„Auf die Schwächsten, Benachteiligten, Geflüchteten nicht nur in Sonntagsreden nicht vergessen“ Günter Vallaster, Schriftsteller_Wien 12.7.2020

Lieber Günter, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?


Ich kümmere mich verstärkt um Liegengebliebens und Vernachlässigtes, wofür durch das Herumfunktionieren in den verschiedenen Hire- and Fire-Jobmühlen zuvor keine Zeit blieb: So habe ich das Kochen für mich entdeckt, nicht nur aus Gründen der Geldersparnis, sondern auch, um eine kulinarische Weltreise mit Zutaten vor allem aus der näheren Umgebung zu unternehmen, mit einfachen, von mir individualisierten Speisen wie Kapros csirke (Huhn mit Dill) Yellow Submarine, Borschtsch Tetris oder Kaiserschmarren à la Nestroy, „Der Zerrissene“, die allenfalls ein wenig Zeit brauchen, aber das Wohlbefinden enorm anheben. Restaurants, die neben hervorragender Küche zu einem fairen Preis auch Ambiente bieten, wie das „Corbaci“ oder „Automat Welt“, sehen mich als Gast aber schon wieder. Mit Wohnungsinstandhaltungsarbeiten, das Wort ist fast so lange wie der Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän, der Star unter den Mehrfachkomposita, hatte ich unmittelbar vor dem Lockdown begonnen, gutes Timing erwischt sozusagen. Nicht zuletzt stehe ich mit mehr Menschen via Skype, E-Mail und Social Media in Kontakt, habe Nachhilfe in Deutsch und Englisch gegeben, einen Deutschkurs und einen literarischen Schreibworkshop als Webinare gehalten. Das macht alles nicht reich an Geld, aber an Lebensqualität und stützt die Fokussierung auf die weitere berufliche Tätigkeit. Den Slogan, die Parole „das Land wieder hochfahren“ habe ich beim Wort genommen und richte gerade meine Homepage neu ein. Das Ausgraben und Übertragen von Content aus alten, teilweise verfallenen Webseiten ist auch eine sehr interessante Introspektion: Was nehme ich mit auf die neue Seite, was lasse ich vorerst mal zurück? Da ich immer schon eher ein Stubenhocker war, hat sich an meinen Aktionsradien ansonsten nicht viel geändert, ich ziehe sie lediglich ein wenig vorsichtiger, aber nicht ängstlich. Insgesamt geht es mir also viel besser, der wahre Lockdown, eigentlich Knockdown war vorher.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich finde, was allgemein vorher wichtig war oder gewesen wäre, ist es nun auch, es konturiert sich nur noch stärker: Solidarität nicht nur als leere Worthülse sehen, sondern neue Arbeitsmodelle auf der Höhe der Zeit und der Technik und eben auch vor dem Hintergrund besonderer Umstände wie den derzeitigen denken. Das Konsumverhalten grundlegend ändern, damit nicht auch noch die arktische Hitze statt der arktischen Kälte zur sogenannten „neuen Normalität“ wird. Auf die Schwächsten, Benachteiligten, Geflüchteten nicht nur in Sonntagsreden nicht vergessen.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Kunst und Kultur gehören für mich zu den notwendigen Lebensmitteln und sind absolut systemrelevant, da sie die Kreativität und das Denken begründen und fördern. Ohne Buch, Foto, Film, Bild oder Musik wäre das Leben sehr trüb und dumpf, jede Kunstrichtung eröffnet ganz essenzielle Möglichkeiten für konstruktiven Dialog und sinnvolle Tätigkeiten. Gerade in Zeiten, in denen die Umstände nicht mehr alle physischen Freiräume zulassen, sorgen Kunst und Kultur für geistige Freiräume. Ich werde mich auf jeden Fall noch mehr der Literatur widmen.

 

Was liest Du derzeit?


Ich lese schon länger keine Zeitungsartikel mehr mit „könnte“ in der Überschrift oder in den Absätzen versteckt, verfolge auch keine Ticker mit Statistiken über Genesene und Gewesene. Ansonsten viel mehr als sonst und überwiegend Literatur: Zumal ich im Herbst an einem Literaturprojekt zu James Joyce teilnehmen kann, etwa in seinen Werken. Bislang war zeitbedingt nur „Finnegans Wake“ Gegenstand meiner genaueren Lektüre und das ist einige Jahre her. Wobei seine Romankolosse, vor allem „Ulysses“ ja nicht linear von Anfang bis Ende gelesen werden müssen, eine Lesemontage zu einem individuellen Bloomsday ist durchaus möglich. Weiters lese und betrachte ich mit Dankbarkeit die wunderbaren Beiträge aus mehreren Ländern zu Anthologien, die ich herausgeben durfte und darf, nämlich „Schriftlinien. Transmediale Poesie“, die frisch erschienen ist und „räume für notizen | rooms for notes. visuelle, digitale und transmediale poesie“, deren Beiträge gerade laufend eintreffen.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 

Vielleicht ein Gedicht von Gerhard Ruiss, mit herzlicher Gratulation zum H.C. Artmann-Preis 2020:

 

„das ende der welt

am ende der welt
sitzt jemand
und zählt geld.“

 

Vielen Dank für das Interview lieber Günter, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Günter Vallaster, Schriftsteller

https://guenter-vallaster.net/

Foto: Alain Barbero (Wien, Cafè Bendl)

 

5.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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