Mandelbox (zeitgenössische Musik und Tanz) und kit cut (freie Improvisation und bildende Kunst).
Liebe Natascha Gangl, herzliche Gratulation zur Bachmannpreisnominierung! Wie und wann hast Du von Deiner Nominierung erfahren? Was war Deine erste Reaktion und wie sieht jetzt die Vorbereitung aus?
Vielen lieben Dank! Ich wurde von Brigitte Schwens-Harrant nach einer Lesung im Rahmen ihrer „Werk.Gänge“ eingeladen, ihr einen Text für den Wettbewerb vorzuschlagen. Es hat sich nach einem guten Moment dafür angespürt und ich habe einen Text für Klagenfurt/Celovec geschrieben, den sie glücklicherweise mochte. Große Aufregung. Versuche gerade viel Ruhe in der Südoststeiermark für die turbulenten Tage zu sammeln und konzentriert weiterzuarbeiten.
Wie war Dein Weg zum Schreiben?
Ich kann mich nicht erinnern, wann es begonnen hat. Öffentlich geworden sind Texte von mir zum ersten Mal 2007 mit der Nominierung für den Retzhofer Dramapreis. Die Wege, auf die mich das Schreiben schickt, verwandeln sich oft. Aus einem Sprechtext wird ein Buch, dann ein Hörstück, ein Theaterstück, dann eine Ausstellung, dann wieder ein Buch. Manchmal inszeniere ich die Texte oder installiere oder performe sie, gern schreibe ich für andere, oft entwickle ich Stücke im Kollektiv mit Künstler:innen anderer Sparten – gerade arbeite ich sehr dokumentarisch. Alles glücklicherweise sehr unvorhersehbar und unplanbar.
Wie sieht der Schreibprozess bei Dir aus, gibt es etwa bestimmte Routinen, was inspiriert Dich und was ist Dir in Deinem Schreiben wichtig?
Routinen – kann ich nicht.
Zerlegen und wieder zusammensetzen, zersetzen und wieder zusammenlegen, widersetzen und sammeln und legen und wieder von vorne. Das ist vielleicht, was ich mache. Aus einer Arbeit eine andere entwickeln, alles verflechten und wieder zurück, umbauen, umstellen, zerlegen usw. usw.
Was hast Du mit Ingeborg Bachmann gemeinsam?
Ich weiß nicht. Ich habe von ihr geträumt. Genauer: Von einem Interview, das sie gegeben hat. Den Traum habe ich an den Anfang meines Buches „Das Spiel von der Einverleibung. Frei nach Unica Zürn“ gestellt:
Du stehst im Raum, es ist dunkel. Du hörst eine Türe sich öffnen und kein Körper, aber eine Stimme tritt ein. Es ist die Stimme von Ingeborg Bachmann, die sich langsam Worte sucht:
„Die Bewusstseinslage in einer Zeit … das heißt doch nicht, dass man die Sätze nachspricht … die diese Gesellschaft spricht …, sondern sie muss sich anders zeigen … radikal anders zeigen … sonst würden wir nie wissen … was diese Zeit war. (…)“
Bitte assoziiere zu den Stichworten:
Gegenwart – GARTENWEG
Literatur – IRRTE LAUT
Leben – NEBEL
Klagenfurt –RUFTEN KLANG
Preis – RISPE
Vielen Dank für das Interview! Viel Freude und Erfolg in Klagenfurt!
Danke Ihnen lieber Walter Pobaschnig!
Zur Person:Natascha Gangl, geboren 1986 in Bad Radkersburg, lebt in Wien und der Südoststeiermark. Liest auf Einladung von Brigitte Schwens-Harrant.
Natascha Gangl studierte Philosophie in Wien und Szenisches Schreiben bei uniT Graz. Sie lebte in Mexiko und Spanien. Gangl schreibt Prosa, Essays und Sprechtexte, entwickelt Musik- Objekt- und Sprechtheater sowie Hörstücke, die auch zu Ereignissen und Ausstellungen werden.
