Liebe Christina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Wenn ich zuhause arbeite, bin ich eher eine Nachtarbeiterin und Langschläferin. Seit einem Jahr aber habe ich einen kleinen Begleiter, der stupst morgens seine Nase an meinen Fuß, weil er kuscheln will. Insofern hat sich mein Tagesablauf verändert.
Also erstmal kuscheln mit Hund, der zum Glück weder stinkt noch haart, vielleicht auch noch ein bisschen dösen und die Gedanken fliegen lassen. Diese Zeit zwischen 6 und 8 im Dämmerschlaf, dieser Raum zwischen Wachsein und Traum war schon immer mein Lieblingsmoment, denn da entstehen die schönsten Ideen. Die man dann leider wieder vergisst, wenn man sie nicht sofort aufschreibt. Mist! Dann einen Kaffee trinken, sich informieren, was so in der Welt passiert, kurz deprimiert sein, eine verfluchte und verdammte Morgenzigarette – die ich mir natürlich schon längst abgewöhnen möchte – rauchen, bevor es auf einen Spaziergang geht.
Entweder bin ich dann auch gleich auf dem Weg zur Probe, oder ich mache mir einen groben Zeitplan, was sonst so ansteht. Wenn ich an einem Projekt arbeite und probe, dann lass ich mich gedanklich komplett reinfallen, bin in einem Tunnel, schalte meinen Turbo an, begebe mich in einen Arbeitssog, und tauche erst nach der Premiere wieder auf. Die ersten Gedanken am Morgen gehören der Produktion und der bevorstehenden Probe, die letzten vor dem Einschlafen der vergangenen. Da bleibt wenig Raum für Anderes und Andere. Wenn ich gerade nicht probe, gibt es somit Einiges nachzuholen. Es fällt mir schwer, mich zu strukturieren und Prioritäten zu setzen. Es gibt viele Themen, die mich beschäftigen und in denen ich mich verlieren kann, viele Bücher, die noch gelesen werden wollen, viele Orte, die ich gerne entdecken würde, und viel zu viele Menschen, die ich zu lange nicht gesehen und umarmt habe.
Der Tag hat definitiv zu wenig Stunden. Die erste Corona-Vollbremse sah ich noch als große Chance. Denn zu Beginn des ersten Lockdowns hatte ich die naive Hoffnung, dass ich/wir über eine Entschleunigung viel grundsätzlicher über unsere Welt und den Erfolgs- und Produktionszwang nachdenken könnten. Das hat sich leider nicht bewahrheitet. Die Tage füllten sich sehr bald mit endlosen Zoommeetings, in denen alle versucht haben, noch schneller zu werden. Diese digitalen Treffen mit Kachelköpfen oder Namen ohne Körper machen müde.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Allgemein: Entschleunigung und Konzentration. Unsere Art der Kommunikation ist zu schnell für unsere Körper. Wir haben zu viele Informationen, die wir verarbeiten müssen, so dass wir gar nicht mehr ins Handeln kommen. Aufmerksam bleiben. Genauer hinschauen. Zuhören. Durch andere Augen schauen lernen, verstehen wollen und offen bleiben. Sich ins Verhältnis setzen zur Welt und zu wissen, dass Eigeninitiative wichtig ist und jede kleine Geste für jemand anderen einen Unterschied machen kann. Sich zu verzeihen, dass man nicht alle Probleme lösen kann und es dennoch immer wieder versuchen zu wollen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Kunst ermöglicht über eine unmittelbare und sinnliche Erfahrung einen anderen Blick auf unsere Welt und somit eine Erweiterung des eigenen Horizonts. Sie hat das Potential, neue Perspektiven zu eröffnen und Menschen im gemeinsamen Erleben eines Kunstwerks einander näher zu bringen. Als Spiegel und kritische Weggefährtin bildet sie ein lebendiges Archiv unserer Gesellschaft.
Die nach wie vor größte Kraft von Theater ist die unmittelbare Kommunikation mit seinem Publikum. Und das ist durchaus anstrengend. Dieser gemeinsame Erlebnisraum ist nicht einfach selbstverständlich, sondern muss immer wieder neu geschaffen werden. Die Hoffnung, dass die Menschen ihr Theater in den letzten beiden Jahren schmerzlich vermisst haben und in Scharen zurückströmen, hat sich leider so nicht bestätigt. Wenn sich die Zuschauer:innen nicht mehr zu uns bewegen wollen, müssen wir uns mehr bewegen. Aus der Architektur raus zu den Menschen. Und dies nach Möglichkeit analog, anachronistisch, nahbar, träge Menschenmaterie mit viel Herz, schlau, niederschwellig, verbindlich und angreifbar. Denn das sind Kategorien, die uns heute im digitalen Hochgeschwindigkeitsrausch der unendlichen Vielfalt oft fehlen.
Was liest Du derzeit?
„Mein letzter Seufzer“ von Luis Buñuel.
„Iva atmet“ von Amanda Lasker-Berlin.
„Das mangelnde Licht“ von Nino Haratischwili.
„Der eingebildete Kranke“ von Molière.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ Albert Einstein (angeblich) oder aber aus dem Pamphlet einer Selbsthilfegruppe von Drogenabhängigen
Vielen Dank!
Sehr gerne.
Christina Rast_Regisseur:in
Vielen Dank für das Interview liebe Christina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Christina Rast_Regisseur:in
Fotos_privat.
