Ingeborg Bachmann ist 1946 in Wien angekommen und lebte hier bis 1953. In dieser Lebensphase kommt es unmittelbar nach Ende des II.Weltkrieges zu literarischen Reflexionen und Prozessen der Auseinandersetzung und Thematisierung von Geschichte, Gesellschaft und der Ursachen von Krieg, Gewalt. Viele Gedichte wie der große Roman Malina nehmen darauf unmittelbar Bezug.
Alle Tage
Der Krieg wird nicht mehr erklärt, sondern fortgesetzt. Das Unerhörte ist alltäglich geworden. Der Held bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache ist in die Feuerzonen gerückt. Die Uniform des Tages ist die Geduld, die Auszeichnung der armselige Stern der Hoffnung über dem Herzen…
aus „Die gestundete Zeit“, Ingeborg Bachmann, Piper 1953.
Monika Helfer,Schriftstellerin _ hat zahlreiche Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht. Für ihre Arbeiten wurde sie unter anderem mit dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur, dem Solothurner Literaturpreis und dem Johann-Peter-Hebel-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen bei Hanser ihre Romane »Vati« (2021), mit dem sie für den Deutschen Buchpreis nominiert war, »Löwenherz« (2022) und »Die Jungfrau« (2023), »Wie die Welt weiterging« (2024) sowie »Der Bücherfreund« (2025). Monika Helfer-Köhlmeier | Hanser 3.8.2026
Monika Helfer (ganz links) als Nominierte bei derVerleihung des österreichischen Buchpreises 2025 in den Wiener Praterateliers
Monika Helfer und Michael Köhlmeier _ Österreichischer Buchpreis 2025
Im Interview: Rotraut Schöberl, Schriftstellerin _ Wien
Liebe Rotraut, welche Erinnerungen gibt es für Dich an Monika Helfer?
Sehr viele. Zunächst als Autorin ihres Romans Die wilden Kinder – ein Buch, das mich nachhaltig beeindruckt hat. Von da an habe ich ihr Schreiben aufmerksam verfolgt und kaum eine Neuerscheinung von ihr aus den Augen verloren.
Als Partnerin von Michael Köhlmeier nahm ich sie erst etwas später bewusst wahr. Im Laufe der Jahre hat mich die Verbindung dieser beiden zutiefst literarischen Menschen fasziniert: zweier Persönlichkeiten, denen Literatur wie selbstverständlich im Blut liegt.
Besonders schön waren ihre Besuche in unserer Buchhandlung. Wenn Monika Helfer und Michael Köhlmeier kamen, entstand fast jedes Mal ein Gespräch, das klug, überraschend, anregend oder einfach wunderbar war.
Was macht für Dich das Besondere ihres Schreibens aus?
Mich beeindruckt ihre außergewöhnliche Einfühlsamkeit, verbunden mit einer fast asketischen sprachlichen Präzision. Sie vertraut der Kraft weniger Worte und erreicht gerade dadurch eine große emotionale Tiefe.
Möchtest Du bestimmte Bücher hervorheben und warum?
„Die Bagage“ hat mich mitten ins Herz getroffen. Dieses schmale Buch entfaltet eine Wucht, die lange nachhallt und beschäftigt.
Ebenso möchte ich „Der Bücherfreund“ und „Der Stoff“ hervorheben. Diese beiden gegensätzlichen Bändchen zeigen die ganze Bandbreite ihres Schreibens: die leisen Töne ebenso wie die existenzielle Tiefe, die Erinnerung ebenso wie die genaue Beobachtung.
Wie hast Du Monika Helfer als Lesende bzw. als Kollegin erlebt?
Monika Helfer war in ihrer Persönlichkeit ganz eins mit ihrem Werk. Die Einfühlsamkeit, die genaue Beobachtungsgabe, ihr feiner Humor und ihre selbstverständliche Hilfsbereitschaft prägten nicht nur ihre Bücher, sondern auch jede persönliche Begegnung.
Wenn sie unsere Buchhandlung betrat, veränderte sich die Atmosphäre: Es war, als würde der Raum heller werden; erfüllt von ihrer stillen Präsenz und ihrer aufrichtigen Aufmerksamkeit für die Menschen.
