Lieber Tobias, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Wieder weitgehend lustvoll angekommen im Theater-Betriebswahnsinn, grade im Zug zwischen München und Hamburg, ab Morgen dann wieder in München Endproben zur neuen Uraufführung von Thomas Köck. Dazwischen wie immer unendliche Sitzungen, analog und digital und immer der Kampf darum, auch noch irgendwann dazu zu kommen, worum es eigentlich geht: wichtige Texte, Künstler*innen und Autor*innen zu finden und produktive Bedingungen für deren Arbeit zu schaffen. Wenn das klappt, lohnen sich die 200 Sitzungen auf dem Weg dahin.
Tobias Schuster, Dramaturg
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass wir wieder in direkten Kontakt miteinander kommen, dass Begegnungs- und Diskursräume bestehen und genutzt werden. Dass wir es schaffen gesellschaftliche Konflikte offen und konstruktiv in der analogen Begegnung miteinander auszutragen und dabei wieder zu gesellschaftlicher Solidarität finden. Dass wir als Gesellschaft wieder lernen einander zu begegnen, buchstäblich und im konstruktiven Dialog miteinander.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Im Theater, scheint mir, werden wir auf etwas ganz Grundlegendes zurückgeworfen: die energetische Faszination von Körpern im selben Raum, ihnen auf einer Reise zu folgen, einer gedanklichen, einem Weg durch eine Geschichte oder ein körperliches sich Abarbeiten. Ich habe den Eindruck, dass es Sehnsucht nach Opulenz, Schönheit, vielleicht gemeinschaftlichem Trost gibt. Wir müssen es schaffen, gleichermaßen Reflektionsraum wie ästhetisch-sinnlicher Raum zu sein, bestenfalls ein Ort, der uns erinnert, dass wir auch anders leben könnten. Ich freue mich auf eine neue Bundesregierung in Deutschland und würde Wien, meinem sehr geliebtem temporär-Zuhause, ebenso einen progressiven Aufbruch wünschen. Ob es klappt?
Was liest Du derzeit?
In letzter Zeit haben mich begeistert: Édouard Louis, Die Freiheit einer Frau, Madame Nielsen, Das Monster, Ivna Zic, Die Nachkommende, Jakob Nolte, Kurzes Buch über Tobias und die Erzählungen von Jonas Eika – außerdem kämpfe ich mich grade, leider viel zu oft unterbrochen, durch „Die Fahnen“ von Miroslav Krleza und verliere ich mich immer wieder mit großer Freude in den 930 Seiten von Wolfram Lotz‘ „Heilige Schrift 1“.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Wir werden keine Helden sein. Wir werden keine Eroberer sein. Wir werden weder Fahnen haben noch ein Land. Wir werden vergessen. Wir werden vergeben. Wir werden die Schwachen und die Sanften sein!“ Virginie Despentes
Vielen Dank für das Interview lieber Tobias, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Tobias Schuster, Dramaturg
Tobias Schuster war von 2015-20 leitender Dramaturg am Schauspielhaus Wien und ist seit 2020 Teil des Künstlerischen Leitungsteams der Münchner Kammerspiele.
Liebe Andrea, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf sieht nicht immer gleich aus aber es gibt einige Routinen, die mich regelmäßig begleiten. Dazu gehört gleich nach dem Aufstehen Sport, Frühstücken, Üben und/oder Büroarbeit. Dann geht es entweder zum Unterrichten, zum Proben oder zu anderen Terminen. Wichtig ist mir eine gute und realistische Struktur und Organisation (manche Kolleg:innen und Freund:innen bleibt da oft ein Schmunzeln nicht aus, wenn sie meine vielen To [1] Do-Listen sehen). Durch eine gute Struktur (es wird aber ohnehin meist wieder alles anders) versuche ich zu vermeiden, mir ständig zu viel vorzunehmen und es gelingt es mir besser, zufrieden den Tag abzuschließen.
Andrea Edlbauer_Musikerin, Pädagogin und Kreativschaffende
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Die Freunde am Tun – am idealsten in Arbeit und Freizeit. Ich versuche mich immer auf eine Sache zu konzentrieren und alles andere einstweilen auf „Parkposition“ zu stellen. Ich will voll und ganz bei einer Sache sein – und das in all meinen Lebensbereichen. Das gelingt mir natürlich nicht immer, aber ich versuche jeden Tag ein wenig bewusster zu werden. Die Antwort klingt jetzt etwas allgemein, ich weiß. Ein Beispiel wäre jeden Tag meine Tasse Kaffee zu genießen – und das tu ich tatsächlich. Also der Schlüssel für Zufriedenheit ist, wie so oft, die kleinen Dinge des Lebens wahrzunehmen – ein Lächeln, ein inspirierendes Gespräch, Dankbarkeit. Meine Oma sagt oft zu mir: „zufrieden soll man sein“, das ist einer meiner Leitsätze geworden.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Ich denke, dass wir immer vor einem Aufbruch stehen unabhängig davon, was sich gerade im Außen abspielt. Aber klar beeinflusst es mich und uns alle massiv, wenn beispielsweise gerade eine Pandemie herrscht.
Wesentlich ist, wie jeder Einzelne von uns mit Veränderungen umgeht – es geht um die mentale Einstellung. Ich kann ständig Angst haben, vor allem Möglichen oder aber auch darauf vertrauen, dass ich mit dem was kommt umgehen kann oder umgehen lerne. Und ich plädiere an die Eigenverantwortung von jedem Einzelnen. Wir können und sollten uns qualitativ hochwertige Informationsquellen suchen, uns mit gesellschaftsrelevanten Themen beschäftigen und nach bestem Wissen und Gewissen handeln und Entscheidungen treffen. Wer mehr weiß, dem kann weniger vorgemacht werden.
Freiheit heißt Verantwortung zu übernehmen für sich selbst und andere. Die Musik gibt mir persönlich sehr viel Kraft und hilft mir Dinge zu verarbeiten oder zu reflektieren. Das Spielen am Saxophon versetzt mich emotional in Gefühlswelten, die für mich mit Worten oft schwer beschreibbar sind.
Was liest Du derzeit?
Ich lese meist mehrere Bücher parallel. Auch darüber muss ich selbst oftschmunzeln. Aktuell sind das neben anderen:
Stefan Zweig: Die Welt von Gestern
Virginia Woolf: Ein Zimmer für sich allein
Martin Suter: Warum sind alle so ernst geworden
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Glücklich ist nicht, wer Anderen so vorkommt, sondern wer sich selbst dafür
hält. (Seneca)
Vielen Dank für das Interview liebe Andrea, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Andrea Edlbauer_Musikerin, Pädagogin und Kreativschaffende
Immer anders, was schön ist, aber auch anstrengend.
Für mein Medizinstudium sitze ich mal vor online-Vorlesungen, mal bin ich an der Klinik, mal arbeite ich an meiner Diplomarbeit. Darüber hinaus engagiere ich mich im Bereich Jugendsexualpädagogik und im Opferschutz gewaltbetroffener Frauen.
In den Lücken dazwischen schreibe ich, tanze oder stehe auf Poetry Slam Bühnen.
Tara Meister, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Zu einer Lebendigkeit zurückzufinden, denke ich. Berühren nicht zu verlernen, Begegnungen nicht zu scheuen und kulturellen Austausch zu suchen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich denke nicht, dass wir um jeden Preis zurückmüssen. Die Pandemie hat die Frage aufgeworfen, wie weit wir miteinander arbeiten wollen, bereit sind, uns zu solidarisieren und für gemeinsame Ziele zurückzustecken in Krisenzeiten. Ich denke, diese Frage sollte weiterverfolgt werden, gerade wenn es um das Thema Klimakrise geht. Kunst und Literatur müssen immer wieder Fragen stellen, wiederholen. Vieles ist falsch gelaufen. Wir müssen uns mit psychischer Gesundheit beschäftigen, das ist lange überfällig.
Vielleicht sollte auch im Bereich Literatur thematisiert werden, was Solidarität bedeutet, wie solidarisches Schreiben aussieht.
Was liest Du derzeit?
Sonetten von Ann Cotten. Die Texte sind frisch und spielerisch, das Richtige, wenn der Winter kommt.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Zu jeder Tageszeit etwas anderes wahrscheinlich. Gerade fällt mir das Gedicht von Ingeborg Bachmann ein, „Nach dieser Sintflut“.
