
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Bernd Lüttgerding, Schriftsteller _ Brüssel
Lieber Bernd, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Nur wenige und schmale Zugänge gibt es. In der Schule, die ich herzlich gehasst habe, sprachen mich einige ihrer Gedichte, Reklame, Curriculum Vitae, vor allem Die gestundete Zeit („Es kommen härtere Tage.“!) natürlich an. Und ihre sämtlichen Gedichte habe ich noch heute im Regal stehen, habe sie auch alle gelesen.
Mit ihrer Prosa hingegen bin ich nie auf einen grünen Zweig gekommen („ein Strauß Türkenbund […], rot und siebenmal röter als rot, nie gesehen“. Es ist allerdings unfair, so einem kurzen Zitat zu unterstellen, es sei exemplarisch für ihren Stil und ihre Beschreibkunst. Ich will hier aber ohnehin bloß bekennen, dass beides nicht mein Ding ist. Ihre Themen habe ich für mich zugänglicher behandelt gefunden bei Marguerite Duras, bei Unica Zürn und vielleicht auch bei Christine Lavant und aus noch einer ganz anderen reizenden Perspektive bei Janet Frame).
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Die Hypersensibilität und ihre Verzweiflung, die zum Teil vermutlich die unterdrückte Verzweiflung ihrer Generation war, die, geboren in die geistigen Trümmer der Ruhephase zwischen Weltkrieg I und Weltkrieg II den kulturellen Bruch von 1933 als Kind erlebt hat und sich nach 1945 zwischen noch mehr Trümmern wieder in einer, der Wirtschaft untergeordneten und wachstumsorientierten Gesellschaft fand, in einer abgesicherten Variante der Zustände also, die mit zum Ersten Weltkrieg geführt hatten. Sie konnte das vermutlich fühlen als Eingekeiltsein in einem irren Patriarchat.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Nein. (Aber das „Es kommen härtere Tage“ schlägt noch heute eine jugendliche Saite in mir an…)
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Wenn das Patriarchale der Geist des Speers ist, im Gegensatz zum Matriarchalen als Geist des Gefäßes, also das Zerstörerische, Heldische, rational und technisch Fortschreitende im Gegensatz zum Bewahrenden, Ausgleichenden, mythisch und geistig in sich Gekehrten (um es hier in der Kürze etwas plump mit Worten zu belegen), dann greift ihre Gesellschaftskritik heute noch sehr. Schade nur, dass viele Frauen sich an die patriarchale Welt anpassen (ich denke probeweise an einige aus Funk und Fernsehen bekannte, in hohen Machtpositionen), anstatt ein bisschen radikaler das Matriarchale wieder ins Spiel zu bringen, das derzeit doch ziemlich fehlt. (Betrifft das nicht die Bachmann auch ein bisschen? „Drunten blättern Wasser in den Bibeln, und die Kompassnadel steht auf Nacht“, aber dann doch im Feuer sterben? Aber man soll ja Krankheit nicht als Symbol auffassen und Sterben wahrscheinlich auch nicht.)
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
„Wir“ lieben wie immer auf kranke Weise. Mir als Mann kommt es aber so vor, als seien wohl viele Männer („die Männer“ scheint mir ein bisschen zu grob über den Kamm geschoren, mich selbst will ich da aber selbstverständlich nicht ausnehmen) krank, viele Frauen aber nicht minder. Das sage ich nicht, um die Krankheit der Männer kleinzureden, ich finde nur, das Kranke liegt in der Natur einer kranken (entgeistigten, konsumierenden, mitmachenden und sich Zustände schönredenden) Gesellschaft, wenn hier auch „krank“ nicht der Begriff meiner eigenen Wahl wäre. Ich muss aber auch zugeben, dass Ingeborg Bachmann auf mein Lieben nie einen nennenswerten Einfluss hatte.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ach, ich weiß nicht. Vielleicht. Einsamkeit, ja. Was sie da „asozial“ nennt, erlebe ich eher als ein Nicht-überall-mitmachen-wollen-müssen. Sicher gibt es schwere Stunden und dafür auch manchmal leichte. Mein Martyrium habe ich bis jetzt (tastet nach Holz) meistens eher so ähnlich erleben wollen, wie das des Mannes, der in The Life of Brian gesteinigt werden soll („Making it worse? How could it be worse? Jehova! Jehova!“). Das möchte ich aber nicht als Unsensibilität verstanden wissen, sondern als eine Frage der Haltung.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Sie hat den Anfang von etwas geschrieben, was ein herausragendes lyrisches Werk hätte werden können.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Die Versuchung ist groß und es ist doch auch so wohlfeil, jemandem, der von seiner Verzweiflung verschlungen wird, zurufen zu wollen: „Wieso denn dieses bequemliche Vertrauen auf Ärzte? Warum denn immer Barbiturate und Benzodiazepine? Geh mal wandern, und lass doch diese halbherzigen Männergeschichten. Wenn man sich dem eigenen Abgrund stellt und hineinspringt, merkt man, dass er kaum eine Delle im Boden ist und alles übrige auch ganz anders, als man immer dachte, usw“ – Stattdessen hätte ich ihr gerne gesagt, dass es gut ist, dass sie gelebt und geschrieben hat, dass ihre Bücher bestimmt noch lange gelesen werden, und dass sie eine Kronzeugin der Mentalitätsgeschichte des 20. Jahrhunderts ist.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich schreibe nun im sechsten Jahr an einem epischen Gedicht, in dem sich die Geschichte der Menschheit im Prisma eines müden Einzelmenschen bricht. In diesem Sommer wird es fertig. Das habe ich mir versprochen. Und ich habe Freunde, die mich gnadenlos daran erinnern.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Na gut. – Enigma:
„Nichts mehr wird kommen.
Frühling wird nicht mehr werden.
Tausendjährige Kalender sagen es jedem voraus.
Aber auch Sommer und weiterhin, was so gute Namen
wie „sommerlich“ hat –
es wird nichts mehr kommen.
Du sollst ja nicht weinen,
sagt eine Musik.
Sonst
sagt
niemand
etwas.„
Das Gedicht „Enigma“ stammt aus der Zeit Ingeborg Bachmanns in Berlin (1963-65), Anm.
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person: Bernd Lüttgerding (berndluettgerding.blogspot.com)
Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze
Foto: Bernd Lüttgerding _ privat
Walter Pobaschnig, 3.6.2026