Lieber Stefan, Du hast vor 27 Jahren, mit 27 Jahren, den 19. Bachmannpreis 1995 in Klagenfurt gewonnen. Welche Bedeutung hatte dies damals für Dich und welche Erinnerungen hast Du heute daran?
Ich habe starke Erinnerungen daran. Es war ein prägender Moment, der für mich viel verändert und Türen geöffnet hat. Ich war auch noch nie so aufgeregt vor einer Lesung.
Nach Klagenfurt bin ich als weitgehend unbekannter Autor gefahren. Bis dahin hatte ich bei zwei kleineren Verlagen Veröffentlichungen. Mein erstes größeres Buch wurde im Klagenfurter Ritterverlag publiziert und das hatte bis zum Bachmannpreis eine Verkaufszahl von 42 Stück. Nach dem Bachmannpreis stieg dann der Absatz auf mehrere tausend.
Der Bachmannpreis war der Leg-Opener. Insofern gibt es sehr viele Eindrücke aus dieser Zeit.
Wie kam es damals zu Deiner Bewerbung für die Teilnahme am Bachmannpreis?
Ich habe mich nicht beworben. Das konnte man auch nicht, denke ich. Mich hat damals Ferdinand Schmatz (Schriftsteller, 1995/96 Juror beim Bachmannpreis, Anm.) gefragt, ob ich nach Klagenfurt fahren will.
Es war damals unter Autoren umstritten, ob man überhaupt am Bachmannpreis teilnehmen oder diesen aufgrund des medialen Eventcharakters boykottieren soll.
Ich dachte mir, man bekommt da fürs Lesen zehntausend Schilling, da ist der Urlaub schon mal finanziert (lacht) und man kann nicht wirklich was verlieren. Daher hat sich für mich die Frage nicht groß gestellt, ob ich hinfahren soll oder nicht.
Was waren Deine Überlegungen für den Klagenfurt-Text?
Ich wollte mit meinem Text, den ich extra für den Wettbewerb geschrieben habe, schon zeigen, was ich kann. Es war ein Text für Klagenfurt, kein Romanauszug.
Beim Text selbst war mir wichtig, dass er beim Lesen, sein Sprachrhythmus, funktioniert.
Ein Text hat bei mir immer mehrere Phasen. Die Erstfassung für Klagenfurt war ziemlich schlecht und der einladende Juror Ferdinand Schmatz sagte, dass ich noch viel daran arbeiten müsste. Dann gab ich ihm irgendwann die Endfassung und wir haben uns zum Gespräch getroffen. Schmatz hatte ja zunächst mehrere Kandidaten in der Auswahl und war sich nicht sicher, ob er mich nehmen soll. Bei dem Gespräch über den Text sagte er dann: „Ich glaub´, Du kannst des gwinnan.“ Und ich dachte: „Der spinnt“ (lacht).
Der Hauptpreis war für mich völlig undenkbar. Ich dachte, wenn es ganz gut läuft, bekomme ich vielleicht ein 3sat Stipendium, das war der letztgereihte Preis. Aber den Bachmannpreis zu gewinnen, war nicht in meiner Vorstellungswelt. Es war ja auch so, dass immer Autoren gewonnen haben, die große Verlage hinter sich hatten.
1995 waren es auch noch 22 oder 24 Autoren, die gelesen haben, also viel mehr als heute (2022 sind es vierzehn Auror:innen, fünf Frauen und neun Männer; Anm).
Ja, und ich „hab` dann den Schas gwunnan“ (lacht).
Gab es vor Deiner Live-Lesung bestimmte Vorbereitungen?
Nein, ich habe drei Bier getrunken, weil ich so nervös war. Ich hab` das aber rausgeschwitzt. Meinen einladenden Juror habe ich dies vor der Lesung erzählt und der sagte: „Du spinnst, da wirst ja nicht mehr lesen können“ (lacht). Aber die Nervosität war so riesig, dass der Alkohol sofort weg war.
