„Aufbrüche finden die ganze Zeit statt. Einen Neubeginn gibt es nicht“ Franziska Füchsl, Schriftstellerin_Wien 15.7.2020

Liebe Franziska, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Lieber Walter, wahrscheinlich sehe ich den Ablauf nicht. Am ehesten hat sich einer eingeschlichen in den drei Monaten des ±Runter- und Rauffahrens±. Bin ein Tåppnåchi, eine, die stets zu spät kommt, verhatsch eher die Tage und immer wieder kommt ein »Interg’haschblad«, aus dem mehr wird.

foto-c-gregor-pirgie-2

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

»Seelsorge und Gleitgel« – habe *anonym um eine Antwort auf diese Frage gebeten.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt gesellschaftlich und persönlich stehen. Was ist dabei wesentlich und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Aufbruch und Neubeginn – da will ich widersprechen… Man kann sich jetzt ganz gut betroffen fühlen, von Verunsicherung und Nicht-Planbarkeit, wirtschaftlichen Tiefen und einmal mehr von einem ziemlich disparaten Europa. Gleichzeitig zeigt sich auch ein beachtlich heiteres Gemüt à la der Virus habe gezeigt, was wirklich wichtig sei: frohgemut, freundlich und genügsam zu sein. Das müsste allein schon deshalb Misstrauen wecken, weil es etwas ist, das sich nur über das Einbleuen transportiert. Aufbrüche finden die ganze Zeit statt. Einen Neubeginn gibt es nicht. Als ließe sich die Kontinuität von Krieg, Hass, intersektionaler Diskriminierung, Klanbildung… links liegen lassen.

 

Was liest Du derzeit?

Irmtraud Morgner: Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura.

 

Welches Zitat, welche Textstelle möchtest Du uns mitgeben?

Den Zirkusdirektor amüsierte der Vortrag. Er klatschte, holte zwei Gläser und eine Schnapsflasche aus seinem Schreibtisch und schenkte sich und Beatriz ein. Der Vorgang suggerierte der Trobadora Gewißheit. Nach dem Zuprosten erwartete sie das Engagement. Als der Direktor den Schnaps grimassierend geschluckt hatte, bedauerte er jedoch, Beatriz in ihrem Fach nicht beschäftigen zu können. Alle derzeitigen Programme der einzelnen ihm unterstehenden Zirkusunternehmen wären mit Musikalclownnummern versehen. Auch sonst vollständig. Lediglich eine hochqualifizierte Dresseurin würde ihm fehlen. Unfallhalber. […]

Der Direktor sprach über das Berufsrisiko der Artisten und andere Nachteile, die das Wanderleben mit sich brächte. Beatriz sprach über die Vorteile des Wanderlebens. Da sprang die Klappe zum Luftschacht auf. Der Direktor erschrak. Seltsame Klagelaute waren zu hören. Dann der Satz: »Die Menschen glauben große Wahrheiten eher in unwahrscheinlichen Gewändern.«

aus Irmtraud Morgner: Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura.

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Franziska, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schreibprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Franziska Füchsl, Schriftstellerin, 

Foto: Gregor Pirgie

 

6.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Ganz nebenbei“ Woody Allen. Autobiographie. Rowohlt Verlag

300_U1_978-3-498-00222-0

 

„Für Soon-Yi, die Beste.

Sie fraß mir aus der Hand,

und plötzlich fehlte mir der Arm.“

 

Mit dieser Widmung beginnt Woody Allen (*1935 New York), Regisseur und Drehbuchautor, Schauspieler, Komiker und Hobby Musiker, über zwanzigmal für den Oscar (begehrtester Hollywood Filmpreis) in Regie und Drehbuch nominiert und vierfacher Gewinner, seine Autobiographie. Wie sein beeindruckendes und bahnbrechendes Werk moderner Filmgeschichte in hintergründigem Humor und Gesellschaftskritik, weist auch dieser Dreizeiler auf die Grundfragen menschlichen Seins in Leben, Liebe und Verschwinden (Tod) hin, die Woody Allens Kunstschaffen kennzeichnen. Das Öffnen der Hand und das Verlieren derselben in Zuneigung und reißendem Gefühlsstrom ist gleichsam ein poetisches Resümee eines Lebens, das nie den Anspruch auf Verstehen aber immer auf das Bemühen desselben aufweist. Und es ist eine Ode an seine Frau Soon-Yi und ihres gemeinsamen Weges.