Veröffentlichungen (Auswahl)
„FRISCHE APPELLE & andere Sprechtexte“, Ritter, 2025
„Zwei Millionen Zeichen. Begegnungen mit dem Schriftsteller Peter Waterhouse“ SWR, 2024
„staub … a little mindblow*“, Spitzwegerich, Theater am Werk, Wien, 2024
„The Cosmic Strips. Klangcomics frei nach Matta“ mit Rdeča Raketa. Kunstforum Wien, 2024
„Öffnungen. Eine Mexiko-Archäologie“ SWR, 2023
„La manzana mexicana oder Burros in Mexiko. Ein Radioessay“, mit A. Castelló, SWR/ORF, 2022
„Einsame Ameisen Amnesie. Ein Klangcomic frei nach Anestis Logothetis“ mit Rdeča Raketa. Hörstück und Live-Performances, Wien Modern/ORF, seit 2021
„Pick mich auf. Ein Low-Tech-Spektakel“, Spitzwegerich, Theater am Werk, Wien, 2021
„Die Revanche der Schlangenfrau. Ein Klangcomic frei nach Unica Zürn.“ mit Rdeča Raketa. Hörstück, Live-Performances, Ausstellungen, LP Mamka Records/ORF, seit 2019
„Das Spiel von der Einverleibung. Frei nach Unica Zürn.“ Mit Bildern von T.Camuñas, starfruit publications, 2020
„Wendy Pferd Tod Mexiko. Ein Klangcomic.“ mit Rdeča Raketa, Hörstück, Live-Performances, div. Tonträger und Kunstbuch, MAMKA Records, seit 2016
„ein Fest der Literatur, ein Fest der Weltoffenheit und ein Fest der Menschlichkeit.“ TddL (Tage der deutschsprachigen Literatur) Organisator Horst L. Ebner, ORF Kärnten.
Die Tage der deutschsprachigen Literatur 2025 finden vom 25. bis 29. Juni im ORF-Theater des Landesstudios Kärnten statt.
Pressekonferenz Bachmannpreis 2025 _ 19.5.2025 Musilhaus Klagenfurt _ Veranstalter und Sponsoren (v. l. n. r.): Reinhard Draxler (KELAG-Vorstand), Brigitte Winkler-Komar (Land Kärnten, Leiterin Kunst und Kultur), Nadja Kayali (Intendantin Carinthischer Sommer), Horst L. Ebner (Koordinator Tage der deutschsprachigen Literatur), Christian Scheider (Bürgermeister von Klagenfurt), Karin Bernhard (ORF-Landesdirektorin), Franz Petritz (Stadtrat von Klagenfurt/Kulturreferent), Ursula Schirlbauer (ORF/3sat), Julian Geyer (Gemeinderat der Landeshauptstadt Klagenfurt am Wörthersee), Michaela Werblitsch (BKS Bank, Leiterin Communication & ESG) und Klaus Wachschütz (Technischer Leiter ORF Kärnten & Regisseur Ingeborg-Bachmann-Preis)
Autorinnen und Autoren 2025
14 Autorinnen und Autoren aus Deutschland, der Schweiz und Österreich lesen um den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis.
Thomas Bissinger, D
Natascha Gangl, A
Max Höfler, A
Nefeli Kavouras, D
Fatima Khan, D
Laura Laabs, D
Kay Matter, CH
Tara Meister, A
Nora Osagiobare, CH
Josefine Rieks, D/A
Almut Tina Schmidt, D/A
Boris Schumatsky, D
Verena Stauffer, A
Sophie Sumburane, D
Bachmannpreis 2024, folgende
Die Jury
Vorsitzender Klaus Kastberger, Graz (A)
Mara Delius, Berlin (D)
Laura de Weck
Mithu Sanyal (D)
Brigitte Schwens-Harrant, Wien (A)
Thomas Strässle (CH)
Philipp Tingler, Zürich (CH)
Bachmannpreis 2023, Jury
Am 29. Juni wird in Klagenfurt am Wörthersee der 49. Ingeborg-Bachmann-Preis vergeben. Die Tage der deutschsprachigen Literatur 2025 finden vom 25. bis 29. Juni im ORF-Theater des Landesstudios Kärnten statt.
Kay Matter, Schriftsteller _ Bachmannpreis Nominierung2025
Kay Matter, Schriftsteller _ Bachmannpreis Nominierung2025
Guten Tag Kay Matter, herzliche Gratulation zur Bachmannpreisnominierung!
