„suche, sein, lust, hoffen, trost, genuss, zweifel, verlust, wieder suche…“ Claudia Schumann, Multimedia Künstlerin_Wien 29.1.2021

Liebe Claudia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

während ich den ersten lockdown für einen unheimlich ruhigen und produktiven rückzug am land nutzen konnte, war mein alltag im 2.lockdown bis jahresende durch 2 jobs extrem durchgetaktet, für meine künstlerische tätigkeit blieb wenig kraft – das war natürlich frustrierend, aber finanziellen notwendigkeiten geschuldet. die kaum verbleibende zeit nutzte ich für einreichungen, organisatorischen aufwand der kunst. Im hinterkopf, im hinterzimmer der seele, beschäftigten mich 2 ausstellungen, die im frühjahr 2021 geplant waren. oder phantasierte über den letzten teil einer gruppenprojekt-triologie.

Claudia Schumann, Multimedia Künstlerin

nun im dritten lockdown gelandet, ist vorerst wieder alles anders. ich habe wieder zeitlichen freiraum für meine künstlersche arbeit geschaffen, was wunderbar ist, bin aber auch erschöpft. mit der verschiebung der geplanten ausstellungen konfrontiert, muss ich neu planen. das gesamte fotowien festival wurde zb auf 2021 verlegt. das frustriert schon sehr, trotz aller akzeptanz notweniger programmänderungen. ausserdem realisiere ich gerade wie ausgehungert ich schon nach einem normalen, vollen kunst und kulturbetrieb in wien oder woanders bin, ich vermisse das damit verbundene soziale leben, zufällige treffen, spontanes feiern des augenblicks  ;-)) anstelle über weite strecken alleine weiterzuwurschteln .. anfangs hat mich dieser stillstand gar nicht gestört, im gegenteil, das hatte was sehr beruhigendes, jetzt kommt ein fehlen dazu

über mein aktuelles persönliches zeitfenster bin ich glücklich, ich kann mich wieder vertiefen, lesen und recherchieren, vorrangig zum projekt „biographie als landschaft“, ohne zeitdruck, ausserdem überarbeite ich gerade alte zeichnungen und photographien, mache an leinwänden weiter .. das finde ich sehr interessant, bestehendes aufzugreifen und fortzuspinnen, verschiedene zeiten zu collagieren ..

Claudia Schumann _ aus: stroom PARALLEL VIENNA 2020 _kooperation mit bj nilsen

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

selbstachtsamkeit und solidarität.

solidarität beginnt ja schon im kontakt halten, sich für anliegen und sorgen der anderen zu interessieren, sich auszutauschen. mir war es ganz wichtig mich für gemeinsame künstlerische projekte zu engagieren, dh teilen von fördermittel, waren sie auch minimalst. zb mit tatjana hardikov zusammen, wir haben 2 erfolgreiche gruppenprojekte verwirklicht, gleich nach dem 1. lockdown „from nowhere to nowhere“ und noch vor dem 2. das projekt „wir“, jeweils mit 10 anderen künstlerInnen – das hat allen extrem gut getan, zusammenzuarbeiten, auch wenn die sozioökonomischen belastungen im herbst schon sehr an allen gezerrt und spuren hinterlassen hatten. jetzt im dritten lockdown sieht es schon wieder anders aus .. angestrengter, erschöpfter, viele sind im rückzug .. der herbst hat auch mich ausgelaugt .. künstlerfreundinnen geht es aehnlich, die aufrechterhaltung des alltags wird immer mühsamer:  zu wenig gemeinsames lebendig sein!!

aus: WIR, 2020
gruppenprojekt 2/3 (organ. mit tatjana hardikov)

so bleibt nur die aufrechterhaltung individueller lebensgestaltung, wird selbstsorge noch wichtiger, ecken von wohlbefinden, die von der aussenkontrolle unerfasst bleiben, viel kleine entscheidungen, momente, die stärken: bewusstes essen, lesen, telephonieren, zb mit freunden im ausland, wenn ich schon aufs reisen verzichten muss, was mir schwerfällt. dafür cruise ich durch unbekannte stadtteile mit dem rad, oder mache stundenlange stadtwanderungen, um mich zu regenerieren, das ist auch toll, macht den kopf frei und inspiriert um die kunst weiterzutreiben… das ist ja meine tür. nach aussen. nach innen. suche, sein, lust, hoffen, trost, genuss, zweifel, verlust, wieder suche..

aus: im dschungel des moments, 2019
kooperation mit maximiliano leon, internat. gruppenprojekt