Darf ich abschließend um ein Zitat/eine Textstelle aus Monika Helfers Werk bitten?
“Eine Ordnung in die Erinnerung zu bringen – wäre das nicht eine Lüge? Eine Lüge insofern, weil ich vorspielen würde, so eine Ordnung existiere.”
aus ‚Die Bagage‘
Herzlichen Dank für das Interview!
Rotraut Schöberl, Schriftstellerin
Zur Person/über mich:Rotraut Schöberl …
… ist in Reichenau/Rax geboren, hat im Höllental schwimmen und in Wien schreiben & lesen gelernt. Zu der Liebe zur Literatur kam die Liebe zum Theater hinzu.
Im Jahre 1994 erfüllten sich Rotraut Schöberl und Erwin Riedesser ihren lange gehegten Traum von der eigenen Buchhandlung: Das Leporello öffnete seine Tore für alle diejenigen, die wie Schöberl und das Team Leporello ohne gute Literatur nicht leben wollen – und wurde rasch zur ‚Kultbuchhandlung‘
Die nächsten Jahre waren geprägt von der Mitarbeit in diversen Gremien sowie Jurytätigkeiten im Dienste des Buches. Rotraut Schöberl erfreut sich laufender Präsenz in den österreichischen Medien wie z.B. jeden Dienstagmorgen im Cafe-Puls, dem österreichischen Frühstückfernsehen, mit Büchertipps.
Anfang 2021 beendeten Rotraut Schöberl & Erwin Riedesser nach fast 30 Jahren ihr Projekt ‚Leporello‘ – um sich dem Schreiben zu widmen.
Zur Zeit arbeiten beide unter ihren Künstlernamen Flores & Santana an der KanarenKrimiReihe mit Naira Calderón & Ben Rodriguez.
Band 1 (La Palma) und Band 2 (Teneriffa) erscheinen 2024 im Ullstein Verlag.
Monika Helfer,Schriftstellerin _ hat zahlreiche Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht. Für ihre Arbeiten wurde sie unter anderem mit dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur, dem Solothurner Literaturpreis und dem Johann-Peter-Hebel-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen bei Hanser ihre Romane »Vati« (2021), mit dem sie für den Deutschen Buchpreis nominiert war, »Löwenherz« (2022) und »Die Jungfrau« (2023), »Wie die Welt weiterging« (2024) sowie »Der Bücherfreund« (2025). Monika Helfer-Köhlmeier | Hanser 3.8.2026
Monika Helfer und Michael Köhlmeier _ bei derVerleihung des österreichischen Buchpreises 2025 in den Wiener Praterateliers _ Monika Helfer war Nominierte
Erinnerung an Monika Helfer, Schriftstellerin (*18.10.1947 Vorarlberg +2.8.2026)
Im Interview: Eva Reichl, Schriftstellerin _ Mühlviertel/OÖ
Liebe Eva, welche Erinnerungen gibt es für Dich an Monika Helfer?
Ihr großer literarischer Durchbruch gelang ihr mit „Die Bagage“ im Jahr 2020. Damals war sie 72 Jahre alt. Das ist bemerkenswert, weil sie bereits seit den 1970er-Jahren schrieb und zahlreiche Romane veröffentlicht hatte. Über viele Jahrzehnte war sie in der Literaturszene geschätzt, doch erst „Die Bagage“ machte sie einem breiten deutschsprachigen und später internationalen Publikum bekannt. Ihr Erfolg zeigt, dass ein literarischer Durchbruch auch nach einer langen schriftstellerischen Laufbahn möglich ist. Ich hab mich damals sehr mit ihr gefreut, gleichzeitig hat es mir Hoffnung für mein eigenes Schreiben geschenkt.
Was macht für Dich das Besondere ihres Schreibens aus?
