„Iphigenie“ Begeisternde Uraufführung _ TAG Theater Wien 18.2.2022


Da ist das Dunkel. Der leere Raum und die Trümmer. Die Menschen. Der Körper. Die Macht, die Gewalt. Bestimmend. In allem…


Iphigenie befindet sich in der Mitte dieses Fadenkreuzes patriarchaler Beziehungslosigkeit und Skrupellosigkeit. Sie trägt die Familiengeschichte in sich und will sich jetzt dieser Kette des Todes entziehen…


Sie weist den Heiratsantrag zurück. Das wird ihr nicht verziehen. Jetzt soll auch Iphigenie töten. Die beiden Fremden, die auf der Flucht sind…

Doch wie wird Iphigenie jetzt damit umgehen? Und wer ist dieser Fremde? Die Vergangenheit kommt ans Licht und das Dunkel nimmt weiter zu…


Das TAG Theater Wien stellt sich in der Inszenierung des „Iphigenie“ Stoffes klassischer Dramakonzeption von Euripides bis Goethe und der traditionsreichen Theatergeschichte mit aller Wirkung und deren Zuschreibungen. Wie damit umgehen? Davor zurückschrecken? Nein, das ist die Sache von Regisseurin Angelika Messner und des Ensembles nicht.

In der neuen Textfassung von Angelika Messner trifft die Dichte von Ort, Handlung paradigmatisch auf die Gegenwart in exemplarischer Realität und deren gescheiterten gesellschaftlichen wie existentiellen Ansprüchen von Identität, Freiheit, Humanität und Vision. Messner hebt und setzt das Drama in die Mitte von Fragen, Prozessen nach gesellschaftlicher Rolle und deren Scheitern in Wert und Richtung von Mensch zu Mensch. Es ist ein mutiges Konzept, das in Konzeption, Intention und dramatischer Originalität überrascht wie beeindruckt. Der Schlüssel dazu ist in jedem Fall der Ensembletransfer.

Und hier kann sich die Regisseurin auf das hervorragende TAG Ensemble verlassen, das in einzigartiger Spielpräsenz eine mitreißende Bühnenspannung erzeugt, die mit langanhaltendem Applaus belohnt wird. Dabei zieht das Ensemble alle Register von Sprach-, Körper-, Bewegungsspiel und begeistert in einzigartiger Präzession wie Ausdruckskraft und Aussage. Ebenso ist auf die großartige Musikakzentuierung wie das Bühnenbild hinzuweisen, mit und auf dem das Ensemble einen Theaterabend der Sonderklasse zaubert.

Im Team von Regie, Ensemble, Bühnenbild, Musik ergibt sich ein dramatisches Ganzes, das nachdenken lässt wie unterhält und in direkter Ansprache Fragen von Menschlichkeit, Sinn, Frieden impulsgebend öffnet.

Es sind wunderbare Mosaiksteine der Kraft, Möglichkeit und der Begeisterungsfähigkeit modernen Theaters, die diesen Abend zu einem Geschenk an das Publikum werden lassen.

„Das TAG Theater begeistert einmal mehr in Innovation und Spielkunst der Sonderklasse!“

„Iphigenie“ von Angelika Messner

Frei nach „Iphigenie auf Tauris“ von J.W. von Goethe

Text/Regie: Angelika Messner

Ensemble: Jens Claßen, Emanuel Fellmer, Andreas Gaida, Michaela Kaspar, Jon Sass, Lisa Schrammel, Georg Schubert

Ausstattung: Heike Werner

Musik: Jon Sass

Electronic Sounds: Wolfgang Schlögl

Dramaturgie: Tina Clausen

Licht: Katja Thürriegl

Maske: Beate Bayerl

Regieassistenz: Renate Vavera

Kostüm- und Requisitenbetreuung: Daniela Zivic

Tontechnik: Peter Hirsch

Dekorationsbau: Hans Egger, Andreas Wiesbauer, Manuel Sandheim, Hanno Maria Frangenberg