Wie hast Du den Bachmannpreis als literarischen Treffpunkt erlebt?
Für mich waren es lauter berühmte Menschen, die da herumspaziert sind. Gert Jonke (*1946 +2009; erster Bachmannpreisträger 1977) ist in der ORF Kantine gesessen, Robert Schindel war dort, der Suhrkamp Lektor wurde mir vorgestellt. Da war schon das Bild, da konzentriert sich die Literaturwelt. Und alles im gemütlichen Klagenfurter Ambiente. Abends sind die Leute mit dem Radl zum Wörthersee gefahren, es war sehr glücklich.
Aber im ORF Zentrum bei den Lesungen hatte ich das Gefühl, hier wird gerichtet. Es gab auch die Angst, dass man von der Jury hingerichtet wird (1995 waren es elf Jurymitglieder:innen, Anm.). Das wurde ich jetzt nicht, aber die Angst, dass man komplett versagt, war da, weil man das im Regelfall nicht gewöhnt ist, dass eine Kamera auf einen gerichtet ist. Angst, dass die Stimme komplett versagt oder man kollabiert. Was ja nie passiert ist, aber ich konnte mir alles vorstellen.
Angespannt vor der Lesung war ich nur bezüglich der Leseperformance. Was die Jury sagen würde, war mir völlig wurscht.
Wann hast Du gelesen?
Die Lesereihefolge ist ja nicht unentscheidend. Das ist wahrscheinlich auch heute noch so, aber damals noch mehr, weil es ja so viele Lesende gab. Ich war am Freitag Nachmittag dran, so zwischen 15h und 17h, was ich mich erinnere. Es war die letzte Lesung des Tages. Das haben erstens sehr viele Zuschauer im Fernsehen gesehen und viele sprechen mich heute noch darauf an – „I bin hamkuman und hob den Fernseher aufdraht und do worst du und host glesn und dos wor a Wahnsinn“ (lacht). Das habe ich oft gehört.
Mein Lesungstermin war zeitnah zur Jurysitzung, was auch ein Vorteil war. Bis zum damaligen Zeitpunkt haben die mit Nummer eins nie etwas gewonnen.
Es war eine gute Stimmung unter uns Lesenden. Die Gundi Feyrer (Schriftstellerin, Bildende Künstlerin, Bachmannpreisteilnehmerin 1995, Anm.) etwa, die meine Nachbarin im Hotel war, und die ich sehr schätze, ist am Sonntag zur Preisverleihung gar nicht hingegangen, weil sie sagte, dies ist völlig wurscht und sie hat das dann total verpennt (lacht), auch weil wir am Abend davor ziemlich gefeiert haben. Sie hat das 3sat-Stipendium gekriegt und musste erst aus dem Hotel geholt werden.
Gab es auch ein Rahmenprogramm für Euch Lesende und wie ging es dann nach der Preisverleihung für Dich weiter?
Es gab während der Lesungstage ein Fußballspiel, aber da hat mich niemand gefragt, ob ich mitspielen will.
Als Bachmannpreisträger wurde ich dann vom Bürgermeister (Leopold Guggenberger, von 1973-1997 Bürgermeister von Klagenfurt, Anm.) zum Essen eingeladen. Was auch eigenartig war, weil man ist ja plötzlich nicht mehr der Mensch sondern der Preisträger, und der Bürgermeister weiß auch nicht, was er mit Dir reden soll (lacht).
Ich habe dann gemerkt, oder am Anfang nicht gemerkt, dass die Menschen nur den Bachmannpreisträger feiern. Man ist der Preisträger und wird als Sau durchs Dorf getrieben, durch das literarische Dorf. Aber gut, dass kriegt man irgendwann auch mit (lacht).
