„Im Werk Ingeborg Bachmanns ist viel Leben, Herz dieses Ortes drin“ Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Station bei Ingeborg Bachmann _ Wien 6.11.2021

Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Wien _
am Lebenensort Ingeborg Bachmanns 1946-53_Wien

Schönen guten Morgen in strahlender Herbstsonne, liebe Julia Hagenhofer, Schauspielerin, hier im Modenapark im III.Bezirk Wiens! Freut mich sehr, dass wir wieder gemeinsam auf den Lebensspuren Ingeborg Bachmanns unterwegs sind!

Wir befinden uns hier auf literarischen wie biographischen Spuren der österreichischen Schriftstellerin. Aber auch Du wohnst hier in unmittelbarer Nähe. Ingeborg Bachmann spricht im Roman „Malina“ vom „Königreich „Ungargassenland“. Wie erlebst Du diesen Lebensraum heute hier?

Guten Morgen, sehr gerne!

Ja, das Wohnen, Leben hier kann ein Königreich sein. (lacht). Ich kenne den III.Bezirk Wiens noch nicht ganz genau aber ich finde gerade der Bereich „Ungargassenland“ hat etwas ganz Besonderes. Es ist so zentral gelegen, über die Straße hier ist man schon im Stadtpark und damit im I.Bezirk. Anderseits ist es auch sehr hell hier, etwa im Park jetzt wo wir gerade sitzen, und es ist auch irrsinnig ruhig. Ich bin Ruhe gewohnt von meinem „alten“ Zuhause und das habe ich hier trotz der zentralen Lage hier auch absolut.

Es sind wahnsinnig schöne Gebäude hier, gerade auch das Wohnhaus von Ingeborg Bachmann gibt Stil und Atmosphäre dieses Bezirkes gut wieder. Das Alt Wiener Flair ist zu spüren und zu sehen, etwa bei den Pflastersteinen, das ist ja auch in Wien selten.

Es ist sehr viel Historisches, etwa auch das Schloss Belvedere, in der Nähe, und das macht es besonders. Es hat schon was (lacht) und ist wirklich schön hier.

Wir sitzen jetzt hier im ruhigen Park des „Ungargassenlandes“. Ist das auch ein Ort, den Du gerne aufsuchst und Dich künstlerisch inspirieren lässt?

Ich muss sagen, ich bin jetzt nicht oft hier in diesem Park, weil der Stadtpark doch auf meinem Weg von der Arbeit liegt und auch wenn ich unterwegs bin, gehe ich in diesen Park im I.Bezirk.

Aber der Park hier ist mein Ort, den ich oft durchquere oder einfach hinsehe. Ich schätze das sehr und insofern ist es wohl auch Inspirationsort.

Wir sind hier an einem strahlenden Herbsttag. Wie erlebst Du diese Jahreszeit?

Ich liebe den Herbst tatsächlich, auch den Frühling. Ich mag diese Übergangsjahreszeiten.

Ich genieße den Herbst sehr und dieser ist ein besonders schöner mit so vielen Sonnentagen, die man etwa in den Parks hier genießen kann. Ich mag auch diesen Rundblick zu den bunten Blättern und es riecht auch ganz eigen, einfach nach Herbst (lacht).

Du bist neu hinzugezogen. Wie lernst Du das „Ungargassenland“ kennen? Hast Du da eine bestimmte Taktik?

Es ist ja auch ein Botschaftsviertel mit sehr schönen Gebäuden und auch Kirchen, etwa die russisch orthodoxe Kirche, die ich mir gleich in der ersten Woche ansah und ganz begeistert war von diesem Gebäude. Gefühlt sind hier verschiedenste Konfessionen und Religionen vertreten, das ist ganz spannend.

Entdecken eines Lebensraumes ist für mich auf alle Fälle ein zu Fuß entdecken, einfach um wahrzunehmen.

Ein Land hat ja immer eine Mitte und auch Grenzen, ist dies auch im literarischen „Ungargassenland“ wahrzunehmen?