Weitere Spieltermine: 14./15./29./31.März 1.April 2023, jeweils 20h  

TAG Theater an der Gumpendorfer Straße

Gumpendorfer Straße 67; 1060 Wien

Spielplan – dasTAG.at

Walter Pobaschnig 19.2.2023

Alle Fotos_Walter Pobaschnig

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„in guten Geschichten sind Visionen zu finden, die eine neue Realität denkbar machen“ Alina Lindermuth, Schriftstellerin _ Wien 19.2.2023

Liebe Alina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Sehr unterschiedlich. Aber in den meisten Fällen beginnt er mit Frühstück (in Richtung Wochenende gerne auch mit einem weichen Ei) und endet mit einem Spaziergang durch den 9ten Bezirk. Dazwischen liegt tägliche eine neue Komposition aus Aufgaben rund um meine Bücher, Kundenterminen für mein Storytelling-Unternehmen Textory und Treffen mit den Menschen, die mir wichtig sind. Es ist schön so viel Variables im Tag zu haben.

Alina Lindermuth, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir brauchen mehr positive Zukunftsnarrative. Wir können uns aktuell sehr gut vorstellen, wie alles wird – „wenns nix mehr“ wird. Aber wie unsere Zukunft aussehen könnte, wenn sie gut wird – dazu fehlen uns oft die Geschichten. Ich denke, dass in guten Geschichten Bilder und Visionen zu finden sind, die eine neue Realität überhaupt erst denkbar machen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Allen voran ist das meiner Meinung nach Toleranz. Ich habe das Gefühl, dass oft schon bevor jemand ein Argument zu Ende formuliert hat, die erste Wertung dagegen in Stellung steht. Dabei brauchen wir gerade jetzt, in einer Zeit von verkrusteten Verhärtungen, die Fähigkeit andere Meinungen zu akzeptieren. Und zwar auf allen Ebenen der Gesellschaft.

Die Kunst kann dabei einen Raum erschaffen, einen Moment des Innehaltens, eine voreilige Wertung vielleicht verhindern. Weil sie zum Beispiel wie ein Spiegel wirkt auf das eigene Sein, oder aber eine völlig andere Lebensrealität überhaupt erst begreiflich macht. In jedem Fall aber einen Perspektivenwechsel ermöglicht. Und ich denke, je mehr Perspektiven der Mensch sieht oder sogar erlebt, desto leichter kann ihm Toleranz auch fallen.

Was liest Du derzeit?

„The Seven Moons of Maali Almeida” von Shehan Karunatilaka, ein Roman über den Bürgerkrieg in Sri Lanka, der 2022 mit dem Booker Prizes ausgezeichnet wurde und

„Der bittere Weg“ von Ella Maillart, die Erzählungen über einen Roadtrip zweier Frauen von der Schweiz bis nach Afghanistan in den 1930er und 40er Jahren.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Besser ein paar Brandblasen, als ein ganzes Leben lang kalte Finger.“  (Christine Nöstlinger)

Alina Lindermuth, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Alina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Alina Lindermuth, Schriftstellerin

Zur Person1992 in Villach geboren. Nach dem Schulabschluss ging sie nach Indien, im Anschluss folgten Studien der Südasienkunde, BWL und VWL in Wien und Singapur. Ihre Kurzgeschichte „Zum Schreien“ wurde 2010 mit dem Bachmann Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. 2020 erschien ihr Debütroman „Die Wahrscheinlichkeit des Zufalls“ (Text/Rahmen Verlag). 2022 war sie Writer-in-Residence in Sri Lanka, Stipendiatin der Werkstatt für junge Literatur und erhielt den Sonderpreis des Wiener Werkstattpreises.

2023 erschien ihr zweiter Roman „Fremde Federn“ (Kremayr&Scheriau). 

Buchinfo zum aktuellen Roman _Fremde Federn:

Wer kümmert sich um Oma?
Was passiert, wenn ein Familienmitglied plötzlich auf Pflege angewiesen ist? Alina Lindermuth fängt ein, was sonst im Verborgenen bleibt. 