Nach dieser Sintflut
Nach dieser Sintflut
möchte ich die Taube,
und nichts als die Taube,
noch einmal gerettet sehn.
Ich ginge ja unter in diesem Meer!
flög‘ sie nicht aus,
brächte sie nicht
in letzter Stunde das Blatt.
Tara Meister, Schriftstellerin
Vielen Dank für das Interview liebe Tara, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Tara Meister, Schriftstellerin
Fotos_1-3 Fedor Schlegel; 4 Andreas Brückner.
28.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Sofia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Momentan ist er sehr durchmischt. Also jeder Tag ist irgendwie anders. ‚100 songs‘ am Hamakom Theater hatte gerade erst Derniere, die Wiederaufnahmen am Theater Phönix sind jetzt auch schon wieder vorbei, nächste Woche spielen wir in Linz noch 4 Mal ‚schalldicht‘ und danach fahr ich dann fürs erste wahrscheinlich nicht mehr so oft von Wien nach Linz und wieder zurück. (Wobei, ich hab jetzt das Klimaticket, also warum eigentlich nicht auf einen Kaffee nach Linz? :D)
Sofia Falzberger, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Das Klimaticket! Gute Bücher, gute Gespräche, Liebe und Freund:innenschaft. Eh die gleichen Dinge wie immer.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Ui das ist schwierig. Ich weiß ja schon nicht mal genau was Kunst ist. Miteinander reden und einander zuhören ist auf alle Fälle nie schlecht.
Was liest Du derzeit?
Vor kurzem hab ich ‚Identitti‘ von Mithu Sanyal gelesen und davor ‚Über Menschen‘ von Juli Zeh und beide Bücher will ich allen Menschen ans Herz legen!
Jetzt les ich ‚All Souls` Rising“ von Madison Smartt Bell, da geht’s um die haitianische Revolution. Ich freu mich auch schon wieder drauf, wenn ein neues Buch von meiner Lieblingsautorin Chimamanda Ngozi Adichie raus kommt. Meine Mitbewohnerin leiht mir hoffentlich auch bald von bell hooks ‚Alles über Liebe‘.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Dein Weg ist dein Weg ist dein
weg.
Sofia Falzberger, Schauspielerin
Vielen Dank für das Interview liebe Sofia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Sofia Falzberger, Schauspielerin
Fotos_Marco Sommer
9.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Sarai, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
My Dailey routine starts with the sunshine, when I wake up, drink my coffee and start working. Work for me is writing, and writing is work. The white paper is a strong materiel, magic craft, which is always smarter than me. I write fiction, poems, essays and culture programs from dawn till dusk.
Sarai Shavit Schriftstellerin
Was istjetzt für uns alle besonders wichtig?
These days, in a time of crazy wars, injustece and climate crisis, we must keep ourselves human. It’s the least we can do. I formulated a short huminity guide for artists: 1. Read for an hour a day, everyday. 2. Feed your soul with consuming all kinds of art as much as you can. 3. Walked outside with no special reason. let your mind fade away. 4. Eat healty. 5. Be good to the ones you love. 6. And to all of the rest too. 7. We are all political creatures, whether we like it or not. Discuss the subjects that are important to you with others. Take part. 8. Enjoy life as much as you can. Unlike the common assumption – it’s good for your art!
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
The Israeli author Ronit Matalon used to say that books were her real parents, the ones that thaught her how to live. I lost both parents when I was a child and I feel the same. I can’t imagine myself survivng life without Austin, Foulkner, Dickens or Capoeita. For me, the essence of litrature is an emotional index for life, I think the goal of literature is to articulate and form the tools that help us live our life wisely.
Was liest Du derzeit?
In the last cuople of nights I have been reading Olga Tokraczuk Prowadz Swoj Plug Prezez Kosci Umarlych and following Hagai Levi’s new HBO miniseries: Scence from a Marriage – a novel by Ingmar Bergman that started the whole event. Brilliant books.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
I want to share with you the Motto that will open my next Novel Figure of Speech that will be published in spring 2022. The novel is a hidden letter written by a woman to her older lover, revealing the connection between falling in love to disillusionment, between passion and loss. I chose two parts from Roland Barthes, A Lover’s Discourse: Fragment – to open the text. there it is:
lettre / letter This figure refers to the special dialectic of the love letter, both blank (encoded) and expressive (charged with longing to signify desire).
absence / absence
Any episode of language which stages the absence of the loved object – whatever its course and its duration – and which tends to transform this absence into an ideal of abandonment.
Danach
Hühner krähten
im Hof von der blonden Gali
auf der Fensterbank ragten Miniaturflugzeuge auf.
Auch mein Vater arbeitete am Flughafen
und auf dem hauchdünnen Schmierpapier, das er aus dem Büro mitbrachte
zeichneten wir statt Himmel graue Linien für die Rollbahnen.
Danach aßen wir weißen Käse und Oliven.
Wir öffneten den Kasten mit dem Schachspiel
wir wetteiferten miteinander in Zügen Findungen
wir bestimmten die Regeln neu
wir streiften im Hof umher bis der Rocksaum hochrutschte
und schabten die Pitangasträucher um uns her. Wir rollten
die blaue Couch
rauf und runter
färbten sie rot
zählten wer
schneller Purzelbäume schlägt.
Mein Vater starb zuerst.
Danach ihr Vater.
Danach meine Mutter.
Danach ihre Mutter.
Bund
Im Sommer 86 schnitt uns Avschaloms Vater ein Schlupfloch in den Zaun,
wir liefen zwischen den Höfen hin und her.
Über uns brachen die Pekannussbäume
ich trat auf Blätter und das Geräusch
das sie machten.
Wir stiegen auf der gelben Leiter bis aufs Dach des Schuppens,
ein Fuß nach dem anderen, wir schwankten nicht.
Ich hatte keine Angst vor der Höhe, auch nicht vor dem Blut.
Ich hatte Angst Avschalom würde mit anderen Kindern weglaufen.
Ich fragte ob er mich liebt, und Avschalom sagte,
komm wir ritzen uns wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn.
Die Klinge des Taschenmessers blitzte in seinen Händen. Er schnitt sich in den Finger.
Biss sich auf die Lippen. Blut, sämiger, dunkler
als ich gedachte hatte, kroch
in dünnen Pfädchen bis zum Ellbogen.
Bäume rauschten. In den Augen kam Wind auf.
Ich wartete dass wir reingingen, seine Mutter uns einen Apfel schnitte und sein Vater
aus dem Auto stiege, die Aktentasche durch die Luft schwänge
und Avschalom und ich
für immer Brüder wären.
Jetzt du, sagte Avschlaom. Ich streckte die Hand aus. Die Messerspitze traf. Ich kreischte.
Er zog mich mit. Verletzte Hand griff nach verletzter Hand. Seine Finger rieben an meinen.
Oben segelten salzige Dächer eine matte himmelblaue Farbe ein Feldteppich Vögel Stromleitungen Bäume Wolken
wir stiegen die Leiter hinunter und rannten ohne innezuhalten
Avschalom nach Hause und ich
all dem Tod zu der mich erwartete.
Bis die Liebe den Körper verlässt
Vergiss die Bucht wo du den Körper auf dem Gras ausstrecktest
vergiss die Sonne welche die zarten Muttermale verwundete
vergiss dass er Nüsse für den Salat hackte
vergiss dass ein goldener Ton in seinen Augen glomm
vergiss wie er die richtige Temperatur suchte
vergiss die Blutzellen die innen in der Haut ausflippten
vergiss wie er eine Tasse nach der anderen vom Balkontisch räumte
vergiss die Tasse die unter deinem Schenkel zitterte
vergiss dass sich das N zum O-Vokal verdunkelte
als er zu dir sagte, mit dir
bin ich noch
lange noch
nicht fertig.
Vergiss das Fleisch das wisperte: gib dich hin, er hat eine Stimme
die rollt dir zu, ignoriert die ungebahnte Straße,
die Dornen, die spitzen, den Geruch von Hals, Kirschen,
salziges Vibrato, Baumharz,
goldener Schlag. Kette.
Dreh dich nicht um.
*
Translted by Gundula Shiffer.