Allen beginnt seine langerwartete Autobiographie wie seine Filme mit einem direkten Sprung in das Geschehen eines Lebens und dessen Geschichten und Umfeld. Der Vater als Soldat und Frankreich und dessen langes Leben mit „Silberschopf und Augen eines Adlers“. Der Großvater ein erfolgreicher Handelsvertreter für ein Kaffeeunternehmen, der dann auch ein Kino, Theater kauft und sich der Welt der Kunst zuwendet während auch Kugeln in den 1930er Jahren durch die Straßen New York flirren. Der Vater wird Augenzeuge eines Attentats im Milieu und erzählt dann dem Sohn vorm Einschlafen davon. Dieser beginnt mit dem Lesen erst richtig in der highschool als die Welt der Frauen sich öffnet. Mit dem Wort kommt die Reflexion, der Zweifel wie der Anspruch sich diesem zu stellen – „Mit den Jahren wurde mir dann immer klarer, dass das Leben nicht bloß kurz ist, sondern obendrein auch sinnlos“. Das Leben im Blitzlicht des unverfügbaren Augenblicks. Die Kunst wird zum Ausdrucksmittel der Fragen zu Höhepunkten und Abgründen eines Lebens. Und damit nimmt es kein Ende mit offenen Augen und Gedanken…

 

Woody Allen legt eine Autobiographie, die zahlreiche Zugänge zu Leben und Werk öffnet. Der begnadete Drehbuchautor und Regisseur ist auch im Schreiben, Erzählen eine Ausnahmeerscheinung und versteht es in außerordentlicher Weise das feine und undurchschaubare Gewebe eines Lebens in Zeit und Raum darzustellen. In Witz, Ironie und einer Rasanz, die wiedergibt, dass das Leben dem Denken immer vorausbleiben will (muss).

 

„Eine Autobiographie, die von der Kunst des Erzählens und des Fragenstellens lebt und in diesem Ansatz wie ein Film mitreißt und begeistert“

 

https://literaturoutdoors.com

 

„Wenn ein Kartenhaus zusammenbricht, wird es anders wiederaufgebaut“ Alexander Peer, Schriftsteller_Wien 14.7.2020

Lieber Alexander, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der grobe Tagesablauf hat sich durch Corona nicht wesentlich verändert. Es sind ein paar Auftragsarbeiten weggefallen, dadurch habe ich mehr Zeit und Aufmerksamkeit für das Stöbern in älteren Materialien. Es sammelt sich ja bei jedem viel an – ob das Fotos, Filme oder eben Texte oder mehr Fragmente sind – da gehe ich einiges durch, was mich auch froh macht. Selbst wenn es nicht drängend so sein sollte, dass jedes Fragment mehr als ein Fragment sein muss, manchmal reicht ja genau das, dass sich ein Satz oder eine Beschreibung, eine Argumentation ergibt. Ich hoffe immer wieder darauf, dass genau diese Notizen woanders hinführen, nicht zur Verzettelung, aber zu den wesentlicheren Texten (zumindest für mich selbst ‚wesentlicher‘).