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

kunst ist eine konstante der menschheit, expressiv, reflexiv

krisen vorausdenkend, kreativ gestaltend, verarbeitend .. in der kunst ist veränderung inhärent, kein tabu, sondern entwicklung, arbeitsprozess

für mich funktioniert kunst wie ein kollektives organ, das auf zustände und vorgänge in der gesellschaft reagiert, diese aufnimmt, verdaut, ausspuckt, neue stoffe synthetisiert, sensibel, abhängig und doch autonom: im besten falle! dadurch hat kunst eine zentrale rolle eine gesellschaft lebendig, entwicklungsfähig zu halten.

unaussprechlich, objekt, 2019

leider ist sie vom markt oft verdreckt und ausgehöhlt, billig instrumentalisiert, teuer gehandelt: als luxus von sozialschmarotzern für reiche mächtige gebildete menschen, die sich damit selbst darstellen..

mit der lebensrealität der meisten künstlerinnen bzw der künstlerischen tätigkeit an sich hat das ja nichts zu tun.  diese wertzuschätzen, nötige bedingungen anzuerkennen, adäquat in der öffentlichkeit zu kommunizieren und zu verteidigen sowie dementsprechend zu fördern mit allen angemessenen dh auch öffentlichen mitteln ist aufgabe der politik – da happerts wieder und wieder quer durch alle parteien an wirklich informierten und leidenschaftlichen vertreterinnen – eine ziemliche katastrophe – es braucht aber fortwährend laute stimmen um die bedeutung von kunst und kultur zu verdeutlichen und das überleben der künstlerinnen und kulturtreibenden zu sichern

inner delay, installation mit stahlobjekten, 2019
aus: inner delay.yxxx, kooperation mit milan mladenovic

Was liest Du derzeit?

angela steidele    anne lister

kristine reffstrup ich, unica

ianina ilitcheva    183 tage

lisa fittko               solidarität unerwünscht: meine flucht durch europa: erinnerungen 1933-1940

thomas bauer      die vereindeutigung der welt. über den verlust an mehrdeutigkeit und vielfalt

marc auge            die illusorische gemeinschaft

eric vuillard          der krieg der armen

adams philips & barbara taylor        on kindness

eva ribarits, gitta stangl                     erinnern- suche nach dem vergessen(en)

hrsg lothar schirmer                           frauen sehen frauen

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

DER SCHLUND AUS DEM DU FRISST (cs)

Vielen Dank für das Interview liebe Claudia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

herzlichst- stay safe, stay sane- claudia schumann

5 Fragen an KünstlerInnen:

Claudia Schumann, Multimedia Künstlerin, Psychiaterin

claudia schumann works text photography ©2021

Alle Kunstobjekte_Fotos_Claudia Schumann

21.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich wünsche mir politischeres und demokratischeres Theater“ Hannah Rang, Schauspielerin_Wien 28.1.2021

Liebe Hannah, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen, Kaffee trinken, wenn es ein guter Tag ist Yoga, Bewerbungen schreiben oder was so ansteht und dann ab zum Unterricht

Hannah Rang, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

– Solidarität: Unter der Krise leiden vor allem sozial schwächere Menschen und Frauen, es ist wichtig, dass wir nicht einfach so weiter machen wie davor.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

– auf Missstände aufmerksam zu machen und sich auch selbst zu hinterfragen.  Ich wünsche mir politischeres und demokratischeres Theater. Diese ganzen Hierarchien sind nicht mehr zeitgemäß. Außerdem mehr Gleichberechtigung – es wird Zeit für Quoten, sonst dauert das alles zu lange.

Was liest Du derzeit?

Anna Karenina von Tolstoi und Dicht von Stefanie Sargnagel

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Hannah Rang, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Hannah, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Hannah Rang, Schauspielerin

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Cafè Landtmann_Wien 1_21.

26.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Bis Corona tatsächlich ein Stoff wird, den wir künstlerisch aufarbeiten können“ Raphaela Edelbauer, Schriftstellerin, Wien 28.1.2021

Liebe Raphaela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf gestaltet sich ungebrochenerweise so, wie auch schon vor der Pandemie. Ich sitze etwa gegen 9 am Schreibtisch und schreibe bis 17.00 oder 17.30. Dann mache ich (gegeben an den jeweiligen Verordnungen) etwa 90 Minuten Sport und koche dann gemeinsam mit meiner Freundin, treffe Freunde oder verbringe einen anderwertig entspannenden Abend. Wochenends mache ich meistens halbe Arbeitstage und sonst viel Unsinn.