Tom zieht bei seiner Großmutter ein und erfüllt ihr den Wunsch eines lang ersehnten Hühnerstalls im Garten. Die unkonventionelle Wohngemeinschaft funktioniert überraschend gut, bis Rosmarie nach einem Unfall nicht mehr allein zurechtkommt. Neben seinem Start-Up-Job ist Tom überfordert mit der Situation und entscheidet sich schließlich für ein 24-Stunden-Pflegemodell. Als dann Betreuerin Kata ins Haus kommt, blüht Rosmarie auf. Doch der zweiten, Josipa, traut sie nicht über den Weg. Hat sie es etwa auf die Hühner abgesehen? 

www.alinalindermuth.at

Fotos_Mercan Falter

16.2.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Give me a lullaby, to let a dictator fall asleep“ Verena Stauffer, Schriftstellerin _ Give Peace A Chance _ Wien 19.2.2023

GIVE PEACE A CHANCE


Give me a lullaby, to let a dictator fall asleep
It should be about a man who wins over all countries
Viaducts, rivers, seas, silver, lithium, hills, salt and veal
Everything he would need, to have an endless reign set


Pacifism has not brought any end to any reigns of emperors
Endless man and woman had to let their life go to bring the
Aggressors down. It was not Peace which brought Peace
Count the butterflies, the birds, the rabbits, foxes and wolfs
Endless Admirals fluttering to carry the world away, but


Admiral, where will you endure this winter? Where to fall asleep?


Counting the lost soldiers of your company, or the ones still alive?
Hustling like a dying Admiral, remembering the frozen pain of a small boy
A winterly childhood without the warm laughter of parents and grandparents
Neither of them in a tree shadowed summer garden, spitting cherry stones
Caressing babies, gathering apples and blueberries from heavy branches
Endless nights telling each other winters tales of a dictator peacefully asleep


Verena Stauffer, 13.2.2023


Fotos_Walter Pobaschnig

Foto_Admiral (Schmetterling) Christian Fischer

Verena Stauffer, Schriftstellerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Verena Stauffer, Schriftstellerin

http://www.verenastauffer.at/wordpresshome/?page_id=13

Fotos_Walter Pobaschnig

Foto_Admiral_Christian Fischer.


Walter Pobaschnig _ 13.2.2023

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„Man sieht ganz Wien, Wien, Wien is so herrlich hin, hin, hin“ Ines Schiller, Schauspielerin_Station bei Falco _ Wien 19.2.2023

Ines Schiller, Schauspielerin_Wien _
Station bei Falco „Ganz Wien“ _ 25.Todestag _

Falco, Sänger, Musiker (*19.2.1957 Wien +6.2.1998 Dominikanische Republik)

GANZ WIEN

Er geht auf der Straß’n
Sagt net wohin
Das Hirn voll Heavy Metal
Und seine Leber ist hin


Seine Venen san offen
Und er riecht nach Formalin
Des alles macht eam kan Kummer
Weil er ist in Wien.

Ganz Wien – ist heut auf Heroin
Ganz Wien – träumt mit Mozambin
Ganz Wien – Wien, Wien, greift auch zu Kokain überhaupt in der Ballsaison
Man sieht ganz Wien, Wien, Wien is so herrlich hin, hin, hin
Kokain und Kodein, Heroin und Mozambin
Machen uns hin, hin, hin, 1,2,3

Kokain und Kodein, Heroin und Mozambin
Machen uns hin, hin, hin

Einmal wird der Tag kumman
Die Donau außer Rand und Band
Im U4 geigen die Goldfisch‘
Der Bruno längst im sich’ren Land,
Der Hannes A

Dann lernen wir Schwimmen
Treib’n tan ma eh.
Alle Teuferl weisses Gewandl
Und weiss wie Schnee

Wien

Kokain und Kodein, Heroin und Mozambin
Machen uns hin, hin, hin, that you know
Kokain und Kodein, Heroin und Mozambin
Machen uns hin, hin, hin

Ganz Wien
da, da, da, da
Ganz Wien

GANZ WIEN

1982 / Text: Falco / Musik: Falco

Ines Schiller, Schauspielerin_Wien _
Station bei Falco „Ganz Wien“ _ 25.Todestag _