106996597_321958758803495_5433322764306160972_n

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich habe einen Essay mit dem Titel „Die Eule der Minerva“ geschrieben, in dem es u.a. um die Erkenntnisse geht, die genau in der Dämmerung möglich sind. Der Flug dieses Symboltiers der Göttin der Weisheit erfolgt, wenn die Sicht nicht klar ist. Wenn ein Kartenhaus zusammenbricht, wird es anders wiederaufgebaut. Mit anderen, ebenso fragilen Baumaterialien vermutlich. Bei Antonio Gramsci findet sich dieser Gedanke zum Übergang, dass „das Alte stirbt, das Neue jedoch noch nicht zur Welt kommen kann.“ Daraus kann man ableiten, die Beurteilung dessen, was stattfindet – die permanent eingefordert wird – hindert auch daran, einigermaßen vorurteilsfrei das Beobachten zu wahren. Was auf der sehr individuellen Ebene deutlich wird, ist die Botschaft, kümmere dich um deine persönlichen Angelegenheiten – eine Botschaft, die jede Krise mitteilt, umso stärker, wenn die Krise eine kollektive ist. Auf der sozialen Ebene stellen sich viele Fragen jetzt ebenfalls deutlicher – es wäre eine gute Chance, den ökologisch-sozialen Wandel zu forcieren. Ganz praktisch gedacht: Wenn es beispielsweise eine Sanierungsmilliarde gibt, dann ist die etwas eingeschlafene Sanierungsbereitschaft gefestigt und Wohnräume werden behaglicher und zukunftstauglicher. Viele ähnliche Beispiele lassen sich leicht finden zu Verkehr, Arbeit usw. Auf europäischer Ebene ist eine einheitlichere Gesundheits-, Sozial- und Fiskalpolitik wünschenswert – leichter gelänge dieser Wandel bestimmt dann, wenn die EU-Politiker sich mehr von ihren nationalen Parteien emanzipieren würden.

Ich möchte das Interview nutzen, um genau auf diese soeben publizierte, sehr anregende Anthologie mit dem Essay „Die Eule der Minerva“ zu verweisen: NOTFALL: COVID-19 im Löcker Verlag http://penclub.at/blog/2020/05/19/notfall-covid-19/

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die fünfte Gewalt im Staat, die Kunst, kann sich jetzt profilieren. Denn in einer Epoche der Verwirrung braucht es Fantasie, Verdichtung und geistige Wendigkeit. Jede Kunstdisziplin fördert diese Qualitäten, so sehr sich die formalen und inhaltlichen Mittel auch unterscheiden mögen. Die Literatur nährt den Mut sich das anzusehen, was man nicht ansehen oder benennen will. Sie hilft das grundsätzliche ‚Unbehagen in der Kultur‘ besser zu meistern und ist der geistige Schutzraum in neoliberalen und autoritären Zeiten (beide Adjektive sind mit Vorsicht zu genießen, da sie inflationär verwendet werden – es erstaunt jedoch schon, dass gerade in Zeiten der Irritation wie 2008 und jetzt durch die Pandemie oft auch von sehr marktgläubigen Interpreten der starke Staat gefordert wird). Auf der Ebene der Weitsicht hilft jede Schulung der Sprachmächtigkeit, wenn ich etwa Pandemie und Pandeismus gegenüberstelle. So allgegenwärtig wie Corona war weltweit im letzten Jahrzehnt kaum ein Thema – bestenfalls vielleicht eine Fußball-WM (selbst da gibt es noch die völlig Uninteressierten, die sich allerdings auch abgrenzen müssen und somit marginal das Thema streifen), und mit erstaunlicher medialer Präsenz die „Fridays for future“-Aktionen zum Klimawandel (wäre das mit den ersten Berichten des „club of Rome“ in den 70er Jahren passiert, wer weiß, wo wir da schon wären!). Die Literatur ist nicht unbedingt sozial in einem Sinn Dostojewskijs, dass ich nach der Lektüre ein sozialer agierender Mensch bin, aber sie ist sozial, weil sie die eigenen Fragen mit den allgemeinen Fragen verbindet und das ist für jede massive Veränderung zentral. Die Besonderheit der Pandemie ist es, dass jeder Mensch gefordert ist, eine Position dazu zu entwickeln – im Sinne einer Demokratisierung und Stärkung der Zivilgesellschaft erscheint mir das förderlich.

 

Was liest Du derzeit?

Ich lese in den letzten Wochen viel, auch deshalb, weil etwa Schreibseminare ausgefallen sind, die ich „normalerweise“ im Sommer halte. Das ist ein ziemlich weites und buntes Feld: Lettre international, öst. Gegenwartslit. (immer auch KollegInnen und Kollegen – manchmal auch eine Art Nachholen wie zuletzt Menasses „Die Hauptstadt“ oder auch Unbekannteres wie Dieter Sperls „Random Walker“, Lazars „Leben verboten!“ und dazwischen viele Gedichte, dann wieder Fachbücher zur Neurologie oder auch Essays – aus arbeitstechnischen Gründen, etwa wieder Abhandlungen zur Bedeutung der Geschichte sowie regional zu Südafrika und Namibia, diese Länder spielen für eine Erzählung eine Rolle, die gerade im Entstehen ist – das alles Lektüren der letzten Woche)

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe hier nichts verloren, deshalb muss ich suchen.