Raphaela Edelbauer, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich habe absolut keine Ahnung und sehe mich nicht in einer privilegierten Position, eine so unabsehbare Frage beantworten zu können. Ich bin schon froh, wenn ich meine fünf Sinne in Bezug auf mich selbst halbwegs beieinander habe.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wie gesagt, bin ich über meine Planlosigkeit diesbezüglich relativ realistisch eingestellt, denn meine Rolle als Schriftstellerin sehe ich in der Durchformung von Stoffen, nicht in lebensweltlichen Weisheiiten. Ich hoffe im Sinne aller, dass wir alle zusammen die Bescheidenheit besitzen, abzuwarten bis Corona tatsächlich ein Stoff wird, den wir künstlerisch aufarbeiten können, statt persönlicher Befindlichkeitssammlung.

Was liest Du derzeit?

Miakro von Georg Klein, die Poetikvorlesungen von Dietmar Dath und viel Recherchematerial zu politischen Unruhen vor dem ersten Weltkrieg.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

When you have exhausted all possibilities, remember this: you haven’t 

Thomas Edison

Vielen Dank für das Interview liebe Raphaela, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Raphaela Edelbauer, Schriftstellerin

Raphaela Edelbauer Homepage

Foto_Victoria Herbig

2.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„„Fortschritt“ z.B. ist ja nichts als Zerstörungswut“ Walter Schmid, Schriftsteller, Bern 27.1.2021

Lieber Walter, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Viel entspannter als sonst! Ich schlaf bis um halb neun, muss keine 90 km zur Arbeit pendeln und bin um 9.15 Uhr im ersten Meeting. Wenns nicht grad weitergeht mit Calls, arbeite ich Mails ab, verfasse Artikel fürs Intranet, die Website oder das Mitarbeitermagazin und kämpf mit Feedbacks und Freigaben. Vielleicht müssen noch Photographen, Illustratoren oder Graphiker gebrieft werden. Dann gibts eine halbe Stunde Mittagspause und weiter gehts. Nachmittags mach ich bei gutem Wetter einen kurzen Spaziergang um die Burg und geniess die Sicht ins Berner Oberland. Obwohl der Unternehmenscomputer erst um 19 Uhr ausgeht, das Handy nie, empfinde ich die momentane Situation als grosse Befreiung.

Homeoffice kommt mir sehr entgegen. Die Konzentration ist eine andere. Man ist nicht so erschöpft und zufriedener, weil man mehr ausgerichtet hat. Deswegen geht nebenher gerade recht viel. Auch wenn mir nur die Wochenenden und Ferien zum Schreiben bleiben, hab ich im letzten Jahr 1,5 Manuskripte runtergeschrieben. Fragt sich nur, wer das jetzt machen soll …

Für Menschen, die sich vor direkten sozialen Kontakten und der stetigen Bewertung fürchten, fällt auf einmal ganz viel Angst weg. Endlich ist es legitimiert, Gruppen zu meiden. Gemeinsame Mittagessen und den Besuch von Veranstaltungen gibt es sowieso nicht mehr. Zwar steckt ein anderer Grund dahinter; die Wirkung ist aber pure Befreiung! Vorher war man ja seltsam, entrückt, unnahbar, asozial, undurchschaubar etc. Verschreckte Menschen wissen halt oft nicht, wie sich gegenüber anderen Menschen zu verhalten. Auf Distanz und ohne Sozialzwang fällt aber eine riesige Last ab!

Walter Schmid, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Starke Nerven brauchen wir derzeit wohl alle.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, wir müssen uns noch einmal grundlegend Gedanken machen, was der Mensch ist und wie er sich in seiner Umwelt verhält. Alleine das Wort Umwelt – was für eine homozentristische Arroganz! Als wär der Mensch das Zentrum, um den sich alles dreht.

Wir sollten den Menschen wieder existenzieller denken. Was braucht er wirklich zum Leben? Das geht entweder über die Vernunftfähigkeit, indem man sagt, vernünftig ist Verzicht und erstrebenswert die Beschränkung von Möglichkeiten. Oder man geht den Weg der Kreatürlichkeit. Als Dorfkind und quasi Caliban aus dem Böhmerwald fällt mir so etwas natürlich leicht zu sagen. Leider hat sich der „zivilisierte“ Mensch viel zu sehr von der Natur entfremdet. Diese Entfremdung, wozu auch der Umgang mit Tieren gehört, ist ja die Ursache der derzeitigen Krise. Entschuldige, wenn ich also sage, dass die nur gerecht ist. Da geht noch weit mehr für ein besseres Verhältnis zum eigenen Lebensraum!