Vielen Dank für das Interview liebe Sarai, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Sarai Shavit, Schriftstellerin
Sarai Shavit ist Dichterin, Schriftstellerin und Redakteurin für Verlage und Fernsehen. Von ihr erschienen bisher die zwei Romane Bruria Hafakot (Bruria Productions, Kinneret Zmora-Bitan Dvir, 2009) und Hakol saris (India Express, Achusat Bajit, 2012) sowie die Lyrikbände Uma jesch od (What Else Is There, Achusat Bajit, 2014) und Keʼev Merchakim (Distant Strains, Mosad Bialik, 2021). Ihr Werk wurde mit dem Preis Schira al haderech (Lyrik liegt auf dem Weg) der Stadtverwaltung Tel Aviv, dem Lyrikstipendium des Mifal Hapajis und dem Literaturstipendium des Goldberg-Fonds ausgezeichnet. Sie ist Absolventin des Studiengangs für Creative Writing und Film an der Universität Tel Aviv. In der Vergangenheit hat sie die Bücher-Rubrik von Ynet, das Online-Literaturmagazin Sifrutkale und das Ressort für übersetzte Prosa im Matar Verlag herausgegeben. Shavit kuratiert regionale und internationale Literaturfestivals und moderiert und konzipiert das literarische Fernsehprogramm Schovrim Schura (Versumbrüche).
Foto_privat.
28.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Jessica Lind, Schriftstellerin_ am Romanschauplatz _Malina_Wien
Herzlichen Willkommen, liebe Jessica Lind, Schriftstellerin, hier am Romanschauplatz „Malina“ in der Ungargasse in Wien!
Wie im Roman von Ingeborg Bachmann, der heuer sein 50jähriges Erscheinen feiert, spielt ein bestimmter Ort, eine umrissene Topographie, auch eine zentrale Rolle in Deinem neu erschienen Roman „Mama“. Welche Bedeutung kommt Orten in Deinem Schreiben zu?
Die Aura, die Orte ausstrahlen, ist ganz wichtig für das, was sich ihnen abspielt und abspielen kann. Sie bilden die Bühne für das, was geschieht. In meinem Roman „Mama“, der ja ausschließlich im Wald spielt, agiert dieser Wald als zusätzliche Figur, die auch ein Eigenleben besitzt.
Welchen Schreibort wählst Du? Hängt dieser mit dem thematischen Ort zusammen?
Ich wähle Orte, an denen es mir leicht fällt, meine Umgebung zu vergessen. Momentan ist das oft das Bett (lacht). Manchmal ist aber auch ein Grundrauschen ganz gut, dann gehe ich ins Kaffeehaus. Oder aber auch nach draußen, in der Natur, in Parks, das ist ganz unterschiedlich. Was gelingen muss und vor allem dann gut gelingt, wenn ich im Fluss der Geschichte bin, ist, Zugang zu diesem fiktiven Ort zu finden, an dem die Geschichte passiert.
Manchmal ist das schwierig, manchmal ist es einfacher. Manchmal bin ich Alice im Wunderland, die ihren Weg durch das Schlüsselloch finden muss. Aber Ziel ist es, alles um mich herum zu vergessen, wie mir das auch oft beim Lesen passiert, wo ich regelmäßig zu weit mit der U-Bahn fahre, weil ich ganz in der Geschichte drin bin.
Wie darf man sich diesen Wechsel, dieses Wechseln von Schreibort und Realität als Schriftstellerin vorstellen? Wie dreht sich der Schlüssel im Weg in und aus einer Geschichte?
Das Reinrutschen passiert unbewusst, das merke ich dann auch gar nicht. Sobald ich das merken würde, wäre ich wahrscheinlich wieder draußen. Schwerer ist es, die Emotionen nicht mit in den Alltag zu nehmen.
Da muss ich noch besser werden (lacht), es ist ja auch unfair, dann meinen Partner anzuschnauzen und grantig zu sein, weil mich eine Szene noch so sehr beschäftigt.
Spielen Träume in Deinem schriftstellerischen Arbeiten eine Rolle?
Ich liebe es zu träumen und meine Fähigkeit dazu. Ich unterhalte mich auch gerne über Träume und habe dabei erfahren, dass es nicht jeder Person gelingt, sich Träume gut zu merken.
Ich habe noch nie einen Traum 1:1 im Schreiben übernommen. Aber eine von meinen Techniken, wenn ich nicht weiter weiß beim Schreiben, ist – das hat früher besser funktioniert als ich noch kein Kind hatte (lacht) – mich hinzulegen, Augen zu schließen und, auch wenn ich nicht wirklich eingeschlafen bin, die Gedanken so wandern zu lassen, dass diese nicht mehr konkret kreisen, sondern eine Freiheit bekommen. Das hat schon oft dazu geführt, dass plötzlich ein neuer Funke da war, der mir geholfen hat, mich wieder an den Schreibtisch zu setzen und weiterzuarbeiten.
Das ist ja das Spannende beim Schreiben, dass viel Arbeit nicht am Schreibtisch passiert, sondern dazwischen – was man erlebt, sieht – wenn man nicht am Schreibtisch darüber brütet.
Dein Roman „Mama“ beginnt mit einer Fahrszene im Auto. Wie wichtig ist Bewegung, Ortsveränderung für Dich als Inspiration?
Am liebsten mag ich Zugfahrten, ganz klimabewusst (lacht). Dieses Sitzen und der Körper wird bewegt, das macht schon etwas mit den Gedanken. Die Gedanken schweifen. Generell ist Langeweile zuzulassen nicht das Schlechteste, wenn man schreiben will..
Der Romanschauplatz „Malina“ hier im dritten Bezirk ist sehr eng gezogen. Auch in Deinem Roman ist das so. Was sind die Bewegründe im Schreiben dazu?
Ich mag gerne klar definierte Grenzen, in denen ich mich bewegen kann und finde, dass aus Mangel oft eine große Fülle entsteht. Ich mag das Spielerische daran, das Experiment: das ist jetzt mein Raum, was kann darin passieren? Wie in einer Versuchsanordnung.
Es sind bedeutungsvolle Namen, die Deine Protagonisten*innen im Roman tragen, auch mit persönlichen Bezügen. Wie wichtig sind Dir Namen im Schreiben?
Zuerst einmal gar nicht. Oft ist es eher nervig, dass die ja alle irgendwie heißen müssen. Da verwende ich irgendwelche Namen, der mir in den Sinn kommen und sage mir, dass ich es später ändern werde. Dann gewöhne ich mich an die Namen und sie bleiben.
Aber bei „Mama“ war es anders. In der Kurzgeschichte auf der dieser Roman beruht, hieß das Paar noch Ada und Theo. Das hat meiner Lektorin aber nicht gefallen, sie meinte, die Namen seien zu bürgerlich. Bei Änderungen bin ich relativ schmerzfrei, ich wollte nur die biblische Referenz behalten und so habe ich die Namen auf Amira und Josef geändert. Was vor allem für Josef Sinn macht, weil schon der Name etwas über seine Herkunft erzählt. Er stammt ja aus einem bäuerlichen Milieu. Meine Lektorin war auch von diesen Namen nicht begeistert, sie sind trotzdem so geblieben.
Welche Referenzen der biblischen „Maria und Josef“ Geschichte hast Du bewusst aufgenommen bzw. reflektiert?
Ich arbeite gerne mit Versatzstücken aus Mythen, Märchen und auch aus biblischen Geschichten, weil man sofort Verbindungen dazu aufbauen kann. „Maria und Josef“ sind wie „Adam und Eva“ berühmte Elternfiguren.
Gibt es Parallelen Deiner Romanprotagonistin Amira in Fragen der Herausforderungen einer neuen Lebenssituation, dem Frausein darin, der Identitätsfindung, zur biblischen Maria?
Maria Muttergottes ist die berühmteste Mutter überhaupt. Ein Engel verkündet ihr die Empfängnis von Gottes Sohn und sie nimmt ihr Schicksal mutig, aber auch sehr duldsam an. Sie ist eine Auserwählte. Dieses Narrativ der Frau als aufopfernden Mutter und Gefäß setzt sich bis in unsere Gegenwart als Idealbild fort. Am Anfang des Romans glaubt Amira zu wissen, was eine gute Mutter ist. Als sich ihre Vorstellungen vom Mutterglück nicht einstellen, sie feststellen muss, dass sie es nicht schafft dem Idealbild zu entsprechen und nicht sofort die gewünschte Erfüllung findet, stürzt sie das in große Widersprüche. Alles zerbricht und Amira muss diesen Scherbenhaufen erst wieder zusammensetzen.