Ich habe das Preisgeld (Bachmannpreis 1995 _200 000 Schilling; 2022 _25 000 EUR, Anm.) bekommen, bin damit nach Wien gefahren und dachte, super, jetzt muss ich ein Jahr nicht arbeiten und kann auf Urlaub fahren. Ich bin zu meiner Wohnung gegangen und habe bereits im Gang das Telefon gehört (lacht). Ich bin dann zehn Tage lang nicht mehr davon weggekommen.
Dazu völlig überfüllte Briefkästen. Einerseits Briefe von Menschen, denen ich irgendwann über den Weg gelaufen bin, von Schul-, bis Kindergartenkollegen, alle haben sich da gemeldet, bis hin zu Stalkerinnen, die mir Bilder oder Telegramme geschickt haben.
Wenn ich in der Früh in Wien Hernals einkaufen ging, und dachte, da wird mich schon keiner kennen, wurde ich auf der Straße angesprochen – „Jeh, du host den Bachmannpreis gwunnan“ – es waren immer positive Kommentare. Aber wenn du verschlafen Semmeln kaufen gehst, ist das ungewohnt (lacht). Das war damals eine neue Erfahrung. Mittlerweile kenne ich das, wenn mich Leute anschauen.
Wie gingst Du mit dieser plötzlichen Veränderung des bisher gewohnten privaten wie literarischen Lebens um?
Wenn ich nicht etwas eitel wäre und dies nicht auch genießen könnte, hätte ich mich zurückziehen ziehen und den vorherigen Zustand annehmen können. Das haben viele Preisträger getan. Die haben den Preis genommen und sind abgetaucht. Bei manchen weiß man gar nicht ob sie noch schreiben.
Bei mir war das Leben ein Gang mit vielen verschlossenen Türen und mit der Preisverleihung Sonntag-Mittag sind dann viele Türen aufgegangen. Ich bin neugierig und bin durch viele Türen durchgegangen.
Es hat sich vieles erleichtert. Theater sind auf mich zugekommen und sagten „schreib` uns ein Stück“. Bis dahin hatte ich ja kein Stück geschrieben.
Hans Gratzer, der damalige Chef vom Schauspielhaus Wien, rief vom Urlaub in Mallorca aus in Wien an „treibst mir den auf, der muss mir ein Stück schreiben“ (lacht). Solches wird einem dann ermöglicht und da ist der Preis sehr hilfreich.
Wie gingst Du mit dieser so herausfordernden alltäglichen Bewältigung von Post, Telefonaten, Organisation, Terminen nach dem Bachmannpreisgewinn um?
Wenn so eine Veränderung passiert, weiß man, dass man funktionieren muss. Es war aber nicht das Gefühl, dass ich besonders glücklich dabei wäre.
Briefkasten ging ja, das war schnell sortiert. Es gab damals kein Internet, kein Handy und der Anrufbeantworter war immer voll. Die Anfragen reichten von Interviews bis zu absurdesten Dingen, etwa die Zifferblattgestaltung einer Uhr (lacht).
Ein bisschen etwas macht man, aber irgendwann denkt man sich, jetzt reicht es. Nach ein paar Wochen sagte ich, so, jetzt ist es genug, ich fahre nach Italien. Einfach um wieder Ruhe zu haben und schreiben zu können.
Wie leicht, schwierig war es dann für Dich den eigenen literarischen Weg weiterzugehen? Gab es da auch Richtungsvorgaben von außen?
Nein, die gab es nicht. Für mich war die Grundsatzentscheidung zu treffen ob ich in dem Stil des Klagenfurt Siegertextes „Krautflut“ 40 Jahre weiterschreiben will, oder auch neue Sachen ausprobiere und dabei ein mögliches Scheitern zulassen will.
Man merkt dann relativ schnell, so ein Preis macht den ersten Satz auch nicht besser. Man fängt immer wieder bei Null an und muss mit jedem Text kämpfen.
Es ist schön für das Schreiben, dass es eine Auszeichnung gegeben hat, aber es gibt auch die Gefahr, die Selbstkritik zu verlieren. „Der bekannte Bachmannpreisträger, das muss gut sein, was der schreibt“ – aber die Selbstzweifel sind mir doch geblieben.