Das kann man jetzt als Warnung oder Inspiration sehen. Bisher verläuft die Krise – wenn man sie ursprünglich als Chance gesehen hat – aber recht enttäuschend. Ich sehe nicht wirklich einen breiten Diskurs über Schrumpfwirtschaft oder eine Umpolung der Narrative. „Fortschritt“ z.B. ist ja nichts als Zerstörungswut. Eine nach wie vor positiv besetzte Vernichtungsgeschichte …

Literatur und Kunst einzuspannen, ist aber nicht mein Ding, und ich hoffe auch, dass sie keinen Imperativen folgt. Wer immer auch so dreist ist und solche aufstellt. Von denen geistern eh schon wieder zu viele herum.

Was liest Du derzeit?

Marzanna Kielars „Lass uns die Nacht“, Leonard Cohens „Buch der Sehnsüchte“, Wulf Kirstens „erdlebenbilder“ und die beiden Bildbände „Wildnis“ von Norbert Rosing und „Arbeit“ von Emanuel Eckhardt und Stefan Pielow.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„The saddest place is the world“ (Georgi Gospodinow)

Walter Schmid, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview lieber Walter, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Walter Schmid, Schriftsteller

https://www.poetenladen.de/wf-schmid.htm

Alle Fotos_Sascha Kokot

31.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Jedes Gedicht arbeitet auch an der Sprache mit“ Christoph Wenzel, Schriftsteller _ Aachen 27.1.2021

Lieber Christoph, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit März 2020 arbeite ich so gut wie ausschließlich im Home Office, am Schreibtisch, am Küchentisch, auf dem kurzen Weg dazwischen. Normalerweise bin ich zusätzlich zu meiner literarischen Arbeit drei Mal die Woche an der Hochschule bis zum späten Nachmittag in meinem Büro. Insbesondere dieser Teil meiner Woche hat sich also geändert, da ich Kolleginnen und Kollegen nicht auf dem Flur oder in Sitzungen, sondern in Videokonferenzen treffe. Damit verschwindet das Informelle, das oft eigentlich oder Neben-Wichtige, fast vollständig. Ich erlebe aber bei den Hochschullehrenden ein hohes Maß an Kreativität und Vermögen, mit der Situation bestmöglich umzugehen. (Hier wird übrigens der Unterschied zu den Schulen besonders deutlich – und das hat viele, nicht zuletzt strukturelle und bildungspolitische Gründe; aber das würde hier zu weit führen.)

Meine literarische Arbeit hat sich in Ihren Abläufen äußerlich nur dort verändert, wo es die Auftritte, Lesungen, Moderationen, Workshops angeht: Ich bin in diesen Zeiten nicht oder kaum noch unterwegs. Was nicht abgesagt oder verschoben wurde, fand digital statt. Auch hier war oft ein großer Einfallsreichtum zu beobachten, der zukünftig die Bandbreite möglicher Veranstaltungsformate bereichern wird. Ich vermisse aber sehr schmerzlich die Atmosphäre und Resonanz eines Publikums vor Ort (egal, wie groß oder klein es sein mag), ich vermisse das befruchtende, überraschende Gespräch: auf dem Podium und ‚nach‘ dem Podium.

Ansonsten: Um Redaktionelles, um Korrespondenz, Organisatorisches kümmere ich mich tagsüber. Literarische Textarbeit findet meist in den Abendstunden statt. Wie Literatur entsteht, ist in Teilen aber auch ein kontingenter Prozess, daher findet literarische Arbeit im weiteren Sinne letztlich den ganzen Tag über statt.

Christoph Wenzel, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Eine große Frage: „für uns alle“. Die Frage, was für uns alle wichtig ist, jetzt oder sonst, müssen eigentlich auch alle zusammen beantworten.

Aus meiner Sicht ist es gerade jetzt: Lernen, die eigene Ohnmacht auszuhalten und zu akzeptieren – und: nicht nur ohnmächtig bleiben, sondern gleichzeitig auch Wege zur Selbstwirksamkeit suchen.

Zudem: Bei sich anbahnenden oder wieder aufbrechenden Depressionen bitte professionelle Hilfe suchen. Es gibt sie und sie hilft.

Außerdem: Alles, was in den Coronaschatten zu geraten droht, sichtbar halten: Klimakrise, Kunst und Kultur, marginalisierte Gruppen …

Ansonsten natürlich: Abstand, Hände waschen, Masken, impfen lassen (sobald möglich).