(aus meiner wachsenden Aphorismen-Sammlung; ich weiß, wer heute noch Aphorismen verfasst, kann leicht als eitel oder elitär betrachtet werden, doch die Zugkraft eines prägnant formulierten Gedankens ist in Zeiten der Über-Information und Textflut wichtiger denn je, zudem: mit dem Paradoxon lassen sich viele Denkräume öffnen)

 

Vielen Dank für das Interview lieber Alexander,  viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schreibprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Alexander Peer Schriftsteller

https://www.peerfact.at/werke/der-klang-der-stummen-verhaeltnisse/

 

Foto: Michael Winkelmann

6.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Geheime Quellen“ Donna Leon. Roman. Diogenes Verlag.

„Geheime Quellen“ Donna Leon. Roman. Diogenes Verlag

geheime-quellen-9783257070996

Ein heißer Sommertag im Juli. Das glühende Weiß der Sonne und jenes des Pflasters, darauf die Schritte der beiden Commissarii Claudia Griffoni und Guido Brunetti zum Ponte dei Lustraferi führen. Als sie bei der Brücke angekommen sind, bleiben sie plötzlich stehen, gebannt vom Blick auf das Reinigungsschiff, das eine schwarze Masse an Schlamm aus dem Kanal hervorhebt. Ein großer kostenintensiver und technischer Aufwand, der hier von der Stadt betrieben wird. Und das Dunkle, Schwere aus der Tiefe ist auch eine Symbolik, die beide an das Leben und dessen Abgründe erinnert. Ist nicht ihr Beruf ähnlich diesem Bagger, der im Schlamm wühlt, hebt und ans Licht bringt? Still gehen sie weiter…

Als sie im Polizeibüro angekommen sind, läutet das Telefon. Eine Ärztin aus dem Hospiz de Ospedale Fatebenefratelli berichtet von einer Patientin, die im Sterben liegt und nicht einen Priester sondern die Polizei sprechen will. Griffoni macht sich auf den Weg. Vorbei an dem Baggerschiff, dass die schwarze feuchte Masse aus der Tiefe gerade verlädt. Lange blickt Griffoni hin. Ist es im Leben und am Ende des Lebens nicht auch so? Das Schwarze kommt hervor und das letzte (Lebens)Licht ringt damit?

Griffoni sollte Recht behalten. Und jetzt beginnt der Blick in die Tiefe zur dunklen Last des schweren (Mit)Wissens…

 

Bestsellerautorin Donna Leon legt mit „Geheime Quellen“ den neunundzwanzigsten Commissario Brunetti Fall vor und es ist ein sehr gefühlvoller Roman, der Leserin und Leser in das fein Gewobene eines Lebens in Licht und Dunkel sehr poetisch und spannungsgeladen mitnimmt. Die Autorin ist eine Meisterin der Sprache und findet in diesem Roman zu einem weiteren Höhepunkt.

 

„Ein Roman, der Leben, Schuld und Tod spannungsgeladen verbindet“

 

https://literaturoutdoors.com

 „Gewohnheit ist ein Schimpfwort“ Alina Kunitsyna, Künstlerin_Damtschach/Wien 13.7.2020

Liebe Alina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Von 8 – 15.15 Wäsche, Klopapier, Loundry Bags, „Loves“ malen, dann Kinder von der Schule abholen, einkaufen, Wäsche waschen, dann liebevoll und inspiriert (wenn`s geht) kochen. Dann Wine and Cigarettes (wenn`s geht) und dann schlafen, außer ich bin in Wien oder unterwegs – dann ist alles anders.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Liebe und Selbstreflexion, wie immer.

 

IMG_0144

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Gewohnheit ist ein Schimpfwort.

