„Jedes Gedicht arbeitet auch an der Sprache mit“ Christoph Wenzel, Schriftsteller _ Aachen 27.1.2021

Lieber Christoph, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit März 2020 arbeite ich so gut wie ausschließlich im Home Office, am Schreibtisch, am Küchentisch, auf dem kurzen Weg dazwischen. Normalerweise bin ich zusätzlich zu meiner literarischen Arbeit drei Mal die Woche an der Hochschule bis zum späten Nachmittag in meinem Büro. Insbesondere dieser Teil meiner Woche hat sich also geändert, da ich Kolleginnen und Kollegen nicht auf dem Flur oder in Sitzungen, sondern in Videokonferenzen treffe. Damit verschwindet das Informelle, das oft eigentlich oder Neben-Wichtige, fast vollständig. Ich erlebe aber bei den Hochschullehrenden ein hohes Maß an Kreativität und Vermögen, mit der Situation bestmöglich umzugehen. (Hier wird übrigens der Unterschied zu den Schulen besonders deutlich – und das hat viele, nicht zuletzt strukturelle und bildungspolitische Gründe; aber das würde hier zu weit führen.)

Meine literarische Arbeit hat sich in Ihren Abläufen äußerlich nur dort verändert, wo es die Auftritte, Lesungen, Moderationen, Workshops angeht: Ich bin in diesen Zeiten nicht oder kaum noch unterwegs. Was nicht abgesagt oder verschoben wurde, fand digital statt. Auch hier war oft ein großer Einfallsreichtum zu beobachten, der zukünftig die Bandbreite möglicher Veranstaltungsformate bereichern wird. Ich vermisse aber sehr schmerzlich die Atmosphäre und Resonanz eines Publikums vor Ort (egal, wie groß oder klein es sein mag), ich vermisse das befruchtende, überraschende Gespräch: auf dem Podium und ‚nach‘ dem Podium.

Ansonsten: Um Redaktionelles, um Korrespondenz, Organisatorisches kümmere ich mich tagsüber. Literarische Textarbeit findet meist in den Abendstunden statt. Wie Literatur entsteht, ist in Teilen aber auch ein kontingenter Prozess, daher findet literarische Arbeit im weiteren Sinne letztlich den ganzen Tag über statt.

Christoph Wenzel, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Eine große Frage: „für uns alle“. Die Frage, was für uns alle wichtig ist, jetzt oder sonst, müssen eigentlich auch alle zusammen beantworten.

Aus meiner Sicht ist es gerade jetzt: Lernen, die eigene Ohnmacht auszuhalten und zu akzeptieren – und: nicht nur ohnmächtig bleiben, sondern gleichzeitig auch Wege zur Selbstwirksamkeit suchen.

Zudem: Bei sich anbahnenden oder wieder aufbrechenden Depressionen bitte professionelle Hilfe suchen. Es gibt sie und sie hilft.

Außerdem: Alles, was in den Coronaschatten zu geraten droht, sichtbar halten: Klimakrise, Kunst und Kultur, marginalisierte Gruppen …

Ansonsten natürlich: Abstand, Hände waschen, Masken, impfen lassen (sobald möglich).

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Im Aufbruch hätten wir längst sein sollen: Als Gesellschaft wissen wir ja seit geraumer Zeit, welche neuralgischen Berufsgruppen massiv unterbezahlt sind, wie zwingend sofortiges beherztes Handeln in der Klimakrise wäre, wie unsere Wirtschaftsstrukturen Arm und Reich immer weiter auseinandertreiben. Die derzeitige Krise macht das alles noch sichtbarer. Ob sich dadurch grundsätzlich etwas verändert, vermag ich nicht zu sagen. Schlimmstenfalls nicht.     

Die Lyrik insbesondere vermag es, Phänomene aufzufächern statt nach Eineindeutigkeiten zu suchen, sie blättert Vielfältigkeit auf. Die Welt ist komplex, das Gedicht ist komplex (fast einerlei, wie ‚einfach‘ gestrickt es zunächst wirken mag). Das Gedicht ist Teil der Welt und Teile der Welt sind Teile des Gedichts – ein Kreislauf – oder besser: eine Sprirale. Jedes Gedicht arbeitet auch an der Sprache mit – nicht zuletzt an der Sprache, mit der wir über Missstände, Herausforderungen, Ängste, Krisen und Hoffnungen sprechen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese zum zweiten Mal Marie T. Martins Lyrikband „Rückruf“, zudem den Sammelband „Land in Sicht. Ländliche Räume in Deutschland zwischen Prosperität und Peripherisierung“ (hrsgg. v. Chr. Krajewski/C.-Chr. Wiegandt) und die Anthologie „Frauen | Lyrik“ (hrsgg. v. Anna Bers), die als wunderbares Geschenk gerade erst unter dem Weihnachtsbaum lag.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Er las und verstand nichts und war doch begeistert.“

(Jürgen Becker: Im Radio das Meer. Journalsätze.)

Vielen Dank für das Interview lieber Christoph viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christoph Wenzel, Schriftsteller

www.christophwenzel.de

Foto: © WDR / Ben Knabe

2.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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