Wie war Dein Weg zum Schreiben?
Bücher waren und sind für mich immer ein großer Trost. Ich hätte einige Phasen in meinem Leben nicht überstanden ohne die Texte und Geschichten anderer. Ich denke, eine Sache, die mich zum Schreiben gebracht hat, ist, dass ich die Endlichkeit von allem kaum ertragen konnte. Ich hatte immer das Gefühl, alles festhalten zu müssen. Als Kind hatte ich zum Beispiel unzählige Sammlungen, u.a. eine Plastiksammlung, die nach Farben sortiert war, eine Sammlung mit gefundenen Vogelfedern und eine Sammlung mit Obst-Stickern, die ich in mein Tagebuch klebte.
Wie sieht der Schreibprozess bei Dir aus, gibt es etwa bestimmte Routinen, was inspiriert Dich und was ist Dir in Deinem Schreiben wichtig?
Die einzige Routine bei mir besteht darin, dass ich mich daran gewöhnt habe, jedes Mal aufs Neue die Angst vor dem Schreiben zu überwinden. Ich sage nicht, dass Schreiben immer mutig ist, ich sage nur, dass ich fast immer Angst davor habe. Wenn ich einmal drin bin, ist es aber der sicherste Ort, den es gibt, und es nimmt mir die Angst vor allem anderen auf der Welt.
Vielen Dank für das Interview! Viel Freude und Erfolg in Klagenfurt!
Zur Person:Kay Matter wuchs in Zürich und in der Provinz Cuneo (IT) auf. Er studierte szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Seine Stücke wurden vielfach ausgezeichnet und international gespielt. 2024 erschien Matters genrebending Romandebüt „Muskeln aus Plastik“ bei Hanser Berlin.
Veröffentlichungen (Auswahl)
Muskeln aus Plastik, Hanser Berlin, 2024
Grelle Tage, Reihe Suhrkamp Theater, 2023
Alias Anastasius, Matter*Verse, Suhrkamp Theaterverlag, Uraufführung 2023 am Berliner Ensemble
„ein Fest der Literatur, ein Fest der Weltoffenheit und ein Fest der Menschlichkeit.“ TddL (Tage der deutschsprachigen Literatur) Organisator Horst L. Ebner, ORF Kärnten.
Die Tage der deutschsprachigen Literatur 2025 finden vom 25. bis 29. Juni im ORF-Theater des Landesstudios Kärnten statt.
Pressekonferenz Bachmannpreis 2025 _ 19.5.2025 Musilhaus Klagenfurt _ Veranstalter und Sponsoren (v. l. n. r.): Reinhard Draxler (KELAG-Vorstand), Brigitte Winkler-Komar (Land Kärnten, Leiterin Kunst und Kultur), Nadja Kayali (Intendantin Carinthischer Sommer), Horst L. Ebner (Koordinator Tage der deutschsprachigen Literatur), Christian Scheider (Bürgermeister von Klagenfurt), Karin Bernhard (ORF-Landesdirektorin), Franz Petritz (Stadtrat von Klagenfurt/Kulturreferent), Ursula Schirlbauer (ORF/3sat), Julian Geyer (Gemeinderat der Landeshauptstadt Klagenfurt am Wörthersee), Michaela Werblitsch (BKS Bank, Leiterin Communication & ESG) und Klaus Wachschütz (Technischer Leiter ORF Kärnten & Regisseur Ingeborg-Bachmann-Preis)
Autorinnen und Autoren 2025
14 Autorinnen und Autoren aus Deutschland, der Schweiz und Österreich lesen um den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis.
Thomas Bissinger, D
Natascha Gangl, A
Max Höfler, A
Nefeli Kavouras, D
Fatima Khan, D
Laura Laabs, D
Kay Matter, CH
Tara Meister, A
Nora Osagiobare, CH
Josefine Rieks, D/A
Almut Tina Schmidt, D/A
Boris Schumatsky, D
Verena Stauffer, A
Sophie Sumburane, D
Die Jury
Vorsitzender Klaus Kastberger, Graz (A)
Mara Delius, Berlin (D)
Laura de Weck
Mithu Sanyal (D)
Brigitte Schwens-Harrant, Wien (A)
Thomas Strässle (CH)
Philipp Tingler, Zürich (CH)
Am 29. Juni wird in Klagenfurt am Wörthersee der 49. Ingeborg-Bachmann-Preis vergeben. Die Tage der deutschsprachigen Literatur 2025 finden vom 25. bis 29. Juni im ORF-Theater des Landesstudios Kärnten statt.