Was mich an Monika Helfers Schreiben besonders beeindruckt, ist ihr Mut, die eigene Familie zum Gegenstand ihrer Literatur zu machen. In ihren Büchern erzählt sie von Eltern, Geschwistern und Vorfahren, ohne sie zu idealisieren oder zu verurteilen. Gerade diese Offenheit empfinde ich als bemerkenswert. Ich selbst würde davor zurückschrecken, so nah an das eigene Leben und das der Familie heranzugehen, weil damit immer auch Verletzlichkeit verbunden ist. Umso mehr bewundere ich Monika Helfer dafür, dass sie diesen Weg gewählt hat und daraus Literatur geschaffen hat, die viele Leserinnen und Leser berührt.
Möchtest Du bestimmte Bücher hervorheben und warum?
Die Bagage (2020): Ihr internationaler Durchbruch.
Vati (2021): Eine sehr persönliche Annäherung an ihren Vater, einen Kriegsversehrten, dessen Leben und Charakter sie literarisch erkundet.
Löwenherz (2022): Ein bewegendes Porträt ihres Bruders Richard, der früh starb und in der Familie stets eine besondere Rolle spielte.
Warum? Weil sie eben den Mut hatte, über ihre Familie zu schreiben.
Wie hast Du Monika Helfer als Lesende bzw. als Kollegin erlebt?
Leider habe ich sie nicht persönlich gekannt.
Ihre Texte sind sprachlich gewaltig und inspirierend. Manche Sätze sind gemalte Bilder in Worten.
Darf ich abschließend um ein Zitat/eine Textstelle aus Monika Helfers Werk bitten?
„Gefühle verduften, nur in Romanen halten sie angeblich länger, in manchen Romanen angeblich ein ganzes Leben lang.“
Monika Helfer, Die Bagage
Herzlichen Dank für das Interview!
Eva Reichl, Schriftstellerin _
Zu Person und Werk: Eva Reichl wurde in Oberösterreich geboren und lebt mit ihrer Familie im unteren Mühlviertel. Mit ihren Krimis und Thrillern verwandelt sie ihre Heimat Oberösterreich in einen Tatort getreu dem Motto: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Böse liegt so nah? Mit ihrer Mühlviertler Krimiserie mit Chefinspektor Oskar Stern und den Thrillern rund um Diana Heller verwandelt sie ihre Heimat in einen Tatort. Der erste Band ihrer seit 2018 bestehenden Mühlviertel-Krimireihe rund um Inspektor Oskar Stern befindet sich mittlerweile in der 9. Auflage.
2025 startete Reichl eine neue Krimiserie mit Chefinspektorin Lotta Meinich und ihrem Vater Gustav, einem Chefinspektor im Ruhestand, und weitete damit ihr mörderisches Schaffen auf ganz Oberösterreich aus. (Pressetext Gmeiner Verlag)
Ingeborg Bachmann auf ihrer Terrasse in Rom, Bocca de Leone, um 1970
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
im Interview _ Doron Rabinovici, Schriftsteller _ Wien
Lieber Doron, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich weiß keinen besseren Zugang zu ihr, als sie zu lesen. Sie ist es, die uns Zugänge weist. Sie horcht die Sprache ab und fühlt ihren Gebrechen nach. Sie weckt sie zu neuem Bewusstsein. Mit Bachmann können wir die Wirklichkeit und uns anders sehen. Sie erzählt von Gewalt, von Macht, von Verlogenheit. Früh schrieb sie über jene Vergangenheit, die hierzulande ausgeblendet und verleugnet war.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Sie ist buchstäblich unbestechlich und bleibt uns im Wort. Es wäre aber unredlich, das Besondere an Bachmanns Schreiben in wenigen Sätzen abhandeln zu wollen, zumal ihr Werk auch einer eigenen Entwicklung unterworfen war.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ihren Roman „Malina“ und ihre Gedichte – etwa „Alle Tage“.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Sie hat nichts von ihrer Gültigkeit und Kraft verloren. Die Unterdrückung der Frauen wird nicht mehr durch Gesetze festgelegt. Neue Freiräume konnten erkämpft werden. Die Vormacht der Männer tritt nicht mehr so offen zutage, aber sie ist noch lange nicht überwunden. Allein die große Zahl der Gewaltverbrechen an Frauen genügt, um das zu verdeutlichen. Bachmann lehrt uns weiterhin, die Verhältnisse zu benennen.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Ich weiß nicht, ob Bachmann das je so aufgeschrieben hätte. Es ist kein literarisches Zitat. Solche Sätze werden in unserer Zeit schnell zu schrillen Parolen. Aber ist es falsch, zu bemerken, wie beherrscht und getrieben wir sind von dem, was uns täglich gefühlloser macht? Ist Coolness nicht die Tugend unserer Zeit? Sind es nicht wir Männer, die immer noch mehr Vorteile erzielen von dieser Empfindungskälte?
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Das Schreiben ist asozial und einsam. Insbesondere in einer Welt, in der es vielen vor allem um Profit und Gier geht. Keine Marktanalyse belegt den Bedarf nach neuen Texten. Aber das Schreiben ist ein Fortschreiben, ein Verlangen und eine innere Notwendigkeit.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Ihre Liebesgedichte und ihre Reden über das Schreiben.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte hoffentlich einfach zugehört.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich sitze an einem Roman zu meiner Familiengeschichte.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Mit einer neuen Sprache wird der Wirklichkeit immer dort begegnet, wo ein moralischer, erkenntnishafter Ruck geschieht, und nicht, wo man versucht, die Sprache an sich neu zu machen, als könnte die Sprache selber die Erkenntnis eintreiben und die Erfahrung kundtun, die man nie gehabt hat.“
Monika Helfer,Schriftstellerin _ hat zahlreiche Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht. Für ihre Arbeiten wurde sie unter anderem mit dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur, dem Solothurner Literaturpreis und dem Johann-Peter-Hebel-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen bei Hanser ihre Romane »Vati« (2021), mit dem sie für den Deutschen Buchpreis nominiert war, »Löwenherz« (2022) und »Die Jungfrau« (2023), »Wie die Welt weiterging« (2024) sowie »Der Bücherfreund« (2025). Monika Helfer-Köhlmeier | Hanser 3.8.2026
Monika Helfer (rechts) _ bei derVerleihung des österreichischen Buchpreises 2025 in den Wiener Praterateliers _ Monika Helfer war Nominierte
Erinnerung an Monika Helfer, Schriftstellerin (*18.10.1947 Vorarlberg +2.8.2026)
Im Interview _ Reinhold Bilgeri _ Singer-Songwriter, Drehbuchautor, Filmemacher und Schriftsteller _ Vorarlberg
Lieber Reinhold Bilgeri, welche Erinnerungen gibt es für Dich an Monika Helfer?
Monika kenne ich seit den frühen Siebzigern, als ihre Liebe und ihr Leben mit Micki (Köhlmeier) begann, ich hatte also ein halbes Jahrhundert lang die Ehre und das Vergnügen in ihr Universum hineinzuschauen. Sie war eigentlich schüchtern aber wenn sie mal richtig loslegte, traf sie mit ihren Ansagen immer ins Schwarze, eine kluge, liebevolle Beobachterin, die schon früh spürte, dass das Schreiben ihr Lebenselixier werden würde.
Was macht für Dich das Besondere ihres Schreibens aus?
Monika war als Autorin eine Aufdeckerin, die die vermeintlich unscheinbaren Menschen aus einem kleinen Leben ans Licht rücken konnte, um ihnen angemessene Würde zu verleihen und das mit einer präzisen, klaren Sprache, deren Poesie ohne Überschwang auskam.
Möchtest Du bestimmte Bücher hervorheben und warum?
Hervorzuheben ist natürlich die großartige autofiktionale Roman Trilogie über Ihr Leben – „ Die Bagage“ ,“Vati“ und „ Löwenherz“ . Allerdings hätte auch ihr Frühwerk, wie etwa „Oskar und Lilli“ schon größte Beachtung verdient. Ihr später Ruhm, nach all den Schicksalsschlägen (ihre Tochter Paula kam bei einem Unfall ums Leben), hat endlich ihr Lebenswerk gekrönt.
Welchen Bezug hatte Monika Helfer zur Musik?
Sie liebte, so wie ihr Mann Michael, neben den Blue-s und Rockgiganten natürlich auch Bob Dylan, dessen lyrische Kunst zurecht den Nobelpreis für Literatur einheimste aber genauso gut konnte sie in klassischer Musik versinken.