Das Herz ist natürlich die Ungargasse. Ich würde aber den Teil der Ungargasse, zwischen der Beatrixgasse und der Neulinggasse, der ja auch im Roman angesprochen wird, als unmittelbare Mitte bezeichnen.

Grenzen des Lebensraumes hier sind für mich die Bereiche Rennweg, Belvedere, Stadtpark, Salesianergasse, Traungasse. Das ist so das „Ungargassenland“ Areal für mich.

Du bist schon sehr vertraut mit dem Wohnviertel hier. Ist es für Dich schon ein Nachhausekommen?

Ja, auf jeden Fall. Ich wohne jetzt knapp ein Jahr hier und es hat schon Wochen, Monate gebraucht bis ich das Gefühl des Zuhauseseins entwickelte, etwa wenn man sich im Heimkommen nach dem Urlaub auf die eigenen vier Wände freut. Ich habe mich hier gleich wohlgefühlt aber das Zuhausesein dauerte. Jetzt ist es wirklich mein Zuhause.

Es ist ja ein besonderer Zeitpunkt, wenn man zu Weihnachten umzieht, da ja die Familie meist eng versammelt ist. Wie war dieser Prozess des Ankommens vom Vertrauten zu Neuem da für Dich?

Es war nicht zu diesem Zeitpunkt geplant, aber aufgrund der Fertigstellung der Wohnung, etwa dem Einbau der Küche und den entsprechenden Lieferzeiten, ergab sich dann als Einzug der Dezember. Der Umzug war nicht von heute auf morgen sondern ein Prozess. Da ich über Weihnachten auch beruflich frei hatte, war es der perfekte Zeitpunkt für mich. Es war eine ideale Zeit des entspannten Umziehens und es blieb auch Zeit für die Familie.

Wir arbeiten gemeinsam an Projekten zu Ingeborg Bachmann. Wie nimmst Du jetzt Deinen unmittelbaren Lebensraum, der ja auch literarischer Raum ist, wahr? Welche Eindrücke, Impulse nimmst Du da mit?

Ich finde es spannend, dass, wie man ja am Roman Malina sieht, für Ingeborg Bachmann dieser Ort hier auch ein wichtiger, einflussreicher Lebensraum war. Jetzt da zu leben, ist schon besonders man denkt natürlich darüber nach, auch weil es ja unmittelbare „Nachbarschaft“ ist. Ich erlebe es zum ersten Mal an einem Romanschauplatz zu leben.

Wir sind jetzt den Straßenabschnitt entlang der Wohnung Ingeborg Bachmanns entlangspaziert und haben szenisch fotografiert. Welche Eindrücke hast Du da aufgenommen?

In der Gasse hier entlang des Parks treffen sich Neubau und Altbau. Da begegnen sich Zeiten, historische und literarische. Der Modenapark ist so eine Mitte, Grenze von altem und neuem Wien auf kurzem Wege. Es würde mich auch interessieren wie es zur Zeit Ingeborg Bachmanns hier ausgesehen hat. Die historischen Häuser im Wohnabschnitt der Schriftstellerin sind besonders schön.

Ingeborg Bachmann war Schriftstellerin, Du bist Schauspielerin, auch der Zeitpunkt des Wohnungseinzuges ist im Lebensalter ähnlich. Ist dies ein besonderer Lebensort als Künstlerin und für eine Künstlerin hier?

Ich bin jetzt überrascht, dass mich mit Ingeborg Bachmann hier nicht nur der Lebensraum sondern auch das Lebensalter des Zuzuges verbindet.

Inspirationen gibt es in jedem Fall hier. Für mich war es aber auch spannend, da ich ja aus einem Haus hierherzog, in dem ich künstlerisch mich ausdrücken konnte, ohne das dies Nachbarn betrifft, und ich war neugierig wie dies hier sein wird. Es war dann eine sehr positive Überraschung zu sehen und zu hören, wie etwa ein Klavier herausgestellt und gespielt oder gesungen wird (lacht).