Die Rolle der Kultur ist immer gleich und vergleichbar mit der Rolle von junger Mutter zu ihrem neugeborenen Kind gesungenes Liedes. Das Kind wird zwar satt an ihre Brust und es wird ausreichen zum überleben, aber das Lied wird aus ihm einen anderen Mensch machen. Das Lied (bw Kultur) für mich ist kein Luxus, weil dieser Mensch zu werden ist eine Notwendigkeit.

 

 

Was liest Du derzeit?

Fahim Amir „Schwein und Zeit“,

„Derek Jarman Brutal Beauty“,

Robert Musil “Mann ohne Eigenschaften“ (als Hörbuch wehrend malen),

Mann ohne Leidenschaften sage ich immer…

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die Idee von Reinheit – ganz gleich ob es sich um körperliche, spirituelle oder politische Reinheit handelt – ist ein schlechter Rausch. Dieser Fusel macht blind, anstatt Visionen hervorzurufen“. Fahim Amir“ Schwein und Zeit. Tiere, Politik, Revolte“, Nautilus Flugschrift, 2018, S. 154

 

Vielen Dank für das Interview liebe Alina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Alina Kunitsyna, Künstlerin

http://alinakunitsyna.net/

Foto: Manu Lasnik

 

5.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Auf die Schwächsten, Benachteiligten, Geflüchteten nicht nur in Sonntagsreden nicht vergessen“ Günter Vallaster, Schriftsteller_Wien 12.7.2020

Lieber Günter, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?


Ich kümmere mich verstärkt um Liegengebliebens und Vernachlässigtes, wofür durch das Herumfunktionieren in den verschiedenen Hire- and Fire-Jobmühlen zuvor keine Zeit blieb: So habe ich das Kochen für mich entdeckt, nicht nur aus Gründen der Geldersparnis, sondern auch, um eine kulinarische Weltreise mit Zutaten vor allem aus der näheren Umgebung zu unternehmen, mit einfachen, von mir individualisierten Speisen wie Kapros csirke (Huhn mit Dill) Yellow Submarine, Borschtsch Tetris oder Kaiserschmarren à la Nestroy, „Der Zerrissene“, die allenfalls ein wenig Zeit brauchen, aber das Wohlbefinden enorm anheben. Restaurants, die neben hervorragender Küche zu einem fairen Preis auch Ambiente bieten, wie das „Corbaci“ oder „Automat Welt“, sehen mich als Gast aber schon wieder. Mit Wohnungsinstandhaltungsarbeiten, das Wort ist fast so lange wie der Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän, der Star unter den Mehrfachkomposita, hatte ich unmittelbar vor dem Lockdown begonnen, gutes Timing erwischt sozusagen. Nicht zuletzt stehe ich mit mehr Menschen via Skype, E-Mail und Social Media in Kontakt, habe Nachhilfe in Deutsch und Englisch gegeben, einen Deutschkurs und einen literarischen Schreibworkshop als Webinare gehalten. Das macht alles nicht reich an Geld, aber an Lebensqualität und stützt die Fokussierung auf die weitere berufliche Tätigkeit. Den Slogan, die Parole „das Land wieder hochfahren“ habe ich beim Wort genommen und richte gerade meine Homepage neu ein. Das Ausgraben und Übertragen von Content aus alten, teilweise verfallenen Webseiten ist auch eine sehr interessante Introspektion: Was nehme ich mit auf die neue Seite, was lasse ich vorerst mal zurück? Da ich immer schon eher ein Stubenhocker war, hat sich an meinen Aktionsradien ansonsten nicht viel geändert, ich ziehe sie lediglich ein wenig vorsichtiger, aber nicht ängstlich. Insgesamt geht es mir also viel besser, der wahre Lockdown, eigentlich Knockdown war vorher.