Du hast 1995 mit Deinem Siegertext „Krautflut“ virtuos sprachlich begeistert und bis heute überrascht, faszinierst Du mit wunderbar spannenden, witzigen, hintergründigen, so vielseitigen Projekten in Buch und auf der Bühne. Was inspiriert Dich?
Gute Frage (lacht).
Es ist die Neugierde und die Lust am Schreiben. Und auch das Spüren einer Notwendigkeit.
Es gab aber auch Jahre, wo ich schrieb, weil ich wusste, ich muss Geld verdienen für die Familie, die Kinder. Da waren Aufträge und die habe ich abgearbeitet. Schon auch mit Freude und Lust. Eine Mühsal war mir das Schreiben nie. Aber die Unbedingtheit war auch nicht immer da.
Jetzt habe ich wieder das Gefühl bei manchen Stoffen, das muss geschrieben werden. Das muss ich jetzt schreiben. Da ist ein innerer Drang. Ein Drang, die Welt vielleicht ein bisschen besser zu machen. Alles andere ergibt sich dann von selbst.
Was möchtest Du den Lesenden in Klagenfurt mitgeben?
Da fallen mir nur blöde Trainersprüche ein: cool bleiben. Genießt das Spiel.
Vielen herzlichen Dank für das Interview, lieber Stefan, viel Freude mit dem diesjährigen Bachmannpreis und eine wunderschöne Sommerzeit!
Viel Freude und Erfolg für alle Projekte!
Franzobel, Schriftsteller _ Wien _ Bachmannpreisträger 1995
Bachmannpreis 2022 _ im Rückblick _Interview:
Franzobel, Schriftsteller, Bachmannpreisträger 1995_ Wien
Herzliche Gratulation zur Teilnahme am Ingeborg Bachmannpreis 2022! Wie gestalte sich der Text- und Bewerbungsprozess und wie hast Du Deine Teilnahmebekanntmachung erlebt? Welche Reaktionen gab es?
Ich freue mich sehr auf die Teilnahme am Ingeborg Bachmannpreis 2022 und es ist mir eine Ehre, meinen Text in Klagenfurt lesen zu dürfen.
Usama Al Shahmani, Schriftsteller
Wie gehst Du jetzt auf den Wettbewerb zu? Welche besonderen Vorbereitungen wird es geben?
Ich bereite mich sehr gerne vor und es macht Spaß.
Ingeborg Bachmann sagte zu den Anfängen Ihres Schreibens: „Manchmal werde ich gefragt, wie ich, auf dem Land großgeworden, zur Literatur gefunden hätte. – Genau weiß ich es nicht zu sagen; ich weiß nur, dass ich in dem Alter, in dem man Grimms Märchen liest, zu schreiben anfing, dass ich gern am Bahndamm lag und meine Gedanken auf Reisen schickte…“
Wo bist Du geboren, aufgewachsen und wo liegen die Anfänge, Wurzeln, Inspirationen Deines Schreibens?
Ich bin in Bagdad geboren. Die Inspirationen meines Schreibens liegen in Geschichten, die mir meine Grossmutter als Kind erzählt hatte.
Was ist Dir in Deinem Schreiben wichtig und welche aktuellen Projekte gibt es?
Mir ist wichtig in meinem Schreiben, dass ich authentisch bleibe, dass ich die Nähe zu mir, zu meinen Worten und Gefühlen mehr und mehr schaffe. Im August 2022 ein neuer Roman von mir beim Limmat Verlag in Zürich unter dem Titel „Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt“.
Was kommt unbedingt auch in den Reisekoffer für Klagenfurt?
Mein Text, den ich lesen werde, mein Ausweis, mein Handy und meine Medikamente.
Usama Al Shahmani, Schriftsteller
Vielen Dank für das Interview! Viel Freude und Erfolg in Klagenfurt!