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Im Aufbruch hätten wir längst sein sollen: Als Gesellschaft wissen wir ja seit geraumer Zeit, welche neuralgischen Berufsgruppen massiv unterbezahlt sind, wie zwingend sofortiges beherztes Handeln in der Klimakrise wäre, wie unsere Wirtschaftsstrukturen Arm und Reich immer weiter auseinandertreiben. Die derzeitige Krise macht das alles noch sichtbarer. Ob sich dadurch grundsätzlich etwas verändert, vermag ich nicht zu sagen. Schlimmstenfalls nicht.     

Die Lyrik insbesondere vermag es, Phänomene aufzufächern statt nach Eineindeutigkeiten zu suchen, sie blättert Vielfältigkeit auf. Die Welt ist komplex, das Gedicht ist komplex (fast einerlei, wie ‚einfach‘ gestrickt es zunächst wirken mag). Das Gedicht ist Teil der Welt und Teile der Welt sind Teile des Gedichts – ein Kreislauf – oder besser: eine Sprirale. Jedes Gedicht arbeitet auch an der Sprache mit – nicht zuletzt an der Sprache, mit der wir über Missstände, Herausforderungen, Ängste, Krisen und Hoffnungen sprechen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese zum zweiten Mal Marie T. Martins Lyrikband „Rückruf“, zudem den Sammelband „Land in Sicht. Ländliche Räume in Deutschland zwischen Prosperität und Peripherisierung“ (hrsgg. v. Chr. Krajewski/C.-Chr. Wiegandt) und die Anthologie „Frauen | Lyrik“ (hrsgg. v. Anna Bers), die als wunderbares Geschenk gerade erst unter dem Weihnachtsbaum lag.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Er las und verstand nichts und war doch begeistert.“

(Jürgen Becker: Im Radio das Meer. Journalsätze.)

Vielen Dank für das Interview lieber Christoph viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christoph Wenzel, Schriftsteller

www.christophwenzel.de

Foto: © WDR / Ben Knabe

2.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich und der Andere“ Jürgen Kaizik. Roman. Braumüller Verlag.

Alles ist Bewegung. Und in Bewegung. Rhythmus. Mensch und Welt. Gesellschaft und Aufbruch. Dort ist der Krieg und da die schrecklichen Bilder und Fragen. Und da ist eine Generation, die einen neuen Weg sucht. Und es ist die Kunst. Die Musik, die Poesie…die diesen Weg begleitet und inspiriert…

Kalifornien. Mitte der 1960er Jahre. Die Clubs sind Treffpunkte. Da sind Ideen und Pläne. Und viele neue Töne in Musik wie Literatur…

Das London Fog, hier sind in L.A. neue Bands zu hören, zu erleben. Und auch die „DOORS“ sind da. Literatur ist für alle Bandmitglieder ein Ausgangspunkt für ihre Musik, die ganz individuelle Wege geht. Gitarre, Orgel, Schlagzeug und eine Stimme, die all die Spannung von Zeit und Leben eindrücklich in den Raum stellt. Aufmerksamkeit ist zu spüren….

Der Blick des Sängers fällt jetzt auf den Herrn mit Notizbuch. Es kommt zu einem Wortwechsel. Gott und die Welt. Da ist Verbindendes und Trennendes. Doch rasend schnell geht es weiter. Bühne, Erfolg und der Weg zu the end …oder doch nicht?

Der österreichische Schriftsteller und Regisseur Jürgen Kaizik legt mit seinem Roman „Ich und der Andere“ eine spannende Zeitreise zu einer der Kultbands der 1960er Jahre und deren charismatischen Sänger Jim Morrison vor. Leser und Leser werden gleichsam mit auf die Bühne genommen und erleben Auftritte wie Wege, Gedanken und Inspirationen mit. Der Autor öffnet gleichsam die Seele eines Rockstars wie jene der Zeit und entführt in die phantastische unerträgliche Leichtigkeit des Seins in Musik, Poesie und Lebenslust…

„Ein Roman, der den legendären Leadsänger und Poeten Jim Morrison in ganz besonderer Sprachkraft aufleben lässt.“

Walter Pobaschnig 1_21

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„I think we all realize that what makes us “us” is contact“ Jasmin Avissar, dancer_Wien 27.1.2021

Liebe Jasmin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

How is your daily routine now?

I try to keep to my outer structure in life, so I dont lose the feeling of self. Of course being a mother helps because you are busy taking care of family and that is by itself structured. I concentrate on development of projects, keeping in contact with the people I love and of course like all others, books and netflix.