Darf ich abschließend um ein Zitat/eine Textstelle aus Monika Helfers Werk bitten? Aus „Die Bagage“ :
„Das Mädchen, drei Jahre alt, steht vor dem Bett, mitten in der Nacht, es ist Margarete, die Grete, sie zittert. Mama, flüstert sie. Die Mama flüstert. Komm. Die Kleine kriecht zu ihr unter die Decke. Der Vater soll es nicht wissen. Das Mädchen legt sich nicht zwischen die Eltern. Es legt sich an den Rand des Bettes. Es muss festgehalten werden, damit es nicht herausfällt.“
Herzlichen Dank für das Interview!
Liebe Grüße, Reinhold Bilgeri
Reinhold Bilgeri _ Singer-Songwriter, Drehbuchautor, Filmemacher und Schriftsteller
Zur Person: Reinhold Bilgeri,Mag., geboren in Hohenems/Vorarlberg, ist Singer-Songwriter, Drehbuchautor, Filmemacher und Schriftsteller. Als Pop-/Rocksänger verkaufte er international über 3 Millionen Tonträger und veröffentlichte 2005 mit »Der Atem des Himmels« seinen ersten Roman, der zum Bestseller avancierte. Amalthea – Reinhold Bilgeri (4.8.26)
Ingeborg Bachmann ist 1946 in Wien angekommen und lebte hier bis 1953. In dieser Lebensphase kommt es unmittelbar nach Ende des II.Weltkrieges zu literarischen Reflexionen und Prozessen der Auseinandersetzung und Thematisierung von Geschichte, Gesellschaft und der Ursachen von Krieg, Gewalt. Viele Gedichte wie der große Roman Malina nehmen darauf unmittelbar Bezug.
Alle Tage
Der Krieg wird nicht mehr erklärt, sondern fortgesetzt. Das Unerhörte ist alltäglich geworden. Der Held bleibt den Kämpfen fern. Der Schwache ist in die Feuerzonen gerückt. Die Uniform des Tages ist die Geduld, die Auszeichnung der armselige Stern der Hoffnung über dem Herzen…
aus „Die gestundete Zeit“, Ingeborg Bachmann, Piper 1953.
Lieber Thorsten, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Recherchieren. Etliche Stunden am Tag. Ich bin immer viel am Recherchieren.
Derzeit finde ich wieder stärker zurück ins Schreiben und ins Geschichtenerzählen. Die vergangenen Jahre mit ihren Unsicherheiten und Einschränkungen haben Spuren hinterlassen, aber auch meinen Blick geschärft: auf das Wesentliche, auf Wertschätzung und auf die Bedeutung von Geschichten.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Wertschätzung. Für all das, was wir haben. Das, was wir vielleicht unachtsamerweise verloren haben. Für das, was wir wieder (zurück)gewinnen können. Müssen.
Und vor allem Wertschätzung derer, die uns umgeben. Denen, die uns nahestehen, von denen wir kommen, zu denen wir gehen. Unseren Nachbarn, unseren Nächsten gegenüber. Wertschätzung besonders auch für unsere Unterschiede, denn diese ergänzen uns.
Allein sind wir kein Ganzes. Wir sind immer Teil von etwas. Wir sollten doch diese anderen Teile schätzen. Wertschätzen. Sie sind wertvoll.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Zusammenzukommen. Zueinander zu finden. Einander wiederzufinden. Dass wir uns nicht immer weiter und weiter in kleine Fragmente teilen lassen. Das macht uns verletzlich. Angreifbar. Verwirrbar.
Kunst kann uns auf vielen Ebenen zusammenführen. Aber nicht eine einzige Kunst. Nicht die „wahre“ Kunst wie oftmals angepriesen. Nicht Kunst als Besitz einiger weniger Wissenden, Auserwählten; sich so Selbstdarstellenden. Kunst in ihrer Vielfalt. Mannigfaltigkeit. Offenheit.
Und Literatur ist nicht nur das Buch. Ich persönlich zähle dazu auch, ja, Videospiele. Klingt ungewöhnlich? Kindisch? Nicht im Kontext von „The Well-Read Game: On Playing Thoughtfully “, MIT Press, Tracy Fullerton und Matthew Farber. Viel könnte ich zu dem Thema sagen, aber ich belasse es bei diesem einen.