Da ich Mutter einer vierjährigen Tochter bin, ist mein Tag natürlich danach getaktet. Heißt, nachdem ich sie in den Kindergarten gebracht habe, geht mein Zeitfenster auf, in dem ich mich so gut wie möglich, um meine künstlerische Arbeit kümmere, ins Atelier fahre oder von zu Hause das administrative Drumherum erledige.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Self Care.
Ich nehme vermehrt wahr, dass viele schon extrem am Limit sind. Ich schließe mich da nicht aus. Die letzten beiden Jahre waren extrem fordernd und sind es noch. Ich glaube, wir dürfen das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Denn das reagieren und sich den jeweiligen Umständen anpassen im Rahmen der Pandemie hat Kraft gekostet.
Und es wirkt nach wie vor auf uns ein.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Diesen Um und Aufbruch spüre ich auch. Bei mir rappelt es sozusagen auch in der Kiste.
Die Kunst wird, wie immer, Sprachrohr ihrer Zeit sein. Diese unruhigen Zeiten machen auch vor der Kunst nicht halt. Anhand meiner eigenen Praxis stelle ich fest, dass ich ein großes Bedürfnis nach Diskurs und partizipativen Arbeiten habe. Installationen, die erlebbar und Raum-Einnehmend sind. Ich glaube, das ist die logische Konsequenz nach Zeiten der Zurückgeworfenheit auf sich selbst.
Was liest Du derzeit?
emails, newsletter, Einladungen zu Ausstellungen,.. ;D
Zwischen Kind und Kunst bleibt mir leider keine Zeit dabei stapeln sich schon die Bücher bzw die Bücherliste wird immer länger.
Was uns wieder zum Thema Self Care bringt.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Vielen Dank für das Interview liebe Asta, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Klara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Unterschiedlich. Ich arbeite an vier Tagen in der Woche als Lehrerin für Englisch und Kunst an einer mittleren Schule des Zweiten Bildungswegs, unterrichte hauptsächlich junge Erwachsene. Das nimmt mich ziemlich in Anspruch. An den anderen Tagen versuche ich zu schreiben, zu malen und zu übersetzen. Und immer bemühe ich mich, alles möglichst kreativ miteinander zu kombinieren. Einen festen Tagesablauf habe ich daher nicht.
Klara Hurkova, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Aus meiner Sicht: Zu verstehen, was Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit wirklich bedeuten, wie wenig selbstverständlich sie sind und wie lebensnotwendig es ist, sie zu verteidigen. Und natürlich ist es wichtig, solidarisch zu sein. Nicht nur an sich selbst denken, sondern helfen, wo immer wir können.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich bin weder Prophetin noch Politikerin, doch ich glaube, es wird darauf ankommen, neue Werte und Ziele im Leben zu finden. Das Streben nach materiellem Wohlstand, Erfolg und Ruhm müsste wichtigeren Dingen Platz machen: zum Beispiel der Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen, echter Bildung und Kreativität, sinnvoller Wohltätigkeit. Unser Leben müsste gesünder und weniger egoistisch werden. Literatur und Kunst werden sicher eine wichtige Rolle spielen, wie immer in Krisen- und Umbruchzeiten. Ich bin in einem totalitären Staat, der kommunistischen Tschechoslowakei, aufgewachsen und weiß, wie wichtig für uns damals die (verbotene) Literatur und Kunst waren. Und wie enthusiastisch wir eigene Kunst in privaten Räumen erschaffen und gepflegt haben… Die geistige Tätigkeit kann lebenserhaltend sein.
Was liest Du derzeit?