Ist friedlich, doch ich seh´ Kinder spielen – mit Maschinengewehren, die echten zum
Verwechseln ähnlich sehen; sie erschießen sich gegenseitig
Empört sag´ ich: nicht mal zweitausend Kilometer weiter, herrscht wirklich Krieg!, da werden
Papas und Mamas und Jungs und Mädchen wirklich getötet; also sagt euren
Eltern, sie sollen euch lieber Pinsel, Bleistifte oder eine Gitarre kaufen
Anstatt Spielzeugwaffen; so würdet ihr lernen
Chaos und Ordnung in ein harmonisches Verhältnis zu bringen und
Eine schöne Welt erschaffen, eine für
Alle Zeit friedliche Welt!
Cerebral wäre es auch besser für euch Bilder zu malen,
Heitere Geschichten zu erzählen, oder Musik zu machen!
Aber mit einem Gewehr auf andere zielen – immer wieder Krieg spielen
Nein! Nein! Nein! Das muss eine
Chronische Krankheit der Menschen sein und es wird nicht so
Einfach! gehen, diese endgültig loszuwerden! Dazu brauchen wir euch alle!
Martin Trimmel, 25.5.2025
Martin Trimmel, Schriftsteller
GIVE PEACE A CHANCE
Martin Trimmel, Schriftsteller
Zur Person: Martin Trimmel ist 1982 geboren und lebt in Schwarzau am Steinfeld / Niederösterreich und in Wien. Er studierte Philosophie und arbeitet derzeit als Büroangestellter. Zahlreiche Orts- und Jobwechsel prägen ihn und sein Werk. Vor seiner ersten Buchveröffentlichung „Lizzie“ (Lyrik) im Hochroth Verlag erschienen Gedichte auf Online-Portalen und in der Lyrik-Zeitschrift Wortwerk. Lesungen hielt er in Wien bei der Österreichischen Gesellschaft für Literatur und im Werk; in Leipzig auf der Buchmesse und in der Lyrikbuchhandlung und in Niederösterreich im Schloss Fischau.
Lieber Martin Trimmel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Schwer zu sagen: Mein Tagesablauf ändert sich ständig, weil ich immer wieder in neue Situationen gerate.
Vor kurzem habe ich in einer Altbauwohnung in der Josefstadt gewohnt, später in einem kleinen Holzhäuschen in Langenzersdorf, dann in einer kleinen Wohnung, ebenfalls in Langenzersdorf. Jetzt miete ich ein kleines Haus im südlichen Niederösterreich, bin aber vier bis fünf Tage in der Woche in Floridsdorf und übernachte dort auch. Vor allem bin ich jetzt deshalb vorwiegend in Wien, weil in dieser Stadt meine Freundin wohnt, ich da Teilzeit in einem Büro arbeite und ich vor kurzem begonnen habe, gemeinsam mit meiner Freundin Kurzfilme, kurze Videos und eine Lesereihe zu drehen.
Ein bisschen mehr Gleichmaß und Halt genieße ich jedoch mittlerweile. Eben weil ich seit einigen Jahren eine fixe Beziehung und einen relativ fixen Teilzeitjob habe.
Wenn ich, meist unter der Woche, in Wien bin, sieht mein Tag beispielsweise wie folgt aus:
Ich erwache zwischen sieben und halb acht und trinke in Ruhe einen schwarzen Kaffee; ich denke nach, mache die eine oder andere Notiz. Dann gehe ich meistens zu Fuß zur Straßenbahn und fahre mit dieser zum Büro. In der Straßenbahn lese ich ganz kurz; manchmal schreibe ich auch ein paar Zeilen. Um halb zehn beginne ich zu arbeiten. E-Mails checken, E-Mails schreiben und so weiter und so fort bis drei. Da ich mit meiner Freundin zusammenarbeite können wir gleich nach der Arbeit loslegen: neue Ideen austauschen, planen, zu neuen Drehorten fahren oder gehen und oft gleich drehen.