Es leben viele Menschen hier, die Kunst praktizieren. Musik spielt eine große wie akzeptierte Rolle hier, das ist sehr schön. Ich habe hier noch nie jemanden erlebt, der sich über Musik, Kunst beschwert hätte.

Du übst Gesang, Schauspiel und Tanz in Deiner Wohnung?

Ja, ich übe fast jeden Tag, achte aber darauf zu welchen Zeiten ich übe. Bei Schauspiel und Tanz ist das weniger problematisch, da ich das Gefühl habe, dass meine Nachbarn mich dabei nicht hören.  Allerdings bei Gesang achte ich besonders darauf. Da hatte ich schon Sorge wie sich dies mit unmittelbarer Wohnungsnachbarschaft gestalten würde.  Aber es ist wie gesagt sehr akzeptiert und das freut mich natürlich.

Schreibst Du selbst auch?

Nein, literarisch nicht. Für einen Roman hätte ich die Geduld und die Ideen nicht. Ich erinnere mich, dass ich mit zwölf Jahren da einen Impuls hatte, aber es endete nach einer halben Seite (lacht). In meinem Studium an der Uni Wien schreibe ich wissenschaftlich.

Du bist als Pädagogin tätig und arbeitest ebenso an Schauspielprojekten. Diese parallele Arbeitswelt war ja auch bei Ingeborg Bachmann in den Lebensjahren hier in Wien so. Wie gelingt diese Verbindung?

Diese Verbindung ist nicht so einfach. Ich liebe meine Arbeit als Pädagogin und meine künstlerische Tätigkeit und Ausbildung. Derzeit muss es parallel laufen, das ist notwendig, auch wenn im Moment sehr wenig Schlaf dabei ist (lacht).

Die Verbindung der Tätigkeiten ist aber auch eine inspirierende Abwechslung und das ist sehr spannend unterschiedliche Dinge zu machen.

Man kann sich als Pädagogin Inspiration von der Kunst und als Künstlerin Inspiration von der Pädagogik holen.

Ich denke aber, dass es auch für Ingeborg Bachmann mitunter schwierig war, Tätigkeiten mit dem künstlerischen Arbeiten zu verbinden.

Wir sind im Fotoshooting auf die Emotionen des Ankommens, Lebens und des Abschiednehmens eingegangen. Wie gelingt es Dir als Schauspielerin sich da anzunähern und einzutauchen?

Die Beschäftigung mit dem Leben, Werk von Ingeborg Bachmann, ich habe den Roman Malina im Vorfeld gelesen, hilft natürlich sich hineinzuversetzen und erzeugt auch eine gewisse Nähe. In jeder Darstellung ist immer sehr viel der eigenen Person.

Wenn man etwa die Situation eines Umzuges gerade selbst erlebt hat, sind die Emotionen natürlich sehr präsent – das Abschiednehmen, das Ankommen.

Du hast Dich auf dieses Projekt heute wieder wunderbar auch in Style, Mode vorbereitet. Wie hast Du das Styling zusammengestellt?

Ich habe mich mit Mode, Stil der Zeit beschäftigt und was da aus meinem privaten Fundus passen könnte. Ich habe da eine Auswahl Zuhause, die ich immer wieder rauskrame (lacht). Meine Mutter war da auch eine große Hilfe, auch grundsätzlich mit Ihrer Empfehlung klassische Modestücke im privaten modischen Repertoire zu haben (lacht) wie einen schwarzen Mantel, ein schwarzes Kleid, schwarze Schuhe. Und deswegen habe ich es auch im Kleiderschrank (lacht). Den Hut habe ich von meiner Mutter gestern noch ausgeborgt (lacht).

Diese Modestücke trage ich aber auch privat, es ist zeitlos. Diese Zeitlosigkeit oder Wiederkehr erkennt man ja auch in den Modestilen heute, etwa der 70er/80er Jahre.

Wie darf man sich bei Dir einen sonnigen Herbstsonntag im Ungargassenland vorstellen? Was gehört da für Dich dazu?