Arno Geiger, Unter der Drachenwand. Ein sehr beeindruckender und hochaktueller Roman.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Im Zusammenhang damit, was ich oben gesagt habe, fällt mir ein Zitat von Václav Havel ein:
„Wir wissen nicht, wie wir die Ethik der Politik, der Wissenschaft und der Wirtschaft voranstellen sollen. Wir sind immer noch unfähig zu verstehen, dass das einzige Rückgrat unserer Handlungen – wenn sie ethisch sein sollen – die Verantwortung ist.“
Vielen Dank für das Interview liebe Klara, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Sophie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Jeden Tag anders! Das ist das Schöne an der Selbstständigkeit und etwas, das ich während der vielen Lockdowns die letzten Jahre am meisten vermisst habe.
Sophie Isermann, Schauspielerin, Sprecherin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich denke, gerade in Zeiten wie diesen (Pandemie, Krieg,..) ist es wichtig sich vor Augen zu halten, dass es auch so viel Schönes im Leben gibt. Natürlich soll man vor der Realität nicht die Augen verschließen, aber nur die negativen Dinge im Leben zu sehen, ist auf Dauer nicht gesund.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Die Kunst sowie Theater & Schauspiel sind für viele Menschen – oft auch durchaus unbewusst – eine Möglichkeit Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten und auf Missstände hingewiesen zu werden.
Was liest Du derzeit?
In Vorbereitung auf ein neues Projekt sehr viel Schiller, Goethe und Lessing.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Und wenn du den Eindruck hast, dass das Leben ein Theater ist, dann suche dir eine Rolle aus, die dir so richtig Spaß macht! – W. Shakespeare
Vielen Dank für das Interview liebe Sophie, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Vielleicht, nur vielleicht verbrennen wir unsere Lippen an
Erinnerungen, die zu Stille worden
Panik als ein Wort der Mächtigen.
Errungenschaft, nur der Ort an dem zu Leben unmöglich wurde
Angenommen, ich lege meinen Finger in die Wunde der Stadt in die
Charismatischen Augen derer,
die nie Zeit für ein Lächeln hatten.
Erinnerst du dich an die Pfütze in der sie die Luftschläge sahen? So unwirklich wie ein Gemälde von René Magritte. In die Ruinen gemalt, als Staub zwischen Trümmern.
Aber so sieht man den Krieg & sieht ihn eben nicht. In den Augen & den Hälsen der ausgebrannten Kellerkerzen in Mariupol.
Chancen, dass sind Provilegien der anderen, die Zeit haben, zu hinterfragen; eine Waffenlieferung, ein Gesetz, ein verschissenes Bruttoinlandsprodukts…
Hier, kochen sie Reis für 13 Tage Hunger
Aber mit jedem Haus stürzt ein Stück
Traum aus der Welt.
Niemals waren sie dort, die Richard David Prechts, oder die Dichter oder #fuckyouLarsEidinger.
Chancen auf Frieden, Chancen die Hand zu heben und nichts zu betrachten, als den Himmel zwischen den gespreizten Fingern, aber
Eigentlich wäre selbst das zu viel verlangt.
In einer Zeit, da wir vergaßen die Augen über die Augen der Welt zu legen und das Bild im Inneren abzugleichen.
Ich denke ein Ende & meine Jetzt. Ich denke den Tag, an dem wir aufstehen aus diesem Leben und sagen: nichts war gut & wir wussten was wir tun, was wir nicht tun & Wir waren wie Blinde auf dem Weg zum Abgrund. Schritt für Schritt. Atemzug für Atemzug. Ich denke ein Ende & meine Jetzt
Liebe Iris, wir sind hier an persönlichen wie literarischen Bezugspunkten der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann in Wien. Ist es auch in Deinen Kunstprojekten so, dass Du Lebensorte als Ausgangspunkte aufnimmst?