 

106919805_310617213643257_104252922180341813_n

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich finde, was allgemein vorher wichtig war oder gewesen wäre, ist es nun auch, es konturiert sich nur noch stärker: Solidarität nicht nur als leere Worthülse sehen, sondern neue Arbeitsmodelle auf der Höhe der Zeit und der Technik und eben auch vor dem Hintergrund besonderer Umstände wie den derzeitigen denken. Das Konsumverhalten grundlegend ändern, damit nicht auch noch die arktische Hitze statt der arktischen Kälte zur sogenannten „neuen Normalität“ wird. Auf die Schwächsten, Benachteiligten, Geflüchteten nicht nur in Sonntagsreden nicht vergessen.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Kunst und Kultur gehören für mich zu den notwendigen Lebensmitteln und sind absolut systemrelevant, da sie die Kreativität und das Denken begründen und fördern. Ohne Buch, Foto, Film, Bild oder Musik wäre das Leben sehr trüb und dumpf, jede Kunstrichtung eröffnet ganz essenzielle Möglichkeiten für konstruktiven Dialog und sinnvolle Tätigkeiten. Gerade in Zeiten, in denen die Umstände nicht mehr alle physischen Freiräume zulassen, sorgen Kunst und Kultur für geistige Freiräume. Ich werde mich auf jeden Fall noch mehr der Literatur widmen.

 

Was liest Du derzeit?


Ich lese schon länger keine Zeitungsartikel mehr mit „könnte“ in der Überschrift oder in den Absätzen versteckt, verfolge auch keine Ticker mit Statistiken über Genesene und Gewesene. Ansonsten viel mehr als sonst und überwiegend Literatur: Zumal ich im Herbst an einem Literaturprojekt zu James Joyce teilnehmen kann, etwa in seinen Werken. Bislang war zeitbedingt nur „Finnegans Wake“ Gegenstand meiner genaueren Lektüre und das ist einige Jahre her. Wobei seine Romankolosse, vor allem „Ulysses“ ja nicht linear von Anfang bis Ende gelesen werden müssen, eine Lesemontage zu einem individuellen Bloomsday ist durchaus möglich. Weiters lese und betrachte ich mit Dankbarkeit die wunderbaren Beiträge aus mehreren Ländern zu Anthologien, die ich herausgeben durfte und darf, nämlich „Schriftlinien. Transmediale Poesie“, die frisch erschienen ist und „räume für notizen | rooms for notes. visuelle, digitale und transmediale poesie“, deren Beiträge gerade laufend eintreffen.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 

Vielleicht ein Gedicht von Gerhard Ruiss, mit herzlicher Gratulation zum H.C. Artmann-Preis 2020:

 

„das ende der welt

am ende der welt
sitzt jemand
und zählt geld.“

 

Vielen Dank für das Interview lieber Günter, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Günter Vallaster, Schriftsteller

https://guenter-vallaster.net/

Foto: Alain Barbero (Wien, Cafè Bendl)

 

5.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Günther Domenig und Ingeborg Bachmann haben viele Gemeinsamkeiten“ _Architektur in Wort und Bild_ Steinhaus_Steindorf _10.7.2020

Architekt DI Günther Domenig (*1934 Klagenfurt +2012 Graz) ist in Kärnten aufgewachsen. Der lebenslange Bezug zu Landschaft und Menschen, Bergen und Seen, fließt auch in das architektonische Konzept des Steinhauses in Steindorf/Kärnten ein. Die Polyeder Form ist dabei eine wesentliche Charakteristik. Die Berge und Wege, Stege des Landes sind gleichsam im Haus gespiegelt. Diese topographischen Erfahrungen, Reflexionen und Manifestationen sind dabei mit persönlichen Erfahrungen im Dialog.

IMG_3126koikiu

 

Mensch und Bauwerk sind hier starker Ausdruck von Kunst und Leben in Bewegung und Ruhe.

 

IMG_0577jiu8ji8

IMG_1229mkjikoi9

 

Das Haus ist international sehr beachtet und besucht. Viele Urlauber, etwa aus Kalifornien, planen den Besuch des Steinhauses in ihre Zeit in Kärnten/Europa ein.“

 

 

„Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann und der Architekt des Steinhauses DI Günther Domenig haben viele Gemeinsamkeiten. In ihren Werken ist eine große Aufmerksamkeit, Sensibilität aber auch Direktheit und Kompromisslosigkeit zu erkennen.

 

IMG_0775kiuki

 

Es geht um Erfahrung wie Reflexion von Gegenwart, Herkunft und Lebensumwelt. Die Kärntner Topographie spielt dabei eine besondere Rolle. Das alles fließt in das architektonische wie literarische Werk ein. Bei Bachmann ja explizit im Erzähltops (Drei Wege zum See) wie bei Domenig in der Baustruktur des Steinhauses zu erkennen.