Sonntag ist meist ein Treffpunkttag der Familie. Wenn ich hier bin, ist derzeit die Arbeit für die Uni ein Schwerpunkt. Meistens gehe ich auch am Sonntag spazieren. Das ist so mein besonderer Spaziergangtag, meist für eine Stunde. Der Sonntag ist ein ruhiger Tag für mich.

Ingeborg Bachmann ist nach mehreren Lebensjahren hier in eine andere Stadt aufgebrochen. Was meinst Du geht einer jungen Künstlerin da durch den Kopf?

Einerseits denke ich, ist ein Umzug immer eine Möglichkeit neuer Inspiration, gerade für eine Schriftstellerin, vielleicht Neues zu entdecken, neue Geschichten. Ich denke, da kann so ein Umzug künstlerisch spannend sein. Aber andererseits sind hier an diesem Ort viele Geschichten entstanden und da ist viel Leben, Herz des Ortes drin. Ich denke, da ist es nicht so einfach sich zu verabschieden. In jedem Fall sind da viele Emotionen dabei.

Ich verstehe auch, dass Ingeborg Bachmann die Zeit hier sehr in Erinnerung behalten hat.

Ich kann mir vorstellen, dass Ingeborg Bachmann vielleicht oft in diesem Park war und vielleicht hier geschrieben hat, eben weil es sehr ruhig hier.

Ingeborg Bachmann lebte hier bei einem befreundeten Ehepaar. Wie wichtig sind Freundschaften in einem Künstlerinleben?

Das ist sehr wichtig. Sie ist aber auch von der Beatrixgasse hierher gezogen, da war ja die räumliche Distanz auch vorher nicht so groß und damit wohl auch die Verbindung vorhanden.

Da ich jetzt neu zugezogen bin, gibt es noch nicht unmittelbare Freundschaften in Haus und näherer Umgebung.

Es ist aber sicher auch besonders mit Freunden zu wohnen.

Wie erlebst Du die Kommunikation, Nachbarschaft hier?

Sehr wenig tatsächlich, manchmal ein Gespräch, meine Nachbarn sind aber oft länger abwesend. Es sind auch viele junge Mitbewohner*innen hier, die möglicherweise aufgrund der Universität hierherziehen, auf Zeit, und dann am Wochenende wieder in Ihrem Zuhause woanders sind.

Ich bin auch mitten im Lockdown umgezogen und das einfach zusammensitzen in der Nachbarschaft fehlte natürlich. Mitten im Lockdown klingelt man ja nicht im Ankommen bei allen Nachbarn (lacht). Man trifft sich auf der Stiege, redet am Weg zur Arbeit. Freundschaften sind da aber noch nicht entstanden. Ich habe aber natürlich viele Freundschaften in Wien. Aber so ein Treffpunkt in der Nachbarschaft wäre natürlich sehr nett.

Ist das Wohngebiet hier für Dich ein typisches Stück Wien?

Ja, es ist für mich ein typisches Stück Wien hier („Kannst Du mir a Sackerl bringen, bitte?“ Anm. ruft gerade jemand im Park). In Architektur und Leben (lacht).

Es leben hier auch viele ältere Wiener*innen, da ist auch die klassische Wiener Mentalität zu erleben, spüren. Es ist eine spannende dynamische Mischung von Generationen und Begegnungen.

Möchtest Du uns noch einen Gedanken an Ingeborg Bachmann mitgeben?

Wenn ich ihre Texte lese, fühle ich mich ihr sehr nahe, weil ich auch hier lebe und dies erlebe hier (lacht).

Ingeborg Bachmann ist eine faszinierende Schriftstellerin und Persönlichkeit.

Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Wien _
am Lebenensort Ingeborg Bachmanns 1946-53_Wien

Liebe Julia, herzlichen Dank für diese gemeinsame wunderbare Station bei Ingeborg Bachmann! Weiterhin viel Freude bei allen künstlerischen Projekten und einen weiteren so goldenen Herbst im „Ungargassenland“!

Dankeschön!

50 Jahre Malina _Station bei Ingeborg Bachmann _ Wien_

im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Wien

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig.

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 10_21

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s