Was hat Dich zur Namensvariation von Maria zu Amira im Roman bewogen?
Anders als bei Josef erfahren wir kaum etwas über Amiras Vergangenheit und Herkunft. Ich wollte sie nicht so genau verortet haben. Amira ist ein Name, der in verschiedenen Kulturen funktioniert.
Spielte dabei auch die Thematisierung der Rollenbilder von Frau und Mann eine Rolle?
Rollenbilder sind ein bestimmendes Thema im Roman. So emanzipiert und unabhängig man leben kann, sobald man ein Kind bekommt, müssen unzählige Dinge neu verhandelt werden. Wer geht wann in Elternzeit? Wie ist Elternschaft mit Lohnarbeit vereinbar? Noch immer passiert es in vielen heteronormativen Beziehungen, dass man sobald ein Kind da ist, in tradierte Geschlechterrollen rutscht. Das passiert auch bei Amira und Josef.
Auch im Roman „Malina“ geht es um Beziehungsmodelle und Gedanken, Emotionen, Reflexionen dazu. Was hat sich in 50 Jahren von „Malina“ bis zu Deinem Roman „Mama“ in Beziehungsrealitäten verändert?
In einer klassischen Beziehung teilt man sein Leben, im besten Fall die Liebe, aber auch Aufgaben. Es geht also um Aufgabenverteilung. In den 50ern war das noch relativ klar strukturiert. Und wenn ich von tradierten Geschlechterrollen spreche, meine ich diese Aufteilung: Die Frau kümmert sich um die Familie, der Mann um das Geld. Alles was dem nicht entsprach, war außerhalb der Norm. Was Normen bieten, ist Orientierung und Sicherheit. Mit dem Aufbrechen von Geschlechterkonventionen lässt sich nicht mehr alles so leicht einordnen. Heute gibt es mehr Möglichkeiten sich zu entfalten und sein Leben so zu gestalten, wie man es möchte. Die Gesellschaft hinkt allerdings hinterher, weil die Strukturen oft noch auf die heteronormative Beziehung zugeschnitten sind. Wie unsere Welt organisiert ist, hat die Pandemie deutlich gezeigt. Viele Verordnungen zielten auf das Zusammenleben in Familien ab. Aber nicht alle organisieren ihr Leben in klassischen Familienstrukturen. Für sie war es teilweise unmöglich, ihre Beziehungen in gewohnter Weise aufrecht zu erhalten. Ich glaube, da muss noch viel neu gedacht werden.
Ist Beziehung auch ein wechselseitig stützendes, rettendes Element für Liebende?
Bestimmt! Menschen brauchen andere Menschen. Nähe, Zärtlichkeit. Liebe ist ein unglaublich starkes Gefühl und wie wunderbar ist es, dass wir alle dazu fähig sind? Aber es gibt eben ganz viele verschiedene Arten von Beziehungen.
Was macht Glück in einer Beziehung aus?
Wenn ich das wüsste, wäre ich ein sehr glücklicher Mensch, würde es aufschreiben und als Ratgeber verkaufen und wäre wahrscheinlich eine sehr reiche Frau (lacht).
Dann darf ich die Frage umgekehrt stellen. Was lässt einen eine Beziehung beenden?
Da fragst Du die Falsche, ich bin mit meinem Partner seit sechzehn Jahren zusammen (lacht). Ich bin tatsächlich mit meinem ersten Freund zusammen und habe nie eine Beziehung beendet.
Welche Ähnlichkeiten, Unterschiede gibt es im literarischen Vergleich von Amira und der namenlosen weiblichen Ich Protagonistin in „Malina“?
Es ist jetzt schon lange her, dass ich den Roman Malina gelesen habe.
Was ich an Ingeborg Bachmann ganz stark bewundere ist, dass sie eine Liebende ist, die auch ganz offen Ihre Verletzlichkeit zeigt und sichtbar macht. Ich finde auch, dass dies keine Schwäche sondern eine Stärke ist.
Ich glaube, dass grundsätzliche Veränderungen in unserer Gesellschaft notwendig wären, um traditionelle Narrative zu überschreiben. Dass es eben nicht schwach ist, wenn man sich verletzlich zeigt, Gefühle zeigt, weint, sondern dass dies eine sehr große Stärke ist, weil es die Möglichkeit gibt, anzuknüpfen und sich emotional zu verbinden. Ingeborg Bachmann ist mutig vorangegangen, sich verletzlich zu zeigen.
Die Ich Protagonistin in Malina spricht auch von einer Vision für die Liebe, Mensch, Gesellschaft – „Ein Tag wird kommen“. Siehst Du dieses visionäre positive Element auch bei Amira?
Am Ende meines Romans ist es ein Freimachen von Konventionen, die sehr hart auf unser aller Schultern liegen, weil wir alle in uns eingeschrieben haben, wie gewisse Dinge zu sein haben, wie wir selbst zu sein haben. Die Gesellschaft ist ja immer eine Stimme im Kopf, zumindest in meinem (lacht).
Ich sehe es als eine große Chance im Erzählen, andere Bilder in unsere Köpfe zu bekommen. Ganz viel von dem, wie wir die Welt wahrnehmen, wie wir glauben, dass Dinge zu sein haben, kommt aus Geschichten, aus Filmen, aus der Pop-Kultur. Von diesen Bildern sind wir stark geprägt. Ich bin sehr froh, dass es immer mehr zum Diskurs wird, dass es neben den gängigen Bildern auch noch andere gibt. Und dass gerade diese Geschichten gesucht, gesehen und auch gelesen werden, weil sie frisch sind. Da sehe ich die große Chance für uns Künstler*innen, etwas zu verändern, weil es eben nicht egal ist, sondern jede/jeder einen Beitrag dazu leistet wie Bilder in unserer Gesellschaft, in unseren Köpfen aussehen.
In Deinem Roman geht Amira am Ende weiter, weg von etwas. In welche Zukunft geht sie für Dich?
Ich möchte dies offenlassen. Ich mag uneindeutige Enden von Geschichten sehr gerne, weil sie die Möglichkeit geben, dass Leser*innen zu Miterzähler*innen werden.
Nichts freut mich mehr, wenn mein Roman nicht mit dem Schluss endet sondern in den Köpfen noch weitererzählt, weitergesponnen wird.
Der Roman „Malina“ endet mit dem Verschwinden der Protagonistin. Ist dies für Dich ein Ende, ein Auflösen oder ein Durchgangsstadium und weitergehen?
Ich habe Malina mit Anfang Zwanzig gelesen und war sehr beeindruckt vom Roman und hatte damals das Gefühl, dass Ich-Erzählerin und Protagonist Malina sehr eng verknüpft sind und in meiner Lesart ist es fast so als wären die beiden eine Person. Auch aufgrund der vielen Gespräche, die ja fast wie Selbstgespräche sind.
Für mich ist das Auflösen, Verschwinden der Ich-Erzählerin am Ende ein zu Malina-Werden.
Ist es in Deinem Schreiben so, dass Du Dich in einer Protagonistin, einem Protagonisten reflektierst, gleichsam im Spiegelbild?
Sehr unbewusst würde ich sagen. Es ist ganz viel von mir in jeder Figur, auch in jedem Schauplatz, dies lässt sich wohl auch nicht anders machen. Aber es ist ein unbewusstes Vermischen von mehreren Positionen.
Der eine Pinselstrich im Schreiben ist vielleicht aus meiner eigenen Biographie und der andere von jemand anders, oder Fiktion. Das ist auch das Schöne, dass man da unentschieden sein darf, sich zerbrösln darf zwischen verschiedenen Figuren und jeder etwas geben kann. Etwa Sachen, die man sich für sich selbst wünschen würde oder die man an anderen schrecklich findet (lacht). Es ist ein sich Vermischen mit der Welt.
Welche „Farbtöpfe“ sind für Dich Inspiration, beziehungsweise schreibtechnisch bedeutsam?
Für diesen Roman waren das Märchen. Auch Kindheitserinnerungen, das Spielen im Wald, hinter jedem Baum ein Monster sehen, sich fürchten und gleichzeitig auch sich so geborgen zu fühlen, dass man zu spät nachhause kommt (lacht). Das waren so Dinge, die ich beim Schreiben des Romans abgerufen habe. Ansonsten ist es eine Mischung, aus dem was ich erlebe, was ich sehe, was mich berührt, welche Empfindungen ich habe, wenn ich durch die Welt, das Leben gehe.
Und dann gibt es noch popkulturelle Einflüsse in meinem Schreiben – Filme, Musik, Malerei, Fotografie. Kunst lässt einen ja oft sekundär erinnern, an das eigene primäre Erleben. Oft wird mir durch Kunst erst klar, wie es mir eigentlich geht. Inspiration ist dann eine Mischung aus primären und sekundären Erfahrungen.
Dein Schreiben kennzeichnet eine starke, mitreißende Bilderwelt in direkter Ansprache, die auch sehr schnell Bilder im Kopf beim Lesen erzeugt. Ist diese gleichsam filmartige Darstellung von (unheimlichen) Bildern im Kopf wesentliche Methode in Deinem Schreiben?
Ich versuche mich in eine Situation zu versetzen und vor allem Äußeres zu beschreiben. Davor zu sehr ins Innerliche zu gehen, habe ich oft eine gewisse Scheu, dadruch entsteht dieser „filmische“ Stil.
Inwieweit spielen Träume und das Unbewusste eine Rolle in Deinem Schreiben eine Rolle?
Das Unbewusste und das Manifestieren von unbewussten Ängsten spielen in meinem Roman eine große Rolle, ohne dass bei der Figur dabei auf biographische Ereignisse Rücksicht genommen wird. Alles was in meinem Roman passiert, steht auch drinnen und ist vor allem in der Gegenwart, im Moment verankert.
Ich glaube bei Malina ist das anders. Das Unbewusste ist da ein großer Schlüssel der Ich-Erzählerin für ihre Vergangenheit und wie sie geworden ist, wie sie Dinge erlebt, wie sie sich in ihren Beziehungen verhält. Das finde ich auch sehr spannend. Ich liebe psychologische Erzählungen, die sich damit beschäftigen, wer man ist und wie man zu dieser Person geworden ist.
Sind die Ängste Deiner Romanprotagonistin gänzlich ohne Bezug zur gewordenen Biographie?
Es sind tieferliegende unbewusste Ängste bei ihr, aber sie lässt diese zu einer Auseinandersetzung nicht wirklich zu. Sie kehrt diese eher unter den Teppich, bis es darunter so voll ist, dass es herausquillt und in Erscheinung tritt und sie nicht mehr loslässt.
Dein Roman spielt im Wald. Gibt es da konkrete ortsgebende Bezüge?
Es gibt da keinen konkreten Ort. Es sind verschiedene Wälder, die diesen mystischen Wald kreiert haben. Für den Buchtrailer war ich in Hohenberg, das ist in der Nähe von Lilienfeld/Niederösterreich, dort habe ich gefilmt. Diese Art von Wald kommt dem im Roman vermutlich sehr nahe. Anderseits gibt es etwa eine Lichtung im Roman, die einen Bezug zu dem Ort hat, in dem ich aufgewachsen bin. Das ist in der Nähe von St.Pölten. Es sind also verschiedene Wälder zu einem Wald erzählerisch montiert.
Welche Beziehung gibt es von Dir persönlich zum Wald? Ist dies ein Ort, um dem Du einen Bogen machst, weil dieser unheimlich ist oder ist dieser anziehend aufgrund seiner umgebenden Natur?
Der Wald ist beides. Man kann sich sehr geborgen fühlen im Wald, aufgehoben, nahe der Natur. Das hektische Leben zurücklassen und die Gedanken schweifen lassen. Anderseits bin ich auch eine, die gerne nach dem Unheimlichen sucht und die Schatten anschaut. Ich grusle mich gerne (lacht) und manchmal suche ich das auch.
Man hört im Wald etwa ein Geräusch und fragt sich, was war das? Ein Tier, ein Mensch, wer, was ist da noch im Wald?
Schon als Kind haben mich auch die Geschichten im Wald interessiert. Etwa ein Marterl, das an den Tod eines Jägers durch einen Eber erinnerte. Das waren so Sachen, auf die ich angesprungen bin (lacht).
Gab es da bestimmte Tageszeiten für die Waldspaziergänge?
Ich bin mit drei Schwestern in einem Dorf aufgewachsen, das von Wäldern umgeben war. Eine unserer Mutproben war, in der Dämmerung von der Wiese auf den Wald zuzugehen und einen Tannenzapfen mitzubringen. Da hat es mich schon richtig gegruselt (lacht). Die Mutprobe war aber auch Spiel und hat auch Spaß gemacht. Dieses Testen eigener Grenzen, das Überwinden und das darüber Hinweggehen.
War dieses Waldspiel auch Dein „Drehbuch“?
Ich glaube, das war die Idee meiner großen Schwester. Sie legte sich etwa auch beim Rodeln in den Schnee und rührte sich nicht mehr. Wir haben sie dann geschüttelt und gerüttelt und schließlich gekitzelt, bis sie sich wieder bewegte und sie war dann furchtbar wütend, dass wir dies taten und sagte „stellt`s euch vor, mir wäre wirklich etwas passiert und ihr kitzelt mich“ (lacht). Das Aufwachsen mit meinen Schwestern, meiner Familie hat mich sehr beeinflusst. Das sind Erfahrungen für das ganze Leben.
Liegt die Lust am Unheimlichen und der Mut sich dieser zu stellen in der Familie?
Ich komme aus einer Familie, die große Lust am Fabulieren hat, auch Lust am Drama. Wir Schwestern lieben und hassen uns (lacht). Das ist etwas, woraus ich schöpfe.
In Deinem Roman spielen Ängste eine große Rolle, die Höhenangst nicht. Hast Du Höhenangst?
Ja, ich habe Höhenangst. Als Kind hatte ich da einen Unfall. Ich habe das aber gut im Griff.
Darf ich Dich jetzt trotzdem noch zu einem Fotoshooting auf das Dach des Hauses einladen?
Ja, das ist kein Problem. Seiltanzen würde ich jetzt nicht (lacht), aber auf das Dach komme ich gerne mit.
Jessica Lind, Schriftstellerin_ am Romanschauplatz _Malina_Wien
Herzlichen Dank, liebe Jessica, für Deine Zeit in Wort und Bild hier am Romanschauplatz „Malina“! Viel Freude und Erfolg für alle literarischen, künstlerischen Projekte!
50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:
Liebe Stefanie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf ist immer sehr unterschiedlich, was, denke ich, zum Beruf gehört. Ich genieße diese Abwechslung sehr. Das Regelmäßige ist bei mir gerade, dass ich abends und am Wochenende im Theater probe, da ich mit meinem Theaterkollektiv DAS SCHAUWERK im November endlich Premiere haben werde. Das Stück mussten wir wegen Corona schon mehrmals verschieben. Den Rest der Woche arbeite ich an unterschiedlichen Projekten und ich versuche mir auch immer mindestens einen Wochentag zum Entspannen freizuschaufeln, was gar nicht so einfach ist.
Stefanie Altenhofer, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Mut, Courage, ins Handeln kommen. Aber auch Mitgefühl und Verständnis. Wichtig ist, dass wir Verantwortung übernehmen, unserem Planeten, unseren Mitmenschen und der Zukunft gegenüber. Wir müssen uns die Frage stellen, wie wir weiterhin miteinander leben wollen und danach agieren.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Wesentlich für den angesprochenen Aufbruch und Neubeginn ist es, dass wir ihn als solchen erkennen und nicht aus Angst vor dem Unbekannten wieder in alte Strukturen zurückfallen. Wir haben aus der Corona-Krise gelernt, dass es durchaus möglich und denkbar ist, aufgrund eines höheren Guts wie Gesundheit, etwa wirtschaftliche Ziele hintanzustellen und dafür auch weitreichende Maßnahmen zu ergreifen. Herausforderungen wie die Klimakrise benötigen ebensolche Schritte und es ist essenziell, dass jetzt nicht wieder wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund gespielt werden und der Handlungsdruck nicht als solcher erkannt wird.
Theater, Schauspiel und Kunst haben das Potential Reflexionsraum zu sein, ein Ort, wo Kreativität und Inspiration fließen und sprießen können, wo Utopien und Dystopien gebaut werden und zum Weiterüberlegen anregen, wo Spiegel vorgehalten und große sowie kleine Fragen immer wieder aufs Tableau gebracht werden.
Was liest Du derzeit?
„Ändert sich nichts, ändert sich alles“ von Katharina Rogenhofer und Florian Schlederer
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Ändert sich nichts, ändert sich alles.“
Vielen Dank für das Interview liebe Stefanie, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Ute Veronika, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Momentan glücklicherweise wieder beinahe wie eh und je. Jeder Tag ist anders und das war schon immer so. Ich stehe zu unterschiedlichen Zeiten auf, da ich zu unterschiedlichen Zeiten nach Hause komme. Routine schleicht sich nur selten ein. Das ist das Anstrengende, aber auch das Spannende an meinem Beruf. Ich plane kaum voraus und versuche jeden Tag zu nehmen wie er kommt und mein Bestes zu geben. Allerdings bin ich vorsichtiger im zwischenmenschlichen Kontakt geworden. Als Künstlerin freut es mich natürlich unendlich, dass die Theater wieder geöffnet sind und möchte nichts riskieren. Andererseits habe ich auch ein paar gute Sachen, die ich mir im Lockdown angewöhnt habe, in meinen Alltag mitgenommen. Zum Beispiel koche ich, wenn irgendwie möglich, jeden Tag – und zwar mit Genuss!
Respekt, Empathie und Freiheit. Es ist klar, dass die Pandemie viele Probleme wie Vereinsamung, seelische Erkrankungen und ähnliches verstärkt hat. Nun kann man aber versuchen hinter die Maske zu blicken, wortwörtlich und im übertragenen Sinne. Viele leiden im Stillen und Empathie hilft den Mitmenschen – immer! Zusätzlich tritt meiner Meinung nach ein Phänomen, das wohl viele als für immer überwunden geglaubt hatten, wieder in Erscheinung und nennt sich Spaltung der Gesellschaft. Das halte ich für eine gefährliche Entwicklung in einer Demokratie. Respekt für Meinungs- und Entscheidungsfreiheit, aber auch für das Wohlergehen anderer sollten immer im Vordergrund stehen. Und mit dem Gedanken an das Mahnmal, das in meiner Heimatstadt steht, bleibt eines der wichtigsten Zitate für mich: Hütet Freiheit und Frieden! Denn das schließt sich nicht gegenseitig aus.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich weiß nicht, ob sich die Aufgabe, die Kunst und Kultur im Leben der Menschen einnimmt, wesentlich verändern wird. Kunst kann das Gute in uns wecken, uns zum Nachdenken und zur Selbstreflexion anregen, uns inspirieren, informieren und den Horizont erweitern. Und uns manchmal auch einfach unterhalten, zum Lachen oder Träumen bringen und eine Pause vom Alltag schenken. Allerdings kann vor allem das Theater etwas wieder erwecken, das in dieser Zeit immer mehr verdrängt worden ist. Es kann die Lust am Unmittelbaren, am Moment, an dem Erlebnis in der Gruppe aus dem Winterschlaf holen. Die Dynamik jeder Vorstellung ist anders, jeden Abend ist das Publikum anders, bin ich anders. Man spürt die Aufregung, wenn das Licht im Zuseherraum ausgeht, genießt den Pausensekt und tauscht sich nachher über das Gesehene aus. Grund genug die eigenen vier Wände zu verlassen, sich auf Neues und Unbekanntes einzulassen, andere Menschen zu treffen. All das ist ein Erlebnis, das Inspiration und Mut geben soll. Und das können wir jetzt wohl alle brauchen.
Was liest Du derzeit?
Derzeit lese ich „Die Wand“ von Marlen Haushofer, die ich momentan auch im Theater im Keller Graz verkörpern darf. Der Roman passt ausgezeichnet in diese Zeit und das Gefühl unfreiwillig hinter einer Wand zu sein, abgeschlossen vom Rest der Welt, kommt wohl nicht nur mir bekannt vor.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Vielen Dank für das Interview liebe Ute Veronika, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Tanz-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Gina Christof, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Als freie Schauspielerin habe ich nicht wirklich einen geregelten oder regelmäßigen Tagesablauf. Momentan gehe ich die Tage etwas gemütlicher an, weil ich gerade aus den Proben von zwei sich überschneidenden Produktionen komme und in den letzten Monaten dadurch sehr intensiv eingesetzt war. Neben meiner schauspielerischen Laufbahn arbeite ich zusätzlich noch als Redakteurin. Außerdem habe ich gemeinsam mit meiner Kollegin Paula Kühn in der Pandemie ein eigenes Ensemble gegründet, für das auch immer wieder viele bürokratische Arbeiten anfallen. Kurzum also: ich bin in verschiedenen Bereichen tätig, um finanziell nicht nur vom Schauspiel abhängig zu sein, kann mir dadurch meinen Tag zwar sehr frei einteilen, habe aber auch immer etwas zu tun.
Gina Christof, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke, gerade in Zeiten wie diesen ist es wichtig, aufeinander zu schauen und achtzugeben. Alle haben viel zu tun, alle sind gestresst, alle wollen Dinge aufholen, die wegen Corona nicht möglich waren. Daneben gibt es aber auch viele gesellschaftspolitische Themen und Problematiken. Corona ist ja nicht die einzige Herausforderung: Die Flüchtlingskrise (noch immer ertrinken Menschen im Mittelmeer und werden in Lager in Libyen zurückgeschickt, wo sie unter menschenunwürdigen Bedingungen bleiben müssen), die Klimakrise, Korruption – die Liste ist lang. Ich denke, jeder und jede von uns hat sich angesichts all dessen, was gerade auf der Welt passiert, schon ohnmächtig und hilflos gefühlt. Deshalb finde ich, dass es ganz besonders wichtig ist, zumindest im eigenen Umfeld und den Menschen gegenüber, denen man im Alltag begegnet, offen und freundlich zu begegnen und niemanden für irgendetwas zu verurteilen. Das ist etwas, das mich persönlich gerade sehr erschreckt: wie schnell wir durch die Coronakrise oft Menschen verurteilen und in Schubladen stecken. Wir sollten einander viel mehr zuhören, viel mehr Verständnis haben. Denn wir wissen nie, was das Gegenüber durchgemacht hat oder wieso er oder sie zu seiner Lebensanschauung und Einstellung gekommen ist.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Das Schauspiel und die Kunst hatten immer schon vielfältige Möglichkeiten. Einerseits kann Theater Menschen immer auch eine Auszeit geben – eine Auszeit von allem was in der Welt passiert, was im eigenen Leben an Problemen und Herausforderungen ansteht. Theater soll in erster Linie für mich immer Geschichten erzählen, die Menschen in andere Welten entführen und sie verzaubern. Idealerweise steckt in dieser Verzauberung aber auch etwas, das sie in ihrem Alltag noch begleitet oder längerfristig zum Nachdenken anregt. Damit hat Theater für mich immer auch den Anspruch, im Kleinen etwas zu verändern oder zu bewegen, quasi über diesen einen Abend hinaus zu wirken. Wenn im Publikum nur ein paar wenige Menschen sitzen, die nachher hinausgehen und sagen, wow, da waren ein paar Gedanken dabei, die muss ich weiterspinnen, die könnten was in meinem eigenen Leben verändern, dann hat Theater schon etwas bewirkt. Kunst kann und soll natürlich auch gerade zu allen gesellschaftspolitischen Dingen und Veränderungen Stellung beziehen und etwaige Missstände/Probleme aufzeigen. Es gibt hier einfach so viele Möglichkeiten, das ist für mich persönlich das Tolle und Faszinierende.
