„In einem Kulturland wie Österreich für faire Löhne für Künstler*innen zu sorgen“ Gina Christof, Schauspielerin _ Wien 6.11.2021

Liebe Gina Christof, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als freie Schauspielerin habe ich nicht wirklich einen geregelten oder regelmäßigen Tagesablauf. Momentan gehe ich die Tage etwas gemütlicher an, weil ich gerade aus den Proben von zwei sich überschneidenden Produktionen komme und in den letzten Monaten dadurch sehr intensiv eingesetzt war. Neben meiner schauspielerischen Laufbahn arbeite ich zusätzlich noch als Redakteurin. Außerdem habe ich gemeinsam mit meiner Kollegin Paula Kühn in der Pandemie ein eigenes Ensemble gegründet, für das auch immer wieder viele bürokratische Arbeiten anfallen. Kurzum also: ich bin in verschiedenen Bereichen tätig, um finanziell nicht nur vom Schauspiel abhängig zu sein, kann mir dadurch meinen Tag zwar sehr frei einteilen, habe aber auch immer etwas zu tun.

Gina Christof, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, gerade in Zeiten wie diesen ist es wichtig, aufeinander zu schauen und achtzugeben. Alle haben viel zu tun, alle sind gestresst, alle wollen Dinge aufholen, die wegen Corona nicht möglich waren. Daneben gibt es aber auch viele gesellschaftspolitische Themen und Problematiken. Corona ist ja nicht die einzige Herausforderung: Die Flüchtlingskrise (noch immer ertrinken Menschen im Mittelmeer und werden in Lager in Libyen zurückgeschickt, wo sie unter menschenunwürdigen Bedingungen bleiben müssen), die Klimakrise, Korruption – die Liste ist lang. Ich denke, jeder und jede von uns hat sich angesichts all dessen, was gerade auf der Welt passiert, schon ohnmächtig und hilflos gefühlt. Deshalb finde ich, dass es ganz besonders wichtig ist, zumindest im eigenen Umfeld und den Menschen gegenüber, denen man im Alltag begegnet, offen und freundlich zu begegnen und niemanden für irgendetwas zu verurteilen. Das ist etwas, das mich persönlich gerade sehr erschreckt: wie schnell wir durch die Coronakrise oft Menschen verurteilen und in Schubladen stecken. Wir sollten einander viel mehr zuhören, viel mehr Verständnis haben. Denn wir wissen nie, was das Gegenüber durchgemacht hat oder wieso er oder sie zu seiner Lebensanschauung und Einstellung gekommen ist.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Das Schauspiel und die Kunst hatten immer schon vielfältige Möglichkeiten. Einerseits kann Theater Menschen immer auch eine Auszeit geben – eine Auszeit von allem was in der Welt passiert, was im eigenen Leben an Problemen und Herausforderungen ansteht. Theater soll in erster Linie für mich immer Geschichten erzählen, die Menschen in andere Welten entführen und sie verzaubern. Idealerweise steckt in dieser Verzauberung aber auch etwas, das sie in ihrem Alltag noch begleitet oder längerfristig zum Nachdenken anregt. Damit hat Theater für mich immer auch den Anspruch, im Kleinen etwas zu verändern oder zu bewegen, quasi über diesen einen Abend hinaus zu wirken. Wenn im Publikum nur ein paar wenige Menschen sitzen, die nachher hinausgehen und sagen, wow, da waren ein paar Gedanken dabei, die muss ich weiterspinnen, die könnten was in meinem eigenen Leben verändern, dann hat Theater schon etwas bewirkt. Kunst kann und soll natürlich auch gerade zu allen gesellschaftspolitischen Dingen und Veränderungen Stellung beziehen und etwaige Missstände/Probleme aufzeigen. Es gibt hier einfach so viele Möglichkeiten, das ist für mich persönlich das Tolle und Faszinierende.

Was ich an dieser Stelle aber auch gerne noch anbringen möchte, ist die prekäre Situation vieler (freier) Künstlerinnen und Künstler, die gerade ja auch jetzt durch die Pandemie noch mehr zum Vorschein gekommen ist. Auch ich arbeite neben dem Beruf als Schauspielerin, in dem ich eigentlich wirklich gut eingesetzt bin, als zweites Standbein noch anderweitig. Und da bin ich nicht die Einzige. Das liegt einerseits daran, dass es oft zu Pausen von Wochen oder Monaten zwischen Engagements kommen kann – und die Miete muss dann aber auch bezahlt sein. Und andererseits daran, dass gerade in der freien Szene die Gagen einfach nicht hoch genug sind. Da arbeitet man dann mit viel Herzblut, aber wirklich gut leben kann man davon nicht. Und unter gut leben verstehe ich jetzt nicht, dass ich in einem Penthouse wohne und jedes Monat in die Karibik auf Urlaub fliege. Sondern, dass ich beispielsweise nicht bei jedem Mal Essen gehen überlegen muss, ob ich mir das wirklich leisten kann. Hier gerade in einem Kulturland wie Österreich für faire Löhne zu sorgen und auch die freie Szene einfach viel besser zu subventionieren – das ist etwas, das längst überfällig ist.

Was liest Du derzeit?

Ich lese derzeit „Miroloi“ von Karen Köhler.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Was ist denn Mut anderes, als die Dinge trotz Angst zu tun?“

Gina Christof, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Gina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Gina Christof, Schauspielerin

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Fotos_Emma Zimme

23.10.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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