Jasmin-Avissar dancer choreographer _ Foto _ Leonid Khromchenko

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

What is currently especially important for all of us?

I can talk only about myself. I try to keep my focus on constructive thoughts. On finding ways to fulfil my way and not succumb to numbness or the feeling of being lost. I talk mainly artistically. The outer challenges pushed me from one side to re-evaluate and from the other, to confirm a lot of my life choices and artistic way.Through overcoming restrictions that are posed on us, I found ways to develop and expand my artistic language.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Kunst an sich zu?

We are all in a process of departure (or new awaking) personally and societal. What is of importance in this process and what role does dance and art as such play in it?

I think we all realize that what makes us “us” is contact. Intellectually, creatively, emotionally and physically. I think we need to find the balance between dealing with the challenges in front of us as a society, locally and globally and in the same time not lose the sense of what we are: As a dancer, it became even more clear to me – we are not humans if we do not touch. Figuratively and literally. Touch is the most basic and profound form of communication. And for me, art is a vessel for that communication. It mirrors who we are and offers a way towards where we are going.

Was liest Du derzeit?

What are you currently reading?

A lot of news articles, especailly about the political situation in Israel, bt also local news. Poetry, theater texts for my work and I always come back to my favourite author – David Grossman

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

What quote, what text impulse do you want to share?

Fearlessness is what love seeks. Love as craving is determined by its goal, and this goal is freedom from fear.

Hanna Arendt

Vielen Dank für das Interview liebe Jasmin, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Tanz-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Thank you very much for the interview, all the best for your art projects and also personally best wishes!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jasmin Avissar dancer, choreographer

Jasmin Avissar | Choreographer (jasmin-avissar.net)

Foto _ Leonid Khromchenko

5.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst ist kein Luxus, sie ist systemrelevant, weil für unsere Seelen relevant“ Ilona Jerger, Schriftstellerin, München 26.1.2021

Liebe Ilona, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nach dem Aufstehen direkt mit Kaffee zum Schreibtisch, um am neuen Roman zu schreiben; ab halb zwölf umsteigen auf Tee für die Mails; ein Brot im Stehen; ein bisschen in der Zeitung blättern, auch im Stehen; zurück an den Schreibtisch, um zu recherchieren, lesen, exzerpieren und rezensieren.

Die Arbeitstage sind eigentlich wie immer. Anders sind meine späten Nachmittage und Abende: Ich gehe mit Freunden spazieren, statt mich abends mit ihnen zu treffen. Und an deutlich mehr Tagen als früher habe ich rote Ohren vom Telefonieren.

Ilona Jerger, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sich anrufen. Nachrichten schreiben. Kontakt halten. Fragen, wie es dem anderen geht. Solidarisch sein.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich fände es schön, wenn wir von der erzwungenen Ruhe freiwillig ein wenig beibehalten könnten. Wenn wir den Kollateralnutzen, den diese Pandemie auch hat, nicht vergessen.

Kunst gibt uns, was im Bermudadreieck von Politik, Wissenschaft und Gesundheitsämtern verschwindet. Ohne Musik, Theater, Kabarett und Kino werden wir ganz kraftlos und ängstlich, trocknen aus. Kunst ist kein Luxus, sie ist systemrelevant, weil für unsere Seelen relevant.  

Was liest Du derzeit?

Annie Ernaux: Die Scham

Jetzt habe ich alle ihre Bücher gelesen. Ein Erlebnis. Manche Seiten habe ich eingeatmet.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen.“ 

Hannah Arendt

Vielen Dank für das Interview liebe Ilona, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ilona Jerger, Schriftstellerin

Foto_Marcus Gruber

5.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es ist notwendig, dass wir Alternativen finden, um uns gegenseitig weiterhin wahrzunehmen“ Natascha Huber, Schriftstellerin _ Passau 26.1.2021

Liebe Natascha, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich im Oktober mein 1. Semester Sprach- und Textwissenschaften an der Universität Passau begonnen habe, haben sich für meinen Tagesablauf generell ein paar Strukturen verändert. Ich habe mir einen festen Stundenplan erstellt, in dem alle Vorlesungen, Lernzeiten und Haushaltsaufgaben ihren Platz finden und versuche mich mehr oder weniger daran zu halten. Leider verbringe ich unter der Woche aufgrund des Onlinesemesters täglich ca. 4-7 Stunden vor dem Computer und würde mir sehr wünschen, es wäre weniger und stattdessen Präsenz – aber natürlich ist das im Moment nicht denkbar. Auch mein Arbeitsalltag am Wochenende als Rezeptionistin fällt weg.