Wenn ich Wien bleibe, essen wir danach zu Abend; oft in einem Restaurant. Im Sommer sitzen wir gerne in Restaurants an der alten Donau.
Zurück in der Wohnung heißt es meistens: kleine Pause. Später, so zwischen acht und halb zwölf, setzt jeder seine Arbeit fort: Meine Freundin schneidet Filme bzw. Videos und ich schreibe: ein paar Zeilen; vielleicht ein paar A5-Seiten mit Bleistift oder ich tippe sie ein, je nachdem, bei welchem Arbeitsschritt ich bin.
Allgemein schreibe ich aber auch viel „im Prozess“, wie ich es nenne, also im Zug, in der Straßenbahn, im Kaffeehaus, in einem Lesesaal,…
Wenn ich nach der Arbeit zurück nach Niederösterreich fahre, sieht der Rest des Tages zum Beispiel so aus: Ich sitze in der Schnellbahn, schließe die Augen, öffne sie wieder, schau auf das Handy; … immer noch – zu lange, denke ich mir, steck es wieder ein, nimm ein Buch, lese eine Runde; ich sollte schreiben, denke ich mir, falls ich gerade an einem Text arbeite, also nehme ich mein Notizbuch als Unterlage, zusammengefaltete A4 Blätter und meinen Bleistift und schreibe ein paar Zeilen oder ein paar A5-Seiten. Manchmal werde ich angesprochen. Etwa von einer älteren Dame, die sagt, sie finde das toll, jemanden, der mit Papier und Bleistift arbeitet, das sieht sie selten. Ich brauche bloß Bildschirmpause, sag ich. Aber um nicht zu viel Ressourcen zu verbrauchen verwende ich vorwiegend graues Recyclingpapier oder Second-Hand-Papier vom Büro; – Fehldrucke, die wir sonst wegschmeißen würden. Das aber denke ich mir nur, weil mein Gewissen mich zwingt, dergleichen dazu zu sagen, wenn auch nur in mich hinein. Denn das hat sie mich gar nicht gefragt, das interessiert sie nicht. Also schreibe ich weiter, setze den Rest des nicht stattgefundenen Dialogs als Monolog in mir fort, grüße freundlich, als sie aussteigt und sie wünscht mir viel Erfolg. Kurz vor Wiener Neustadt packe ich Notizbuch, Papier und Bleistift wieder in den Rucksack. Als der Zug hält, steige ich aus; – und um in die Regionalbahn Richtung Aspang und fahre vier Stationen.
Von jenem kleinen Bahnhof gehe ich zwei bis drei Kilometer bis zum Haus. Wenn ich von der Großstadt komme, gehe ich meist nicht gleich hinein sondern vorerst eine Runde im Wald. Es erwacht die Sucht nach Grün und frischer Luft. Ich gehe und gehe und gehe und atme einige Male ganz tief durch. Dann ziehe ich mich zurück in meine Höhle.
Im Haus angekommen sieht der Ablauf ganz grob meistens folgendermaßen aus: Essen, lesen, schreiben oder schreiben, essen, schreiben, lesen, schreiben. Zwischendurch: Klassik oder Jazz. Und Social-Media-Management. Posten, liken, teilen, kommentieren, Content erstellen; aber Contents erstelle ich meistens gemeinsam mit meiner Freundin in Wien. Sie motiviert und ermutigt mich auch dazu.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Die Wechselwirkung in allen Beziehungen und Bereichen zu sehen. Zu verstehen, dass jeder seinen Beitrag leisten kann. Jeder kann etwas für die Kultivierung, also gegen den Krieg, für die Demokratie also gegen Autokratie, für Umwelt- und Klimaschutz, also gegen die Zerstörung unseres Lebensraums, tun. Jeder kann die Welt, in der wir leben, mit gestalten und erschaffen.