4.7.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
„Give peace a chance“ bleibt bei mir ein leeres Blatt Papier.
Dafür sind diejenigen zuständig, die von privaten, beruflichen sowie nationalen und internationalen Konflikten und Kriegen profitieren und gut davon leben.
Alle, die als ArbeiterInnen, Angestellte, Vorstandsvorsitzende, Zulieferer, VerhandlerInnen oder Investoren und Shareholder der Waffenindustrie dienen. Deren Lobbyisten, die Forschenden, EntwicklerInnen & Strategen, die QuotenkriegsreporterInnen und sogar die Tätowierer, die die Soldaten verzieren, auf dass sie frohen Mutes in den Krieg ziehen.
2021 haben diese Menschen weltweit in Summe 2,1 Billionen US-Dollar allein durch Militärausgaben „verdient“. Sie sind es, die dem Frieden eine Chance geben sollen!
Lieber Andreas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Es ist ein ständiges Hin und Her. Oder eigentlich nur ein Hin. Viele verschiedene Aufgaben, nein, Hingaben. Mit der Katze zum Frühstück, mit den Kindern in die Schule, mit dem Zug nach Graz, mit dem Fahrrad in die Innenstadt. Schreibkaffee im Café Ducks, Arbeitskaffee in der manuskripte-Redaktion, Besprechungskaffee im Café König. Selten mittags, meist nachmittags, manchmal nachts mit dem Zug nach Hause, nach Leibnitz. Wann immer es möglich ist, abends die Kopfhörer auf zum Laufen hinaus, in die Felder.
Früher, in Niederösterreich, habe ich über mehrere Jahre hinweg außer der engsten Familie und meinem Laptop eigentlich kaum jemanden gesehen, jetzt begegnen mir täglich viele Menschen: meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Redaktion, manuskripte-Autorinnen und -Autoren, Styria-Artists-in-Residence des Landes Steiermark, die ich während ihres Aufenthaltstipendiums in Graz betreuen darf, Kolleginnen und -kollegen aus diversen Jurys, Journalisten, Kuratorinnen, Kulturamtsdirektoren, Galeristen, Schuldirektorinnen, Lehrerinnen, alte Schulfreundinnen und -freunde, neue Schulfreundinnen und Freunde (die der Kinder nämlich), deren Eltern usw. usf.
Sobald ich einmal allein bin, schreibe ich einen Gedichtanfang auf einen Einkaufszettel oder ein paar Satzfetzen auf ein Kuvert. Mein Roman „So long, Annemarie“, der eben bei Droschl erschienen ist, hat 2017 so begonnen und mich dann jahrelang in jeder freien Minute begleitet. Interessanterweise hat mir das Schreiben in dieser Zeit eher Kraft gespendet als geraubt. Vermutlich habe ich die anderen Dinge mit diesem Ziel vor Augen einfach schneller und effizienter machen können.
Andreas Unterweger, Schriftsteller und Herausgeber der Literaturzeitschrift manuskripte
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Viel trinken, Abstand halten, Energie sparen? Vor allem aber wird – weiterhin und wie immer – jede und jeder wieder und wieder herausfinden müssen, was für sie/ihn selbst gerade besonders wichtig ist.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich spreche ungern für „uns alle“, schließlich bin ich kein Politiker, auch kein selbsternannter. Vielleicht wäre schon das wesentlich: wenn nicht alle immer für andere, schon gar nicht für alle anderen, zu sprechen müssen glaubten.
Es fällt mir auch schwer, der Kunst in ihrer galaktischen Vielfalt eine bestimmte Rolle zuzuweisen. Nach meinen Erfahrungen scheint mir die Aufgabe oder der Sinn von Kunstwerken jedenfalls nicht unbedingt nur darin zu liegen, Auswege aus konkreten Notlagen aufzeigen. Gute Kunst ist aber immer selbst ein Ausweg.
Was liest Du derzeit?
Ich hatte gerade eine Woche Urlaub. Statt der 18 zeitgenössischen Romane für kommende Jurysitzungen, die ich eingepackt hatte, habe ich mir ein älteres Sachbuch aus dem Bücherschrank der Berghütte geholt: Reinhold Messner, Antarktis. Himmel und Hölle zugleich. Auch ein Ausweg.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Das Verspaar „Sag mir etwas, / das nicht verschwindet“ von Alfred Kolleritsch. Es kommt mir in letzter Zeit immer häufiger in den Sinn, ob ich nun anderen zuhöre oder mir selbst.
Vielen Dank für das Interview lieber Andreas, und viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Andreas Unterweger, Schriftsteller und Herausgeber der Literaturzeitschrift manuskripte
Liebe Rhonda, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Also, ich stehe um 10 Uhr auf.
Am Vormittag bin ich meistens mit Kommunikation, Planung für künstlerische Projekte oder Korrespondenz beschäftigt. Die Nachmittage verbringe ich im Garten oder im Wald. Heute habe ich ein Wildkräuter-Pesto zubereitet und Schafgarbe für eine Tinktur gesammelt sowie bereits getrocknete Heilkräuter für eine Teemischung zusammengestellt. Das sind die Dinge, die mich erden. Danach war ich im See schwimmen und mich sonnen. An Regentagen schaue ich stattdessen ins Grüne oder erledige private Dinge.
