
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Petra Mickl, Schriftstellerin _ Klagenfurt
Gernot Ragger, Schriftsteller, Verleger _ Wolfsberg
Liebe Petra/Lieber Gernot, welche Zugänge gibt es von Euch zum Werk Ingeborg Bachmanns?
(Petra) P: Ich wohne in Klagenfurt und liebe die Plätze an denen auch Ingeborg Bachmann war. Mit ihren Werken habe ich mich besonders in den letzten Wochen auseinandergesetzt, da heuer 100 Jahre Ingeborg Bachmann gefeiert wird.
(Gernot) G: Ich bin eigentlich weniger über ihre Texte als durch ihre Briefwechsel zur Person Ingeborg Bachmann gekommen. Und auch wenn ich danach ihre Texte gelesen habe, glaube ich doch, durch die Briefe mehr über sie zu erfahren, da ich mir die Hintergründe ihres Schreibens besser vorstellen kann.

Ingeborg Bachmann ist in unmittelbarer Wege aufgewachsen und setzt auch in der Erzählung „Drei Wege zum See“ diesem Erholungsraum zwischen Stadt und Wörthersee ein literarisches Denkmal.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
P: Die Wortgewandtheit und der sprachgewaltige Mut ihre Wahrheit aus- und anzusprechen.
G: Jeder Schriftsteller hat seinen Stil, manche ähneln einander, manche sind aber „besonders“ – sie sind unverwechselbar. Bei Bachmann ist das der Fall.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
P: „Mir gefallen die „Frankfurter Vorlesungen“ sehr gut. Ihre Gedichte sind einzigartig. Ihre Dankesreden zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht.
G: Mein Favorit ist „Der gute Gott von Manhattan“.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
P: Wie man weltpolitisch sehen kann, wird es diese patriarchale zerstörerische Männerwelt im Kollektiv immer geben.
Ich habe das persönliche Glück, dass ich mit Männern keine gewaltvollen Erfahrungen gemacht habe und auch der Krieg in Österreich seit vielen Jahrzehnten Geschichte ist.
Die Literatur von Ingeborg Bachmann hat mich sehr zum Nachdenken gebracht auf eine eigene Art und Weise. Wenn man sich näher mit der Person Ingeborg Bachmann auseinandersetzt, versteht man auch das Geschriebene besser. Sie hatte kein einfaches Leben in einer männerdominanten Welt, aber immer wieder ihre Glücksmomente und auch schönen Erlebnisse.
G: Wenn man bedenkt, dass ihre Werke über 50 Jahre alt sind, haben sie die Zukunft vorweggenommen. Was derzeit auf der Welt und leider auch in Österreich an Gewalt innerhalb von Beziehungen passiert, ist verstörend und erschreckend. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es sich um Österreicher oder Asylsuchende handelt. Die letzten Jahre haben in rasantem Tempo dafür gesorgt, dass die Hemmschwelle drastisch gesunken ist, gewalttätig zu sein, fast keine Überwindung mehr braucht.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
P: Sie hat den Krieg im jugendlichen Alter miterlebt und war dadurch traumatisiert. Sie hatte die Gabe ihr persönliches Leid literarisch zu verarbeiten, auf eine Art und Weise wie es sonst keine(r) geschafft hat, vor allem auch aus weiblicher Sicht.
G: Wer sich mit den Briefwechseln zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan sowie Max Frisch auseinandergesetzt hat, weiß, dass Bachmann wirklich keine „normalen“ Beziehungen durchleben durfte. Natürlich schlägt sich Privates im Schreiben nieder, aber schreiben oder erleben sind eben doch zwei verschiedene Erfahrungen.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
P: Durchaus. Besonders wenn man diesen Beruf gewählt hat und aus diesem der Lebensunterhalt bezogen wird. In dieser Zeit gibt man auch sehr viel von sich. Wer ein Buch geschrieben hat, braucht meistens danach wieder die kreative Pause. Es ist ein schöner Moment, wenn die Kreativität wieder zurückkommt und es an das nächste Werk geht.
Bei der Gelegenheit möchte ich Ingeborg Bachmann weiter zitieren, die ebenso meinte „und nur das Veröffentlichte, die Bücher, werden sozial, assoziierbar, finden einen Weg zu einem Du mit der verzweifelt gesuchten und manchmal gewonnenen Wirklichkeit“.