Jedem muss bewusst sein, dass alles zusammenhängt – alles verwoben, verknüpft und verschränkt ist. Dass es auch dort Zusammenhänge gibt, wo man keine wähnt. Und dass jede Entscheidung und jedwede Tat die Welt kreiert und verändert.
Aber die Welt noch surrealer machen, als sie ohnehin ist, sollten wir nur in der Kunst.
Denn in allen anderen Bereichen des Lebens ist das brandgefährlich, weil in denselben ein Wahrheitsanspruch erhoben wird. Es wird zwar auch in der Kunst oft so getan, als würde die Wahrheit gesagt werden, es wird jedoch nicht wirklich ein Wahrheitsanspruch erhoben. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Wir sollten ein Feingefühl entwickeln: dafür, was eher realistisch ist und was weniger; – ein Gefühl für Ausdrucksformen bekommen, in denen Unwahrheiten als Wahrheiten präsentiert werden.
Wir sollten zusammenarbeiten und respektvoll miteinander umgehen. Not – wendige Entwicklungen fördern. Nicht verzichten, aber tun, was die Entwicklung des Lebens fördert. Deshalb gehe ich viel zu Fuß, anstatt mit dem Auto zu fahren. Ich verzichte damit auf nichts – ganz im Gegenteil: ich nehme vieles genauer wahr, ich grüble weniger und denke mehr wenn mein Kreislauf in Schwung ist. Und auch wenn man Kinder hat, ist es oft möglich und besser, wenn man das Auto stehen lässt und mit ihnen zu Fuß geht oder mit dem Fahrrad oder Roller fährt. Meines Erachtens ist Gehen jedoch besser, wenn es die Zeit erlaubt. Bewegung im Freien ist auch vorteilhaft für die Entwicklung des Kindes; und somit überhaupt für die Entwicklung der Menschen. (Natürlich ist es ein Unterschied, ob man auf dem Land oder in der Stadt wohnt. Die Strukturen lassen die autolose Variante oft nicht zu. Das ist ein Problem, finde ich.)
Wir sitzen oft, zu oft, in einem Kasten und schauen in einen Kasten (oder in ein Kästchen). Oft sind wir „in Bewegung“, bewegen uns selber aber nicht. Auch mein Leben sieht mittlerweile so aus. Ich denke, es wird in nächster Zeit auch zunehmend um Bewegung, um die Art und Weise wie man gewisse Dinge einsetzt und in welchem Ausmaß und überhaupt um Maße gehen. (Stichwörter: Mobilitätswende, Energiewende, Klimaschutz, Gesundheit, KI)
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die Kunst schafft Perspektiven und öffnet Räume – vor allem Denkräume, die im Krieg geschlossen werden. Literatur, Philosophie und Kunst erweitern die Welt, das Denken, „das Bewusstsein“ und entwickeln die Sprache (bzw. die Kommunikation) weiter.
Die Welt in der wir leben prägt unser Denken, das Denken unser Bewusstsein und unsere Sprache; und umgekehrt prägt auch die Sprache unser Bewusstsein und unser Denken – es macht auf Dauer enorm viel aus, wie wir miteinander sprechen bzw. kommunizieren: Gewalt beginnt in der Sprache. Bereits der Imperativ stellt für mich eine Art Gewaltanwendung dar.
Kunst und Literatur tragen wesentlich zur Kultivierung des Menschen bei: Alles, was die Kultivierung des Menschen vorantreibt, arbeitet gegen das Phänomen der Gewalt und des Krieges. Die Kunst im Allgemeinen sorgt dafür, dass wir menschlich bleiben. Deshalb ist Kunst notwendig.
Was liest Du derzeit?
Anna Weidenholzer: „Hier treibt mein Kartoffelherz“, Doris Knecht: „Wald“,
Dostojewski „Der Kaufmann von Afimjewsk“, Kafka: „Forschungen eines Hundes“
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ich möchte drei Textimpulse geben:
Der erste ist eine Kombination, der zweite ein Spruch von mir und der dritte ist ein Gedicht, das vor kurzem entstanden ist.
1.