Mit meiner eigentlichen Arbeit beginne ich erst um 18 Uhr. Ich bin am Abend kreativ, konzentriert und auch am produktivsten. Das war immer so. Ich mag die Geräusche der Nacht, das Zirpen der Grillen und die umherschwirrenden Nachtfalter im Schreibatelier. Ich arbeite derzeit an zwei verschiedenen Manuskripten, lese nebenbei in Texte von KollegInnen hinein, schau mir gerne eine Literaturverfilmung an und analysiere das Treatment. Meistens arbeite ich bis 2 Uhr morgens.
Da ich meine Sportroutine am Tag häufig nicht unterbringe, kommt es oft vor, dass ich das um Mitternacht nachhole und auf dem Hometrainer radelnd Musik höre. Danach schreibe ich noch ein Stündchen weiter.
Rhonda Lamberty, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wasser ist für uns alle besonders wichtig, denn im Wesen und Kreislauf des Wassers sind viele Antworten verborgen, nach denen wir suchen. Wasser lehrt uns auch, die eigenen Quellen besser kennenzulernen. Das hilft, denke ich, allen.
Rhona Lamberty _ Schreibatelier _ Blick aus dem Fenster_ Naturpark Zirbitzkogel-Grebenzen/Stm _ folgende
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Diesen Prozess habe ich schon hinter mir. Sich mit der Natur und den Tieren zu verbinden erscheint mir wichtig.
Literatur und der Kunst an sich kommt jetzt die Rolle zu, in Bewegung zu bleiben, um nicht zu erstarren, weil vieles in der Realität von Problemen geprägt ist und hoffnungslos, lähmend wirkt. Für mich bedeutet das in Dialog mit KünstlerInnen anderer Sparten zu treten und zu interagieren wie in einem Tanz. Ich bin gespannt, wie sich die gemeinsamen Projekte entwickeln werden.
Der Schönheit und Sinnlichkeit treu zu bleiben, ist mir als Schriftstellerin besonders wichtig. Das fehlt der Politik, der Justiz, der Wirtschaft, sogar der Wissenschaft und der Religion im Kern und in ihrer Wesensart. Deshalb brauchen die Kunst alle.
Was liest Du derzeit?
Ich habe soeben das Buch „love in the big city“ von Sang Young Park, einem Shooting-Star der südkoreanischen Literatur, beendet.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Ich würde mich gerne ans Ufer setzen und mich umsehen“, sagte Nadja, „wie klar das Wasser ist. Wie unendlich es fließt. Wie die Kieselsteine sich bewegen darin. Und die Pflanzen sich gegen den Strom stellen, um nicht mitgerissen zu werden.“
„Wollen Sie mitgerissen werden?“.
„Nein, auf keinen Fall. Ich will flussaufwärts gehen.“
aus meinem Roman: hydros
Vielen Dank für das Interview liebe Rhonda, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Peta Klotzberg_Schauspielerin, Sängerin, Klangkünstlerin_Wien_acting Romy Schneider _ _ Hotel „Der Wilhelmshof“ Wien _ 40.Todesjahr Romy Schneider, Schauspielerin (+1938 Wien +1982 Paris)
Liebe Peta, welche Bezüge, Zugänge gibt es von Dir zu Romy Schneider?
der impuls für die auseinandersetzung mit dem menschen und der schauspielerin Romy Schneider war dieses interview und fotoshooting. danke also dafür, walter, dass es mich in die welt dieser faszinierenden person entführt hat.
Gibt es einen Film von Romy Schneider, den Du hervorheben möchtest und warum?
Der film „Gruppenbild mit Dame“ (1977, regie: aleksander petrovic, basierend auf dem roman von heinrich böll, wird in meinen augen und in meiner wahrnehmung vom großen schauspielerischen können Schneider´s getragen. auch die herausforderung einer literaturverfilmung ist hier gelungen. auch die frühen filme „Mädchen in Uniform“ (1958, regie: géza von radványi) finde ich beachtlich, weil es ein erster, von vielen, wendepunkt in Schneider´s schauspielkunst zeigt, raus aus der Sissy-figur in neue facetten und darstellungsformen. es ist nicht leicht, sich aus so einem korsett zu befreien, und es ist ihr so gut gelungen. vor allem insgesamt, die vielfältigkeit ihrer so umfassenden arbeit verblüfft mich, lässt mich staunen: experimentelle filme, komödien, politische dramen, romanzen… in deutsch, (englisch), französisch.
Romy Schneider spielte in ihren Filmrollen sehr intensiv und ausdrucksstark, auch körperlich, und ging bis an die Grenzen des persönlich Möglichen. Etwa in den Filmen „Nachtblende“, „Trio infernale“ oder „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“. Wie siehst Du als Schauspielerin die Darstellerin Romy Schneider?
ich denke, Romy Schneider war sehr ehrgeizig in ihrem tun. wenn sie das gefühl hatte, eine rolle zu wollen, hat sie darum gekämpft, so vermittelt es sich mir in den interviews. eine gewisse angst schwingt da mit, meine ich zu spüren, dieses ständige sich selbst (und am nebenschauplatz den anderen, der weltöffentlichkeit) beweisen zu wollen, zu müssen, dass sie „es“ kann, noch immer kann, wieder kann, besser, anders. Romy Schneider wollte sich selbst überraschen, sie wollte nie, nie stehen bleiben, das hat sie schon ganz früh gesagt, „mich auf meinem erfolg ausruhen, das kann ich nicht“. sie war immens selbstreflektiert, was ihre arbeit, die rollenauswahl, regisseure, spielpartner anging, sie wusste sehr gut, was ihr zu diesem zeitpunkt ihres lebens gut tut, was sie weiterbringt. Hatte ein auge auf die geschehnisse ihrer branche. sie war pushy, aber in einem sehr produktiven, ich finde positiven sinn. und neugierig. und, natürlich, hochprofessionell. es scheint ihr freude gemacht zu haben, sich selbst immer neu, mit neuen seiten zu entdecken, ihre talente, ihre ausdrucksmittel zu verfeinern, zu variieren, zu vertiefen, rastlos und suchend.
Müssen Mensch und Rolle sich immer ganz nah, intensiv berühren, um diese zu spielen und auch das Publikum berühren zu können?
es muss – wie immer im leben auch im spiel – gar nichts sein. manche rollen sind erfahrungsgemäß mehr arbeit, manche gehen leichter von der hand, der seele, aber unabhängig von der nähe zum eigenen charakter, zum selbst, ich hätte da keine regelmäßigkeiten festgestellt bisher.
Gibt es Momente in einer Darstellung, in der sich gleichsam die Kontrolle über die Rolle verlieren kann? Und wenn ja, was holt einen dann zurück?
ja.
das können ganz besonders magische und „heilige“ momente sein, oder ganz furchtbare, grottenschlechte. fast immer ist es bei mir auch nach einer vorstellung so: es dauert (bei mir) immer ein paar stunden, bis ich „runterkomme“. dann spaziere ich….lange…bis der boden zurückkommt,. ein schönes gefühl ist das, sich in der sache zu verlieren.
Würdest Du einen Film von Romy Schneider gerne spielen und wenn ja, warum?
„Eine einfache Geschichte“. inhaltlich gesehen so einfach und so dicht, die bilder auch sehr erzählerisch. sowie „Die Frau am Fenster“.
Es gibt von Romy Schneider sehr viele Fotoserien. Gibt es eine Serie, die Du hervorheben möchtest?
es ist für mich tatsächlich die serie im bretonischen seebad quiberon, als sie dem stern ein interview gab, die fotos von robert lebeck eine der eindringlichsten und berührensten fotostrecken. obwohl ich das eigentlich gar nicht reihen oder werten will, denn Romy Schneider war in jeder phase und mit jeder faser ihres lebens spannend, in natura und vor der linse. berührend sind auch die aufnahmen mit ihren kindern, allerdings überschreiten solche bilder in meiner welt grenzen der privatheit. die fotos, die im zuge der dreharbeiten zu „Der Swimmingpool „ entstanden, vermitteln auch so viel von ihrem esprit.
Wie siehst Du Romy Schneider vor der Fotokamera? Ist sie da Schauspielerin oder Privatperson oder beides?
ich denke und hoffe, sie war schauspielerin, ich denke, sie konnte meist ihre grenzen gut wahren und hatte kontrolle über die arbeit. andererseits kann ich in den interviews eine ernsthaftigkeit verorten, ein bemühen, fragen für sie richtig und passend zu beantworten, auch ein ehrliches verstehen-gewollt-werden, eine permanente echte reflexion, …
mh…es bleibt wohl ihr geheimnis, und das ist gut.
Auch unser Projekt ist ein szenisches Foto/Interviewprojekt. Wie hast Du Dich im Vorfeld darauf vorbereitet und was ist Dir dabei wichtig?
interviews, youtube, und filmausschnitte, fotos. ich habe mich vor allem von ihrer sanften, vollen, runden stimme in bann ziehen lassen, die ist sehr charismatisch und verführerisch. die will erzählen, und sie will verstanden und gehört werden, das hört mensch dieser stimme an.
Wie siehst Du das Spannungsverhältnis von Öffentlichkeit und Schauspielberuf bei Romy Schneider wie an sich?
Romy Schneider stammt ja aus einer schauspielfamilie, mit 15 Jahren hatte sie ihr erstes engagement, sie ist damit groß geworden, eine person des öffenltlchen lebens zu sein. ob es das leicher macht? ich glaube, ja. aber ich muss daran denken, wie wütend sie war, zurecht, klarerweise, als nach dem tod ihres sohnes fotos veröffenlticht wurden. man denkt, es müsse doch grenzen geben, aber nein, unsere welt ist recht grenzenlos, ausbeuterisch und profitorientiert im unguten sinn. ich stelle mir diesen tanz mit der öffentlichkeit recht schwierig vor, es ist ja auch eine abhängigkeit dabei, voneinander, für beide seiten. einfach ist es nicht.
Romy Schneider wechselte nach großen Schauspielerfolgen in den 1950er das Filmgenre wie das Land. Wie siehst Du die Möglichkeiten persönlichen Entwicklungsweges im Schauspielberuf?
ich sag mir das jetzt schon seit einigen jahren, ich sollte unbedingt mal wieder raus aus diesem doch recht engen, engstirnigen land. Der norden, da zieht es mich hin,, amsterdam, kopenhagen, oder london. mal sehen, vielleicht lässt sich ein stipendium ergattern… neues sehen, andere kulturen und sichtweisen erleben, das ist eine gewisse verpflichtung in unserem beruf.
Wie war Dein Weg zum Schauspiel und welche Erfahrungen hast Du in Wien im Schauspielberuf gemacht?
kurvenreich, verschlungen und auch abgründig. ich bin da hineingerutscht, auch oft ausgerutscht, wieder rausgerutscht, um wieder hineinzuschlittern.. es klingt so, und es ist so, ich habe da kaum kontrolle darüber. ich will bloß geschichten erzählen, und so lange menschen da sind, die das mit mir gemeinsam tun wollen, geh ich den weg. zusammen.