 

Der Weg wie die lebenslange Verbundenheit mit dem Ort, den Orten der Herkunft, mit Blick und Ausblick wird zur Mitte der Kunst. Die Verbindung von Erde und Wasser, die Elemente sind dabei sehr wesentlich. Sie sind der tragende Grund des Lebens.“

 

IMG_2630lkoi

 

„Da ist der Stein nicht tot, der Docht schnellt auf, wenn ihn ein Blick entzündet…“

Mein erstgeborenes Land, Ingeborg Bachmann

 

„Der Steg am Wasser hat die Form einer Hand und weist auf eine Finger-Verletzung Domenigs hin. Schmerz und Schönheit, diese Konstanten eines Lebens, finden in der Architektur hier vom Haus bis zum Wasser ihren Raum und Weg.“

 

IMG_4149ui8

 

Im Gespräch_

Rechtsanwalt Dr. Wilfried Aichinger,  Vorstand_Domenig Steinhaus

Architekt DI Georg Wald, Vorstand_Domenig Steinhaus

https://architektur-kaernten.at/medien/domenig-steinhaus-spektakulaere-architektur-erleben

 

Im Bild_Maryam Laura Moazedi, Universität Graz, Autorin, Schwerpunkt Diversität.

https://www.moazedi.org/

 

IMG_1416kjuju8

 

Vielen Dank an den Vorstand des Steinhauses_Steindorf wie Zsuzsanna Dávid, BSc MSc für die freundliche Organisation und Begleitung vor Ort!

 

Steindorf_10.7.2020

Alle Fotos_Walter Pobaschnig

https://literaturoutdoors.com

 

„Kunst sollte als Säule der Gesellschaft verankert werden“ Aiko Kazuko Kurosaki_Tänzerin, Choreografin_Wien 11.7.2020

Liebe Aiko, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Sehr ungeregelt, aber sehr viel Homeofficearbeit, im Lockdown mindestens 2 Online-Meetings in der Woche, jetzt gibt es gemischte, aber auch ganz analoge Treffen.

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir Ruhe und Besonnenheit walten lassen und uns nicht verrückt machen lassen.

©AndreaPeller_MG_8573 Kopie

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Es wäre schön, wenn die Chance zu einem Aufbruch und Neubeginn wahrgenommen werden würde und nicht die Politik die Wirtschaft möglichst schnell wieder versuchen würde hochzufahren. Gerade jetzt sollte an echter Gleichstellung aller Menschen, eine gerechte Verteilung der Ressourcen und an nachhaltiger Energieerzeugung gearbeitet werden. Kunst sollte einen viel höheren Stellenwert beigemessen werden und zusammen mit der Bildung und der Wissenschaft als Säulen der Gesellschaft verankert werden.

 

Was liest Du derzeit?

„Die Stadt mit der roten Pelerine“ von Asli Erdogan

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Auf der ganzen Welt regiert die Seuche der Oberflächlichkeit, aber in dieser Stadt wurde sie zur Religion erhoben.“ ( Seite 34 – gemeint ist die Stadt Rio de Janeiro)

 

Vielen Dank für das Interview liebe Aiko, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Aiko Kazuko Kurosaki, Tänzerin, Choreografin, Performance Künstlerin

Foto: Andrea Peller

 

5.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

 

 

„KünstlerInnen müssen jetzt um Ihre Kunst kämpfen“ Hristina Susak, Komponistin, Performerin_10.7.2020

Liebe Hristina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Einen bestimmten Tagesablauf habe ich als Komponistin nicht. Es richtet sich alles nach der Präsenz der Inspiration. Es gibt Tage, an denen ich sehr lange am Tisch oder am Computer sitze und komponiere, ohne eine Pause zu machen. Es gibt aber auch Lebens-, Kunstphasen, in denen ich den ganzen Tag absolut nichts Konstruktives mache. Solche Tage sind für mich als Künstlerin ebenfalls sehr wichtig, weil ich mich dann in der Inkubationsphase befinde, wo mein Unterbewusstsein das Material für neue Ideen sammelt, welche dann in der nächsten produktiven Phase realisiert werden.