So ist es. Sie war eine mutige Frau, die sich den Herausforderungen stellte, gleichzeitig daran aber zerbrach.
G: Es gibt Texte, bei denen man tausend Tode stirbt, bevor sie soweit sind, veröffentlicht zu werden, und es gibt wieder Texte, die sich quasi von selbst schreiben. Die Bereitschaft für Martyrium und Freude, für Leid und Leichtigkeit müssen in jedem Autor vorhanden sein.
Ein Buch ist nicht fertig, wenn es veröffentlicht wird, ein Buch ist fertig, wenn es geschrieben ist.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
P: Die Beziehung zwischen Mann und Frau, die Leidenschaft, Treue und Untreue, Zerstörung und Selbstzerstörung. Je mehr du liebst und gibst, umso mehr kannst du auch enttäuscht werden. Jede Beziehung sollte auf Augenhöhe gelebt werden, um zu gelingen.
Die Liebe zwischen Mann und Frau wird nie aussterben und auf einer gewissen Ebene immer kompliziert bleiben.
G: Die Qualität Nähe und Distanz gleichermaßen zuzulassen. Grenzen zu ziehen ohne sie zu erkennen. Dinge anzusprechen ohne zu werten.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
P: Ich gehe auch gerne am Kreuzbergl spazieren. Wenn sie länger gelebt hätte, hätte ich sie vielleicht spontan gefragt, ob ich mich zu ihr dazusetzen darf, (es gibt ja genug Sitzgelegenheiten am Kreuzbergl). Da es aber keine Realität ist, kann ich es mir leicht in Gedanken ausmalen.
Anschließend hätte ich sie gefragt, warum sie Malina, einen weiblich klingenden Namen gegeben hat. Vielleicht steckt aber die Lösung im Roman selbst.
G: Ob Enttäuschungen und Rückschläge für ihr Schreiben wichtiger waren als Glücksgefühle und Erfüllung.
Was sind Eure aktuellen Projektpläne?
P: Seit ein paar Wochen erlebt meine Kreativität ein Comeback, daher schreibe ich an meinem 4. Buch weiter, das spätestens Anfang nächsten Jahres erscheinen sollte.
G: Endlich, nach 20 Jahren wird jetzt mein Buch über meinen Vater fertig. Neben diesen „Hungrigen Schritten“ soll auch noch eine Trilogie erscheinen – drei Bücher, die eigentlich eines sind, die ich aufgrund der Thematik jedoch auf drei Bände aufgeteilt habe. Alle drei in einem hätten nicht funktioniert.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
P: Ich möchte von ihr gerne eine Hommage an Maria Callas (Entwurf) zitieren: „Sie hat immer direkt getroffen, auf den Umwegen über Libretti, über Figuren, zu denen man Liebe haben muß, um sie akzeptieren zu können. Sie war der Hebel, der eine Welt umgedreht hat, zu dem Hörenden, man konnte plötzlich durchhören, durch Jahrhunderte, sie war das letzte Märchen“.
Genau diese Hingabe steckte ebenfalls in Ingeborg Bachmann, da sie eine Virtuosin der Literatur war.
G: „Darum bin ich dieser Zigeunerin auf den Fersen, solange ich denken kann, die von nirgends herkommt und nirgends zuhause ist und diese Horste begünstigt – Die so geduckt unten geht und plötzlich über den Asphalt und auf fliegt, damit ihre Füße keine Spur lassen.“
(Aus „Der gute Gott von Manhattan“)
Herzlichen Dank für das Interview!

Petra Mickl: geboren 1970 in Klagenfurt. Handelsschule, Matura an der Handelsakademie für Berufstätige, zum damaligen Zeitpunkt habe ich im Büro als Sekretärin gearbeitet. Ausbildung zur Sozialpädagogin. Abgeschlossenes Studium der Pädagogik sowie Grundlagen der Psychologie. Langjährige Tätigkeit im sozialen Bereich als Trainerin für Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Diplomierte Mentaltrainerin.
Tätigkeit im pädagogischen Bereich mit Kindern bzw. Jugendlichen im Alter von ca. 10-14 Jahren als Sozial- bzw. Freizeitpädagogin.
Ich schreibe seit ca. 8 Jahren nebenberuflich.
Meine Werke: Die Farben des Lebens (2019), Mein Date mit der Zeit (2023) und Lichtallee (2024). Alle Bücher sind in „der wolf verlag“ erschienen. Ebenso bin ich in diversen Anthologien vertreten.

Zur Person: gernot ragger – der wolf verlag, ragger gernot
Zum Verlag: der wolf verlag, start – der wolf verlag, ragger gernot
Foto_ Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze.
Fotos: Petra Mickl/Gernot Ragger _ privat.
Walter Pobaschnig, 2.6.26



















