Ich versuche diese Bewegungs- und Kommunikationslosigkeit in den freien Stunden mit Sport, Spaziergängen und Gesprächen mit meinen Eltern auszugleichen.  In der Vorweihnachtszeit habe ich seit Langem das erste Mal wieder gebastelt. Außerdem lese ich viel. Um zu schreiben, fehlen mir im Moment die richtigen Worte. Ich konzentriere mich also lieber auf Die anderer Künstler.    

Natascha Huber, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Neben Geduld halte ich es für besonders wichtig, einen Ersatz für Nähe zu finden. Viele sind einsam, fühlen sich isoliert, im Stich gelassen. Es ist notwendig, dass wir Alternativen finden, um uns gegenseitig weiterhin wahrzunehmen, aufmerksam und unterstützend miteinander zu sein. Selbst mir geht es so, dass ich mich manchmal in einer kleinen, stillen Welt eingeschlossen fühle, obwohl ich zurzeit im Haus meiner Eltern wohne und somit nicht völlig ohne sozialen Kontakt bin. Die Verlagerung ins Digitale ist kein ausreichender Ersatz, aber es ist ein Raum für Gespräche. Ich treffe mich viel mit Freunden auf diesen Plattformen, es tut gut ein bisschen zusammen Jammern oder Lachen zu können.  Und ich habe dieses Jahr sehr viele Weihnachtsbriefe und –postkarten verschickt, um zu zeigen, dass die aktuelle Situation keine absolute Trennlinie ist.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, dass sich das nicht pauschal beantworten lässt, da es gravierende Unterschiede geben wird in dem, was wir Alle in dieser Zeit erfahren und erleben müssen. Aber ich bleibe bei dem Ansatz eines Miteinanders. Das wird die Probleme nicht lösen, aber sie werden besser damit zu bewältigen sein. Literatur und Kunst sind für mich ein Ausdruck davon: Sie sind eine kollektive Stimme, die wir brauchen. Sie verarbeiten unsere Themen, helfen zu reflektieren, zu lernen, zu inspirieren. Sie sind also Zeichen für Perspektive und Gemeinsamkeit – beides wichtig für einen Neubeginn.     

Was liest Du derzeit?

Ich habe gerade „Der Ekel“ von Sartre beendet. Ein Schriftsteller, der mich immer mehr fasziniert und dessen Existentialismus vielleicht auch gerade einen passenden Ton trifft. Nun habe ich mit „Streulicht“ von Deniz Ohde begonnen. Die Frage der Bildungsgerechtigkeit und inwiefern Herkunft und gesellschaftlicher Rang eine Rolle dabei spielen, interessiert mich als „Arbeiterkind“ und Neu-Studierende sehr. Wobei wir schon bei meiner letzten Lektüre wären: Jede Menge Fachbücher zum Thema Sprachwissenschaft, Textanalyse und Mediensemiotik- ein wahres Schlaraffenland. 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Da sich in meinen Antworten viel um Aufmerksamkeit und Umgang mit anderen Menschen dreht, möchte ich hier auf ein Zitat von Hilde Domin zurückgreifen. Es stammt aus ihrem Gedicht „Es gibt dich“ (Sämtliche Gedichte, S.Fischer Verlag) und lautet:

„Dein Ort ist

wo Augen dich ansehn.

Wo sich die Augen treffen

entstehst du.“

Vielen Dank für das Interview liebe Natascha, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Natascha Huber, Schriftstellerin

Foto_Ela Photography Stuttgart.

1.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Streaming auf Biegen und Brechen kann kein Ersatz und keine Ablöse sein“ Christian Tschinkel, Komponist _ Wien 25.1.2021

Lieber Christian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Die Zeiten laden zum Prokrastinieren ein. So kommt es mir jedenfalls vor. Tatsächlich merke ich aber auch jeden Abend, was ich heute so geschafft habe. Nur sind das meistens nicht die Dinge, die ich mir vornahm. Ich bastle immer an verschiedenen Vorhaben gleichzeitig bis sich eine Sache herauskristallisiert, die in absehbarer Zeit finalisiert werden könnte. So schaffe ich mir die notwendige Zeit und den Raum fürs Ausreifen. Zum Beispiel konnte ich neulich wieder einen Text für einen Tagungsband fertigstellen. Da gibt es dann fast ausschließlich nur dieses Thema mit allem was dazu gehört, also auch viel zu lesen, Literaturrecherche etc. Mit meiner Musik ist es ähnlich. Erst bis das Mastering vollendet ist und ich mir sicher bin, dass die letzten Prozente bis zur subjektiven Perfektion nicht mehr zu schaffen sind, finde ich Ruhe. Das dauert. Und es grenzt manchmal ein bisschen an Besessenheit. Doch im Moment „prokrastiniere“ ich wieder, obwohl ich doch mehr netzwerken sollte. Stattdessen jeden Tag ein bisschen dies und jenes: neue Konzepte ausdenken und formulieren, Website aktualisieren, Festplatten aufräumen, Computer und Equipment in Schuss halten, an einem Audiomasteringauftrag arbeiten … und natürlich immer Zeit mit meiner Tochter verbringen.