Was liest Du derzeit?
Ich lese derzeit weniger ein einzelnes Buch von Anfang bis Ende, sondern bewege mich zwischen mehreren Themenfeldern. Vieles davon findet online statt: Recherche, Essays, Fachtexte, Spuren, Querverbindungen.
Ein Schwerpunkt ist im Moment die Phänomenologie. Ich habe begonnen, Heidegger zu lesen, beschäftige mich aber auch allgemeiner mit Fragen der Wahrnehmung, des Da-Seins und des In-der-Welt-Seins. Parallel dazu lese ich wieder klassische Detektivliteratur: „The Adventures of Sherlock Holmes“ und zunehmend auch klassische Kriminal- und Hardboiled-Literatur, als Recherche und Inspiration für meine eigene erzählerische Arbeit.
Und seit einigen Tagen habe ich den starken Impuls, „Die unendliche Geschichte“ noch einmal zu lesen. Manchmal meldet sich ein Buch wieder, bevor man genau weiß, warum.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn wie ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.“, Bergpredigt Jesu, Matthäus 7,1.
Ein Grundsatz, nach dem ich nach bestem Wissen und Gewissen täglich zu leben versuche. Es gelingt mir nicht immer.
Vielen Dank für das Interview, lieber Thorsten,viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Thorsten Becker, Schriftsteller
5 Fragen an Künstler*innen:Thorsten Becker, Schriftsteller _ Hannover
Zur Person/über mich:Thorsten Becker, geboren 1972 in Hannover, ist Journalist, Essayist und Analyst. Er schrieb Ende der 90er bis in die frühen 2000er Jahre über Videospiele, Multimedia und Technologie für deutsche Magazine, Zeitungen, Teletext und eigene Online-Formate. Viele Jahre lang arbeitete er außerdem im Bereich Systeme, Daten und Business Intelligence, wo er Komplexität in Struktur übersetzte und informationsreiche Zusammenhänge verständlich machte.
Heute bringt er journalistische Recherche, analytisches Denken, Fotografie, Poesie und erzählerische Formen zusammen. Sein Interesse gilt Dingen, Orten und Umgebungen, die wie Hinweise, Relikte, Zeugen oder Fragmente wirken – und allem, was Geschichten in sich trägt.
Unter dem Leitgedanken „Dinge erzählen Geschichten“ („Things Tell Tales“) entstehen Essays, poetische Miniaturen, fotografische Beobachtungen und erzählerische Spurensuchen. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf interaktiven und nicht-linearen Formen des Erzählens. (18.6.26)
Monika Helfer, hat zahlreiche Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht. Für ihre Arbeiten wurde sie unter anderem mit dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur, dem Solothurner Literaturpreis und dem Johann-Peter-Hebel-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen bei Hanser ihre Romane »Vati« (2021), mit dem sie für den Deutschen Buchpreis nominiert war, »Löwenherz« (2022) und »Die Jungfrau« (2023), »Wie die Welt weiterging« (2024) sowie »Der Bücherfreund« (2025). Monika Helfer-Köhlmeier | Hanser 3.8.2026
Monika Helfer und ihr Mann Michael Köhlmeier, Schriftsteller _ Verleihung des österreichischen Buchpreis 2025 _ Monika Helfer war Nominierte
Im Interview _Petra Ganglbauer, Schriftstellerin _ Wien
Liebe Petra, welche Erinnerungen gibt es für Dich an Monika Helfer?
Monika Helfer war eine ganz besondere Persönlichkeit, die es verstand, das Unprätentiöse kostbar zu machen und in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken. Sie hatte eine starke Ausstrahlung und war gewissermaßen eine Autorität per se. Beides speiste sich aus einer ganz natürlichen Zentriertheit, die ihr zu eigen war.
Was macht für Dich das Besondere ihres Schreibens aus?
Monika Helfer widmete sich mit Verve und Humor den kleinsten, einfachsten Dingen des Lebens, dem Alltag – das ist eine Kunst, zumal sie diese Dinge auf ihre ganz eigene Art zu poetisieren imstande war.