Was ich an dieser Stelle aber auch gerne noch anbringen möchte, ist die prekäre Situation vieler (freier) Künstlerinnen und Künstler, die gerade ja auch jetzt durch die Pandemie noch mehr zum Vorschein gekommen ist. Auch ich arbeite neben dem Beruf als Schauspielerin, in dem ich eigentlich wirklich gut eingesetzt bin, als zweites Standbein noch anderweitig. Und da bin ich nicht die Einzige. Das liegt einerseits daran, dass es oft zu Pausen von Wochen oder Monaten zwischen Engagements kommen kann – und die Miete muss dann aber auch bezahlt sein. Und andererseits daran, dass gerade in der freien Szene die Gagen einfach nicht hoch genug sind. Da arbeitet man dann mit viel Herzblut, aber wirklich gut leben kann man davon nicht. Und unter gut leben verstehe ich jetzt nicht, dass ich in einem Penthouse wohne und jedes Monat in die Karibik auf Urlaub fliege. Sondern, dass ich beispielsweise nicht bei jedem Mal Essen gehen überlegen muss, ob ich mir das wirklich leisten kann. Hier gerade in einem Kulturland wie Österreich für faire Löhne zu sorgen und auch die freie Szene einfach viel besser zu subventionieren – das ist etwas, das längst überfällig ist.
Was liest Du derzeit?
Ich lese derzeit „Miroloi“ von Karen Köhler.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Was ist denn Mut anderes, als die Dinge trotz Angst zu tun?“
Gina Christof, Schauspielerin
Vielen Dank für das Interview liebe Gina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Wien _ am Lebenensort Ingeborg Bachmanns 1946-53_Wien
Schönen guten Morgen in strahlender Herbstsonne, liebe Julia Hagenhofer, Schauspielerin, hier im Modenapark im III.Bezirk Wiens! Freut mich sehr, dass wir wieder gemeinsam auf den Lebensspuren Ingeborg Bachmanns unterwegs sind!
Wir befinden uns hier auf literarischen wie biographischen Spuren der österreichischen Schriftstellerin. Aber auch Du wohnst hier in unmittelbarer Nähe. Ingeborg Bachmann spricht im Roman „Malina“ vom „Königreich „Ungargassenland“. Wie erlebst Du diesen Lebensraum heute hier?
Guten Morgen, sehr gerne!
Ja, das Wohnen, Leben hier kann ein Königreich sein. (lacht). Ich kenne den III.Bezirk Wiens noch nicht ganz genau aber ich finde gerade der Bereich „Ungargassenland“ hat etwas ganz Besonderes. Es ist so zentral gelegen, über die Straße hier ist man schon im Stadtpark und damit im I.Bezirk. Anderseits ist es auch sehr hell hier, etwa im Park jetzt wo wir gerade sitzen, und es ist auch irrsinnig ruhig. Ich bin Ruhe gewohnt von meinem „alten“ Zuhause und das habe ich hier trotz der zentralen Lage hier auch absolut.
Es sind wahnsinnig schöne Gebäude hier, gerade auch das Wohnhaus von Ingeborg Bachmann gibt Stil und Atmosphäre dieses Bezirkes gut wieder. Das Alt Wiener Flair ist zu spüren und zu sehen, etwa bei den Pflastersteinen, das ist ja auch in Wien selten.
Es ist sehr viel Historisches, etwa auch das Schloss Belvedere, in der Nähe, und das macht es besonders. Es hat schon was (lacht) und ist wirklich schön hier.
Wir sitzen jetzt hier im ruhigen Park des „Ungargassenlandes“. Ist das auch ein Ort, den Du gerne aufsuchst und Dich künstlerisch inspirieren lässt?
Ich muss sagen, ich bin jetzt nicht oft hier in diesem Park, weil der Stadtpark doch auf meinem Weg von der Arbeit liegt und auch wenn ich unterwegs bin, gehe ich in diesen Park im I.Bezirk.
Aber der Park hier ist mein Ort, den ich oft durchquere oder einfach hinsehe. Ich schätze das sehr und insofern ist es wohl auch Inspirationsort.
Wir sind hier an einem strahlenden Herbsttag. Wie erlebst Du diese Jahreszeit?
Ich liebe den Herbst tatsächlich, auch den Frühling. Ich mag diese Übergangsjahreszeiten.
Ich genieße den Herbst sehr und dieser ist ein besonders schöner mit so vielen Sonnentagen, die man etwa in den Parks hier genießen kann. Ich mag auch diesen Rundblick zu den bunten Blättern und es riecht auch ganz eigen, einfach nach Herbst (lacht).
Du bist neu hinzugezogen. Wie lernst Du das „Ungargassenland“ kennen? Hast Du da eine bestimmte Taktik?
Es ist ja auch ein Botschaftsviertel mit sehr schönen Gebäuden und auch Kirchen, etwa die russisch orthodoxe Kirche, die ich mir gleich in der ersten Woche ansah und ganz begeistert war von diesem Gebäude. Gefühlt sind hier verschiedenste Konfessionen und Religionen vertreten, das ist ganz spannend.
Entdecken eines Lebensraumes ist für mich auf alle Fälle ein zu Fuß entdecken, einfach um wahrzunehmen.
Ein Land hat ja immer eine Mitte und auch Grenzen, ist dies auch im literarischen „Ungargassenland“ wahrzunehmen?
Das Herz ist natürlich die Ungargasse. Ich würde aber den Teil der Ungargasse, zwischen der Beatrixgasse und der Neulinggasse, der ja auch im Roman angesprochen wird, als unmittelbare Mitte bezeichnen.
Grenzen des Lebensraumes hier sind für mich die Bereiche Rennweg, Belvedere, Stadtpark, Salesianergasse, Traungasse. Das ist so das „Ungargassenland“ Areal für mich.
Du bist schon sehr vertraut mit dem Wohnviertel hier. Ist es für Dich schon ein Nachhausekommen?
Ja, auf jeden Fall. Ich wohne jetzt knapp ein Jahr hier und es hat schon Wochen, Monate gebraucht bis ich das Gefühl des Zuhauseseins entwickelte, etwa wenn man sich im Heimkommen nach dem Urlaub auf die eigenen vier Wände freut. Ich habe mich hier gleich wohlgefühlt aber das Zuhausesein dauerte. Jetzt ist es wirklich mein Zuhause.
Es ist ja ein besonderer Zeitpunkt, wenn man zu Weihnachten umzieht, da ja die Familie meist eng versammelt ist. Wie war dieser Prozess des Ankommens vom Vertrauten zu Neuem da für Dich?
Es war nicht zu diesem Zeitpunkt geplant, aber aufgrund der Fertigstellung der Wohnung, etwa dem Einbau der Küche und den entsprechenden Lieferzeiten, ergab sich dann als Einzug der Dezember. Der Umzug war nicht von heute auf morgen sondern ein Prozess. Da ich über Weihnachten auch beruflich frei hatte, war es der perfekte Zeitpunkt für mich. Es war eine ideale Zeit des entspannten Umziehens und es blieb auch Zeit für die Familie.
Wir arbeiten gemeinsam an Projekten zu Ingeborg Bachmann. Wie nimmst Du jetzt Deinen unmittelbaren Lebensraum, der ja auch literarischer Raum ist, wahr? Welche Eindrücke, Impulse nimmst Du da mit?
Ich finde es spannend, dass, wie man ja am Roman Malina sieht, für Ingeborg Bachmann dieser Ort hier auch ein wichtiger, einflussreicher Lebensraum war. Jetzt da zu leben, ist schon besonders man denkt natürlich darüber nach, auch weil es ja unmittelbare „Nachbarschaft“ ist. Ich erlebe es zum ersten Mal an einem Romanschauplatz zu leben.
Wir sind jetzt den Straßenabschnitt entlang der Wohnung Ingeborg Bachmanns entlangspaziert und haben szenisch fotografiert. Welche Eindrücke hast Du da aufgenommen?
In der Gasse hier entlang des Parks treffen sich Neubau und Altbau. Da begegnen sich Zeiten, historische und literarische. Der Modenapark ist so eine Mitte, Grenze von altem und neuem Wien auf kurzem Wege. Es würde mich auch interessieren wie es zur Zeit Ingeborg Bachmanns hier ausgesehen hat. Die historischen Häuser im Wohnabschnitt der Schriftstellerin sind besonders schön.
Ingeborg Bachmann war Schriftstellerin, Du bist Schauspielerin, auch der Zeitpunkt des Wohnungseinzuges ist im Lebensalter ähnlich. Ist dies ein besonderer Lebensort als Künstlerin und für eine Künstlerin hier?
Ich bin jetzt überrascht, dass mich mit Ingeborg Bachmann hier nicht nur der Lebensraum sondern auch das Lebensalter des Zuzuges verbindet.