Christian Tschinkel, Komponist, Sounddesigner, Produzent und Klangregisseur

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Natürlich kann ich nicht für andere oder gar alle sprechen. Pauschal würde ich aber sagen: Von der Angst loszukommen – von welcher auch immer! Denn im Frühjahr 2020 war ich einigermaßen überrascht, wie viel Angst in der Welt vorherrscht. Offenbar kam sie zum Vorschein, weil sich viele erstmals und letztendlich mit dem (eigenen) Tod beschäftigt hatten. Ich denke mir, dass man als Künstler weitestgehend damit durch ist. Der Tod (als Abstraktor und nicht als makabere Sterbewahrscheinlichkeit) gehört für mich zum Künstlerleben dazu – allerdings nicht als Gegenspieler, sondern als mächtiger Begleiter, als Motivator, als Wegweiser in andere Dimensionen, vielleicht auch ins Nichts. Ich finde, der Gedanke der Annihilation sollte einem Künstler nicht fremd sein. Und vielleicht wird die Menschheit nun gezwungen in solche Tiefen einer bewussten Auseinandersetzung damit abzutauchen. Der Abbau von Angst würde in Folge auch (gegenseitige) Schuldzuweisungen reduzieren. Persönlich hoffe ich auf das Aufkeimen eines Weltbildes, das Erkenntnisse der Quantenphysik in einer Weise einbindet, die möglichst viele Menschen erkennen lässt, dass sie ihre eigene Wirklichkeit in die Realität „schalten“ und dass das mit der unumstößlichen Objektivität so eine Sache ist. Das Unwort des Jahres 2020 war für mich „Fakt ist …“.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Wie es Riccardo Muti beim Neujahrskonzert 2021 gesagt hat: Musik und Kunst dienen nicht bloß der Unterhaltung und Zerstreuung, sondern vor allem der mentalen Gesundheit einer Gesellschaft. Das war eine Botschaft für die ganze Welt, an der wir uns fundamental orientieren müssen. Ausübende wissen das ohnehin. Jedoch richtet sich Muti explizit an die Politik, was großartig ist. Darauf aufbauend sollten wir mit kreativer Hingabe unsere Projekte umsetzen aber uns vielleicht still verhalten, wenn sich die Situation gerade nicht stimmig anfühlt. Da bin ich eher fürs Abwarten und Aussitzen, denn auch das ist produktive Zeit. Streaming auf Biegen und Brechen kann kein Ersatz und keine Ablöse sein, auch wenn das derzeit ein gigantisches Experimentierfeld aufreißt. Aber es fehlen einfach die hohen Intensitäten. Und ich setze viel daran nicht die wohligen Glücksgefühle zu vergessen, die sich nach einer gewissen Zeit in einem vollen Konzert- oder Ausstellungsraum einstellen, wenn sich alle Beteiligten (und damit meine ich Ausführende und Publikum) miteinander synchronisieren. In diesem Sinn werden neue hybride und transmediale Formen der Darbietung entstehen und wir können jetzt damit beginnen sie mitzugestalten.

Was liest Du derzeit?

Nichts. Es könnte aber sein, dass demnächst das Buch „Himmels-Körper“ meine Prokrastination unterstützen wird. Der Physiker und Sportwissenschaftler Martin Apolin schreibt darüber, dass wir vor und nach unserem Leben Sternenstaub sind. Die Zeit oder den Zustand dazwischen bezeichnet er als „eine Zauberei des Universums“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Furchtlos weiter!“, ein Ausspruch von Karlheinz Stockhausen. Ich sage das recht häufig zu meinen Freunden – relativ flapsig, scherzhaft und belustigt – aber im Grunde meine ich es todernst.

Vielen Dank!

Vielen Dank für das Interview lieber Christian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musik-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christian Tschinkel, Komponist, Sounddesigner, Produzent und Klangregisseur

http://www.acousmonuments.space

3.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com