Lieber Walter! Danke für die Frage! Tatsächlich führe ich eine inszenatorische Technik des in Kanada lebenden Choreograf Benoît Lachambre weiter. Diese besteht darin, sich zunächst der eigenen Energie gewahr zu werden, ein langwieriger Prozess, der bei muskulären Spannungen ansetzt. Für meine Kunstprojekte habe Benoîts Technik weiterentwickelt, dafür betrete ich Räume, um Energie zu fühlen. In meiner Videoarbeit „real estate speculation“ (zu sehen auf Vimeo) kann man mich in einem Moment beobachten, in dem ich eine 93 jährige Frau in mir fühlte. Sehr intensiv war die Raumenergie auch in einem Bunker aus dem 1. Weltkrieg, Schauplatz des Filmes „Dolomitenfront“, dessen Regisseur mir die Möglichkeit gab, diesen nicht öffentlichen Ort zu betreten.
Für das von Dir vorgeschlagene Konzept des Fotoshootings visualisierte ich im Vorfeld Koordinaten im Leben Ingeborg Bachmanns, ein Verleger kam in meinen Sinn, der am selben Tag noch zu treffen sei. Die Beatrixgasse, durch die sie/ich ging, fühlte sich wesentlich verändert an, kurz, es entspann sich ein Netzwerk, das mich in verschiedene Richtungen zog und sich, so hoffe ich, durch die Fotos an die Leser:innen Deines Blogs vermittelt.
Welche Bezüge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann?
Der intensivste Moment war unser Fotoshooting. Ich muss aber auch sagen, dass mich ihr Roman „Malina“ packt. Endlich packt mich Literatur wieder. Vor der Fertigstellung meines PhD habe ich viel gelesen, auch Werke, die abseits unserer westlichen Wahrnehmung entstanden. Gern las ich Romane der aus der Türkei stammenden Schriftstellerin Sevgi Soysal, da sie mit sprachlichen Strukturen politische Inhalte ausdrückte, zum Beispiel lässt sie lediglich Figuren einer reichen Oberschicht im Futur denken, um zu kritisieren, dass es für arme Menschen keine Möglichkeit eines Zukunftsentwurfs gibt. Ich denke, das wäre auch für Menschen im heutigen Wien, die von Armut betroffen sind, zutreffend.
Wie bedeutsam ist Literatur in Deinen Projekten?
Literatur ist insofern bedeutsam, da sie – ähnlich Philosophie und Mathematik – uns aus unserem Kommunikations- und Denkmustern heraus, auf andere Ebenen führt.
Wie war Dein Weg zur Weg zur Kunst und welche Schwerpunkte gibt es da?
Stell Dir vor, tatsächlich war mein Weg vermittelt über den ORF, ich stamme aus einem sehr kleinen Ort. Ohne die Sendung „Kunststücke“ wäre ich, bevor ich mit 14 nach Wien ging, nicht so jung mit experimenteller Kunst in Berührung gekommen. Ich verstand die Filme freilich nicht, aber was ich nicht verstehe – das fasziniert mich. Und so kam ich zur Philosophie und zu Konzepttanz und Konzeptkunst.
Was sind Deine derzeitigen Projektpläne?
Ich möchte, neben meiner wissenschaftlichen Tätigkeit, ein konzeptuelles choreografisches Stück entwickeln, das Gebärdensprache in Tanz übersetzt. Damit erreiche ich Menschen unterschiedlich ausgeprägter Sinne auf andere Weise, die Verhältnisse werden sich „umkehren“, und ein somatischer Nachteil wird zu einem Vorteil bei der Rezeption des Stücks.
Welche Bezüge gibt es von Dir zu Wien?
In meinem Leben gibt es mittlerweile zu viele Bezüge zu Wien. In vielen Bezirken gelebt, haben sich aus den Orten und ihren sozialen Milieus viele Geschichten entsponnen. Hoch und Tief.
Welche Eindrücke nimmst Du vom „Ungargassenland“ Ingeborg Bachmanns mit?
Hoch und Tief und intensiv.
Darf ich Dich abschließend zu einem Ingeborg Akrostichon bitten?
Es handelt sich nicht um ein klassisches Akrostichon, sondern die von mir vorgeschlagene Struktur ist zum Tanzen gedacht (–) bedeutet (für mich) ein Rond de Jambe, jede(r) kann es anders interpretieren: