„„Fortschritt“ z.B. ist ja nichts als Zerstörungswut“ Walter Schmid, Schriftsteller, Bern 27.1.2021

Lieber Walter, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Viel entspannter als sonst! Ich schlaf bis um halb neun, muss keine 90 km zur Arbeit pendeln und bin um 9.15 Uhr im ersten Meeting. Wenns nicht grad weitergeht mit Calls, arbeite ich Mails ab, verfasse Artikel fürs Intranet, die Website oder das Mitarbeitermagazin und kämpf mit Feedbacks und Freigaben. Vielleicht müssen noch Photographen, Illustratoren oder Graphiker gebrieft werden. Dann gibts eine halbe Stunde Mittagspause und weiter gehts. Nachmittags mach ich bei gutem Wetter einen kurzen Spaziergang um die Burg und geniess die Sicht ins Berner Oberland. Obwohl der Unternehmenscomputer erst um 19 Uhr ausgeht, das Handy nie, empfinde ich die momentane Situation als grosse Befreiung.

Homeoffice kommt mir sehr entgegen. Die Konzentration ist eine andere. Man ist nicht so erschöpft und zufriedener, weil man mehr ausgerichtet hat. Deswegen geht nebenher gerade recht viel. Auch wenn mir nur die Wochenenden und Ferien zum Schreiben bleiben, hab ich im letzten Jahr 1,5 Manuskripte runtergeschrieben. Fragt sich nur, wer das jetzt machen soll …

Für Menschen, die sich vor direkten sozialen Kontakten und der stetigen Bewertung fürchten, fällt auf einmal ganz viel Angst weg. Endlich ist es legitimiert, Gruppen zu meiden. Gemeinsame Mittagessen und den Besuch von Veranstaltungen gibt es sowieso nicht mehr. Zwar steckt ein anderer Grund dahinter; die Wirkung ist aber pure Befreiung! Vorher war man ja seltsam, entrückt, unnahbar, asozial, undurchschaubar etc. Verschreckte Menschen wissen halt oft nicht, wie sich gegenüber anderen Menschen zu verhalten. Auf Distanz und ohne Sozialzwang fällt aber eine riesige Last ab!

Walter Schmid, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Starke Nerven brauchen wir derzeit wohl alle.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, wir müssen uns noch einmal grundlegend Gedanken machen, was der Mensch ist und wie er sich in seiner Umwelt verhält. Alleine das Wort Umwelt – was für eine homozentristische Arroganz! Als wär der Mensch das Zentrum, um den sich alles dreht.

Wir sollten den Menschen wieder existenzieller denken. Was braucht er wirklich zum Leben? Das geht entweder über die Vernunftfähigkeit, indem man sagt, vernünftig ist Verzicht und erstrebenswert die Beschränkung von Möglichkeiten. Oder man geht den Weg der Kreatürlichkeit. Als Dorfkind und quasi Caliban aus dem Böhmerwald fällt mir so etwas natürlich leicht zu sagen. Leider hat sich der „zivilisierte“ Mensch viel zu sehr von der Natur entfremdet. Diese Entfremdung, wozu auch der Umgang mit Tieren gehört, ist ja die Ursache der derzeitigen Krise. Entschuldige, wenn ich also sage, dass die nur gerecht ist. Da geht noch weit mehr für ein besseres Verhältnis zum eigenen Lebensraum!

Das kann man jetzt als Warnung oder Inspiration sehen. Bisher verläuft die Krise – wenn man sie ursprünglich als Chance gesehen hat – aber recht enttäuschend. Ich sehe nicht wirklich einen breiten Diskurs über Schrumpfwirtschaft oder eine Umpolung der Narrative. „Fortschritt“ z.B. ist ja nichts als Zerstörungswut. Eine nach wie vor positiv besetzte Vernichtungsgeschichte …

Literatur und Kunst einzuspannen, ist aber nicht mein Ding, und ich hoffe auch, dass sie keinen Imperativen folgt. Wer immer auch so dreist ist und solche aufstellt. Von denen geistern eh schon wieder zu viele herum.

Was liest Du derzeit?

Marzanna Kielars „Lass uns die Nacht“, Leonard Cohens „Buch der Sehnsüchte“, Wulf Kirstens „erdlebenbilder“ und die beiden Bildbände „Wildnis“ von Norbert Rosing und „Arbeit“ von Emanuel Eckhardt und Stefan Pielow.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„The saddest place is the world“ (Georgi Gospodinow)

Walter Schmid, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview lieber Walter, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Walter Schmid, Schriftsteller

https://www.poetenladen.de/wf-schmid.htm

Alle Fotos_Sascha Kokot

31.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s