Möchtest Du bestimmte Bücher hervorheben und warum?
Ich möchte eigentlich kein einzelnes Werk hervorheben; ihre Arbeit ist nachhaltig. Und damit meine ich ihre gesamte Arbeit.
Wie hast Du Monika Helfer als Lesende bzw. als Kollegin erlebt?
Als eine solidarische, aufmerksame Persönlichkeit, mit subtilem Humor und einer souveränen Selbstironie.
Darf ich abschließend um ein Zitat/eine Textstelle aus Monika Helfers Werk bitten?
„(…)unser Vater, der so grau aussah, eben wie ein Beamter, der er ja auch war, obendrein ein Finanzbeamter, unser Vater sei ein bunter Mann in Wahrheit.“ (Monika Helfer: Vati, Hanser, 2021)
Herzlichen Dank für das Interview!
Petra Ganglbauer, Schriftstellerin, Künstlerin
Zur Person: Petra Ganglbauer, Schriftstellerin, Künstlerin _ Wien _ Petra Ganglbauer
Monika Helfer, hat zahlreiche Romane, Erzählungen und Kinderbücher veröffentlicht. Für ihre Arbeiten wurde sie unter anderem mit dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur, dem Solothurner Literaturpreis und dem Johann-Peter-Hebel-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen bei Hanser ihre Romane »Vati« (2021), mit dem sie für den Deutschen Buchpreis nominiert war, »Löwenherz« (2022) und »Die Jungfrau« (2023), »Wie die Welt weiterging« (2024) sowie »Der Bücherfreund« (2025). Monika Helfer-Köhlmeier | Hanser 3.8.2026
Monika Helfer und ihr Mann Michael Köhlmeier, Schriftsteller _ Verleihung des österreichischen Buchpreis 2025 _ Monika Helfer war Nominierte
Erinnerung an Monika Helfer _ Thomas Kunst, Schriftsteller
Lieber Thomas, welche Erinnerungen gibt es für Dich an Monika Helfer?
Der Besuch bei Monika und Michael in Hohenems im April 2024 gehört für mich zu den glücklichsten Eindrücken meines Lebens. Die Bergwanderung. Die Pasta mit geraspeltem Trüffel von Michael zubereitet, sagenhaft…Gespräche. Getränke. Schnäpse, die an den Geruch von Regen auf einer staubigen Landstraße erinnerten. Monikas Urwald im Wohnzimmer, in dem ich schlafen durfte. Die Katze Fraule. Der Garten. Mit Monika und Michael im Garten. Im Garten.
Was macht für Dich das Besondere ihres Schreibens aus?
Ich schimpfe nahezu täglich über den Siegeszug der autofiktionalen Literatur. Nicht jeder hat eine Biographie, die dazu taugt, in Romanen nacherzählt zu werden. Monika brauchte sich um solche Anmaßungen nie zu kümmern. Sie hatte diese verdammte Biographie, die dazu taugte. Sie konnte so feinsinnig und tragisch und melancholisch erzählen, dass ich um ihre literarische und freundschaftliche Hand anhielt.
Möchtest Du bestimmte Bücher hervorheben und warum?
Löwenherz. Löwenherz. Löwenherz. Bruder-Schwester-Geschichte. Überragend. Einer der wichtigsten Romane der letzten 20 Jahre für mich. Basta.
Wie hast Du Monika Helfer als Lesende bzw. als Kollegin erlebt?
Sie war für mich die nahezu feinste Erscheinung im Literaturzirkus. Ihre Eleganz. Ihre pure Schönheit. Ihr überlebensgroßes Herz. Ihre Stimme. Ihre Augen. Ich wollte, dass sie 2021 den Deutschen Buchpreis gewinnt. Bin so glücklich, dass uns das Glücksspiel Literatur auf der Shortlist zusammengeführt hat. Sie schenkte mir damals eine Anstecknadel mit einem blauen Glitzerköpfchen. Ich verlor sie. Das war ein Weltuntergang. Meine Liebe ihr gegenüber gibt es zur Sicherheit gleich mehrere Male.
Darf ich abschließend um ein Zitat/eine Textstelle aus Monika Helfers Werk bitten?