Falco, Sänger, Musiker (*19.2.1957 Wien +6.2.1998 Dominikanische Republik)

Station bei Falco_

Ines Schiller, Schauspielerin_Wien

2023 _ 25.Todesjahr_Falco, Sänger, Musiker (19.2.1957 Wien +6.2.1998 Dominikanische Republik)

Alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Wien 2_23

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Walter Pobaschnig 2_23

„Guernika ist nicht nur ein Bild“ Lothar Lempp, Bildender Künstler _ Give Peace A Chance_Bad Mergentheim 18.2.2023

Lothar Lempp, Bildender Künstler, Clown und Puppenspieler

GIVE PEACE A CHANCE


GUERNIKA IST NICHT NUR EIN BILD

ICH, DER KRIEGSDIENST-

VERWEIGERER

ERINNERT SICH AN DIE


PRÜFUNG DES GEWISSENS:

ERKLÄRE ICH PAZIFISMUS ZUR

ALLGEMEINEN MAXIME, VERKENNE ICH DEN

CHARAKTER DER GEGENWART

EIN NAIVER FEHLER?



ABER ICH DENKE AN DEN WÜNSCHENSWERTEN


CHARAKTER DER ZUKUNFT

HABEN WIR EINE CHANCE AUS DER MÜHLE AUSZUSTEIGEN?

ANGENOMMEN ICH ANTWORTE AUF ANGRIFF MIT PASSIVEM WIDERSTAND –

NEIN, EINE GANZE NATION MÜSSTE SO ANTWORTEN!

CHANCE ZU GEWINNEN: KURZFRISTIG NAHE NULL…

EIN SCH…. SPIEL


Lothar Lempp _23.1.2023

Lothar Lempp, Bildender Künstler, Clown und Puppenspieler

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Lothar Lempp, Bildender Künstler, Clown und Puppenspieler

Objekt- Figuren- und Clowntheater

https://www.lothar-lempp.de/

Fotos_privat

Walter Pobaschnig _ 23.1.2023

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„Wie ein zur ewigen Unvollständigkeit verdammtes Mosaik mit stabilisierenden Elementen“ Annette Schoenmueller, Mezzosopran _ Wien 18.2.2023

Liebe Annette, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wie ein zur ewigen Unvollständigkeit verdammtes Mosaik mit stabilisierenden Elementen.

Annette Schoenmueller, Mezzosopran     

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die klare  – individuelle wie kollektive – Ortung dessen, was überhaupt (noch, immer schon) besonders wichtig ist (war, sein wird). In diesem sich ständig verändernden Spannungsfeld Balance und Haltung, Zuversicht, Originalität und Würde bewahren.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Kunst trägt stetigen Aufbruch und Neubeginn immerwährend in sich eingeschrieben. Klarheit, Radikalität.

Was liest Du derzeit?

Hanno Millesi: „Der Schmetterlingstrieb“

Andrej Tarkowski: „Die versiegelte Zeit“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Andrej Tarkowski: „Zur Verantwortung sollte man mich ziehen, wenn ich in meiner Kunst lüge.“

Vielen Dank für das Interview liebe Annette, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Annette Schoenmueller, Mezzosopran   

Zur Person_Annette Schönmüller ist als international gefragte Vokalsolistin gleichermaßen im Feld klassischer Oper wie auch in zeitgenössischen Formaten tätig, u.a. am Theater an der Wien, Opernhaus Zürich, Münchener Biennale, Wiener Konzerthaus, Ruhrtriennale, Concertgebouw Amsterdam uvm. Projekten im Übergang Schauspiel/Musiktheater, sowie dramaturgisch-konzeptioneller Arbeit an der Schnittstelle Libretto-Komposition – Inszenierung gilt ihr besonderes Interesse.

www.schoenmueller.at

Foto: Nafez Rerhuf/Wien Modern

16.2.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Spiritualität ist eine Bereicherung“ Franzobel im Interview zu seinem neuen Roman „Einsteins Hirn“ Zsolnay Verlag 2023.

Franzobel, Schriftsteller_
Bachmannpreisträger 1995
_
Fotos _ Prater Wien 5/22

Lieber Stefan, Dein neu erschienener faszinierender Roman „Einsteins Hirn“ („Einsteins Hirn“ Franzobel. Roman. Paul Zsolnay Verlag. 2023) begibt sich auf die Lebensspuren des US-amerikanischen Pathologen Thomas Stoltz Harvey, der dem toten Albert Einstein sein Hirn entnahm und dieses mit auf seine Lebensreise in allen Schattierungen mit. Diese persönlichen Lebensstationen öffnen auch die gesellschaftlichen Fragen, Positionen zu  Mensch, Welt, Wissenschaft, Religion und Zeit.

Der österreichische Schrftsteller Franzobel vor dem Haus von Albert Einstein in Princeton/New Jersey/USA. Foto:Franzobel (folgende)

Wie kam es zu diesem literarischen Stoff und Ausgangspunkt für Dich?

Ich denke, der Stoff war ein kosmisches Geschenk, jedenfalls wusste ich sofort, dass ich über diesen Thomas Harvey, der 42 Jahre mit Einsteins Hirn gelebt hat, schreiben muss, weil es eine irre Geschichte ist, die unglaublich viel Potential enthält. 

Princeton, Spital, in dem Albert Einstein (*14.März 1879 Ulm/D) am 18.April 1955 starb. Foto:Franzobel (folgendes)

Wie gestaltete sich der Schreibprozess?

So wie Harvey von dem Hirn besessen war, war ich es von dem Stoff. Natürlich war auch viel Recherche notwendig und gab es mit dem Text auch Kämpfe, aber größtenteils war es ein einziger furioser Schreibrausch.

Du hast ausgedehnte Recherchereisen für „Einsteins Hirn“ unternommen. Welche Stationen hast Du besucht und was war dabei besonders beeindruckend?

In Lawrence, Kansas, konnte ich Menschen treffen, die Harvey kannten. Leute, die in der Plastikfabrik gearbeitet haben, in der auch der 80jährige Harvey als Hilfsarbeiter beschäftigt war. Seine Quäkerfreunde, einen Mann, der in dem Gefängnis gearbeitet hat, in dem Harvey eine Weile lang als Arzt tätig war. In Princeton sah ich Einsteins Wohnhaus, den Ort, wo damals das Spital stand, in dem der große Physiker gestorben ist und Stunden später von Harvey obduziert worden ist. Außerdem war ich länger in Manhattan. Am beeindruckendsten aber war die Wüste in Algerien und ein heiliger Berg in Sri Lanka.   

Dein Roman stellt sich den Fragen von Leben, Endlichkeit und Unendlichkeit auf vielfältige spannendste Weise. Hat das Schreiben am Roman deine Perspektiven dazu verändert?

Kann man sich überhaupt verändern? Schreiben ist immer wie in einen Traum eintauchen und das tapsige Gefühl danach gleicht dem Gehen in warmem, frischem Sand. Die Spuren sind jedes Mal neu und wenn man auf spitze Steine tritt, sticht es jedes Mal aufs Neue.    

Religiöse wie wissenschaftliche Sozialisation beginnt meist mit Schuleintritt. Wie hast den Religions- und Physikunterricht in der Schule erlebt und was braucht es für Dich da pädagogisch heute?

Klebrig. Ich habe Schule immer als Zwang empfunden, wo Begeisterung eher zerstört als gefördert wird. Der Institution Schule ist immer noch das Leitmotiv zur Fabrikation williger Untertanen anzumerken. Man müsste das völlig neu denken, was nicht leicht ist, weil bei den Erwachsenen das Ich-habs-auch-überlebt-und-es-hat-mir-nicht-geschadet vorherrscht. Schule ist ein System, das alle unglücklich macht und Kreativität zerstört, weil es die Genialität des einzelnen verdurchschnittlicht.    

Welche Bedeutung haben Wissenschaft und Religion für eine Gesellschaft?

Glaube kann sehr bereichernd sein, so lange er nicht darauf beharrt, der einzig wahre und richtige zu sein. Dann gibt es auch keine Konkurrenz zur Wissenschaft, der wir natürlich allen Fortschritt und Luxus verdanken. Die Erkenntnisse der letzten hundertzwanzig Jahre sind ebenso atemberaubend wie die im Namen der Religion verübten Verbrechen.    

Die Bedeutung wie die Kritik an Wissenschaft nahm in den letzten Jahren gesellschaftlich zu. Wie siehst Du diese Spannungen und wie kann es hier wieder zu einem guten Miteinander kommen?

Die Dummheit ist tatsächlich grenzenlos und angesichts der vielen Unrechtssysteme denke ich mir oft, Himmel, lass Hirn regnen. Religiöse Hardliner sollten sich in Klöster zurückziehen und den Rest der Menschen in Ruhe lassen. Wissenschaftsfeindlichkeit ist leider sehr verbreitet und nicht selten der Keim für ein inhumanes, menschenverachtendes System. Für mich lauten die Zauberworte Toleranz, Gelassenheit, Humor und Freiheit. 

Was bedeutet Dir persönlich Religion?

Spiritualität ist eine Bereicherung. Ich gehe auf Reisen immer in alle Tempel, Kirchen, Moscheen, Synagogen, und liebe es, an religiösen Ritualen und Festen teilzunehmen, weil mich das ergreift. Noch wichtiger ist mir aber das Staunen über die Vielfalt der Natur. Der Mensch hat die Bestimmung zu leben, und seine erste Pflicht ist es, das Leben zu achten. Wenn man an eine unsterbliche Seele glaubt oder daran, dass alle Menschen Kinder Gottes sind, sieht sofort alles anders aus, wird auch die Welt ein bisschen besser.  

Harvey war Mitglied der Quäkerreligionsgemeinschaft. Du hast mit Mitgliedern gesprochen. Welchen Eindruck hast Du da über Harvey und den alternativen Lebensstil in dieser Gemeinschaft gewonnen?

Auch Einstein war fasziniert von dieser friedliebenden, unhierarchischen Gemeinschaft. Die „Gesellschaft der Freunde“, wie sie sich selbst nennen, ist eine faszinierende Religionsgemeinschaft, die im Gegensatz zu den meisten anderen nichts Schlimmes angerichtet hat. Ich mag die Quäker sehr.   

Das tägliche „Universum“ von Harvey in Liebe, Beruf, Perspektive ist ein brüchiges. Was lässt Harvey immer wieder neue Kraft finden?

Harvey war ein sympathischer Kerl, der sehr gläubig war, das Leben geliebt hat und eine große Leidenschaft, ja fast Besessenheit hatte – das Hirn von Albert Einstein.    

Harvey lebte gegen Ende seines Lebens in Nachbarschaft zum amerikanischen Autor W.S.Burroughs. Hatten die beiden Kontakt? Sind die Wohnhäuser heute Museen?

Der Beat-Poet und der Pathologe mit Einsteins Hirn waren befreundet. Museen sind beide Häuser nicht. Burroughs kleines rotes Häuschen wird gerade zum Mieten angeboten, und Harvey wohnte in einer einfachen Wohnhausanlage.

Wohnhaus von William S.Burroughs (*5.Februar 1914 St.Louis, Missouri + 2.August 1997 Lawrence/Kansas), Schriftsteller, „Naked lunch“ (1959), in Lawrence/Kansas. Foto:Franzobel

Im Roman spricht „Einsteins Hirn“. Was würdest Du Einstein selbst fragen wollen?

Natürlich würde mich interessieren, wie ihm das Buch gefällt.

Wo befindet sich Einsteins Hirn heute?

Es heißt, das Hirn ist in Chicago und die plastifizierten Streifen sind in Philadelphia. Aber wer weiß, vielleicht befinden sich die in Formaldehyd eingelegten Hirnwürfel auch in meinem Nachtkästchen? Oder als Kimchi bei einem Koreaner? 

Was sind Deine kommenden Projektpläne?

Nordgrönland. Wieder ein historischer Roman, weil mir da gerade die liebste Form ist, aber auch die meiste Arbeit. Wieder hat mir das Schicksal eine unwahrscheinliche Informationsquelle geschenkt, aber davon später mehr.

Herzlichen Dank, lieber Stefan, für das Interview und Deinen großartigen Roman! Viel Freude und Erfolg weiterhin!

Roman Neuerscheinung:

„Einsteins Hirn“ Franzobel. Roman. Paul Zsolnay Verlag. 2023.

Alle Fotos_USA_Haus Einstein/Spital_Haus Burroughs _ Franzobel 2022

Fotos_Portrait/Franzobel _ Walter Pobaschnig_Wien Prater _ 5/2022

Walter Pobaschnig 2_22

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„gegen die Müdigkeit ankämpfen, Mindfullness praktizieren und manchmal trotzdem Schokolade kaufen“ Chris Adel, Schriftsteller _ Wien 17.2.2023

Lieber Chris, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Morgenritual: während ich am Klo sitze, springt meine 1,5-jährige Tochter aus dem Bett und schaut nach, was ich mache.

U-Bahnritual: eigene Texte redigieren oder fremde Texte lesen

Arbeiten, quasi.

Mittagsritual: mit dem Notizbuch ins Café und entweder Ideen brainstormen oder einen Text verfassen, denn ich dann später in die SM speie. Noch viel später kommt es vielleicht auf meinen Blog. Und dann in ein Buch, wo es für immer in Vergessenheit gerät. Dann, irgendwann findet es wer und denkt sich: der Adel war vielleicht doch nicht so blöd, oder war er für eine Sekunde ein Genie?

Arbeiten, quasimodo.

2. U-Bahnritual: Handy-Surfen, weil nix geht mehr.

Einkaufsritual: gegen die Müdigkeit ankämpfen, Mindfullness praktizieren und manchmal trotzdem Schokolade kaufen.

Abendritual: Tochter bespaßen, Hygienebestimmungen einhalten und in den Schlaf langweilen. All das mit viel Lachen und teilweise Musik.

Spätabendritual: eine Ehe pflegen, so gut es geht.

Chris Adel, Schriftsteller  

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ist man arm, einen kühlen Kopf und Humor bewahren – was bleibt uns anderes übrig.

Ist man reich, im Ausland – weit entfernt – eine Wohnung kaufen und bereithalten, damit ich dort mit meiner Familie einziehen kann.  


Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Das klassische Zitat kommt mir immer wieder unter: „Zuerst das Fressen, dann die Moral.“ In diesem Sinne: Prost Mahlzeit. Aber ehrlich gesagt, sehe ich keinen großen Umbruch: stattdessen wird er langsam vonstattengehen, aus demographischen Gründen. „Wir“ werden uns zahlentechnisch halbieren, der Rest wird nachrücken, das sind statistische Fakten. Die erste Generation „Digital Natives“ ist auch schon groß: was sie mit unserer Welt machen, wird mehr ihre Zukunft bestimmen als das, was die jetzigen Herrscher planen und das „alte Denken“ wird aussterben, weil es keinen Platz mehr auf unserer Welt hat.


Was liest Du derzeit?

„Flow und Kreativität“ von Mihaly Csikszentmihalyi


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Ich habe dennoch soviel Mut zu hoffen,
dass mir sehr bald die ganze Welt gehört,
und stehn mir wirklich alle Türen offen,
schlag ich sie wieder zu, weil es mich stört,
dass ich aus goldnen Schüsseln fressen soll.
Die Würmer sind schon toll nach meinem Bauch,
ich bin mit Unglück bis zum Halse voll
und bleibe unter dem Holunderstrauch,
auf den noch nie ein Stern herunterschien,
François Villon, verehrt und angespien.“

Paul Zech, frei nach François Villon

Vielen Dank für das Interview lieber Chris, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Chris Adel, Schriftsteller  

https://www.chrisadel.com/

Foto_privat

19.10.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Gebend und“ Sandra Reinhart, Schriftstellerin _ Give Peace A Chance _ Berlin 17.2.2023

GIVE PEACE A CHANCE


Gebend und

Innwendig sollte die Moderne sein

Vergebend und

Ehrfürchtig könnte der Mensch darin wandeln


Patriarchal und

Erstarrt ist sie jedoch

Abwartend auf

Chancengleichheit

Ernüchternd ist die Bilanz


Andächtig ersehne ich die


Christrosen die meinem Geist entsprungen sind

Holz das zur Wärme ebnet

Angekommen im Schnee, vertrieben aus

Nahezu unbändiger Kälte, hörte ich

Chöre empor schwingen

Er wird kommen, der Frieden, in unsere Zeit


Sandra Reinhart, 14.12.2022

Sandra Reinhart, Schriftstellerin

Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:

Sandra Reinhart, Schriftstellerin

Foto_privat

Walter Pobaschnig _ 14.12.2022.

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„Wir müssen lernen, anderen zuzuhören und tolerant zu sein“ Stephan Bruckmeier, Regisseur_ Wien 16.2.2023

Lieber Stephan, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn irgend möglich beginne ich den Tag mit Laufen, dann Duschen, dann Tee und Büro – vor allem für das Hope Theatre Nairobi. Dann proben, schreiben, vorbereiten. 2020 war für mich wie für viele ein Jahr des Innehaltens – ich bemühe mich, die Überlegungen dieser Monate weiterzuführen und nicht wieder komplett in die extreme Selbstausbeutung zurückzufallen. Seit ich weiß, dass die Arbeit, die ich fast 40 Jahre lange mit großem Engagement erledigt habe nicht systemrelevant ist und die Bemühungen nach einem friedlichen, respekt- und verantwortungsvollen Miteinander gescheitert sind, arbeite ich weniger aber nicht weniger emphatisch. Ich bemühe mich, mit der Resignation zu leben und sie irgendwie positiv zu verwerten.

Stephan Bruckmeier, Regisseur

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich wurde im Juli 2022 60 Jahre alt und habe schon vieles auf der Welt sehen und erleben dürfen. Ich glaube, dass Bescheidenheit und Rücksichtnahme die wichtigsten Themen unseres Lebens sein sollten und jetzt ganz besonders. Ich glaube aber auch, dass die Minderheit der Egoisten wieder erstarkt und uns „Naive“ überrollt und ausbeutet. Und das meine ich global. Das Internet brachte eine unglaubliche Erneuerung unseres Weltverständnisses, denn wir können uns mittlerweile über fast alles informieren, in Wort und Bild. Und was machen wir damit? Wir fallen in alte Muster zurück, Populismus, die Kraft des Halbwissens, Aggressivität, Kriegstreiberei und rücksichtslose Ausbeutung.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ehrlich gesagt glaube ich noch immer an die Kraft der Kunst. Theater, Literatur, bildende Kunst – wir können durch die Kunst Fragen stellen, Gemeinschaften bilden und den Diskurs und das gegenseitige Verständnis fördern. Daher werde ich nicht aufgeben, auch wenn ich nicht mehr an das Gelingen einer großen globalen Veränderung glaube. Die Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen war die ganz große Revolution – sozusagen die Klimax aller Revolutionen – und sie ist gescheitert. Ein wichtiger Teil meiner Theaterarbeit findet in afrikanischen Ländern statt. Ich sehe die Welt also zumindest von 2 Blickrichtungen – das hat mich sehr verändert. Ich erlebe eine neue, fast schon fanatische Einteilung in richtig und falsch beziehungsweise in gut und böse, auch in unserer demokratisch orientierten Gesellschaft – das ist sehr beängstigend. Es hilft nichts, wir müssen lernen, anderen zuzuhören und tolerant zu sein. Da könnte die Kunst hilfreich sein.

Was liest Du derzeit?

„Das verlorene Paradies“ von Abdulrazak Gurnah.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Alle Menschen sind gleich an Rechten und Würde geborgen (Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte)

Stephan Bruckmeier,
freischaffender Künstler mit Schwerpunkt Theater

Vielen Dank für das Interview lieber Stephan, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Stephan Bruckmeier, Regisseur, Künstler

http://www.bruckmeier.info

http://www.hope-theatre.info

Fotos: privat

30.7.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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