 

IMG_5774kio

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Besonders wichtig sind immer Gesundheit, Familie und enge Freunde, aber auch die Arbeit, die uns erfüllt. Diese Qualitäten haben unter diesen pandemischen Umständen ein besonderes Gewicht bekommen, in denen wir alle nochmals an ihre Wichtigkeit erinnert wurden und werden.

IMG_2769loikiu

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

In solch schwierigen Zeiten gibt die Musik und überhaupt die Kunst den Menschen eine Hoffnung und hat eine heilende Rolle. Man kann sich erinnern, als die Menschen in Italien sowie in den anderen Ländern während der stärksten Welle der Pandemie alle zusammen von ihren Fenstern gesungen und musiziert haben. Die Musik wird immer als eine absolute Kategorie überleben, die nicht von uns abhängig ist, sondern die ein Geschenk ist.  Für jede Gesellschaft ist die Nachhaltigkeit sehr wichtig, und gerade stehen die KünstlerInnen vor den Schwierigkeiten und der Herausforderung, in der sie um ihre Kunst kämpfen müssen.

 

IMG_7364kkukiu

 

Was liest Du derzeit?

Gerade lese ich ein psychiatrisches Buch mit dem Titel „Neurose als Herausforderung“ („Neurosis as Challenge“). Es wurde von einem sehr berühmten serbischen Psychiater und Psychotherapeuten des 20. und 21. Jh.s, Vladeta Jerotic geschrieben. Das Buch beschäftigt sich mit der Theorie und Praxis der Psychotherapie, sowie mit der Anwendung von der psychotherapeutischen Lehre auf das Alltagsleben.

IMG_8643koiko98

 

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die Kunst ist fast immer harmlos und wohltätig – sie will nichts anderes sein als Illusion.“ – Sigmund Freud

IMG_7318ki8jiu8

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Hristina, viel Freude und Erfolg für alle Musik- und Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen

Hristina Susak, Komponistin, Musikerin, Performerin

 

 

30.6.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Fotos_Hristina Susak_Station bei Bachmann_Wien 6_20.

Alle Fotos_Walter Pobaschnig

 

„Connaisseur“ Martin Walker.Roman. Diogenes Verlag

 

Eigentlich ein beschaulicher, gemütlicher Morgen wie ihn Bruno, Chef de Police, in der Kleinstadt Saint-Denis in Südfrankreich liebt. Ein morgendlicher Ausritt und danach ins Fauquets Cafè. Der Blick in die Zeitung und dazu Kaffee. Zu seinen Füßen Balzac, sein Besset, in Erwartung seines Anteils am Croissant. So geordnet, berechenbar und genussvoll kann das Leben sein…

Doch dann der Anruf von Florence. Das Außen dringt jetzt in den Kaffeeduft und dem treuherzigen Blick Balzacs, der sich jetzt müde und verspielt auf den Bauch gerollt hat. Bruno ist beunruhigt, geht es um seine Familie? Doch Florence verneint. Es geht um Claudia, die amerikanische Dissertantin der Universität Yale, die wegen ihrer kunstgeschichtlichen Forschungsschwerpunkte und Interessen nach Frankreich gekommen war. „Gestern Abend kam sie nicht nachhause“, sagt Florence beunruhigt. Bruno stellt einige Fragen. Er scheint zu spüren, das geradec ein Idyll zerreißt. Dieses hier im Cafè und jenes einer jungen Frau mit so vielen Träumen von Schönheit und Zukunft…

Bruno verlässt das Cafè und nimmt die Spur auf. Und schon bald muss er Grausames entdecken. Der Tod zerreißt jetzt die Stille dieses Tages und das scheinbar so unverwundbare Leben um ihn…

 

Im zwölften Bruno-Fall  nimmt der schottische Bestseller Autor Martin Walker wieder alle Zutaten seiner spannungsgeladenen Krimis mit ins Buch, die sein Schreiben so auszeichnet. Es ist ein einmaliger Erzählstil, der Welt und Persönlichkeit sehr fein weben kann und so Leserin und Leser neugierig und gepackt folgen lässt…

 

„Ein Krimierlebnis, dass alle Lese- und Spürsinne begeistert“

 

https://literaturoutdoors.com