Ihr führt Krieg? Ihr fürchtet euren Nachbar? So nehmt doch die Grenzsteine weg: so habt ihr keinen Nachbarn mehr. Aber ihr wollt den Krieg: und darum erst setztet ihr die Grenzsteine. (Friedrich Nietzsche, NF-1882,5[1])
Demzufolge muss Kunst die Kraft sein, welche Grenzen, vor allem Grenzen im Kopf, öffnet und abschafft und somit dem Kriege entgegenwirkt. (Martin Trimmel)
Die Wirklichkeit des Scheins ist die Notwendigkeit des Spiels: Hört nicht auf zu spielen und spielerisch zu schaffen!
3.
Selbst wenn es schwierig ist
mit Kunst zu überleben
bitte
nicht aufgeben
jeder Strich zählt
in dieser grausamen Welt.
Jedes Wort, jeder Ton
jede theatralische Gebärde
auf dieser Erde
Wir müssen uns selbst unser Leben
unser Leiden und alles
was uns ausmacht zeigen
damit wir Menschen bleiben
Martin Trimmel, Schriftsteller
Vielen Dank für das Interview, lieber Martin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Martin Trimmel, Schriftsteller
Zur Person: Martin Trimmel ist 1982 geboren und lebt in Schwarzau am Steinfeld / Niederösterreich und in Wien. Er studierte Philosophie und arbeitet derzeit als Büroangestellter. Zahlreiche Orts- und Jobwechsel prägen ihn und sein Werk. Vor seiner ersten Buchveröffentlichung „Lizzie“ (Lyrik) im Hochroth Verlag erschienen Gedichte auf Online-Portalen und in der Lyrik-Zeitschrift Wortwerk. Lesungen hielt er in Wien bei der Österreichischen Gesellschaft für Literatur und im Werk; in Leipzig auf der Buchmesse und in der Lyrikbuchhandlung und in Niederösterreich im Schloss Fischau.
Boris Schumatsky, Schriftsteller _ Bachmannpreis Nominierung2025
Boris Schumatsky, Schriftsteller _ Bachmannpreis Nominierung2025
Lieber Boris Schumatsky, herzliche Gratulation zur Bachmannpreisnominierung! Wie und wann hast Du von Deiner Nominierung erfahren? Was war Deine erste Reaktion und wie sieht jetzt die Vorbereitung aus?
Ich habe gerade prokrastiniert, meine Mails gecheckt, zwei Zeilen gelesen und gedacht: Hat sich dein Leben jetzt geändert? Dann schrieb ich weiter.
Wie war Dein Weg zum Schreiben?
Sehr lang. Ich bin in eine fremde Sprache eingewandert und musste hier von vorn beginnen.
Wie sieht der Schreibprozess bei Dir aus, gibt es etwa bestimmte Routinen, was inspiriert Dich und was ist Dir in Deinem Schreiben wichtig?
Ich will gar nicht schreiben. Ich will nur geschrieben haben, was ich will.
Was hast Du mit Ingeborg Bachmann gemeinsam?
Ich liebe denselben Dichter, allerdings ganz anders als sie.
Bitte assoziiere zu den Stichworten:
Gegenwart
Krieg
Literatur
Zukunft
Leben
und was noch?
Klagenfurt
Überraschung
Preis
Ist Erfolg scheu?
Vielen Dank für das Interview! Viel Freude und Erfolg in Klagenfurt!
Zur Person:Boris Schumatsky lebt als freier Autor und Publizist in Berlin. Neben seinen Büchern veröffentlicht er Essays und Radiofeatures, zunächst in der taz und im Deutschlandradio, heute unter anderem in der ZEIT, der NZZ und der FAZ. Sein nächster Roman erscheint 2026 im Residenz Verlag.
Veröffentlichungen (Auswahl)
Die Sprache des Pogroms. ZEIT, 2024
Boris‘ Traum. DLF, 2017
Die Trotzigen. Blumenbar, 2016
Der neue Untertan. Residenz Verlag, 2016
Klassentreffen bei Marklena. DLR, 2001
Silvester bei Stalin. Philo Verlag, 1999
Boris Schumatsky, Schriftsteller _ Bachmannpreis Nominierung2025
Bachmannpreis 2025
„ein Fest der Literatur, ein Fest der Weltoffenheit und ein Fest der Menschlichkeit.“ TddL (Tage der deutschsprachigen Literatur) Organisator Horst L. Ebner, ORF Kärnten.