Inspirationen gibt es in jedem Fall hier. Für mich war es aber auch spannend, da ich ja aus einem Haus hierherzog, in dem ich künstlerisch mich ausdrücken konnte, ohne das dies Nachbarn betrifft, und ich war neugierig wie dies hier sein wird. Es war dann eine sehr positive Überraschung zu sehen und zu hören, wie etwa ein Klavier herausgestellt und gespielt oder gesungen wird (lacht).
Es leben viele Menschen hier, die Kunst praktizieren. Musik spielt eine große wie akzeptierte Rolle hier, das ist sehr schön. Ich habe hier noch nie jemanden erlebt, der sich über Musik, Kunst beschwert hätte.
Du übst Gesang, Schauspiel und Tanz in Deiner Wohnung?
Ja, ich übe fast jeden Tag, achte aber darauf zu welchen Zeiten ich übe. Bei Schauspiel und Tanz ist das weniger problematisch, da ich das Gefühl habe, dass meine Nachbarn mich dabei nicht hören. Allerdings bei Gesang achte ich besonders darauf. Da hatte ich schon Sorge wie sich dies mit unmittelbarer Wohnungsnachbarschaft gestalten würde. Aber es ist wie gesagt sehr akzeptiert und das freut mich natürlich.
Schreibst Du selbst auch?
Nein, literarisch nicht. Für einen Roman hätte ich die Geduld und die Ideen nicht. Ich erinnere mich, dass ich mit zwölf Jahren da einen Impuls hatte, aber es endete nach einer halben Seite (lacht). In meinem Studium an der Uni Wien schreibe ich wissenschaftlich.
Du bist als Pädagogin tätig und arbeitest ebenso an Schauspielprojekten. Diese parallele Arbeitswelt war ja auch bei Ingeborg Bachmann in den Lebensjahren hier in Wien so. Wie gelingt diese Verbindung?
Diese Verbindung ist nicht so einfach. Ich liebe meine Arbeit als Pädagogin und meine künstlerische Tätigkeit und Ausbildung. Derzeit muss es parallel laufen, das ist notwendig, auch wenn im Moment sehr wenig Schlaf dabei ist (lacht).
Die Verbindung der Tätigkeiten ist aber auch eine inspirierende Abwechslung und das ist sehr spannend unterschiedliche Dinge zu machen.
Man kann sich als Pädagogin Inspiration von der Kunst und als Künstlerin Inspiration von der Pädagogik holen.
Ich denke aber, dass es auch für Ingeborg Bachmann mitunter schwierig war, Tätigkeiten mit dem künstlerischen Arbeiten zu verbinden.
Wir sind im Fotoshooting auf die Emotionen des Ankommens, Lebens und des Abschiednehmens eingegangen. Wie gelingt es Dir als Schauspielerin sich da anzunähern und einzutauchen?
Die Beschäftigung mit dem Leben, Werk von Ingeborg Bachmann, ich habe den Roman Malina im Vorfeld gelesen, hilft natürlich sich hineinzuversetzen und erzeugt auch eine gewisse Nähe. In jeder Darstellung ist immer sehr viel der eigenen Person.
Wenn man etwa die Situation eines Umzuges gerade selbst erlebt hat, sind die Emotionen natürlich sehr präsent – das Abschiednehmen, das Ankommen.
Du hast Dich auf dieses Projekt heute wieder wunderbar auch in Style, Mode vorbereitet. Wie hast Du das Styling zusammengestellt?
Ich habe mich mit Mode, Stil der Zeit beschäftigt und was da aus meinem privaten Fundus passen könnte. Ich habe da eine Auswahl Zuhause, die ich immer wieder rauskrame (lacht). Meine Mutter war da auch eine große Hilfe, auch grundsätzlich mit Ihrer Empfehlung klassische Modestücke im privaten modischen Repertoire zu haben (lacht) wie einen schwarzen Mantel, ein schwarzes Kleid, schwarze Schuhe. Und deswegen habe ich es auch im Kleiderschrank (lacht). Den Hut habe ich von meiner Mutter gestern noch ausgeborgt (lacht).
Diese Modestücke trage ich aber auch privat, es ist zeitlos. Diese Zeitlosigkeit oder Wiederkehr erkennt man ja auch in den Modestilen heute, etwa der 70er/80er Jahre.
Wie darf man sich bei Dir einen sonnigen Herbstsonntag im Ungargassenland vorstellen? Was gehört da für Dich dazu?
Sonntag ist meist ein Treffpunkttag der Familie. Wenn ich hier bin, ist derzeit die Arbeit für die Uni ein Schwerpunkt. Meistens gehe ich auch am Sonntag spazieren. Das ist so mein besonderer Spaziergangtag, meist für eine Stunde. Der Sonntag ist ein ruhiger Tag für mich.
Ingeborg Bachmann ist nach mehreren Lebensjahren hier in eine andere Stadt aufgebrochen. Was meinst Du geht einer jungen Künstlerin da durch den Kopf?
Einerseits denke ich, ist ein Umzug immer eine Möglichkeit neuer Inspiration, gerade für eine Schriftstellerin, vielleicht Neues zu entdecken, neue Geschichten. Ich denke, da kann so ein Umzug künstlerisch spannend sein. Aber andererseits sind hier an diesem Ort viele Geschichten entstanden und da ist viel Leben, Herz des Ortes drin. Ich denke, da ist es nicht so einfach sich zu verabschieden. In jedem Fall sind da viele Emotionen dabei.
Ich verstehe auch, dass Ingeborg Bachmann die Zeit hier sehr in Erinnerung behalten hat.
Ich kann mir vorstellen, dass Ingeborg Bachmann vielleicht oft in diesem Park war und vielleicht hier geschrieben hat, eben weil es sehr ruhig hier.
Ingeborg Bachmann lebte hier bei einem befreundeten Ehepaar. Wie wichtig sind Freundschaften in einem Künstlerinleben?
Das ist sehr wichtig. Sie ist aber auch von der Beatrixgasse hierher gezogen, da war ja die räumliche Distanz auch vorher nicht so groß und damit wohl auch die Verbindung vorhanden.
Da ich jetzt neu zugezogen bin, gibt es noch nicht unmittelbare Freundschaften in Haus und näherer Umgebung.
Es ist aber sicher auch besonders mit Freunden zu wohnen.
Wie erlebst Du die Kommunikation, Nachbarschaft hier?
Sehr wenig tatsächlich, manchmal ein Gespräch, meine Nachbarn sind aber oft länger abwesend. Es sind auch viele junge Mitbewohner*innen hier, die möglicherweise aufgrund der Universität hierherziehen, auf Zeit, und dann am Wochenende wieder in Ihrem Zuhause woanders sind.
Ich bin auch mitten im Lockdown umgezogen und das einfach zusammensitzen in der Nachbarschaft fehlte natürlich. Mitten im Lockdown klingelt man ja nicht im Ankommen bei allen Nachbarn (lacht). Man trifft sich auf der Stiege, redet am Weg zur Arbeit. Freundschaften sind da aber noch nicht entstanden. Ich habe aber natürlich viele Freundschaften in Wien. Aber so ein Treffpunkt in der Nachbarschaft wäre natürlich sehr nett.
Ist das Wohngebiet hier für Dich ein typisches Stück Wien?
Ja, es ist für mich ein typisches Stück Wien hier („Kannst Du mir a Sackerl bringen, bitte?“ Anm. ruft gerade jemand im Park). In Architektur und Leben (lacht).
Es leben hier auch viele ältere Wiener*innen, da ist auch die klassische Wiener Mentalität zu erleben, spüren. Es ist eine spannende dynamische Mischung von Generationen und Begegnungen.
Möchtest Du uns noch einen Gedanken an Ingeborg Bachmann mitgeben?
Wenn ich ihre Texte lese, fühle ich mich ihr sehr nahe, weil ich auch hier lebe und dies erlebe hier (lacht).
Ingeborg Bachmann ist eine faszinierende Schriftstellerin und Persönlichkeit.
Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Wien _ am Lebenensort Ingeborg Bachmanns 1946-53_Wien
Liebe Julia, herzlichen Dank für diese gemeinsame wunderbare Station bei Ingeborg Bachmann! Weiterhin viel Freude bei allen künstlerischen Projekten und einen weiteren so goldenen Herbst im „Ungargassenland“!
Dankeschön!
50 Jahre Malina _Station bei Ingeborg Bachmann _ Wien_