Was wünscht Du Dir für den Schauspielberuf?
fairness. das besonders regisseure verstehen, dass wenn sie ein netz schaffen, wenn sie vertrauen im spieler der spielerin wecken können, dass dann potential entfaltet werden kann, dass ressourcen voll ausgeschöpft werden. das es gilt das ensemble ganzheitlich zu stärken und zusammenspiel zu fördern, weil wir dann alle das publikum besser hineinziehen können in das geschehen. Miteinander statt gegeneinander, nicht nur wegen der menschlichkeit und dem seelenfrieden, sondern schlicht auch hinsichtlich effizienz und erfolgsaussicht, und ich wünsche mir mehr zeit für jedes einzelne projekt, um mehr in die tiefe gehen zu können, um den raum zu erforschen, die rolle, das sickern lassen. ja, zeit. Ich habe das gefühl, dass ich derzeit ziemlich drum kämpfen muss, länger an einem projekt bleiben zu können.
Was sind Deine kommenden Projekte?
wir bauen derzeit unsere beiden gesangs/klangprojekte „Frauen S(s)timmen“ – hier fehlen gefühltermaßen noch so viele wichtge liedermacherinnen im programm – und die klangkunstschiene LIQUIDinfinit weiter aus, das oben erwähnte feilen und schleifen an bestehendem , das ist sehr wertvoll erachte, auch zufriedenstellend. das stationentheaterstück „erstrahlen“ wird im herbst in 1050 und 1090 wien wieder aufgenommen, und wir schreiben gerade konzepte und texte für das nächste lab42 stück „fortunate water“.
Was möchtest Du Schauspielstudenten*innen mitgeben?
„Data „ aus StarTreck hat es so schön gesagt: „The trick ist o not mind it“ und,
um es mit Beckett zu erweitern: „Dance first. Think later. It´s the natural order.“
Wie siehst Du die Umstände des Todes von Romy Schneider?
dazu möchte ich mich nicht äußern.
Was würdest Du Romy Schneider sagen, fragen wollen?
auch das bleibt bei mir.
Was kann eine Schauspielerin von Romy Schneiders Werk und Leben mitnehmen?
vieles. alles. Romy Schneider zu studieren, zu betrachten, zu verstehen – da kann mensch unglaublich viel über schauspielkunst lernen!
Romy Schneider hat auch viele Interviews gegeben. Gibt es ein Interview, das Dich besonders anspricht und möchtest Du vielleicht ein Zitat hervorheben?
„Ich kann alles im Film, im Leben nichts“. Ich glaube das nicht, aber ich verstehe den grundgedanken. es ist, so schwierig und anstrengend und emotional es auch ist, das schauspiel – ein spiel.
Darf ich Dich abschließend zu einem Romy Achrostikon bitten?
R eibungsfläche bist Du, verschenkst dich
O hne zu zögern, ohne mit der Wimper zu zucken
M it offenen Armen, Herzen, Deine Leben – wie eine
Ana Marwan, Schriftstellerin, Bachmannpreisträgerin 2022_ Station bei Malina_Wien
Liebe Ana, herzliche Gratulation zum Bachmannpreis 2022 und ein herzliches Willkommen hier in der Ungargasse in Wien 1030, die literarischer Hauptschauplatz des Romans „Malina“ (1971) von Ingeborg Bachmann ist.
Ingeborg Bachmanns erster und einziger Roman spielt in Wien und beginnt mit einer Vorstellung, Beschreibung der Protagonisten:innen. Darf ich Dich zu Beginn des Interviews um eine Vorstellung Deinerseits in drei/vier Sätzen bitten?
Da muss ich schon bei der ersten Frage passen (lacht) – ich weiß nicht, wer ich bin – aber ist es nicht in „Malina“ auch so? (lacht)
Fragen der Identität in allen Wandlungen, Begegnungen, Krisen sind Themen meines Schreibens.
Es wird vom Menschen erwartet, dass er sich definiert, dass er weiß, wer er ist, aber wir sind im Spiegelbild nie dieselben. Ich akzeptiere das, und es ist kein Problem für mich. Es muss nicht alles eine abschließende Definition finden.
Belastend sind in diesem Zusammenhang gesellschaftliche Erwartungen, da dieses Offenlassen selten akzeptiert wird. Vielmehr gibt es da ein „Muss“. Ich möchte mich davon bewusst wegbewegen und sagen, es ist ok so.
Haben sich für Dich mit dem Gewinn des 46.Bachmannpreises 2022 auch die gesellschaftlichen Erwartungen verändert, vergrößert?
Grundsätzlich hat sich für mich sehr viel verändert. Ich war es gewohnt in Stille, ja, Einsamkeit, zu schreiben und dies war auch literarisches Thema.
Im Schreiben habe ich vorher nie an die Leser:innen gedacht, ich habe immer für mich selbst geschrieben. Ich habe auch nicht an Leser:innen geglaubt. Aber jetzt ist es Realität geworden, Leser:innen sind präsent. Ich weiß nicht, wie dies mein Schreiben weiter beeinflussen wird.
Ich habe auch nach dem Bachmannpreis gemerkt, dass Menschen von einer Künstlerin politisches Engagement erwarten. Bei den Themen wird einem nicht viel Auswahl gelassen, man wird da in Richtungen geleitet. Ich versuche Schubladisierungen zu vermeiden. Abstraktion, also Dinge auf das wesentliche reduzieren zu können, ist wichtig im Denken, aber es sollte mehr Schubladen geben, als es sie gibt, finde ich.
Jim Morrison, der Sänger der 1960/70er kalifornischen Rockband „The DOORS“, bezeichnete sich als „erotischen Politiker“ und wies damit auf Kunst in ihrem Weg des „Eros“ der umfassenden Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis hin. Siehst Du Kunst in diesem existentiellen Kontext?
Das hat Jim Morrison gesagt? (lacht).
Ja, es war in einem kurzgefassten Flughafen Interview.
Wir haben als Kind nur Jim Morrison gehört, weil mein Vater ein Fan war. Und ich konnte alle seine Texte auswendig, bevor ich Englisch sprechen konnte (lacht). Erst später habe ich dann gewisse Songpassagen besser verstanden. Etwa „rabid“ (Anm: tollwütig), das ich zunächst als rabbit (Anm: Hase) verstanden hatte (lacht).
Ja, alles was wir machen ist politisch. Die Welt färbt an uns ab und wir zeigen dies in jedem Wort, in unserer Kleidung, in allem zeigen wir diese Einflüsse.
Ich finde aber die persönliche Sicht auf ein Kunstwerk sehr wichtig. Der Autor sollte da nicht zu stark anleiten, in dem er vermittelt was er gemeint hat. Das ist falsch für einen Künstler.
Das Wichtigste in der Literatur ist, dass sie dem Leser die Gelegenheit bietet, in fremde Welten, Köpfe eintauchen zu können und dass dies unsere Empathie herausfordert und wir damit eine neue ethische Stufe erreichen, die wir nur mit mehr Empathie erreichen können.
Wie wichtig ist Dir als Schriftstellerin der Austausch mit weiteren Kunstrichtungen?
Ich glaube nicht an direkte künstlerische Einflüsse. Ich jedenfalls suche dies abzuwehren, weil ich nicht nachahmen will. Aber alles ist Teil der Welt, in der wir in jeder Sekunde einen neuen Abdruck bekommen. Wir werden permanent dadurch verändert. Alles verändert den Menschen. Wesentlich sind dabei die persönlichen Erfahrungen.
Man sollte nicht Kunstmachen, weil man gerne Künstler:in sein möchte. Es gilt etwas zu sagen zu haben, aus einem Bedürfnis heraus. Etwas das einen betrifft, belastet.
Existentielle Wahrnehmung und Veränderung sind Themen in Deinem Debütroman „Der Kreis des Weberknechts“ (Otto Müller Verlag, 2019) wie Deinem Bachmannpreistext 2022.
Ingeborg Bachmann formuliert in „Malina“, dass es unmöglich ist, „heute“ zu sagen, da es von „höchster Angst und fliegender Eile“ bestimmt ist.
Wie können Menschen mit diesen Prozessen, Anforderungen von Identität und Welt umgehen und zurechtkommen?
Wir haben als Menschen sehr viele Facetten. Ich glaube, dass es eine Identität nicht gibt und dass es irreführend ist, das ganze Leben lang mit dem gleichen Nomen/Namen beschrieben zu werden. Vielmehr gilt es mit und in dem Heute, Gestern, Morgen zu leben, zu leben versuchen. Es immer neu zu versuchen.
Der Roman „Malina“ wurde vor fünfzig Jahren geschrieben. Wie aktuell ist dieser?
Er ist zeitlos, trifft die Gegenwart.
Das erste Kapitel von „Malina“ ist betitelt „Glücklich mit Ivan“. Was bedeutet Dir Liebe?
Ich denke, es ist mit mir nicht so einfach in einer Beziehung und ich hatte so ein Glück meinen Mann kennengelernt zu haben. Er ist ganz anders als ich und er versteht mich trotzdem, das finde ich sehr bemerkenswert. Das ist sehr selten, glaube ich, und ich schätze das sehr.
In Deinem Roman „Der Kreis des Weberknechts“ kommt es ja zu keiner glücklichen Beziehung, vielmehr sind es „Netze“, die Karl und Mathilde narzisstisch auswerfen, um einander einzufangen, was nicht gelingt. Ist dies ein Spiegelbild unseres Liebesverständnisses in der Gesellschaft?
Grundsätzlich glaube ich, dass das Wort „Liebe“ die Komplexität ihrer selbst nicht umfasst. Wir bräuchten da viel, viel mehr Worte. Sich zu verlieben, finde ich, hat mit der Liebe wenig zu tun, und da finde ich das deutsche Wort dafür sehr gut; verliebt sein hat so wenig mit der Liebe zu tun wie z.B. „Laufen“ mit „sich verlaufen.“ Also ich glaube, dass Lipitsch eher verliebt ist. Er sollte mehr lieben.
In „Malina“ ist das letzte Kapitel „Von letzten Dingen“ betitelt. In Deinem Roman sind die Themen Vergänglichkeit, Sinn auch ein Thema. Welchen Zugang hast Du persönlich zu diesen „letzten Dingen“?
Menschen haben ein Bedürfnis nach Sinn in allem Chaos. Die Tatsache, dass wir sehr früh im Leben den Tod als unausweichliches Ende akzeptieren müssen, macht für mich vieles absurd. Ich denke auch, dass die Logik eine menschliche Erfindung ist und hat nichts mit dem Universum zu tun.
Das Verlangen nach einer kausalen Kette finde ich im Leben problematisch und auch im Erzählen. Ich denke, dass es falsch ist, nur mit Geschichten aufzuwachsen, in denen alles Sinn macht und wir dann glauben, alles verstehen zu können, zu müssen.
„Malina“ ist da eine sehr schöne Ausnahme (lacht).
Auch Grimms Märchen sind ok, da ist mir auch nicht alles klar. Ich weiß etwa nicht, warum die Prinzessin, die den Frosch misshandelt und gegen die Wand wirft, dafür mit einem Prinzen belohnt wird. (lacht).
Unsere Romane, Erzählungen heute machen alle mehr oder weniger Sinn. Diesen Sinn suchen wir dann überall im Leben und möchten Dinge verstehen, die man nicht verstehen kann.
Die Suche nach Sinn führt uns oft sehr weit weg von der Wahrheit, weil es letztendlich für uns schon genug ist, dass etwas plausibel klingt und dann glauben wir es. Wir sind da ganz leicht in die Irre zu führen.
Ich versuche in meinem Schreiben vom traditionellen Erzählen und deren Schemata wegzukommen. Eine Richtung ist da etwa das Fragment, das eher meinem Weltbild entspricht.
Im Roman „Der Kreis des Weberknechts“ habe ich bewusst versucht mit Erwartungen des Lesers zu spielen. Die Vorstellung von Mann und Frau zu Beginn des Romans erzeugt bereits eine Erwartung und diese wollte ich brechen. Denn im Leben ist es einfach nicht so, dass unsere Erwartungen erfüllt werden. Ich denke, es ist näher an der Wahrheit, wenn ich im Schreiben die Leser:innen enttäusche.
Dein Roman beginnt mit Gedanken an den Tod und endet mit dem Tod als erwartete Wiederkehr. Ist der Tod die einzige erfüllte Erwartung des Lebens?
Ja, wahrscheinlich.
Als ich sehr jung war und versuchte einen Sinn zu finden, was mir nicht gelungen ist, hat mich etwas getröstet, was mir ein Erwachsener sagte – dass der Tod Sinn mache, weil wir in einer Unsterblichkeit alles im Leben auf einen späteren Zeitpunkt verschieben würden (lacht). Das war ein guter Trost damals.
Das Leben muss keinen Sinn machen, es reicht, wenn es der Tod tut.
In Deinem Roman ist für Karl der Tod mit Wiederkehr, Rückkehr in die Kindheit, verbunden, also einer Wiedergeburt. Ist dies auch eine Utopie, Hoffnung für Dich?
Ich bin Agnostikerin und ich habe keine Ahnung was nach dem Tod passiert. Es sind aber Szenarien, was sein könnte, die mich beschäftigen und eine davon ist die Wiederkehr, die im Roman vorkommt, die ewige Wiederkehr des Gleichen. Ich bin da ursprünglich nicht von Nietzsche ausgegangen, aber kurz bevor mein Roman fertig war, habe ich zufällig „Also sprach Zarathustra“ (Friedrich Nietzsche, 1883, Anm.) gelesen und seine Idee entsprach 100% der meinen. Also fügte ich Nietzsche noch namentlich dazu.
Ich finde es witzig, dass wir alle ähnliche Ideen haben und diese dann benennen müssen mit den Namen großer Philosophen, die gestorben sind, obwohl diese Ideen eigentlich archetypisch sind.
In Deinem Bachmannpreistext sprichst Du auch das Thema Zeit und Leben an – „…ich weiß, die Zeit lässt sich nicht sparen, man kann sie nur verschwenden, im Sekundentakt.“ Welche Bedeutung hat Zeit für Dich?
Jede Sekunde nähern wir uns dem Tod.
Wir leben jetzt schon oft im Moment, glaube ich. Das soll man ja. Aber vielleicht gerade zu sehr. Wir leben in einer audio-visuellen Welt der Überreizung, die uns bzw. unser Gedächtnis gefährdet. Ich halte im Zusammenhang mit Zeit auch die Erinnerung für sehr wichtig.
Du hast in Deinem Bachmannpreistext den Rückzug, die Einsamkeit, in der Zeit der Pandemie beschrieben. Wie hast Du diese Zeit als Schriftstellerin erlebt?
Mein Buchprojekt über die Einsamkeit begann vor der Pandemie. Ich suchte dafür den Rückzug, um das Thema bearbeiten zu können. Und als ich damit fertig war, kam die Pandemie.
Das Schwierige in der Pandemie im Zusammenhang mit der Einsamkeit war, dass es keine Wahl mehr gab. Ich habe versucht, die positiven Seiten zu sehen und hatte große Hoffnung, dass wir sehr viel daraus lernen können, etwa über alternative Lebensweisen, darüber, dass wir unterscheiden, was wir brauchen und nicht brauchen in unserem Konsum. Auch bezüglich unserer Klimaverantwortung, dass uns bewusst wird, wir müssen nicht ständig herumreisen. Ich weiß nicht, haben wir etwas aus der Pandemie gelernt?
Ich habe auch geglaubt, dass es anders wird, wenn die Pandemie vorbei ist, ich weiß nicht, ob sie vorbei ist, ich dachte, wir würden entweder dann zurückgezogener leben oder dass eine „carpe diem“, Roaring Twenties (Anm: 1920er Jahre) mood ausbricht (lacht).
Die Pandemie war ein Einschnitt, weil es dem gesellschaftlichen Narrativ „Wir können tun was wir wollen. Wir können werden, wer wir wollen“ widersprach. Das erschütterte den modernen Menschen.
Dein Bachmannpreistext beginnt mit der Begegnung mit dem Briefträger. Dies ist auch im Roman „Malina“ ein wesentlicher Topos. Welche Rolle kommt diesem Boten, diesem Kontakt in der Einsamkeit zu? Ist dies metaphorisch mit einem Engel vergleichbar, der eine „befreiende, erlösende“ Botschaft in die Welt, meine einsame Welt, bringt?
Ich fand es spannend, dass die Person des Briefträgers, die ja nur die Funktion der Verbindung zwischen Absender und Empfänger hat und damit persönlich unwichtig ist, dann aber in der Einsamkeit für sie zur wichtigsten wird, weil sie im Unterschied zu den virtuellen Absendern, real ist.
Kommt diesem Kontakt des Überbringens, diesem kurzen persönlichen Austausch, auch ein wesentlicher Sinnbezug, Lebensimpuls zu?
Ihre Sinnsuche, dieses Bedürfnis nach Nähe, Überschreitung des Ich, die einfach menschlich und nicht anders als bei anderen ist, formt aus dem Briefträger etwas, das den Umständen geschuldet war. Sie hatte einen Kontakt und einen Sinn gesucht und dies auf den erstmöglichen oder ja auch den einzigen aufgehängt.
Die Begegnung mit dem Briefträger findet über das offene Fenster des Hauses statt. Es ist nur ein Teil ihres Körpers zu sehen. Ist dies auch metaphorisch zu verstehen als Bruchstückhaftigkeit der, jeder Begegnung?
Ich finde diese Sichtweise sehr, sehr schön. Es war da jetzt nicht meine direkte Schreibintention aber ich schätze es sehr, wenn ein Text hier weiterführt in Gedanken.
In Deinem Roman „Der Kreis des Weberknechts“ ist Karl ein Mensch, der die Bewunderung von außen braucht und in den Lebensmittelpunkt stellt. Er lässt eine persönliche Beziehung nicht zu. Ist er ein Prototyp des modernen Menschen?
Wir sind als Menschen leider oft individualistisch, narzisstisch. Unsere virtuelle Welt fordert dies auch, sich immer wieder selbst zu präsentieren. Es geht dabei nicht um ein persönliches Kennenlernen, sondern um ein in die Irre führen, einfach einander etwas vorzumachen. Wir gehen da in eine falsche Richtung.
Es gibt in sozialen Netzwerken auch ehrliche, offene posts. Aber überwiegend ist es nur eine „Maske“, an der man in der Einsamkeit arbeiten kann und dann setzt man diese virtuell auf.
Ich finde, wir müssten viel, viel mehr an unserer Empathie arbeiten und nicht an unseren Masken.
Wie kann diese Arbeit an der Empathie gelingen?
Ich hoffe durch die Literatur.
Und die Ehrlichkeit. Es ist gesellschaftlich so, dass man Fehler, handicaps, immer mehr akzeptiert, aber es sollte dann nicht so sein, dass man diese immer betont und als Identitätsmerkmal sieht. Der Mensch soll einfach in seiner Vielfältigkeit gesehen und akzeptiert werden.
Wir bekämpfen im Umgang miteinander Hass mit Hass und das finde ich sehr, sehr falsch. Wir sollten verstehen wollen, akzeptieren und mitfühlen.
Ana Marwan, Schriftstellerin, Bachmannpreisträgerin 2022_ Station bei Malina_Wien
Ende _ Sommerinterview Teil I, Teil II zwei folgt am 6.8.2022
Station bei Malina_ Sommerinterview:Ana Marwan, Schriftstellerin, Bachmannpreisträgerin 2022
Aktueller Roman: „Der Kreis des Weberknechts“ Ana Marwan, Otto Müller Verlag.
Lea Schlenker, in Zürich geborene und in Bern lebende Schriftstellerin, legt mit „Eine Auswahl an Fluchtmöglichkeiten“ einen Gedichtband vor, der mit ganz feinem ironischen Witz, Sinn wie beeindruckender Sprachfreude begeistert.
Es ist eine Sommerreise als mitreißende existentielle Achterbahnfahrt der Seele, die schonungslos mutig und zärtlich über das Leben zwischen Traum und Wirklichkeit, Wunsch und Erfahrung in den heißen Sand einer Jahreszeit schreibt und damit Himmel und Erde erleuchtet.
Lea Schlenker, verbindet in diesem Band die großen Traditionen phantastischer wie realistischer Poesie und verdichtet diese zu einem unverwechselbaren Stil, der selbstbewusst direkt das Thema im unbändigen Sprachspiel variiert und jongliert. Das Lesen macht große Freude und zaubert ein Lächeln wie im Schließen der Augen ein Nachdenken in Sonne oder Mond, das lange anhält. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins wird hier wunderbar poetisch an Herz und Seele gepackt.
„Die Gedichte Lea Schlenkers im Sommerreisegepäck zu haben, heißt zu lächeln, zu staunen und Urlaub und Leben in allen Überraschungen zu lieben!“
Danke für dieses Sommer- wie zeitlose Jahreszeitgeschenk!
Lea Schlenker, Schriftstellerin
Lea Schlenker, Eine Auswahl an Fluchtmöglichkeiten. Gedichte. Aphaia Verlag, 2022.