Die Tage der deutschsprachigen Literatur 2025 finden vom 25. bis 29. Juni im ORF-Theater des Landesstudios Kärnten statt.
Pressekonferenz Bachmannpreis 2025 _ 19.5.2025 Musilhaus Klagenfurt _ Veranstalter und Sponsoren (v. l. n. r.): Reinhard Draxler (KELAG-Vorstand), Brigitte Winkler-Komar (Land Kärnten, Leiterin Kunst und Kultur), Nadja Kayali (Intendantin Carinthischer Sommer), Horst L. Ebner (Koordinator Tage der deutschsprachigen Literatur), Christian Scheider (Bürgermeister von Klagenfurt), Karin Bernhard (ORF-Landesdirektorin), Franz Petritz (Stadtrat von Klagenfurt/Kulturreferent), Ursula Schirlbauer (ORF/3sat), Julian Geyer (Gemeinderat der Landeshauptstadt Klagenfurt am Wörthersee), Michaela Werblitsch (BKS Bank, Leiterin Communication & ESG) und Klaus Wachschütz (Technischer Leiter ORF Kärnten & Regisseur Ingeborg-Bachmann-Preis)
Autorinnen und Autoren 2025
14 Autorinnen und Autoren aus Deutschland, der Schweiz und Österreich lesen um den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis.
Thomas Bissinger, D
Natascha Gangl, A
Max Höfler, A
Nefeli Kavouras, D
Fatima Khan, D
Laura Laabs, D
Kay Matter, CH
Tara Meister, A
Nora Osagiobare, CH
Josefine Rieks, D/A
Almut Tina Schmidt, D/A
Boris Schumatsky, D
Verena Stauffer, A
Sophie Sumburane, D
Die Jury
Vorsitzender Klaus Kastberger, Graz (A)
Mara Delius, Berlin (D)
Laura de Weck
Mithu Sanyal (D)
Brigitte Schwens-Harrant, Wien (A)
Thomas Strässle (CH)
Philipp Tingler, Zürich (CH)
Am 29. Juni wird in Klagenfurt am Wörthersee der 49. Ingeborg-Bachmann-Preis vergeben. Die Tage der deutschsprachigen Literatur 2025 finden vom 25. bis 29. Juni im ORF-Theater des Landesstudios Kärnten statt.
Das Wiener „theater privat“ begeistert in einer seiner neuesten Produktion – einer Adaption der Edgar-Wallace-Klassiker „Der unheimliche Mönch“ und „der Frosch mit der Maske“ vom Autor Matthias Hahn – in einer mitreißend gespielten Krimiinszenierung voller Spannung, Überraschung in wunderbarem Esprit und Humor. Das sehr anspruchsvolle Kammerspiel wird im großartigen Kostümbild Bestens auf den reduzierten Bühnenraum gezaubert. Jede Szene funktioniert in perfekter Ensembleabstimmung, greift ineinander und führt gekonnt zum mitreißenden Finale. Ganz großes Kompliment und herzlichen Dank für diesen tollen Theaterabend!
„Der Frosch mit der Peitsche“ Matthias Hahn nach Edgar Wallace
„Der britische Detektiv Bliss wird zu einem undercover Einsatz auf Schloss Monkshall geschickt und soll sich dort als Schmetterlingsforscher ausgeben. Auch auch die anderen Hotelgäste scheinen etwas zu verbergen zu haben. Sie alle sind auf der Suche nach dem vermeintlichen Frosch und dem Gold, das vor Jahren bei einem Überfall in der Nähe erbeutet wurde. Es kommt zu geheimnisvollen Vorgängen, auch ein Gespenst wird gesichtet. Beim Kostümfest fallen dann endgültig die Masken.“
Ensemble: Florian Eywo, Karin Frank, Gerald Hochegger, Anna Hasenöhrl, Michael Klein, Christoph Sautter, Sophia Maria Steinbruckner, Kerstin Zimmermann
Regie: Gernot Lechner
Premiere 16. Mai 2025 um 19:30 Uhr
weitere Aufführungen: 17., 18., 20., 22., 23., 24. Mai 2025